Schrecken und Poesie.
Zur Ambivalenz mythischer Selbsttransparenz
bei Blumenberg und Nietzsche
Einleitung: Kultur als humane Selbstbehauptung? ......................................................................... 2
1. Kontingenz und Entlastung: Hans Blumenbergs Arbeit am Mythos (1979) ............................ 5
1. 1. Absolutismus der Wirklichkeit, Allmacht der Vorstellungen:
Menschliches Dasein innerhalb seiner Grenzwerte ....................................................... 5
1. 2. Grammatik der Distanz:
Namen, Bedeutsamkeiten, Verfahrensordnungen ......................................................... 9
1. 3. Mythische Verzögerung: Der Umweg übers Ungeheuerliche .................................... 13
2. Silenische Weisheit und ästhetische Metaphysik:
Friedrich Nietzsches Geburt der Tragödie (1872) ........................................................................ 18
2. 1. Dialektik der Erlösung: Apollon vs. Dionysos ............................................................. 18 2. 2. ,Tragischer Mythus‘ und immanenter Trost ................................................................... 21
3. Distanz oder Identifikation? -
Mythische Selbsttransparenz und ihre Folgen ......................................................................... 23
Siglen / Bibliographie
Einleitung: Kultur als humane Selbstbehauptung?
Schrecken und Poesie - dieses polare Begriffspaar reicht aus, um das Weltverhältnis des Menschen, wie es Hans Blumenberg in seiner 1979 erschienenen kulturtheoretischen Studie Arbeit am Mythos 1 beschreibt, auf seine kürzeste Formel zu bringen. Schrecken, damit ist die epiphanische Initialerfahrung des Menschen gemeint, der sich seiner Differenz zu den Dingen ringsum bewußt wird, aber noch keine kulturellen Deutungsmuster besitzt, um sich dieselben in differenzierter Form anzueignen. Weil ihm die Möglichkeit zum rational-ordnenden Zugriff noch fehlt, kann er die Wirklichkeit nicht anders denn als intransparente Front unverfügbarer Faktizität erfahren, deren allgegenwärtige Übermacht ,namenloses Entsetzen‘ evoziert. - Poesie, im Gegensatz hierzu, bezeichnet die Summe menschlicher Abwehrreflexe, die sich vor diesem Hintergrund konstituieren. Vom Willen zur Selbstbehauptung motiviert, entwirft das bewußtgewordene Subjekt Strategien der Entlastung, welche auf eine möglichst umfassende Verdrängung der übermächtigen Wirklichkeit abzielen. Indem es der Realität anthropomorphe Ordnungsmuster ,überstülpt‘, gelingt ihm die verblüffende Autosuggestion, die Welt sei an sich vernünftig, das Dasein nicht-kontingent.
Die Bandbreite der kreativen Versuche des Menschen, eine lebenserhaltende Distanz zum Absoluten einzuziehen, faßt Blumenberg im Rahmen seiner Untersuchung unter dem Begriff des Mythos zusammen. Während Mythos in diesem Sinne als überzeitliches Paradigma verstanden werden kann, konzentrieren sich die materialen Analysen, mit denen diese These illustriert wird, vornehmlich auf den Mythos im traditionell-historischen Sinn, die Mythologie der Antike. Diese wird somit als spezifisches Fallbeispiel menschlichen Entlastungswillens gedeutet, als methodische Variante eines Umgangs mit der absolutistischen Wirklichkeit, in welcher ,Geschichtenerzählen‘ zum ersten tragfähigen Paradigma humaner Rationalisierungsbemühungen entwickelt wird.
1 Vgl. Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos (Frankfurt a.M. 1979, ²1984). Die Zitation erfolgt im fortlaufenden Text unter der Sigle AM.
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Eine verwandte Auffassung von der Bedeutung kulturell-mythischer Aktivität hatte indes schon über 100 Jahre zuvor Friedrich Nietzsche in seiner Geburt der Tragödie 2 (1872) vorgestellt. Wie Blumenberg setzt auch Nietzsche einen ursprünglich pessimistischen Weltbezug, in dem das Subjekt der Absurdität von Wirklichkeit und Existenz gewahr wird, als anthropologische Ausgangssituation an. Wie Blumenberg versteht auch Nietzsche auf dieser Grundlage Kultur als überlebensstrategischen Defensivmechanismus, dessen Wert in seinem Potential zur Emanzipation vom Schrecken des Daseins besteht. Und ähnlich wie für Blumenberg besteht das methodische Verfahren dieser Distanzleistung auch für Nietzsche (zunächst) darin, die sinnlose, unverfügbare Wirklichkeit durch verabsolutierende Projektionen menschlicher Ordnungsstrukturen zur kontrollierbaren, human-sinnhaften ,umzuschaffen‘. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit möchte ich mich um einen Vergleich dieser beiden Positionen bemühen. Anhand einer textnahen Interpretation des ersten Hauptteils von Arbeit am Mythos („Archaische Gewaltenteilung“) sowie der Geburt der Tragödie soll versucht werden, Blumenbergs (Kapitel 1) bzw. Nietzsches (Kapitel 2) Verständnis von Aufgabe, Funktion und ,Sinn‘ des Mythos möglichst präzise zu bestimmen. - In Hinblick auf Blumenberg möchte ich dabei zunächst (1.1.) erläutern, inwiefern sich menschlich-bewußte Existenz immer schon im Spannungsfeld von absolutistischer Wirklichkeit und kultureller Selbstbehauptung konstituiert, bevor anschließend (1.2.) die verschiedenen Strukturmomente historisch-mythischer Entlastung näher differenziert werden sollen. Die Gemeinsamkeiten dieses bipolaren Ansatzes zur Geburt der Tragödie sollen anhand einer Darstellung von Nietzsches ebenfalls dualer Grundkonzeption - absurdes Dasein vs. ästhetisch-metaphysische Selbsterlösung - zu Beginn des zweiten Kapitels (2.1.) erörtert werden.
Im jeweils letzten Teils meiner Untersuchung (1.3. bzw. 2.2.) möchte ich darüber hinaus auf ein besonderes Problem aufmerksam machen, an welchem m. E. allen Ähnlichkeiten zum Trotz die untergründige Differenz beider Entwürfe zutage tritt. Wie die vorangehende Gegenüberstellung nämlich zeigen soll, erkennen sowohl Blumenberg als auch Nietzsche die Entlastungs- oder Erlösungsfunktion des Mythos wesentlich darin, die ,anthropomorphe Lebenswelt‘ bzw. den ,Schein des Individuellen‘ zur ausschließlichen Realität zu (v)erklären. 3
2 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie, in: ders.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden (Bd. 1), hrsg. v. G. Colli u. M. Montinari (Berlin/New York 1988). Die Zitation erfolgt im fortlaufenden Text unter der Sigle GT.
3 Was Nietzsche betrifft, ist hiermit die historische Frühform des Mythos im ,naiven Apollinismus‘ griechischer Epik gemeint. Dieser erste Kulturreflex auf den ursprünglich pessimistischen Daseinsbezug illustriert - wie auch die ,sokratische Weltsicht‘ des Theoretischen Menschen - eine wesentlich irreflexive Variante der Kontingenzbewältigung, welche Blumenbergs Vorstellung von der generell ursprungsabgewandten Distanzierungsfunktion des Mythos durchaus analog ist.
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Die epistemologische Frage nach dem Verhältnis von Vorstellung und Wirklichkeit hingegen bleibt hierbei offenbar ausgeklammert. Zwischen der vom Ordnungswillen des Menschen entworfenen ,Kulturwelt‘ und der kontingenten Wirklichkeit gibt es keinerlei Abbildrelationvielmehr zielt erstere auf bloß irreflexive Distanz und vermeidet jeden wahrheitsfähigen Bezug, jede annähernde Identifikation mit der letzteren, aus Furcht vor einem Regreß ins vormythische Stadium namenlosen Entsetzens. Weil diese rigoros negative Haltung hinsichtlich der Erkenntnisqualität kultureller Leistungen verwundern mag, scheint es aussichtsreich, die Darstellungen Blumenbergs und Nietzsches auf Momente möglicher Selbsttransparenz abzu-horchen: Lassen sich innerhalb des Ensembles mythischer Vorstellungen, die eine Abwehr des Wirklichen gewährleisten sollen, eventuell Reminiszenzen an jenen vorzeitlichen Schrecken aufzeigen, die im Rahmen der ästhetischen Entlastungsstrategie als selbstreflexive Verweise auf deren ontologischen Ursprung, den Absolutismus der Realität, fungieren? Wenn dies der Fall wäre, welche Konsequenzen hätte ein derartiges Zusammenspiel von irreflexivdistanzierenden und reflexiv-identifizierenden Momenten für Aufgabe und Funktion des Mythos? Könnte Kultur vielleicht auch im Dienste einer anderen Wahrheit stehen als der bloßen Affirmation lebensweltlichen Scheins? 4
Wie die vorliegende Interpretation zeigen soll, scheinen sowohl Blumenberg als auch Nietzsche anzuerkennen, daß der selbstreflexive Bezug auf die vormythische Wirklichkeit ein konstitutives Moment mythischer Sinnentwürfe bildet. Für Blumenberg manifestiert er sich in den anti-figurativen Aspekten des Mythos, in den Über- bzw. Unterbietungen seiner grundsätzlichen Gestaltungstendenz; für Nietzsche bildet er im Rahmen einer erweiterten Mythoskonzeption - des sogenannten ,Tragischen Mythus‘ - das dionysische Fundament, auf welches jede apollinische Darstellung stets noch bezogen bleibt. An dieser Stelle wird indes die entscheidende Divergenz beider Ansätze offenkundig: Denn während Blumenberg die punktuelle Selbsttransparenz des Mythos in einer übergeordneten Figur der Bedeutsamkeit aufgehen läßt, welche letztlich allein durch ihre Funktion menschlicher Selbstbehauptung bestimmt wird, versteht Nietzsche ebendiese Selbsttransparenz als ,turning point‘ der mythischen Erlösungsmethode. Der Rückbezug auf die Wirklichkeit führt hier zu einer radikalen Subversion der vormals irreflexiven Verklärungsstrategie. Gleichsam spiegelverkehrt fungiert in diesem Fall nicht länger Schrecken als Katalysator einer poetisch-anthropomorphen Wahrheit, sondern Poesie als Katalysator einer ästhetisch distanzierten Erfahrung jener unerkennbaren Realität,
4 Die Frage nach der Selbsttransparenz des Mythischen findet in der Sekundärliteratur zu Blumenberg, soweit ich sehe, keine besondere Erörterung; für Nietzsche dagegen vgl. etwa Gianni Vattimo: Friedrich Nietzsche. Eine Einführung (Stuttgart 1992), S. 11 ff.
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die immer schon jenseits des kulturell-rationalen Zugriffs des Menschen liegt. Es scheint deshalb, als würde sich in Nietzsches Konzeption des Tragischen Mythus eine Variante menschlicher Existenzbewältigung ankündigen, welche noch außerhalb des von Blumenberg avisierten Paradigmas irreflexiv-distanzierender Selbstbehauptung steht. - Um diese spezifische Ambivalenz mythischer Selbsttransparenz aber genauer verstehen zu können, sollen die Mythostheorien Blumenbergs und Nietzsches nun im Detail vorgestellt werden.
1. Kontingenz und Entlastung: Blumenbergs Arbeit am Mythos (1979)
1. 1. Absolutismus der Wirklichkeit, Allmacht der Vorstellungen: Menschliches Dasein innerhalb seiner Grenzwerte
Gleich zu Beginn seines monumentalen Werks Arbeit am Mythos etabliert Blumenberg den Absolutismus der Wirklichkeit als conditio sine qua non menschlichen Daseins - als Nullpunkt, von dem jede bewußte Existenz immer schon ihren Ausgang genommen hat. Mit diesem anthropogenetischen „Grenzbegriff“ (AM, 9) ist die Initialerfahrung des Menschen beschrieben, der die animalische Eingebundenheit ins irreflexive Reiz-Reaktionsschema ,soeben‘ hinter sich gelassen hat und zu intentional-selbstreflexivem Bewußtsein avanciert ist. Im Absolutismus der Wirklichkeit drückt sich somit keine objektive Gegenstandsqualität aus, sondern dasjenige subjektive Weltverhältnis, welches der liminalen Existenz auf der Schwelle zwischen vorbewußter Kausalität und bewußter Intentionalität korrespondiert. 5
Wie erläutert wird, entdeckt der Mensch als Folge eines „Situationssprung[s]“ - den Blumenberg phylogenetisch am „Biotopwechsel“ (AM, 10) vom tropischen Regenwald zur Savanne verortet 6 - daß er „die Bedingungen seiner Existenz annähernd nicht in der Hand hatte“ (AM, 9). Demnach, so scheint es, macht sich im Absolutismus der Wirklichkeit die plötzliche Einsicht des Individuums in die radikale Intransparenz und Unverfügbarkeit der Realität bemerkbar. Obwohl Blumenbergs Erläuterungen in dieser Hinsicht vage bleiben, läßt sich diese Erfahrung so deuten, daß das Subjekt im Zuge seiner Bewußtwerdung all diejenigen Orientierungen und fixen Bedeutungen verliert, welche das vorbewußte Dasein im Rahmen des Reiz-Reaktionsschemas noch gewährleistet hatte. Die spezielle „Unangepaßtheit“ des
5 Vgl. Merker, Barbara: „Bedürfnis nach Bedeutsamkeit. Zwischen Lebenswelt und Absolutismus der Wirklichkeit“, in: Franz J. Wetz/Hermann Timm (Hrsg.): Die Kunst des Überlebens. Nachdenken über Hans Blumenberg (Frankfurt a. M. 1999), S. 81 ff.
6 Die Korrespondenz von Bewußtseinsgenese und Biotopwechsel übernimmt Blumenberg von Arnold Gehlen, der seinerseits an Johann G. Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1770) anknüpft.
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Menschen, von der Blumenberg spricht (AM, 10), müßte vor diesem Hintergrund als existentielles Bedürfnis nach neuerlicher ,Bedeutsamkeit‘ verstanden werden, welche diesen Mangel kompensieren könnte. Der initiale Weltbezug, der sich im Absolutismus der Wirklichkeit ausspricht, wäre somit nichts anderes als die Erkenntnis einer Diskrepanz zwischen subjektivem Sinnbedürfnis und objektiver Sinnverweigerung. 7 Indem das Subjekt im Zuge seiner Bewußtwerdung jener grundsätzlichen Weigerung der Realität, seinem neuerwachten Orientierungswunsch durch Aufweis objektiver Sinnstrukturen in irgendeiner Weise zu entsprechen, gewahr wird, begreift es dieselbe als wesentlich unerkennbar. Die Unmöglichkeit eines rational-sinnerschließenden Zugriffs führt dazu, daß sich die Wirklichkeit vor dem bewußtwerdenden Menschen gleichsam verschließt und ihm nunmehr bloß als opaker ,Block‘ undifferenzierbarer Faktizität fremd gegenübersteht. Als omnipräsente, aber gleichwohl unzugängliche nimmt die Realität für das Subjekt den Charakter einer bedrohlichen Übermacht an, welche Angst bzw. ,namenloses Entsetzen‘ (vgl. AM, 10) produziert. 8 Weil ein derartiger Schrecken als Weltverhältnis jedoch „schlechthin nicht auf Dauer gebracht werden kann“ (AM, 11) ist das Subjekt sogleich gezwungen, Kompensationsstrategien zu entwerfen - „Kunstgriffe“ der Rationalisierung (ibd.), die eine „Abmilderung des bitteren Ernstes“ (AM, 23) durch spontane Kreativität vollbringen. Für Blumenberg markiert dieser Abwehrreflex, der auf das ursprüngliche Gefühl existentieller Bedrohtheit antwortet, den Beginn menschlich-kultureller Selbstbehauptung. Indem sich das Individuum imstande sieht, der opaken Faktizität der Welt durch mythopoetische Leistungen eine Front „vorgeschobener imaginativer Instanzen“ (AM, 12) entgegenzustellen, bewirkt es eine „Supposition des Vertrauten für das Unvertraute, der Erklärungen für das Unerklärliche, der Benennungen für das Unnennbare“ (AM, 11). Mit diesem Schritt hat die Arbeit am Abbau der absolutistischen Wirklichkeit (vgl. AM, 13) schon begonnen, dessen Strategie ultimativ darauf abzielt, ein
7 Zu dieser ,existentialistischen‘ Deutung des Absolutismus der Wirklichkeit vgl. Merker, a.a.O., S. 68 ff. - Wie Merker erläutert (a.a.O., S. 80 f.), enttäuscht die Realität ontologisch das menschliche Bedürfnis nach Stabilität und Festigkeit, epistemisch dasjenige nach Ordnung, Gliederung und Prognostizierbarkeit, ethisch dasjenige nach Selbsterfüllung und Glück.
8 Insofern die existentielle Angst des archaischen Menschen gerade aus dem Unvermögen desselben, einzelne Gegenstände zu bestimmen, resultiert, ist sie notwendig universal. Blumenberg definiert sie deshalb konsequent als erwartungsvoll-gespannte „Intentionalität des Bewußtseins ohne Gegenstand“ (AM, 10). - Zur negativen Initialerfahrung des Schreckens wäre ein ursprüngliches Staunen angesichts der Wirklichkeit, wie Blumenberg es bei Aristoteles (Metaphysik I, 2) findet, das Gegenbeispiel für ein positives Urerlebnis bewußten Weltbezugs (vgl. AM, 33).
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Arbeit zitieren:
M.A. Björn David Herzig, 2005, Schrecken und Poesie, München, GRIN Verlag GmbH
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