Körper von Gewicht in Pedro Almodóvars
′Tacones lejanos′
Hausarbeit im Rahmen des Hauptseminars ′Körperkonzepte′
SS 2001
Humboldt-Universität zu Berlin,
Institut für Theaterwissenschaften
Ulrike Decker
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S. 3
2. Körper von Gewicht S. 5
3. Pedro Almodóvar: Tacones lejanos S. 8
3.1 Attribute des Weiblichen S. 11
3.2 Männlichkeit als Maske S. 16
3.3 Ambiguität als Befreiung S. 19
4. Schluss S. 23
Bibliographie S. 25
1. Einleitung
Die folgende Arbeit betrachtet den Film Tacones lejanos des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar unter Verwendung der Gender-Theorie Judith Butlers. Auf den ersten Blick scheinen die Theoretikerin und der Regisseur nicht viel gemeinsam zu haben und es ist wohl auch nicht anzunehmen, dass die Werke beider in direkter Beziehung zueinander stehen, doch lassen sich bei genauerem Hinsehen Parallelen entdecken, die es interessant erscheinen lassen, Butlers Theorien auf das Werk Almodóvars zu beziehen. Almodóvar und Butler gehören in etwa der gleichen Generation an und beide verfügen über eine grosse Sensibilität, die es ihnen ermöglicht, Strömungen ihrer Zeit aufzunehmen und diese in ihren Werken auf besondere Weise ans Licht zu bringen und zu thematisieren. Bei beiden lässt sich ein grosses Interesse an geschlechtlichen Zuschreibungen erkennen. Während Judith Butler die theoretischen Grundlagen für das Verständnis der Konstruktion von Geschlecht schafft, spielt Almodóvar in seinen Filmen mit traditionellen Normen und schafft Charaktere und Umstände, die mit den etablierten Gesetzen brechen, sie hinterfragen und parodieren. In den Filmen des Spaniers ist der Einfluss von Künstlern der Amerikanischen Avantgarde unübersehbar. Insbesondere John Waters und Andy Warholl werden häufig in Bildgestaltung, Handlung und Gestaltung der Charaktere zitiert. Ihr Interesse an den Filmen John Waters, dessen Film Butler in ihrem Buch Körper von Gewicht analysiert, verbindet sie mit Pedro Almodóvar, dessen Charaktere oft Watersche Züge tragen. Eine merkwürdige Gleichzeitigkeit lässt sich zwischen den Werken der Theoretikerin und denen des Regisseurs feststellen: Almodóvars Film La ley del deseo wurde zum ersten Mal 1986 gezeigt. Ein Jahr später erschien Butlers erstens theoretisches Werk Subjects of desire, dessen Titel dem des Films sehr ähnelt. Der Film Tacones lejanos, der im Zentrum der folgenden Analyse steht, entstand 1991, ein Jahr nach der Erscheinung von Gender trouble, Butlers zweitem Werk, in dem sie die Konstruiertheit des Geschlechts thematisiert.
In Almodovars Werk liegen butlersche Ansätze auf der Hand. Wenn auch nicht angenommen werden kann, dass A. sich je mit Butlers Theorien beschaeftigte. Vielmehr ist die Gleichzeitigkeit ein Indiz für die Wirkung kultureller Strömungen, die das kulturelle Schaffen einer Epoche grundlegend beeinflussen. Sowohl Butler als auch Almodóvar reagieren in ihren Werken sensibel auf die Anliegen, Entwicklungs- und Denkmöglichkeiten ihrer Epoche und öffnen auf unterschiedliche Weise den Horizont ihrer Leser bzw. Zuschauer für die Freiheit des menschlichen Geistes.
2. Körper von Gewicht
Judith Butler entwickelt ihre Theorie aus der These, das biologische Geschlecht sei keine unveränderliche, naturgegebene Tatsache, sondern Teil einer „regulierenden Praxis, die die Körper herstellt, die sie beherrscht. „1. Mit anderen Worten: sexuelle Differenz ist nie einfach nur Funktion materieller Unterschiede, sondern immer in irgendeiner Weise von gesellschaftlichen Diskursen geprägt.
Um ihre These zu unterstreichen und Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, dekonstruiert Butler in ihrem 1993 erschienenen Werk Bodies That Matter zunaechst das Konzept von Natur und Kultur, das der Festschreibung der Geschlechtsidentitaeten Frau / Mann zugrunde liegt und löst sich von der Dichotomie, die den Begriff sex mit dem biologisch grundgelegten Geschlecht und gen der mit der gesellschaftlich geformten Geschlechtsidentität gleichsetzt. Das anatomische Geschlecht, das im Allgemeinen als unverrücktbar, eindeutig und naturgegeben betrachtet wird, ist bereits Teil des Diskurses. Butler argumentiert: „[...] dass jeder Rekurs auf den Körper vor dem Symbolischen nur im Symbolischen stattfinden kann, was anscheinend impliziert, dass es keinen Körper vor seiner Markierung gibt.“2
Ein rein biologischer Körper, ohne soziale Zuweisungen ist lediglich im vorsprachlichen Bereich zu denken und somit Fiktion. Einen Körper, ohne seine geschichtlichen Zuweisungen unvoreingenommen zu sehen ist praktisch nicht möglich. Butler leugnet nicht, wie oft kritisiert, die Materie des Körpers. Sie zeigt jedoch auf, dass der materielle Körper nicht von den Zuschreibungen regulierender Normen zu trennen ist, die ihn prägen und ohne die er nicht wahrnehmbar wäre.
[....]
1 Butler, Judith: Körper von Gewicht (Frankfurt am Main: Suhrkamp: 1997), S. 21.
2 Körper von Gewicht, S. 143.
Quote paper:
Ulrike Decker, 2001, Körper von Gewicht in Pedro Almodóvars Tacones lejanos, Munich, GRIN Publishing GmbH
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