nung, Reputation usw. integriert.“ 4 . Grundsätzlich offeriert das eigentliche Massenmedium Fernsehen in seiner neuen Gestalt des IPTVs die Möglichkeit, via teilnehmerbeschränkter Channells die Kommunikation zwischen zwei oder wenigen Akteuren, ergo den Dialog, zu unterstützen. Dies allein ist jedoch nicht hinreichende Voraussetzung. Wie Michael Jäckel und Gerhard Maletzke zu Recht postulieren, ist elektronisches Interagieren in der Regel auf Schrift reduziert und um den visuellen und akustischen Ausdruck beraubt. Selbst eine Videoübertragung kann lediglich die physische Präsenz des Gegenübers imitieren und entbehrt infolgedessen ein signifikantes Moment sozialer Interaktion, das vis-à-is. 5 Dieser Logik folgend erscheint die Betitelung einer elektronischen Kommunikation als Interaktion vermessen. Was also tun, die Idee der Interaktion im SocialTV verwerfen? Eher anzuraten wäre, an diese heikle Situation pragmatisch anzuknüpfen und wie Jäckel empfiehlt „den Begriff der Anwesenheiten in bezug auf elektronische Medien neu zu durchdenken“ 6 . Die internetgestützte Chat-Kommunikation kann hier als Vorbild für SocialTV-Konzepte dienen, denn sie veranschaulicht, wie Anwesenheit digital realisiert wird, indem zum Beispiel nonverbale Elemente der Kommunikation nachgebildet werden. Die Chat-Kommunikation ist es schließlich auch, die unter all den zahlreichen Features des interaktiven Fernsehens den alleinigen Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit bildet, zumal nur sie realitere Parallelen zu einer Face-to-Face-Kommunikation aufweist. Die weiteren Funktionen, die interaktivem Fernsehen in der einschlägigen Literatur zugeschrieben werden 7 , wie die Erstellung eines individuellen Fernsehprogramms, die Modifikation des Programms (z.B. mittels Televotums), die Personalisierung von Inhalten nach den Wünschen des Nutzers, erfahren in dieser soziologisch verorteten Arbeit keine Betrachtung. In diesem Sinne wird in dieser Schrift unter Vorbehalt des Mankos an empirischer Überprüfung der Interaktionsbegriff auf die Chat-Kommunikation in SocialTV-Konzepte angewendet; wohlwissend, dass die Strukturen einer Face-to-Face-Kommunikation von denen einer mediengestützten Kommunikation divergieren.
3. Die Routinegrundlagen des Alltagshandelns
Um elektronische Konversationsregeln und Strukturen des Alltagshandelns in der technischgestützten Kommunikation zu bestimmen, lohnt es den Blick auf das Werk Harold Garfinkels zu richten. Mit seiner Ethnomethodologie hat der Soziologe eine empirische Methode zur Interaktionsforschung geschaffen, mit der sich jene Strukturen und Regeln in Bezug auf die soziale Umwelt der Realwelt erforschen lassen. 8 Die dokumentarische Methode, bestehend aus den Elementen Krisenexperimente, Dokumentation der Äußerungen sowie die Dokumentation der Wechselbeziehung zwischen Kontext und Äußerung, bildet das empirische Instrument, mittels welchem die vorformulierten Thesen erprobt werden. Als äußerst
4 Rörig 2006 S.5
5 Vgl. Jäckel 1995/4 S.473, Maletzke 1963 S.22 6 Jäckel 1995/4 S.474 7 Vgl. u.a. Goertz 2004 8 Miebach 2006 S.162-181
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relevant für das Erforschen der gewohnheitsmäßigen Herstellung und Aufrechterhaltung der Strukturen des Alltagshandelns gilt für Garfinkel die Indexikalität, welche die Relation von Äußerungen zu dem dahinterliegenden Kontext beschreibt. Um diese zu erörtern, wird dem Originaltext einer Interaktionssequenz jeweils ein erläuternder Kommentartext gegenübergestellt. Dieser Methode verdankt Garfinkel mannigfache grundsätzliche Erkenntnisse über alltägliche Handlungssituationen, wie er in „Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln“ 9 ausführt: In einer Kommunikation werden nicht alle Themen, über die kommuniziert wird, explizit ausgesprochen; indessen sind die Kommunizierenden fähig, Andeutungen und Verweise zu verstehen. 10 Zeichen besitzen keine objektive Bedeutung sowie Verständnis auch nicht einfach übertragen werden kann, sondern prozessual erworben wird, indem beispielsweise Äußerungen durch vorhergehende und nachfolgende Äußerungen näher spezifiziert werden. Im Falle von bestimmten Ausdrücken ist es für das Verständnis unabdingbar, Kenntnis über die Biographie und Absichten des Sprechers zu besitzen sowie über den Kontext der Äußerungen. In diesen Eigenschaften menschlichen Interagierens erkennt Garfinkel Konstanten des Alltagshandelns:
„Die Erwartung, daß die Leute schon verstehen werden, die Situationsgebundenheit von Ausdrücken, die spezifische Ungenauigkeit der Bezüge, der retrospektiv-prospektive Sinn gegenwärtiger Ereignisse, das Warten auf Späteres, um zu sehen, was vorher gemeint war, sind anerkannte Eigenschaften alltäglichen Mitein-ander-Redens.“ 11
In „Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln“ führt Garfinkel ferner die Methodik der Krisenexperimente als Analysemittel des alltäglichen Handelns und Verstehens an. Unter Krisenexperimente fasst der Soziologe „Operationen, die man durchführen müsste, […] um Verwunderung, Überraschung und Konfusion zu erzeugen und aufrechtzuerhalten […] und um desorganisierte Interaktion herbeizuführen“ 12 . Garfinkels Intention besteht in einer gezielten Verletzung der Erwartungen seiner Probanden und in der Erschütterung deren sozialer Realität. Die Bedrohung der sozialen Basis der Situation, die Bedrohung dessen, was als normal betrachtet wird, liefert schließlich Einsichten über die Gesetze der Herstellung der Interaktion und bildet einen Beleg für die Regelgeleitetheit sozialen Handelns. 13 Garfinkels Krisenexperimente zeigen auf, dass sobald Abweichungen von standardisierten Konversationsreglungen initiiert werden, zunächst die Probanden den Versuch unternehmen, die Abweichungen zu korrigieren und Normalität wiederherzustellen; ist dies - wie in den Garfinkelschen Krisenexperimenten - nicht zu erzielen, so sind negative Emotionen die Folge. 14
Garfinkel ist es mit seiner Theorie nicht daran gelegen, die fixe Regeldeterminiertheit der Kommunikation und Kooperation zu proklamieren: Zwar sei das menschliche Handeln partiell von Standardi-
9 Garfinkel1973
10 Vgl. Garfinkel 1973 S.281f. 11 Garfinkel 1973 S.283 12 Garfinkel 1973 S.280 13 Vgl. Przyborski 2008 S.243 14 Vgl. Garfinkel 1973 S.284
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sierungen und Regeln bestimmt, die Interpretationsleistung der Akteure und deren wechselseitige Abstimmung seien für die Interaktion aber bestimmend. 15 Garfinkel kritisiert das Vorgehen zahlreicher Sozialwissenschaftler, die die Interpretationsleistung der Akteure unterschlagen und sie als kulturell oder psychologisch urteilsunfähig darstellen. 16 In diesen Theorien orientiert sich der Mensch an den Handlungsalternativen, die die Kultur oder die psychiatrische Biographie bietet, und produziert dergestalt die stabilen Züge der Gesellschaft. Die Alltags-Rationalität hingegen spielt keine kausale Rolle für das Handeln von Menschen. Garfinkel führt in „Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln“ detailliert aus, wie sozialwissenschaftliche Forscher vorgehen, um Gesellschaftsmitglieder als urteilsunfähig darzustellen. Exemplarisch sollen nun zwei solcher Verfahren, welche den Menschen seiner kognitiven Fähigkeiten berauben, vorgestellt werden: das normative Rollenmodell und die apragmatische Semiotik. 17 Garfinkel widerlegt mittels eines Experiments die Parsonsche „Ein-Preis-Regel“, indem er nachweist, dass die zu erwartenden Emotionen Angst und Scham nur anfänglich eintreten, im weiteren Versuchsverlauf einige Probanden aber gar Freude an der Preisver-handlung empfinden. 18 Des Weiteren nennt Garfinkel das fehlerhafte Vorgehen der apragmatischen Semiotik, welches darin besteht, die pragmatische Dimension der Zeicheninterpretation und des Zeichengebrauchs auszuschließen. 19 Ein solcher Ansatz vernachlässigt grundsätzlich signifikante Aspekte, beispielsweise werden Synekdochen, Randbemerkungen und Ironie unterschlagen, da für die Analyse dieser rhetorischen Stilfiguren ein Rekurs auf das Alltagswissen vonnöten wäre. 20 Aus diesen Thesen, die anhand von empirischen Experimenten verifiziert werden, extrahiert der Soziologe folgende Erkenntnis:
„So genau und spezifisch die Bedingungen gemeinsamer Verständnisse auch sein mögen - ein Vertrag kann hierfür als Prototyp dienen - sie bekommen offenbar den Status einer Vereinbarung nur unter Einschränkung, daß die festgelegten Bedingungen eine stillschweigend verstandene Et-Cetera-Klausel haben.“ 21
Die soziale Ordnung ist somit stets durch zwei Aspekte geprägt: Sie wird bestimmt von den stabilen Strukturen der Alltagshandlungen sowie der Et-Cetera-Klausel, einer aus den Vorerfahrungen durch Interpretation gebildete Voraussetzung, die das alltägliche Interagieren der Menschen koordiniert. 22
4. Ein Funkenschlag zwischen Ethnomethodologie und SocialTV
Die Erkenntnisse des Garfinkelschen Werks besitzen in soziologischen Kreisen große Relevanz für das Verständnis des alltäglichen menschlichen Interagierens. Welchen Nutzen sie für SocialTV- 15 Vgl.Schneider 2005 S.27
16 Vgl. Garfinel 1973 S.285 17 Vgl. auch Eberle 1984 S.315 18 Vgl. Garfinkel 1973 S.286f. 19 Vgl. Eberle 1984 S.316 20 Vgl. Garfinkel 1973 S.288 21 Ebd. S.290f. 22 Vgl. Schneider 2005 S.30
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Arbeit zitieren:
Laura Dorfer, 2009, Vom Nutzen und Nachteil soziologischer Handlungstheorien für die Entwicklung von SocialTV-Konzepten – ausgeführt am Beispiel von Harold Garfinkel, München, GRIN Verlag GmbH
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