1. Die Lerngruppe
Seit Beginn des Schuljahres 2004/2005 unterrichte ich eigenverantwortlich die Schüler der Klasse G 7 D. Die Lerngruppe setzt sich aus 18 Jungen und 9 Mädchen zusammen. Es handelt sich um eine recht unruhige Klasse, was mir andere Kollegen bestätigten. Die Mädchen müssen sich gegenüber der Mehrheit der Jungen behaupten, was ihnen in der Regel zu gelingen scheint ± VRZHLWLFKGLHVYRQÄYRUQH³EHXUWHLOHQNDQQ- da es sich um selbstbewusste Schülerinnen handelt. In dieser Lerngruppe gibt es viele Schüler, deren Verhalten recht DXIIlOOLJLVW9RQGHQ-XQJHQÄEXKOHQ³PHKUHUHXPGHQ7LWHOGHVÄ.ODVVHQNDVSHUV³ZDVPDO ]XJXQVWHQ GHV HLQHQ PDO ]XJXQVWHQ HLQHV DQGHUHQ DXVJHKW (LQHU GLHVHU Ä&ORZQV³ EHWHLOLJW sich kaum am Unterrichtsgespräch und wenn er sich meldet und aufgerufen wird, dann kommen nur unpassende Bemerkungen, womit er versucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es handelt sich hierbei um einen intelligenten Jungen, dessen Verhalten leider oft nicht angemessen ist. Ein weiterer Junge hat einen übermäßig starken Drang zu reden und sich am Unterrichtsgespräch zu beteiligen. Manchmal stöhnen die anderen Schüler, wenn er aufgerufen wird. Es ist darauf zu achten, seine Beiträge ernst zu nehmen und gleichzeitig sein 5HGHEHGUIQLV LQ *UHQ]HQ ]X KDOWHQ VREDOG HU VLFK YRQ GHU Ä6DFKH³ HQWIHUQW (LQ DQGHUHU Schüler beteiligt sich regelmäßig am Unterricht obwohl er stottert. Dieses mutige Verhalten ist unbedingt zu verstärken und die Klasse ist insofern als sozial zu bezeichnen, als sie ihn nicht damit hänselt. Und noch ein weiterer Schüler scheint sich nicht sonderlich für den Unterricht zu interessieren (ADS), lenkt auch gerne seine Mitschüler ab, kriegt aber vieles PLW 'UHL YRQ VLHEHQ Ä:LHGHUKROHUQ³ EHWHLOLJHQ VLFK OHLGHU QXU QDFK $XIIRUGHUXQJ DP Unterrichtsgespräch.
Das Leistungsniveau der Klasse schätze ich als durchschnittlich ein. Allgemein ist die mündliche Beteiligung am Unterricht sehr rege, was oft zu Unruhe führt, jeder will etwas sagen. Ich führe die hohe Beteiligung auf das vorherige und jetzige Thema der Unterrichtseinheit zurück. Jugend in der modernen Gesellschaft bot die Möglichkeit, einen schülernahen Unterricht zu gestalten. Besonders beim Thema Ä0REELQJ³ war die Beteiligung der Schüler sehr hoch. Dieses Phänomen schien viele zu interessieren, weil es wohl jeder schon mal direkt oder indirekt erlebt hat. Es war nicht einfach mit diesem heiklen Thema umzugehen. Mitunter wurden auch klasseninterne Konflikte angesprochen. Diese auf angemessene Weise zu handhaben war nicht leicht.
Demokratie und politische Beteiligung stößt ebenfalls auf großes Interesse bei den Schülern. Dies führe ich darauf zurück, dass es sich hierbei bisher um demokratische Strukturen in der Schule handelte. Die Schüler haben erkannt, dass sie direkt davon betroffen sind. Insgesamt würde ich die Lernatmosphäre zwar als lebhaft und mitunter sogar schwierig, aber dennoch anregend und motivierend bezeichnen.
2. Didaktische Überlegungen
Die geplante Unterrichtseinheit Demokratie und politische Beteiligung ist Bestandteil der verbindlichen Unterrichtsthemen im Lehrplan 1 . Nach Abschluss der bereits oben genannten Unterrichtsreihe Jugend in der modernen Gesellschaft mit dem Thema Mobbing, bot sich für mich der Übergang zum Teilthema Demokratie in der Schule an. In den vorhergehenden Stunden wurden demokratische Grundbegriffe, die Rolle der Schülervertretung (SV), der Gesamtkonferenz und der Schulkonferenz erarbeitet. Die stellvertretenden Mitglieder der Schulkonferenz, Julia Popp und Wiebke Breiding, erklärten sich bereit, in den Unterricht zu kommen und die Fragen der Siebtklässler zu beantworten. (Wir hatten in der vorhergehenden Stunde einen Fragenkatalog erstellt, so dass sich die beiden Schülerinnen darauf vorbereiten konnten.) Außerdem führten die Schüler auf dem Schulhof eine Umfrage über die demokratischen Strukturen in der Schule durch und mussten feststellen, dass ihre befragten Mitschüler schlecht informiert sind. Des weiteren wurden die Aufgaben des Klassensprechers und das Recht auf eine SV-Stunde thematisiert.
,Q GHU KHXWLJHQ 6WXQGH VROO HV XP GLH Ä'HPRNUDWLH DXFK LP .OHLQHQ³ JHKHQ 'Le Mehrheitsregel soll besprochen werden. Die Schüler sollen sich vorstellen, der Sportlehrer habe ihnen die nächste Unterrichtstunde zur freien Gestaltung zur Verfügung gestellt. Bei der Abstimmung über den Inhalt dieser Stunde ist damit zu rechnen, dass die Mehrheit der Jungen etwas anderes machen will als die Minderheit der Mädchen. Ich möchte die Schüler daraufhin arbeiten lassen, dass sie die Vor- und Nachteile der Mehrheitsregel erkennen. Ist sie gerecht? 1LFKW DOOHV ZDV ÄOHJDO³ LVW ± also auf demokratischem Wege zustande kommt ± ist auch ÄOHJLWLP³*LEWHVLQHLQHU'HPRNUDWLHQLFKWDXFKVRHWZDVZLHÄ0LQGHUKHLWHQVFKXW]³":LH sieht es mit der Geschlechterbeziehung aus? Können die Jungen auch tolerieren, dass die Mädchen andere Wünsche haben und denen nachgeben? Ist die Klasse kompromissfähig? (Z.
1 Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Sozialkunde. Gymnasialer Bildungsgang, Wiesbaden 2002, S.9.
B. bei einem Verhältnis von 2:1 wäre eine Verteilung der Unterrichtszeit von 60 Minuten zu 30 Minuten gerechtfertigt.)
'LH6FKOHUVROOHQHUNHQQHQZLHVFKZLHULJHVLVWDOOH,QWHUHVVHQÄXQWHUHLQHQ+XW]XEULQJHQ³ Am Ende soll die Erkenntnis stehen, dass es eine Methoden geben muss, wie man zu Entscheidungen gelangt. Entscheidungen für eine Sache bedeuten eben meistens auch gegen etwas Anderes zu sein.
3. Methodische Überlegungen
Zu Beginn der Stunde soll einer der Schüler kurz zusammenfassen, was wir in den letzten 6WXQGHQJHPDFKWKDEHQ'LHNXU]H:LHGHUKROXQJLVWVLQQYROOGDGLHOHW]WHÄ3RZL-6WXQGH³DP Mittwoch, den 15.12. stattgefunden hat. Da wir ständig um das Thema Demokratie in der Schule gekreist sind, liegt es nahe, die heutige Stunde der Demokratie in der Klasse zu widmen.
Im nächsten Schritt verteile ich Arbeitsblätter mit folgendem Zitatanfang (und lege es zusätzlich als Folie auf den OHP):
Ä,QHLQHU'HPRNUDWLH JLOW GHU*UXQGVDW]GDVV EHL :Dhlen und Abstimmungen die Mehrheit
entscheidet und dass die Minderheit die Mehrheitsentscheidung anerkennt. Sie hat dafür die
Chance, bei künftigen Wahlen ihrerseits die Mehrheit zu erringen und kann erwarten, dass
dann ihre Entscheidungen respektiert werdHQ>@³ 2
Zunächst sollen die Schüler den Text leise für sich lesen. In Partnerarbeit sind anschließend die Schlüsselwörter zu unterstreichen. Durch das Partnergespräch sollen die Schüler Sicherheit erlangen und Hemmungen abbauen, um sich anschließend am Unterrichtsgespräch beteiligen zu können. Nach der Erarbeitung soll einer der Schüler das Zitat laut vorlesen. Die unterstrichenen Schlüsselwörter werden im Unterrichtsgespräch kurz erläutert. Das Zitatende würde eine Vorwegnahme bedeuten, denn dies sollen die Schüler selber erarbeiten. Was hat das Ganze nun mit der Klasse zu tun? Um den Zusammenhang herzustellen, gilt es als nächstes, das oben genannte Beispiel mit der Sportstunde zu erklären. Ich rechne damit, dass die Schüler eifrig Vorschläge machen werden (s. Lerngruppe). Zunächst werden die Vorschläge gesammelt und an der Tafel festgehalten. Dann wird abgestimmt. 'LHVHV9HUIDKUHQELUJWIUPLFKHLQJHZLVVHVÄ5LVLNR³(VNDQQGXUFKDXVVHLQGDVVHVQLFKW zu der erwarteten Geschlechtertrennung kommt, sondern dass ± wider Erwarten ± die
2 Pötzsch, Horst: Die deutsche Demokratie, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004, S.7
Arbeit zitieren:
Mathias Töpfer, 2010, Unterrichtsstunde: Demokratie in der Schule: Zur Theorie und Praxis des Mehrheitsprinzips im Klassenzimmer, München, GRIN Verlag GmbH
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