Die Verbindung von Rassismus und Nationalismus am Beispiel
des Nationalsozialismus
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Verbindung von Nationalismus und Rassismus. Dabei lagen folgende Ausgangsfragen zugrunde: Inwieweit sind Nationalismus und Rassismus voneinander unterschiedliche Phänomene? Oder sind sie unweigerlich miteinander verbunden? Kann man die Begriffe gar synonym verwenden?
Die jüngere sozialwissenschaftliche Rassismusforschung betont, dass es einen unweigerlichen Zusammenhang von Nationalismus und Rassismus gibt. Das Hauptargument ist, dass der Nationalismus Kriterien der Inklusion und Exklusion bedarf. Das heißt, in jedem Nationalismus muss zwischen Eigen- und Fremdgruppe differenziert werden. Der Rassismus bietet dem Nationalismus dafür scheinbar wissenschaftlich fundierte, „natürliche“ Kategorien an, mit deren Hilfe leicht und plausibel zwischen Eigen- und Fremdgruppe differenziert werden kann. 1 Trotz dieser funktionalen Parallelen sind Nationalismus und Rassismus nicht identisch. In der extremsten Form der Verknüpfung, wie im deutschen Nationalsozialismus geschehen, wurde jedoch die biologisch definierte „Rasse“ selbst zum einzigen Bestimmungsfaktor der Nation. 2
Doch wie konnte es dazu kommen, wurde doch der frühe deutsche Nationalismus als „liberal“ und „emanzipatorisch“ in enger Verbindung mit den Idealen der Französischen Revolution stehend, bezeichnet? Welche Einflüsse ließen den deutschen Nationalismus so „radikal“ werden und ihn in der Entartung durch den Nationalsozialismus enden?
Ein historischer Abriss über die Entstehung der beiden Phänomene Nationalismus und Rassismus sowie deren Definition, wie er im ersten Abschnitt der Arbeit erfolgt, soll zur Beantwortung dieser Fragen beitragen. Wo kamen die rassistischen Über-
1 Vgl.Jansen, Christian/ Borggräfe, Henning, Nation - Nationalität - Nationalismus, Frankfurt Main/ New York 2007, S.106.
2 Vgl. ebd. S. 107.
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zeugungen der Nationalsozialisten her und wie konnten sie eine so breite Massenwirkung entfalten? Unweigerlich mit dieser Frage ist auch die Frage nach den zugrunde liegenden Vorstellungen von einer deutschen Nation verbunden. Denn in Anlehnung an die neuere Nationalismusforschung sind Nationen im wesentlichen Konstrukte von Intellektuelleneliten, die von den sich entwickelten Massenkommunikationsmitteln in die jeweiligen Gesellschaften hineingetragen werden. Dabei definieren die Eliten die Zugehörigkeitskriterien und bestimmen gleichsam, wer nicht zur Nation gehört.
Das Verknüpfungspotential von Rassismus und Nationalismus kann nur über den historischen Zusammenhang erschlossen werden. Mit den Worten von Etienne Balibar gesprochen, ist „…die Verbindung von Nationalismus und Rassismus weder eine Frage der Pervertierung (…) noch eine Frage formaler Ähnlichkeit, sondern eine Frage der jeweiligen historischen Verknüpfung.“ 3
2. Was ist Rassismus?
2.1. Entstehungsgeschichte
Frühe Vorformen des Rassismus lassen sich bis in die Antike und das Mittelalter zurückverfolgen. Der Begriff „Rasse“ ist aus dem arabischen „raz“, was Kopf, Anführer oder auch Ursprung bedeutet, und dem lateinischen „radix“, was soviel wie Wurzel heißt, abgeleitet. Erstmals trat der Begriff vermehrt im 15. Jahrhundert auf, meist zur Beschreibung machtvoller Adelsfamilien oder in der Pferdezucht. „Rasse“ diente in diesen Fällen als Sammelbegriff für bestimmte Eigenschaften, die die Größe und Abkunft des jeweiligen Hauses oder Gestüts bestimmten. 4 Im selben Jahr-hundert, zur Zeit der spanischen Reconquista, wurde der Begriff zum ersten Mal mit Bezug auf die Juden verwendet. Hier wurde der Rasse-Begriff schon fast im modernen Sinn verwandt, indem er den Juden eine „Unreinheit des Blutes“ gegenüber der natürlichen Reinheit des katholischen Christentums unterstellte. Mit diesem Rassenbegriff wurden erstmals natürliche Kategorien der Zugehörigkeit erfunden, die dazu
3 Balibar, Etienne, Rassismus und Nationalismus, in: Ders./ Wallerstein, Immanuel, Rasse - Klasse -Nation. Ambivalente Identitäten, Berlin 1990, S. 49-83, hier: S. 64.
4 Vgl. Geulen, Christian, Geschichte des Rassismus, München 2007, S. 13f.
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dienen sollten die Homogenität der spanischen Gesellschaft durch die Zwangsbekehrung der Juden zum Christentum herzustellen. 5
Entscheidend für die Entwicklung hin zum modernen Rassismus oder zu dem, was man heute unter Rassismus versteht, waren jedoch erst die wissenschaftlichen Betrachtungen über die Ungleichheit der Menschen im 18. Jahrhundert. Der Kolonialismus und die Entdeckung der „neuen“ außereuropäischen Welt brachten Erkenntnisse über die dort lebenden Urvölker in Form von Reiseberichten und Beschreibungen nach Europa. 6 Europäische Gelehrte begannen sich mit den körperlichen und moralischen Eigenschaften dieser verschiedenen Völker zu beschäftigen und versuchten diese einzuordnen.
Im Zuge der Aufklärung, das heißt der Abwendung vom christlichen Glauben und der Hinwendung vor allem zu den Naturwissenschaften, strebte man danach die Menschheit anhand ihrer Stellung in der Natur und der Einwirkung der Umwelt zu klassifizieren. 7 Die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstandenen neuen Wissenschaften, wie die Anthropologie, die Phrenologie (Schädeldeutung) und die Physiognomik (Gesichtsdeutung) führten dazu zahlreiche Messungen und Vergleiche durch, die dann entsprechend gedeutet wurden. 8 Von den äußerlichen Merkmalen begann man auf die geistigen Fähigkeiten, Charaktereigenschaften und die jeweilige „Entwicklungsstufe“ der verschiedenen Menschen-„Rassen“ zu schließen. Dabei wurden nicht nur die Unterschiede zwischen den „Rassen“ festgestellt und sie beispielsweise in „weiße“, „schwarze“, „braune“, „rote“ und „gelbe“ „Rassen“ eingeteilt, sondern es wurden auch willkürliche Hierarchien der Höher- und Minderwertigkeit entworfen. Dabei wurden die weißen Europäer regelmäßig als die ästhetisch wie moralisch allen anderen überlegene „Rasse“ dargestellt. 9 Wichtig ist hier noch anzumerken, dass der „Rassen“-Begriff, wie er von den (Natur)- Wissenschaftlern der Aufklärung entworfen wurde, keine eindeutigen Kriterien transportierte, mit der man die „Rassen“ hätte einteilen können. Der „Rassen“-Begriff war eine „Leerformel“, die beliebig mit körperlichen, kulturellen, geographischen oder geschichtlichen Aspekten gefüllt werden konnte. 10 Das machte ihn so
5 Vgl. ebd. S. 32ff.
6 Vgl. ebd. S. 44ff.
7 Vgl. Mosse, Georg L., Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt am Main 1999, S. 28f.
8 ebd.
9 Geulen, Geschichte des Rassismus S. 56f.
10 ebd. S. 59.
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anfällig für alle möglichen Interpretationen, die er in seiner folgenden Geschichte noch erfahren sollte.
Eine „Lichtgestalt“ des noch jungen Rassismus trat mit Arthur Gobineau und seinem Werk „Essai sur l`inégalité des races humaines“ 1853 auf. Gobineau bündelte die bisher überlieferten Merkmale zur Einteilung der menschlichen Rassen. Bei ihm treten erstmals auch Elemente des modernen Antisemitismus auf. Unter den weißen „Rassen“ schrieb er den „Ariern“ die höchsten kulturellen Fähigkeiten zu. Dabei war er geradezu besessen von der Idee, dass sich die „Rassen“ rein halten müssten, denn ihre Vermischung würde im schlimmsten Fall zum Aussterben der Menschheit führen. Gobineaus Werk fand in Europa großen Anklang. Er stellte die „Rassenlehre“ erstmals auf eine breite, scheinbar wissenschaftlich gesicherte Grundlage. 11
Ein weiterer großer Schritt hin zum modernen Rassismus war die Evolutionstheorie, die Charles Darwin 1859 veröffentlichte. Den „Kampf ums Dasein“ zwischen den Arten und Rassen des Tierreichs, den Darwin postulierte, wurde von der frühen Soziologie unter Auguste Comte sogleich auf die Menschheit übertragen. 12 Die Übertragung der Darwinschen Prinzipien auf die Gesellschaft machte den „Sozialdarwinismus“ zu einer mächtigen geistig-politischen Strömung in Europa. Eine der wichtigsten Konsequenzen aus Darwins Theorie kombiniert mit den Lehren Gobineaus, war die Entstehung eines neuen Zweigs des Rassismus, der „Rassenhygiene“ oder auch Erbgesundheitslehre, der Eugenik. Die Eugenik hatte in einem Staat die Aufgabe, den „Volkskörper“ rein zu halten, dass heißt von „minderwertigen“ Elementen, wie körperlich oder geistig behinderten Menschen zu befreien. 13 Houston Stewart Chamberlain schrieb ein halbes Jahrhundert nach Gobineau die „Rassenlehre“ fort. Auch er sah im „Arier“ oder „Germanen“ das „Gute“, das sich im Kampf mit dem „Bösen“ befindet. Die „Germanen“ beschrieb er als die Schöpfer der Kultur und zur Weltherrschaft auserkoren. Diese würde ihnen aber von den Juden streitig gemacht, weswegen sie sich mit dieser „Rasse“ in einem Kampf auf Leben und Tod befänden. Chamberlains Theorie fand nicht nur in Deutschland großen Anklang, sondern auch in England. Der NS-Rassismus berief sich später immer wieder auf Chamberlains Werk. 14
11 Vgl. Geiss, Imanuel, Geschichte des Rassismus, Frankfurt am Main 1988, S. 168f.
12 Vgl. Geulen, Rassismus, S. 66ff.
13 Vgl. ebd.
14 Vgl. Geiss, Geschichte des Rassismus, S. 170ff.
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2.2. Definition
Der Begriff „Rassismus“ wurde in den 1930er und 40er Jahren formuliert und war ursprünglich Reaktion auf eine bestimmte Form des deutschen Nationalismus, der die Rassentheorie des 19. Jahrhunderts benutzte, um zwischen der arischen „Rasse“ und einer Vielzahl minderwertiger „Rassen“ zu unterscheiden. 15 Die „Rassen“-Theorie des 19. Jahrhunderts ging, wie im vorhergehenden Abschnitt beschrieben, davon aus, dass die Weltbevölkerung in eine Anzahl genau zu unterscheidender biologischer „Rassen“ eingeteilt ist. Jede „Rasse“ war nach dieser Theorie in eine Stufenleiter von Höher- und Minderwertigkeit eingeordnet und von Natur aus angeblichmit einer unterschiedlichen Kapazität an Kultur ausgestattet. 16 Einige Wissenschaftler, die die Unhaltbarkeit dieser Thesen aufgrund mangelhaften Beweismaterials entlarvten, bezeichneten die „Rassen“-Theorien des 19.Jahrhunderts als „Rassismus“. In Europa und Nordamerika entwickelte sich angesichts der sich ausweitenden Judenverfolgung in Nazi-Deutschland ein Bewusstsein für die Art und Weise, in der der „Rassen“-Diskurs genutzt wurde, um die Ausgrenzung und Vernichtung der Juden zu rechtfertigen. 17
Diese ursprüngliche Definition des Rassismus ist heute überholt, weil sie sich ausschließlich auf die „Rassen“-Theorien des 19.Jahrhunderts stützte. Sie wurde anhand eines spezifischen historischen Beispiels formuliert und kann nicht ohne weiteres auf neue Formen des Rassismus angewendet werden. 18
2.3. Rassismus als Ideologie
Um den Rassismus als Begriff von konkreten rassistischen Handlungen und Praktiken abzugrenzen, bezeichnet Robert Miles ihn als eine Ideologie. Für ihn geht Rassismus vor allem mit einer „Bedeutungskonstruktion“ einher. Das heißt um von Rassismus sprechen zu können müssen einer „Kollektivgruppe“ bestimmte Merkmale zugeschrieben werden, so dass ihr gegenüber anderen Gruppen angeblich ein naturgegebener, unwandelbarer Ursprung und Status zukommt. Durch diese ihr zugeschriebenen Merkmale kann die Kollektivgruppe gegenüber anderen Gruppen abge-
15 Vgl.Miles, Robert, Der Zusammenhang von Rassismus und Nationalismus, in: Leiprecht, Rudolf (Hrsg.), Unter Anderen. Rassismus und Jugendarbeit, Duisburg 1992, S. 20-43, hier: S. 21f.
16 Vgl. ebd.
17 Vgl. Miles, Robert, Rassismus. Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs, Berlin 1992, S. 59ff.
18 Vgl. ebd. S. 80.
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Annett Weckebrod, 2009, Rassismus und Nationalismus , München, GRIN Verlag GmbH
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