Mario Hartmann / WS 2008/09 /Himmel - Hölle - Fegfeuer - Zugänge für den Religions-3
unterricht der Sek II / „Gerettet..., wie durch Feuer hindurch.“ Neuere Deutungen des Fegfeuers.
Im frühen Mittelalter wurde das Fegfeuer als zeitlich begrenzte „Vorhölle“ gedeutet. Die Vorstellung vom schmerzhaften Fegfeuer nutze die Kirche im späten Mittelalter durch fiskalischen Missbrauch aus. Die Menschen glaubten durch eine „Ablasszahlung“ die „Armen Seelen“ vorzeitig aus dem Fegfeuer befreien zu können. 1
Mit dem Fegfeuer verbanden die Menschen einen Ort zwischen Himmel und Hölle, an dem die sündigen Toten eine bestimmte Zeit verweilten. Die Läuterung in der frühkirchlichen Praxis galt als: 1. Läuterung im Gebet für die Verstorbenen während der Eucharistiefeier. 2. Läuterung als ausgiebiges Bußverfahren für schwere Sünden. Um die Wiederversöhnung des Sünders mit Gott und mit der Gemeinschaft der Glaubenden zu bekommen, musste der reuige Sünder verschiedene, ihm von der Gemeinde auferlegte, Bußübungen verrichten. Die westliche Kirche sah diese Buße als reinigende Strafe. Die östliche Kirche hingegen als einen therapeutischen Heilungs- und Reifungsprozess vor und nach dem Tod. 2
Das Fegfeuer verliert in der heutigen Glaubensverkündung immer mehr an Bedeutung. Viele wissen mit diesem Begriff nur noch wenig anzufangen. 3 Dies ist aus meiner Sicht bedauerlich, da die Läuterung eine tiefgründigere Bedeutung erlangt, als man bei einer oberflächlichen Betrachtung glauben vermag.
2. Läuterung als letztes Gericht.
Vom schmerzlichen Prozess, sich die Schuld nachhaltig vergeben zu lassen
Das Fegfeuer bzw. die Läuterung hat gerade durch die humane Dimension des Letzten Gerichts noch einmal eine unterstreichende Bedeutung. 4
Der Aspekt des Gerichtes wird mit der Läuterung besonders hervorgehoben. „Gottesbegegnung ist für den Sünder immer auch, ja zuerst Gericht 5 .“
Das Fegfeuer als Vorstellung einer endgültigen Begegnung des sündigen Menschen mit der richterlichen Liebe Gottes, in der die eigene Lebensgeschichte zu einer schmerzlich- 1 Vgl.Kehl, Medard: Und was kommt nach dem Ende? Von Weltuntergang und Vollendung, Wiedergeburt und Auferstehung. Freiburg 1999. S. 134.
2 Vgl. Kehl, Medard (1999). S. 135.
3 Vgl. Kehl, Medard (1999). S. 134.
4 Vgl. Kehl, Medard (1999). S. 135.
5 Greshake, Gisbert: Stärker als der Tod. Zukunft, Tod, Auferstehung, Himmel, Hölle, Fegfeuer. Mainz 1995. S. 91.
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reinigenden Konfrontation führt. 6 Durch die Begegnung des Menschen mit Gott, offenbart sich ihm seine Unheiligkeit und Lieblosigkeit im Vergleich zu Gott. Die Läuterung wird nach den neueren theologischen Deutungen nicht mit einem bestimmten jenseitigen Ort oder einer zeitlich begrenzten Komponente verbunden, in der, der gestorbene Mensch zwischen Himmel und Hölle verweilt. Sie beschreibt eher einen Zustand, der nicht mit irdischen Maßstäben gemessen werden kann. „Die Zeit hört mit dem Tode auf, so dass alles, was sich jenseits abspielt, unzeitlich zu denken ist 7 .“ Aus diesem Grund kann es kein Purgatorium geben, „in dem“ (auch keine Ortsbestimmung) die „Armen Seelen“ eine Zeitlang schmachten. 8
Die Begegnung mit Gott selbst ist das Fegfeuer. Den Ausdruck des Fegfeuers sollte man daher möglichst vermeiden und statt dessen von Reinigung und Läuterung als Moment der Gottesbegegnung sprechen. Eine Begegnung des sich entwickelnden, unreifen „Embryo“ Mensch mit dem heiligen, unendlichen, liebenden Gott, die zutiefst beschämend, schmerzhaft und deswegen läuternd ist. 9
Die Läuterung kann eindeutig der Seite des Himmels zugeschrieben werden. Der Mensch erfährt sie als Gottes Gnade; von Gott gegeben 10 . Sie ist ein inneres Moment der positiven Vollendung, eine Art „Vorhimmel“, der den Menschen für die von seiner Schuld ungetrübte Gemeinschaft mit Gott im Himmel bereiten soll. Die Läuterung lässt den Menschen von seiner irdischen Schuld frei werden und das an Reue und Umkehr in ihm „ausreifen“, was er bereits in seinem irdischen Leben begonnen hat. 11 Sie sollte daher als frohe Botschaft verkündigt werden, die dem Menschen die Hoffnung auf das ewige „unschändliche“ Leben gibt. 12 „Bedarf es der Läuterung des Menschen als Vorbereitung auf den Himmel? Genügt dazu nicht die reinigende Vergebung Gottes, die er doch jedem Menschen, der seine Schuld bereut, in der Begegnung mit seiner „richterlichen“ Liebe ohne Vorbehalte schenkt?“ 13 Die Frage ist, wie kommt die Vergebung bei dem Menschen an? Wie dringt sie in ihn ein? Vergebung, sei sie von Menschen oder von Gott geschenkt, bläst die Schuld nicht einfach weg, macht sie nicht ungeschehen oder vergessen. Karl Rahner weist in diesem Zusammenhang auf Krusten und Rückstände des sündigen Menschen hin, die er nicht einfach, auch
6 Vgl. Kehl, Medard (1999). S. 135.
7 Beinert, Wolfgang: Tod und jenseits des Todes. Regensburg 2000. S. 100.
8 Vgl. Beinert, Wolfgang (2000). S. 100.
9 Vgl. Greshake, Gisbert (1995). S. 93.
10 Vgl. Beinert, Wolfgang (2000). S. 102.
11 Vgl. Kehl, Medard (1999). S. 135.
12 Vgl. Greshake, Gisbert (1986). S. 94.
13 Kehl, Medard (1999). S. 136.
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wenn er sich stetig zu Gott bekehrt, rückgängig machen kann. 14 Die Vergebung bedeutet die von Gott her unbedingte Annahme des Menschen als Freund Gottes trotz seiner begangenen Schuld. Diese vergebende Annahme durch Gott erfordert das bereitwillige Mittun von menschlicher Seite aus, also ein aktives Sich-vergeben-Lassen der Schuld; Umkehr; Um-wandlung; Sich-Heilen-Lassen. 15
Die Lehre von der Läuterung stellt sich gegen die Vorstellung von der leichten und billigen Vergebung unserer Schuld dar. Sie geht davon aus, dass es allein Gottes vergebende Liebe ist, die den reuigen Sünder von innen her umwandelt und für den Himmel bereitet. Aber sie rechnet nicht mit dem geringen Widerstand des sündigen Menschen. Die komprimierte Vorstellung der gesamten Sünden eines Lebens lässt deutlich werden, dass der Läuterungsprozess durchaus weh tun kann. Denn dabei „brennt“ diese Liebe förmlich alle ihn noch besetzt haltenden Auswirkungen seiner irdischen Schuld aus ihm heraus. Es erscheint als angenehmer zur irdischen Zeit die Sünden so gering wie möglich zu halten. 16 Die reinigende, Schuld abwerfende Vorstellung beinhaltet allerdings auch den Aspekt der Befreiung. Eine Befreiung von Unehrlichkeit, Last, Hässlichkeit und Bosheit, die der Mensch mehr oder minder ausgeprägt, während seines irdischen Lebens mit sich trägt. In dem Augenblick, in dem diese Last von dem „Menschen“ fällt, kann dies trotz aller Beschämung erlösend sein und ihn letzten Endes zu dem machen, was er eigentlich sein sollte und vielleicht auch wollte, nämlich er selbst in seiner ganzen Reinheit. 17
3. Für die Toten beten - zu den Toten beten
Wenn sich die Läuterung nicht mit zeitlichen Maßstäben abgrenzen lässt, welche Bedeutung hat dann noch das Gebet für die Verstorbenen, und zwar noch viele Jahre nach dem Tod? Aus historischer Sicht sollte das Gebet den Toten die Zeit der Läuterung verkürzen. Diese Bedeutung wird dem Gebet für die Toten aus heutiger theologischer Sicht nicht mehr beigemessen. Dieses Gebet hat vielmehr die Bedeutung des Beistandes und der Vereinigung der Toten mit den Lebenden im „Leib Christi“. Keiner tritt allein vor Gott, sondern nur im Verbund der Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft, die dem Toten in seinem irdischen Leben zu teil wurde, soll nach dem Tod nicht enden. Er wird nicht aus der Solidarität der Glaubenden entlassen 18 . Sie soll ihm vielmehr helfen, sich von Gottes vergebender Liebe läutern und verwandeln zu
14 Vgl. Greshake, Gisbert (1995). S. 91.
15 Vgl. Kehl, Medard (1999). S. 136.
16 Vgl. Kehl, Medard (1999). S. 137.
17 Vgl. Nocke, Franz Josef: Eschatologie. Düsseldorf 1999. S. 128-129.
18 Vgl. Greshake, Gisbert (1995). S. 93.
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