Lehramt Gymnasium Geschichte/Deutsch
Hauptseminar SS 2002 „ Die Profession des Lehrers“
Die Professionalisierung der Volkschullehrer.
Das Professionsmerkmal Autonomie.
Stephanie Lorenz
Inhalt
1. Vorwort 3
2. Der politische „Knigge“ für Volksschullehrer 4
3. Das Kontrollorgan Geistlichkeit 5
4. Verlust des Ichs durch Ausgrenzung 8
5. Hemmfaktoren der Professionalisierung 10
6. Emanzipationsbewegungen der Elementarlehrer 12
7. Abriss zur Volksschullehrerbildung nach 1945 ..13
8. Zur Frage der Autonomie 15
9. Schlussbetrachtung 18
10. Literaturliste 19
1. Vorwort
Die Diskussionen zur Autonomie von Lehrern gestalten sich durchaus kontrovers. Es ist noch heute nicht eindeutig geklärt, ob Lehrer eine vollständig autonome Stellung einnehmen oder sich in einer Zwischenstellung befinden. Als eines der wichtigsten Merkmale der Professionalisierung gilt die Autonomie. Sie ist ein entscheidender Faktor bei der erfolgreichen Entstehung professioneller Berufe. Dabei muss die Differenzierung der Lehrertypen beachtet werden, denn die Befugnis zur selbständigen Regelung der eigenen rechtlichen und sozialen Verhältnisse blieb Volkschullehrern lange Zeit verwehrt. Gleichzeitig stellt sich überhaupt die Frage, ob einzelne Lehrerstände von heute autonome Felder verwalten. Daher bleibt es unabdingbar, die jeweiligen Professionalisierungen der Lehrertypen voneinander zu trennen. Vorausnehmend, dass Volksschullehrer als gänzlich unautonom galten, sind dennoch wichtige Emanzipationsbestrebungen im historischen Prozess zu verfolgen. Ohne Zweifel blicken Hauptschullehrer auf eine weitaus komplexere Berufsentwicklung zurück. Primär lagen die Gründe dafür in gesellschaftlichen und politischen Prozessen, die mehr oder minder Entwicklungen im Schulsystem bedingten, gegebenenfalls hemmten. Die Forschung setzt hierzu in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts an. Nicht zuletzt durch starke Interessengruppen, die den Professionalisierungsprozess vorantrieben, gelang schließlich die Durchsetzung des pädagogischen Berufes - Volksschullehrer. Kaum eine Berufsgruppe war so vielfältig politisch und gesellschaftlich betroffen. Durch zahlreiche Einflüsse aus Politik und Ökonomie waren die deutschen Lehrer ständig gezwungen, ihre Stellung neu zu überprüfen oder gar zu korrigieren. Vor allem der schnelle soziale Wandel der Gesellschaft wurde prägend für die Professionalisierung der Volksschullehrer. Unter dem Druck des herrschaftlichen Staatsapparates und der daraus resultierenden Schulentwicklung agierten die Elementarlehrer als Menschen zweiter Klasse. Niederes Sozialprestige, schlechte Arbeitsbedingungen, fehlende Anerkennung in der Gesellschaft und soziale Notlagen beklagten nahezu alle deutschen Volkschullehrer. Jene Probleme beeinflussten zwangsläufig die Professionalisierung und brachten den einfachen Lehrer mitunter an den Rand der Gesellschaft. Schon von Anbeginn ihrer Ausbildung unterstanden sie fortwährend einer Obrigkeit. Ihre politische und soziale Unmündigkeit zeichnete den niederen Status ihresgleichen aus. Die Fragestellung nach der Autonomie des Volkschullehrerstandes führt daher über die Sozialgeschichte, über politische Orientierungen, Zielsetzungen, Interessenverbände, politisches Engagement und Fortbildungschancen.
2. Der politische „Knigge“ für Volksschullehrer
1894 offerierte Fürst Otto von Bismarck vor Lüneburger Seminaristen1 seine Theorien über die Aufgaben von Volksschullehrern. In seinen Ausführungen bestärkte er die Annahme der Regierung, diese „Vielleserei“ der Elementarlehrer führe zu oppositionellen Kräften innerhalb der Gesellschaft. Auf das Schärfste verurteilte der frühere Reichskanzler den durch allmählichen Fortschritt in der Lehrerbildung aufkommenden Ehrgeiz nach Wissen. Das herrschaftliche Gefüge befürchtete zurecht die langsam fortschreitende Emanzipierung der bis dahin kaum beachteten Volksschullehrer. Der gängige Terminus dieser Zeit hieß „Schulzucht“ und sollte auf keinen Fall durch „überstudierte“ Lehrer außer Kraft gesetzt werden. Laut Bismarck vertrete ausnahmslos jeder Volksschullehrer den kaiserlichen Staat, welcher seine machtpolitischen Interessen stets „von oben“ diktierte. Eiserne Disziplin und Gehorsam der Schüler waren die Prämissen der Obrigkeit. Die Gesellschaft, bestehend aus gefügigen Arbeitern und Bauern, dem Wohle des Staates dienend, geprägt und erzogen von der Hand des getreuen Staatsdieners- der Volksschullehrer.
Das Wesen und das Können eines allgemeinen Elementarlehrers war demnach vordirigiert. Die Grenzen wurden vom Staat deutlich gezogen. Der Berufsweg eines Volksschullehrers war ein Müßiggang. Meist selbst vom Lande stammend, litten sie unter den harten Lebens- und Arbeitsbedingungen. Vor dem frühen 19. Jahrhundert galt der Beruf noch nicht einmal als hauptamtlich2, so dass sich die Bewerber aus den unterschiedlichsten Berufszweigen uniformierten. Unter Minimalanforderungen unterzogen sich Schuster, Weber, Schneider, Kesselflicker, invalide Unteroffiziere etc. einer Prüfung, die im General- Landschul- Reglement fixiert war. Die zentrale Bedingung für eine Einstellung als Landlehrer blieb wieder im Sinne der Obrigkeit.
[....]
1 Vgl. Titze, H.: Lehrerausbildung und Professionalisierung, S. 360
2 Vgl: Bölling, R.: Sozialgeschichte der deutschen Lehrer, S.45
Arbeit zitieren:
Stephanie Lorenz, 2001, Die Professionalisierung der Volksschullehrer, München, GRIN Verlag GmbH
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