INHALTSVERZEICHNIS
Abk ürzungsverzeichnis VI
Abbildungsverzeichnis VIII
Tabellenverzeichnis IX
1. Einleitung 1
2. Landeswissenschaftliche Grundlagen 5
2.1 Geographische Rahmenbedingungen 5
2.2 Historische Rahmenbedingungen 7
2.3 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen 10
2.4 Politische Rahmenbedingungen 13
2.4.1 Administrative Strukturen 13
2.4.2 Das politische System 16
2.5 Ökonomische Rahmenbedingungen 21
2.5.1 Wirtschaftspolitische Grundlagen 21
2.5.2 Wirtschaftspolitische Herausforderungen 23
3. Grundzüge des französischen Bildungssystems. 28
3.1 Entwicklung des Bildungssystems 29
3.1.1 Anfänge des Aufbaus eines Bildungssystems 29
3.1.2 Charakteristika des heutigen Systems 31
3.1.3 Ziele des Bildungssystems 34
3.2 Die schulische Bildung 36
3.2.1 Primarstufe 36
3.2.2 Sekundarstufe I 38
3.2.3 Sekundarstufe II 40
3.3 Schlussfolgerungen 42
4. Das französische Berufsbildungssystem 43
4.1 Stellenwert der Berufsausbildung in Frankreich 44
4.1.1 Geschichte der Berufsausbildung 44
4.1.2 Akzeptanz in der Gesellschaft 45
4.2 Varietäten der französischen Erstausbildung 48
4.2.1 Schulisch-berufliche Ausbildung 48
4.2.2 Duale Ausbildungsgänge 51
4.3 Das Hochschulwesen 53
4.3.1 Die Grandes Ecoles 53
4.3.2 Die Universitäten 56
III
4.4 Die berufliche Weiterbildung 59
4.4.1 Anbieter der beruflichen Weiterbildung 59
4.4.2 Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung 61
4.5 Finanzierung des Berufsbildungssystems 65
4.5.1 Finanzierung der Erstausbildung 65
4.5.2 Finanzierung der Weiterbildung 67
4.6 Schlussfolgerungen 69
5. Das deutsche und französische Berufsbildungssystem im Vergleich 71
5.1 Volkswirtschaftliche Bildungsindikatoren 72
5.1.1 Makroökonomische Kennziffern 72
5.1.2 Mikroökonomische Kennziffern 74
5.2 Institutionelle und bildungspolitische Aspekte 77
5.2.1 Struktur und Zuständigkeit 77
5.2.2 Bildungskonzepte und Ziele 79
5.3 Curriculare und didaktisch-methodische Aspekte 80
5.3.1 Förderung von Schwachen und Begabten 81
5.3.2 Ausrichtung der Curricula auf den Arbeitsmarkt 83
5.4 Ausgewählte Ausbildungsberufe im Vergleich 85
5.4.1 Kauffrau/-mann im Groß- und Einzelhandel vs. BTS Commerce International 85
5.4.2 Industriekauffrau/-mann vs. BTS Comptabilité et Gestion des Organisations 86
5.5 Schlussfolgerungen 88
6. Tendenzen und Perspektiven des französischen Berufsbildungssystems 90
6.1 Innerschulische Herausforderungen 90
6.1.1 Erhöhung des Bildungsniveaus 91
6.1.2 Senkung des Schulversagens 92
6.1.3 Integration von Kindern mit Migrationshintergrund 94
6.2 Arbeitsmarktbezogene Anforderung 95
6.2.1 Beschäftigungsmaßnahmen für Jugendliche 95
6.2.2 Anforderungen der modernen Wirtschaft 98
6.2.3 Europäische Integration 100
6.3 Schlussfolgerungen 104
7. Schlussbetrachtung 105
Literaturverzeichnis X
IV
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
AFPA Association pour la formation professionnelle des adultes ANIFRMO Association nationale interprofessionnelle pour la formation de la main d’oeuvre
Brevet d’études professionelles
Baccalauréat technologique
Brevet de technicien supérieur
Chambres de Commerce et d’Industrie
CEDEFOP Centre européen pour le développement de la formation professionnelle Collège d’ensiegnement secondaire
Centre de formation d'apprentis Confédération française démocratique du travail Confédération française de l'encadrement - Confédération générale des cadres
Confédération française des travailleurs chrétiens
Centres de formation professionnelle acclérée Confédération générale du travail Central Itelligence Agency Comité interministériel à l'intégration Contrat d'insertion dans la vie sociale CM Cours moyen
Commission nationale de la certification professionnelle
Diplôme approfondi de langue française
Diplôme d'études en langue française Droit individuel à la formation Départements d’Outre Mer Diplômes universitaires de technologie European Credits Transfer System Ecole Franco-Allemande de Commerce et d'Industrie Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft Examen spécial d’entrée à l’université
VI
Europäische Wirtschaftsgemeinschaft Fédération de l’éducation nationale Fonds national pour l’emploi
Fédération syndicale unitaire
Institut national de la statistique et des études économiques Instituts universitaires technologiques
Kultusministerkonferenzen
Ministère de l’Education Nationale Organisation for Economic Co-operation and Development Office public d'aménagement et de construction Les permanences d’accueil, d’information et d’orientation Répertoire national des certifications professionnelles Programme for International Student Assessment
Sciences et techniques médio-sociales
Sciences et techniques industrielles
Sections de techniciens supérieurs
Stages d’initiation à la vie professionnelle
Validation des acquis de l'expérience
Zones d’Education Prioritaire
VII
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
1 Die Verwaltungseinheiten Frankreichs 13
2 Aufbau der Verfassung von 1958 17
3 Das französische Bildungssystem 28
4 Das Berufsbildungssystem 43
5 Verteilung der Bildungsausgaben nach Sektoren 66
6 Anteil des Bildungsausgaben am Gesamthaushalt 73
7 Ausgaben pro Schüler/Studierenden 74
8 Anteil der Bevölkerung mit einem hoch qualifizierten Arbeitsplatz und Anteil der
Bev ölkerung mit einem Abschluss im Tertiärbereich 76
9 Ausbildungsanfänger/innen 2006 (in ) 87
10 Entwicklung der Schüler- und Studentenzahlen in Frankreich 91
11 Abiturientenquoten (1980-2007) 92
12 Anteil der 15-19jährigen, die sich weder in einer schulischen noch beruflichen
Ausbildung befinden oder arbeitslos sind 96
13 Situation professionnelle des jeunes sortis de formation initiale 100
VIII
TABELLENVERZEICHNIS
1 Ausbildungsniveau der Bevölkerung seit 1969 25
2 Jährliche Ausgaben für Bildungseinrichtungen pro Schüler/Studierende für alle
Leistungsbereiche (2005) 75
3 Chômage des jeunes et de l’ensemble des actifs 96
IX
1. Einleitung
Die berufliche Bildung gehört in den Staaten der Europäischen Union seit jeher zu dem Bereich, der sich vorwiegend durch nationale Konzepte, wie das duale System in Deutschland, und einem eher geringen internationalen Austausch auszeichnet. Jedes Land, in Deutschland sogar jedes Bundesland, hat sein eigene Bildungsstruktur und tut sich schwer andere Systeme zu akzeptieren. So benötigte es beispielsweise langjährige Einigungsprozesse, um nationale Bildungsabschlüsse wenigstens im Grundsatz international zu regeln und anzuerkennen.
Durch die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung der Wirtschaftsbeziehungen, insbesondere durch das Zusammenwachsen der europäischen Staaten, ergeben sich für Unternehmen neue Anforderungen und Chancen. Sie brauchen Weiterbildungskonzepte, um gegen die neuen Wettbewerber zu bestehen und um ihre Mitarbeiter auf den Einsatz im Ausland vorzubereiten. Aber warum erst bei der Weiterbildung anfangen? Sollte nicht auch die berufliche Erstausbildung schon auf die Anforderungen des europäischen Markts abzielen?
Aufgrund seiner Lage, seiner Geschichte, seiner Kultur und den vielfältigen Außenbeziehungen ist Frankreich eng mit Europa verbunden. Zusammen mit Deutschland bilden die beiden Länder die Hauptachsen der Europäischen Union. Sie sind einerseits bekannt als der "Motor" der europäischen Einigung und andererseits für ihre Zusammenarbeit im Bereich Forschung und Wissenschaft. Im Oktober 2006 haben zum Beispiel beide Regierungen beschlossen, die Kooperation auf Zukunftsbereiche wie Energie, Klimaschutz, Weltraum und digitale Wirtschaft auszuweiten. An wirtschaftlichen Indikatoren, wie beispielsweise am Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder am Bruttonationaleinkommen (BNE) gemessen, ähneln sich beide Länder und im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten bilden sie mit Skandinavien wirtschaftlich gesehen die Spitze.
Doch die Unterschiede in der Organisation der einzelnen Berufsbildungssysteme in der Europäischen Union sind enorm. Der Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich zeigt dies deutlich. So existiert in Deutschland ein duales System mit starker Einbindung der Wirtschaft und einem vergleichsweise geringen
1
schulischen Teil der Ausbildung, welcher dezentral geregelt wird. In Frankreich hingegen ist die Bildung in einem überwiegend zentralisierten System geregelt, in dem der Staat auf allen Ebenen der Berufsausbildung eine wesentlich höhere Entscheidungsbefugnis als die Unternehmen hat. Dieses folgt aus einem Misstrauen des Staates gegenüber den Unternehmen, die oft nur ihre wirtschaftlichen Einzelinteressen verfolgen.
Doch das französische Berufsbildungssystem wird aufgrund der überaus hohen Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich als besonders problematisch gesehen. Im November 2005 zündeten erst unzählige Jugendliche u. a. Autos, Schulen und Turnhalten an, um ihre Perspektivlosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Kurze Zeit später wurden verschiedene Bildungseinrichtungen von Studenten eingenommen, die dadurch die Rücknahme des Vertrages zur Ersteinstellung verlangten und schafften. Dieser Vertrag sollte u. a. eine Antwort auf die Uneinigkeiten vom November 2005 sein. Er beinhaltete eine Regelung zur Lockerung des Kündigungsschutzes für Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren, sodass Unternehmen eher bereit sein sollten junge Menschen einzustellen.
Es stellt sich also auf der einen Seite die Frage, warum ein so wirtschaftlich starkes Land solche großen Schwächen in der Berufsausbildung aufweist und auf der anderen Seite welche Stärken des französischen Bildungssystems auf Deutschland übertragbar wären. So gehören zu den französischen Reformbestrebungen bemerkenswerte Versuche, die nicht kopiert, aber verstanden werden sollten, um daraus Anregungen für die eigenen Reformbemühungen zu ziehen. Bislang wurde noch weitestgehend übersehen, dass Vergleiche der Ausbildungs- und Fortbildungssysteme sich ebenso fruchtbar erweisen wie Betriebsvergleiche in technischer und betriebswirtschaftlicher Hinsicht.
Ziel dieser Arbeit soll es also sein, die Grundzüge und neueren Entwicklungen des französischen Berufsbildungssystem darzustellen, zu verstehen und zu analysieren sowie in Bezug auf die Ziele eines Bildungssystem mit dem deutschen System zu vergleichen und mögliche Rückschlüsse zu ziehen. Außerdem sollen auch die Tendenzen und Perspektiven des Systems u. a. in Hinblick auf die europäische Integrität erörtert werden, weil diese im Zuge der fortschreitenden Globalisierung immer wichtiger wird.
2
Aufbau der Arbeit
Um dieses nicht einfache, aber wichtige Bildungssystem des Nachbarlandes zu verstehen ist es nötig seine geographischen Besonderheiten, seinen geschichtlichen Hintergrund, seine Bevölkerung und Kultur, sein politisches System und seine Volkswirtschaft in einem ersten Schritt kennenzulernen und anschließend zu erörtern. Dieses ist notwendig, da auch das Bildungssystem auf den Grundsätzen der Französischen Revolution von 1798 beruht. Anders gesagt lässt sich in der Praxis die Wirkungsweise eines Bildungssystems nicht losgelöst von jeglichen gesellschaftlichen Strukturen verstehen. Besonders in Frankreich sind die Eigenheiten des Bildungssystems eng mit bestimmten Merkmalen der französischen Gesellschaft verknüpft.
Nach Beschreibung der landeswissenschaftlichen Rahmenbedingungen sollen die Grundzüge des Bildungssystems kurz betrachtet werden. In diesem Abschnitt stellt sich die Frage, welche Ziele das System verfolgt und wie diese umgesetzt werden. Des Weiteren sollen die Stärken und Schwächen des Systems herausgestellt werden. Es soll geklärt werden, warum es zu hoher Jugendarbeitslosigkeit kommt und warum sich im Vergleich zu Deutschland nur wenige Jugendliche für eine alternierende Ausbildung, die der dualen Ausbildung ähnelt, entscheiden.
Anschließend wird das Berufsbildungssystem aus dem allgemeinem Schulsystem herausgegriffen und genauer erörtert. Hierbei wird der Fokus sowohl auf die Varietäten der beruflichen Erstausbildung als auch auf das französische Weiterbildungssystem gelegt. Der Begriff der beruflichen Bildung wird in Frankreich umfassend verstanden, sodass das französische Berufsbildungssystem auch Hochschulstudiengänge in diesen Begriff mit einschließt. Infolgedessen wird auch das Hochschulwesen unter dem Überbegriff des Berufsbildungssystems mit betrachtet. Der Trend der Vollzeitschulausbildung zieht sich auch durch das tertiäre Bildungssystem, was interessante Fragen aufwirft. Warum entscheiden sich so viele Schüler dazu eine schulische Vollzeitausbildung oder ein Hochschulstudium zu machen? Welches sind die Vor- und Nachteile dieser Ausbildungsform und mit welchen Problemen müssen sich das Tertiär- und Weiterbildungssystem auseinandersetzten?
3
Im analytischen Teil dieser Arbeit geht es um einen Vergleich des deutschen und des französischen Bildungssystems. Hier steht das weitestgehend schulische Berufsbildungssystem in Frankreich dem traditionell gewachsenen Modell der dualen Ausbildung in Deutschland gegenüber. Interessant ist es zu betrachten, welche Bildungsziele generell von einem System verfolgt werden und wie jene dies- und jenseits des Rheins umgesetzt werden. Anders gesagt soll der Vergleich zunächst auf der institutionellen Ebene und anschließend auf curricularer Ebene erfolgen. Ein direkter Vergleich von ausgewählten Ausbildungsberufen soll beispielhaft die unterschiedlichen Kompetenzen der einzelnen Berufe beleuchten.
Im letzten Kapitel dieser Arbeit sollen die Tendenzen und Perspektiven des französischen Berufsbildungssystems betrachtet werden. Hierbei erscheint es sinnvoll und notwendig zunächst die innerschulischen Herausforderungen zu erläutern und anschließend die arbeitsmarkbezogenen Anforderungen zu erörtern. Hierbei soll u. a. untersucht werden wie sich Frankreich bzgl. der europäischen Integration, die in naher Zukunft immer wichtiger wird, positioniert.
4
2. Landeswissenschaftliche Rahmenbedingungen
Ein Bildungssystem lässt sich nicht abstrakt ohne Betrachtung von gewissen Rahmenbedingungen verstehen. Vor allem in Frankreich sind die Besonderheiten und Eigenheiten des Bildungssystems eng mit bestimmten Merkmalen der französischen Gesellschaft verknüpft und laut IRIBARNE & IRIBARNE 1999 entspricht diese kaum der theoretischen Vorstellung einer „modernen“ Gesellschaft. So stoßen bildungspolitische Reformvorschläge meistens auf Widerstände und hartnäckige Ablehnung durch das französische Volk. Dieses lässt sich u. a. anhand der Geschichte erklären, die durch viele Volksaufstände geprägt ist. Anders gesagt ist ein Bildungssystem immer durch die geographischen, historischen, sozio-ökonomischen, rechtlich-organisatorischen und kulturellen Kontextbeziehungen des jeweiligen Landes gekennzeichnet. In Folge dessen werden diese Rahmenbedingungen im Folgenden erörtert.
2.1 Geographische Rahmenbedingungen
Das Vorhandensein von Bodenschätzen und einer guten Infrastruktur haben einen unmittelbaren Einfluss auf ein effizientes Bildungssystem. Denn nur wenn Unternehmen investieren und produzieren können, benötigen sie Arbeitskräfte. Des Weiteren muss das Bildungssystem auf die geographischen Besonderheiten ausgerichtet sein. Da Frankreich aufgrund seiner Geographie über zahlreiche touristische Gebiete verfügt, ist es notwenig, dass es berufsbildende Schulen gibt, die speziell auf das Hotelfach ausgerichtet sind. Hierbei handelt es sich um ein sog. Lycée hôtelier et tourisme.
Mit einer Fläche von 544.000km² ist die französische Republik vor Spanien (504.782km²), Schweden (449.964km²) und Deutschland (356.800km²) das größte Land Europas. Sie grenzt an sechs Nachbarländern, im Norden an Belgien und Luxemburg, im Osten an Deutschland und die Schweiß, im Südosten an Italien und im Südwesten an Spanien (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-15).
Die außerordentliche Landschaftsvielfalt bietet Frankreich erhebliche Vorteile. Zum einen liegt Frankreich im Westen direkt am atlantischen Ozean und im Süden am Mittelmeer, was besonders im Sommer viele Touristen anzieht und zum anderen sind das Zentralmassiv im Osten und die Pyrenäen im Süden zentrale
5
Bestandteile Frankreichs. 1 Des Weiteren bildet die französische Republik im Zentrum Europas einen Kreuzungspunkt, der sich durch ein sehr gut ausgebautes Verkehrsnetz auszeichnet. Die östlichen Regionen liegen direkt am weiträumigen Industrie- und Siedlungsgebiet von Belgien, Luxemburg und Deutschland und der Nordwesten ist nicht weit von den Industriezonen Großbritanniens entfernt. Neben den Grenzen zum Atlantik und dem Mittelmeer besitzt die französische Republik noch einen Zugang zur Nordsee und zum Ärmelkanal. Diese ausgedehnten Küsten, die sich über 5.500km erstrecken, erleichtern die Beziehungen zu Nordeuropa, den Vereinigten Staaten, Lateinamerika und Afrika (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 7).
Ebenso wie für die touristischen Küsten ist Frankreich auch für sein reichhaltiges Kulturerbe und für die vielfältigen Landschaften bekannt. Im Westen der Diagonale der Städte Bayonne bis Sedan ist das Relief mit einer Höhe von 200m relativ flach. Die südöstliche Region ist dagegen wesentlich gebirgiger. Manche Alpenketten haben sehr hohe Gipfel und sehr schmale Täler, was ein erhebliches Hindernis für das Verkehrsnetz darstellt (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 9f.).
Bezüglich der Flüsse Frankreichs sind die bekanntesten die Loire (1.012km), die Garonne (575km), die Seine (776km) und die Rhône (522km). Diese bilden wichtige Verkehrsadern und haben dementsprechend auch eine besondere Bedeutung für die industrielle und städtische Entwicklung des Landes. Auch der Rhein, der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich bildet, hat eine zentrale Bedeutung, denn er ist einer der wichtigsten Schifffahrtswege auf der Welt.
Betreffend des Bodens in Frankreich liefert dieser zwar viele Baumaterialien, wie Kies, Sand und Kalk sowie Rohstoffe, wie zum Beispiel Porzellanerde, Talk, Schwefel, Salz und Kali, aber Energiequellen und Erze sind kaum vorhanden. So decken die Erdöl- und Erdgasvorkommen weniger als 5% des französischen Bedarfs. Des Weiteren geht die Kohleproduktion ständig zurück und alle Bergwerke sind bereits geschlossen. Allerdings besitzt Frankreich relativ viele Wasserkraftwerke, wobei der Bau dieser Anlagen bereits abgeschlossen ist (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 14).
1 Schaubild: Frankreich (geographische Karte) siehe Anlage 1
6
Bezüglich des Klimas liegt Frankreich zwischen dem 41. und 52. nördlichen Breitengrad am westlichen Rand des eurasischen Kontinents und gehört somit der klimatisch gemäßigten Zone an. Das Klima in Frankreich ist besonders durch den Einfluss des Meeres besonders vielfältig. So ist im Westen zum Beispiel das Seeklima, welches sich durch regelmäßig auftretende Niederschläge, die durch die atlantischen Tiefs hervorgerufen werden, vorherrschend. Zum Landesinnern hin nimmt der Einfluss des atlantischen Ozeans ab. Im Elsass ist somit der kontinentale Einfluss, mit heißem, gewitterreichem Sommer, kälterem Winter und weniger Niederschlägen, bestimmend. Schließlich herrscht Mitterlmeerklima an der Côte d’Azur und auf Korsika, welches durch wolkenlosen Himmel, einen heißen und trockenen Sommer und einen milden Winter gekennzeichnet ist (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 9f.).
2.2 Historische Rahmenbedingungen
Bevor Frankreich durch Julius Caesar erobert wurde, bewohnten keltische Stämme, oft auch Gallier genannt, das Land. Mit der Eroberung der Römer zivilisierte sich das Land, eine erste gallo-romanische Kultur entstand, Straßen und Schulen wurden gebaut und eine gemeinsame Sprache wurde gesprochen. Dadurch, dass die Römer Schulen errichteten und die Infrastruktur des Landes verbesserten, ging die vulgärlateinische, romanische Sprache mit keltischen Substrateinflüssen 2 als Siegersprache im Konflikt zwischen der lateinischen und keltischen Sprache hervor. Damit zählt die französische Sprache heute zu den romanischen Sprachen, obwohl die Bevölkerung nicht überwiegend römischer Abstammung ist. Allerdings ist die keltische Sprache nicht ausgestorben. In der heutigen Bretagne gibt es eine Minderheitensprache, das Bréton, welches eine keltische Sprache ist und als Regionalsprache in der Bretagne unterrichtet wird (vgl. GECKELER & DIETRICH 1995, S. 139ff.).
Unter dem Frankenkaiser „Karl der Große“ bzw. „Charlemagne“ entstand das Westfränkische Reich, welches den Kern des späteren Frankreichs bildete. Einerseits konnte dieser Kern seine Grenzen ab dem 14. Jahrhundert nach
2 Ein „sprachliches Substrat“ liegt vor, wenn in einer bestimmten Region eine Sprache von einer
anderen überdeckt wird, allmählich aufgegeben wird und dabei in der siegreichen Sprache Spuren
hinterlässt (vgl. Geckeler und Dietrich 1995, S. 139ff.).
7
Nordosten, Osten und Südosten ausdehnen und anderseits gelang es den französischen Königen schrittweise eine starke Zentralgewalt zu errichten, sodass Frankreich eine Vormachtstellung in Europa erringen konnte (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-15).
Unter der Regierung von Louis XIV, dem Sonnenkönig, erreichte Frankreich im 17. Jahrhundert den Höhepunkt des Absolutismus. Jener Monarch prägte den Spruch „l’État c’est moi“ 3 und machte sich und seine höfischen Anhänger somit zu einer beinahe allmächtigen Zentralverwaltung. Die Lebensart der letztgenannten wurde zum allgemeinen Bildungsideal des gesamten europäischen Adels. Doch das französische Volk setzte sich zur Wehr und schaffte mit dem Schlachtruf „Liberté, Egalité, Fraternité“ 4 in der Französischen Revolution von 1789 die Vormachtstellung des Adels ab. Seither ist der „Sturm auf die Bastille“ vom 14. Juli 1789 der französische Nationalfeiertag. Die Zeit nach diesem Ereignis wurde geprägt durch die Terrorherrschaft der Jacobiner, die jeden, der sich gegen die Revolution stellte, ohne Prozess hinrichteten. Eine weitere Folge war, dass die Kirchen geschlossen wurden und somit der Unterricht, der bisher von der Kirche getragen wurde, abgeschafft werden musste. Diese Herrschaft hielt an bis 1804 Napoléon I. zum Kaiser gekrönt wurde. Dieser versuchte während seiner Kaiserherrschaft (1804-1815) ganz Europa einzunehmen. Er scheiterte allerdings in Russland, wurde später nach Elba verbannt und starb auf Sankt Helena (vgl. GROßE 1996, S. 330ff.).
Viele Jahre hatten die Franzosen ein positives Bild Deutschlands, welches durch die Herkunft von Goethe und Kant geprägt wurde. Doch spätestens seit dem deutsch-französischen Krieg vom 1870/71 teilte sich dieses Bild. Auf der einen Seite war Deutschland noch immer das Heimatland Goethes und Schillers, doch auf der anderen Seite sprachen die Franzosen nun von einem Bismarck, der als Feind im Eroberungsrausch gesehen wurde. Zunehmend verbreitete sich laut GROßE 1996 der Mythos einer „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich, welche nach dem deutsch-französischen Krieg durch zahlreiche Kriegsentschädigungen und vor allem den Abtritt Frankreichs von Elsaß-Lothringen verstärkt wurde. Eine Art Revanche von französischer Seite aus wurde
3 „Der Staat bin ich.“ (Anm. d. Verf.)
4 „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ (Anm. d. Verf.)
8
dann im Friedensvertrag von Versailles verfasst, der sozusagen unerfüllbare Reparationslasten auf Jahrzehnte für Deutschland enthielt (vgl. GROßE 1996, S. 341).
Nach dem zweiten Weltkrieg gab es dann erste Versöhnungsversuche der beiden Länder, bei denen General Charles de Gaulle 5 und Bundeskanzler Konrad Adenauer eine wichtige Rolle spielten. Es entstand zunehmend der Gedanke einer engen westeuropäischen Kooperation mit deutsch-französischem Kern. So schlug Adenauer am 7. März 1950 eine politische Union der beiden Länder vor, dem General de Gaulle am 16. März 1950 zustimmte. Sieben Jahre später wurden dann die Römischen Verträge durch Frankreich, die Benelux-Staaten, Italien und Deutschland unterschrieben, die später zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft führen sollten. Des Weiteren schlossen General de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer am 22. Januar 1963 in Paris den Elysée-Vertrag, den „Vertrag über deutsch-französische Zusammenarbeit“, welcher eine zentrale Rolle für viele Teilbereiche der Politik der beiden Länder hat und zugleich ihre Aussöhnung besiegelte. Die mit dem Vertrag gegründete Kooperation versteht sich als ein Beitrag zur Stärkung der deutsch-französischen Beziehungen vor dem Hintergrund der europäischen Einigung und Zusammenarbeit. (vgl. KÄSTNER 1999, S. 9 UND PLETSCH 2003, S. 334).
Zu den großen Belastungsproben Frankreichs zählten zum einen der Algerienkrieg, der erst im Jahre 1962 in den Verträgen von Evian zu Ende ging und zum anderen die Mai-Revolution von 1968. Bezüglich des Algerienkriegs musste die französische Regierung erkennen, dass dieser nicht zu gewinnen war. Seither herrscht zwischen Algerien und Frankreich ein sehr gespanntes Verhältnis. Die Mai-Revolution ging von einer Studentenrevolte in Paris aus, die zunächst gegen ein weitgehend veraltetes Bildungssystem protestierten. Allerdings entwickelte sich aus dieser Revolte eine Bewegung, die innerhalb von wenigen Tagen das ganze Land in einen revolutionsähnlichen Zustand versetzte. Dieses war nur möglich, weil sich eine starke Solidarisierung zwischen den Gewerkschaften und politischen Parteien ergab. Zwar gelang es General de Gaulle
5 Charles de Gaulle war der erste Präsident der V. Republik. Genaueres zu den französischen
Republiken und Präsidenten befindet sich in Abschnitt 2.4.2.
9
sich durchsetzten, doch als das Referendum zur Regionalpolitik am 28. April 1969 scheiterte, trat er zurück (vgl. PLETSCH 2003, S. 334).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Frankreichs Geschichte nach der Herrschaft von Louis XIV fast ausschließlich durch Revolutionen entwickelt hat. Damit lässt sich auch erklären, warum politische Willensäußerungen auch heute noch leicht revolutionäre Ausmaße annehmen. Außerdem zeigt die Geschichte, wie sich ein Volk in Notzeiten immer wieder neu gefunden hat, was das National-und Kulturbewusstsein sowie die Zusammengehörigkeit des Volkes verstärkt hat.
2.3 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
Mit einer Einwohnerzahl von 64,1 Millionen Menschen nimmt Frankreich den vierten Platz nach Deutschland, Großbritannien und Italien ein. Bezüglich der Bevölkerungsdichte belegt Frankreich mit 117,8 Einwohnern je km² nach Irland, Griechenland und Spanien wiederum den vierten Rang innerhalb der europäischen Gemeinschaft (vgl. CIA 2008).
Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte ist allerdings wenig aussagekräftig, da die französische Bevölkerung sehr ungleich verteilt ist. So lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung in der Pariser Region, die lediglich 10%, also 54.400km², des Staatsgebietes umfasst. Damit hat diese Region eine ungefähre Bevölkerungsdichte von 588,2 Einwohnern pro km². Dagegen gibt es auch andere Landstriche mit sehr dünnen Bevölkerungsdichten von ungefähr 10 bis 20 Einwohnern je km². Diese findet man oft in der Nähe der Pyrenäen bis hin zu den Ardennen, also quer durch Frankreich. An diesen Zahlen erkennt man, dass die Franzosen eher das Leben in der Stadt als auf dem Land bevorzugen. Dieses liegt u. a. an der Infrastruktur und den beruflichen Aussichten der Stadt. Besonders im französischen Staat, der vorwiegend zentral von Paris aus organisiert wird, lassen sich die großen Bevölkerungsunterschiede und die Verstädterung gut erklären. Allerdings erfolgte diese erst relativ spät verglichen mit den anderen großen Industrienationen Europas. So überstieg die Zahl der Städter erst im Jahre 1930 die Zahl der Landbevölkerung. Laut dem INSEE 6 zogen ab den 50er Jahren viele Menschen in die Städte und 1996 lebten bereits 76,4% in städtischen Regionen.
6 Institut national de la statistique et de l’économie étrangère (Anm. d. Verf.)
10
Allerdings fand in den 70er Jahren ein Umschwung statt und so wichen viele Menschen in die Vororte aus. Die größten Ballungsgebiete neben Paris sind heute Marseille (826.700 Einwohner) und Lyon (467.400 Einwohner). Die beiden letztgenannten liegen aber weit hinter der Hauptstadt, die sich bzgl. der Einwohnerzahl mit den großen Metropolen wie New York und Mexiko-Stadt vergleichen kann. Zukünftige Bevölkerungszuwachse sind in den wachstumsstärksten Regionen wie Rhône-Alpes, Languedoc-Roussillon, Provence-Alpes-Côte d’Azur, Centre und Aquitanien zu erwarten. Dagegen wird in den Regionen wie Limousin und Auvergne die Bevölkerung eher stagnieren oder zurückgehen, da es sich bei letztgenannten vorwiegend um ländliche Regionen handelt. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Verstädterung weiterhin zunehmen wird (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 30ff.).
Bezüglich der demographischen Entwicklung verlief jene in Frankreich ganz unterschiedlich. Während das Land zu Zeiten der Französischen Revolution noch mit 28 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land in Europa war, verzeichnete Frankreich im 19. Jahrhundert dagegen lange Perioden rückläufiger Geburtenraten. Dieses könnte u. a. mit der Terrorherrschaft der Jacobiner in diesem Jahrhundert begründet werden. Während also die Bevölkerung in Frankreich zwischen 1800 und 1900 nur um 40% stieg, verdoppelte oder verdreifachte sie sich in den Nachbarstaaten. Auswirkungen dieses geringen Bevölkerungszuwachses wirkten sich vor allem auf die Wirtschaft und den technischen Fortschritt des Landes aus und so lässt sich auch der Rückstand in Bezug auf die Industrialisierung erklären. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung und verzeichnete ab den 50er Jahren einen beträchtlichen Baby-Boom. 7 Jener hielt bis Ende der 70er Jahre an (vgl. KEMPF 2007, S. 362f.).
Heute steht Frankreich ein bisschen besser als die andern Industriestaaten Europas dar. Zwar hat auch Frankreich das Problem, dass die Geburtenraten immer weiter zurückgehen und die Bevölkerung immer älter wird, doch halten sich die Raten zurzeit etwa die Waage. So hat Frankreich gemäß dem CIA 2008 eine Wachstumsrate von 0,574%, eine Geburtenrate von 12,7 Promille und eine Sterblichkeitsrate von 8,48 Promille. Deutschland dagegen hat eine Geburtenrate
7 Schaubild: Bevölkerungsentwicklung zwischen 1906 und 2006 siehe Anlage 2
11
von 8,18 Promille und eine Sterblichkeitsrate von 10,8 Promille und steht somit wesentlich schlechter als sein Nachbarland dar. Allerdings profitiert Frankreich noch aus dem Baby-Boom in den 70er Jahren und es ist damit zu rechnen, dass die Geburten- und Sterblichkeitsraten in den kommenden Jahren konvergieren werden. Zweifellos werden von der Überalterung sowohl das Gesundheitswesen in Hinblick auf die Kostenentwicklung als auch der Generationenvertrag stark betroffen sein. Heute müssen in Frankreich 2,03 Erwerbstätige den Ruhestand einer Person finanzieren. Bis zum Jahre 2010 wird sich dieses Verhältnis noch auf 1,41:1 verschlechtern (vgl. KEMPF 2007, S. 363).
Ein negatives Verhältnis der Geburten- und Sterblichkeitsrate sollte durch Einwanderer anderer Staaten kompensiert werden. Die Einwanderung nahm vor allem am Ende der 50er Jahre erheblich zu. Aufgrund einer Hochkonjunktur brauchte Frankreich auch viele Gastarbeiter. Zunächst kamen diese aus Italien, Spanien, Portugal und Nordafrika. Doch nach Abschwung der Konjunktur stieg die Arbeitslosigkeit und so mussten politische Maßnahmen ergriffen werden, um die äußerst starke Einwanderung zu stoppen. So nimmt Frankreich bis heute kaum mehr Gastarbeiter auf. Bei den Migranten handelt es sich in der jetzigen Epoche vor allem um Einwanderer aus Osteuropa, Lateinamerika, Russland und Nordafrika. Wie auch die anderen Länder der Europäischen Union, ist auch Frankeich stark von der illegalen Einwanderung betroffen, die logischerweise kaum zu erfassen ist. Schätzungen variieren sie zwischen 300.000 und 1 Million Menschen (vgl. KEMPF 2007, S. 367).
Bezüglich der Religion sind in Frankreich ca. 80% der Menschen katholisch, 4% moslemisch, 1% protestantisch und 1% jüdisch. Des Weiteren geben rund 14% an, dass sie keiner Glaubensrichtung angehören. Außerdem gibt es viele sprachliche Minderheiten, wie die Basken, Bretonen, Elsässer, Flamen, Katalanen oder Okzitanien. Diese Sprachen wurden von der zentralistischen Politik jahrelang nicht akzeptiert und mit Hilfe der Schulpolitik sollten diese Sprachen sogar ganz unterdrückt werden und nur nach das „richtige Französisch“ gesprochen werden. Heute genießen einige Minderheitensprachen in bestimmten Regionen einen Sonderstatus und werden auch in den jeweiligen Schulen unterrichtet (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-14ff.).
12
2.4 Politische Rahmenbedingungen
Nach Betrachtung der geographischen, historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflussen auch die administrativen Strukturen und das politische System die Entwicklung des Berufsbildungssystems. So sind die Regionen beispielsweise heute für die Lehrlingsausbildung und die beruflichen Weiterbildung verantwortlich. Zunächst werden die administrativen Strukturen und anschließend das politische System erörtert.
2.4.1 Administrative Strukturen
Die französische Gebietsverwaltung besteht aus drei Ebenen, nämlich den Gemeinden, den Départements und den Regionen, die sowohl Verwaltungsbezirke des Staates als auch dezentralisierte Gebietskörperschaften sind. Folgende Abbildung zeigt die 21 Regionen und die 96 Départements des Mutterlandes. 8
Abbildung 1: Die Verwaltungseinheiten Frankreichs, Quelle: KEMPF 2007, S. 12
8 Wirtschaftliche Kennzahlen der Regionen siehe Anlage 3.
13
Aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit gehören neben dem französischen Mutterland noch die Überseegebiete, die vier Départements d’Outre Mer, kurz DOM (Guadeloupe, Martinique, Guyane und La Réunion) und die drei Territoires d’Outre Mer, kurz TOM (Mayotte, Staint-Pierre-et-Miquelon und Wallis-et-Futuna) zum französischen Staatsgebiet. Sie umfassen noch einmal rund zwei Millionen Einwohner. Die TOM unterscheiden sich von den DOM vor allem durch eine größere Autonomie in der Selbstverwaltung, der Regierungsform sowie in der Bewahrung kulturellen Traditionen. Neben diesen besonderen Départements gibt es auch im französischen Mutterland Gebietskörperschaften mit Sonderstatus, wie Paris, Marseille und Lyon sowie die Insel Korsika (vgl. KEMPF 2007, S. 322).
Mit der Französischen Revolution wurden bereits die Gemeinden eingeführt, die die Grundlage der französischen Verwaltungsorganisation bilden. Insgesamt gibt es davon über 37.000. Infolgedessen sah sich der Staat veranlasst, die einzelnen Gemeinden zu Städtegemeinschaften und Gemeindezweckverbände zusammenzufassen. Wie das Département und die Region verfügt auch die Gemeinde über ein beschließendes Organ, den Gemeinderat (Conseil municipal) und den Bürgermeister (Maître), welcher wiederum vom Gemeinderat gewählt wird. Die Aufgaben des Gemeinderats umfassen u. a. die Verteilung des Haushaltsbudgets für Schulgebäude und -anlagen der Primastufe als auch die Regelungen über die Arbeitsweise der öffentlichen Verwaltung. Anschließend werden die Beschlüsse des Gemeinderats vom Bürgermeister umgesetzt, welcher auch vor allem für die öffentliche Sicherheit verantwortlich ist. Des Weiteren unterstützt die Gemeinde Betriebe hinsichtlich der Arbeitsplatzbeschaffung. Damit ist die Gemeinde also einerseits zu einem wichtigen Partner bei der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und andererseits ein aktiver Faktor bei der wirtschaftlichen Umstrukturierung und Entwicklung neuer Wirtschaftstätigkeiten geworden (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 71ff.).
Neben den vier Überseedépartements gibt es im Mutterland noch 96 weitere Départements, die überwiegend für das Gesundheits- und Sozialwesen, die Infrastruktur sowie für die Investitions- und Betriebsausgaben der Collèges 9
9 Sekundarschulen für alle Schulpflichtigen; vergleichbar mit der deutschen Sekundarstufe I (Anm.
d. Verf.)
14
zuständig sind. Des Weiteren unterstützt es die schwachen Kommune in ländlichen Gebieten bei ihrer Infrastrukturentwicklung, wie z. B. durch Wasser-und Elektrizitätsversorgung. Besonders im ländlichen Raum ist die administrative Ebene des Departements sehr wichtig, um die unterschiedlichen Strukturschwächen der Gemeinden auszugleichen. In Ballungsgebieten dagegen nehmen die Bürger die Arbeit der Départementverwaltung kaum mehr wahr. Trotzdem bildet sie die zentrale Rolle zwischen der zentralstaatlichen und kommunalen Ebene. Genauso wie die Gemeinden hat auch ein Département einen Rat (Conseil général), der seit 1848 für jeweils sechs Jahre in zwei Wahlgängen nach der Mehrheitswahl bestimmt wird. Im Rat überwiegen allerdings deutlich die konservativen Kräfte, was die Entscheidungen des Rats oft sehr einseitig gestaltet. Trotzdem kann sich diese Gebietskörperschaft als großer Gewinner der Dezentralisierung von 1983 sehen, da der Départementsratsvorsitzende (Président du Conseil général) den Präfekten an der Spitze der Executive abgelöst hat und zum wichtigsten politischen Akteur im Départment geworden ist (vgl. SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 124f.).
Frankreich besteht des Weiteren aus insgesamt 26 Regionen, 21 im Mutterland, vier in Überseegebieten und die Insel Korsika. Die Regionen sind zugleich die jüngsten und schwächsten der lokalen Gebietskörperschaften Frankreichs, das sich u. a. aufgrund des Personalstands herleiten lässt. So hatte im Jahr 2003 der Zentralstaat ungefähr 2,53 Mio. Beschäftigte, die Gemeinden 1,36 Millionen, die Départments etwa 275.000 und auf regionaler Ebene wurden lediglich 12.500 Beschäftigte gezählt. Die Regionen wurden 1955 im Rahmen der Raumordnungspolitik geschaffen und erhielten 1982 letztendlich den Status einer Gebietskörperschaft. Das beschließende Organ ist der Regionalrat (Conseil régional), dessen Mitglieder für sechs Jahre gewählt und von einem regionalen Wirtschafts- und Sozialausschuss unterstützt werden. Letztgenannte besteht aus Vertretern der Unternehmerschaft, der freien Berufe, der Gewerkschafts- und Arbeitnehmerorganisation und der regionalen Vereinigungen.
Eine Region umfasst heute zwei bis acht Departements und kümmert sich vorwiegend um die Wirtschaftsplanung, die Raumordnung und die Wirtschaftsförderung. Im Bildungsbereich wurden den Regionen in der ersten Phase der Dezentralisierung Kompetenzen im Bereich der Berufsbildung, der Lehrlings-
15
ausbildung und der beruflichen Weiterbildung übertragen, die in der zweiten Phase noch ausgeweitet wurden und die jetzt eigenständig und nicht mehr in geteilter Verantwortung mit dem Staat ausgeübt werden müssen. Auch sind es die Regionen, die sich um den Bau und Unterhalt der Lycées 10 kümmern. Allerdings sind sie nicht für das pädagogische Personal und die Curricula zuständig. Diese werden nach wie vor von der Zentralregierung konsultiert, die sich auch um die Hochschulen kümmert. Beteiligungen der Regionen an dieser Planung sind allerdings auch möglich. Trotzdem muss festgehalten werden, dass trotz der Dezentralisierungsgesetze die Befugnisse der Gebietskörperschaften weitgehend auf den Bau und Unterhalt der Bildungsstätten beschränken. (vgl. SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 126ff. und KEMPF 2007, S. 393).
2.4.2 Das politische System
In seiner Vergangenheit durchlief Frankreich verschiedene politische Systeme, die jeweils auch Europa mehr oder weniger stark beeinflusst haben. Nach der Französischen Revolution von 1789 folgten die I. Republik (1792-1804) und die II. Republik (1848-1852). Beide waren aber nur von kurzer Dauer, da die „richtige“ Staatsform für Frankreich noch nicht gefunden war. Deshalb folgten nach den ersten beiden Republiken im 19. Jahrhundert noch einmal drei Könige und zwei Kaiser. Schließlich setzte sich mit der III. Republik (1870-1940) endgültig das republikanische Regime durch. Die IV. Republik erlebte anschließend 25 verschiedene Regierungen in zwölf Jahren. Trotzdem war man immer noch vom republikanischen Regime überzeugt und so kam General de Gaulle im Mai 1958 an die Macht zurück und wurde im Dezember 1958 der erste Präsident der V. Republik, die zuvor, am 28. September 1958, durch eine Volksabstimmung angenommen wurde (vgl. MÉNUDIER 2004, S. 131). Durch das Mehrheitswahlrecht kann das Volk nun unmittelbar die Abgeordneten der Nationalversammlung 11 (Assemblée Nationale) in zwei Wahlgängen wählen. Dagegen kann der Senat, die zweite Kammer, nur mittelbar vom Volk gewählt werden. Das Assemblée Nationale ist die wichtigere der beiden Instanzen, da nur
10 Die französichen Lycées entsprechen ungefähr der deutschen gymnasialen Oberstufe (Anm. d.
Verf.)
11 Es handelt sich um 577 Abgeordnete, davon 22 aus den Überseegebieten.
16
sie die Regierung stürzen kann. Verglichen mit dem deutschen Bundestag, hat die französische Nationalversammlung allerdings weniger Entscheidungsbefugnis. Dieses kann auf die instabilen Verhältnisse der IV. Republik zurückgeführt werden, da die ständig wechselten Mehrheiten oft das Parlament blockiert haben und somit eine kontinuierliche Regierungsarbeit nicht möglich war (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-16). Den Aufbau der Verfassung zeigt folgende Graphik.
Abbildung 2: Aufbau der Verfassung von 1958, Quelle: MINISTÈRE MINISTÈRE DES AFFAIRES
Arbeit zitieren:
Dipl. Hdl. M. A. Juliane Müller, 2009, Neuere Entwicklungen im französischen Berufsbildungssystem, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Juliane Müller's Text Neuere Entwicklungen im französischen Berufsbildungssystem ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Juliane Müller hat den Text Neuere Entwicklungen im französischen Berufsbildungssystem veröffentlicht
Juliane Müller hat einen neuen Text hochgeladen
Neuere Entwicklungen im Hochschulverfassungs- und Hochschulrecht
Neue Handlungsspielräume für d...
Georg Sandberger
Neue Entwicklungen in der Förderdiagnostik
Grundlagen und praktische Umse...
Wolfgang Mutzeck, Peter Jogschies
Neuere Entwicklungen in der Beziehungs- und Familienforschung
Vorstudien zum Beziehungs- und...
Michael Feldhaus, Johannes J. Huinink
0 Kommentare