Danksagung 2
Danksagung
Ich hatte bei der Abfassung dieser Arbeit in jeder Hinsicht Glück, denn sowohl professionelle als auch private Hilfe war zu jeder Zeit im Übermaß vorhanden. Die professionelle Unterstützung verdanke ich Sebastian Schmid, Julian Aichholzer, Andreas W. Rausch, Sylvia Margraf, Silvia Kucera, Martin Samek, Friedrich Grünzweig, Heinz-Dieter Pohl, Max Mangold, Sylvia Moosmüller, Katharina Unger-Vokurka, Walter Unger, Herwig Seeböck, Robert Easton, Elisabeth Schuster sowie im Speziellen meinem Betreuer am Institut für Germanistik Peter Ernst, der den Anstoß zur vorliegenden Arbeit gab, mir eine adäquate Infrastruktur zur Verfügung stellte und mir den Freiraum zur selbständigen Bearbeitung des Themas einräumte. Für die Erfahrung und Bereicherung, die mir diese Forschungsarbeit einbrachte, sei ihm an dieser Stelle mein innigster Dank ausgesprochen.
Allen StudentInnen und Personen, die bei der umfangreichen und zeitaufwändigen Sprech-und Sprachstandserhebung mitgewirkt haben, sei an dieser Stelle für ihre Geduld gedankt. Auch bei allen StudentInnen, die ihr Interesse an der vorliegenden Thematik durch die hohen Anmeldezahlen meiner Vorlesungen, Übungen, Proseminare an der Universität Wien, Universität Salzburg, PHNÖ, PH Eisenstadt, Lauder Business School und der Akademie für Sprechkunst und Schauspiel laufend kundtun, möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken.
Der Übergang von professioneller zu privater Hilfe ist natürlich fließend, weil viele Fachleute natürlich auch Freunde sind. Meiner Familie möchte ich hier dennoch danken, weil sie den Grundstein meiner Entwicklungsmöglichkeiten gelegt hat. Vor allem meinem Mann, der mich mit seiner positiven Einstellung zum Leben auch in schwierigen Phasen wieder „aufgefangen“ hat und mir mit seiner unbändigen Lebensfreude immer wieder Mut zum Weitermachen gegeben hat.
Inhaltsverzeichnis 3
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis 5
Tabellenverzeichnis 7
1. Einleitung 8
2. Vorbemerkungen. 14
2.1. Terminologie und Begriffsabgrenzung 14
2.2 Diachronische Entwicklung 20
3. Die orthoepischen Kodifikationen. 26
3.1 Die deutschländischen Aussprachekodizes 26
3.1.1 Der Siebs (1898 ff.) 26
3.1.2 Das Wörterbuch der deutschen Aussprache (WDA) (1964) und Großes
Wörterbuch der deutschen Aussprache (GWDA) (1982) 30
3.1.3 Das Duden-Aussprachewörterbuch (Aussprache-Duden) (1962ff.) 32
3.2 Die Aussprachemerkmale des österreichischen Standarddeutsch 34
3.2.1 Deutsche Lautlehre von Luick (1904f.) 34
3.2.2 Österreichisches Beiblatt zu Siebs (1957) 36
3.2.3 Das Österreichische Wörterbuch (ÖWB) (1951ff.) 40
3.2.4 Das Österreichische Sprachdiplom Deutsch (2000) 44
3.2.6 Das Variantenwörterbuch des Deutschen (2004) 45
3.2.7 Österreichisches Aussprachewörterbuch (ÖAWB) und Aussprachedatenbank
(ADABA) (2007) 48
4. Zielsetzung und Methodik 53
4.1 Ansatzpunkte der Erhebung. 53
4.2 Methodische Vorüberlegungen. 54
4.2.1 Die Stichprobe 54
4.2.2 Zur Repräsentativität 56
4.2.3 Eigenschaften der Probanden 57
4.3 Zur Sprech- und Sprachstandserhebung: orthoepische Merkmale 58
4.3.1 Quantitativ orientierte Erhebung 58
4.3.2 Die Befragungssituation 60
4.3.3 Das Statistik-Dilemma 61
4.3.4 Die Wortliste 62
4.3.5 Ablauf der Befragung 64
4.4 Zur Fragebogenerhebung: Einstellungen und Wahrnehmungen zur österreichischen
Standardaussprache 67
4.4.1 Ansatzpunkte der Erhebung 67
4.4.2 Aufbau des Fragebogens 68
4.4.3 Forschungsverlauf 69
4.4.4 Methodische Einschränkungen. 70
4 5 Methodenkritik 71
Inhaltsverzeichnis 4
5. Analyse und Auswertung der Ergebnisse 74
5.1 Erhebung der österreichischen Orthoepie 74
5.1.1 Stichprobe. 74
5.1.2 Ergebnisse 76
5.1.2.1 Vokalismus. 76
5.1.2.2 Konsonantismus. 92
5.1.2.3 Betonung. 110
5.1.2.4 Unterschied: Wien und andere Bundesländer. 111
5.1.3 Zusammenfassung 113
5.2 Einstellungen und Wahrnehmungen zur österreichischen Standardaussprache 114
5.2.1 Stichprobe. 114
5.2.2 Ergebnisse 114
5.2.2.1 Was ist die Standardaussprache. 115
5.2.2.2 Berufsgruppen 116
5.2.2.3 Aneignen der österreichische Standardvarietät 117
5.2.2.4 Differenzierung der Standardaussprache 118
5.2.2.5 Österreichische und deutsche Standardaussprache im Vergleich 118
5.2.3 Qualitative Ergebnisse der offenen Antworten 120
5.2.3.1 Frage (2) - Einstellung zur österreichischen Standardaussprache 120
5.2.3.2 Frage (3) - Besonderheiten der österreichischen Varietät. 121
5.2.3.3 Frage (10) - Sonstige Bemerkungen der Befragten 132
5.2.4 Zusammenfassung 135
6. Zusammenfassung 138
7. Schlussbetrachtung 140
Literaturverzeichnis 143
Anhang 1: Fragebogen. 156
Anhang 2: Wortliste 160
Anhang 3: Kodierung. 169
Anhang 4: Ergebnisse der Sprachstandserhebung 172
Anhang 5: Ergebnisse der Einstellungsanalyse 187
Anhang 6: Kreuztabellen und Chi-Quadrat-Test 189
Anhang 7: Lebenslauf 197
Anhang 8: Abstract in Deutsch 201
Anhang 9: Abstract in English 203
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Bundesland, das längste Zeit Lebensmittelpunkt war.
Abbildung 2: Häufigkeitsverteilung Vokalismus a
Abbildung 3: Häufigkeitsverteilung Vokalismus e
Abbildung 4: Häufigkeitsverteilung Vokalismus i.
Abbildung 5: Häufigkeitsverteilung Vokalismus o.
Abbildung 6: Häufigkeitsverteilung Vokalismen ö, u und ü.
Abbildung 7: Häufigkeitsverteilung Vokalismus ä
Abbildung 8: Häufigkeitsverteilung Diphthong ei-ai.
Abbildung 9: Häufigkeitsverteilung Diphthong äu-eu
Abbildung 10: Häufigkeitsverteilung Diphthong au
Abbildung 11: Häufigkeitsverteilung Präfix ge-
Abbildung 12: Häufigkeitsverteilung Suffixe -el, -em.
Abbildung 13: Häufigkeitsverteilung Suffix -en.
Abbildung 14: Häufigkeitsverteilung Suffix -en (Fortsetzung)
Abbildung 15: Häufigkeitsverteilung Suffix -er.
Abbildung 16: Häufigkeitsverteilung Suffix -on.
Abbildung 17: Häufigkeitsverteilung Konsonantismus
Abbildung 18: Häufigkeitsverteilung Konsonantismus s (Fortsetzung)
Abbildung 19: Häufigkeitsverteilung Konsonantismus r
Abbildung 20: Häufigkeitsverteilung Aspiration
Abbildung 21: Häufigkeitsverteilung Aspiration (Fortsetzung)
Abbildung 22: Häufigkeitsverteilung -ig-
Abbildung 23: Häufigkeitsverteilung stimmlos glottaler Plosiv
Abbildung 24: Häufigkeitsverteilung ch-.
Abbildung 25: Häufigkeitsverteilung Konsonantismen -b-, -d-, -g-
Abbildung 26: Häufigkeitsverteilung -ng-
Abbildung 27: Häufigkeitsverteilung ng t.
Abbildung 28: Häufigkeitsverteilung -chs-
Abbildung 29: Häufigkeitsverteilung st-, sp-
Abbildung 30: Häufigkeitsverteilung homorgane Laute d t , t t, (t)t d, d sch
Abbildung 31: Häufigkeitsverteilung homorgane Laute t s, s s, f f
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 32: Häufigkeitsverteilung homorgane Laute b b, g k, g g, ck g, ck k
Abbildung 33: Häufigkeitsverteilung Betonung
Abbildung 34: Berufsgruppen, die österreichische Standardaussprache sprechen sollten.
Abbildung 35: Aneignung der Standardvarietät von/über.
Abbildung 36: Differenzierung der Standardaussprache
Abbildung 37: Eigenschaften der Standardaussprachen im Vergleich
Tabellenverzeichnis 7
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Merkmale des österreichischen Deutsch im Siebs 39
Tabelle 2: Merkmale des österreichischen Deutsch in den Lernzielkatalogen des ÖSD 44
Tabelle 3: Merkmale des österreichischen Deutsch im Variantenwörterbuch. 47
Tabelle 4: Merkmale des österreichischen Deutsch im ÖAWB. 52
Tabelle 5: „Was ist die deutsche Standardaussprache für Sie?“ 115
Tabelle 6: „Was ist die österreichische Standardaussprache für Sie?“ 115
Tabelle 7: Kodifizierung der Standardaussprache 115
1. Einleitung 8
1. Einleitung
Wir stehen am Beginn eines großen standardsprachlichen Veränderungsprozesses, der sich nicht nur im Bereich der aktuellen orthographischen Reformen niederschlägt. Das Zeitgebundene und Althergebrachte ist im Begriff, sich in neuere Formen aufzulösen. Die ehemals kodifizierten Aussprachenormen entbehren einen tatsächlichen Realisierungsgrad, sind teilweise obsolet oder spiegeln umgangssprachliche Elemente wider. Man wird auch neue Definitionen dafür finden müssen, was in welcher Form, für welches Land und welche Schicht als Standardaussprache bezeichnet werden kann. Der plurizentrische Ansatz im Bereich der Aussprachenormen wird vor allem in Zukunft durch die vorherrschenden Inkonsequenzen innerhalb der großen Aussprachekodizes wieder mehr Beachtung finden. Die Aussprachekodifikationen der künstlich entwickelten Normen von Siebs, GWDA und WDA haben längst an Bedeutung verloren und müssen nun aktuellen, empirischen Ausspracheerhebungen weichen.
Erst im Jahr 2007 wurde in wissenschaftlichen Kreisen mit dem Österreichischen Aussprachewörterbuch (ÖAWB) und der Österreichischen Aussprachedatenbank (ADABA) ein orthoepischer Kodex vorgelegt, der in deskriptiver Weise die österreichische Aussprache österreichischer Modellsprecher erfasst. Die österreichische Aussprachevarietät wurde damit erstmals umfassend dokumentiert und in einem Aussprachewörterbuch kodifiziert. Die in dem Kodex dargestellte Varietät wird als ‚Medienpräsentationsnorm’ bezeichnet, da sie die Aussprachegewohnheiten von professionellen Mediensprechern widerspiegelt. Da es sich um eine ‚Medienaussprache’ handelt, die nicht den Anspruch auf vollständige Abbildung der Standardaussprache der gebildeten Elite Österreichs (z. B.: Politiker, Akademiker) erhebt, sondern nur die Aussprache der ORF-Mediensprecher berücksichtigt, darf sie nicht mit einer einheitlichen österreichischen Standardlautung gleichgesetzt werden, da es eine solche nicht gibt und darüber hinaus der Sprechwirklichkeit außerhalb des Medienbetriebes nahe kommen würde. Daher wäre eine erklärende Bemerkung angebracht gewesen, ob die Varianten im ÖAWB der Standardvarietät nun als zugehörend betrachtet werden können oder eben nicht. Zumindest hätte der Unterschied zwischen ‚Standard’- und ‚Medien’-Präsentationsnorm explizit dargelegt werden müssen. Die Kodifikation kann damit als deskriptiv und nicht normativ/präskriptiv gewertet werden, da die Aussprachegewohnheiten außerhalb der Modellaussprachen nicht erfasst wurden. Dadurch ergeben sich ähnlich wie bei der Siebs- Kodifikation vielschichtige Probleme. Das ÖAWB wird darüber hinaus in
1. Einleitung 9
Wissenschaftskreisen oft als ‚Einzelunternehmen’ des Verfassers, als Kodifikation am grünen Tisch, betrachtet. Es besteht daher ein akutes Interesse, eine Bestätigung oder auch Verwerfung der jüngst veröffentlichten österreichischen Korpusanalyse, die erstmals eine vollständige phonetische Transkription erhält, durchzuführen. Denn jeder Aussprachekodifikation muss eine solide und auch tatsächlich gesprochene Gebrauchsnorm zugrunde liegen, um als formell anerkannte österreichische Standardaussprache zu gelten. Darüber hinaus liefert das ÖAWB keine empirisch fundierten Daten über verschiedene Sprachschichten (nicht nur die Schicht der Modellsprecher) für den österreichischen Sprachraum, was aufgrund der Inkonsequenzen innerhalb des Kodices wünschenswert wäre.
Davor gab es in Österreich keinen eigenen Kodex der Orthoepie, in dem man die österreichische Aussprache hätte nachschlagen können. Zwei ältere Schriften zur österreichischen Orthoepie, die zwar einen hohen zeitdokumentarischen Wert besitzen, aber so antiquiert sind, dass sie, wenn überhaupt, nur noch über das Antiquariat beziehbar sind, wurden in Luicks Deutscher Lautlehre (1904) mit dem Österreichischen Beiblatt zu Siebs (1957) in einem Nachdruck (1996) gemeinsam veröffentlicht. Hinweise zu österreichischen Aussprachevarianten findet man dann erst wieder in der 19. Auflage des Siebs von 1969 und im Österreichischen Wörterbuch (ÖWB). Das ÖWB bezieht sich ganz zweckgemäß vorwiegend auf lexikalische Varianten, die Behandlung der Aussprache bleibt in diesem Kodex auf die Beziehung zwischen Schreibung und Lautung beschränkt. Immerhin können aus dem Kapitel „Texte der amtlichen Regelungen“ (ÖWB 2008, S. 925-1002) sehr wertvolle Rückschlüsse auf die Aussprache des österreichischen Standarddeutsch gezogen werden. Die Laut-Buchstaben-Zuordnung liefert vor allem im Vokalismus, insbesondere bei der orthographischen Kennzeichnung von Lang- und Kurzvokalen, implizite Hinweise auf die österreichische Aussprachevarietät. Darüber hinaus bedenke man an dieser Stelle, dass das ÖWB das einzige nationale Wörterbuch Österreichs darstellt und als amtliches Regelwerk (weil durch das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur autorisiert) die standardsprachlichen Merkmale des österreichischen Sprachraumes festhält. Insofern 1 auch in dieser Arbeit werden die aus dem Regelkatalog ableitbaren Aussprachemerkmale mitberücksichtigt.
1 Im Hinblick auf die adäquate Terminologie merkt Muhr zu Recht an, dass man den Begriff „Besonderheiten des
österreichischen Deutsch“ vermeiden solle, weil damit immer eine dominierende Varietät als Maßstab impliziert werde.
Besser wäre es daher von „Merkmalen des österreichischen Deutsch“ zu sprechen, weshalb ich mich dieser Terminologie
gerne anschließen möchte (vgl. Muhr 2000, S. 37).
1. Einleitung 10
Von der Aussprachekodifikation des Siebs wissen wir hingegen, dass sie in Wissenschaftskreisen als überholt gilt und die österreichische Varietät nur aus Sicht einer asymmetrischen Plurizentrizität betrachtet. Die anderen nationsübergreifenden Aussprachekodizes (i. e. WDA, GWDA, Aussprache-Duden) stellen die österreichische (als auch die schweizerische) Standardvarietät auf die gleiche Stufe wie süddeutsche Dialekte. Auf der anderen Seite sind Hinweise in diesen drei Kodizes oftmals gegenseitige Anlehnungen an die entsprechenden Hauptwerke (so bei Siebs und WDA bzw. GWDA, als auch bei Siebs und den frühen Auflagen des Aussprache-Duden). Die ehemals im Rechtschreib-Duden (1991) vorhandenen Aussprachehilfen sind zum einen rudimentär dokumentiert und zum anderen erneut an der nationsübergreifenden deutschländischen Aussprachenorm angelehnt. Darüber hinaus sind sie in den neueren Auflagen (1991ff.) nicht mehr enthalten. Auch in der Sonderreihe zum Großen Duden (Band 8) wurde von Jakob Ebner ein kleines, österreichspezifisches Wörterbuch mit dem Titel Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch der österreichischen Besonderheiten veröffentlicht. In den ersten beiden Auflagen der Jahre 1969 und 1980 wurden wichtige Anmerkungen zur Aussprache des österreichischen Standarddeutsch gegeben (1969, S. 259ff. und 1980, S. 211ff.), die jedoch in der dritten, vollständig überarbeiteten Neuauflage (1998) fehlen, weshalb dieses Werk in der vorliegenden Arbeit nur als Kontrastwerk berücksichtigt werden kann. Dieser Verlust stellt erneut einen eklatanten Nachteil für die Wissenschaft dar, wie wir das bereits von der Deutschen Lautlehre und dem Österreichischen Beiblatt zu Siebs her kennen.
In einem anderen wichtigen Werk, dem Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol (2004) wird dafür ein hervorragender Überblick über eine Vielzahl typisch österreichischer Aussprachemerkmale geboten. Die phonetischen Merkmale sind systematisch nach Lautklassen geordnet, die sich damit als theoretische Grundlage zur Etablierung einer allgemeingültigen österreichischen Kodifikation eignen. Die Aussprachehinweise können damit zumindest als valide Vergleichswerte für die empirischen Ergebnisse der hier vorliegenden Arbeit herangezogen werden. Den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit stellt die Untersuchung der vorherrschenden Aussprachegewohnheiten von StudentInnen dar, die aufgrund der gewählten Studienrichtung als RepräsentantInnen einer österreichischen
Standardaussprache gelten. Studierende gehören quasi der gebildeten Schicht einer gegebenen Sprachgemeinschaft an und vor allem als LehramtskandidatInnen haben sie mit
1. Einleitung 11
ihren Aussprachen Vorbildwirkung auf die Allgemeinheit. Sie fungieren daher im weitesten Sinne als ModellsprecherInnen und ihre Aussprachen werden als Grundlage für die orthoepische Untersuchung herangezogen. Allen Modellsprechern ist gemein, dass sie die überregionale Aussprachenorm einer gegebenen Sprachgemeinschaft repräsentieren, diese gewissermaßen vorgeben und implizit formen und damit letztendlich auch kodifizieren (vgl. ÖAWB 2007, S. 35). Die vorliegende Sprech- und Sprachstandserhebung der österreichtypischen-orthoepischen Merkmale eröffnet neue Perspektiven für eine zukünftige österreichische Aussprachekodifikation. Eine umfangreiche Analyse der uns heute vorliegenden Normen kann weiters dazu beitragen, eine neuerliche Aufmerksamkeit auf den tatsächlichen Sprechstand von ModellsprecherInnen außerhalb des Medienbetriebes zu lenken, was zum einen aufgrund der Inkonsequenzen und Defizite in den derzeit verfügbaren Kodizes von ÖAWB, Siebs, GWDA und Aussprache-Duden, zum anderen aufgrund des Fehlens einer allgemein gültigen bzw. im Buchhandel erhältlichen österreichischen Aussprachenorm wünschenswert wäre. Außerdem soll diese Arbeit Anlass dazu geben, im Bereich der BerufsprecherInnenausbildung ein einheitlicheres Ausbildungsniveau herbeizuführen, wodurch die Berufsgruppe der österreichischen SprecherzieherInnen, SchauspielerInnen und SprecherInnen eine solide Aufwertung erfahren würde. Derzeit gibt es in allen Bereichen der Lautlehre große Unsicherheiten, was sich in immer wiederkehrenden Sprechersitzungen niederschlägt, in denen über die hierzulande ‚richtige’ Aussprache diskutiert wird. Da die Quellenlage und die divergierenden Meinungen darüber weitläufig auseinander gehen, kommt es bei den meisten Sitzungen zu keinem befriedigenden Konsens. Denn gerade die praktizierenden SprecherzieherInnen sind es, die am Beginn der sprechsprachlichen Veränderung stehen. Sie sind die expliziten Vermittler einer überregionalen Aussprachenorm und haben als sprachliche Bewahrer die Aufgabe, das Sprachniveau einer gegebenen Sprachgemeinschaft zu heben. Ihrer Vorbildwirkung gemäß müssen vor allem SprecherzieherInnen die Ausspracheregeln beherrschen und didaktisch adäquat vermitteln können. Dazu bedarf es wiederum klarer amtlicher Legitimationen und Abgrenzungen für den österreichischen Sprachraum, die derzeit zwar in den Köpfen der Fachleute existieren, aber in keiner allgemein zugänglichen Kodifikation für jedermann verfügbar ist. So muss derzeit im sprecherzieherischen Unterricht weiterhin zum Aussprache-Duden gegriffen werden, weil Siebs, GWDA und ÖAWB keine zufriedenstellende Variante kodifizieren und - was noch wichtiger ist - im Buchhandel überhaupt nicht vertrieben werden.
1. Einleitung 12
Die Auffassung über das österreichische Deutsch ist darüber hinaus oftmals sehr ambig. Warum das so ist, lässt sich zum einen wohl auch damit erklären, dass die Aussprache in Filmen, Serien etc. nur in seltenen Fällen auch tatsächlich österreichisches Deutsch repräsentiert (vgl. Wächter-Kollpacher 1995, S. 270), mit Ausnahme natürlich der typisch österreichischen Serien wie SOKO-Kitzbühel, teilweise auch Medicopter 117, da diese Serie eine Kooperation von ORF und RTL darstellt. Außerdem spielen in Serien auch in gleichen Anteilen deutsche Schauspieler mit, die natürlich deutsche Schauspielschulen durchlaufen haben und daher keine typisch österreichischen Aussprachegewohnheiten widerspiegeln können. Muhr stellt in diesem Zusammenhang richtigerweise fest, dass
Auf der anderen Seite ist man in der Bevölkerung auch der gängigen Ansicht, dass in Österreich ausschließlich Dialekt gesprochen werde, weil man ja das eigene, minderwertig konnotierte Deutsch tagtäglich mit dem ‚anderen’, höherwertigen deutschländischen Deutsch konfrontiert sieht, entweder durch Teutonismen oder durch das deutsche Fernsehen. Da kommen dem Österreicher schon Zweifel an der eigenen sprachlichen Kompetenz auf. Moser fasst hier zu Recht die Grundeinstellung der österreichischen Sprachteilnehmer zusammen, dass man hierzulande der Auffassung wäre, dass
Ein anderes Ziel dieser Arbeit soll daher sein, einen Beitrag zur Erforschung der Einstellungen und Meinungen zur österreichischen Standardvarietät zu leisten. Auch sollen die Ergebnisse der Untersuchung in nachfolgende Arbeiten einfließen, also als Kontrastwerte herangezogen werden. Eine empirisch fundierte Basis - sowohl was die Einstellungen als auch die orthoepischen Merkmale einer solchen Varietät betrifft - soll einer zukünftigen Aussprachenormierung des österreichischen Deutsch eine Hilfe sein.
1. Einleitung 13
Darüber hinaus muss in Zukunft eine eigenständige österreichische Varietät der gemäßigten Variante der deutschländischen Standardaussprache gegenüberstehen, eine klare Abgrenzung geschaffen werden und eine österreichische Varietät in den Köpfen der Sprachteilnehmer nicht weiter als Sub-Standard oder Abweichung von der deutschländischen Standardaussprache gelten. Auch stellt die Erforschung der landeseigenen, überregionalen Varietät einen kulturpolitischen Auftrag dar, weil der Österreicher ein eingeschränktes Sprachbewusstsein und Wissen über seine eigene Varietät besitzt (vgl. Muhr 2003, S. 201f.). Das Wissen und Bewusstsein, dass die österreichische Aussprache eine eigene Varietät des Deutschen darstellt, wird vor allem in Kindergärten, Schulen und Universitäten nicht klar kommuniziert, weil die derzeit tätige Lehrergeneration noch nach monozentrischer Sprachauffassung ausgebildet wurde (vgl. Muhr 2003, S. 206). Daher orientiert man sich grundlegend an den Duden-Normen, weil das österreichspezifische ÖWB zwar einen großen Verbreitungsradius besitzt, aber aufgrund der lexikalischen Ausrichtung kaum Hinweise auf die landeseigene Aussprache gegeben werden. Die Merkmale der österreichischen Orthoepie zu erfassen bedeutet aber nicht gleichzeitig, dass diese mittels Eingang in einen österreichischen Aussprachekodex fixiert werden müssen, sondern zuallererst, dass der Kulturnation Österreich die nötige Wertschätzung entgegengebracht wird, um Potenzial für diesen Weg zu schaffen. Außerdem können typisch österreichische Aussprachevarianten, die im ÖAWB nicht berücksichtigt werden, aber in meiner empirischen Untersuchung aufscheinen, ins Bewusstsein der Kodifizierer gelangen. Möge diese Arbeit zumindest ein kleiner Beitrag in diese Richtung sein. Eine österreichische Aussprachekodifikation muss, um nicht weiterhin als Desiderat zu gelten, der rigorosen Sprachförderung dienlich sein, weil sich nur dadurch bestehende Unstimmigkeiten zu den Fachkollegen in Stuttgart und Halle zukünftig besser 2 Auch soll diese Arbeit dazu beitragen, dass der vor allem in ausgleichen lassen können.
den letzten Jahren pädagogisch stark vernachlässigte Bereich der Aussprachekodifikation des österreichischen Deutsch wieder mehr Beachtung findet.
2 Die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart bietet den vierjährigen Diplomstudiengang
Sprecherziehung in einer einzigartigen Monopolstellung an. Für Österreich oder die Schweiz gibt es nichts Vergleichbares.
Die Hochschule verleiht den akademischen Titel „Diplom-Sprecherzieher“. In Halle wird gerade der Nachfolger von Siebs
und GWDA, mit dem Titel Deutsches Aussprachewörterbuch vorbereitet, das leider zum Zeitpunkt der Abfassung noch nicht
vorlag und daher in dieser Arbeit nicht mitberücksichtigt werden konnte.
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 14
2. Vorbemerkungen
2.1. Terminologie und Begriffsabgrenzung
Zuerst soll die in dieser Arbeit verwendete Terminologie dargestellt werden, denn besonders im Hinblick auf Standard herrscht immer wieder Unsicherheit, was damit eigentlich gemeint sein soll. Der Begriff Standarddeutsch etwa wird als Oberbegriff für die in Wörterbüchern kodifizierte Standardvarietät der deutschen Sprache verwendet. Er referiert auf alle Bereiche der Sprache gleichermaßen, wenngleich in Teilbereichen, wie etwa der Aussprache, genauere Termini nötig sind. Standarddeutsch ist ein neutraler Begriff und ersetzt in der neueren Forschungsliteratur das problematische Hochdeutsch. Letzteres ist einerseits mehrdeutig, da es im dialektgeographischen Sinne „die Gesamtheit aller Dialekte, die von der Zweiten Lautverschiebung erfasst wurden“ (Bußmann 2002, S. 281) bezeichnet. In diesem Sinne sind alle Varietäten, die südlich der Benrather Linie, also in zirka zwei Dritteln des deutschen Sprachraumes, gesprochen werden, als Hochdeutsch zu bezeichnen, während die im nördlichen Drittel bodenständige Varietät als Niederdeutsch bezeichnet wird. Andererseits ist Hochdeutsch ein wertender Begriff im sprachsoziologischen Sinne. Er wird volkstümlich und in der älteren Forschungsliteratur synonym für Standarddeutsch verwendet und referiert auf die kodifizierte, überregional gültige Standardvarietät im Gegensatz zur Umgangssprache (vgl. Bußmann 2002, S. 281). Da diese Arbeit weder um die Disziplin der Dialektgeographie noch um die Soziolinguistik herumkommt, ist es wichtig, sich einer Terminologie zu bedienen, die unmissverständlich und von interdisziplinärer Gültigkeit ist. Da der Begriff Hochdeutsch ungenau ist, wird er im Folgenden nicht mehr verwendet. Dennoch sollen weitere dialektgeographische Begriffe und die diachrone Entwicklung einzelner Varietäten im nächsten Kapitel besprochen werden.
An dieser Stelle soll zunächst geklärt werden, was unter einer Varietät zu verstehen ist. Dieser häufig gebrauchte Begriff ist wertneutral und bezeichnet allgemein jede spezifische Ausprägung einer Sprache, egal von wem oder wo sie gesprochen wird. Obgleich ein solches Vorgehen der neutralen Werthaltung entgegenläuft, wird in der Praxis üblicherweise eine Standardvarietät angenommen, um alle anderen davon abweichenden Varietäten zu beschreiben. In der neueren Forschung wird das Deutsche als plurizentrische
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 15
Sprache aufgefasst, innerhalb welcher mehrere Standardvarietäten bestehen. Varietäten sind aber grundsätzlich als Klassifizierungsbegriff im Kontrast zu Sprachen zu sehen.
Vereinfacht dargestellt besteht die deutsche Sprache aus drei nationalen Varietäten - einer österreichischen, einer deutschen und einer schweizerischen Standardvarietät. Natürlich ist hier Varietät als ein abstrakter Begriff auf sprachsystematischer Ebene zu sehen, der im Diskurs über Sprache nötig ist. Die konkreten Merkmale, die in ihrer Gesamtheit eine Varietät konstituieren, nennt man Varianten. Geht man von einem plurinationalen Zugang aus, sind konkrete sprachliche Merkmale, die für die Sprache einer Nation typisch sind, „nationale Varianten“ (vgl. Ammon 1996, S. 243). Auf lexikalischer Ebene ist es relativ einfach, solche Varianten zu bestimmen. Der in Österreich gebräuchliche Rauchfangkehrer steht dem in Deutschland häufigeren Schornsteinfeger gegenüber, Marille trifft auf Aprikose, Paradeiser auf Tomate usw. Auch auf grammatikalischer Ebene sind Varianten möglich. Das kann den Gebrauch von Auxiliarverben (bin gesessen vs. habe gesessen) ebenso betreffen wie den Tempusgebrauch. Gleichermaßen betroffen sind Orthografie (schweiz.: kein ß) und Aussprache, wobei letztere am schwierigsten zu kodifizieren ist. Dabei ist es aber wichtig zu bemerken, dass nationale Varianten standardsprachlich sind, ebenso wie die nationalen Varietäten, die sich aus ihnen zusammensetzen. Je nach Zugang definieren sich diese Standards aber in unterschiedlicher Weise. Die unterschiedlichen Zugänge zu den einzelnen Varietäten manifestieren sich in der verwendeten Terminologie. Lange Zeit galt ein monozentristischer Ansatz, der das österreichische Deutsch als Nebenvariante zur bundesdeutschen Hauptvariante ansah (vgl. Schrodt 1997, S. 13). Dieser Ansatz hat heute seine Gültigkeit verloren und wurde durch andere Modelle ersetzt. Sie alle erkennen unterschiedliche Varietäten als gleichberechtigt und gleichwertig an, jedoch unterscheiden sie sich in deren Abgrenzung. Eine stark vereinfachende und deshalb unwissenschaftliche Sichtweise ist der plurinationale Zugang. Dieser Terminus suggeriert, dass jede deutschsprachige Nation ihre eigene nationale Varietät besitzt. Die Vorstellung, man spreche innerhalb der Staatsgrenzen des Staates A
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 16
Varietät A, des Staates B die Varietät B usw. ist zwar praktisch, aber zu ungenau. Neben dem problematischen Begriff der Nation (vgl. Ammon 1996, S. 243), auf den hier nicht näher eingegangen werden soll, sprechen auch dialektologische Gründe gegen diesen Begriff. Es ist eine Tatsache, dass die Dialektgrenzen nicht mit den Staatsgrenzen übereinstimmen; so gehören etwa Vorarlberg und ein Teil Tirols zum alemannischen Sprachgebiet, während der Rest von Österreich Bairisch spricht. Um dieses begriffliche Problem zu entschärfen, haben sich andere Zugänge entwickelt. Der gängigste Terminus in diesem Zusammenhang ist der 1984 von M. Clyne eingeführte Begriff der plurizentrischen Sprache.
Wichtig ist dabei, dass den Varietäten zwar Zentren zugeschrieben werden, die auf Nationen referieren, aber nicht mit deren Grenzen (in Sinne von Staatsgrenzen) zusammenfallen.
Sehr wohl weist Clyne aber darauf hin, dass die Varietäten plurizentrischer Sprachen nur theoretisch gleichberechtigt sind. In der Praxis sind sie „aufgrund historischer, politischer und wirtschaftlicher Machtverhältnisse sowie demographischer Faktoren asymmetrisch“ (Clyne 1995, S. 8). Dies zeigt sich daran, dass von der Bevölkerung manche Varietäten als hochwertiger angesehen werden als andere, bzw. daran, dass Nationalvarietäten wegen
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 17
überschneidender formaler Merkmale mit Dialekten verwechselt werden (vgl. Clyne 1995, S. 9). Zu einem symmetrischen Plurizentrismus, bei dem Varietäten auch von der breiten Bevölkerung als gleichwertig empfunden werden (etwa British English und American English) kommt somit auch ein asymmetrischer Plurizentrismus. In diesem Zusammenhang spricht Clyne von dominanten (D) und anderen (A) Varietäten. Hier tritt unter anderem folgendes Problem auf:
Dieses Problem kann auch auf umgekehrtem Wege gesehen werden, nämlich so, dass die österreichische Bevölkerung keine klare Vorstellung davon hat, ob sie eine österreichische Standardvarietät gebraucht, oder ob gewisse „Austriazismen“ doch eher dem dialektalen Bereich zugehörig sind. Aus dem mangelnden Selbstverständnis der österreichischen Varietät gegenüber resultiert oft eine Anpassung an die bundesdeutsche Varietät, die mitunter als „korrekter“ angesehen wird.
Das Konzept des Deutschen als plurizentrische Sprache ist heute weit verbreitet und wurde von Linguisten wie Ammon und Muhr weiterentwickelt. Die Abgrenzung gegenüber dem plurinationalen Zugang ist allerdings unscharf. Ammon befürwortet die plurinationale Auffassung der deutschen Sprache (vgl. Ammon 1996, S. 244), jedoch grenzt er den Begriff der Nation gegenüber dem nationalen Zentrum ab.
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 18
Man erkennt, dass auch der plurizentrische Ansatz noch stark mit dem Konzept der Nation verbunden ist, auch wenn diese nicht mehr im Vordergrund steht. Nun gibt es Tendenzen, die einzelne Varietäten noch stärker von der Nation ablösen wollen und von Arealen anstatt von Zentren sprechen. Der pluriareale Ansatz wird hauptsächlich von Linguisten vertreten, deren Fachgebiet die Dialektologie ist, wie etwa Scheuringer. Dies ist verständlich, da die Untersuchung der Basisdialekte des deutschen Sprachraumes andere Ergebnisse hervorbringt als die Untersuchung der Standardvarietäten. So erstreckt sich beispielsweise der bairische Sprachraum über Bayern und weite Teile Österreichs, was bedeutet, dass in diesem Areal auf basisdialektaler Ebene mehr Gemeinsamkeiten auftreten als zwischen Vorarlberg und dem Burgenland. Hinsichtlich der Standardsprache kann eingewendet werden, dass sich möglicherweise Bayern zur bundesdeutschen Varietät bekennt, während Österreich seine eigene österreichische Standardsprache beansprucht. Dementsprechend kritisiert auch der pluriareale Ansatz, dass Fragestellungen der Dialektologie mit denen der Standardsprache vermengt werden. Die Zahl der echten Austriazismen sei gering und die
Muhr weist diese Behauptungen zurück und vertritt die Auffassung von Deutsch als plurizentrischer Sprache. Es sei nicht das Ziel, eine Nationalsprache zu schaffen, sondern das staatliche Territorium als Ausgangspunkt der Beschreibung von Sprache zu nehmen (vgl. Muhr 1997, S. 48). Da in dieser Arbeit die österreichische Standardvarietät untersucht werden soll, ist der plurizentrische Ansatz sicherlich der sinnvollste. Nun da hinreichend geklärt ist, dass es eine österreichische Standardsprache gibt soll der Fokus auf den hier zu untersuchenden Teilaspekt der Aussprache gerichtet werden. Zunächst ist festzuhalten, dass die Standardaussprache nicht mit der Standardsprache gleichgesetzt werden kann, weil jene nur auf die Ebene der Phonetik bzw. Phonologie bezogen ist. Von Phonetik sprechen wir in diesem Zusammenhang, wenn konkrete sprachliche Äußerungen (parole) beschrieben werden, während Phonologie auf das abstrakte Sprachsystem (langue) referiert. Dies ist insofern von Bedeutung, als im empirischen Teil zwischen normbezogenen Phonemen (in Schrägstrichen / /) und
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 19
tatsächlich realisierten Phonen (in eckigen Klammern [ ]) unterschieden wird. Soll nun also die österreichische Standardaussprache (im Folgenden ÖS) untersucht werden, ist dieser Terminus gegenüber anderen kritisch abzugrenzen. Analog zu dem Begriffspaar Hochsprache/Standardsprache gibt es neben der neutralen Bezeichnung Standardaussprache den problematischen Terminus Hochlautung. Zwar ist dieser nicht zweideutig (im dialektgeographischen Sinne), doch drückt er ebenso wie Hochdeutsch eine gewisse Wertung aus. Es drängt sich unweigerlich die Assoziation von „hoch“ mit „hochwertig“, „besser“ und „korrekt“ auf, weshalb „Hochlautung“ aus soziolinguistischer Sicht unbrauchbar ist.
Wenngleich die Standardsprache auch nicht höher gestellt ist als andere Varietäten, so ist sie durch umfassende Sprachpflege doch in einem gewissen Sinne höher entwickelt (vgl. Ehrlich 2008, S. 14). Außerdem hat die Umbenennung der Hochlautung in Standardaussprache eine Differenzierung verwischt, die für das Verständnis von Aussprachenormen höchst wichtig ist. Hochlautung war als Synonym für Bühnenaussprache zu verstehen, welche nicht als Standard für einen breiten Kreis, sondern als Referenzgrundlage für Berufssprecher und Schauspieler gedacht war (vgl. Ehrlich 2008, S. 15). Was Siebs als die gemäßigte Hochlautung (im Gegensatz zur reinen Hochlautung) bezeichnete, passt eher auf die heutige Auffassung von Standard. Somit soll heute, wenn von einem für eine breite Schicht gedachten Aussprachestandard als Teil einer Standardvarietät die Rede ist, der Begriff Standardaussprache verwendet werden, während Hochlautung, wenn überhaupt, nur mehr im Sinne der Siebs’schen Bühnenaussprache zulässig ist.
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 20
2.2 Diachronische Entwicklung
Die Erforschung der Standardsprache ist unmittelbar mit der diachronen Sprachwissenschaft und mit der Dialektologie verbunden. Deshalb soll in diesem Abschnitt kurz auf sowohl historische als auch dialektale Sprachstufen eingegangen werden. Das Hochdeutsche im dialektgeographischen Sinn hat seinen Anfang im Althochdeutschen, das sich schon im Frühmittelalter durch die 2. Lautverschiebung gegen das Altniederdeutsche (bzw. Altsächsische) abgrenzte. Bis heute kennzeichnen sich die Basisdialekte nördlich der Benrather Linie dadurch, dass sie die 2. Lautverschiebung nicht durchgeführt haben, während südlich davon wesentliche lautliche Veränderungen vonstatten gegangen sind. Aufgrund sozio-politischer Faktoren und nicht zuletzt durch die Bibelübersetzung Martin Luthers erlangte das Hochdeutsche ein höheres Prestige und bildet daher die Grundlage für unsere heutige Standardsprache. Es war primär das Ostmitteldeutsche, welches, vermengt mit Einflüssen aus anderen Dialekträumen, zur angesehensten Varietät avancierte und besonders im Norden des deutschen Sprachraumes die bodenständigen Dialekte stark zurückdrängte. Heute spricht man auch im niederdeutschen Sprachgebiet vorwiegend Hochdeutsch, wobei der niederdeutsche Dialekt in seiner reinen Form als Plattdeutsch auftritt. Im Süden traf die angesehene Ostmitteldeutsche Varietät auf stärkeren Widerstand. Noch heute wird in Österreich, aber auch im Südwesten des deutschen Sprachraumes primär Dialekt gesprochen, während das Standarddeutsche sich auf den schriftlichen Gebrauch, auf offizielle Kommunikation und auf die Städte konzentriert.
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 21
Die Einteilung der sprachlichen Realität in Österreich in Dialekt - Umgangssprache - 3 ,soll für unsere Zwecke aber genügen. Während für Standardsprache ist freilich ungenau
die Umgangssprache genaue Definitionen und Untersuchungen fehlen, ist die Dialektgeographie gut erforscht (vgl. Wiesinger 2006, S. 49). Auch wenn diese Arbeit sich mit der Standardaussprache beschäftigt, ist es doch lohnend, einen Blick auf die Dialektsituation in Österreich zu werfen. Da die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung für ihre Alltagskommunikation Dialekt (bzw. Umgangssprache) verwendet, ist zu erwarten, dass das eine oder andere lautliche Merkmal in die Standardsprache durchschlägt. Ob und in welchem Ausmaß dies der Fall ist, soll im empirischen Teil gezeigt werden, doch an dieser Stelle folgen einige Bemerkungen zum dominantesten der österreichischen Dialekte
- dem Bairischen.
Nicht zu verwechseln mit der Bezeichnung für das heute zu Deutschland gehörige Bundesland Bayern ist das Volk der Baiern, nach dem die in Österreich und Bayern dominante Dialektvarietät benannt ist. Das Stammesfürstentum der Baiern war in sprachlicher Hinsicht gewiss prägend, wenngleich auch die Babenberger, die Böhmen und nicht zuletzt die aus der Schweiz stammenden Habsburger ihre Einflüsse hinterlassen haben (vgl. Ebner 1969, S. 253). Ebenso bedeutend für die Beibehaltung der bodenständigen Dialekte im Vergleich zu Norddeutschland war der konfessionelle Gegensatz, der durch die Reformation entstand.
Auch Kaiserin Maria Theresia sprach privat Dialekt, jedoch war sie bestrebt, in der Öffentlichkeit die prestigeträchtigere mitteldeutsche Varietät durchzusetzen. Schreiber wurden angehalten, Erlässe nach mitteldeutschem Muster zu verfassen und Geistlichen wurde verboten, in ihrer Mundart zu predigen (vgl. Ebner 1969, S. 255).
3 Für eine ausführlichere Darstellung vgl. Moosmüller 1987, S. 28-40.
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 22
Diese Zweigleisigkeit war aufgrund sozialer Veränderungen im 18. Jhdt. jedoch noch wesentlich stärker ausgeprägt, da Sprachnormierungsversuche erst in ihren Anfängen waren. Etwa ab 1750 wurden in Österreich wie auch in Deutschland Versuche unternommen, einheitliche Regeln für die deutsche Sprache hinsichtlich Grammatik und Orthografie, aber auch der Aussprache zu schaffen. Einer der bekanntesten deutschen Sprachnormierer war Christoph Gottsched; erst wesentlich später erschien das erste Wörterbuch Konrad Dudens. Für Österreich ist besonders der Wiener Literat Leopold Alois Hoffmann zu nennen, der für eine „reinere“ Sprache in Predigten eintrat (vgl. Wiesinger 2006, S. 358f.). Ebenso trug der von Maria Theresia berufene Schulreformer Johann Ignaz von Felbiger als anonymer Verfasser von Schulbüchern wesentlich zur Verbreitung des Hochdeutschen in Österreich bei (vgl. Wiesinger 2006, S. 362). Es muss jedoch festgehalten werden, dass im 18. Jhdt. den Sprachnormierern noch keine wissenschaftliche Grundlage für die Kodifikation der Aussprache zur Verfügung stand. In Ermangelung einer phonetischen/phonologischen Beschreibungsweise wurde meist auf die Schrift als Richtlinie für die Aussprache verwiesen. Von den beiden von Gottsched stammenden Aussprüchen „Sprich, wie du schreibst“ und Schreib, wie du sprichst“ war für Österreich nur der erste gültig (vgl. Wiesinger 2006, S. 363). Wenngleich die Normierungsbestrebungen des 18. Jahrhunderts wesentlich zur Verbreitung der mitteldeutschen Schriftsprache beigetragen haben, so ist auch heute noch die Sprache der breiten Bevölkerung Österreichs der bairische Dialekt. Auch wenn sich der bairische Sprachraum neben der klassischen Unterteilung in Südbairisch, Südmittelbairisch und Mittelbairisch in noch kleinere Räume zergliedern lässt (vgl. Wiesinger 2006, S. 249), soll es hier genügen, vereinfachend das Mittelbairische als besonders dominante Varietät näher zu beleuchten.
Sowie in frühneuhochdeutscher Zeit das Ostmitteldeutsche eine besondere Rolle bei der Ausprägung der modernen Standardsprache hatte, so war für die Dialekte des Donauraumes die Wiener Hofsprache besonders prägend. Bis heute stehen ältere, bodenständige Formen
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 23
in Konkurrenz mit den Varianten, die von Osten her aufgrund ihres höheren Prestiges nach und nach den Donauraum eroberten. Wir haben es hier
Im Folgenden soll nun der mittelbairsche Dialekt hinsichtlich seiner lautlichen Charakteristika mit dem Standarddeutschen und mit dem Mittelhochdeutschen verglichen werden. Zunächst sollen einige Beispiele für den Vokalismus, später für den Konsonantismus genannt werden (vgl. Hornung 2000, S. 20-23). Mhd. a und â bleiben im nhd. bezüglich der Vokalqualität erhalten, fallen aber im mbair. lang /o:/ zusammen. So wird beispielsweise mhd. tac zu nhd. Tag, aber mbair. /d':g/. Ähnlich wird mhd. har zu nhd. Haar (hier bleibt auch die Vokalquantität gleich). Das auslautende /r/ wird - wie im mbair. üblich vokalisiert und als zentralisiertes oder mittelgaumiges a bzw. als a-Schwa realisiert.
Die ungerundeten palatalen Mittelzungenvokale, kurz e-Phoneme, stellen ein interessantes Gebiet dar, da sie im Mhd. zahlreicher waren als heute. In weiten Teilen des mhd. Sprachraumes, so auch im bairischen, wurden drei kurze und zwei lange e-Phoneme unterschieden. So hat mhd. ë im Gegensatz zu dem geschlossenen Primärumlaut e offene Aussprache und hat so eine bedeutungsunterscheidende Position zwischen e und ä. Beispiele dafür sind rëgen (der Regen) und regen (sich regen) von germ. *ragjan. Noch offener als die Zwischenstufe ë wird der jüngere Umlaut (Sekundärumlaut) ä ausgesprochen (vgl. Weinhold 1994, S. 22f.). Diesen drei unterschiedlichen Kurzvokalen standen ein langes, geschlossenes ê und ein langes, offenes æ gegenüber. Da ein solches asymmetrisches Phonemsystem zum Zusammenfall neigt, unterscheiden wir im heutigen Standarddeutsch nur mehr ein kurzes, offenes und ein langes, geschlossenes e-Phonem. Jedoch spiegelt die moderne Orthografie nicht immer eindeutig die standardisierte Aussprache wider und schon gar nicht die dialektale Aussprache. So wird beispielsweise
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 24
das e im Wort gestern (mhd. gestern) standarddt. offen, im Dialekt jedoch geschlossen gesprochen. Ähnlich ist die Aussprache des Primärumlautes in fertig von mhd. vertec, wobei das e im Dialekt geschlossener als im Standarddeutschen und somit ähnlicher dem Mhd. ausgesprochen wird. Interessanter ist aber das historische ë, da es mehrere unterschiedliche Aussprachen erfährt. Das germanische ë kommt im Infinitiv in drei Verbalklassen vor, nämlich in den Ablautreihen IIIb, IV und V. Die Wörter lësen und gëben (Kl. V) erfahren im Standarddt. eine Dehnung und werden somit heute standardsprachlich wie dialektal geschlossen ausgesprochen. Im Gegensatz dazu wird nëmen (Kl. IV) im Mbair. mit offenem e ausgesprochen. In stëln (Kl. IV) und hëlfen (Kl. IIIb) kommt ein neues Phänomen hinzu; das l nach dem ë bewirkt dessen Rundung zu ö im Mbair. Im Dialekt fallen also hier die beiden Verbalklassen zusammen, während sie sich im Standarddt. noch durch die Vokalquantität im Infinitiv unterscheiden (helfen ist kurz, stehlen ist lang). Das kurze ä kommt als Sekundärumlaut üblicherweise nur in Plural- und Komparativformen bzw. Flexionsparadigmata von Wörtern vor, die ein a aufweisen. So lautet damals wie heute der Plural von Nacht bzw. naht Nächte bzw. nähte, jedoch der Dialekt kennt andere Varianten. Das lange mhd. ê fällt in der nhd. Lautung oft mit dem gedehnten germanischen ë zusammen und teilt auch im Mbair. manche lautliche Ausprägung. Analog zum kurzen mhd. ä wird auch das lange æ wie in ich wære im Dialekt als langes a ausgesprochen.
Das Mhd. kennt ein kurzes i und ein langes î, wobei sich das kurze i weder im Nhd. noch im Mbair. besonders verändert. Das lange î hingegen wird im Zuge der nhd. Diphthongierung zu
2. Diachronische Darstellung des österreichischen Deutsch 25
auch von Verschmelzungs- und Angleichserscheinungen, wenn die Endsilben -den zu n und -ben zu m verschmelzen, so in reden > [re:n] und leben > [le:m]. Analog dazu wird die Silbe -gen zu ¾ vereinfacht.
Inwieweit nun die lautlichen Merkmale des Mittelbairischen die österreichische Standardaussprache beeinflussen, bleibt in der folgenden empirischen Untersuchung zu zeigen. Da die Gewährspersonen der jungen gebildeten Schicht angehören, sind starke dialektale Einschläge nicht zu erwarten. Dennoch wird besonders der Vergleich mit den bundesdeutschen Kodizes interessante Aufschlüsse darüber geben, was die österreichische Standardaussprache nun tatsächlich ausmacht.
3. Die orthoepischen Kodifikationen 26
3. Die orthoepischen Kodifikationen
3.1 Die deutschländischen Aussprachekodizes
In Deutschland gibt es im Unterschied zu Österreich derzeit vier gültige Aussprachekodizes, wobei drei davon nur mehr über das Antiquariat zu beziehen sind. Allen Kodizes ist gemein, dass sie nationsübergreifend, zumindest in Wissenschaftskreisen, auch in Österreich und der deutschen Schweiz ihre Verwendung finden. Die Kodizes können weiters entsprechend ihrem Geltungsradius klassifiziert werden. Während sich mit Siebs vorwiegend SprecherzieherInnen und WissenschaftlerInnen linguistischer Fachdisziplinen auseinandersetzen, richtet sich der Aussprache-Duden a priori an ein sehr allgemein gehaltenes Zielpublikum, das großteils nicht linguistisch geschult ist. Darüber hinaus wird bei allen Kodizes der nationale Geltungsbereich nicht explizit geltend gemacht, wie dies beispielsweise beim Österreichschen Aussprachewörterbuch (ÖAWB) der Fall ist. Hier wird der nationale Geltungsbereich bereits im Vorfeld spezifiziert und damit auf den nationsübergreifenden Impetus verzichtet. Die hier behandelten Kodizes, die zwar auf eine nationale Einschränkung verzichten, aber aufgrund ihres Inhaltes nur eingeschränkt als nationsübergreifende Varianten gelten können, werden in den folgenden Kapiteln näher behandelt.
3.1.1 Der Siebs (1898 ff.)
Der Germanist Theodor Siebs gab den finalen Anstoß zu den offiziellen Beratungen der 4 Vom 14. bis 16. April 1898 versammelten sich deutschen Bühnenaussprache in Berlin.
erstmals Germanisten, Sprachwissenschaftler und Bühnenvertreter aus Deutschland und Österreich, um über eine gemeinsame Ausspracheregelung für die Bühne zu beraten. Allerdings waren bei dieser ersten Generalversammlung weder Schauspieler noch andere Künstler (z. B. Sänger) anwesend, was in späterer Folge auch kritisiert wurde. Den Vorsitz führte Generalintendant Bolko Graf von Hochberg (Berlin) und Karl Freiherr von Ledebur (Schwerin). Als wissenschaftliche Vertreter waren unter anderen die Universitätsprofessoren Dr. Karl Luick (Graz), Dr. Theodor Siebs (Greifswald) und Dr. Eduard Sievers (Leipzig)
4 Die weitere Beschreibung der Siebs’schen Aussprachekodifikation lehnt sich an Ehrlich (2008, S. 33f.) an.
3. Die orthoepischen Kodifikationen 27
anwesend. Außerdem äußerten sich die Universitätsprofessoren Dr. Wilhelm Viëtor (Marburg) und Dr. Josef Seemüller (Innsbruck) mittels eines schriftlichen Gutachtens zu den Vorschlägen der Siebs’schen Bühnenaussprache. Der deutsche Bühnenverein empfahl infolgedessen, die Arbeiten von Theodor Siebs als Regelkanon für die Aussprache auf den deutschen Bühnen einzuführen (vgl. Siebs 1900, S. 3f.). Neben der sprachwissenschaftlichen Leistung kann man Theodor Siebs auch noch verdanken, dass er
Noch im selben Jahr folgten weitere Beratungen, unter anderem mit deutschen Philologen und Lehrern, bis man schließlich zu einer für alle Seiten befriedigenden Einigung gelangte. Das Ergebnis der Beratungen erschien 1898 in der 1. Auflage unter dem Titel
Deutsche Bühnenaussprache: Nach den Ergebnissen der Beratungen zur ausgleichenden Regelung der deutschen Bühnenaussprache, die vom 14. bis 16. April 1898 im Apollosaale des Königlichen
5
Schauspielhauses zu Berlin stattgefunden haben
(Albert Ahn Verlag, Berlin, Köln, Leipzig). In diesem erstmals vorgelegten Regelwerk wurde die hochdeutsche Aussprache nach niederdeutschen Lautwerten beschrieben. Zum einen trennte man dabei zwischen stimmhaften und stimmlosen Plosiven, zum anderen verlangte man grundlegend nach einer mundartfreien Aussprache. Insbesondere die nordwestdeutsche Aussprachevariante von
Die korrekte Aussprache von Espe, haspeln, Geist wurde mit [sp] und [st] festgelegt, während die Aussprache als *Eschpe, *haschpeln, *Geischt als dialektal und daher unzulässig erklärt wurde. Auch die Aussprache von *Versch, *Kommersch, *andersch, statt Vers, Kommerz, anders, oder *misch, *isch statt mich, ich wurde als mundartliche Eigenart abgelehnt (vgl. Siebs 1900, S. 37). Als unzulässig erklärt wurden ebenfalls die entrundeten Ausspracheformen (z.B. schön statt *scheen) sowie eine nasalierte Aussprache der Vokale, die nur bei (meist französischen) Fremdwörtern gebilligt wurde (vgl. Ehrlich 2007, S. 113).
5 Die weitere Beschreibung der Siebs’schen Richtlinien lehnt sich an Ehrlich (2007, S. 113) an.
3. Die orthoepischen Kodifikationen 28
Der Verlauf der Entstehungsgeschichte der Bühnenaussprache, die am sprachlichen Gebrauch der Schauspieler vorwiegend vom Niederdeutschen geprägt war, bis zur historischen Entwicklung der deutschen Standardaussprache, die, mehrheitlich außerhalb des Bühnenbetriebs, eher von Kanzleien des gebildeten Bürgertums im 18. Jahrhundert geprägt war, hinterlässt den Eindruck, dass die gesprochene Varietät im niederdeutschen Raum der in den Aussprachewörterbüchern kodifizierten Standardaussprache am nächsten zu sein scheint. Einerseits war eine ursprüngliche Orientierung an niederdeutschen Lautwerten gegeben, andererseits war die Hochsprache wiederum in ihrer Aussprache vom Sächsischen und daher von einer deutlich ostmitteldeutschen Varietät geprägt (vgl. Rössler, Brief vom 17. März 2005). Die bestehenden Diskrepanzen unter synchroner Perspektive bleiben natürlich bestehen, und der Schein, „dass die im niederdeutschen Raum gesprochenen Varietäten [...] bedeutend standardsprachnäher sind [...], trügt bzw. ist seinerseits das Ergebnis einer sprachhistorischen Entwicklung“ (Linke, Nussbaumer und Portmann 2004, S. 437). Auch Trenschel konstatiert an dieser Stelle, dass zwar ein Großteil der Ausspracheregelungen einer einseitigen Ausrichtung nach norddeutschem Muster entsprechen, aber nicht automatisch davon ausgegangen werden kann, dass ein direkter Weg vom Niederdeutschen zur Bühnenaussprache und danach zur Standardaussprache führte (vgl. Trenschel 1997, S. 207). Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde daraufhin der Siebs’sche Kodex von den Schulen und den übergeordneten Unterrichtsverwaltungen für den Deutschunterricht als Nachschlagewerk empfohlen (vgl. Winkler 1954/55, S. 321). Da sich die 6 zur allgemeingültigen Norm Bühnenaussprache inzwischen für alle offiziellen Redelagen 7 In der Auflage von 1922 etablierte, wollte man dies auch in einem neuen Titel kundtun. wurde daher dem Titel Deutsche Bühnenaussprache die Zusatzbezeichnung Hochsprache beigefügt, um damit die neue Funktion der Bühnenaussprache außerhalb des engen 8 Gerade diese Ausdehnung des bisher Geltungsbereichs der Bühne zu bestätigen.
eingeschränkten Geltungsbereichs war es jedoch, die vor allem in wissenschaftlichen Kreisen von Anfang an kritisiert wurde. Denn es zeigte sich sehr früh, dass die Ausspracheregeln wegen ihrer realitätsfremden Kodifizierung kaum in die Praxis umgesetzt werden konnten. Die Bühnenaussprache war aufgrund ihrer Beschaffenheit auch mehr auf „Wortdeutlichkeit“ und „Fernwirkung“ ausgerichtet, weil es ja nicht darum ging, „in
6 Als Redesituationen, in denen nach den Siebs’schen Regeln gesprochen werden soll, nennt Winkler die folgenden: die Rede
auf der Kanzel und dem Katheder, für den Unterricht, insbesondere den Deutschunterricht für Ausländer (vgl. Winkler
1954/55, S. 321).
7 Die folgende Darlegung über die Bühnenaussprache lehnt sich an Ehrlich (2007, S. 113f.) an. 8 Zur späteren Neuauflage des Siebs siehe v. a. Kuhlmann (1956, S. 88-89).
3. Die orthoepischen Kodifikationen 29
kleinen Räumen von Mensch zu Mensch zu kommunizieren“ (Ehrlich 2007, S. 114). Die Bühnenaussprache basiert vielmehr auf dem Gebrauch der trainierten, atemgestützten Kraftstimme, die man sich im Rahmen einer sprecherzieherischen und stimmlichen Ausbildung aneignet, und deren Anwendung in der Alltagssprache durchwegs Probleme bereitet. Im Hinblick auf die Siebs’sche Kodifizierung konstatiert Krech: „An den Siebsschen Forderungen, jedes R als Zungenspitzen- oder Zäpfchen-r zu artikulieren und jedes Endungs-e zu realisieren, trat die Diskrepanz zwischen Sprechrealität und Kodifizierung besonders krass [sic!] zutage“ (GWDA 1982, S. 12). Als einheitliche Aussprachenorm wurden daher die Siebs’schen Regeln außerhalb des Bühnenbetriebs von allen Seiten kritisiert. Um dem entgegenzuwirken, versuchte man für die Nachfolgeauflagen des Siebs, aus der bisherigen Bühnenaussprache Regeln für einen reduzierten Gebrauch abzuleiten. Auch um den vorherrschenden Diskrepanzen zwischen der regionalen Lautvarianz und der Kodifizierung nach niederdeutschen Lautwerten entgegenzuwirken, trennten die Herausgeber der 19. Auflage 1969 die ‚reine Hochsprache’ von der ‚Bühnensprache’ und der ‚Alltagslautung’ ab. In der ‚gemäßigten Hochlautung’ wurde das Werk um regionale (nicht niederdeutsche) Varianten, die österreichischen und Schweizer Sonderheiten, ergänzt. Noch zu Lebzeiten erweiterte Siebs das umfangreiche Wörterverzeichnis und ergänzte das Werk um Regeln für den Sprechvortrag und die Gesangsaussprache (vgl. Ehrlich 2007, S. 114.). Das Werk hatte sich folglich in den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten durchgesetzt und bewährt. Neben dem Duden für die Rechtschreibung (Orthografie) trat der Siebs für die Rechtlautung (Orthoepie) ein (vgl. WDA 1971, S. 11; vgl. Keller 1995, S. 534). Siebs lebenslanges Ziel war es, „eine ausgleichende Regelung und Normierung der höchsten Formstufe der Bühnenaussprache“ (Fiukowski 2002, S. 465) zu schaffen. Der Siebs, wie man ihn heute in Fachkreisen bezeichnet, wurde von ihm selbst bis zu seinem Tod 1941 betreut und erweitert. Der Verfasser erlangte noch zu Lebzeiten großen Ruhm, weil er es als Einziger verstanden hatte, die Interessen aller Seiten sinnvoll zusammenzuführen (vgl. Siebs 1969, S. 9).
3. Die orthoepischen Kodifikationen 30
3.1.2 Das Wörterbuch der deutschen Aussprache (WDA) (1964) und Großes Wörterbuch der deutschen Aussprache (GWDA) (1982)
In der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelten sich neue Maßstäbe, die sich in einer 9 Zwar war man sich noch veränderten ästhetischen Bewertung der Aussprache ausdrückten. darüber einig, bei der Entwicklung einer neuen Aussprachenorm den Siebs’schen Kodifizierungsstandard als Grundlage heranzuziehen, doch bestand nunmehr das Bedürfnis, eine Ausspracheregelung zu entwickeln, die einem Großteil der Menschen nahe kam:
Es war ein Anliegen, eine mundartfreie Aussprachenorm zu entwickeln, die den alltäglichen Kommunikationsaufgaben gerecht wird und in jeder Lebenssituation angemessen variiert werden kann. Sie sollte ebenfalls von so gut wie allen deutschsprachigen Sprechern ohne große Mühe erlernt und im Alltag realisiert werden können. Zu dieser Zeit stand die Kommunikation als zwischenmenschlicher Austausch im Vordergrund, sodass die Wissenschaft keine Aussprachenorm erhalten wollte, die elitär ist und einen sozialen Abstand zwischen den Menschen schafft. Dieses neue Bedürfnis konnte jedoch durch die Bühnenaussprache nicht gedeckt werden. Zur Entwicklung einer solchen Ausspracheform musste eine neue Bezugsgröße geschaffen werden, um den tatsächlichen Sprachgebrauch einer größeren Gemeinschaft - als die der Bühnenschauspieler - zu ermitteln. Der rasante technische Fortschritt gegen Mitte der 60er Jahre hatte dabei einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung einer neuen Sprachform. Durch die Ausbreitung von Rundfunk, Film und Fernsehen bis in die entlegensten Dörfer konnte die Gesellschaft überall die neuen Massenmedien empfangen. Da die Gesellschaft nun täglich und überall mit einer beinahe einheitlichen Aussprache konfrontiert wurde, hatten die Sprecher der modernen Medien bald eine gewisse Vorbildfunktion für die Gemeinschaft. So wurde erstmals die Aussprache der Rundfunk- und Fernsehmoderatoren als neuer Standard angesehen und deren Sprachform als ‚Standardsprache’ bezeichnet. Die Expansion des
9 Der folgende Absatz ist aus Ehrlich 2008 (S. 36-39) entnommen.
3. Die orthoepischen Kodifikationen 31
neuen, mundartfreien ‚Standards’ in allen Gesellschaftsschichten wurde durch die weitere Ausbreitung von Rundfunk, Film und Fernsehen, durch die Bevölkerungsvermischung nach dem zweiten Weltkrieg und die erhöhte Mobilität der Menschen gefördert und stabilisiert (vgl. Drosdowski und Henne 1980, S. 623).
Die Wissenschaftler, allen voran Hans Krech (1885-1861), machten sich aufgrund neuerer sprachwissenschaftlicher Untersuchungen an die Arbeit, eine einheitliche Regelung 10 auf Basis der „Sprechweise des Funks“ festzulegen (E.-M. für den neuen ‚Standard’
Krech 1961, S. 26). Damit sollte gewährleistet werden, dass die Standardaussprache, im Gegensatz zur Bühnenaussprache, der Sprechwirklichkeit einer größeren Personengruppe näher kommt, womit sie im Alltag leichter zu realisieren ist als die Bühnenaussprache. Hans Krech und sein Kollektiv waren sich einig, dass die Standardaussprache ausschließlich nach dem tatsächlichen Sprechgebrauch festgelegt werden soll. Von der deutschen Standardaussprache forderte man, dass sie der Hochlautung angehört und daher normierbar ist, aber trotzdem keinen Abstand zur Sprechrealität aufweist (vgl. E.-M. Krech 1961, S. 27). Diese Aussage Krechs scheint mir jedoch nicht sehr einleuchtend. Unter „Sprechrealität“ wird verstanden, dass eine bestimmte Personengruppe bzw. Schicht diese Varietät spricht, die durch die Beobachtung tatsächlicher sprachlicher Gebräuche fundiert und kodifiziert wird. „Hochlautung“ ist die standardisierte bzw. kodifizierte Aussprachenorm, die in Anlehnung an den bestehenden Sprechgebrauch deutscher Bühnenschauspieler entwickelt worden ist. Sie kann daher a priori nicht der „Sprechrealität“ entsprechen, weil es sich um ein Substrat verschiedener Aussprachevarianten handelt, deren Abweichungen zu einer homogenen Einheit zusammengefasst worden sind. Unter diesem Gesichtspunkt wird deutlich, dass die „Sprechrealität“ weder die Aussprache eines einzelnen Schauspielers wiedergibt noch einer bestimmten Personengruppe entspricht, da die Hochlautung ein vereinheitlichter Mittelwert ist, der auch mit der Sprechrealität der Alltagssprache nicht übereinstimmen kann. Gegen „Sprechrealität“ kann ferner eingewendet werden, dass die Bühnenaussprache eine künstliche, frei entwickelte und daher nicht ‚reale’ Aussprachevariante darstellt. Werner Besch konstatiert hier gleichfalls, dass die Bühnenaussprache keine „Gebrauchsnorm“, sondern „Präskriptiv-Norm“ ist (Besch 2003, S. 16). Die Termini „Hochlautung“ und „Sprechrealität“ sind daher meines Erachtens nicht vereinbar. Die Abfassung des
10 Bei den sogenannten ‚Neuerungen’ handelt es sich meist nur um Abschwächungen der Regelungen im Siebs, wie Littmann
feststellen konnte: „Mit Hilfe der exakten Untersuchungen, deren Ergebnisse von einem Redaktionsausschuss nochmals
geprüft wurden, konnten eine Reihe von Abweichungen - meist Abschwächungen - von der bisher geltenden Norm des S
[Siebs, Anm. K. E.] einwandfrei ermittelt werden.“ (Littmann 1965, S. 71)
3. Die orthoepischen Kodifikationen 32
Aussprachewörterbuches sollte daher ausschließlich auf empirischen Untersuchungen basieren, um tatsächliche Sprachphänomene zu kodifizieren, die nicht grundlegend auf der Hochlautung beruhen.
Die Redaktion des neuen orthoepischen Wörterbuches wurde am 6. Februar 1959 nach „langwierigen Unterhandlungen“ gegründet (H. Krech 1961, S. 48). Bei der Entwicklung des Kodex war es ein Hauptanliegen, „die Misere der innerdeutschen Grenzen nicht noch zu vertiefen und eine Angleichung der Standpunkte für das wichtigste Kontaktmittel, die gesprochene Sprache, zu sichern“ (H. Krech 1961, S. 48f.). Im Jahr 1964 wurde schließlich das Wörterbuch der deutschen Aussprache (VEB Bibliographisches 11 Das Institut, Leipzig) von Hans Krech und seinem Autorenkollektiv herausgegeben. Werk wurde „im Gegensatz zu den Neuauflagen des sehr traditionsbewussten ‚Siebs’ zu einem Reformwerk für die deutsche Hochlautung [...]“ (Kohler 1971, S. 147). Als der Begründer der Arbeit im Jahre 1961 starb, wurde die Leitung von Eva-Maria Krech (geb. 6.11.1932) übernommen und das Werk unter dem neuen Titel Großes Wörterbuch der deutschen Aussprache (1982) weitergeführt. Über die Anfänge der Entwicklung des Standarddeutschen schreibt E.-M. Krech in der 1. Auflage:
3.1.3 Das Duden-Aussprachewörterbuch (Aussprache-Duden) (1962ff.)
Im Jahre 1962 erscheint unter der Leitung von Max Mangold erstmals in der Geschichte ein 12 Das Werk wird als Dudenband unter dem Titel Duden. Das Aussprachewörterbuch. sechster Dudenband in eine zehnbändige Serie Der Große Duden eingeführt. Die Besonderheit der Erstauflage liegt darin, dass erstmals zwischen der „Bühnenhochlautung“
11 Eine umfangreiche Beschreibung des WDA findet sich bei Littmann (1965, S. 65-89). 12 Die nachfolgende Darstellung der Diachronie lehnt sich teilweise an Ehrlich (2008, S. 39-41) an.
3. Die orthoepischen Kodifikationen 33
13 Wesentliche Merkmale, die sich und einer „gemäßigten Hochlautung“ differenziert wird.
vor allem „durch verminderte Deutlichkeit und größere Toleranz“ kennzeichnen, werden in einem Aussprachekodex erstmals dargelegt (Aussprache-Duden 1962, S. 39). Diese Regelungen finden jedoch keinen Eingang ins Wörterverzeichnis, da Mangold der Auffassung war, dass die Bühnenhochlautung den obersten Maßstab für eine Aussprachekodifikation darstelle. Demnach habe die Bühnenhochlautung nach wie vor oberste Priorität, weil
Zwölf Jahre später, im Jahre 1974, erscheint die 2. Auflage unter demselben Titel, wobei erstmals ein Untertitel hinzugefügt wurde: Wörterbuch der deutschen Standardaussprache. Das Werk wurde um eine einleitende phonologische Darstellung, eine Skizze der Bühnenaussprache sowie Bemerkungen zur Umgangs- und Überlautung ergänzt (vgl. Mangold 1985, S. 1499). Anstatt eine Bühnenhochlautung zu kodifizieren, wurde diesmal von einer allgemeinen Gebrauchsnorm bzw. Standardaussprache gesprochen, da diese einer Allgemeingültigkeit mehr entspricht als die bisherige Bühnenhochlautung. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, sowohl was die Terminologie als auch den Inhalt betrifft, dass die Ergebnisse des bereits 1962 erschienenen WDA in den Aussprache-Duden einfließen. Die 3. Auflage des Aussprache-Duden zielt ferner darauf ab, „eine allgemeine Gebrauchsnorm, die sogenannte Standardaussprache oder Standardlautung“ zu kodifizieren (Aussprache-Duden 1990, Vorwort), die für alle Sprechsituationen gilt, in denen man sich weder der Mundart noch der Umgangssprache bedient. Die nachfolgende 4. Auflage erschien im Jahre 2000 und entsprach, bis auf wenige Ausnahmen, der 3. Auflage. Es wurde vermerkt, dass dem Sprecher durch das Erlernen der Standardlautung gewisse Vorteile entstehen, indem durch eine „mundartlich gefärbte oder umgangssprachliche Aussprache“ hervorgerufene Missverständnisse verhindert werden können (Aussprache-Duden 2000, Vorwort). Die 6. und bisher letzte Auflage wurde im Jahr 2005 publiziert, wobei nunmehr der kommunikative Aspekt des Deutschen, nicht die Ästhetik der
13 Außerdem wird die recht negativ konnotierte Bemerkung der vierten Auflage der „als übersteigert empfundenen
Bühnenaussprache“ (Aussprache-Duden 2000, Vorwort) durch die abgeschwächtere Form „an der heute etwas künstlich
wirkenden traditionellen Bühnenaussprache“ (Aussprache-Duden 2005, Vorwort) ersetzt, was m. E. auch notwendig war.
3. Die orthoepischen Kodifikationen 34
Aussprache, in den Vordergrund gestellt wurde. Die Zielgruppe des Standardwerkes wird erstmals um „Zuwanderer“ erweitert (Aussprache-Duden 2005, Vorwort). Demnach fördere das Erlernen der Standardlautung deren Integration im deutschsprachigen Raum. Im Hinblick auf die Bühnenaussprache wird zusätzlich vermerkt, dass sie sich „für das ausdrucksvolle Sprechen über weite Distanzen und ohne technische Hilfsmittel eignet“ (Aussprache-Duden 2005, Vorwort).
3.2 Die Aussprachemerkmale des österreichischen Standarddeutsch
Theodor Siebs hat - wie eingangs geschildert wurde - 1898 in seinem Regelwerk die ‚hochdeutsche Aussprache’ nach niederdeutschen Lautwerten beschrieben. Seit dieser Aussprachekodifikation sind mehrere Arbeiten erschienen, die auch die südlichen Aussprachevarianten entsprechend dargestellt haben. Der oberdeutsche Sprachraum war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts weit unterrepräsentiert gewesen und es mangelte lange Zeit an empirischen Studien, was die richtige Aussprache in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz betraf. Dies führte dazu, dass die österreichische und schweizerische Standardvarietät des Deutschen, oftmals auch von einheimischen Österreichern und Schweizern selbst, als Dialekt bezeichnet wurde, weil es keine entsprechende Repräsentation in einem nationalen Kodex gab. Nachdem 1984 der Begriff der Plurizentrizität des Deutschen eingeführt wurde, der das Deutsche mit weitestgehend unabhängigen Sprachzentren beschrieb, wurden vor allem in den letzten Jahrzehnten Anstrengungen unternommen, die österreichische Standardvarietät empirisch zu fundieren und entsprechend darzustellen. Im folgenden Kapitel beginnen wir - der zeitlichen Anordnung dem erstmaligen Erscheinen der Publikation entsprechend - mit den Schriften zur Aussprache des österreichischen Standarddeutsch.
3.2.1 Deutsche Lautlehre von Luick (1904f.)
Die von dem Wiener Orthoepiker Karl Luick verfasste Deutsche Lautlehre - Mit besonderer Berücksichtigung der Sprechweise Wiens und der österreichischen Alpenländer (erste Auflage 1904) hat heute noch einen - in vielen Bereichen unübertroffenen - wissenschaftlichen, aber auch historischen Wert. Luicks dritte Auflage der Deutschen
3. Die orthoepischen Kodifikationen 35
Lautlehre (1932), die vom Konzept her großartig ist, sich aber noch auf die 13. Auflage des Siebs von 1922 stützt, wurde als Nachdruck im Jahre 1996 im ÖBV Pädagogischen Verlag vom Honorarprofessor für Linguistik, Otto Back, herausgegeben. Von diesem Wiederabdruck von 1932 hat jedoch selbst der Verlag keine Restbestände mehr auf Lager und das ÖBV-Werk ist leider auch nicht über das Antiquariat erhältlich. Es war ein zukunftsweisendes Projekt, weil das beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschienene, und daher heute schwer zugängliche, Österreichische Beiblatt zu Siebs (1957), das sonst nur noch im Tysk Fonetik (ein Abdruck in Korlén/Malmberg 1957, S. 158-161) publiziert wurde, gleich als Anhang der Deutschen Lautlehre beigefügt wurde. Beim Österreichischen Beiblatt zu Siebs handelt es sich um eine bibliographische Rarität. Der Nachdruck in Luicks Deutscher Lautlehre schließt daher eine empfindliche Forschungslücke in der wissenschaftlichen Fachliteratur zum Thema österreichische 14 Zur Funktion und Nutzbarkeit beider Texte, dir durch Back erstmals Standardaussprache.
in einem Werk vereint wurden, schreibt der Herausgeber in seinem Vorwort zum Reprint der Erstauflage:
Und weiter zur Nutzbarkeit beider Texte:
Das Österreichische Beiblatt zu Siebs ist im Rahmen des sogenannten „Erweiterten Siebsausschusses“ (1954), also erst ein halbes Jahrhundert nach Luicks Erstauflage der Deutschen Lautlehre (1904), entstanden. Wie gesagt war es ein bahnbrechendes Projekt von großer Bedeutung, weil Otto Back es verstand, gleich zwei bedeutende Werke zur Aussprache des österreichischen Standarddeutsch zu vereinen. Leider hat man diese glückliche Fusion unmittelbar nach der Erstauflage wieder eingestellt, obwohl das Thema
14 Ich zitiere im Folgenden aus dem Nachdruck von Luicks Deutscher Lautlehre (1932), weil mir keine selbständige
Fassung des Beiblattes zugänglich war. Das Österreichische Beiblatt zu Siebs wird damit künftig zitiert als (Beiblatt 1957,
S. 137-140).
3. Die orthoepischen Kodifikationen 36
damit erstmals in deskriptiver und präskriptiver Weise dargestellt wurde und der zeitdokumentarischen Funktion beider Texte erstmals Rechnung getragen wurde.
3.2.2 Österreichisches Beiblatt zu Siebs (1957)
Die Entstehungsgeschichte des Siebs wurde großteils unter Punkt 3.1.2 dargestellt. Generell wird sie an anderer Stelle detaillierter beschrieben (vgl. Ehrlich 2007, S. 107ff.; Ehrlich 2007a, S. 41ff.; Ehrlich 2008, S. 43ff.). Im nachfolgenden Abschnitt sollen nur diese Teile referiert werden, die die letzte, 19. Auflage des Siebs von 1969 betreffen, weil sie sich auf die im Siebs referierten landschaftlichen Besonderheiten beziehen. Darüber hinaus wird auf die phonetischen Merkmale, die sowohl im Siebs als auch im Österreichischen Beiblatt zu Siebs vorkommen, Bezug genommen.
In der bisher letzterschienenen, 19. Auflage (1969) wurde das Standardwerk unter dem neuen Titel Siebs Deutsche Aussprache - Reine und gemäßigte Hochlautung mit 15 Das Werk, das Aussprachewörterbuch (Walter de Gruyter, Wiesbaden) weitergeführt. nun mittlerweile 494 Seiten umfasst, geht im Wesentlichen mit dem Inhalt der 18. Auflage konform, lediglich bei der Aussprache fremdsprachlicher Wörter und Eigennamen sind kleine Änderungen vorgenommen worden (vgl. Siebs 1969, S. 15). Die wohl wichtigste Neuerung war, dass die Hochlautung nun erstmals in eine ‚reine’ und eine ‚gemäßigte’ Variante differenziert wurde. Ferner sind erstmals regionale Varianten im Rahmen der ‚gemäßigten’ Hochlautung mitberücksichtigt worden, die im Wörterverzeichnis als (ö.) und (schweiz.) gekennzeichnet wurden. Die Einführung der gemäßigten Hochlautung wurde als besonders begrüßenswerte Neuerung bezeichnet, weil im Wörterverzeichnis nun auch endgültig die österreichischen und schweizerischen Besonderheiten markiert wurden (vgl. Korlén 1971, S. 149f.). Zum anderen wurde diese neue Kodifizierung kritisiert, weil man die rudimentäre Darstellung als unvollständig erachtete und deshalb a priori an ihrer Adäquatheit zweifelte. Reiffenstein kritisiert hier bereits im Vorfeld nicht nur die regionalspezifische Kodifikation als Ganzes, sondern auch die Gesamtkonzeption des Siebs als inadäquat:
15 Der nachfolgende Absatz lehnt sich zum Teil an Ehrlich (2008, S. 51f.) an.
3. Die orthoepischen Kodifikationen 37
Reiffenstein gibt damit zu verstehen, dass der plurizentrische Ansatz im Siebs seiner Auffassung nach keine ausreichende Beachtung findet und stattdessen eine fiktive Heterogenität der deutschen Sprache angenommen wird. Aus dem Satz lässt sich schlussfolgern, dass eine Anwendung der Siebs’schen Regelungen innerhalb der deutschsprachigen Bevölkerung gar nicht möglich wäre, weil ja dessen Beherrschung nur den professionell ausgebildeten Berufssprechern obliege und sie dadurch keinesfalls für die Umsetzung in der Alltagssprache geeignet erscheint. Im Gegensatz dazu spricht sich Sieber ausdrücklich für die Einführung der österreichischen und schweizerischen Besonderheiten aus, da man beide Varietäten erstmals auf die Ebene der Hochlautung stelle und sie dadurch erstmals „salonfähig“ gemacht hätte (Sieber 1992, S. 37). Der oben angeführte Absatz macht nur deutlich, dass es nicht nur Befürworter einer regionalen Aussprachekodifikation gab. Was die Geschichte der Aussprachekodifikation betrifft, wird jedoch die Tatsache bewusst, dass erst durch die 19. Auflage des Siebs von 1969 versucht wurde, einer österreichischen Variante Rechnung zu tragen. Die Grundlage für diesen Schritt lieferte das Österreichische Beiblatt zu Siebs (1957), das im Rahmen des „Erweiterten Siebsausschusses“ von 1954 entwickelt wurde. An dieser Beratung nahmen sowohl wissenschaftliche Vertreter aus Österreich als auch der Schweiz teil. Oberstes Ziel der Tagung war die Etablierung eines Maßnahmenkatalogs „für den unterrichtenden Vortrag in Österreich und insbesondere für die Zwecke der österreichischen Schule“ (Beiblatt 1957, S. 137). Im Beiblatt werden jedoch keine Änderungen der bisherigen Regelungen im Siebs vorgenommen, sondern lediglich eine gewisse Variationsbreite für den österreichischen Sprachraum als zulässig erklärt. Es geht hierbei mehr um praktische Bezüge, als um die Darlegung spezifisch österreichischer Besonderheiten, wie man sich das aus dem vollständigen Titel heraus hätte erwarten können. Das Hauptwerk von Siebs wird als bekannt vorausgesetzt und ebenso, dass die „hochsprachliche Regelung“ des Siebs natürlich auch in Österreich als „grundsätzlich verbindlich“ (Beiblatt 1957, S. 137) gilt. Damit wird eine österreichische Adaption postuliert, die das Dilemma zwischen gesprochener Realität und Aussprachekodifikation unberücksichtigt lässt. Eine Anlehnung der österreichischen an die deutschländische Varietät bedeutet, dass „nur in Randbereichen
3. Die orthoepischen Kodifikationen 38
Unterschiede“ zugelassen werden, weil der österreichischen Varietät ja ein „striktes Konzept von Standardaussprache zugrunde liegt“ (Muhr 2006, S. 96). Dieser Einwand ist m. E. mehr als berechtigt, weil in diesem Fall würde der Standard bereits implizit vordefiniert. Diese Problematik sollte unbedingt explizit diskutiert werden. Obwohl die praktischen Hinweise nun eine theoretische Stellungnahme zur spezifischen Sprechsituation in Österreich implizieren, sieht sich die sprecherzieherische Praxis an den österreichischen Universitäten außerstande, diesen Hinweisen in der Lehre auch tatsächlich gerecht zu werden. Dies geht aus der Fußnote des Österreichischen Beiblattes hervor. Demzufolge versuchen die an den österreichischen Universitäten mit Sprecherziehung betrauten Lektoren zur „Pflege der reinen Hochsprache“ zwar die im Beiblatt dargelegten Richtlinien „wissensmäßig zu vermitteln“ (Beiblatt 1957, S. 137), aber es kam in der Folge, laut Moser, zu keiner Implementierung, weder in der sprecherzieherischen Lehre noch im universitären Alltag. Moser konstatiert ferner, dass dieses Dekret vom 30.9.1954 bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr revidiert wurde, und gibt damit zu verstehen, dass die Wissensvermittlung in grosso modo nur auf theoretischer Ebene erfolgte. So distanzieren sich gerade die an den Universitäten beschäftigten Lektoren von einer Umsetzung der österreichischen Regelungen (vgl. Moser 1990, S. 14), entweder weil das Beiblatt keine ausreichend systematische Beschreibung der österreichischen Besonderheiten liefert oder einfach weil sie aus Unwissenheit der Hauptregelungen nicht in der Lage sind, die abweichenden Regelungen einzubeziehen. Werden doch im Beiblatt die Regelungen des Siebs schon im Vorfeld als bereits bekannt vorausgesetzt, wohingegen man im Siebs auf die untergeordneten Regeln im Beiblatt nicht mehr hingewiesen wird. Das kann schlimmstenfalls zu einer sehr allgemeinen Auslegung einer österreichischen Standardaussprache führen, vor allem in Anbetracht des plurizentrischen Ansatzes, der impliziert, dass die sprachlichen Varianten Österreichs, also der österreichischen Varietät, nicht als Abweichung einer nationsübergreifenden deutschländischen Standardaussprache gewertet werden kann. Das österreichische Deutsch stellt also keine Abweichung der Hauptvariante dar, so wie das bereits im Titel des Österreichischen Beiblatt zu Siebs impliziert wird, sondern lässt alle drei Standardvarietäten wertfrei nebeneinander stehen. Der Status der Sprachzentren ist in der Tat nicht so gleichmäßig ausgeprägt, wie man sich das in der wissenschaftlichen Fachliteratur gerne vorgestellt hätte.
Das Hauptwerk des Siebs besteht aus zwei Teilen, zum einen aus dem allgemeinen Teil, der die Einteilung der Laute und die regionalen Besonderheiten darstellt, und zum
3. Die orthoepischen Kodifikationen 39
anderen aus dem Wörterbuchteil, der den Hauptteil des Werkes ausmacht. Im zweiten Teil werden die Lemmata und ihre transkribierten Formen in IPA dargestellt, wobei auch regionalspezifische Besonderheiten mit „Schwz.“ und „Ö“. markiert werden. Leider werden die orthoepischen Merkmale der österreichischen Standardaussprache im Siebs nicht klassifikatorisch beschrieben, weshalb ich sie hier der Ordnung halber wie folgt zusammenfasse (vgl. Siebs 1969, S. 145ff.; Takahashi 1997, S. 213):
Tabelle 1: Merkmale des österreichischen Deutsch im Siebs
Vor allem was den Vokalismus betrifft, sind die Anmerkungen, was die Quantität der Vokale betrifft, nur unzureichend markiert. So werden im allgemeinen Teil 43 österreichspezifische Lemmata genannt (vgl. Siebs 1969, S. 145), die jedoch im Wörterbuchteil nur selten mit „Ö.“ markiert werden. Mit Ausnahme von Barsch „(Schwz., Ö. auch)“, Geburt „(ö., schwz. auch)“, Behörde (ö.) Nüster (ö., schwz.), bei denen Kurzvokal für Österreich und Schweiz als zulässig erklärt wird, fällt im Wörterbuchteil die Markierung der im allgemeinen Teil angeführten Austriazismen meist vollständig aus, oder es wird stattdessen nur eine der beiden Varianten angeführt. Auch ist hier fraglich, was die Zusatzbezeichnung „auch“ bedeutet bzw. worin der Unterschied zwischen „Ö.“ und „ö. auch“ liegt und warum „Schwz.“ und „Ö.“ einmal in Großschreibung, ein anderes Mal in Kleinschreibung als adjektivische Bezeichnung geführt wird und welche Auswirkung die Erstnennung von „Schwz.“ vor „Ö.“ auf die länderspezifische Varietät hat. Man könnte
Arbeit zitieren:
Mag. Karoline Ehrlich, MIB, 2009, Die Aussprache des österreichischen Standarddeutsch, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Die literarische Gestaltung de...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Fachbuch, 114 Seiten
'Dreipfeil gegen Hakenkreuz' - Symbolkrieg in Deutschland 1932
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Wissenschaftlicher Aufsatz, 25 Seiten
Die Vertreibung der Sudetendeutschen 1945 aus ihrer Heimat. Hintergrün...
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Wissenschaftlicher Aufsatz, 36 Seiten
'Flatland' and Einstein's Universe - On Our Relationship t...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Wissenschaftlicher Aufsatz, 15 Seiten
Social capital as competitive ...
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Doktorarbeit / Dissertation, 245 Seiten
Begriff, Bedeutung und Handhabung des Grundrechtes auf Eigentum in den...
Jura - Öffentliches Recht / Staatsrecht / Grundrechte
Doktorarbeit / Dissertation, 322 Seiten
Fernsehhelden auf der Narrenschaukel - Materialien zum saarländischen ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Fachbuch, 67 Seiten
Karoline Ehrlich, MIB's Text Die Aussprache des österreichischen Standarddeutsch ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Karoline Ehrlich, MIB hat den Text Die Aussprache des österreichischen Standarddeutsch veröffentlicht
Karoline Ehrlich, MIB hat einen neuen Text hochgeladen
Beiträge zur Varietätenlinguis...
Christa Dürscheid, Martin Businger
Ein Sprachführer für Einheimis...
Alfred Schierer, Thomas Zauner
Das Lexikon der PC-Fachbegriffe mit richtiger Aussprache!
Alle wichtigen Computer-Fachbe...
Michael A. Beisecker
0 Kommentare