Hauptseminar: Das Böse in der Literatur SS 2002
Philologische Fakultät
„Ein kleiner schlechter Geruch, etwas Schwefel, etwas Hölle“
Von Ekel und Geschlechtlichkeit in Kafkas “Verwandlung“
Stephanie Lorenz
Gliederung
1. Vorbetrachtung 3
2. Onanie 4
3. Eheliche Sexualität und der Ekel davor 6
4. Inzestwünsche und Kindlichkeit 8
5. Macht und Gewalt 10
6. Der Essensrausch 13
7. Der (freiwillige?) Hungertod 15
8. Schlussbetrachtung 16
9. Literaturliste 19
1. Vorbetrachtung
Franz Kafka war ein Perverser. So oder ähnlich würde eine schnell herbeigeführte Meinung von Lesern lauten, die erstmalig Sexualität in Kafkas Werken entdecken. Und in der Tat ist der Bogen schnell vom misshandeltem Kind zum sexuell gestörten Autor geschlagen, wenn man den dünn gesäten Auskünften psychoanalytischer Texte Glauben schenkt. Gerade deswegen verführt diese überhastete These oftmals zu oberflächlichen Deutungen, die dann noch anhand biografischer Details unterlegt werden. Der „Brief an den Vater“ ist hierzu ein überaus beliebter Beweis. Doch Vorsicht ist geboten! Es wird zu beweisen sein, dass Kafkas „Verwandlung“ kein bloßes Abbild seiner Biografie darstellt, sogar viel mehr in sich birgt, wenn das Nichtgesagte zwischen den Zeilen erkannt wird.
Nur wenige Interpreten begaben sich auf neue Wege, indem sie die Geschlechtlichkeit in Kafkas Werken untersuchten. Der Autor Frank Möbus sei als einer genannt, der ungeachtet traditioneller Interpretationen (Vater- Sohn- Konflikt), besonders den Aspekt der Sexualität in der „Verwandlung“ herausstellt. Daneben existiert der Ekel, als ständiger Begleiter Kafkas, und ist damit unweigerlich mit der Sexualität verknüpft, so dass beide niemals getrennt betrachtet werden dürfen. Winfried Menninghaus ist diesbezüglich der zweite „forsche“ Autor, der an dieser Stelle genannt werden muss.
Die Untersuchung der Motive Geschlechtlichkeit und Ekel in der „Verwandlung“ soll jedoch nicht dazu führen, die Intention des Autors beim Schreiben der Erzählung völlig auf diese beiden zu reduzieren. Es wäre falsch Franz Kafka zu unterstellen, die Novelle als perversen Erguss benutzt zu haben. Folglich sind diese Motive nur zusätzliche Hinweise bei einer Interpretation der „Verwandlung“.
2. Onanie
Gregor Samsa erwacht eines Morgens aus unruhigen Träumen. Er ist wundersam verwandelt, aber seine Umwelt, Menschen und Arbeitsbedingungen sind gleichgeblieben. Er ist ein Käfer, was er zunächst für reine Einbildung hält, und noch kann ihn das nicht schocken. In der festen Überzeugung, die anstrengende Arbeit, das schlechte Essen und die Reiserei verursachen sein „Unwohlsein“1 betrachtet und entdeckt er seinen andersartigen Körper. „ Mit welcher Kraft er sich auch auf diese rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann [...] er fühlte ein leichtes Jucken oben auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam näher zum Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand die juckende Stelle, die mit lauter kleinen weißen Pünktchen besetzt war, die er nicht zu beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber gleich zurück, denn bei der Berührung umwehte ihn ein Kälteschauer. Er glitt wieder in seine frühere Lage zurück.“2
Was der Leser der „Verwandlung“ hier erfährt, muss ihn stutzen lassen. Welcher Käfer besitzt solch` außergewöhnliche Anatomie, die durch halbförmige Versteifungen die Decke schweben lässt? Und zudem, in welchem Insektenhandbuch existieren Käfer mit runden weißbefleckten Bäuchen? Die Szene schreit vor Komik und ist deshalb eine perfekte Tarnung Kafkas, das menschlichste „Vergehen“ eines Jeden in das Werk einfließen zu lassen. Die Onanie, so Frank Möbus, ist an dieser Stelle schlicht unübersehbar. Einzig und allein die Intention des Autors steht hier zur Frage. Zu Kafkas Lebzeiten galt die Onanie als eine Krankheit und wurde deshalb als Wahn verstanden. Siegmund Freud beschrieb diesen Vorgang als einen durch neurotische Störungen verursachten Drang, von dem häufig Käfer (!) und Schmetterlinge betroffen sind. Ist es möglich, dass Gregor sich in das primitivste Wesen verwandelt hat, welches frei von jeglicher Verantwortung für sich selbst und der Umwelt seinen Trieben nachgeben kann? Die Parallelen zu einem Werk Dostojewskis könnten diese These bestätigen. Stellt Mitja in „Die Brüder Karamasow“ gleich mehrmals die Frage, ob er eine Wanze sei, wenn die Wollust ihn übermannt, so ist die Verwandtschaft zu Kafkas Käfer unübersehbar. Zudem betonte der Autor selbst seine Blutsverwandtschaft mit Dostojewski. Es ist unwahrscheinlich, dass dem „Vielleser“ Kafka jene prägnanten Stellen seines Lieblingsautors nicht auffielen. Auch verbreitete sich zu jener Zeit ein für die Gesellschaft skandalträchtiges Werk namens „Die Venus im Pelz“ von Sacher- Masoch, in dem die Erotik einer Dame im Pelz im Vordergrund steht. Gregor besitzt ein solches Bild. Aus einer Illustrierten ausgeschnitten, hängt es umrahmt an der Wand seines Zimmers. Er verteidigt es tapfer, als es ihm durch Mutter und Schwester genommen werden soll.
[....]
1 Vgl. Möbus, F.: Sünden- Fälle. Die Geschlechtlichkeit in Erzählungen Franz Kafkas. Göttingen 1999. S. 52
2 Vgl. Kafka, F.: Die Verwandlung. Hrsg: Reclam. Stuttgart 1995. S. 6
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Stephanie Lorenz, 2002, "Ein kleiner schlechter Geruch, etwas Schwefel, etwas Hölle", Munich, GRIN Publishing GmbH
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