1. Die Lerngruppe
Ich hospitiere seit Anfang Mai in dieser Lerngruppe. Die Lerngruppe umfasst 9 Schüler und 11 Schülerinnen 1 . Unter der pädagogischen Anleitung von Herrn Nitsche übernehme ich Unterrichtsstunden, die wir anschließend gemeinsam reflektieren. Ich unterrichte gerne in dieser Lerngruppe, dabei bin ich mir bewusst, dass ich von der Leitung des Fachlehrers profitiere. In der Klasse herrscht eine positive Lernatmosphäre, die durch die ruhige Arbeitsweise der Schüler unterstützt wird. Einige der Schüler arbeiten sehr gut mit, wobei sich die Jungen merklich stärker für politische Themen interessieren als die Mehrheit der Mädchen. Einige Schüler der Klasse beteiligen sich zwar regelmäßig am Unterrichtsgespräch, dennoch wird der Unterricht oft von drei bis vier Schülern geprägt, die aktiv sind und gute Beiträge leisten. Da die Beteiligung am Unterricht nicht immer von den gleichen Schülern zu bestreiten ist, müssen die stilleren zur Mitarbeit ermuntert und aufgerufen werden. Die Schüler haben in Begleitung von Herrn Nitsche und Herrn Schröder 2 in der vorletzten Woche an einem Polis-Projekt der Bundeswehr teilgenommen. Dies scheint mir nennenswert zu sein, da sie dadurch für die Probleme und die Interessen eines Landes sensibilisiert wurden.
2. Didaktische Überlegungen
Die geplante Unterrichtseinheit Friedenssicherung am Beispiel von Afghanistan ist Bestandteil des im Lehrplan als verbiQGOLFK JHQDQQWHQ 7KHPDV ÄInternationale Zusammenarbeit und Friedenssicherung³ 3 /DXW /HKUSODQVROOHQGLH6FKOHUÄMöglichkeiten
und Schwierigkeiten erkennen und einschätzen lernen, nationale und internationale Konflikte durch internationale Zusammenarbeit und zwischenstaatliche Organisationen zu verhindern E]Z ]X EHZlOWLJHQ³ Ich habe mich nicht nur aus persönlichen Gründen für das Thema
1 ,P)ROJHQGHQZLUGDXIJUXQGGHUEHVVHUHQ/HVEDUNHLWGHU%HJULIIÄSchüler³YRQPLUJHVFhlechtsunabhängig für alle zu Unterrichtenden der Klasse verwendet.
2 Die Klassen G 10 B und G 10 D. Mir war es, zu meinem großen Bedauern, aus familiären Gründen leider nicht möglich, daran teilzunehmen.
3 Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Sozialkunde. Gymnasialer Bildungsgang, Wiesbaden 2002, S.21.
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Afghanistan entschieden. 4 Mich faszinieren am Beispiel Afghanistan immer wieder die Auswirkungen des Wandels ausländischer Interessen. 5 In den vorhergehenden Stunden wurden die Elemente eines umfassenden Friedensverständnisses erarbeitet und zwischen positiven und negativen Frieden unterschieden. Die Schüler haben die politischen Hintergründe für die langanhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen anhand eines von mir erstellten Textes erarbeitet. Im Falle von Afghanistan handelt es sich nicht um einen Krieg, sondern um viele verschiedene kriegerische Auseinandersetzungen. Die politischen Hintergründe für diese Auseinandersetzungen haben sich zudem im Laufe der Zeit gewandelt: Der Einmarsch der Sowjetunion fand im Dezember 1979 statt. Während der Besatzungszeit kamen ca. 1,5 Millionen Menschen ums Leben und viele sind geflohen. 6 Michael Pohly spricht von dem letzten Stellvertreterkrieg der Großmächte. 7 Die USA hatten schon sechs Monate vor dem Einmarsch der Sowjetunion angefangen die Modjaheddin (Widerstandskämpfer) militärisch aufzurüsten. Amerika wollte die anti-kommunisitische Haltung der Modjaheddin unterstützen. Es war der Regierung gleichgültig, wen sie damit stärkten. (Nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.) Dass sie sich mit dieser Einmischung auch selbst Schaden zufügen könnten, hatten sie nicht bedacht. Ein weiterer Faktor für die instabile Lage des Landes waren die Interessen der regionalen Mächte: Pakistan, Indien, Iran, Usbekistan, Tadschikistan, Russland und Saudi-Arabien. Diese unterstützten jeweils diejenigen Widerstandsgruppierungen von denen sie sich am meisten versprachen. 8
Nach Abzug der Russen 1989 verschwand das Thema Afghanistan aus dem Blickfeld der Medien bzw. der Öffentlichkeit. Das Morden und die Zerstörung gingen jedoch unter den verschiedenen Modjaheddingruppen weiter. 1993 versuchten die USA noch, die verschiedenen Modjaheddingruppen zu einer friedlichen Zusammenarbeit zu bewegen, denn Unocal, ein amerikanisch-saudisches Energiekonsortium, wollte eine Ölpipeline durch Afghanistan legen. Die Modjaheddingruppen verloren zunehmend ihre Unterstützung durch das Ausland, da die Taliban als Alternative auf den Plan traten (1994). Im anschließenden Unterricht wurde die Herkunft der Taliban sowie deren Extrempositionen und Vorstoß in
4 Da ich mit einem Deutschen afghanischer Herkunft verheiratet bin, spielt natürlich die eigene Betroffenheit schon eine Rolle.
5 Siehe Thema der Unterrichtseinheit
6 laut offiziellen Angaben kamen 15051 sowjetische Soldaten ums Leben. Schrepfer-Proskurjakov, Alexander: Bilanz nach zehn Jahren Krieg, http://www.ifdt.de/0501/Artikel/sp.htm Es starben ca. 1,5 Mio Afghanen, in: http://www.politikforum.de/forum/archive/8/2003/06/1/31574
7 Näheres hierzu siehe: Pohly, Michael: Nach den Taliban, a.a.O.
8 Näheres hierzu siehe Halbach, Uwe: a.a.O.
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Afghanistan erarbeitet. Die USA unterstützten einige Zeit dieses Regime, weil sie hofften, durch eine Befriedung des Landes, die Pipeline verlegen zu können. 9 Bis zum Jahr 2000 unterlagen 95% des Landes den Taliban. Das Leid der Zivilbevölkerung nahm kein Ende. Viele versuchten zu fliehen, die Selbstmordrate unter den Frauen stieg stark an. 10 Nach den Anschlägen in Kenia und Tansania auf US-amerikanische Einrichtungen wurden die 3LSHOLQHSURMHNWHYRQ8QRFDOÄDXI(LVJHOHJW³ 11 Dennoch wurde am 17.7.2001 den Taliban in Berlin ein erstaunliches Angebot gemacht: Ihnen sollte die internationale Anerkennung ihres Regimes in Aussicht gestellt werden, wenn sie bereit wären, Osama Bin Laden auszuliefern. Da die Taliban dieser Aufforderung nicht nachkamen, wurde Afghanistan als wichtiger Ä7HUURULVWHQVXPSI³ 12 eingestuft. Nach dem Attentat vom 11. September 2001 auf das WTC blickte die ganze Welt gespannt nach Afghanistan. Die Bombardierung sollte zwar nicht den Afghanen selbst gelten, doch zivile Opfer wurden für die amerikanischen Vergeltungsschläge in Kauf genommen.
Es war mir wichtig, dass die Schüler die Konstante erkennen, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Afghanistans zieht: Ausländische Interessen (z.B. geostrategischer und/oder wirtschaftlicher Natur) haben immer wieder eine Befriedung Afghanistans verhindert. Auch wenn sich die Interessen der USA zwar verschoben haben, so ist doch festzuhalten, dass das Verhalten Amerikas sich nicht wesentlich verändert hat. Rüsteten die USA noch in den 70er Jahren alle Gegner der Sowjets auf± und damit die Modjaheddin in Afghanistan ± so werden nun alle zu Feinden erklärt, die nicht für Amerika sind (nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist für den Terrorismus). Man denke an die Bush-Doktrin von 2002. In diesem Sinne suchen die USA nicht mehr nach Verbündeten, sondern sie zwingen ihren Bündnispartnern ihre Sichtweise auf. Wer sich nicht fügt, der wird bestraft, das hat auch die BRD in ihrer Haltung zum Irakkrieg erfahren müssen. Das alte Feindbild, nämlich die UdSSR ist weggefallen, das neue heißt: Internationaler islamistischer Terrorismus. Pech für Afghanistan, dass es für beide Feindbilder eine Rolle spielt.
In der letzten Stunde haben die Schüler von mir einen Artikel von Ratbil Shamel, einem seit 1989 in Deutschland lebenden Journalisten afghanischer Herkunft, erhalten, den sie zu Hause aufmerksam lesen sollen, mit dem Auftrag sich Schlüsselpassagen zu markieren. 13 Die Schüler sollen während der Stunde die Argumente nennen, die belegen, warum sich das Engagement der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan lohnt:
9 vgl. Baraki, Matin: Die Talibanisierung Afghanistans, a.a.O.
10 ebda
11 ebda
12 ebda
13 siehe Anhang
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Arbeit zitieren:
Mathias Töpfer, 2009, Unterrichtsstunde: Friedenssicherung am Beispiel Afghanistan, München, GRIN Verlag GmbH
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