Ein genauer Blick auf die innere Struktur des Argumentationsganges der Monadologie und auf die innere Vielfalt an behandelten Themen offenbart, wie Köchy gezeigt hat, 4 eine perspektivische Architektonik, durch die die Argumentation von unterschiedlichen Blickwinkeln aus zu einer Synthese ihrer Hypothesen geführt wird. Mit der Beschäftigung mit dem Metaphysischen bezweckt Leibniz primär die Aufbietung einer ganzheitlichen Antwort auf zentrale Fragen der Metaphysik, obwohl sie sich bei ihm vorrangig auf die Ontologie reduzieren lassen: Was ist? Was sind die grundlegenden Komponenten der Welt? 5 Die Beantwortung dieser Fragen als Hauptanliegen erkannt, kann dann außerdem nachgewiesen werden, dass Leibniz sich zu Gunsten seiner zentralen Fragestellung genau sieben Themenkomplexen zuwendet, die jeweils als spezifische Perspektiven und als Widerspiegelungen des gemeinsamen, übergeordneten Grundproblems der Monadologie hervortreten. 6 Gemäß dieses Interpretationsmodells der perspektivischen Architektonik lassen sich folgende Perspektiven in Leibniz‘ Argumentationsstruktur unterscheiden: (1.) Eine ontologische Perspektive (§§ 1 - 13), (2.) eine epistemologische Perspektive (§§ 14 - 28), (3.) eine logische Perspektive (§§ 29 - 37), (5.) eine kosmologische Perspektive (§§ 49 - 62), (6.) eine organologische Perspektive (§§ 63 - 81) und (7.) eine anthropologischen Perspektive (§§ 82 - 90). 7 Die noch zu ergänzende (4.) theologische Perspektive (§§ 38 - 48), bestimmt Köchy als den Kulminationspunkt der Gesamtargumentation, durch den eine inhaltliche Verbindung zwischen den ersten drei und den letzten drei Perspektiven hergestellt wird. Diese thematische Gliederung der Monadologie wird hier als ein gewisser Leitfaden zu einer systematischen Analyse dienen. Denn die Analyse soll die für den darauf folgenden Vergleich mit dem Discours relevanten Ergebnisse erbringen und die Voraussetzung schaffen, sie als ein Werkzeug in der Kontrastierung nutzen zu können.
Die Feststellung, dass die angesprochenen Themenkomplexe der Monadologie inhaltlich in Relation zueinander stehen und gewissermaßen miteinander verwoben sind, weist gleichsam auf die Schwierigkeit hin, den Text auf bestimmte Paragraphen zu reduzieren. Es erscheint daher sinnvoll solche Themen, die nur indirekt zur Substanztheorie als solche gezählt werden können, subsumtiv zu berücksichtigen.
4 Kristian Köchy: Perspektivische Architektonik der Monadologie. Zum Verhältnis von Inhalt und Form der Philosophie bei Leibniz, in: Studia Leibnitiana 36 (2), Stuttgart: Franz Steiner 2004, S. 232 - 253. Online ist Köchys Beitrag unter der URL: http://www.uni-kassel.de/~koechy/Leibniz.pdf (Stand 28.09.2008) erhältlich.
5 Vgl. zu diesen: Brandon C. Look: Gottfried Wilhelm Leibniz, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy. Stand: 02.12.2007. URL: http://plato.stanford.edu/entries/leibniz/
6 Vgl. Köchy 2004, S. 240ff.
7 Ebd.
2
3. Die perspektivische Architektonik der Monadologie
Leibniz war, wie aus dem Système nouveau zu erfahren ist, lange selbst der Überzeugung gewesen, die Natur sei lediglich mechanisch zu erklären. 8 „[N]ach vielem Nachdenken“, so heißt es dort, habe er jedoch eingesehen, „daß es nicht möglich [sei], die Prinzipien einer wahrhaften Einheit in der bloßen Materie oder in dem Passiven zu finden, weil hier alles nur eine Ansammlung oder Anhäufung von Teilen bis ins Unendliche“ sei. 9 Mit dieser Haltung wagt Leibniz sich weiter als der kartesische Substanzdualismus, der Ausdehnung zur Essenz der körperlichen Substanzen erklärt. Denn nach Leibniz vernachlässigt diese Annahme die Tatsache, dass Materie unendlich teilbar ist. Leibniz nimmt stattdessen eine Zwei-Ebenen-Natur an: Einerseits eine metaphysische Mikro-Ebene der Monaden, die fundamental und konstitutiv für die Welt ist; andererseits eine physische Makro-Ebene mit zu Aggregaten zusammengesetzter und unendlich teilbarer Materie. 10
a. Die ontologische Perspektive (§§ 1 - 13)
Der erste Argumentationsschritt der ontologischen Annäherung (§§ 1 - 13) an die beiden oben beschriebenen Leitfragen bildet das Fundament für die Rekonstruktion der Substanzontologie in der Monadologie. Seine Struktur lässt sich als ein fließendes Fortschreiten von einem definitorischen Teil (§§ 1 - 3) zu einem Teil über den Modus Operandi der Monaden beschreiben, also über ihre Art und Weise des Tätigwerdens, ihre Dynamik und Veränderung (§§ 4 - 13).
Im definitorischen Teil, werden die Monaden insofern als konstitutiv für die Welt beschrieben, als dass sie „ohne Teile“ 11 sind und in das Zusammengesetzte der Welt auf der Makro-Ebene „eingehen“ (§ 1). Durch diesen Akt beseelen sie gewissermaßen jedes einzelne (der unendlichen) Teile, das sich in das Zusammengesetzte fügt, denn darum nennt Leibniz sie die „wahrhaften Atome der Natur und (…) die Elemente der Dinge“ (§ 3). Sie können folglich als das Kraftwerk alles Ausgedehnten aufgefasst werden, als Garant des Lebens. Denn wegen der unendlich teilbaren Materie erscheint es Leibniz notwendig, dass es etwas geben muss (§ 2), das immateriell ist und darum keine Teile außer sich selbst hat und eben „einfach“ ist (§ 1).
8 Vgl. Système nouveau Abs. 2.
9 Ebd.
10 Vgl. Rescher 1991, S. 51.
11 Im Système nouveau nennt Leibniz sie auch „methaphysische Punkte“, siehe Système nouveau, Abs. 11.
3
Aus der elementaren Festsetzung des Monadenbegriffs folgt, dass die Monaden weder auf natürliche Weise anfangen (§ 5) noch enden (§ 4) können. Denn dies kann nur von dem Zusammengesetzten ausgesagt werden, das „durch Teile anfängt oder endet“ (§ 6) und materiell ist. Monadische Existenz bedingt infolgedessen einen Schöpfungsakt (ex nihilo) und kann nur durch einen entsprechenden Vernichtungsakt aufgehoben werden (ebd.), weshalb sie prinzipiell ewig sind. Entstehen und Vergehen, wie wir in der Geburt respektive im Tod wahrzunehmen glauben, lassen sich in der Folge als eine illusorische menschliche Sichtweise und Vorstellung davon abtun, was in Wahrheit eine Veränderung der Monaden selbst beschreibt. Denn Monaden sind da oder nicht da; sie werden nicht gebildet. Aus diesem Zusammenhang heraus erklärt sich auch die These, „daß die Monaden nur auf einen Schlag[, d.i. ohne zeitlichen Bezug,] anfangen und enden können“ (ebd.), denn ihre Existenz hängt nicht von der Zeit (und ebenso wenig vom Raum) ab, sondern vielmehr von der gänzlich zeitlosen Schöpfung. 12
In den folgenden Paragraphen 7 - 13, gibt Leibniz nähere Auskunft über Veränderungen in den Monaden, wonach sich ihr Wesen durch Autarkie und (absolute) Individualität Kennzeichnen lässt. Die Argumentation lässt sich im Einzelnen wie folgt darstellen:
1. Monaden sind autark und können nicht (kausal) von außerhalb beeinflusst werden, weil sie ohne Teile sind, weswegen sie „keine Fenster [haben], durch die etwas in sie hineintreten oder sie verlassen könnte“. Veränderungen sind Veränderungen der Qualitäten einer Monade (§ 7). 2. Sie sind quantitativ einfach, aber qualitativ komplex, so dass jede Monade sich von jeder anderen aufgrund ihrer intrinsischen Qualitäten unterscheidet (§§ 8 - 9). 3. Jede Monade unterliegt kontinuierlichen Veränderungen die aus einem inneren Prinzip herrühren und sich in den intrinsischen Qualitäten der Monade äußern. Diese binnenstrukturelle Komplexität (Vielheit) in der einfachen Substanz gibt den Grund an, weshalb jede Monade sowohl von anderen Monaden unterschieden werden kann (differentia specifica) als auch jeder Zustand in ihr von jedem anderen. 13 (§§ 10 - 13).
Diese komplexen inneren Qualitäten nennt Leibniz Perzeptionen (§ 14) und das innere Prinzip der Veränderung, das „den Übergang einer Perzeption zu einer anderen vollzieht“, bezeichnet er als Appetition (§ 15), d.i. das innere Streben zu neuen Perzeptionen zu gelangen.
12 Hierzu später, innerhalb der Betrachtung der theologischen Perspektive mehr.
13 Vgl. Rescher 1991, S. 72.
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b. Die epistemologische Perspektive (§§ 14 - 28)
Mit der näheren Charakterisierung der Perzeptionen der Monaden (§§ 14 - 28) nimmt Leibniz nach dem von Köchy vorgeschlagenem Interpretationsmodell der perspektivischen Architektonik eine epistemologische Perspektive ein. Dieses Subthema der Gesamtargumentation erörtert inwiefern sich das Zusammengesetzte in der Monade präsentiert. 14
Durch die Einnahme dieser perspektive ist es Leibniz möglich eine Art hierarchische Ordnung der einfachen Substanzen anzugeben, da für ihn der Grad der Deutlichkeit einer Perzeption in der Monade wesentlich für ihren Grad an Erkenntnisfähigkeit ist (§§ 24 - 25), wodurch sich diese Ordnung plausibilisiert.
Demnach lassen sich folgende Abstufungen und Merkmale bei Monaden in einem invertierten Pyramidenmodell darstellen: 15
Erkenntnisfähigkeit und somit der Grad an Vollkommenheit anwächst - so dass die Geister,
14 Vgl. Köchy 2004, S. 243f.
15 Für die im invertierten Pyramidenmodell angegebenen Charakteristika vgl. die Paragraphen 14, 19 - 21, 23 -30; vgl. auch die Kommentare auf folgenden Seiten bei Rescher 1991: S. 78, 92f, 101ff, 105, 108, 110 und 113. Die Paragraphen 29 und 30, die in Köchys Modell erst zur nächsten (logischen) Perspektive der Argumentation zu zählen sind, wurden hier zwecks einer lückenlosen Darstellung mitberücksichtigt.
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Arbeit zitieren:
Tim Christophersen, 2008, G.W. Leibniz' Monadologie, München, GRIN Verlag GmbH
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