Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS 3
TABELLENHUNDABBILDUNGSVERZEICHNIS 4
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS 5
1 EINLEITUNG 6
2 DIEJAPANISCHESPRACHE 9
2.1 ENTWICKLUNGDERSPRACHEUNDSCHRIFT 10
2.1.1 DiechinesischeGrundlage 11
2.1.2 DiejapanischeAdaption 11
2.1.3 DerwestlicheEinfluss 13
2.2 DIEMODERNEJAPANISCHESPRACHE 16
3 NUMERALKLASSIFIKATOREN-EINESEMANTISCHEODERSYNTAKTISCHE
KATEGORIE ? 18
3.1 EINNUMERALKLASSIFIKATOR-WASISTDAS? 18
3.2 NUMERALKONSTRUKTIONENIMDEUTSCHEN 22
3.2.1 CharakteristikdeutscherNomen 22
3.2.2 SyntaktischeEigenschaftendeutscherNumeralkonstruktionen 24
3.2.3 SemantischeEigenschaftenundFunktionalitätdeutscher
Numeralkonstruktionen 36
3.3 NUMERALKONSTRUKTIONENDESJAPANISCHEN 40
3.3.1 CharakteristikjapanischerNumeralklassifikatoren 43
3.3.2 SyntaktischeEigenschaftenjapanischerNumeralkonstruktionen 50
3.3.3 FunktionalitätjapanischerNumeralkonstruktionen 59
3.4 VERGLEICHENDEDARSTELLUNGVONNUMERALKONSTRUKTIONEN 63
4 SCHLUSSBETRACHTUNG 69
LITERATUR 71
3
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
TAB.1:NUMERALEDESJAPANISCHEN __________________________________________12 TAB.2:HIRAGANAUNDKATAKANAMITDERENTSPRECHENDENROMANISIERTENLESUNGIM HEPBURNSYSTEM ____________________________________________________15 TAB.3:GEBRAUCHVONKLKOMITPOSTNUMERALENERGÄNZUNGEN-GOOGLERECHERCHE ______26 TAB.4:SYNTAKTISCHEEIGENSCHAFTENVONINDIVIDUALNOMINAUNDMASSENNOMINADESDEUTH SCHEN ____________________________________________________________29 TAB.5:VARIANZENIMGEBRAUCHVONKLASSIFIKATORKONSTRUKTIONEN-GOOGLERECHERCHE___31 TAB.6:VARIANZENIMGEBRAUCHVONQUANTIFIKATORKONSTRUKTIONEN-GOOGLERECHERCHE___32 TAB.7:QUANTIFIKATORENDESJAPANISCHEN _____________________________________43 TAB.8:KLASSIFIKATORENDESJAPANISCHEN ______________________________________46 TAB.9:SUPERORDINATEUNDSUBORDINATECLASSIFIERS______________________________47 TAB.10:EINFÜHRUNGDERNUMERALKLASSIFIKATORENIMKINDESALTER___________________60 TAB.11:RELATIVEHÄUFIGKEITENDERKOMBINATIONSMÖGLICHKEITENVON KLASSIFIKATORSYSTEMEN ______________________________________________61 TAB.12:VERBINDUNGVONNUMERALUNDKLASSIFIKATOR(INDIGEN,SINOHJAPANISCHUNDINDIGENH SINOHJAPANISCH) ____________________________________________________62 TAB.13:OPTIMALITÄTSTHEORETISCHEANALYSEVONJAPANISCHENNKO___________________68
ABB.1:KLASSIFIKATORSPRACHEN _____________________________________________19 ABB.2:SEMANTISCHEUNDSYNTAKTISCHEMERKMALEDERNOMINADESDEUTSCHEN___________39 ABB.3:STRUKTURIERUNGJAPANISCHERKLASSIFIKATORENNACHDEMMERKMALDERBELEBTHEIT ___49
4
Abkürzungsverzeichnis
=Akkusativ Akk. Gen. =Genitiv Dat. =Dativ INHKo =Individualnomenkonstruktionen KL =Klassifikator KlKo =Klassifikatorkonstruktion MNHKo =Massennomenkonstruktionen NKL =Numeralklassifikator NKO =Numeralkonstruktion Nom. =Nominativ Nom =Nomen Num =Numeral Obj. =Objekt PA =Partikel Pl. =Plural Qf =Quantifikator QfKo =Quantifikatorkonstruktion Sgl. =Singular Sbj. =Subjekt
5
„Von Atomen zu Milchstraßen“, so erläutert DIETER E. ZIMMER (1986: 128) den Begriff der semantischen Kategorie, „[besteht] die Welt [..] aus lauter einzelnen, vonei-nander verschiedenen Dingen. Der Geist aber faßt [sic] sie zu Klassen zusammen: zu der Klasse aller Atome, aller Milchstraßen, aller Leselampen. Eine solche vom wahrnehmenden Geist gebildete Klasse heißt Kategorie. Die Fähigkeit zum Kategorisieren ist eine der ganz elementaren Künste des Geistes. Ohne sie gäbe es keinerlei Denken.“ Die von ZIMMER so trefflich beschriebene Kategorisierungsfähigkeit des Menschen findet sich in den unterschiedlichsten Bereichen unseres Lebens wieder: So zerlegen wir mental unsere Umgebung in Kategorien wie Zuhause, Arbeitsplatz oder Erholungsgebiet; wir teilen die Menschen, mit denen wir in Kontakt treten, in Gruppen von Freunden, Bekannten oder Familie und haben selbst Konzepte von Dingen wie Tassen, Büchern, Häusern und vielen mehr. Diese Kategorisierung lässt sich auf jedes konkrete Objekt, sei es belebt oder unbelebt, anwenden. Auch in Bezug auf abstrakte Begriffe wie Gefühle, Sprachen und Zahlen können wir mentale Gliederungen vornehmen. Die Kategorisierung der Welt ist laut E. Zimmer eine Voraussetzung für das Denken. Diese These sei dahingestellt - in jedem Fall aber beeinflussen die Kategorien, die wir erstellen, unser Denken.
In dieser Arbeit soll es nun um die Quantifizierung von Nomen gehen, welche in vergleichender Weise - durch eine Darstellung von Zählkonstruktionen des Deutschen auf der einen Seite und der des Japanischen auf der anderen - erfolgen soll. Die Zählwörter, die wir zu Rate ziehen, um Gegenstände zählen, arbeiten ganz im Sinne der semantischen Kategorisierung. Dies zeigt sich daran, dass wir sowohl Wein, Bier, Marmelade als auch Gurken mit einem Zahlwort ‚Gläser‘ verbinden können, da allen unterschiedlichen Glasformen ein Konzept von ‚Glas‘ zugrunde liegt, auf welches wir in einem Quantifizierungszusammenhang zugreifen. Dies zeigt, dass gerade der Bereich der Zählstrukturen Kategorisierungen hervorruft. Offenbar ist dieses Phänomen aber keines, was sich ausschließlich in der deutschen Sprache wiederspiegelt. Obwohl die Sprachen der Erde von unterschiedlichster Natur sind, wird man in keiner einzigen Sprache Zahlen sowie das Phänomen der Zählbarkeit vermissen. Im Swahili bestellt man 2 vikombe vya chai im Chinesischen dagegen liQng bi chá. In Thailand könnte man mit den Worten chaa saawng thuay zwei Tassen Tee verlangen - im Englischen dagegen mit two cups of tea.
6
Sprachstrukturen, wie sie soeben vorgestellt wurden - bestehend aus einem Numeral, einem Numeralklassifikator und einem durch diesen Klassifikator näher bestimmten Nomen - bezeichnet man als Numeralkonstruktionen. Das Deutsche führt jene nur partikulär, während in anderen Sprachen vor allem im südostasiatischen Sprachraum sowie auch in Regionen Südamerikas diese Konstruktionen höher frequent auftreten. Ob sich eine Sprache als sogenannte Klassifikatorsprache auszeichnet, ist im Wesentlichen bedingt durch die Pluralbildung der Nomen. Im Deutschen zeichnen sich dahingehend zwei große Gruppierungen ab: zählbare Nomen und Massennomen, von denen erstere den häufigeren Fall markieren und zum großen Teil Pluralendungen und somit Markierungen tragen. Im Japanischen, das als Beispiel einer asiatischen Sprache der Deutschen als Kontrast dienen soll, existieren keinerlei direkte nominale Pluralkennzeichnungen und ebenso keine Artikel. Nomen werden als bloße Numeralphrasen angesehen, die große Ähnlichkeiten zu den deutschen Massennomina aufweisen. Dies hat weitreichende Folgen, denn Massennomina wie ‚Vieh‘ oder ‚Salz‘ können nicht direkt mit einem Numeral verbunden werden - wie an dem Beispiel *drei Salz ersichtlich werden soll. Sie bedürfen eines Numeralklassifikators, um eine Begrenzung für ihre Masse zu schaffen wie man am Beispiel drei Teelöffel Salz erkennen kann. Japanische Nomen können daher nicht ohne Klassifikator stehen. Eine Konstruktion wie im Deutschen drei Mäuse ist im Japanischen nicht möglich.
Während das Deutsche vor allem Numeralklassifikatoren kennt, die ein Maß oder eine Art Behälter bezeichnen bzw. an eine bestimmte Gestalt erinnern - und daher auch Maß-, Behälter- und Gestaltnomen genannt und unter der allgemeinen Kategorie der Quantifikatoren gefasst werden - existieren im Japanischen neben Quantifikatoren, die in den meisten Sprachen der Erde vorkommen, noch unzählige weitere. Zu diesen gehören Klassifikatoren für kleine und große Tiere, längliche, flache oder runde Gegenstände, Maschinen, Flugzeuge oder Gedichte, um nur einige wenige zu nennen. Die Verwendung von Konstruktionen, die mit Numeralklassifikatoren gebildet werden, wird in dieser Arbeit ausführlich dargestellt werden. Damit einhergehend wird zunächst eine Analyse von deutschen und japanischen Nominalstrukturen vorgenommen, die Rolle der Klassifikatoren definiert sowie eine Differenzierung der Numeralklassifikatoren vorgenommen. Um auch im Japanischen diese Formen tiefgreifend erläutern zu können, ist es zunächst von Nöten, einen kurzen Einblick in den Aufbau der japanischen
7
Sprache zu liefern, um die Wesensmerkmale der Sprache kenntlich zu machen. Dabei darf auch die Entwicklung der Sprache und Schrift seit der Frühzeit des achten Jahrhundert nicht ausgelassen werden. Dies ist vor allem notwendig, da die Klassifikatoren schon damals Anwendung fanden und sich bereits zu jener Zeit zwei Kategorien - eine indigen japanische sowie eine sino-japanische - herausbildeten, die heute noch gesondert Anwendung finden.
Ausgehend von diesem Überblick über die Entwicklung von Schrift und Grammatik der japanischen Sprache, sollen im dritten Kapitel die Numeralklassifikatoren eingehender betrachtet werden. Vorrangig wird bei dieser Betrachtung die syntaktische Struktur der Numeralkonstruktionen untersucht. Die Rolle der Semantik kann dabei dennoch nicht gänzlich vernachlässigt werden, da etwaige syntaktische Varianten auch Bedeutungsverschiebungen hervorrufen. Doch zunächst soll in Kapitel zwei ein Überblick über die japanische Sprache gegeben werden. Alle fremdsprachigen Beispiele, die in diesem und den folgenden Kapiteln die theoretischen Erläuterungen untermalen, entstammen dem eigenen Wissen, Recherchen und Gesprächen mit muttersprachlichen Sprechern, in denen sie hinterfragt und abgesichert wurden.
8
Die deutsche Sprache wird weltweit von rund 101 Millionen Menschen gesprochen (HAARMANN 2001: 104). Zwar lebt erwartungsgemäß der größte Anteil der Sprecher (81,5 Mio.) in Deutschland, aber dennoch ist das Deutsche auch in anderen Staaten von nicht unerheblichem Einfluss. Dies betrifft vor allem die deutschen Nachbarstaaten Österreich und die Schweiz, die sehr hohe Sprecheranteile aufweisen und die neben der standarddeutschen jeweils eine nationale Hauptvariante des Deutschen ausmachen. Vor allem im europäischen Bereich (Frankreich, Polen, Italien, etc.), aber auch global betrachtet, ist die Sprache weit verbreitet (ebd.) - so findet man immerhin noch 1,6 Mio. Sprecher in den USA; ca. 100.000 in Australien und einige Tausend im südlichen Afrika. Dabei ist nicht nur von einer primärsprachlich großen Bedeutung auszugehen, die sich vor allem auf Deutschland konzentriert, sondern auch von einigen Millionen se-kundärsprachlicher Sprecher, die ebenfalls zu einem großen Anteil in Deutschland zu verorten sind (ebd.).
Anders verhält es sich mit der japanischen Sprache. Zwar unterscheidet sich die Gesamtsprecherzahl nur um 25 Millionen - beide kennzeichnen sich als Großsprachen mit Minderheitsstatus - jedoch kann man vom Japanischen keine ähnliche Verteilung der primär- und sekundärsprachlichen Sprecher ausmachen. 98% der Sprecher konzentrieren sich ausschließlich auf Japan und die zugehörigen Inselgruppen (HAARMANN 2001 190). Nur zwei Prozent der Japaner leben im Ausland (v.a. in den USA); in Deutschland zählt die Statistik immerhin knapp über 20.000 japanischstämmige Einwohner. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass es sich bei den 126 Millionen Sprechern des Japanischen hauptsächlich um Primärsprachler handelt. Lediglich einige tausend Chinesen und vor allem Koreaner haben die japanische Sprache als Zweitsprache erlernt. In der westlichen Welt sind jedoch keine nennenswerten Sprechergruppen auszumachen (ebd.).
Die Frage, die sich im Anschluss dessen stellt, liegt auf der Hand: Warum bleibt die japanische Sprache der westlichen Welt derart verschlossen? Immerhin ist das Deutsche in Japan (neben Englisch und Niederländisch) eine der Fremdsprachen überhaupt. Das Studium der Germanistik ist ein beliebter universitärer Zweig - ohnehin wird in den ersten beiden Studienjahren jedes beliebigen Studiums, die in Japan eher im Sinne eines Studium Generale angelegt sind, oftmals das Deutsche als zweite Fremdsprache erlernt (GREIN 1994b: 233). Wohingegen in Deutschland Japanologie eher von einer Minder-
9
heit der Deutschen als Studium aufgenommen wird. Vor allem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erlebte das Deutsche - „die schöne Sprache Goethes, Heines und Stifters, andererseits die logische Sprache von Kant, Schopenhauer und Marx“ (YONEI 2004: 73) - eine ungeahnte Beachtung in Japan. Die deutschen literarischen und sprachphilosophischen Werke entwickelten sich zu einem „Kanon der gebildeten Elite“ (ebd.: 77). Diese Entwicklung bildet einen großen Gegensatz zur Aufnahme der japanischen Sprache (und Literatur) in Deutschland, die nur von einem Bruchteil der deutschen Bevölkerung wahrgenommen wird. Der Grund dafür liegt im Besonderen in der Komplexität des japanischen Schriftsystems, in den unzähligen sich ähnelnden Schriftzeichen, dienoch bevor ein Text auf seinen Inhalt hinterfragt werden kann - für Europäer einen immensen Lernaufwand bedeuten.
In den folgenden Abschnitten wird es darum gehen, die Wesensmerkmale der japanischen Sprache aufzuzeigen, die sie von einer dem europäischen Leser vertrauten indogermanischen Sprache unterscheidet. Ferner gilt es, die frühe Entwicklung seit dem achten Jahrhundert in Grundzügen zu skizzieren, welche ebenso die Grundlage für die Entwicklung der Numerale und Klassifikatoren bildet.
„The Japanese writing system is, without question, the most complicated and involved system of script employed today by any other nation on earth; it is also one of the most complex orthographies ever employed by any culture anywhere at any time in human history” (MILLER 1986: 1). Die Position, die der Amerikaner ROY ANDREW MILLER mit diesen Worten verdeutlicht, spiegelt das allgemeine Bild wider, welches der japanischen Sprache auch in Europa zuteil wird. Der Grund für diese Komplexität ist vor allem in der Vielfalt, die das japanische Schriftsystem in sich birgt, zu sehen: der sogenannten sino-japanischen Mischschrift (GREIN 1994a: 44). Es existieren drei verschiedene nationale Schriftsysteme: Kanji, die komplexeren Bildzeichen, sowie die beiden Silbenalphabete Hiragana und Katakana. Ergänzend tritt das westliche Romaji-Alphabet hinzu. Allen Schriftsystemen kommt zwar eine unterschiedliche Funktion und Verwendung zu, jedoch werden sie im Text stets kombiniert und parallel verwendet (GREIN 1994a: 16). Diese schriftsprachliche Komplexität resultiert aus der Geschichte, in der die Japaner, die selbst nie anstrebten, eine gänzlich eigene Schrift zu entwickeln, die Schrift der
10
Chinesen zunächst übernahmen und im Weiteren dann adaptierten. Dabei gilt es grundlegend die semantische sowie die phonetische Übernahme der Schrift zu unterscheiden (GREIN 1994a: 27).
In der einfacheren japanischen Bevölkerung setzten derweil andere Tendenzen ein, die sich zwar der chinesischen Schrift als Grundlage bedienten, jedoch nur mit einer gewissen Anzahl der Zeichen arbeiteten. Dabei wurden die Zeichen rein phonetisch zur Darstellung der japanischen Lautung genutzt. Diesen phonetischen Zeichensatz bezeichnet man als Manyôgana - er bildet die Grundlage für die sich seit dem frühen achten Jahr-hundert entwickelnden Zeichenalphabete Hiragana und Katakana. Dabei wurden chinesische Zeichen, die der Aussprache einer japanischen Silbe ähnelten, „ohne Rücksicht auf [deren] semantischen Wert“ (GREIN 1994a: 35) als schlichte Symbole übernommen: Das japanische Wort für ‘Mund’ war [v! ‹kuchi› und bildete sich aus den chinesischen Silben ‹ku› [!und ‹ti› v, deren ursprüngliche chinesische Bedeutungen - ‘Zeitdauer’ und ‘Wissen’ - vernachlässigt wurden. Heute trägt ‹kuchi› zwar noch dieselbe Lautung aber ein anderes Kanji:.
Parallel zur phonetischen Schriftentwicklung setzte im sechsten Jahrhundert auch die semantische ein (GREIN 1994a: 53). Den japanischen Wörtern wurden dabei gleichbedeutende chinesische Zeichen zugeordnet, deren ursprüngliche Lautung vernachlässigt
11
wurde. Diese Schriftübernahme führte zur Ausbildung der Kanjizeichen, welche zunächst rein japanisch gelesen wurden: Dem japanischen Wort ‹toshi› für ‘Jahr’ wurde das Kanji Ï zugewiesen. Später trat zu der rein japanischen Lesung eine zweite, chinesische Lesung eines jeden Kanji hinzu, die jedoch an das japanische Lautmodell substituiert wurde. Für das Kanji Ï existierten fortan die Lesungen ‹toshi› und ‹nen›, das aus dem chinesischen ‹nien› abgeleitet wurde. Diese Lesungen werden kun- und on-Lesungen genannt und sind bis heute gebräuchlich.
Diese Lautentwicklung betraf auch die Zahlen und Numerale. Hatte man zunächst ein rein japanisches Zahlensystem (vgl. Tab. 1), so kam mit der Entwicklung der zweiten Lesung auch eine sino-japanische Aussprache hinzu. Da das indigene Zählsystem ohnehin recht problematisch war, setzte sich die sino-japanische Lesung schnell durch. Denn Zahlen größer als zehn (mit Ausnahme von ganzen Zehnern und Hundertern) konnten nur verdeutlicht werden, in dem man ein Additionsprinzip anwendete, bei dem sich 24 Tage aus 20 Tagen plus 4 Tage ergaben (vgl. DOWNING 1996: 37), In speziellen Zählkonstruktionen jedoch und nur für die Zahlen von eins bis zehn verwendet man heute noch die indigenen Lesungen (ebd.).
Tab. 1: Numerale des Japanischen; vgl. DOWNING 1996: 36, eigene Darstellung.
12
Die semantische Methode der Übernahme von chinesischen Zeichen mit japanischer und sino-japanischer Lautung gewann an Beliebtheit, sodass zum Ende des siebenten Jahrhunderts die phonetischen Manyôgana-Schriftzeichen lediglich noch für Endungen, Suffixe und Partikel verwendet wurden (GREIN 1994a: 44). Alle anderen Bestandteile eines Satzes (z.B. Wortstämme von Verben und Nomen) wurden durch Zeichen dargestellt, die der semantischen Methode entstammten (ebd.).! Erst seit dem achten Jahrhundert sind Tendenzen zu beobachten, die den Drang nach einer eigenen Schrift bestärkten - so entwickelten die Japaner im Laufe des neunten Jahrhundert die beiden Silbenalphabete Hiragana und Katakana, die heute aus jeweils 46 Zeichen bestehen (zu damaliger Zeit waren es vermutlich noch einige mehr). Das Hiragana-Alphabet wurde von Frauen auf der Grundlage des Manyôgana entwickelt, da diesen bis dahin die Benutzung der chinesischen Kanji untersagt war. Aus den 46 Hiraganazeichen, die das Alphabet umfasst, können alle japanischen Wörter gebildet werden. Dennoch entstanden aufgrund der zahlreichen homophonen Verbindungen Mehrdeutigkeiten: beispielsweise fallen allein der Silbe ‚kô‘ mehr als 50 Bedeutungen zu (GREIN 1994a: 66), für die Silbe ‚shi‘ existierten bereits zur Zeit der phonetischen Sprachadaption 56 Zeichen - ähnlich viele Bedeutungen kamen der Silbe auch in den folgenden Jahrhunderten (bis in die heutige Zeit) noch zu (DOWNING 1996: 41). Daher wird das Hiragana heute genau in jener Funktion genutzt, die dem Manyôgana im siebenten Jahrhundert zukam: für kleine Wörter, Partikel und Endungen jeder Art. In studierten Kreisen entwickelten Männer die Katakanazeichen, die im Gegensatz zu den weichen und kursiven Hiraganasilben an geradlinigen Formen der Kanji orientiert sind (GREIN 1994a: 49). Während sich die Verwendung der Katakana in den ersten Jahrhunderten nach der Entwicklung von der der Hiragana nicht unterschied, wird dieses Silbenalphabet heute nur noch für all jene Wörter verwendet, die aus anderen Sprachen entlehnt wurden: ı [erebêtâ] = ‘elevator’ aus dem Englischen; { [deisukotêku] vom französischen Wort ‘discothéque’ oder z~ ¨Ë
[autobân]‘Autobahn’ aus dem Deutschen.
Nachdem sich diese drei Schriftsysteme - das Hiragana, Katakana und die Kanji - in Japan etabliert hatten, setzte in der modernen Zeit zusehends der Einfluss westlicher Kulturen ein. Nicht mehr nur chinesische Lehnwörter sondern vermehrt auch englische,
13
deutsche und französische Begriffe sind in die japanische Sprache übergegangen. Mit den westlichen Sprachen kamen auch die westlichen Buchstaben auf, die zunächst lediglich in Wörter- und Lehrbüchern der japanischen Sprache für Europäer und Amerikaner Anwendung fanden (GREIN 1994a: 20). Heute findet sich das sogenannte Romanji - die lateinische Umschrift - auch im täglichen Gebrauch der Japaner auf Zeitschriften, Verpackungen sowie in der Werbung, denn die lateinischen Buchstaben gelten als modern und entsprechen dem Trend der Zeit.
Um die japanischen Silben in lateinischen Buchstaben möglichst phonetisch genau wiedergeben zu können, wurden verschiedene Transkriptionssysteme entwickelt, von denen das Hepburnsystem, das an die Phonologie des Englischen angelehnt ist, das mit Ab-stand gebräuchlichste ist. Tab. 2 zeigt eine Übersicht der Hiragana- und Katakanasilben mit ihren romanisierten Entsprechungen des Hepburnsystems. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden alle japanischen Beispiele sowohl in japanischer als auch in romanisierter Schreibweise angegeben, sodass zum einen eine schnellere Erfassung der Beispiele für einen nicht-japanisch-sprachlichen Leser gegeben ist, auf der anderen Seite anhand der Kanjischreibweisen keine ungewollten Ambiguitäten auftreten können.
14
Arbeit zitieren:
Jana Kirchhübel, 2008, Drei Hunde - Inu ga san biki, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend): Drei Hunde - Inu ga san biki ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Jana Kirchhübel hat den Text Drei Hunde - Inu ga san biki veröffentlicht
Jana Kirchhübel hat einen neuen Text hochgeladen
Deutsch - Italienisch: Sprachvergleiche / Tedesco - Italiano: confront...
Sandra Bosco, Marcella Costa, Ludwig M. Eichinger
Das Deutsche als kompositionsfreudige Sprache
Strukturelle Eigenschaften und...
Livio Gaeta, Barbara Schlücker
0 Kommentare