In der vorliegenden Arbeit soll zunächst der Begriff der Halluzination näher definiert und von ähnlichen Phänomenen abgegrenzt werden. Die epidemiologische Betrachtung zeigt, dass auditive Halluzinationen am häufigsten und visuelle Halluzinationen nach Körperhalluzinationen am dritthäufigsten vorkommen. Diese können sowohl aufgrund psychischer und organischer Erkrankungen aller Art auftreten sowie bei gesunden Menschen u.a. in extremen Lebenssituationen. Zu den zugrunde liegenden Mechanismen werden verschiedene neuropsychologische und -kognitive Erklärungsmodelle diskutiert. Es scheinen sich dabei insbesondere Modelle durchgesetzt zu haben, bei denen ein Defizit angenommen wird, welches darin besteht, dass intern generierte Sprache, Gedanken oder Bilder als von außen kommend erlebt werden. Neurophysiologisch wurden auditive Halluzinationen überwiegend im Zusammenhang mit Schizophrenie und visuelle Halluzinationen vornehmlich beim Charles-Bonnet-Syndrom oder nach Hirnläsionen untersucht. Dabei zeigt sich, dass diese Halluzinationen tendenziell mit den Hirnarealen zusammenhängen, die für die Verarbeitung von Informationen des jeweiligen Sinnesgebiets verantwortlich sind.
Inhaltsverzeichnis
Auditive und visuelle Halluzinationen 5
1 Begriffsbestimmung 6
2 Epidemiologie und Bedingungen 8
3 Neuropsychologische und -kognitive Modelle 10
3.1 Perceptual-Release Theorie 11
3.2 Gestörte Diskursplanung 11
3.3 Theorie des Defizits beim Realitymonitoring 12
3.3 Theorie des Defizits beim Selbstmonitoring 13
4 Neurophysiologische Befunde 13
4.1 Befunde zu auditiven Halluzinationen 14
4.2 Befunde zu visuellen Halluzinationen 17
5 Resümee 19
Literatur 21
Abkürzungsverzeichnis
DSM-IV Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 4th Edition EMG Elektromyographie EEG Elektroenzephalografie PET Positronen-Emissions-Tomographie
HMPAO SPECT Hexamethyl-Propylen-Amin-Oxin Single-Photon-Emission-Computed-Tomography fMRT funktionelle Magnetresonanztomographie VBM Voxel-basierte Morphometrie MRT Magnetresonanzthomographie LSD Lysergsäurediethylamid
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1. Studien zur funktionalen cerebralen Aktivierung bei schizophrenen
Auditive und visuelle Halluzinationen
Historisch gesehen sind Halluzinationen (lat.: (h)al(l)ucinari: träumen, faseln, gedankenlos sein) ein seit jeher bekanntes Phänomen. In zahlreichen biblischen und philosophischen Schriften finden sich Berichte über die Visionen und mystischen Erfahrungen bekannter Persönlichkeiten, welche für diese und die menschliche Kultur prägend waren. So wird von Peter D. Slade angemerkt, dass “Socrates had his ‘daemon’which warned and guided him from within; while Joan of Arc’s visions and voices played a memorable role in altering the course of history” (1976, S. 7).
Im psychopathologischen Sinne wurde der Begriff „Halluzination“ erstmals im 19. Jahrhundert von Esquirol (1832) eingeführt und neuroanatomisch haben Oscar und Cécile Vogt in ihrer 1926 veröffentlichten Synopsis über die Funktionsbeziehungen der lateralen Kortexoberflächen bereits auf Areale für akustische und optische Auren hingewiesen. In der vorliegenden Arbeit kommt den neuropsychologischen Theorien sowie den neurophysiologischen Mechanismen von auditiven und visuellen Halluzinationen eine besondere Bedeutung zu. Die ersten systematischen Untersuchungen in diesem Kontext wurden in den kortikalen Stimulationsstudien von Penfield und Perot (1963) durchgeführt. Diese zeigten, dass Reizungen des Temporallappens auditive Halluzinationen auslösen können. Die heutige Forschung im auditiven Bereich erfolgt überwiegend über die Untersuchung von Personen, die unter Schizophrenie leiden und im visuellen Bereich im Zusammenhang mit dem Charles-Bonnet-Syndrom sowie anhand von Studien über Läsionen entlang der visuellen Verarbeitungsbahnen. Im Folgenden sollen zunächst verschiedene Definitionen des Begriffs aufgezeigt und eine Einordnung vorgenommen werden. Der daran anschließende Abschnitt befasst sich mit der Epidemiologie und verschiedenen Bedingungen für das Auftreten von Halluzinationen. Hiernach erfolgt eine Erläuterung bedeutender psychologischer Erklärungsmodelle, wobei die Evidenzen aus psychologischen Testungen nur kurz zusammenfassend dargestellt werden. Daran anknüpfend werden verschiedene Befunde zu strukturellen und funktionellen Anomalien bei auditiv und visuell Halluzinierenden und mögliche Interpretationen der damit verbundenen neurophysiologischen Mechanismen vorgestellt. Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse resümiert.
1 Begriffsbestimmung
Seit Einführung des Begriffs „Halluzination“ durch Esquirol (1932) besteht eine bis heute andauernde Diskussion über die genaue definitorische Bestimmung des Terminus. Dabei kommt es nach Spitzer (1988) häufig zu einer einseitigen Betrachtung des Begriffs, die sich entweder auf den Aspekt der Täuschung oder auf die Erregung der Sinne ohne physikalischen Reiz bezieht. Letztere Sichtweise scheint dabei heutzutage vorherrschend zu sein. Im Sinne der ersten Betrachtungsweise kann die Definition von Jaspers (1973) verstanden werden. Demnach sind Halluzinationen „leibhaftige Trugwahrnehmungen, die nicht aus realen Wahrnehmungen durch Umbildung, sondern völlig neu entstanden sind, und die neben und gleichzeitig mit realen Wahrnehmungen auftreten. Durch letzteres Merkmal sind sie von Traumhalluzinationen unterschieden“ (S. 57) In der neueren Definition des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen, 4. Edition (DSM-IV; Saß, Wittchen & Zaudig, 1996) tritt die Erregung der Sinne ohne physikalischen Reiz in den Vordergrund: „Sinneswahrnehmung, die den unmittelbaren Realitätseindruck einer echten Wahrnehmung hat, die jedoch ohne äußeren Reiz auf das betroffene Sinnesorgan auftritt“ (S. 857). Weiter weißt das DSM-IV darauf hin, dass sich Personen über die Halluzination bewusst sein können, jedoch nicht müssen. Bei dieser Definition entfällt allerdings der Teil des Definiens, dass eine Halluzination zusammen mit der realen Wahrnehmung auftreten kann. Im Gegensatz zu Jaspers (1973), vermag diese letzte Definition nicht mehr ausreichend zwischen Halluzinationen und Traumhalluzinationen zu unterscheiden. Eine Definition, die diesem Problem gerecht wird und zusätzlich weitere differenzierende Aspekte integriert, ist die Definition von David (2004): A sensory experience which occurs in the absence of corresponding external stimulation of the relevant sensory organ, has a sufficient sense of reality to resemble a veridical perception, over which the subject does not feel s/he has direct and voluntary control, and which occurs in the awake state. (S. 110) David (2004) weist zudem explizit darauf hin, dass Halluzinationen unter der Kontrolle des Erlebenden sein könnten, ohne dass dieser sich dessen bewusst sein muss.
Linden (2008) nennt weitere Begriffe, die von Halluzinationen abzugrenzen sind, wie bspw. illusionäre Verkennungen, Wahnwahrnehmungen oder mentale Vorstellungen. Letztere entsprechen Halluzinationen auch in ihrer erlebten Intensität. Ein wesentlicher Unterschied ist dabei jedoch, dass mentale Vorstellungen in der Kontrolle des Erlebenden liegen. Bei Pseudohalluzinationen handelt es sich nach Linden (2008) um einen Erlebniszustand, der zwischen mentalen Vorstellungen und Halluzinationen liegt, da sie nicht kontrollierbar sind, aber Personen sich über deren Realitätsgehalt bewusst sein können. Pseudohalluzinationen wurden insbesondere beim Charles-Bonnet-Syndrom untersucht (z.B. G. J. Menon, Rahman, S. J. Menon & Dutton, 2003).Würde man, mit Ausnahme von Pseudohalluzinationen, die von Linden (2008) genannten Begriffe nicht von Halluzinationen unterscheiden, wäre das nach Spitzer (1988) mit einem breiten Halluzinationsbegriff gleichzusetzen. Wohingegen die Abgrenzung zu einer engen Definition führen würde, bei der nur noch pathologische Fälle übrig blieben. Diese Sichtweise ist insbesondere für die folgende epidemiologische Betrachtung wichtig, da mit einer engen Fassung des Begriffes alle gesunden Personen herausfallen würden. Spitzer (1988) rät in diesem Zusammenhang darauf zu achten, wie die jeweiligen Autoren Halluzinationen definieren. Nach Durchsicht der Literatur scheint sich jedoch heutzutage die enge Definition weitgehend durchgesetzt zu haben.
Neben einer allgemeinen Definition des Begriffes können verschiedene Formen von Halluzinationen klassifiziert werden. Eine Klassifikation von Halluzinationen kann nach deren Komplexität vorgenommen werden, weitaus häufiger ist jedoch die Einteilung nach dem jeweiligen Sinnesgebiet. Bei auditiven Halluzinationen kann eine Einteilung in Akoasmen, d.h. amorphe Geräusche oder Phoneme (z.B. Worte, Stimmen, Flüstern) vorgenommen werden. Auditive Halluzinationen können sich zudem in ihrer Deutlichkeit, Imperativität und dem Wahrnehmungsbereich innerhalb oder außerhalb des Körpers unterscheiden. Visuelle Halluzinationen können amorphe optische Erscheinungen z.B. in Form von Blitzen oder Farben sein oder deutliche Objekte wie z.B. Gestalten oder Figuren (Faust, 1995).
Arbeit zitieren:
Bachelor of Science Said Giancoli, 2009, Auditive und visuelle Halluzinationen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Thomas Metzinger und das Versc...
Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen
Seminararbeit, 30 Seiten
Filmvergleich - 13th floor und Welt am Draht
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Die konstruktivistische Erkenntnistheorie
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Seminararbeit, 17 Seiten
"Der Club Dumas" und die "Neun Pforten"
Ein Vergleich in Inhalt, Erzäh...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 18 Seiten
Was führte zum Mord - religiös...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 17 Seiten
Zeitreisen: Standpunkte der Forschung - Schlussfolgerungen
Ermöglicht die Zeitreisenforsc...
Essay, 22 Seiten
Das korrekte Zitieren und Paraphrasieren in wissenschaftlichen Arbeite...
Wissenschaftlicher Aufsatz, 10 Seiten
Über den Ursprung des Mithraskultes
Persische und römisch-hellenis...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Essay, 13 Seiten
Panpsychismus und der Raum des Erlebens
Eine Darstellung der Argumenta...
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Seminararbeit, 18 Seiten
Die collegia des Clodius Pulcher in der Zeit der späten Republik
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit, 19 Seiten
Theory of knowledge : "There can be no knowledge without emotion…...
Discuss this version of the re...
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Facharbeit (Schule), 6 Seiten
Die Ägyptische Expedition der Athener
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit, 19 Seiten
Selbst-Bewusstsein und Empathie bei den Großen Menschenaffen
Seminararbeit, 18 Seiten
Skandieren mit Textverarbeitungsprogrammen
Zum schnellen und richtigen Le...
Klassische Philologie - Latinistik - Linguistik
Wissenschaftlicher Aufsatz, 27 Seiten
Peyote und seine rituelle Verwendung in der Native American Church of ...
Seminararbeit, 31 Seiten
Said Giancoli's Text Auditive und visuelle Halluzinationen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Said Giancoli hat den Text Auditive und visuelle Halluzinationen veröffentlicht
Said Giancoli hat einen neuen Text hochgeladen
Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsleistungen bei Vorschulkindern
Diagnostik und Therapie
Jutta Burger-Gartner, Dolores Heber
Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung im Kindesalter
Ein Ratgeber für Betroffene, E...
Nathalie Lupberger
Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) im Kindes- un...
Defizite, Diagnostik, Therapie...
Gerhard Böhme
Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) bei Schulkind...
Diagnostik und Therapie
Andreas Nickisch, Dolores Heber, Jutta Burger-Gartner
Perceptual Control Theory: Science & Applications - A Book of Readings
William T. Powers, Dag Carl Forssell
Model Order Reduction: Theory, Research Aspects and Applications
Theory, Research Aspects and A...
Towards Intelligent Modeling: Statistical Approximation Theory
Statistical Approximation Theo...
George A. Anastassiou, Oktay Duman
0 Kommentare