AS: Das elisabethanische England 13.11.2008
Laura Schiffner
Erinnerung bleiben. Sie könne nicht vergessen, dass ihre Schwester die Zuneigung ihres Volkes verloren hatte, als sie einen Ausländer heiratete, denn sie war viel zu sehr auf ihren guten Ruf bedacht. Elisabeth war eine gute Partie auf dem Heiratsmarkt. Sie hatte die Möglichkeit einen englischen Aristokraten aus den großen Familien oder einen ausländischen Prinzen zu heiraten. Letzterer steht auf Grund der Möglichkeiten internationaler Allianzen in einem höheren Rang, oft besteht aber die Gefahr der Ablehnung durch das Volk. Allerdings wurden Verhandlungen auch betrieben, damit nicht feindselig gehandelt und freundliche Kontakte zu europäischen Höfen vertieft werden konnte. Das ist ein Verkauf der eigenen Person. Dass sie sich dadurch allein gelassen und einsam fühlte, ist somit klar. Einen Tod kann man nur sterben. Und Elisabeth entschied sich für das Leben ihres Volkes als jungfräuliche Mutter. Bei dynastischen Verbindungen ist scheinbar der politische Sinn wichtiger als der körperliche. Elisabeth hatte die Fähigkeit, die Rolle der Heiratswilligen glaubhaft zu spielen. Die Art und Weise aber, wie sie im Bereich der Diplomatie mit ihrer Heirat Politik machte, lässt die Vermutung zu, dass sie ihr ganzes Gefühl auf die Erhaltung ihres Königreiches konzentrierte. Warum die abgelehnten Herrscherhäuser dann nicht gegen sie vorgegangen sind (bis auf Philipp II. von Spanien, was allerdings noch auf anderen Gründen beruhte), ist mir dennoch schleierhaft. Aus Angst vor einer Opposition, die einen verfügbaren Ersatzherrscher an die Macht bringen könnte, ernannte sie keinen Nachfolger. Sie bezog auch eine klare Position gegenüber dem Parlament: Eine zu frühe Nachfolgeregelung wäre politisch nachteilig, weil es dann eine Alternative zur Königin gäbe. Sie hatte damit schon eigene Erfahrungen zu Zeiten der Herrschaft Marias gemacht, als protestantische Gläubige Elisabeth zu ihrer Ikone und rechtmäßigen Erbin stilisierten und in ihrem Namen für diesen Glauben kämpften. Das brachte ihr letztendlich die Einkerkerung im Tower ein. Und Elisabeth wollte nicht, dass das gleiche Schicksal ihrem ernannten Nachfolger treffen würde. Trotzdem stellt sich mir hier die Frage, ob Elisabeth so loyal gegenüber anderen gewesen ist. Vielleicht dachte sie auch nur ganz egoistisch an sich. Es könnten beide Möglichkeiten in Betracht kommen. Dennoch passt meiner Ansicht nach, die letzte These besser zu Elisabeth, nicht weil ich sie als Egoistin bezeichnen würde. Nein, Elisabeth hatte anfangs ein mangelndes Selbstsicherheitsgefühl. Vom Vater verstoßen und wieder geliebt, von der Schwester verbannt. Ich denke niemand besitzt eine Vorstellung darüber, wie es in ihrem Inneren aussah. Sie war ein Mädchen zwischen den Stühlen, hatte bereits mit der Legitimation zu kämpfen und wurde hin und her gereicht. Wie groß kann eine Selbstsicherheit dann noch sein? Der von ihr benannte Nachfolger hätte genauso gut den Thron verlangen können, z. B. mit Anhängern, die eine Verschwörung planen. Insofern trifft meiner Meinung nach, die These, dass sie einfach nur Angst hatte, ihre Herrschaft zu verlieren, wenn ein Nachfolger benannt ist, zu. Vielleicht wollte sie ihren Nachfolger auch schützen, aber vielmehr wollte sie sich ihre eigene Herrschaft sichern, denn es gefiel ihr schon immer sehr gut, den ersten Platz einzunehmen. Elisabeth wollte das konkurrenzlose Zentrum des Staates sein. Sie würde sich nicht durch Gewalt zur Heirat oder Nachfolgeregelung zwingen lassen, denn sie
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Laura Schiffner
habe ebenso viel Courage wie ihr Vater. Außerdem könne sie das Amt genauso gut wie ein Mann wahrnehmen. Sie sei die geborene Königin, der männlichste unter allen weiblichen Herrschern. Vor ihrem Parlament erklärte sie 1559, dass sie in Enthaltsamkeit lebe. Im Parlament saßen zu diesem Zeitpunkt Adel und Klerus zusammen, was bedeutet, dass sie zum Einen vom Parlament anerkannt und zum Anderen von der Kirche als Herrscherin legitimiert werden wollte. Hierbei ist zu beachten, dass sie zu diesem Zeitpunkt den Begriff der „Virgin“ noch nicht verwendet hat. Sie wollte ich dadurch Autonomie und Unabhängigkeit verschaffen. Außerdem wäre der Begriff doch etwas unglaubwürdig. Sie kann keine Jungfrau im Sinne Gottes sein, wenn ihr zahlreiche Affären mit verschiedenen Männern nachgesagt werden. In späteren Jahren stilisiert sie sich aber zur „Virgin“, in dem sie von Gott auserwählt sei, ihr Leben für England zu opfern. Sie präsentiert sich ebenbürtig mit der jungfräulichen Maria. Es erscheint fraglich, ob Elisabeth von vornherein zur Ehelosigkeit entschlossen war. Angeblich hätte sie sich vor der Krönung entschieden, mit ihrer Jungfräulichkeit im Dienste Gottes zu stehen. Der einzige Anhaltspunkt hierfür kann nur die Liebäugelei mit Thomas Seymour gewesen sein. Scheinbar wirkte das Ereignis der Verschwörung so entsetzend auf sie, dass sie sich für die Virgin entschied. Der Virgin Queen-Kult könnte ihre eigene Religion der Unabhängigkeit gewesen sein. Nun stellt sich allerdings die Frage, wie sie sich auf der einen Seite als Jungfrau darstellen kann, wenn sie doch auf der anderen Seite starke, offensichtliche und gewollte Heiratsverhandlungen betreibt. Hier müssen die Diskrepanzen zwischen körperlicher und politischer Liebe betrachtet werden. Elisabeth erläuterte, dass sie nur heiraten werde, wenn das Verhalten der schottischen Königin sie dazu nötige. Sie beruhigte ihre Berater, wenn sie jemals heiraten sollte, dann nur als Königin und nicht einfach als Elisabeth. Eine kluge und intelligente Frau mit einem unglaublichen Geschicklichkeitssinn für das Politische würde sich also dann erst verheiraten, wenn England und sein Volk in Gefahr sein würden. Und so führte sie Verhandlungen, immer und immer wieder. Es waren Heiratsverhandlungen über mehrere Monate und Jahre, um den potenziellen Bündnispartner an sich zu binden. Ich denke, es hat sie begeistert, die Bewerber an der Nase herum zu führen. So konnte sie geschickt ihre Macht demonstrieren. Elisabeth konnte jede Rolle spielen, nach der ihr der Sinn stand. Sie erhielt sich immer die unverletzbare Sphäre der Persönlichkeit. Persönliche Gefühle, Absichten und Überlegungen wurden abgeschottet; nur sie hatte Zugang dazu. Ihre Begründung für eine Ablehnung war stets die, dass sie sich als Mutter ihrer Untertanen sehen würde und allein mit England verheiratet sei. Sie hätte sich bereits einem Ehemann angetraut, nämlich dem Königreich England.
Oft erklärte Elisabeth, dass sie die Ungebundenheit viel zu sehr liebe, als dass sie sie aufgeben wolle. Sie hatte einen ausgeprägten Unabhängigkeitssinn. Hat vielleicht ihr herrschender Charakter eine Ehe verhindert? Das scheint mir eher eine Theorie als alles andere zu sein. Denn in erster Linie ging es bei den meisten Heiratsverhandlungen um politisch - strategische Entscheidungen und nicht um Liebe. Jeder potenzielle Ehemann wäre mit ihrem herrschenden Charakter einverstanden gewesen, solange die ausländischen Interessen in England hätten gesichert werden können und man England als
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Arbeit zitieren:
Laura Schiffner, 2008, Das Aufbegehren einer Königin, München, GRIN Verlag GmbH
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