Diese Arbeit wurde im M¨ arz 2009 im Seminar
Klassiker und aktuelle Perspektiven der Medizin- und Gesunheitssoziologie
Abk¨ urzungsverzeichnis
BIP = Bruttoinlandsprodukt DMP = Disease Management Programm DRG = Diagnosis Related Groups DZVh ¨ = Deutscher Zentralverein hom¨ oopathischer ¨ A Arzte EBM = Evidence-Based-Medicine
Morbi-RSA = Morbidit¨ atsorientierter Risikostrukturausgleich GKV = Gesetzliche Krankenversicherung
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
2 Klassische Hom oopathie 7
3 Arzt-Patient-Beziehung in der schulmedizinischen Praxis 11
3.1 Asymmetrische Beziehung 13
3.2 Wandel in der schulmedizinischen Arzt-Patient-Beziehung 14
4 Die Arzt-Patient-Beziehung in der klassischen Hom oopathie 18
4.1 Die hom oopathische Anamnese 21
4.2 Wirkungen der hom oopathischen Arzt-Patient-Beziehung 24
5 Schluss 29
Literaturverzeichnis 31
3
1 Einleitung
Nach dem jahrzehntelangen peripheren Schattendasein neben der etablierten Schulmedizin, ist die klassische Hom¨ oopathie herausgetreten und hat einige Popularit¨ at gewonnen. Seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist eine verst¨ arkte Nachfrage nach komplement¨ armedizinischen Verfahren zu beobachten (vgl. Schmacke 2005: S. 171). Dabei spielt die Hom¨ oopathie eine besondere Rolle. Sie geh¨ ort zu den am h¨ aufigsten verwendeten Heilverfahren neben der Schulmedizin. Rund 75% der niedergelassenen ¨ Arzte in Deutschland verschreiben zumindest gelegentlich
hom¨ oopathische Mittel (vgl. Langbein et al. 2004: S. 1019). Mit dem gegen¨ uber der Schulmedizin konkurrierenden Popularit¨ atsgewinn als eine der bedeutsamsten komplement¨ armedizinischen Verfahren sind zugleich sowohl einzelne Heilverfahren, als auch die fachliche Kompetenz und Reputation der klassischen Hom¨ oopathie mehr oder weniger heftig umstritten worden. Die Gr¨ unde f¨ ur die Ablehnung liegen vor allem in der Anwendung hochverd¨ unnter Mittel, die rein rechnerisch gesehen nur noch aus destilliertem Wasser, Ethylalkohol und, je nach Darreichungsform, noch aus Milchzucker bestehen und sich chemisch gesehen nicht von einem Placebo unterscheiden 1 (vgl. Langbein et al. 2004: S. 1028). Trotz dieser Tatsache haben bei einer Umfrage von TNS Healthcare GmbH (ehemals EMNID) 70% der Befragten (n=1.004) angegeben, eine sp¨ urbare Linderung durch hom¨ oopathische Mittel bemerkt zu haben, w¨ ahrend eines grippalen Infektes (vgl. DZVh ¨ A 2008: S. 11). Als Gr¨ unde f¨ ur die Wirksamkeit werden aus schulmedizinischer Sicht jedoch nicht irgendwelche, bis jetzt noch nicht messbaren, chemischen oder physikalischen Prozesse gesehen, sondern die intensive Arzt-Patient-Beziehung in der klassischen Hom¨ oopathie (vgl. Langbein et al. 2004: S. 1028). Doch statt dass gerade diese, als intensive Arzt-Patient-Beziehung bezeichnete Interaktion zwischen Arzt und Patient in der klassischen Hom¨ oopathie, Gegenstand weiterer Untersuchungen ist und Differenzen zu der Schulmedizin analysiert werden, dreht sich die Diskussion im Wesentlichen um die Wirksamkeit der hochverd¨ unnten hom¨ oopathischen Mittel.
Große Wellen in dieser Debatte schlug die von Matthias Egger et al. (2005) im Lancet publizierte Meta-Analyse, die trotz einiger methodischer und wissenschaftlicher
1 Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universit¨ at Marburg verwirft die Hom¨ oopathie ”
als eine Irrlehre. [...] Nach dieser Logik m¨ ussten unsere Medizinstudenten auch in folgenden
Gegenst¨ anden unterrichtet und gepr¨ uft werden: Irisdiagnostik; Reinkarnationstherapie; astro-
logische Gesundheitsberatung (Bedeutung der Sternzeichen f¨ ur die Neigung zu bestimmten
Krankheiten)“ (Happle 1992).
M¨ angel mit dem Titel ” Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects?“das Ende der Hom¨ oopathie einl¨ auten sollte. Selbst in Diskussionen unter hom¨ oopathisch t¨ atigen ¨ Arzten und Heilpraktikern
dreht sich das meiste um den Wirkungsnachweis und um Erkl¨ arungsmodelle der Wirkung hom¨ oopathischer Mittel.
Scheinbar wird in der Diskussion die intensive Arzt-Patient-Beziehung als Vorwurf behandelt und mit dem Begriff des Placeboeffektes gleichgesetzt. ” Und Placebo wird
immer mit frommen Betrug verwechselt, mit der Traubenzuckerpille, die man einem n¨ orgelnden Patienten verabreicht, um ihn zu beruhigen. Dabei lebt [auch] die [etablierte] Medizin immer auch von den versteckten therapeutischen Effekten, die der eingesetzten Behandlung selber nicht direkt zuzuschreiben sind, und vor allem von dem Vertrauen des Patienten zum Behandler“ (Schmacke 2005: S. 103). Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist deshalb der Versuch, die Analyse der Arzt-Patient-Beziehung in der hom¨ oopathischen Praxis anhand des Theoriegeb¨ audes der klassischen Hom¨ oopathie durchzuf¨ uhren und die damit verbundenen Differenzen zur Schulmedizinischen auszuarbeiten. Anzumerken ist, dass diese Arbeit ihr Hauptaugenmerk ausschließlich auf die von Hahnemann formulierte klassische Hom¨ oopathie richtet. Zwar haben sich mittlerweile unterschiedliche Str¨ omungen in der Hom¨ oopathie entwickelt, jedoch sind diese in ihrer theoretischen Auslegung so unterschiedlich von der urspr¨ unglichen Methode, sodass die Ausarbeitung jeder dieser einzelnen Str¨ omungen den vorgegebenen Rahmen dieser Arbeit bei Weitem ¨ ubertreffen w¨ urde.
Durch die Setzung dieses Schwerpunktes werden die Fragen der Wirksamkeit von Hochpotenzen und der Miasmenlehre nicht n¨ aher erl¨ autert.
6
2 Klassische Hom¨ oopathie
Die Geburtsstunde der Hom¨ oopathie f¨ allt mit dem Namen Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755-1843) zusammen, der Ende des 18. Jahrhunderts die klassische Hom¨ oopathie entwickelte und sie bis zu seinem Tod im Jahre 1843 st¨ andig weiter entwickelte (vgl. Braun 2002: S. 14-28).
Das wohl wichtigste, von ihm verfasste Werk, ist das Organon der Heilkunst, was erstmals im Jahre 1810 erschienen ist. Die sechste Auflage verfasste Hahnemann zwar im Jahre 1842, jedoch ist diese erst nach seinem Tod im Jahre 1921 von Haehl publiziert worden. In 291 Paragraphen werden in diesem Werk Regeln, Prinzipien und Anwendungshinweise dieses Heilverfahrens beschrieben. Es z¨ ahlt bis heute zu den wichtigsten Grundlagenwerken der klassischen Hom¨ oopathie (vgl. Braun 2002: S. 21-28).
Das wichtigste Grundprinzip dieses Heilverfahrens basiert auf dem Grundsatz similia similibus currentur“ (Hahnemann 1999: S. 64), was bedeutet, dass ¨ Ahnliches
”
mit ¨ Ahnlichem geheilt wird und in anderen Worten: ” Ein Mittel, das beim gesunden
Menschen bestimmte Zeichen und Symptome hervorruft, heilt genau diese Zeichen und Symptome beim Kranken“ (Vithoulkas 1999: S. 30).
Damit soll der Wirkstoff der giftigen Tollkirsche (Belladonna), der bei unverd¨ unnter Einnahme hohes Fieber, geweitete Pupillen, pl¨ otzliche Atemnot usw. ausl¨ ost (vgl. Phatak 1999: S. 140 ff.), nach hom¨ oopathischer Zubereitung diese Symptome bei einem Kranken heilen. Dieses Prinzip ist f¨ ur das Heilverfahren so fundamental, dass es sich im Namen der Hom¨ oopathie wiederspiegelt, der aus dem Griechischen ¨ ubersetzt
soviel wie dem Leiden ¨ ahnlich bedeutet (vgl. Braun 2002: S. 21). Verwechselt werden darf der Begriff Hom¨ oopathie jedoch nicht mit der Aussage, dass Gleiches mit Gleichem geheilt wird. Ernst Habermann (Universit¨ at Gießen), Professor f¨ ur Pharmakologie, nahm j¨ ungst eine Dosis Chinin w¨ ahrend einer Vorlesung, um Hahnemanns Chinarindenversuch 2 nachzuahmen. Da sich bei ihm kein Fieber einstellte, machte er die Schlussfolgerung, dass das Grundlagengeb¨ aude der Hom¨ oopathie auf einem Irrtum beruht (vgl. Langbein et al. 2004: S. 1021 f.). Chinarinde ist ein altbekanntes Mittel gegen Malaria und zu den Symptomen hiervon z¨ ahlen unter anderem auch Fieber. Dabei hat dieser Professor nicht beachtet, dass Hahnemann selbst in dem Bericht ¨ uber seinen Selbstversuch schreibt, dass
2 Hahnemanns Selbstversuch mit Chinarinde (1790) wird oft als Geburtsstunde der Hom¨ oopathie bezeichnet. Zwar war ihm das ¨ Ahnlichkeitsprinzip bereits vorher bekannt, jedoch ist dieses und
kein anderes Erlebnis als so pr¨ agend zu sehen, dass ihn so entscheidend motiviert hatte, ein
eigenst¨ andiges Medizinsystem zu entwickeln (vgl. Braun 2002: S. 18).
8
sich zahlreiche charakteristische Symptome der Malaria eingestellt haben, jedoch ohne Fieber 3 . Außerdem ist anzumerken, dass Hahnemann ¨ uber mehrere Tage hinweg Chinarinde einnahm. Dieser kleine Unterschied zwischen dem Verst¨ andnis von Gleiches mit Gleichem und ¨ Ahnliches mit ¨ Ahnlichem ist aber f¨ ur die hom¨ oopathische Anamnese von großer Bedeutung. Die Aussage ” similia similibus currentur“
(Hahnemann 1999: S. 64) sagt aus, dass keines der sch¨ atzungsweise 3.000 verschiedenen hom¨ oopathischen Mittel die Symptomatik 100%ig deckt (vgl. Hahnemann 1999: S. 209). Daher wird in einer sehr zeitintensiven Erstanamnese versucht, dasjenige Mittel zu finden, welches die Symptomatik am ehesten deckt. Die verschiedenen verf¨ ugbaren hom¨ oopathischen Mittel werden nur einzeln verwendet, und erst, wenn sich das Krankheitsbild so ver¨ andert hat, dass es nicht mehr zu der Symptomatik des verwendeten Mittels passt, gewechselt (vgl. Vithoulkas 1993: S. 230 f.). Ein weiteres charakteristisches Merkmal der klassischen Hom¨ oopathie ist, dass die verwendeten Mittel meist hochverd¨ unnt sind. Dabei werden sie schrittweise verd¨ unnt und versch¨ uttet. Dieser Vorgang wird als Potenzierung bezeichnet. Eine Belladonna D3 Potenz 4 wird beispielsweise auf folgende Art und Weise hergestellt 5 :
3 Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimal t¨ aglich jedesmal vier Quentchen gute China ”
ein; die F¨ uße, die Fingerspitzen usw. wurden mir erst kalt, ich ward matt und schl¨ afrig, dann fing
mir das Herz an zu klopfen, mein Puls ward hart und geschwind, eine unleidliche ¨ Angstlichkeit,
ein Zittern (aber ohne Schaudern), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder, dann Klopfen im
Kopfe, R¨ ote der Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gew¨ ohnlichen Symptome
erschienen nacheinander, doch ohne eigentlichen Fieberschauer. Mit kurzem: auch die mir
bei Wechselfieber gew¨ ohnlichen besonders charakteristischen Symptome, die Stumpfheit der
Sinne, die Art von Steifigkeit in allen Gelenken, besonders aber die taube, widrige Empfindung,
welche in dem Periostium ¨ uber allen Knochen des ganzen K¨ orpers ihren Sitz zu haben scheint -
alle erschienen. Dieser Paraxysmus dauerte zwei bis drei Stunden jedesmal und erneuerte sich,
wenn ich diese Gabe wiederholte, sonst nicht“ (Fritsche 1982: S. 52).
4 Hahnemann selbst hat nie D Potenzen verwendet. Sie sind aber f¨ ur die schematische Darstellung anschaulicher, da mit kleineren Zahlen gearbeitet wird.
5 Die ersten drei Potenzen werden in der klassischen Hom¨ oopathie in der Regel durch Verreibung hergestellt (weshalb sie auch manchmal als C3 Hom¨ oopathie bezeichnet wird). Diese Ursubstanz
wird auf Milchzucker in einem bestimmten Verh¨ altnis aufgetragen und miteinander verrieben,
f¨ ur diese Herstellung bis zur 3. Potenz dauert der Prozess rund drei Stunden (vgl. Hahne-
mann 1999: S. 282-288 und vgl. Vithoulkas 1993: S. 169). Der Einfachheit halber wird hier
haupts¨ achlich erkl¨ art, wie es bei den h¨ oheren Potenzen hergestellt wird.
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Arbeit zitieren:
Arnold Tokalic, 2009, Arzt-Patient-Beziehung in der homöopathischen Praxis, München, GRIN Verlag GmbH
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