Mystik und Gotteserfahrung. Eine Einführung / Gotteserfahrung bei Karl Rahner / 2
WS 2008/2009 / Mario Hartmann
Gliederung :
I. Einleitung 3
II. Hauptteil 4
1. Eine Lebensgeschichte mit Gott 4
1.1 Ein unbewegter Gott? 6
1.2 Die ökonomische Trinität ist die immanente Trinität 7
1.3 Liebe und Zorn 8
2. Nutzlose und lügnerische Gebete 10
2.1 Beten vor dem Geheimnis 12
2.2 Das Geheimnis der innersten Mitte 13
3. Die Transzendentaltheologie 15
3.1 Das Urerlebnis 16
III. Schluss 18
IV. Literaturverzeichnis 19
In dieser Ausarbeitung möchte ich mich weniger mit dem Lebenslauf und den einzelnen Stationen in dem Leben Karl Rahners auseinandersetzen, sondern vielmehr mit den Ereignissen seines Lebens, die ihn fundamental prägten.
Während der Auseinandersetzung mit dem Titel dieser Ausarbeitung wurde mir deutlich, welche Mächtigkeit respektive auch Schwierigkeiten mit dieser Thematik verbunden sind. „Gotteserfahrung bei Karl Rahner“ dieser Titel wirft viele Fragen in mir auf, die ich hoffentlich im Laufe dieser Ausarbeitung beantworten kann.
Was ist eine Gotteserfahrung? Wie hat sie Karl Rahner erlebt respektive welche Emotionen sind mit ihr verbunden?
Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich einen kleinen Beitrag zur Klärung dieser Fragen leisten. Dennoch sind sie zu komplex und umfangreich, um sie in dieser Arbeit letztendlich beantworten zu können.
Karl Rahners Lebensgeschichte war eine Lebensgeschichte mit Gott: Sein Leben war ein Kreisen um den, den wir „Gott“ nennen, ein Suchen nach Gott, ein Ringen mit Gott, ein Sichbergen in Gott, eine Zerstörung falscher Gottesbilder, doch manchmal auch, ein jubelndes Überwältigtsein in der Seligkeit dieses Geheimnisses. 1
Am deutlichsten treten Karl Rahners Gotteserfahrungen in seinen Gebeten und Meditationen an den Tag. Er formulierte in seinen Überlegungen oft eine „negative Theologie“, indem er sagte, wer oder was Gott nicht ist. Rahner stand damit in einer Tradition, die seit dem kirchlichen Altertum immer wieder Gottesdenken und Gottesreden geprägt hat. Neben seiner negativ-theologischen Sprache stellten sich kurzweilig immer wieder neue Illusionen über Gott, wiederum falsche Gottesbilder bei ihm ein, denen er sich durch intensive Auseinandersetzung widersetzen konnte. Aus diesem Grund konnte Karl Rahner noch im Alter von sich sagen, dass auch er der vom Atheismus Bedrohte sei, und so konnte er sich in unterschiedliche Figuren des Atheismus hineindenken, den inneren Gründen und Motiven nachspüren, die zu einem Verzicht auf den Glauben führen. 2
Karl Rahner plädierte für den „methodologischen Atheismus“ der Naturwissenschaften, der Gott keinesfalls in Einzelphänomene subsumiert und innerweltlichen Ursachen zugerechnet wird. Gott ist nicht „Lückenbüßer“, nicht „Hilfskonstruktion“ für einzelne Ereignisse, in denen er gerade eben mal gebraucht wird. Karl Rahner äußerte sich zu diesem Spannungsverhältnis wie folgt:
„Gott ist nicht ‚etwas’ neben anderem, das mit diesem anderen in ein gemeinsames, homogenes ‚System’ einbegriffen werden kann. ‚Gott’ sagen wir und meinen das Ganze, aber nicht als nachträgliche Summe der Phänomene, die wir untersuchen, sondern das Ganze in seinem unverfügbaren Ursprung und Grund, der unumfasslich, unumgreiflich, unsagbar hinter, vor und über jenem Ganzen liegt, zu dem wir selbst und unser experimentierendes Erkennen gehören. Diesen gründenden Grund meint das Wort Gott, den Grund, der nicht die Summe des pluralen Begründeten ist und diesem darum schöpferisch frei gegenübersteht, ohne nochmals ein ‚höheres Ganzes’ mit ihm zu bilden. Gott meint das schweigende Geheimnis, absolut,
1 Vgl. Vorgrimler, Herbert: Karl Rahner verstehen. Eine Einführung. Münster 2002. S. 12.
2 Vgl. Vorgrimler, Herbert: Karl Rahner verstehen. Eine Einführung. Münster 2002. S. 17.
unbedingt und unbegreiflich. Gott meint den Horizont in unendlicher Ferne, auf den unumgreifbar und unmanipulierbar das Begreifen der vereinzelten Wirklichkeiten, ihrer Zwischenbeziehungen und der handelnde Umgang mit ihnen im Ansatz immer schon ausgerichtet sind. Dieser Horizont bleibt noch in ebensolcher Ferne schweigend bestehen, wenn alles Begreifen und alles Handeln, die auf ihn bezogen sind, sich totgelaufen haben.“ 3 Mit dem letzten Satz dieses Zitates tritt ein zentraler Aspekt des theologischen Denkens Karl Rahners zutage: Nirgendwo verlaufen „klare Fronten“, nirgendwo lassen sich, was Gott und die Fragen der Religion und des Glaubens angeht, eindeutige Blöcke von Guten und Bösen unterscheiden. In vielem, was christlich-offiziell als Irrtum angesehen wird, steht ein Schimmer von Wahrheit. Rahner ließ sich nicht zu Pauschalisierungen über Atheisten hinreizen, sondern er vermochte ihre Haltung und Einstellung vielmehr mit der Verborgenheit respektive Unbegreiflichkeit von Gott zu erklären:
„Sie sagen, es gibt keinen Gott, weil sie den wahren Gott verwechseln mit dem, was sie für ihren Gott hielten. Und in dem, was sie eigentlich meinen, haben sie recht: Den Gott, den sie meinten, den gibt es wirklich auch nicht: den Gott der irdischen Sicherheit, den Gott der Rettung vor der Lebensenttäuschung, den Gott der Lebensversicherung, den Gott, der dafür sorgt, dass Kinder nie mehr weinen und dass die Gerechtigkeit auf Erden einzieht, die den Jammer dieser Erde wendet, den Gott, der Menschenliebe nicht in Enttäuschung münden lässt.“ 4 Es wäre vermessen zu sagen, den wahren Gott beschreiben respektive deuten zu können. Rahner lebte zwischen der Enttäuschung an dem fälschlich vorgestellten Gott und der Sehnsucht nach dem wahren. Auch mit zunehmenden Alter gelang es ihm nicht Klarheit bezüglich dieses „Spannungsverhältnisses“ zu erlangen. 5
Dennoch gibt es immer wieder, besonders auch in populärwissenschaftlichen Publikationen, Versuche, Gott erklären, beschreiben zu können respektive transparent erscheinen zu lassen. Einige Menschen rekrutieren den Zufall als pluralistische Erklärungsformel, um Gott zu leugnen. 6 Rahner wies unermüdlich darauf hin, dass viele Menschen nicht wissen, was mit „Gott“ gemeint ist:
3 Rahner, Karl: Gnade als Freiheit. Kleine theologische Beiträge. Freiburg i. Br. 1968. S. 10; zitiert bei Vorgrim-
ler, Herbert: Karl Rahner. Gotteserfahrung in Leben und Denken. Darmstadt 2004. S. 156.
4 Rahner, Karl: Not und Segen des Gebetes. Freiburg i. Br. 1977; zitiert bei Vorgrimler, Herbert: Karl Rahner
verstehen. Eine Einführung. Münster 2002. S. 17-18.
5 Vgl. Vorgrimler, Herbert (2002). S. 18.
6 Vgl. Vorgrimler, Herbert (2004). S. 156.
„Wenn wir ‚Gott’ sagen, dann dürfen wir nicht meinen, jeder verstehe dieses Wort und es sei nur noch die Frage, ob das auch wirklich existiere, was alle meinen, wenn sie ‚Gott’ sagen. Sehr oft denkt Herr Jedermann unter diesem Wort etwas, das er mit Recht leugnet, weil dieses Gedachte wirklich nicht existiert. Denn er denkt sich darunter wirklich eine Hilfshypothese zur Erklärung eines Einzelphänomens, bis dann eben die Naturwissenschaft die richtige Erklärung vorzeigen kann, oder er denkt sich einen Kinderschreck, bis auch die Kinder dahinter kommen, dass doch nichts passiert, wenn sie naschen. Der wirkliche Gott ist das absolute, heilige Geheimnis, auf das man eigentlich nur anbetend, schweigend hinweisen kann - hinein in ihn als einen sich verschweigenden Grund, der Abgrund ist und so alles, die Welt und unsere Welterkenntnis, gründet. Gott ist der, hinter den man prinzipiell nicht kommt, weil man bei aller Entdeckung einer ‚Weltformel’ (wo ja dann eigentlich nichts mehr zu erklären wäre!) schon ganz gewiss nicht einmal hinter sich selbst gekommen wäre; die Weltformel selbst, gerade als verstandene, würde nochmals schweben bleiben, in der Unendlichkeit des Geheimnisses.“ 7
Dennoch maßt sich Karl Rahner nicht an, Gott umfassend, ganzheitlich umschreiben zu können. Er ist der Auffassung, dass es sich bei der gläubigen Rede von Gott nur um ein Stammeln, um keine „exakte“ Rede, sondern nur eine „indirekte Rede“ von Gott handelt. 8 1.1 Ein unbeweglicher Gott?
Karl Rahner opponierte gegen die Schultheologie, die seiner Meinung nach der „Tyrannei einer starren Unendlichkeits-Metaphysik vom reinen, flecken- und lückenlosen Sein“ 9 verhaftet sei und darum Gott bei der Menschwerdung möglichst unberührt, unbewegt und unveränderlich erscheinen lassen wolle. Diese Unveränderlichkeit respektive Unbeweglichkeit ist aus der Perspektive der Schultheologie nicht als starr, festgefahren oder unflexibel zu deuten. Gemeint war und ist vielmehr: Gott muss nicht erst noch er selbst werden wie etwa ein Mensch. Gott ist immer schon bei sich und fängt stets bei sich und mit sich an. Er „repräsentiert“ absolute Vollkommenheit; deshalb muss er nichts mehr werden. 10
7 Rahner, Karl: Gnade als Freiheit. Kleine theologische Beiträge. Freiburg i. Br. 1968. S. 30; zitiert bei Vorgrim-
ler, Herbert: Karl Rahner. Gotteserfahrung in Leben und Denken. Darmstadt 2004. S. 156-157.
8 Vgl. Vorgrimler, Herbert (2004). S. 157.
9 Rahner, Karl: Schriften zur Theologie. Bd. 1. S. 198, zitiert bei Schulz, Michael: Karl Rahner begegnen. Augs-
burg 1999. S. 160.
10 Schulz, Michael (1999). S. 160-161.
Arbeit zitieren:
Mario Hartmann, 2008, Gotteserfahrung bei Karl Rahner, München, GRIN Verlag GmbH
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