FU Berlin
Institut für Theaterwissenschaft
Seminar für Filmwissenschaft
Hauptseminar S 17 607 "Filmkomödie"
WS 1999/2000
Seinfeld - The Show about Nothing
Zum Umgang mit ethnischem Humor
in der jüdischen Sitcom "Seinfeld"
von
Tillmann Allmer
Inhalt:
1. Einleitung
2. Definition Sitcom
2.1. Serial - Series
2.2. Narration und Handlungsorte der Sitcom
2.3. Actcom - Domcom - Dramedy
3. Zu Seinfeld
3.1. Zur Figurenkonstellation in Seinfeld
3.1.2. Schlemiel - Schlimazl
3.2. Wertezerfall oder Wertewandel?
3.3. Tendenzen des jüdischen Humor in Seinfeld
3.4. Probleme der jüdischen Assimilation anhand der Räumlichkeit in Seinfeld
4. Ethnizität in der amerikanischen Filmkomödie
4.1. Ethnizität und amerikanische Identität
4.2. Subversion von "amerikanischer Identität"
5. Schlussbetrachtung
Literatur
1. Einleitung
In dieser Arbeit untersuche ich die amerikanische Fernsehserie Seinfeld unter Aspekten der Rolle von ethnischem Humor. Beim zufälligen Sehen der Episode "Die Yada Yada-Sache", während der Referatsvorbereitung zum Hauptseminar "Filmkomödie" im Wintersemester 1999/2000 ist mir ein besonderer Fall von ethnischem Rollenspiel und jüdischem Humor aufgefallen: Ein Zahnarzt möchte zum Judentum konvertieren, um jüdische Witze erzählen zu können. Die amerikanisch-jüdische Hauptfigur Jerry Seinfeld fühlt sich beleidigt und beginnt seinerseits Zahnarztwitze zu erzählen, woraufhin er von seinen Freunden als Zahnarzthasser gebrandmarkt wird. Dieser spielerische, komische Umgang mit Judentum und ethnischen Motiven zieht sich durch diverse Folgen der Serie und erinnert an Traditionen des amerikanisch-jüdischen und ethnischen Humors in Filmkomödien. Meine These ist, dass in Seinfeld der Umgang mit ethnischen Themen und kultureller Identität parodistisch angelegt ist und es zu einer Transformation der Repräsentationen von "Ethnizität" und "amerikanischer Kultur" kommt, wobei eine Neubewertung von Problemen der Assimilation und dadurch resultierende Entfremdung deutlich wird. Anders als in einer Mehrzahl von amerikanischen Sitcoms, werden in Seinfeld ethnische Unterschiede nicht in im Hinblick auf den Traum einer perfekten Assimilation organisiert, sondern vielmehr wird das "Amerikanisch-Seins" dekonstruiert.
Um mich Seinfeld zu nähern, enge ich im ersten Teil der Arbeit zunächst das Genre der Sitcom in Abgrenzung zur Soap-Opera ein und gehe auf die der Sitcom zugrundeliegenden Narrationsmuster ein. In der Analyse zu Seinfeld dient mir die Untersuchung der Figurenkonstellationen, um Tendenzen des jüdischen Humors in der Serie zu benennen. Es fällt auf, dass es auf unterschiedlichen Ebenen zu Brüchen in den Figuren und ein für Sitcoms besonderer Umgang mit Handlungsorten zu erkennen ist, was mich weiter auf die Bedeutung von ethnischem Humor in amerikanischen Filmkomödien und in Seinfeld kommen lässt.
2. Definition Sitcom
Im amerikanischen Fernsehen haben sich die zwei narrativen Seriengenres, soap operas und sitcoms, als besonders populär erwiesen. Die Begriffe serial und series sind eng mit diesen beiden Genres verknüpft. Der Begriff sitcom leitet sich von situation comedy - Situationskomödie - ab. Nach Neale und Krutnik (1990) wird damit eine narrative Komödienserie beschrieben, die zwischen 24 und 30 Minuten lang ist, mit klar bestimmten Charakteren und Spielorten. Sie sitcom ist eine Untergattung der episodischen Serie (series), in der pro Episode die Narration abgeschlossen wird, im Unterschied zur fortlaufenden Serie (serial), in der die Handlung über mehrere Episoden hinweg erzählt wird. Beim serial sieht sich der Zuschauer meist gezwungen, jede Folge zu sehen, damit er den Anschluss an die Handlung behält. Die series kann auch mit Unterbrechungen rezipiert werden, da sich die Handlungsstränge nicht über mehrere Folgen hinweg fortsetzen. Durch immer gleiche Figuren und Handlungsorte findet eine schnelle Wiedererkennung statt, trotzdem kann es sein, dass bestimmte Details in der Charakterführung, oder bestimmte komische Situationen erst verstanden werden können, wenn der Zuschauer ein sicheres Wissen über die Figuren und ihre Handlungsmotivationen gelernt hat. Im Unterschied zum serial, in dem die Fortführung des Plot im Vordergrund steht, ist dieses Wissen in der series aber nicht primär an einer bestimmten Handlung orientiert, sondern zieht sich durch die gesamte Serie und wird fortlaufend variiert und zitiert.
Narrative Serienprogramme haben sich zunächst im frühen Radio und daraus folgend im amerikanischen Fernsehen durchgesetzt. Aus ökonomischen Interessen sollte ein fester Zuschauerstamm an das Programm gebunden werden, was durch die sich wiederholende Erzählstruktur von Serienprogrammen ermöglicht wurde. Umberto Eco schreibt allgemein zum Narrationsschema der Serie:
“In der Serie glaubt der Konsument, sich an der Neuheit der Geschichte zu erfreuen, während er faktisch die Wiederkehr eines konstanten narrativen Schemas geniesst und sich freut, bekannte Personen wiederzufinden, mit ihren charakteristischen Tricks, ihren feststehenden Redeweisen, ihren immergleichen Techniken zur Lösung der Probleme... In diesem Sinne entspricht die Serie dem infantilen, aber darum nicht krankhaften Bedürfnis, immer wieder dieselbe Geschichte zu hören, Trost zu finden an der (oberflächig maskierten) Wiederkehr des Immergleichen.” 1
[...]
1 Eco, Umberto: “ Die Innovation des Seriellen”, In: Eco, U.: “Über Spiegel und andere Phänomene”, München 1991, S.160.
Quote paper:
Tillmann Allmer, 2000, SEINFELD - THE SHOW ABOUT NOTHING, Munich, GRIN Publishing GmbH
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