Inhaltsverzeichnis 1
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
Abbildungsverzeichnis 3
1 Einführung. 4
1.1 Problemlage, Fragestellung und Aufbau der Arbeit 4
1.2 Vorgehensweise und Methode. 6
2 Zur Bedeutung der Kommunikation 9
2.1 Begriffsklärung und Theorien der Kommunikation 9
2.2 Zur Bedeutung der Kommunikation für den Menschen. 15
3 Menschen mit erworbener geistiger Behinderung in der
Neurologischen Rehabilitation 18
3.1 Neurologische Rehabilitation 18
3.2 Erworbene geistige Behinderung 20
3.3 Erworbene geistige Behinderung in Abgrenzung zur angeborenen
geistigen Behinderung. 25
3.4 Besondere Problemstellungen dieser Personengruppe 27
3.4.1 Kognitive Defizite 28
3.4.1.1 Gedächtnisstörungen. 29
3.4.1.2 Störungen der Aufmerksamkeit. 31
3.4.1.3 Wahrnehmungsstörungen 32
3.4.1.4 Störungen der Exekutivfunktionen. 34
3.4.1.5 Weitere Störungen kognitiver Funktionen 35
3.4.1.6 Denken 36
3.4.2 Sprach- und Sprechstörungen 37
3.4.2.1 Aphasien 37
Inhaltsverzeichnis 2
3.4.2.2 Dysarthrie/Dysarthrophonie 39
3.4.2.3 Sprechapraxie 40
3.4.3 Körperliche Beeinträchtigungen. 41
3.4.4 Psychische Beeinträchtigungen. 42
3.5 Zusammenfassende Betrachtung 43
4 Heilpädagogische Unterstützung der Kommunikation. 44
4.1 Augmentative and Alternative Communication (AA)C 47
4.1.1 Ziel und Zielgruppe. 48
4.1.2 Multimodales Kommunikationssystem 49
4.1.3 Besonderheiten der Gesprächssituation 51
4.2 Methoden der AAC 51
4.2.1 Zeichen und Symbolsysteme 51
4.2.2 Kommunikationsformen 53
4.2.2.1 Körpereigene Kommunikationsformen. 53
4.2.2.2 Externe Kommunikationshilfen. 54
4.2.3 Techniken. 57
4.2.4 Kommunikationsstrategien 58
4.3 Derzeitige Rolle der AAC in der neurologischen Rehabilitation 59
5 AAC bei Menschen mit erworbenen geistigen Behinderungen. 62
5.1 Allgemeine Aspekte des AAC-Einsatzes bei Menschen mit
erworbenen Beeinträchtigungen in der neurologischen
Rehabilitation. 62
5.1.1 Umgang mit dem Betroffenen 63
5.1.2 Hilfsmittel 65
5.1.3 Weiteres Umfeld 66
5.2 Schlussfolgerungen zum AAC-Einsatz bei Menschen mit erworbenen
geistigen Behinderungen. 67
5.2.1 AAC bei Gedächtnisstörungen 69
Abbildungsverzeichnis 3
5.2.2 AAC bei Störungen der Aufmerksamkeit 71
5.2.3 AAC bei Wahrnehmungsstörungen. 72
5.2.4 AAC bei Störungen der Exekutivfunktionen 73
5.2.5 AAC bei weitere kognitive Störungsbildern. 73
5.3 Zusammenfassende Betrachtung 75
6 Schlussbetrachtung und Ausblick. 78
Literaturverzeichnis 80
Abk ürzungsverzeichnis 93
Glossar 94
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Verhalten, Handeln, Interaktion, Kommunikation. 12
Abbildung 2: Komplexität der Beeinträchtigungen nach Hirnschädigung. 27
Abbildung 3: Komponenten kognitiver Verarbeitungsprozesse und
Probleme bei geistiger Behinderung. 29
Abbildung 4: Schwerpunkte des AAC-Einsatzes in der neurologischen
Rehabilitation. 67
Abbildung 5: Zusammenhang von Kommunikationsfähigkeit und
Ged ächtnis. 68
Abbildung 6: Schlussfolgerungen zum AAC-Einsatz bei Menschen mit
erworbenen geistigen Behinderungen 74
Einführung 4
1 Einführung
Die Aussage Jaspers macht deutlich, dass Kommunikation eine wesentliche Grundlage für das Leben des Menschen ist. Über Kommunikation treten wir zu unserer Umwelt in Kontakt und teilen unsere Wünsche, Interessen oder Bedürfnisse mit. Krankheiten können jedoch zur Beeinträchtigung oder zum Verlust der Kommunikationsfähigkeit führen und somit dem Menschen jegliche Partizipationsmöglichkeit am Leben in der Gesellschaft entziehen. Deshalb ist es notwendig, diese oft plötzlich auftretende Kommunikationsstörung, die einen sehr hohen Stellenwert für den Betroffenen hat, so schnell wie möglich zu beheben oder - wenn dies nicht möglich istdurch Alternativen zu kompensieren. Hierzu bietet die Heilpädagogik mit dem Fachbereich der Unterstützten Kommunikation (AAC) vielfältige Methoden an. Vor allem für Menschen, die unter Kommunikationsstörungen aufgrund erworbener Hirnschädigungen leiden, ist die AAC jedoch noch nicht genügend wissenschaftlich aufgearbeitet und in der Praxis findet sie bis jetzt nur wenig Anwendung. Gerade im Zusammenhang mit kognitiven Einschränkungen stößt die funktionelle Sprachtherapie bisher immer wieder an ihre Grenzen, und es werden alternative bzw. ergänzende Möglichkeiten benötigt, die in der Lage sind, Kommunikation trotz veränderter Bedingungen aufrecht zu erhalten.
1.1 Problemlage, Fragestellung und Aufbau der Arbeit
In der deutschen Literatur zur heilpädagogischen Unterstützung der Kommunikation liegt der Schwerpunkt auf Ansätzen für Kinder und Jugendliche mit angeborenen Störungen. Angaben zur Kommunikationsförderung bei Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen existieren fast ausschließlich in der angloamerikanischen Literatur. Aber auch in dieser sind kaum Hinweise auf kognitive Beeinträchtigungen zu finden. Es mangelt an theoretischem Wissen, Konzepten und Umsetzungsmöglich- keiten für die Praxis.
Einführung 5
Mit dieser Arbeit soll deshalb die Frage geklärt werden, ob es heilpädagogische Methoden zur Unterstützung der Kommunikation gibt, die sich auf Menschen mit er-worbenen geistigen Behinderungen in der neurologischen Rehabilitation übertragen lassen.
Zur Beantwortung dieser Fragestellung möchte ich zuerst (2. Kapitel) die Bedeutung der Kommunikation für jeden Menschen verdeutlichen, um auf dieser Basis die Notwendigkeit einer Unterstützung der Kommunikation für Menschen mit erworbenen geistigen Behinderungen in der Neurologischen Rehabilitation zu begründen. In einem zweiten Schritt (3. Kapitel) soll die erworbene geistige Behinderung von der angeborenen abgegrenzt und besondere Problemstellungen dieser Personengruppe herausgearbeitet werden. Durch eine Zusammenfassung der heilpädagogischen Literatur wird im vierten Kapitel ein Einblick in das Fachgebiet der AAC gegeben, wobei der Schwerpunkt auf die Methoden gelegt wird. Da sich aus der Literatur nahezu keine Hinweise zur Unterstützung der Kommunikation bei erworbenen geistigen Behinderungen in der neurologischen Rehabilitation ergaben, folgt auf der Grundlage der vorangegangenen Kapitel im fünften Teil eine Aufstellung von Thesen zum Einsatz von AAC. Diese orientieren sich an bestimmten Problembereichen, mit denen die untersuchte Personengruppe konfrontiert ist. Am Schluss stehen die Zusammenfassung der Ergebnisse und ein Ausblick für weitere Forschungsarbeiten. Damit soll folgende Hypothese geprüft werden: Es ist möglich und sinnvoll, Hilfen und Strategien zur Unterstützung der Kommunikation aus dem Bereich der Heilpädagogik auf die neurologische Rehabilitation anzuwenden und AAC kann auch bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zum Rehabilitationserfolg beitragen. Da die Arbeit fachübergreifend ist und sowohl Begriffe aus dem medizinischen als auch aus dem pädagogischen bzw. linguistischen Bereich verwendet, findet sich im Anhang ein Glossar mit kurzen Erläuterungen zu den jeweiligen Fachbegriffen. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwende ich in der Arbeit die männliche Perso- nenbezeichnung, welche die weibliche selbstverständlich mit einschließt.
Einführung 6
1.2 Vorgehensweise und Methode
Um das systematische Vorgehen transparenter zu gestalten, soll nun die Vorgehensweise dieser Arbeit dargelegt und ein kurzer Einblick in die ihr zu Grunde liegende hermeneutische Methode gegeben werden.
Am Anfang stand die Sichtung der fachspezifischen Veröffentlichungen mit Beschränkung auf die Jahre 1997-2007, da die gesamte heilpädagogische und medizinische Literatur für das Thema der Arbeit zu umfassend gewesen wäre. Gesucht wurde in folgenden Quellen:
Des Weiteren ergaben sich durch die Sichtung der relevanten Literaturangaben in den ausgewählten Veröffentlichungen zusätzliche Titel, unter anderem auch aus dem angloamerikanischen Sprachraum. Zudem wurden ältere Texte, die bedeutsam erschienen, mit in die Auswertung aufgenommen. In einem zweiten Schritt erfolgte die Auswahl von Veröffentlichungen, die sich durch ihre Nähe zum Thema auszeichneten, entweder nach den Titeln oder - bei Unklarheit über den Bezug zur Fragestellung - nach Sichtung der Inhaltsangabe. Es war jedoch keine einzige Arbeit zu finden, welche die Unterstützung der Kommunikation bei erworbener geistiger Behinderung in der Neurologischen Rehabilitation zum Thema hatte. Aufgrund dieser Tatsache werden in der vorliegenden Arbeit Hinweise auf die Problemstellungen von Men-
Einführung 7
schen mit erworbenen kognitiven Beeinträchtigungen, die aus der Literatur gewonnen werden konnten, systematisiert und dabei wesentliche Symptome der Beeinträchtigungen herausgearbeitet. Mit Hilfe der heilpädagogischen Literatur zum Thema Unterstützte Kommunikation wird ein Einblick in das Fachgebiet mit seinen spezifischen Methoden vermittelt. Zudem wird der Forschungsstand der AAC bei Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen erläutert, da diese Untersuchungen zwar keine speziellen Methoden für Menschen mit erworbenen geistigen Behinderungen vorgeben, aber zusätzliche Hinweise für die Auswertung abgeleitet werden können. Im letzten Schritt folgt eine Aufstellung von Thesen zum Einsatz von AAC bei Menschen mit erworbenen geistigen Behinderungen, die aus den besonderen Problemstellungen dieser Personengruppe abgeleitet werden können. Sie werden durch Meinungen aus der Praxis (Interviews) belegt und kritisch reflektiert. Das theoretische Fundament dieser Arbeit bildet die hermeneutische Methode. Der Begriff Hermeneutik stammt von dem griechischen Wort ‚hermeneuein’ ab und bedeutet ausdrücken (aussagen, sprechen), auslegen (interpretieren, erklären) oder übersetzen (dolmetschen) (vgl. GRONDIN 1991, 24). Seit dem 17. Jahrhundert als Wissenschaft oder Kunst der Auslegung bezeichnet, wurde die Hermeneutik im Wesentlichen durch SPINOZA, SCHLEIERMACHER, DILTHEY, HEIDEGGER und HABERMAS geprägt (vgl. ebd., 1; NASSEN 1982). Durch die philosophische Hermeneutik, die sich mit Erkenntnisprozessen in den Geisteswissenschaften befasst, erhält die Methode vor allem durch GADAMERs bzw. RICOEURs Überlegungen eine Existenzberechtigung in den Wissenschaften (vgl. GRONDIN 1991, 1ff.). Was subjektiv vom Menschen wahrgenommen werden kann, wird durch hermeneutische Verfahren interpretiert, gedeutet und dadurch erfassbar. Verstehen bildet somit das Zentrum der Hermeneutik. Es ist „die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins [Hervorhebung im Original], das In-der-Welt-sein ist“ (GADAMER 1968a, 264) und „impliziert die allseitige Möglichkeit des Auslegens, Bezüge-sehens, Folgerungen-ziehens usw., in der eben im Bereich des Textverständnisses das Sich-auskennens besteht“ (ebd., 265). Verstehen geschieht hauptsächlich intuitiv und richtet sich auf den Sinn eines Ge-genstandes. Wenn wir versuchen, die Aussage eines Textes zu verstehen, fließt immer unser subjektives Vorverständnis mit ein, was aber keinesfalls bedeutet, „daß man die ‚Geisteswissenschaften’ als die ‚ungenauen’ Wissen- schaften in all ihrer bedauerlichen Mangelhaftigkeit weiter vegetieren
Einführung 8
lassen muß, solange sie nicht zur science erheben [Fehler im Original] und der unity of science [Hervorhebungen im Original] eingegliedert werden können. Vielmehr wird eine philosophische Hermeneutik zu dem Ergebnis kommen, daß Verstehen nur so möglich ist, daß der Verstehende seine eigenen Voraussetzungen ins Spiel bringt. Der produktive Beitrag des Interpreten gehört auf eine unaufhebbare Weise zum Sinn des Verstehens selber“ (GADAMER 1986b, 109).
Verstehen ist niemals nur subjektiv vom Betrachter bestimmt, sondern beinhaltet als Erkenntnisart ein objektives bzw. intersubjektives Wissen, welches jedoch im Sinne der Erkenntnistheorie nach MATURANA & VARELA auch nichts anderes als die Konstruktion einer individuell wahrgenommenen Wirklichkeit ist (vgl. ROTHMAYR 2001, 38). Die Sprache vermittelt nach GADAMER (1986b) zwischen dem Abstand der Individuen, der verschiedenen Kulturen oder Zeiten und macht Verstehen möglich (vgl. 109).
Der französische Philosoph Paul RICOEUR weist zudem darauf hin, dass Texte den Sinn menschlicher Handlungen transportieren. „Neue Einsichten in eine Welt, die der Text in sich trägt, werden den Lesern eröffnet und bieten Einblick in menschliche Handlungen“ (ROTHMAYR 2001, 41). Durch die Aneignung eines Textes wird die Distanz zu ihm überwunden:
„Jede Interpretation hat die Absicht, eine Entfernung zu überwinden [...]. Indem der Auslegende diesen Abstand aufhebt und sich zum Zeitgenossen des Textes macht, kann er sich dessen Sinn aneignen: Wenn dieser ihm zuerst fremd war, macht er ihn sich zu eigen, d.h., er internalisiert ihn und verfolgt über das Verstehen des anderen eine Erweiterung des eigenen Selbstverständnisses“ (RICOEUR 1973, 27) Der Begriff des Verstehens ist für diese Arbeit von zweifacher Bedeutung: Sie basiert auf dem Textverstehen, das für die Ebene des zwischenmenschlichen Verstehens (zwischen Menschen ohne und Menschen mit einem Kommunikationsproblem bei erworbenen geistigen Behinderungen) wesentlich ist - demnach hermeneutisches Verstehen und Verstehen als Basis für Handeln. „Verstehen impliziert folglich sowohl geistige Vorgänge im Sinne einer Rezeption von Fachtexten und deren Verarbeitung durch eine Aus-einandersetzung mit ihnen, als auch sinnliche Vorgänge im Sinne einer Einordnung der Fachlichkeit in die Lebenswelt und Erfahrung der Rezipienten“ (ROTHMAYR 2001, 38).
Mit dieser Arbeit soll die Welt der Menschen mit erworbenen geistigen Beeinträchti- gungen ins Blickfeld gerückt werden. Ein Ziel dieser Arbeit soll die bessere Verstän-
Zur Bedeutung der Kommunikation 9
digung zwischen Menschen, die auf AAC angewiesen sind und ihren Interaktionspartnern darstellen. Zwei hermeneutische Aspekte sind dafür von Bedeutung: das Textverstehen und der Verstehensvorgang, der notwendig ist für die Anwendung des Verstandenen. Damit kann „[d]as Verstehen und Einordnen von wissenschaftlichen Texten [...] zu einem besseren Verständnis der Lebenssituation [von Menschen mit erworbenen geistigen Behinderungen] [...] führen“ (ROTHMAYR 2001, 49).
2 Zur Bedeutung der Kommunikation
Im Folgenden soll anhand eines Überblicks über die verschiedenen Kommunikati-onstheorien gezeigt werden, dass sich Kommunikation durch alle Lebensbereiche des Menschen zieht. Soziale, politische und ökonomische Entscheidungsprozesse ebenso wie unsere persönlichen zwischenmenschlichen Kontakte und eigene Identitätsbildungsprozesse werden durch sie bestimmt. Da Kommunikation so außerordentlich umfassend ist, wird der Begriff für das Ziel dieser Arbeit anschließend genauer eingegrenzt. Zudem soll über eine Betrachtung zur Bedeutung der Kommunikation gezeigt werden, dass es notwendig ist, Menschen mit erworbenen geistigen Behinderungen in der neurologischen Rehabilitation Kommunikation zu ermöglichen.
2.1 Begriffsklärung und Theorien der Kommunikation
Der Begriff Kommunikation stammt vom lateinischen Wort ‚communicare’ ab und kann durch teilen, mitteilen, vereinigen oder Gemeinsamkeiten herstellen übersetzt werden (vgl. FRÖHLICH 2004, 53). Es gibt keine allgemeingültige Definition für Kommunikation, da diese äußerst komplex ist und aus den Sichtweisen vieler unterschiedlicher Wissenschaftstheorien auf verschiedenste Art und Weise beschrieben wird. Kommunikation ist unter anderem Forschungsgegenstand der Sprachwissenschaft und Linguistik, der Philosophie, der Soziologie sowie der Psychologie. Ebenso ist sie in den Praxisfeldern Psychotherapie, Medizin, Kunst, Verwaltung, Sozialberatung, Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaft - nur um einige zu nennen - ein wichtiger Begriff (vgl. RECK 1996, 14f.). Da die Beschreibung der verschiedenen Kommunikationstheorien an dieser Stelle zu weit führen würde, beschränke ich mich darauf, einzelne Ansätze zu nennen, um mich dann etwas ausführlicher dem Modell von LINKE, NUSSBAUMER & PORTMANN (2004) zuzuwenden. Es bietet meiner Mei-
Zur Bedeutung der Kommunikation 10
nung nach eine sinnvolle Grundlage für die heilpädagogische Unterstützung der Kommunikation bei Menschen mit erworbenen geistigen Behinderungen. Bereits 400 Jahre v. Chr. beschäftigten sich PLATON und ARISTOTELES mit Rhetorik und Dialektik, was später in der Argumentationstheorie weitergeführt wurde (vgl. RETTER 2002, 89ff.). Aus einer interaktionalistischen Perspektive analysierten im 19. und 20. Jahrhundert unter anderem DARWIN (1872), TRAGER (1964), BIRDWHISTELL (1979), SCHEFFLEN (1976) und EIBL-EIBESFELDT (1984) körpersprachliche Interaktionen von Tieren und Menschen (vgl. RECK 1996, 142; SCHERER & WALLBOTT 1984).
Paul WATZLAWICK beschreibt Kommunikation als ein System, wobei er nicht die einzelnen Botschaften analysiert, sondern die Ganzheit aller am Kommunikationsprozess Beteiligten betrachtet. Er sieht zwischenmenschliche Kommunikation als einen Regelkreis an, der über Rückkopplung funktioniert (vgl. WATZLAWICK et al. 2000, 31f.). Jedes Verhalten des Menschen hängt vom Verhalten der anderen ab und jeder beeinflusst mit seinem Verhalten wiederum andere. Diese systemtheoretische Perspektive wird von Niklas LUHMANN weitergeführt. Kommunikation bezeichnet nach ihm eine Operation, welche soziale Systeme bildet und erhält (Autopoiesis) 1 , d.h. als „die Operation, die Gesellschaft produziert und reproduziert“ (LUHMANN 1997, 70). Systeme bestehen durch den Anschluss von Kommunikationen an Kommunikationen. Kommunikation kann nur durch andere Kommunikation entstehen (vgl. LUHMANN 2004, 78ff.). Sie tritt als Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen auf. Information bedeutet, dass etwas mitgeteilt und verstanden wird, was die Gesellschaft (das System) so verändert, dass weitere Kommunikation möglich wird (vgl. ebd., 82). Demzufolge wirkt sich eine Beeinträchtigung kommunikativer Fähigkeiten nicht allein negativ auf die unmittelbaren Gespräche aus, sondern kann darüber hinaus erhebliche Störungen in der gesellschaftlichen Teilhabe verursachen. Auch in der Psychologie wird Kommunikation sehr ausführlich beschrieben. Karl BÜHLER unterscheidet in seinem Organonmodell die Darstellungs-, Ausdrucks- und Appellfunktion der Kommunikation (vgl. RETTER 2002, 225ff.). DELHEES (1994)
1 LUHMANN übernimmt hier die Vorstellung von Autopoiesis aus der Biologie. Durch eine bestimmte Operation wird das System mit Hilfe seiner eigenen Elemente reproduziert und damit das Fort- bestehen gesichert.
Zur Bedeutung der Kommunikation 11
erweitert dieses Modell auf sechs Funktionen, indem er die Darstellung des Sachinhalts, die Appellfunktion, das Liefern von Erläuterungen und Interpretationen, die interaktive Beziehung zwischen Sender und Empfänger, den Ausdruck der eigenen Haltung und die Orientierung am Stil beschreibt (vgl. 32f.). Als weitere Kommunika-tionstheorien der Psychologie wären unter anderem das WIBR-Modell (Wahrnehmung - Interpretation - Bewertung - Reaktion) von STEIL et al. und das „Nachrichtenquadrat“ von Friedemann SCHULZ VON THUN zu nennen, die Transaktionsanalyse von Eric BERNE, die Themenzentrierte Interaktion von Ruth C. COHN und NLP, das Modell des Neurolinguistic Programming (vgl. RETTER 2002). Im Bereich der soziologischen Theorien wurde Kommunikation im Symbolischen Interaktionismus von Georg Herbert MEAD beschrieben, in der Dramaturgie des Rol-lenhandelns von Erving GOFFMAN, in der Ethnomethodologie nach Harold GARFIN- KEL undaus der handlungstheoretischen Perspektive von Jürgen HABERMAS mit dem Begriff der kommunikativen Kompetenz (vgl. ebd.).
Mit dieser Aufzählung sollte verdeutlicht werden, dass Kommunikation eine sehr bedeutsame Stellung innerhalb der wissenschaftlichen Überlegungen besitzt und eine Festlegung des Begriffs wahrscheinlich nie alle Aspekte berücksichtigen kann. Daher sind, wie es RECK (1996) formuliert,
„hier nicht Definitionen im Sinne von Bedeutungsfestlegungen, sondern eher die Suche nach sinnvoll unterscheidenden Bedeutungsabgrenzungen notwendig - was ja auch der ursprünglichen Bedeutung von de-finieren entspricht“ (129).
Es ist fraglich ob - wie WATZLAWICK dies tut - es sinnvoll ist, den Begriff der Kommunikation sehr weit zu fassen, damit er auf diese Weise möglichst alle Aspekte umschließt. WATZLAWICK setzt Kommunikation mit Verhalten gleich. Alles Verhalten zwischen Menschen hat für ihn Mitteilungscharakter, auch nicht-intentionales und nicht-partnerorientiertes, d.h. der Beobachter bzw. Kommunikationspartner kann in jedem Verhalten eine kommunikative Absicht finden. Er folgert daraus, dass man „nicht nicht [Hervorhebung im Original] kommunizieren kann“ (WATZLAWICK et al. 2000, 51). Damit spricht er jedem Menschen voraussetzungslos kommunikative Kompetenz zu. Die defizitäre Sichtweise von Menschen mit schweren Behinderungen scheint auf diese Weise überwunden. Wenn man aber etwas kann, muss es auch die Möglichkeit geben, es nicht zu können, sonst verliert der Begriff des ‚Könnens’
Zur Bedeutung der Kommunikation 12
seine Aussagekraft und lässt sich nicht mehr abgrenzen (vgl. KLAUSS 2002, 264). Damit stellt sich die Frage, ob es dann überhaupt sinnvoll ist, die Kommunikationsfähigkeit von Menschen mit Behinderung zu fördern, wenn ohnehin jeder Mensch kommunizieren kann.
Um die Relevanz einer Unterstützung der Kommunikation deutlich werden zu lassen, wird im Folgenden der Begriff der Kommunikation als Grundlage meiner Arbeit eingegrenzt. Hierzu eignet sich das linguistische Modell von LINKE, NUSSBAUMER & PORTMANN (2004), das klar zwischen Verhalten, Handeln, Interaktion und Kommunikation differenziert.
Abbildung 1: Verhalten, Handeln, Interaktion, Kommunikation (vgl. LINKE, NUSSBAUMER & PORT-
MANN 2004,197)
Verhalten wird im linguistischen Verständnis „als eine spezifische Existenzweise eines Organismus aufgrund seiner physischen und psychischen Natur in Bezug auf seine dingliche und soziale (Um-)Welt gesehen“ (LAGE 2006, 26). Es kann nichtintentional sein, wie z.B. schlafen und niesen, oder aber intentional, absichtsvoll, was dem Begriff des Handelns entspricht. Handeln wiederum wird eingeteilt in partner-
Zur Bedeutung der Kommunikation 13
orientiertes, an eine Person gerichtetes, und in nicht-partnerorientiertes Handeln. Partnerorientiertes, intentionales Verhalten wird als Interaktion bezeichnet, die symbolisch oder nicht-symbolisch sein kann. Symbolisch ist eine Interaktion, wenn sie einen Inhalt mittels Zeichen oder Zeichensystemen darstellt. Kommunikation ist die symbolische Interaktion 2 , die verbal oder nonverbal vermittelt wird. Somit ist Kommunikation immer soziale Interaktion, aber nicht jede Interaktion ist zugleich auch Kommunikation. LAGE (2006) erweitert das Modell für die Anwendung im Bereich der AAC auf der Ebene der verbalen, sprachlichen Kommunikation um vokale (d.h. lautsprachliche) und non-vokale Sprachsysteme, wobei letztere z.B. die Schriftsprache, Gebärden oder das Bliss-Symbolsystem zusammenfassen (vgl. 27). Sie definiert Sprache
„als ein symbolisches Zeichensystem […], das über ein komplexes Regelwerk (Syntax, Semantik, Grammatik, Orthographie) verfügt. Dieses Regelwerk erlaubt es, die sublexikalischen Elemente (Buchstaben, Silben, Wortteile) zu komplexen und immer wieder neuen Aussagen zu kombinieren“ (ebd.).
Sprechen ist demnach nicht nur das Artikulieren von Lautfolgen, sondern auch das Schreiben von Schriftzeichen, das Gebärden von Scheremen bzw. das Zeigen auf grafische Zeichen (vgl. ebd., 73). Die Produktion und Aufnahme von Sprache ist notwendig für die menschliche Kommunikation. Durch Sprache werden zwischenmenschliche Beziehungen aufgebaut, soziale Strukturen und kulturelle Normen er-worben und verändert. Sie ist das Mittel zur Erkenntnisgewinnung, zur Identitätsbildung und zur Organisation der inneren Welt eines Individuums, sie ist unentbehrlich für Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken und Handeln. Sprache kann über unterschiedliche Sinneskanäle aufgenommen und erzeugt werden, z. B. auditiv, visuell, mimisch, motorisch bzw. graphisch (vgl. ebd.).
Für die Kommunikation sind darüber hinaus die nonverbalen Formen von Bedeutung, welche die verbale Sprache in ihrer Aussagekraft unterstützen oder sogar eigenständig Botschaften vermitteln können. WACHSMUTH (1986) unterteilt die nonverbale Kommunikation in Körpersprache (Distanz, Körperhaltung und Bewegung, Mimik, Gebärden, Gesten), vokale (Stimme und Sprechweise) und mediale Kommu-
2 Die symbolische Interaktion, die im linguistischen Verständnis als Kommunikation bezeichnet wird, ist nicht gleichzusetzen mit dem Begriff des Symbolischen Interaktionismus von G. H. MEAD, der eine soziologische Theorie meint.
Zur Bedeutung der Kommunikation 14
nikation (Icon, Index, Symbol) (vgl. S 24). Nonverbale Kommunikation ist direkt und unmittelbar. Sie vermittelt auf einer vor- oder unbewussten Ebene zahlreiche Signale, ist aber weniger differenziert als die verbale Sprache. Zudem müssen für eine erfolgreiche Kommunikation pragmatische Kompetenzen, wie z.B. die Anpassung des Themas bzw. des Sprachstils an die soziale Situation, Gesprächskompetenz oder der sinnvolle Gebrauch von Kommunikationsgeräten und -techniken, hinzukommen (vgl. BIERMANN 2003, 208).
Kommunikation ist erst dann erfolgreich, wenn Verstehen möglich wird, d.h. wenn die Intention des Sprechers über eine Situationsdeutung nachvollzogen werden kann (vgl. LINKE et al. 2004, 198ff.). Das Problematische an dieser Definition ist jedoch, dass der Anspruch der Voraussetzungslosigkeit durch das Einbeziehen der Intentionalität nicht gegeben ist. Um zu kommunizieren, muss eine Absicht verfolgt werden. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer dies nicht kann, vermag nicht zu kommunizieren. Jeder Mensch verfügt aber über Möglichkeiten, mit der Umwelt in Kontakt zu treten, sei es durch Lautsprache, Mimik, Gestik, Körperhaltung, -geruch oder Atemfrequenz. Hier stimme ich WATZLAWICK zu, wenn er sagt, dass in jedem Verhalten vom Betrachter aus eine Absicht gefunden werden kann, welche die Grundlage für Kommunikation ist. Aber erst über die Intentionalität kann die Kommunikationsfähigkeit zur Kompetenz erweitert werden. Zur heilpädagogischen Unterstützung der Kommunikation sollte also bereits die Herausbildung einer Intentionalität gehören, die jedoch nicht die Voraussetzung zur kommunikativen Kontaktaufnahme darstellt. Somit kann jeder Mensch, wie beeinträchtigt er auch sein mag, in seiner Kommunikationsfähigkeit unterstützt werden. Mit einem erweiterten Blick auf die sozialen Aspekte ist es zudem notwendig, die kommunikative Kompetenz von Menschen mit Behinderungen soweit zu fördern, dass die Partizipation in der Gesellschaft möglich wird und sie ein Leben führen können, „as close to normal as possible“, wie es bereits 1959 von BANK-MIKKELSEN formuliert wurde (vgl. BECK 2001, 82).
Der Begriff der Kommunikation kann, wie bisher deutlich wurde, schwer in eine Definition gefasst werden. Im Rahmen meiner Arbeit ist es jedoch sinnvoll, Kommunikation von Verhalten, Handeln und Interaktion abzugrenzen, um die Notwen- digkeit einer Unterstützung der Kommunikation zu begründen. Es kann festgehalten
Zur Bedeutung der Kommunikation 15
werden, dass Kommunikation grundsätzlich jedem Menschen möglich ist. Jeder Mensch verfügt über Ausdrucksmöglichkeiten, die jedoch in einigen Fällen erst für die Kommunikation mit anderen nutzbar gemacht werden müssen. Über das Erlernen von Intentionalität und dem Erkennen des Sinns von Kommunikation kann sich eine kommunikative Kompetenz herausbilden, die zu größerer Selbstbestimmung und zur Teilhabe am sozialen Leben befähigt.
2.2 Zur Bedeutung der Kommunikation für den Menschen
Wie bereits gezeigt wurde, ist Kommunikation ein sehr komplexes System. Schon kleinste Unstimmigkeiten reichen aus, um Störungen hervorzurufen. Viele körperliche, seelische und geistige Beeinträchtigungen wirken sich unmittelbar auf die Sprache und das Sprechen aus (vgl. FRÖHLICH 2004, 54). Jede Behinderung kann damit zu einer Behinderung der Kommunikation zwischen Menschen werden, so dass es nicht mehr gelingt, Gemeinsamkeit herzustellen (vgl. ebd., 55). Die Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit bedeutet immer auch eine Einschränkung sozialer Kontakte, Erschwernisse in der kognitiven Entwicklung sowie eine Reduzierung der Möglichkeit zur Selbstbestimmung, sie hat Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung und das Selbstbewusstsein (vgl. BRAUN 2000). Der Mensch erfährt sich selbst nur über die Beziehung zum Anderen, welche erst durch Kommunikation möglich wird oder, um es wie BUBER zu sagen: „Der Mensch wird am Du zum Ich“ (BUBER 1992, 32). FEUSER (2000/2001) ergänzt dazu, dass „ein Mensch [...] seiner Gegenwart nach das momentan Mögliche hinsichtlich der möglichen Veränderungen [ist]; also kompetent, wie behindert er uns auch erscheinen mag. [...] Er wird zu dem Ich, dessen Du wir ihm sind! [Hervorhebung im Original]“ (FEUSER 2000/2001, 16).
Der Mensch entwickelt sich im kommunikativen Austausch mit anderen Menschen. Seine eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten sind die Grundlage, aber nicht die Voraussetzung dafür, das Kommunikation möglich wird. „Entwicklung [Hervorhebung im Original] ist, für den einen wie für den anderen Menschen, jeweils primär abhängig vom Komplexitätsgrad des jeweils anderen und erst in zweiter Linie von den Mitteln und Fähigkeiten des eigenen Systems und primär geht es dabei um das, was aus einem Menschen durch vorgenannte Zusammenhänge seiner Mög-
Zur Bedeutung der Kommunikation 16
lichkeit nach werden kann und wiederum erst in zweiter Linie um das, was und wie er/sie im Moment gerade ist“ (FEUSER 2000/2001, 16). Damit deutet FEUSER an, dass Kommunikation vom Gegenüber abhängt und damit für alle Menschen voraussetzungslos möglich ist. Sie ist die Grundlage für Entwicklung.
Aaron R. BODENHEIMER (1967) begründet mit seiner existenzphilosophischpsychoanalytischen Interpretation der zwischenmenschlichen Beziehung, wie bedeutsam die Kommunikation mit dem Anderen für die Seins- und Selbstbestätigung des Menschen ist.
„Wichtig ist hier fürs erste die Feststellung, daß ein jeder von uns sich immerwährend veranlaßt sieht zu fragen, ob er ist. Aus dieser Frage erwächst der Drang nach Antwort. Keiner aber kann diese Antwort sich selber geben. Die Antwort impliziert, ja sie ist dem der sie erwartet, Seins- und Selbstbestätigung zugleich. Auf sie sind wir ständig angewiesen [Hervorhebungen im Original]“ (BODENHEIMER 1967, 45). Er erläutert in seinen Ausführungen am Beispiel des Echos, dass eine Antwort, die dem vorangegangenen Ausruf völlig entspricht, zu einer Seins-, aber zu keiner Selbstbestätigung führen würde. Erst durch die Modifikation des Ausrufes im Echo kann sich der Mensch, der gerufen hat, von der Antwort abgrenzen und erfährt Selbstbestätigung (vgl. FORNEFELD 2001, 133). „Das Heraustönen in einer bestimmten, recht genau umschreibbaren Skala von zu erwartenden Modifikationen des Hineingerufenen ist die Selbstbestätigung - es dient ihr nicht nur, es ist sie [Hervorhebungen im Original]“ (BODENHEIMER 1967, 46).
Wenn nun das Echo ausbleibt oder den Ausrufer in völlig unvorhergesehener Art und Weise trifft, als er es erwartet hätte, entsteht Verblüffung. Diese Verblüffung nennt BODENHEIMER Angst und definiert sie als sich Verlieren, sich Auflösen, Entgrenzung oder ausbleibende Seinsbestätigung (vgl. ebd., 48). Es besteht kein Zusammenhang mehr zwischen dem Ausruf und der Antwort. Eine Beziehung wird dadurch unmöglich, sie löst sich auf (vgl. ebd., 49). Beziehung ist für BODENHEIMER immer Rück-Beziehung (Relatio). Sie basiert auf dem Wechselspiel von Rufen und Antworten. Der Ausruf erwartet einen Rück-Ruf, welcher wiederum eine Antwort verlangt. Damit entsteht ein Kreislauf, eine reziproke Beziehung, die den Ausruf zum An-Ruf macht (vgl. ebd., 53).
Zur Bedeutung der Kommunikation 17
Voraussetzung für die Beziehung ist die Ansprechbarkeit des Anderen (vgl. FORNE- FELD 2001,134). Wird einem Menschen die Fähigkeit zu Kommunikation, das heißt zum Rufen und Antworten aberkannt, kann keine Beziehung entstehen. Damit wird Behinderung zur Beziehungsstörung (vgl. ebd.). Wenn aber in einer Situation zwischen zwei Menschen weder angerufen noch geantwortet wird, ist es nicht nur ein Nicht-Wahrnehmen, sondern vielmehr ein „Akt des Sich-Verschließens [...] vor etwas [...], das notwendig, jederzeit vernehmbar da sei und nur darauf warte, angerufen zu werden“ (BODENHEIMER 1967, 62). Jeder Mensch ist ansprechbar und „[k]einesfalls [...] gehört die Bewältigung der Seins- wie der Selbstbestätigung einzig oder auch nur vorwiegend dem Bereich des auditiven Elementes zu“ (ebd., 55). Es muss nur ein Weg gefunden werden, über den es möglich ist, den Anderen zu erreichen. Wir sind es gewohnt, in der Kommunikation hauptsächlich dem auditiven Sinn Beachtung zu schenken und vernachlässigen dabei die nonverbalen und somatischen Erscheinungen, die jedem Menschen eigen sind. Jeder Mensch, egal ob behindert oder nicht behindert, hat Ausdrucksmöglichkeiten über Körperbewegungen, Speichelfluss, Geruch, Atmung, Temperatur oder über die Feuchtigkeit der Haut (vgl. FORNEFELD 2001, 136). Es geht darum, ob wir auf diese elementaren Erscheinungen des Körpers achten und vor allem darum, ob wir darauf achten und unser Gegenüber in seiner Anrufbarkeit anerkennen wollen (vgl. BODENHEIMER 1967, 64). Wenn wir es unterlassen, ihn anzurufen, verliert der Mensch die Fähigkeit zur Kommunikation und das Bedürfnis nach Anspruch. Er wird unansprechbar und anspruchs-los zugleich (vgl. ebd., 63). BODENHEIMER verwendet dafür den Begriff der Ent-seelung (vgl. ebd., 70). Das „Ausbleiben des Anrufes allein - nichts als dies - [vermag] allem, selbst einem Menschen, die Seele zu nehmen [Hervorhebung im Original]“ (ebd., 66). Diese Aussage BODENHEIMERS macht die Bedeutung der Kommunikation für den Menschen sehr deutlich.
Die Anerkennung des Anderen als unabdingbare Voraussetzung für Kommunikation bildet den Kern in Bodenheimers Überlegungen. Sie erscheint bei BUBER ebenso wie bei FEUSER als Bedingung des Menschseins. Erst durch den Austausch mit dem Anderen wird der Mensch zum Menschen und findet seine Seins- und Selbstbestätigung. Jeder ist gefordert, den Anderen in seinem Menschsein anzusprechen. Kom- munikation ist also nicht nur die Information über Zeichensysteme, wie FORNEFELD
Menschen mit erworbener geistiger Behinderung 18
(1998) bemerkt, sondern die gemeinsame Sinnfindung, das Sich-selbst-finden und -erleben (vgl. 32).
3 Menschen mit erworbener geistiger Behinderung in der Neurologischen Rehabilitation
Im Folgenden werde ich einen kurzen Einblick in das Fachgebiet der Neurologischen Rehabilitation geben, um anschließend ausführlich auf Menschen mit erworbenen geistigen Behinderungen und ihre besonderen Problemstellungen einzugehen, welche die Zielgruppe meiner Arbeit sind.
3.1 Neurologische Rehabilitation
Eine Hirnschädigung heilt meist nicht so aus, dass der Betroffene sofort wieder uneingeschränkt funktionstüchtig wird. Aus dieser Tatsache ergibt sich die Notwendigkeit der Neurologischen Rehabilitation, die im Anschluss an die Behandlung im Akutkrankenhaus erfolgt. Der Betroffene muss oft längerfristig, vielleicht sogar lebenslang, medizinische und therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, um grundlegende Funktionen zur Bewältigung des Alltags, zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und zur Eingliederung ins Berufsleben wieder zu erlangen. Eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen ist der Grundgedanke der Rehabilitation. Der Blick ist nicht nur auf die Diagnose und Therapie spezieller Behinderungsbilder gerichtet, sondern auf die Gesamtpersönlichkeit und Lebenssituation des Betroffenen (vgl. WELTER & SCHÖNLE 1997, 2). Es ist für die Genesung nicht so wichtig zu unterscheiden, ob eine Hirnblutung aufgrund vaskulärer oder traumatischer Schädigung vorlag - die Auswirkungen auf den Patienten und sein Umfeld können dieselben sein. Rehabilitation richtet den Blick nach vorn und ist nur dann erfolgreich, „wenn sie Vereinsamung und soziale Isolation verhindert und ihr die Wiedereingliederung der Betroffenen in die Gesellschaft gelingt“ (WELTER & SCHÖNLE 1997, 4).
Grundlage der Neurologischen Rehabilitation ist die Annahme der neuronalen Plastizität. Diese
„bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, in Reaktion auf morphologische Veränderungen oder auch veränderte Umgebungsbedingungen modifi-
Menschen mit erworbener geistiger Behinderung 19
zierte Organisationsstrukturen zu entwickeln. In dieser Plastizität wird ein großes Selbstheilungspotential des Gehirns vermutet“ (NELLES 2004b, 2).
Bei sehr vielen Patienten kommt es innerhalb der ersten acht bis zwölf Wochen nach einer gefäßbedingten oder traumatischen Hirnschädigung zu einer Besserung der neurologischen Ausfälle (vgl. ebd., 1). Die Rückbildung erfolgt jedoch sehr schwankend und ist nur selten vollständig. Größe und Lokalisation der Schädigung sind dabei die wichtigsten Faktoren, welche die Restitution beeinflussen. Neuropsychologische Störungen haben oft sehr viel längere Rückbildungszeiten (vgl. ebd.). Während die Aufgaben der neurologischen Akutmedizin die Sicherung der Vitalfunktionen, Diagnostik, Therapie und die Einleitung einer effizienten Sekundärprophylaxe sind, richtet die neurologische Rehabilitation den Blick auf die Beseitigung, Minderung oder - falls dies nicht mehr möglich ist - die Kompensation eingetretener Funktionsausfälle (vgl. MASUR 2004, 31). Verloren gegangene Funktionen sollen möglichst ganz oder zumindest teilweise wiedererlangt werden. Allgemeines Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität durch soziale und berufliche Reintegration, Verbesserung der Lebensbedingungen, Linderung der Beschwerden oder eine Reduzierung der Pflegebedürftigkeit. Für den einzelnen Menschen ergeben sich daraus sehr individuelle Zielsetzungen, die je nach Krankheitsbild, prämorbiden Fähigkeiten und den persönlichen Ansprüchen variieren und extrem vielfältig sein können (vgl. MASUR 2004, 31f.). Die Patientenorientierung ist ein sehr wichtiger Grundsatz, was bedeutet, dass berücksichtigt werden muss, • „welche Funktionen ausgefallen sind, • welche Funktionen oder Teilfunktionen erhalten sind, • und welches die Besonderheiten (Leistungsfähigkeit, Anspruchsziele) der prämorbiden Persönlichkeit waren“ (ebd., 32).
Bei der Erstellung eines Behandlungsplanes ist es notwendig, die Ressourcen ebenso wie die Defizite des Patienten zu berücksichtigen. Er muss individuell zugeschnitten und an die verschiedenen Bedürfnisse und Ziele des einzelnen Patienten angepasst werden. Auch die Versorgung mit Mobilitätshilfen, Pflegeutensilien, Kommunikationshilfen, Computerprogrammen o.ä. ist ein weitreichender Aufgabenbereich (vgl. ebd., 32f).
Arbeit zitieren:
Sylvia Neumann, 2007, Heilpädagogische Unterstützung der Kommunikation in der Neurologischen Rehabilitation, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Sylvia Neumann's Text Heilpädagogische Unterstützung der Kommunikation in der Neurologischen Rehabilitation ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Sylvia Neumann hat den Text Heilpädagogische Unterstützung der Kommunikation in der Neurologischen Rehabilitation veröffentlicht
Sylvia Neumann hat einen neuen Text hochgeladen
Finanzielle Hilfen für Menschen mit Behinderung
Zuschüsse, Vergünstigungen , E...
Bernd Röger
Institutionelle Förderungsprozesse von Menschen mit geistiger Behinder...
Manfred Gerspach, Dieter Mattner
Bildnerei in der neurologischen Rehabilitation
Kunsttherapie zur Unterstützun...
Elisabeth Gebharter, Monika Murg, Walter Oder
0 Kommentare