Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 2
2 Soziohistorische Hintergründe zur Figur der Stiefmutter in den Kinder-
und Hausmärchen der Brüder Grimm. 3
3 Korpusanalyse zu den Auftritten der Stiefmutter in den Kinder- und
Hausm ärchen der Brüder Grimm. 6
4 Zu den Familienrelationen der Stiefmutter. 8
4.1 Von der Mutter zur Stiefmutter. 8
4.2 Zur Aktion der Stiefmutter gegen das Stiefkind. 10
4.2.1 Das Stiefkind ist ein Mädchen. 12
4.2.2 Die Stiefkinder sind Geschwister. 14
4.2.3 Das Stiefkind ist ein Junge. 16
4.3. Die Stiefmutter bringt eigene Kinder mit in die Ehe. 16
5 Zum Motiv der Stiefmutter. 18
5.1 Das Motiv des Stiefverhältnisses. 19
5.2 Das Motiv des Neids und der Eifersucht. 21
5.3 Das Motiv der Verbesserung der eigenen sozialen
Stellung. 23
5.4 Das Motiv der Tötungsabsicht. 23
6 Das Schicksal der Stiefmutter. 24
7 Fazit. 25
8 Literaturverzeichnis. 28
9 Anhang. 30
1
1 Einleitung
Mit dem Begriff des Märchens verbinden sich für viele von uns großartige Erinnerungen an die Kindheit. Eine der populärsten Märchensammlungen stellen die Kinder- und Hausmärchen 1 der Brüder Grimm dar, die in den Jahren 1812 und 1815 erschienen.
Die Entstehung der KHM lässt sich auf die Begegnung der Grimms mit den beiden Romantikern Clemens Brentano und Achim von Arnim in Marburg zurückführen. 2 Die internationale Volksliedersammlung der Romantiker soll durch eine Märchensammlung von Jacob (geb. 1785, † 1863) und Wilhelm Grimm (geb. 1786, † 1859) ergänzt werden. 3
Die KHM als Prototyp des Volksmärchens sprechen durch ihre einfache Struktur ein breites Publikum an. Dabei verbindet sich mit dem Begriff des Volksmärchens die Vorstellung einer langen mündlichen Tradierung und der Überlieferung durch das Auswendiglernen der Erzählung. Das Bild von der mündlichen Weitergabe der Märchen, „womöglich durch eine alte Bäuerin, die sie ihren Enkeln abends am Kaminfeuer erzählt“ 4 , ist im Fall der Brüder Grimm eher mit einem Mythos gleichzusetzen. 5 Viele Märchenstoffe gehen auf nachweisbar schriftlich fixierte Quellen zurück und bei den meisten Geschichtenerzählern handelt es sich um gutsituierte, gebildete Frauen aus bürgerlichen Familien. 6 Die Moral- und Wertvorstellungen der Sammlung lassen sich auf den „zeithistorische[n] Vorstellungshorizont der Grimms“ 7 zurückführen. Die Brüder Grimm entwickeln eine Idealvorstellung vom Märchen. Sie wollen das von ihnen Gehörte und Gelesene in exemplarische Texte verwandeln, die ihrer Auffassung von Volkstümlichkeit entsprechen. 8 Während Jacob Grimm versucht an den Originaltexten festzuhalten, wirkt Wilhelm Grimm als Zensor auf die Märchensammlung ein. Der Großteil der Sammlung wird von ihm fortwährend so überarbeitet, dass man heute von einem einheitlichen Märchenstil der Brüder
1 Kinder- und Hausmärchen wird im Folgenden mit KHM abgekürzt.
2 Vgl. Neuhaus: Märchen, S. 131 ff.
3 Vgl. Jessing: Metzler-Autoren-Lexikon, S. 219 ff.
4 Neuhaus, S. 3.
5 Vgl. ebd, S. 3.
6 Vgl. Derungs: Die ursprünglichen Märchen der Brüder Grimm, 9 ff.
7 Bluhm: Metzler Lexikon Literatur, S. 473.
8 Vgl. Neuhaus, S. 135.
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Grimm sprechen kann. So sind auch die berühmten Eingangs- und Schlussformeln 'Es war einmal' und 'Und wenn sie nicht gestorben sind' das Werk Wilhelm Grimms. 9
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Figur der Stiefmutter in den KHM der Brüder Grimm. Ziel der Arbeit ist es, mögliche Gründe, die zur Entstehung des Stiefmutterbilds in den KHM geführt haben, aufzuzeigen. Um ein detailliertes Bild über die Darstellung der Figur der Stiefmutter in den Märchen der Brüder Grimm zu erhalten, sollen die Familienrelationen, in denen sich die Stiefmutter einfügt, genauer untersucht werden. Die Arbeit fasst zudem Motive zusammen, die die Stiefmutter zu ihrem Handeln bewegen, und zeigt die Schicksale auf, die die Stiefmütter erfahren.
Die Textgrundlage für die Analyse stellt die erste Auflage der Ausgabe Kinder-und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm von 1991 dar. Bei Veränderungen durch die Brüder Grimm, die die Figur der Stiefmutter betreffen, wird auf ältere Versionen der Märchen von 1810 (Urfassung), 1812 und 1815 zurückgegriffen, die von Kurt Derungs in seinem Buch Die ursprünglichen Märchen der Brüder Grimm zusammengestellt sind. Zunächst wurden alle KHM der Brüder Grimm auf das Auftreten einer Stiefmutter hin untersucht. Im Anschluss daran wurde ein Analysegerüst 10 entworfen (s. Anhang), um die Stiefmuttermärchen bezüglich verschiedener Kriterien untersuchen zu können. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede wurden zu Kategorien zusammengestellt, woraus sich die Kapitel der Arbeit ableiten.
2 Soziohistorische Hintergründe zur Figur der Stiefmutter in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
In den KHM der Brüder Grimm kommt der Figur der Stiefmutter eine besondere Rolle zu. Die Stiefmutter wird in allen Auftritten grundsätzlich negativ gezeichnet. Sie bevorzugt beispielsweise ihre leiblichen Kinder vor den angenommenen 11 , sie erniedrigt ihre Stiefkinder, indem sie diese besonders
9 Vgl. Neuhaus, S.131 ff.
10 Das Analysegerüst wurde in Anlehnung an Dirnberger angefertigt.
11 Vgl. Grimm: Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm, KHM 13.
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schwere Arbeiten 12 verrichten lässt, trachtet ihren Stiefkindern nach dem Leben 13 oder trägt hexenhafte Züge 14 .
Auf die besondere Bedeutung der Stiefmutter wird bereits in der Vorrede der Märchensammlung von 1812 verwiesen:
So einfach sind die meisten Situationen, daß viele sie wohl im Leben gefunden,
aber wie alle wahrhaftigen doch immer wieder neu und ergreifend. Die Eltern haben
kein Brot mehr, und müssen ihre Kinder in dieser Noth verstoßen, oder eine harte
Stiefmutter lässt sie leiden. 15
Die Figur der Stiefmutter ist nicht etwa eine Erfindung des Märchens, sondern ist vielmehr als unmittelbar aus der Wirklichkeit entnommen zu verstehen. Es ist typisch für das Märchen, sich profaner Motive der Wirklichkeit zu bedienen und diese im Sinne des Märchens umzugestalten. 16 Frauen wurden damals sehr früh verheiratet und die Geburtenzahl war oft außerordentlich hoch, sodass teilweise bis zu 20 Kinder (Albrecht Dürers Mutter) in einer Ehe geboren wurden. Tatsächlich herrschte aufgrund mangelnder Hygiene und medizinischer Unter-versorgung sowohl eine hohe Kindersterblichkeits- als auch Müttersterblichkeitsrate, sodass nur ein bis zwei Kinder tatsächlich überlebten. Viele Familienmütter stumpften angesichts der enormen Sterberate ihrer Kinder nach und nach gefühlsmäßig ab. 17 Gleichzeitig wuchsen jedoch auch viele Kinder ohne leibliche Mutter auf, da diese die Geburt nicht überlebte oder am Wochenbettfieber starb. 18 Aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten war der Mann gezwungen, erneut eine Ehe einzugehen, da ihm die Frau als unerlässliche Hilfe und Arbeitskraft zur Seite stand. 19
Diese Tatsache allein erklärt jedoch noch nicht, warum die Stiefmutter durchgängig negativ dargestellt wird. Mögliche Argumente für die Erschaffung des Bildes der bösen Stiefmutter sollen nun im Folgenden zusammengetragen werden.
Elisabeth Müller schreibt zum Bild der Frau im Märchen, dass Märchen Geschichten sind, die zum Teil aus matristischen Zeiten stammen, in denen der
12 Vgl. ebd., KHM 21.
13 Vgl. Grimm, KHM 47.
14 Vgl. ebd., KHM 58.
15 Zitiert nach Solms: Die Moral von Grimms Märchen, S. 9.
16 Vgl. Lüthi: Das europäische Volksmärchen, S. 67.
17 Vgl. Weber-Kellermann: Die deutsche Familie, S. 41 ff.
18 Vgl. Wülfing: Alter und Tod in den Grimmschen Märchen und im Kinder- und Jugendbuch,
S. 76.
19 Vgl. Röhrich: Märchen und Wirklichkeit, S. 220.
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Gesellschaftskult über die Frau organisiert war. Frauen kümmerten sich in solchen Gesellschaften um die Heilung der Kranken, leisteten Geburtshilfe oder führten Fruchtbarkeitszauber durch. Mit dem aufkommenden Patriarchat kam es jedoch zu einer Umwertung des Frauenbildes. Was in matristischen Zeiten geachtet und eng mit der Frau verbunden war, wurde nun von den aufstrebenden Männern diffamiert. Lediglich solche Qualitäten der Frau, die der Etablierung des Patriarchats nicht entgegenstanden, wurden hervorgehoben. So unterdrückte man das Selbstbewusstsein der Frauen, entsagte ihnen ihre Eigenständigkeit und entband sie des Wissens über Medizin und Geburtshilfe. Hingegen wurden Eigenschaften wie „Keuschheit, Treue, Mutterschaft in der Ehe, Naivität und Schönheit“ 20 gepriesen. In der Umbruchzeit kommt es nach der Auffassung Müllers zu einer Spaltung des Frauenbildes in „gute und schlechte Frauen“ 21 . Die negativen Eigenschaften wurden auf Hexen, Huren und böse Weiber übertragen, die anderen wurden durch liebliche Jungfrauen, heilige Mütter und liebe Frauen verkörpert. Von dieser Werteverschiebung ist Müller zufolge auch das Bild der Frau im Märchen betroffen. 22 In den Märchen der Brüder Grimm wird häufig die im Sterben liegende, liebende Mutter von einer boshaften Stiefmutter abgelöst oder aber die schöne, fromme und fleißige Tochter wird der hässlichen und faulen Stieftochter gegenübergestellt.
Weber-Kellermann geht davon aus, dass die heute bekannten Erzählinhalte der Märchentexte eine lange Überlieferungsgeschichte beinhalten und somit auch Elemente aus verschiedenen Epochen aufweisen. Für das Entstehen eines derart negativ gearteten Stiefmutter-Bildes gibt die Volkskundlerin folgende Erklärung: In den frühgesellschaftlichen Verhältnissen konnten alle Frauen eines Mannes legitim zur Gruppe der Mütter gehören. Das Verständnis von einer 'Stiefmutter' im heutigen Sinne lag zur damaligen Zeit grundsätzlich nicht vor. Problematisch wurde jedoch die Heirat des Mannes mit einer Frau, die nicht zur eigenen Sozialkaste gehörte. Eine solche Heirat verstieß gegen das Endogamiegebot und hatte zur Folge, dass die fremde Frau eine soziale Abseitsposition innerhalb der Sippe erdulden musste. Der Ärger über den eigenen Ausschluss aus dem
20 Müller: Das Bild der Frau im Märchen, S. 27.
21 Ebd., S. 26.
22 Vgl. ebd., S. 25 ff.
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gesellschaftlichen Leben kann als möglicher Grund für die Böswilligkeit der Stiefmutter gegenüber den angenommenen Stiefkindern gedeutet werden. 23 Besonders sind die Märchen der Brüder Grimm durch die Werte und Normvorstellungen der Epoche der Romantik geprägt. 24 Nach romantischem Mutterideal gemäß Theodor Ruf existiert die Vorstellung von einer treusorgenden und liebevollen Mutter 25 , die es strikt von der Stiefmutter, wie sie in den Märchen der Brüder Grimm auftritt, zu trennen gilt. Nach Überlegungen von Ebert und Müller, die das Stiefmuttermotiv in mittelalterliche Zusammenhänge stellen, waren nur die Kinder des Mannes aus erster Ehe erbberechtigt, was das Interesse der Stiefmutter daran, diese Kinder verschwinden zu lassen, rechtfertigen würde. 26 Auszuschließen bleiben jedoch direkte autobiografische Bezüge zur Stiefmutterfigur, da die Brüder Grimm zeitlebens nur mit ihrer leiblichen Mutter zusammenlebten. 27
3 Korpusanalyse zu den Auftritten der Stiefmutter in den KHM der Brüder Grimm
Die nachfolgende Aufstellung zählt die KHM der Brüder Grimm auf, in denen eine Stiefmutter auftritt. In den insgesamt 200 28 gesammelten Märchen erscheint in 14 Märchen eine Stiefmutter. Im ersten Märchenband von 1812 sind allein elf Stiefmütter in den Märchen anzutreffen, die Präsenz der Stiefmutter im zweiten Band der KHM beschränkt sich auf drei Märchen.
23 Vgl. Weber-Kellermann, S. 32 ff.
24 Vgl. Grimm, S. 9 (Vorwort).
25 Vgl. Ruf: Die Schöne aus dem Glassarg, S. 23 ff.
26 Vgl. Müller, S. 73.
27 Vgl. Früh: Die Frau im Märchen, S. 74.
28 Berücksichtigt sind die Märchen, die im ersten Band 1812 erschienen sind (KHM 1-86), die des
zweiten Bands von 1815 (KHM 87-155) und die in späteren Auflagen ersetzten und ergänzten
Märchen, sodass in der sechsten Auflage von 1850 insgesamt 200 Kinder- und Hausmärchen zu
verzeichnen sind. Die Kinderlegenden, die ab der zweiten Auflage 1819 im Anhang unter KHM
201-210 aufgeführt sind, werden in der vorliegenden Arbeit nicht berücksichtigt.
6
Die Märchensammlung der Brüder Grimm enthält zwei Märchen, bei denen eine Zuordnung nicht ohne Kommentar getroffen werden kann, hierzu soll kurz Stellung genommen werden.
Das Märchen Die zwölf Brüder lässt sich nicht eindeutig in die Aufzählung einreihen. Es handelt sich hierbei um ein in drei Handlungsstränge geteiltes Märchen: I. Bei der Geburt der Heldin müssen ihre zwölf Brüder auf Verlangen des Vaters getötet werden. Die Brüder können sich jedoch in einem verwunschenen Haus im Wald verstecken. II. Als die Schwester von dem Schicksal ihrer Brüder erfährt, beschließt sie, sie zu suchen. Nachdem ihre Suche erfolgreich war, lebt sie mit ihnen im Wald und verwandelt sie unbeabsichtigt in Raben. III. Sie nimmt sich fest vor, die Verzauberung rückgängig zu machen, indem sie sieben Jahre lang nicht spricht. Ein Königssohn nimmt die stumme Königstochter zur Braut, seine Stiefmutter diffamiert die neue Königin jedoch und bringt ihren Stiefsohn dazu, seine Frau zum Tode verurteilen zu lassen. 29
Aus der Sicht der Protagonistin ist die Gegenspielerin ihre Schwiegermutter. Im Märchen wird sie jedoch nicht als solche eingeführt, sondern als „Mutter des Königs“ und schließlich als „böse Stiefmutter“ 30 . Aus diesem Grund wird sie in der vorliegenden Arbeit auch zu den Stiefmüttern gezählt und in der Analyse berücksichtigt.
29 Vgl. Spörk: Studien zu den ausgewählten Märchen der Brüder Grimm, S. 52-53.
30 Vgl. Grimm, KHM 9, S. 86, 87.
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Ina Brandenburg, 2009, Zur Figur der Stiefmutter in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, München, GRIN Verlag GmbH
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