Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Krise der römischen Agrarwirtschaft 4
3. Der Reformversuch des Tiberius Gracchus 6
4. Folgen des Reformansatzes. 11
5. Schluss. 21
6. Quellenverzeichnis 23
7. Literaturverzeichnis. 23
2
1. Einleitung
Diese wissenschaftliche Arbeit innerhalb des Hauptseminars ,,Die Entstehung der antiken politischen Theorie und Verfassungstheorie’’ soll die Thematik des Versuchs einer Agrarreform von Tiberius Sempronius Gracchus komplex darstellen und dem Leser veranschaulichen, wie sich die Krise der römischen Agrarwirtschaft auf die römische Gesellschaft auswirkte, welche geschichtlichen Umstände Tiberius Gracchus zum politischen Kampf für eine Agrarreform bewegten und letztendlich die Folgen des Reformversuchs untersuchen. Im Bezug auf das Seminarthema nimmt die Zeit der Gracchen eine durchaus wichtige Rolle ein, da mit ihr die römische Gesellschaft in eine schwere Krise geriet, die häufig als die Epoche der Römischen Bürgerkriege bezeichnet wird. Diese Krise endete mit dem Untergang der Römischen Republik und der Einrichtung einer Monarchie in Form eines Prinzipats unter dem ersten römischen Kaiser Augustus.
Als Einstieg beginnt diese Arbeit mit der Krise der römischen Agrarwirtschaft, danach wird der Kreis der Reformer vorgestellt und schließlich auf die von Tiberius angestrebte lex Sempronia agraria und deren Folgen eingegangen. Den Kern dieser Arbeit stellt in den letzten Kapiteln die Untersuchung der Beweggründe für die politische Agitation des Tiberius Gracchus an Hand von Quellen dar. Überdies wird das Ziel der angestrebten Reformen genauer betrachtet und die Bedeutung der Gracchen für die römische Geschichte herausgestellt.
Die Quellenlage zu diesem Thema ist durchaus umfangreich, da die antiken Geschichtsschreiber Appianos und Plutarch zahlreiche Schriften über die Brüder Tiberius und Gaius Gracchus verfassten. Allerdings lebten beide Personen weit nach den Ereignissen, die mit den gescheiterten Reformversuchen zusammenhängen.
Als Kernliteratur dienten unter anderem die Veröffentlichungen von Klaus Bringmann ,,Die Agrarreform des Tiberius Gracchus’’ und Karl Christ ,,Krise und Untergang der Römischen Republik’’. Ergänzend dazu wurde auch das aus dem Ausland stammende Standardwerk ,,Tiberius Sempronius Gracchus’’ von Alvin H. Bernstein bei der Ausarbeitung dieser Arbeit miteinbezogen.
Die behandelten Quellen wurden größtenteils aus der Quellensammlung von Walter Arend ,,Geschichte in Quellen: Das Altertum’’ und der 1911 veröffentlichten Dissertation ,,Die Quellen zur Geschichte des Tiberius Gracchus’’ von Georg Riecken entnommen.
3
2. Die Krise der römischen Agrarwirtschaft
Seit der Mitte des 2. Jahrhunderts befand sich die römische Herrschaft in einer Krise, welche die Ungleichheit zwischen der soziopolitischen Struktur Roms und dem gewaltigen Herrschaftsgebiet offenlegte. Das Herrschaftsgebiet war zwar seit der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts ein völlig passiver Körper, es hatte jedoch trotzdem weiterhin große Einflüsse auf die inneren Verhältnisse Roms. Dies zeigte sich im Wirtschaftsleben vor allem bei der Agrarwirtschaft, die sich unter den veränderten Verhältnissen einschneidend zu wandeln begann. 1 Die wohlhabenden Bürger, primär der Senatorenstand, dem durch das Claudische Gesetz aus dem Jahre 218 aus standespolitischen Rücksichten das Handelsgeschäft ausdrücklich untersagt und damit das Land als die ihm angemessene Einkommensquelle zugewiesen worden war, legten die erworbenen Gelder meist in Grund und Boden an. Da in Italien Ackerland zum Kauf nicht unbegrenzt zur Verfügung stand, bemächtigten sich insbesondere die römischen Senatoren, aber auch andere reiche Römer und die Honoratioren 2 der bundesgenössischen Städte des Staatslandes, ager publicus, in Mittel- und besonders in Unteritalien.
Das Staatsland stammte zum überwiegenden Teil aus Annexionen, die der römische Staat bei den im Hannibalkrieg abgefallenen Bundesgenossen vorgenommen hatte. Nicht selten annektierten die Römer etwa ein Drittel des feindlichen Territoriums. Weil die Verluste des Krieges die Bauernschaft verkleinert hatten und in den darauf folgenden Jahrzehnten des 2.Jahrhunderts alle landsuchenden Römer in der groß angelegten Kolonisation Obertialiens weitgehend versorgt worden waren, wurde das Staatsland zunächst nicht verteilt. Nach römischen Gewohnheitsrecht durften alle Bürger das Staatsland zu persönlichen Zwecken besetzen (okkupieren) und nutzen, doch waren es erwartungsgemäß die Reichen und Vornehmen, die in der Lage waren, diese Möglichkeit auch in die Tat umzusetzen. 3 Die Okkupanten durften das von ihnen beanspruchte Gebiet dann für sich nutzen, wenn sie eine meistens geringe Anerkennungsgebühr 4 an die römische Staatskasse entrichteten und damit das staatliche Eigentumsrecht an dem betreffenden Grund und Boden bestätigten. 5 Zugleich werden in den Überlieferungen Höchstmaße von Flächen genannt, worüber hinaus eine Einzelperson oder eine Familie Staatsland nicht okkupieren und bewirtschaften durfte. Fast
1 Bleicken, Jochen, Geschichte der Römischen Republik, 5.Auflage, München 1999, S.61.
2 Der Begriff ist aus dem Lateinischen und bedeutete wörtlich "die mehr als andere Geehrten" (vgl. auch honorig
= ehrenhaft, freigebig).In der römischen Republik waren damit vor allem die Inhaber senatorischer Ämter
(cursus honorum = Ämterlaufbahn) gemeint.
3 Bleicken, Jochen, Geschichte der Römischen Republik, 5.Auflage, München 1999, S.61.
4 ,,vectigal’’ genannt.
5 Christ, Karl, Krise und Untergang der Römischen Republik, 3.Auflage, Darmstadt 1993, S. 117.
4
immer werden diese Grenzen in Zusammenhang mit den bedeutenden leges Liciniae Sextiae von 367 v.Chr. gebracht. 6
In diesen Bestimmungen werden als Höchstgrenze des von einem römischen Vollbürger okkupierbaren Landes ein Gebiet von 500 iugera 7 festgesetzt. Überdies waren einem Einzelnen für die Weidenwirtschaft maximal 100 Stück Großvieh oder 500 Stück Kleinvieh gestattet und es gab die Verpflichtung, dass für die Bewirtschaftung des ager publicus neben Sklaven stets auch freie Arbeiter beschäftig werden mussten. 8 Schließlich kam es dazu, dass vor allem die äußerst wohlhabenden Bürger Roms das Staatsland okkupierten und die übernommenen Äcker (ager publicus occupatorius) zusammen mit ihrem eigenen Land (ager privatus) bewirtschafteten, gleichzeitig jedoch weder Abgaben zahlten oder gar die festgesetzten Höchstgrenzen einhielten. Die dadurch entstandenen riesigen Großgüter (latifundia) wurden häufig von großen Sklavenscharen, welche die Kriege und der wachsende Sklavenhandel lieferten, bestellt und die Produktion nach dem Grundsatz ausgerichtet, mit möglich wenigen Arbeitskräften einen maximalen Gewinn zu erzielen. 9 Unter dem wachsenden Großgrundbesitz litt die Masse der Bauern sowohl deswegen, weil sie an der Nutzung des ager publicus unverhältnismäßig schwach beteiligt war, als auch durch die Aggressivität der ökonomischen Expansion, die sich auch auf die in Privatbesitz stehenden kleinen Höfe richtete. Die Probleme der Bauern zeigten sich unter anderem darin, dass die Anzahl der Abhängigen unter ihnen stark anstieg und sich viele Großgüter aus einer Vielzahl von Pachtbauern zusammensetzten. Es kamen noch weitere schwerwiegende Gründe für den Niedergang des römischen Bauernstandes hinzu: Seit Oberitalien befriedet war, stagnierte die Kolonisationspolitik, denn sie hatte in erster Linie der militärischen Sicherheit, nicht der Versorgung der Mittellosen gedient. In Luna war 177 v.Chr. die letzte Bürgerkolonie angelegt worden, in den folgenden 40 Jahren kam es zu keiner weiteren Neugründung mehr. Die Kolonien waren vor allem Festungen, keine Auswandererstädte.
Sehr ungünstig wirkte sich für die Bauern auch der Militärdienst aus, der jetzt in Übersee und oft über längere Zeit hindurch, in welcher der Hof nicht angemessen versorgt werden konnte, abgeleistet werden musste. So trafen manche Ursachen zusammen, infolge derer sich ein wachsendes Reservoir von unbemittelten Römern bildete, die naturgemäß meist nach Rom
6 Die Leges Liciniae Sextiae (Latein„Gesetze des Licinius und des Sextius“) sind die von den Volkstribunen
Gaius Licinius Stolo und Lucius Sextius Lateranus 367 v. Chr. beantragten Gesetze, die, neben einem
Ackergesetz, die wichtigsten, entscheidenden Bestimmungen für die Entwicklung der Staatsverfassung der
römischen Republik enthielten
7 125 ha
8 Christ, Karl, Krise und Untergang der Römischen Republik, 3.Auflage, Darmstadt 1993, S.118.
9 Bleicken, Jochen, Geschichte der Römischen Republik, 5.Auflage, München 1999, S.62.
5
wanderten. Dort erwarteten sie Hilfe von der Regierung, vor allem durch die Versorgung mit Land.
So stellte sich die Ausgangssituation dar, als man sich nach der Jahrhundertmitte dazu entschloss über Agrarreformen nachzudenken.
3. Der Reformversuch des Tiberius Gracchus
Über den ersten Reformansatz, welcher mit der Person des Laelius verknüpft ist, sind keinerlei Einzelheiten über den Inhalt oder die zeitliche Einordnung der Pläne bekannt. Es ist nicht abwegig, dass die Überlegungen aus dem Jahr 145 v.Chr. stammen, als Laelius Prätor war und die Entlassung der Kriegsteilnehmer von 146 v.Chr. unstreitig die genannten Probleme tangierte. 10 Es ist jedoch weitaus wahrscheinlicher, dass die geplante Initiative erst in dem Jahr 140 v.Chr. einsetzte, zum dem Zeitpunkt als Laelius das Konsulat bekleidete. Obwohl man heute nicht genau weiß, was die Pläne des Laelius genau beinhalteten, so ist jedoch sicher, dass diese bei den Senatoren, von denen die meisten auch Großgrundbesitzer waren, auf massiven Widerstand stießen. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt wurde klar, dass die Agrarkrise wohl nicht über einen friedlichen Weg lösbar sein wird. Jeder Politiker war sich nach diesem ersten Versuch bewusst, dass er den Bestand der inneren Ordnung Roms in Frage stellte, wenn er sich jenem Problemfeld annahm. Darin bestand auch die eigentliche Bedeutung des Reformversuches des Laelius für die Folgezeit. Offensichtlich hatte man im Umfeld des jüngeren Scipio zwar die Erkenntnis erlangt, dass die Agrarkrise Reformen erforderte, gleichwohl dann doch der Stabilität der inneren Ordnung höchste Priorität eingeräumt und deshalb von allen Eingriffen Abstand genommen. Dies war nicht sehr vorausschauend, weil ein Aufschub der nötigen Reformen an dem Widerstand der Großgrundbesitzer nichts ändern, die Not sich aber nur vergrößern konnte und durch die Neuregelungen im Abstimmungsverfahren eine Beeinflussung der Plebs bei den Wahlen wesentlich erschwert wurde.
Im Jahr 139 v.Chr. wurde für die Wahlen nämlich die geheime Abstimmung mit Stimmtäfelchen anstelle der öffentlichen Befragung unter vielen Zeugen eingeführt. Zwei Jahre später wurde dann das gleiche Verfahren auch auf die Gerichtsentscheidungen der Volksversammlungen ausgedehnt.
Zu Beginn der dreißiger Jahre stellte sich eine weitere Gruppe von Reformern den Problemen der Agrarwirtschaft und den damit verbundenen gesellschaftlichen Missständen.
10 Christ, Karl, Krise und Untergang der Römischen Republik, 3.Auflage, Darmstadt 1993, S.119.
6
Arbeit zitieren:
Sebastian Jakubzik, 2009, Tiberius Gracchus und die lex Sempronia agraria, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Seminararbeit, 19 Seiten
Der diplomatische Einfluss Adenauers auf die Westintegration
Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik
Seminararbeit, 16 Seiten
Philip Freneau 'The Wild Honey Suckle' and 'To a New Engl...
Hausarbeit, 16 Seiten
Pidgins and Creoles and their Relevance to Linguistics with a special ...
Seminararbeit, 15 Seiten
Der Internationale Karlspreis zu Aachen
Karl der Große in der neuzeitl...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 19 Seiten
Krise und Untergang der Römischen Republik
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 18 Seiten
Genese und dessen Ursprünge
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Seminararbeit, 16 Seiten
The Dual Historical Context of Arthur Miller's "The Crucible&...
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Methods for Using the Short St...
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
How drama teaching can combine...
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Warum muss Rousseaus „Roman über Erziehung“ als ein hypothetisches Exp...
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Ausarbeitung, 4 Seiten
Untersuchungen zur Agrarreform des Tiberius Gracchus
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Entstehen, Niedergang und Organisation der Hanse
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 23 Seiten
Teaching short stories in the EFL-Classroom
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Die Geschichte des Hitler-Stalin-Paktes und die Folgen
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Hausarbeit, 19 Seiten
A Nation´s Heart - An analysis of 18th century american drama with spe...
Seminararbeit, 13 Seiten
Die leges Iuliae agrariae im Kontext der Ackergesetzgebung seit den Gr...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 18 Seiten
Teaching grammar: approaches and methods
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 15 Seiten
Rhetorische Analyse der "Yes we can" Rede von Barack Obama
New Hampshire Primary Speech a...
Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft
Seminararbeit, 22 Seiten
Sebastian Jakubzik's Text Tiberius Gracchus und die lex Sempronia agraria ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Sebastian Jakubzik hat den Text Tiberius Gracchus und die lex Sempronia agraria veröffentlicht
Sebastian Jakubzik hat einen neuen Text hochgeladen
Rome in Crisis: Nine Lives in Plutarch: Tiberius Gracchus, Gaius Gracc...
Plutarch, Ian Scott-Kilvert, Christopher Pelling
Lives, Volume X: Agis and Cleomenes. Tiberius and Gaius Gracchus. Phil...
Plutarch, Beradotte Perrin, Bernadotte Perrin
Studies in the Reign of Tiberius: Some Imperial Virtues of Tiberius an...
Robert Samuel Rogers
The Last Episode of the French Revolution Being a History Gracchus Bab...
Ernest Belfort Bax
Agrarreformen und ethnodemographische Veränderungen
Südosteuropa vom ausgehenden 1...
Karl-Peter Krauss
Imperial Inquisitions: Prosecutors and Informants from Tiberius to Dom...
Steven H. Rutledge
0 Kommentare