Sprache und Macht
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Sprache und Macht. 3
2.1. La langue est-elle fasciste? 3
3. Sprachwissenschaft und Soziologie. 7
3.1. Eine linguistische Wirtschaftskunde. 11
3.2. Körperliche Hexis und sprachlicher Habitus. 12
4. Banlieue zwischen Mythos und Realität. 15
4.1. Multisprech’: Les langues des Cités 18
5. Schlussbemerkung. 22
6. Quellenverzeichnis. 24
Hoelenn Maoût 1
Sprache und Macht
1. Einleitung
Wie das einleitende Motto andeutet, setzt sich die vorliegende Arbeit mit der Diskussion um die Spannungen zwischen Sprache und Macht am Beispiel der gegenwärtigen französischen Gesellschaft auseinander. Aus diesem Grunde geht die linguistische Analyse mit einer Untersuchung der sozialen Zusammenhänge einher, in der die Sprache stets stattfindet, so dass sich diese Forschung auch als Politikum versteht.
Um in die Thematik aus diachroner Perspektive einzusteigen, befasst sich der erste Abschnitt mit den historisch-politischen Prämissen des heutigen Standardfranzösisch, welches im Folgenden aus verschiedenen Blickwinkeln und Disziplinen problematisiert wird. Daher umreißt der zweite Teil die Debatte zwischen dem Semiologen Roland Barthes und der Literaturwissenschaftlerin Hélène Merlin-Kajman, deren verschiedene Standpunkte sich zwar durch voneinander differierende Konzeptionen von Macht und Sprache auszeichnen, sich indessen in ihrer Radikalität der Kritik entsprechen.
Der Ansatz der soziologischen Perspektive folgt im Hauptteil dieser Arbeit in einer umfassenden Beschäftigung mit den Thesen und praktischen Felderfahrungen Pierre Bourdieus. Sein Versuch, die akademischen, unausgesprochenen Voraussetzungen der Sprachanalyse aufzuzeigen und durch Bewusstwerdung aufzubrechen, mündet einerseits in der Idee, dass ein sprachlicher Tausch immer ein ökonomischer Tausch ist, d.h. dass ein linguistisches Produkt auf den verschiedenen Märkten eine bestimmte Wertigkeit erhält. Andererseits zieht dieser Entwurf der Sprache die Konsequenz nach sich, denjenigen, die mit den wenigsten Kapitalien ausgestattet sind und deshalb kaum soziale Anerkennung erfahren, Raum für ihre spezifischen Erfahrungen mit der französischen Gesellschaft und Sprache zu geben. Somit ist es neben der wissenschaftlichen Analyse der verschiedenen Sprach- und Machttheorien Anliegen dieser Arbeit, die außerhalb des universitären Diskurs und Duktus formulierten Inhalte und Sprachprodukte darzulegen. Mit dem Ziel, den Bogen zur Merlin-Kajmanschen Beobachtung vom Verschwinden der Sprache zu ziehen, was sie speziell für die nachfolgenden Generationen ausmacht, aber auch um die sozialen Hierarchien innerhalb der Sprachbewertung nicht zu reproduzieren, ergründet der vierte Paragraph die heutige Jugendkultur Frankreichs am Beispiel der Hip-Hop-Bewegung in ihrem charakteristischen historisch-politischen, sozial-sprachlichen, architektonischen und medial bestimmten Kontext. Abschließend werden noch einmal die gewonnenen Einsichten zusammengeführt und reflektiert.
Hoelenn Maoût 2
Sprache und Macht
2. Sprache und Macht
Das Verhältnis von Macht und Sprache zieht sich wie ein roter Faden durch die okzidentale Philosophie, denn seit Sokrates (mündlich) und Platon (schriftlich) wird die Sprache mit dem Denken und der Erfahrbarmachung der materiellen und geistigen Welt gleichgesetzt. Daher ist das eine immer strukturierendes und konstitutives Prinzip und Prämisse des anderen. Aus diesem Grund ist die Sprache immer „Gegenstand politischer Auseinandersetzungen und Kämpfe. Und in diesen Kämpfen geht es stets darum, anderen seine Sicht der sozialen
Lebenswelt aufzuzwingen (...).“ 1
Besonders deutlich wird die Relation der beiden Größen in diachron linguistisch-politischer Perspektive. So tritt nicht nur das Französische im 16. Jh. das akademische Erbe des Hochlateins an, d.h. als die Schriftsprache Europas, welches den konkurrierenden dialektalen Formen des Vulgärlateins (Spanisch, Italienisch etc.) obliegt, sondern es wird auch an der Durchsetzung einer Norm oder eines Standards im Frankreich des 17. Jh. explizit. Die Norm des Französischen geht einher mit der Konstruktion des monarchistischen Staates und setzt sich aus folgendem linguistischen Konglomerat zusammen: Auf diatopischer Ebene triumphiert der elegante Dialekt der région parisienne, dazu der Soziolekt der Menschen am Hof (diastratisch) und ist in letzter Instanz (diaphasisch) von Schriftlichkeit geprägt, da die Schriftsteller und Grammatiker das Regelwerk einer bis dahin ungeregelten Sprache
formulieren. 2 Demzufolge haftet diesem Gemisch ein elitäres Moment an, obwohl seine gleichsetzende Funktion eine Einebnung der Variationen und kulturellen Differenzen
vorsieht, was ebenso für die nachrevolutionäre Sprache gilt. 3 Dabei stehen die Aneignungs- und Anwendungsprozesse der Sprache und sprachlichen Strategien immer in spezifischen Abhängigkeitsverhältnissen, so beispielsweise zum kulturellen Familienerbe, d.h., dass sprachlich-strategische Differenzen zwischen Kindern aus bildungsbürgerlichem Milieu oder den Nachkommen ökonomisch schwacher Familien
existieren, was obendrein durch topographische Markierungen („effets de lieu“ 4 ) widergespiegelt wird.
2.1. La langue est-elle fasciste?
Wie der Titel dieses Abschnitts bezeugt, wird im Folgenden die Kontroverse zwischen Barthes plakativer Proklamation „La langue est fasciste“, formuliert in seiner
1 Bourdieu, Pierre: Die Verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zur Politik und Kultur 1. Hamburg: VSA-Verlag 1992. S. 25
2 Vgl.: Bourdieu, Pierre: Langage et pouvoir symbolique. Paris: Éditions du Seuil 2001. S. 72 ff.
3 Vgl.: Ebd. S. 74
4 Bourdieu, Pierre: La misère du monde. Paris: Éditions du Seuil 1993. S. 159
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Inauguralvorlesung am Collège de France 1977, und Merlin-Kajmans Replik im Jahre 2003 skizziert.
Barthes problematisiert die Relation zwischen Macht und Sprache radikal, indem er sie als faschistisch deklariert, da sie nicht ein bestimmtes Sprechen verhindere, sondern im
Gegenteil dazu zwinge, auf spezifische Art und Weise zu sprechen. 5 Dies beweist er anhand des grammatischen Geschlechts: „Je suis obligé de toujours choisir entre le masculin et le
féminin, le neutre ou le complexe me sont interdits.“ 6 Durch die eingeschränkte Wahl des Genus wird ein sprachlicher Modus vorab vorgegeben, welcher simultan die Gedanken und
Lebenswelten strukturiert. 7 Zunächst bedeutet dies, dass die Sprache nicht nur die Lebenswelt spiegelt, kommuniziert und darstellt, sondern auch dass sie diese hervorbringt. Da „je suis à
la fois maître et esclave“ 8 , wird die Reflexion über die Macht der Sprache und Ohnmacht des Sprechenden mit der These einer möglichen Verschiebung verknüpft, wofür Barthes die Schriftlichkeit der Literatur als besonderen Ort prädestiniert sieht. Die Schrift stellt die autonome Seite der Sprache dar, welche nicht von der klassisch-hierarchisch überbewerteten Gegenwart beherrscht ist. Daher kann der Text einen ständigen Modifikationsprozess der Strukturen vollziehen, anstatt diese ständig zu reproduzieren. Prämisse für das Gelingen dieser Umstrukturierung besteht in einer anderen Notation des Textes, welcher als „une
pratique signifiante“ 9 charakterisiert ist. 10 Durch die poststrukturelle Textinszenierung verkümmert zwar im Spiel der Differenzen die signification, da jedoch Sinn immer Effekt eines differentiellen Systems ist und dies (un)bewusst in Szene gesetzt wird, keimt der Bedeutungsprozess (signifiance) auf, wird pluralisiert, was durch den Derridaschen Begriff der dissémination, der Streuung von Sinn, seine Begrifflichkeit erfährt. Vor diesem Hintergrund kann sich das Schreiben den gewohnten Denkkategorien entziehen, schreibt diese um und verflüssigt so die starren Strukturen.
Gleichzeitig ist Barthes ein Leser Foucaults und sich dessen Thesen über die Macht bewusst, an denen zentral erscheint, dass er der traditionellen Vorstellung einer binär strukturierten und repressiven Macht im Sinne von Unterdrücker und Unterdrücktem eine Absage erteilt. In seinen Überlegungen zur Macht globalisiert und dezentralisiert Foucault diese, wenn er von
5 Vgl.: Barthes, Roland: Leçon/Lektion. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1980. S. 18
6 Ebd. S. 16
7 Vgl.: „Ich trete [durch das Sprechen] in eine endlose Folge von Regressionen des Vorausgesetzten ein. Diese Regression zeugt gleichzeitig von der völligen Machtlosigkeit des Sprechenden und der vollkommenden Macht der Sprache.“ (Deleuze, Gilles: Differenz und Wiederholung. München: Fink Verlag 1992. S. 48)
8 Barthes, Roland: Leçon/Lektion. S. 20
9 Barthes, Roland: L´aventure sémiologique. Paris: Éditions du Seuil 1985. S. 13
10 Vgl.: „Ce n´est pas un ensemble de signes fermés, doué d´un sens qu´il s´agirait de retrouver, c´est un volume de traces en déplacement.“ (Ebd.) Hoelenn Maoût 4
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einer Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen spricht, welche in Relation zu einander stehen. 11 In der Folge geht es Barthes, wenn er von der Literatur als Ort „hors-pouvoir“ 12 spricht, nicht darum, eine Gegenthese zu formulieren, sondern um das Verschieben von einer nicht eindeutig lokalisierbaren Macht. Dass Barthes keinen Widerstand im Sinne der Repressionshypothese zu leisten versucht, wird im folgenden paradoxen Sprechakt ausgedrückt: „Il ne peut donc y avoir de liberté que hors du langage. Malheureusement, le
langage humain est sans extérieur; c´est un huis clos.“ 13 Dies bedeutet, dass der Durchlass die Schrift selbst sein muss. 14 Dabei kann die Literatur in den Zwischenräumen (der Wissenschaften) arbeiten und ihr dementsprechend ein großes Maß an Mobilität
zugesprochen werden. 15
Während Barthes im Modus der Postmoderne zur Unterminierung der Sprache aufruft, sieht Merlin-Kajman eine drohende Gefahr im radikalen Verschwinden der Norm und allgemeiner der Sprache. In ihrem Buch La langue est-elle fasciste? zeichnet sie ein alarmierendes Bild der französischen Gesellschaft aufgrund des Rückzugs (der Menschen aus) der Sprache, wobei sie die ideologische Verantwortung in den (post)modernen Texten verortet. Diese
anthropologische Transformation 16 findet Ausdruck in der Werbung, welche ohne Sprache auskommt bzw. aus sprachliche Unsicherheit generierenden Sprachspielen bestehe. 17 Somit gehe es daher nicht mehr um eine ‚normale’ Kommunikation mit Hilfe einer Sprache, welche die äußerliche Welt repräsentiere, sondern das Jakobsonsche Kommunikationsmodell werde autoreflexiv auf die poetische Funktion reduziert. Die Sinnbezüge der Sprache sind also nicht extern in einer äußerlichen Welt zu entdecken. Vielmehr wird die Sprache zu einem gigantischen Sprachspiel stilisiert, welches in einem unendlichen Textverweissystem als etwas Unhintergehbares umorganisiert wird. Laut Merlin-Kajman werde die kulturelle Katastrophe seit 1968 durch die Schule und aktuelle Sprachpädagogik weiter vorangetrieben, welche ganz im Sinne einer révolution du langage poétique (Kristeva) aus den Schülern mit Wörtern bewaffnete Aufrührer mache, die keine Autorität anerkennen. 18 Gemäß der Autorin
11 Vgl.: Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1977. S. 93 ff.
12 Barthes, Roland: Leçon/Lektion. S. 22
13 Ebd. S. 20
14 Vgl.: Ebd.
15 Vgl.: Ette, Ottmar: Roland Barthes. Eine intellektuelle Biographie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998. S. 424
16 Vgl.: „Autodestruction de la langue mène à la mise à mort du sujet“ (Staraselski,Valère: Valère Staraselski a
lu Hélène Merlin-Kajman Langue fasciste? L´Humanité: 5 mai 2003.)
17 Vgl.: Merlin-Kajman, Hélène: La langue est-elle fasciste. Langue, pouvoir, enseignement. Paris: Éditions du seuil 2003. S. 20/21 u. 41/42
18 Vgl.: Ebd. S. 22 u. 44. Sicherlich werden Wörter ausdrücklich in der Jugendkultur des Hip-Hop als Waffe benutzt. Jedoch stellt der moderne Sprechgesang die These vom Verschwinden der Sprache eindeutig in Frage, da ihn in erster Linie hochkonzentriertes Sprechen kennzeichnet. Hoelenn Maoût 5
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wäre die soziale Folge, dass in diesem „maison de fou“ 19 „l´illettrisme pourrait avoir de beaux jours devant lui“ 20 sowie politischer Extremismus und Intoleranz. 21 Insgesamt betrachtet erweckt diese neue Form einer querelle des anciens et des modernes den Eindruck, dass Merlin-Kajman den Hintergrund des aktuellen Diskurses in den Geisteswissenschaften ausblendet. Während Adorno und Horkheimer in ihrem Entwurf der negativen Teleologie die Ursprünge des Untergangs der Menschheit in die Anfänge der menschlichen Vernunft verlegen, erfährt die Auffassung von Sprache als Repräsentation eines Gegenstandes mit dem Paradigmenwechsel des linguistic turn (Rorty) eine folgenreiche Modifikation. 22 D.h., dass Merlin-Kajmans Auffassung eines „signifié d´origine“ und vermeintlichen „valeur représentative“ 23 an der Diskussion vorbeigeht. Zwar beruft sich ihre Argumentation wiederkehrend auf Wittgenstein, jedoch missachtet sie, dass dieser den Tractatus in einem zweiten Werk widerlegt, an dem er insbesondere die théorie de l´image du langage kritisiert.
Überdies vergisst sie, die schwierige und unverarbeitete Kolonialgeschichte Frankreichs in Bezug zu den heutigen Problemen sowie den ideologischen Sockel des Kolonialismus zu
betrachten, was die Jugendlichen beispielsweise in ihren Raptexten problematisieren. 24 Merlin-Kajman hingegen spricht im Sinne Levinas von „l´éthique du langage“ 25 und „la parole est toujours la rencontre d’autrui“ 26 , blendet dabei jedoch aus, dass die Grande Nation über Jahrhunderte andere Völker sprachlich-kulturell unterworfen und dabei ihre ‚eigene’ Kultur und Zivilisation höher gestellt hat, um die Unterwerfung und Disziplinierung zu
legitimieren. 27 Eine wirkliche Annäherung an den Anderen würde notwendigerweise das
19 Ebd. S. 42
20 Ebd. S. 34
21 Vgl.: Ebd. S. 59
22 Vgl.: „Die Elemente des Bedeutens funktionieren nicht durch die kompakte Kraft von Kernpunkten, sondern durch das Netz von Oppositionen, die sie voneinander unterscheiden und aufeinander beziehen.“ (Derrida, Jacques: DIE DIFFÉRANCE. In: Randgänge der Philosophie. Wien: Passagen Verlag 1988. S. 39)
23 Merlin-Kajman, Hélène: La langue est-elle fasciste? S. 21
24 Vgl.: „Durant la deuxième guerre mondiale des tas de noirs sont tombés pour la France / Maintenant on leur crache dessus en signe de reconnaissance.“ (Tout Simplement Noir: Le peuple noir. Dans Paris nocturne 1995.) Die Auseinandersetzung mit den tirailleurs sénégalais ist in der Rapszene schon 1995 datiert. Dagegen braucht der Rest der Republik bis 2006 und den Film Les Indigènes von Rachid Bouchareb Dass elf Jahre zwischen der internen und der offiziellen Konfrontation liegen, wobei Letztere mit der Aufwertung der Pensionen einhergeht, geschieht vor dem Hintergrund unterschiedlicher Interessen. So haben die Jugendlichen mit Migrationshintergrund ein unaufschiebbares Verlangen nach der Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte und an der Annerkennung ihrer (Groß)Eltern und ihrem Dienst für den französischen Staat. Allerdings ist ihr Handlungsspielraum aufgrund der Markt- und Machtverhältnisse extrem eng gesteckt und zeichnet sich asymmetrisch zum offiziellen Diskurs. Dieser wird zwar in der langue légitime gehandelt, bestimmt aber simultan auch die Inhalte.
25 Merlin-Kajman, Hélène: Des élèves et des rats. Le Monde: 07.12.2000.
26 Staraselski,Valère: Valère Staraselski a lu Hélène Merlin-Kajman Langue fasciste? L´Humanité: 5 mai 2003.
27 Vgl.: „Prenez la philosophie des Lumières: Voltaire comparait les nègres à des « animaux » ! Aucun d´entre eux n´a remis en question les justifications de l´esclavage. Pis, certains les ont renforcées. Pourtant, en France, Hoelenn Maoût 6
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