Inhaltsverzeichniss
1 Einleitung 1
2 Russland, die Europäische Union und die Welt 2
3 Feindbilder 3
3.1 Feindbilder im Kalten Krieg zwischen Moskau und Washington 5
3.2 Entstehung des Feindbildes in der Sowjetunion 5
3.3 Das sowjetische Bild vom amerikanischen Gegner 6
3.4 Entstehung des Feindbildes in den Vereinigen Staaten 7
3.5 Das amerikanische Bild von der Sowjetunion 8
4 Teilfazit 8
5 Der Krieg in den Medien 10
5.1 Auswahl der Printmedien für die Analyse 11
5.1.1 Berichterstattung in der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) 12
5.1.2 Berichterstattung in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) 13
5.1.3 Berichterstattung im FOCUS 15
5.1.4 Berichterstattung im SPIEGEL 16
5.2 Zusammenfassung 18
6 Fazit 20
7 Literaturverzeichnis I
8 Anhang IV
Kurze Chronologie des Georgienkrieges IV
1 Einleitung
„Ein großer Teil der Nachrichten, die man im Kriege bekommt, ist widersprechend, ein noch größerer ist falsch und bei weitem der größte ist einer ziemlichen Ungewissheit unterworfen. […] Mit kurzen Worten:
die meisten Nachrichten sind falsch […].“ 1
Karl Büchner argumentiert im Hinblick auf Carl von Clausewitz über die Rolle der Medien treffend, „dass jedem Krieg mit den Waffen ein Krieg mit Druckerschwärze zur Seite geht, in dem jede Partei die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen sucht.“ 2 Zitate wie „wenn der Krieg ausbricht, ist das erste Opfer die Wahrheit“ (US-Senator Hiram Johnson) oder „Public Oppinion wins war“ (General Eisenhower) zeigen, dass die Medien und die öffentliche Meinung in Kriegszeiten eine ganz besondere Stellung einnehmen. Es bestehen auch Anzeichen dafür, dass die Massenmedien die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit in Krisen und Kriegen verzerrt abbilden, darin sogar selbst zu Akteuren werden und die Öffentlichkeit damit stark beeinflussen können. 3
Für Informationsbeschaffung über das Ausland müssen sich die meisten Menschen auf Erfahrungen aus zweiter Hand verlassen, die insbesondere durch die Massenmedien vermittelt werden. 4 Die Art und Weise der Wirklichkeitserschaffung durch den Menschen und die Medien bietet die Grundlage für die Erschaffung eines Feindbildes. Feindbilder sind spezifischer und facettenreicher geworden. So werden Iran, Irak und Nordkorea von den USA als „axis of evil“ bezeichnet. 5 „So wie die Sowjetunion für Ronald Reagan das ‚evil empire‘ war, charakterisiert George Bush [Senior] Saddam Hussein als neuen Hitler […]“ 6 und somit zum Inbegriff des Bösen.
Fraglich ist, ob die Feindbilder des Kalten Krieges bestehen blieben. Diese Frage kann gerade in Bezug auf die Eskalation in der Georgienkrise beantwortet werden.
1 CLAUSEWITZ, Carl von: Vom Kriege, Ilmgau 1969, S. 63 - 64.
2 BÜCHNER, Karl: Der Krieg und die Presse, Tübingen 1926, S. 271 - 272.
3 Vgl. GLEICH, Uli: Qualität im Journalismus am Beispiel der Kriegsberichterstattung. In: Media Perspektive 3 (2003), S. 141.
4 Vgl. KUNCZIK, Michael; KNOTT - WOLF, Brigitte: Feind-Bilder. Wie Stereotypisierungen funktionieren und wozu sie dienen, in: Deutsche Welle 3 (2001): „Sagt die Wahrheit: Die bringen uns um!“, Zur Rolle der Medien in Krisen und Kriegen, Köln u. a., S. 98.
5 Vgl. KUNCZIK, Michael: Public Relations in Kriegszeiten, in: Pelka, Artur; Glunz, Claudia; Schneider, Thomas: Information Warfare, Die Rolle der Medien (Literatur, Kunst, Photographie, Film, Fernsehen, Theater, Presse, Korrespondenz) bei der Kriegsdarstellung und -deutung, in: Schneider, Thomas (Hrsg.), Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs 22 (2007), Krieg und Literatur, Vol. XII, Göttingen, S. 30.
6 KUNCZIK, Michael: Public Relations in Kriegszeiten, S. 19.
2 Russland,,dieeEuropäischeeUnionnundddieeWeltt
Der stellvertretende Chefredakteur der ZEIT, Bernd Ulrich, analysiert in seinem Artikel „Der Machtverlust des Westens“ 7 die „globale Machtverschiebung“. Danach basiert die Weltordnung auf einem multipolaren System, dass die bipolare Ordnung des Kalten Krieges und die Einteilung in erste, zweite und dritte Welt längst der Vergangenheit angehören. Die Diskussion um eine unipolare oder multipolare Welt sei schon fast statisch: „… [W]eltfremd ist es, so zu tun, als könne die westliche Politik das noch entscheiden.“ 8 Ulrich beschreibt so den Übergang zu einer Vier - Welten - Ordnung. Diese „Vier Welten“ bestehen aus dem Westen, den Ulrich als Absteiger bezeichnet, Asien und Lateinamerika, die Aufsteiger, den Energieproduzenten Russland und die islamischen Staaten, die Aggressiven, und die Länder Afrikas, die sich schnell mit den Aggressiven verbünden könnten. 9 Spätestens seit der Georgienkrise ist diese Denkweise der G 8 überholt. Die Türkei bringt sich selbst immer wieder ins Gespräch, Georgien und die Ukraine wollen der NATO beitreten, die vorderasiatischen Staaten, wie Israel, Palästina, Iran, Irak, Afghanistan und Syrien demonstrieren dem Westen ihre Stärke. Gerade im Hinblick auf die Ressourceneffizienz weist Ulrich darauf hin, dass sich die Erdölproduzenten nach Asien wenden.
Die EU stecke in einer gefährlichen „Überdehnungs- und Überforderungskrise“ 10 , dessen Beispiel allein schon der Kampf um die Verfassung sei. Ein Blick auf die Lissabonner Verträge und das irische Referendum zeigen, das die EU inzwischen zu groß geworden ist, um handlungsfähig zu bleiben. Wie kann ein kleines Land, dazu noch eine Insel, die ganze Funktionsweise der EU Lahm legen? Ausschlaggebend für diese Krise sei der Kampf der Vereinigten Staaten gegen ölreiche Diktaturen, wie dem Irak. 11 Und auch Peter W. Schulze erklärt hierzu: „Bedingt durch die ungebrochene Nachfrage nach Energie und Rohstoffen auf dem Weltmarkt erlangte Moskau eine Sonderstellung als globaler Gasproduzent. Seither geistert das Schreckgespenst eines globalen Gas - Kartells unter der Führung Russlands umher.“ 12 Welche Macht Russland damit beweist, kann gut am Gasstreit mit der Ukraine gesehen werden. Schulze äußert hierzu, dass sich Medwedjew und sein Außenminister Lawrow nicht mehr mit einer Außenseiterrolle begnügen wollen. Russland strebe daher eine „grundlegende Veränderung der Sicherheitsarchitektur des euro - atlantischen Raumes an.“ 13
Für Ulrich erwächst daraus die klare Forderung, unsere politische Kultur so zu erneuern, dass die EU und ihre wichtigsten Staaten in dieser Systemkonkurrenz wettbewerbsfähig bleiben. 14 Ulrich wirft dem Westen Desorientierung vor und erklärt, dass die USA in den letzten Jahren unter George W. Bush jr. an
7 ULRICH, Bernd: Der Machtverlust des Westens, Plädoyer für eine radikale Wende der Politik, in: SCHERER, Bernd; HAGER, Martin (Hrsg.), Feindbilder, Ideologien und visuelle Strategien der Kulturen, Göttingen 2007, S. 91 - 95.
8 wie vor, S. 92.
9 wie vor, S. 93.
10 wie vor, S. 94.
11 Vgl. wie vor, S. 91.
12 SCHULZE, Peter W.: Putins Vermächtnis: Russische Innen- und Außenpolitik zu Beginn der Präsidentschaft Dmitri Medwedjews, in: Internationale Politik und Gesellschaft 4 (2008), Bonn, S. 55.
13 SCHULZE, Peter W.: Putins Vermächtnis, S. 71.
14 Vgl. ULRICH, Bernd: Der Machtverlust des Westens, S. 94.
Ansehen verloren habe. 15 Diese neue Überforderung und die Suche des Westens nach seiner Identität werden historisch begründet. Bis zum Ende des Kalten Krieges gab es für den Westen trotz aller Bedrohungen vom Osten keine ökonomische Konkurrenz. Es gab nur den ordentlichen, beherrschbaren und stets bekannten Feind: die Sowjetunion.
3 Feindbilderr
Grundlage zur Schaffung eines Feindbildes ist der Konstruktivismus, also die Art und Weise der Wirklichkeitserschaffung durch den Menschen. 16 Feindbilder, Stereotype und Vorurteile werden häufig gezielt als subtiles Instrument der geistigen Kriegsvorbereitung eingesetzt. Oft bestehen Feindbilder aus einer staatlich gelenkten Feindbild-Ideologie. Das „Feindbild ist das Produkt einer Propaganda, die mit semantischen, optischen und graphischen Mitteln den politisch-ideologischen Gegner dämonisiert, um [in der Regel] die eigene Herrschaft zu legitimieren“. 17 Ein weiterer Grundbestandteil von Feindbildern ist die Vorstellung einer Bedrohung. Nicht zuletzt bieten sich Feindbilder auch als ein geeignetes Mittel, um politische Gegner zu diffamieren. Besonders in Krisenzeiten werden innenpolitischen Kontrahenten häufig Verbindungen zu außenpolitischen Gegner nachgesagt. Ihre Position und ihre Glaubwürdigkeit sollen geschwächt werden. 18 Der Staat steht als Beschützer der Gesellschaft an oberster Spitze. Er muss gegen Gegner der Gesellschaft vorgehen.
Dieses Freund - Feind - Denken fördert die Akzeptanz der politischen Führung sowie des politischen Systems als Ganzes. 19 Außenpolitische Feindbilder lenken die Bevölkerung von internen Schwierigkeiten ab und verdrängen systemimmanente Widersprüche. 20 In der internationalen Politik sind Feindbilder gegenüber Völkern, Nationen und Ideologien präsent. Die „Hartnäckigkeit“ von Feindbildern liegt zum Einen in ihrer tiefen emotionalen Verwurzelung und zum Anderen in der „Kontaktvermeidung mit dem Einstellungsobjekt“ 21
Um zu verstehen wie Feindbilder generiert bzw. aktiviert werden, ist es notwendig zunächst einmal die Stereotypisierungsprozesse zu begreifen, durch die unsere mentalen Bilder geprägt sind. 22 „Feindbilder sind ein Sonderfall von Stereotypen“, die „(…) in uns Abwehrbereitschaft, Feindseligkeit und Aggression auslöst“ 23 . Haben sich extrem negativ besetzte Bilder in den Köpfen der Menschen festgesetzt, ist ihre
15 Vgl. wie vor, S. 92.
16 Vgl. DUSCHLBAUER, Thomas W.: Medium, Macht, Manipulation, Aspekte zu Medien, Kultur und Psychologie, Wien 2004, S.40.
17 BUCHBENDER, Ortwin: Zentrum des Bösen, Zur Genesis nationalsozialistischer Feindbilder, in: WAGENLEHNER, Günther (Hrsg.), Feindbild, Geschichte, Dokumentation, Problematik, Frankfurt 1989, S. 18.
18 Vgl. NICKLAS, Hans; OSTERMANN, Änne: Vorurteile und Feindbilder, München 1976, S. 32.
19 Vgl. GANTZEL, Jürgen: Zur Entstehung, Struktur und politischen Funktion von Freund - Feind - Bildern, Bericht über ein Forschungsvorhaben in der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, in: DGFK - Informationen 1 (1972), Bonn, S. 13.
20 Vgl. FLOHR, Anne Katrin: Feindbilder in der internationalen Politik, Ihre Entstehung und Funktion, in: JACOBSEN, H. - A. (Hrsg.), Bonner Beiträge zur Politikwissenschaft, Münster u. a. 1991, S. 131/132.
21 FLOHR, Anne Katrin: Feindbilder in der internationalen Politik, S. 30.
22 Vgl. LIN, Susanne: Der Zusammenhang zwischen Vorurteil und Feindbild, http://www.friedenspaedagogik.de/themen/vorurt/vor_22.htm, 13.02.2009.
23 PÜRER, Heinz: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Ein Handbuch, Konstanz 2003; S. 439.
Wahrnehmung dadurch äußerst nachhaltig strukturiert. Die „schablonenhafte, vereinfachte Rezeption der Realität“ 24 kann bis hin zur Verzerrung eines Stereotyps zum Feindbild führen. Stereotype sind durch das soziale Umfeld, also vor allem Erziehung, Familie und Milieu, geprägt.
Feindbilder kategorisieren die Welt in „Gut“ und „Böse“. Ronald Reagan beschrieb die Sowjetunion als das „Reich des Bösen“ („Communism is the Form of Evil in the Modern World“). Ein weit verbreitetes Beispiel sind die „guten“ Amerikaner, die uns von den Qualen des Zweiten Weltkrieges erlöst haben und die „bösen“ Russen, die nach der deutschen Kapitulation geplündert und geraubt haben, wie der Barbar es nur tun würde. Mit Hilfe solchen Vereinfachungen wird versucht, die Welt einzuteilen und zu ordnen. Aber je weiter diese Verkürzungen von der Wirklichkeit entfernt sind, desto leichter können sie zu Vorurteilen und sogar zu Feindbildern führen. 25 In Zeiten des Kalten Krieges begann jeder neue Aufrüstungsschritt der NATO damit, dass der Sowjetunion bedrohliche „Vorrüstung“ unterstellt wurde. Unliebsame Regierungen, wie der Iran, werden zur Weltgefahr hochstilisiert, insbesondere von den USA. Negative Eigenschaften oder Taten werden hervorgehoben. Positive Eigenschaften werden herunter gespielt, gar nicht erst erwähnt oder umgedeutet. So wurden die Abrüstungsvorschläge der Sowjetunion nur als ein raffinierter Propagandatrick dargestellt.
Historisch betrachtet sind Feindbilder durch den wirtschaftlichen Egoismus gekennzeichnet. Feindbild -Macher missbrauchen die Fähigkeit des Menschen, sich selbst von der Welt ein Bild zu machen. Heutzutage entstehen Feindbilder allerdings weniger durch den Staat. Sie werden erschaffen von unserer vielfältigen Medienlandschaft. Hier wird zum Teil sehr massiv ein Feindbild - Denken aufgebaut, das an Gefährlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Während am Anfang des 20. Jahrhunderts das Feindbild eher durch Rasse, Religion und Kultur bestimmt wurde, sind die heutigen Feindbilder politisch aufgeladen. Diese „politischen Feindbilder“ sind nicht nur die Folge von Spannungen, Konflikten und Krisen; sie werden auch gezielt hergestellt und verbreitet, wenn Spannungen, Konflikte oder Krisen politisch erzeugt werden sollen. Kurt Spillmann erläuterte in seinem Vortrag in Bonn am 28.06.1989 sieben Merkmale, die das FEIND - Bild ausmachen: Misstrauen, Schuldzuschreibungen, negative Antizipationen, Identifikation mit dem Bösen, Nullsummendenken, De-Individualisierung, Empathieverweigerung. 26 All diese Beschreibungen des Feindbildes treffen auf die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten in Zeiten des Kalten Krieges zu.
24 JEGOROWA, Jekatarina; PLESCHAKOW, Konstantin: Modelle und Stereotypen im militärpolitischen Denken und ihre Funktion, in: WAGENLEHNER, Günther (Hrsg.), Feindbild, Geschichte, Dokumentation, Problematik, Frankfurt 1998, S. 240.
25 Grundsätzliches über Feindbilder, in: Feindbilder im Wandel, Von der Antike bis zum Feindbild Sowjetunion, Begleitheft zur Ausstellung, Bielefeld 1989.
26 Vgl. Kurt Spillmann 1989, zit. nach: WAGENLEHNER, Günther, Feindbild, Geschichte, Dokumentation, Problematik, Frankfurt 1989, S. 7.
3.1 FeindbilderrimmKaltennKrieggzwischennMoskauuunddWashington
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist in Deutschland das Bild Russlands in ein Bild des Feindes umgewandelt worden. Die Revolution 1918/19 wurde als von den russischen Bolschewisten ferngelenkt hingestellt. Das Feindbild „Russland“ bekam eine neue Dimension. Es ging von nun an um die Abwehr einer möglichen Systemalternative. Schon Marx und Engels hatten 1848 erklärt, dass der Sozialismus den alten Mächten Europas als Gespenst erscheinen würde. Dieses Gespenst nahm ab 1917 zum ersten Mal eine reale Gestalt an. Die Darstellung im Volk erfolgte mit dem Bild des Monsters. Einen Anschein von Wahrheit dieser Bilder kamen durch den Bürgerkrieg und den Staatsterror Stalins. Vor allem der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979/80 führte dazu, dass sich auch in der modernen Bundesrepublik die Feindbilder nicht abbauen ließen. Der Wille zum Durchbrechen der nuklearen Abschreckungssyteme brachte die Welt an den Rand des Abgrunds. Durch einseitige Abrüstungsschritte der UdSSR und kooperative Verhandlungen mit dem Westen hielt seit 1985 das „Neue Denken“ Einzug in die Weltpolitik. 27
3.2 EntstehunggdessFeindbildessinnderrSowjetunionnn
Das komplexe Feindbild „Sowjetunion“ setzt sich aus zwei verschiedenen Aspekten zusammen. Zum Einen ist es der im Kalten Krieg immer wieder betonte Ost - West - Gegensatz. Die UdSSR war dabei immer der Gegenpol zum westlichen System. Hier Freiheit, dort Sozialismus; hier Marktwirtschaft, dort Planwirtschaft; hier eigenes Auto und Reihenhaus, dort Omnibus und Mietskaserne; hier Modevielfalt, dort Einheitskittel. 28 Das symbolische Gleichgewicht zwischen den Systemen war die Logik dieses Feindbildes. Es musste also stets für ein Gleichgewicht gesorgt werden, auch im Sinne der Machtstrukturen: Panzer hier, Panzer dort, Atomraketen hier, Atomraketen dort, Apollo hier, Sputnik dort, Nicaragua hier, Afghanistan dort.
Wie nahm die sowjetische Partei- und Staatsführung also das weltpolitische Umfeld wahr? Wie sah ihre politische Weltkarte aus? Bekannt ist, dass der Sozialismus die Welt in Klassen einteilt. In Zeiten des Kalten Krieges wurde die Welt beherrscht durch den Widerspruch zweier verfeindeter Klassen. Die Arbeiterklasse stand der „monopolistischen Bourgeoisie“ gegenüber. Politisch ausgedrückt: es standen sich der Sozialismus mit seiner Arbeiterklasse einerseits und der Kapitalismus mit seiner „Bourgeoisie“ andererseits gegenüber.
Kennzeichen dieser Gegner ist, dass in den Beziehungen zwischen den beiden mächtigsten Ländern die eine Seite andauernd das Wettrüsten anheize, während die andere sich grundsätzlich friedlebend verhalte und gegen den eigenen Willen sich zu eigenen Rüstungsanstrengungen veranlasst sehe. 29 Ein objektives
27 Vgl. MEYER, Gert: Feindbild Sowjetunion, Wandel durch Annäherung, in: Feindbilder im Wandel, Von der Antike bis zum Feindbild Sowjetunion, Begleitheft zur Ausstellung, Bielefeld 1989.
28 Vgl. FREI, Daniel: Feinbilder und Abrüstung, Die gegenseitige Einschätzung der UdSSR und der USA, Eine Studie des Instituts der Vereinten Nationen für Abrüstungsforschung (UNIDIR), München 1985, S. 20 - 21.
29 Vgl. wie vor, S. 27.
Naturgesetz nach der sowjetischen Weltanschauung sei die Verschiebung des Kräfteverhältnisses in der Welt zugunsten des Sozialismus. Der Sieg des Kommunismus sei historisch unausweichlich. 30 Der ehemalige Außenminister Andrei Gromyko (1957 - 1985) und der Politiker Boris Ponomarv verweisen auf die Notwendigkeit der Philosophie von Lenin und Marx. Der marxistisch - leninistische Ansatz sei danach die einzige Erkenntnismethode für das Verständnis der internationalen Politik. 31 Das bedeute aber gerade nicht das Expansionsstreben der Sowjetunion. Dies sei ein weiterer Aspekt dafür, dass der Westen den Grundsatz der „friedlichen Koexistenz“ nicht begriffen habe. Insofern bestehe gar keine Bereitschaft, die sowjetische Politik objektiv zu sehen. 32
3.3 DasssowjetischeeBildvommamerikanischennGegnerr
Imperialistische Aggressivität sei das zentrale Element der US-amerikanischen Politik. Diese Aggressivität erkläre sich aus der Natur der amerikanischen Gesellschaft. Hierzu führt die Sowjetische Militärenzyklopädie aus:
„Das aggressive Wesen des Imperialismus hat sich nicht geändert, und solange er besteht, bleibt auch die Gefahr von Kriegen und militärischen Konflikten […] Das aggressive Wesen des Imperialismus hat sich nicht geändert. Es offenbart sich in der Verstärkung des Militarismus, in der systematischen Aufblähung der Militärbudgets der kapitalistischen Staaten […]. Die Hauptrolle spielen dabei die USA. Die Kräfte der Reaktionen des Imperialismus versuchen, den historisch unvermeidlichen Fortschritt der Menschheit zum
Sozialismus aufzuhalten und die Unerschütterlichkeit der kapitalistischen Ordnung zu beweisen.“ 33
Insofern sei die „friedliche Koexistenz“ nicht nur eine Zusammenarbeit, sondern auch der politische und ideologische Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Auch die Abkehr von der Entspannungspolitik der USA wird so gedeutet, dass die Vereinigten Staaten immer noch nicht bereit seien, den „Siegesmarsch der Geschichte“ 34 , also des Sozialismus`, zu akzeptieren. Diese Aggressivität kann sich nicht verändern, da sie zu tief im amerikanischen (imperialistischen) Volk verwurzelt sei. Die USA könne sich auf Grund seiner imperialistischen Gesellschaft niemals (friedlich) verändern. Dies treffe ebenso auf den Westen in Europa zu, die nur die Marionetten des Imperialismus seien. Kurzum: Nach sowjetischer Weltanschauung, kann sich der Imperialismus nicht verändern und wird dadurch immer wieder zu neuen Konflikten führen. Insbesondere der Widerstand gegen eine Verschiebung des internationalen Kräfteverhältnisses in die UdSSR und somit auch zum Sozialismus, wird als ein Kennzeichen für die Aggressionspolitik des Westens verstanden. Aber gilt das selbe nicht auch umgekehrt? Kann man nicht auch den Widerstand des Ostens gegen eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses als Aggressionspolitik verstehen? Nun ist aber dem sowjetischen Verständnis nach „Aggression“ ein Kennzeichen des Imperialismus, das nicht in sozialistischen Staaten existiert. Aber was wäre, wenn man „Aggression“ einfach mit „Weltanschauung“ oder im speziellen Sinne mit „Klassendenken“ ersetzen würde?
30 Vgl. wie vor, S. 28.
31 Vgl. wie vor, S. 23.
32 Vgl. wie vor, S. 58/59.
33 Sowjetische Militärenzyklopädie 1980, zit. nach: FREI, Daniel: Feinbilder und Abrüstung, S. 30/31.
34 Ovinnikov 1981, zit. nach: FREI, Daniel: Feinbilder und Abrüstung, S. 33.
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Laura Schiffner, 2009, Das Feindbild Russland in den Printmedien vor dem Hintergrund des Georgienkonflikts, München, GRIN Verlag GmbH
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