1. Einleitung
Es gibt zwei Möglichkeiten das Handeln, die Alltagspraxis und Lebenswelten von einzelnen Menschen oder Subkulturen empirisch zu untersuchen. Entweder kann man mit ihnen Gespräche, Interviews führen, um eventuell mit Hilfe dessen über die interessierende Praxis Aufschluss zu bekommen. Oder man nimmt möglichst längerfristig an der Alltagspraxis teil, um ihr Handeln und ihren Alltag beobachten zu können. In der Literatur von Flick wird hier zwischen zwei Gruppen von Daten unterschieden: verbale Daten und visuelle Daten. Mit letzterem beschäftigt sich diese Hausarbeit, mit Beobachtungsmethoden in der qualitativen Forschung.
Fragen die sich mir hinsichtlich dessen stellten, wie „gibt es ´die eine Beobachtungsmethode` oder gestaltet sich dieser Bereich der Empirie vielfältiger?“, „wie ist der Ablauf einer solchen Beobachtung?“ und „wie kommt eine Beobachtung überhaupt zustande, unter welchen Voraussetzungen?“ versuche ich auf den folgenden Seiten zu beantworten, bzw. einen umfassenden Überblick über die empirische Methode „Beobachtung“ zu geben. Eingangs dieser Arbeit lege ich die qualitative Forschung und Beobachtung als Methode allgemein dar. Darauf folgt die Unterscheidung und Grundlagen der Nicht-teilnehmenden, sowie Teilnehmende Beobachtung und Ethnographie, insbesondere hierbei auch die Triangulation am Beispiel der bekannten Studie „die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel. Anschließend erläutere ich die Anforderungen, die sich bei einer Beobachtung ergeben, wie den Zugang zum sogenannten Feld, Aufgaben und Fehler der Beobachterrolle, ebenso die Rolle des/der Beobachteten. Abschließend zeige ich noch die Datenaufzeichnungen während eines Beobachtungsprozesses auf.
2. Qualitative Forschung - Definition und Entwicklung
Nach Flick et. al. „[hat die] Qualitative Forschung […] den Anspruch, Lebenswelten ´von innen heraus aus der Sicht der handelnden Menschen zu beschreiben[, womit] sie zu einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeit(en) beitragen und auf Abläufe, Deutungsmuster und Strukturmerkmale aufmerksam machen [will]“ (Flick et. al. 2005: 14). Geschichtlich betrachtet hat Qualitative Forschung eine lange Tradition. Ihre Verwendung reicht bis in die Anfänge der Sozialwissenschaften zurück. Jedoch kam erst in den 1960er
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Jahren in den USA und in den 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum Diskussion und Kritik an die lange vorherrschende standardisierte, quantifizierende Sozialforschung auf. Diese Zeit bezeichnen Flick et. al. als „[…] Renaissance qualitativer Methoden in den Sozialwissenschaften und mit einiger Verzögerung auch in der Psychologie […]“ (Flick et. al. 2005: 21).
Nach Flick et. al. lässt sich aktuell festhalten, dass sich einige Felder und Ansätze herausgebildet haben, die sich eigenständig entfalten. In diesem Zusammenhang zu nennen, sind die Ethnomethodologie, die objektive Hermeneutik, die Biographieforschung, die Ethnographie, Cultural Studies und (ethno-)psychoanalytische Forschung und Tiefenhermeneutik (Flick et. al. 2005: 26).
In den letzten Jahren hat sie sich zu einem großen Feld entwickelt und ist in den Sozialwissenschaften und der Psychologie etabliert. Anwendungsorientierung in ihren Fragestellungen und Vorgehensweise sind schon immer kennzeichnend und gewinnt dadurch auch immer mehr in den eher angewandten Fächern wie Sozialarbeit, Pflegewissenschaft oder Public Health an Bedeutung (vgl. Flick et. al. 2005: 13; Flick 2005a: 11).
2.1 Beobachtung als Methode
Im Allgemeinen wird die Beobachtung als die ursprünglichste Datenerhebung betrachtet. Beobachtung als Methode wurde schon in Frühformen ethnologischer Studien, sowie zur Recherche literarischer und journalistischer Sozialreportagen angewandt. Zu nennen wären an dieser Stelle durchaus viele Arbeiten, bedeutende Studien, allerdings erwähnen möchte ich an dieser Stelle die Reportagen von Egon Erwin Kisch (1885-1948). Er bediente sich verschiedener Methoden der sogenannten Feldforschung, er nahm mal die Rolle des passiven Beobachters ein, er unternahm teilnehmende Beobachtung, sowie der verdeckt teilnehmenden. Bekannte Arbeiten von Kisch sind „Der rasende Reporter“, „Unter den Obdachlosen von Whitechapel“ und „Geschichten aus sieben Ghettos“. Der teilnehmenden Beobachtung im wissenschaftlichen Kontext begegnet man bereits in den Arbeiten von Le Play, Bronislaw Malinowski und der „Chicago-Schule“ der Soziologie in den 20er Jahren (Diekmann 2004: 456f).
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Der Übergang von einer alltäglichen „naiven“ zu einer wissenschaftlichen Beobachtung erfolgt, wenn das Verfahren kontrolliert und systematisch abläuft und die Inhalte der Beobachtung systematisiert werden. Schnell et. al. weisen darauf hin, dass zum Beispiel in der Literatur von Cranach/Frenz die wissenschaftliche Beobachtung dementsprechend auch als systematische Beobachtung bezeichnet wird; ebenso dass „einige Autoren […] die wissenschaftliche Beobachtung als Grundform jeder Datenerhebungstechnik [sehen] […]“ (Schnell et. al. 2005: 390). Ähnlich sieht dies auch Diekmann, er betrachtet sämtliche empirische Methoden als Beobachtungsverfahren, erst wenn die Rede sei von der Erhebungsmethode der Beobachtung in der Sozialforschung, so würde „[…] jedoch spezifischer die direkte Beobachtung menschlicher Handlungen, sprachlicher Äußerungen, nonverbaler Reaktionen […] und anderer sozialer Merkmale […] verstanden“ (Diekmann 2004: 456).
Im Rahmen einer Beobachtung werden Handlungsweisen zugänglich gemacht, hingegen bieten beispielsweise Interviews und Erzählungen als Daten lediglich nur eine Darstellung darüber an. Deutlich macht dies ebenfalls, dass neben den Fähigkeiten sprechen und zuhören zu können, visuelle Wahrnehmungen hinzukommen und Wahrnehmungen, wie Fühlen und Riechen miteinbezogen werden. Flick gliedert in Anlehnung an Friedrichs (1973) Beobachtungsverfahren generell nach fünf Dimensionen, die auch für Beobachtungen in qualitativer Forschung zutreffen, außer dass dabei durchgängig natürliche Situationen gewählt werden:
1. verdeckte vs. offene Beobachtung 2. nicht-teilnehmende vs. teilnehmende Beobachtung 3. systematische vs. unsystematische Beobachtung 4. Beobachtung in natürlichen vs. in künstlichen Situationen 5. Selbst- vs. Fremdbeobachtung
(vgl. Flick 2005a: 199-201; Diekmann 2004: 469). Die in der 5. Dimension genannte Selbstbeobachtung bezieht sich allerdings auf die Gefühle, das Verhalten und deren Motive des Beobachters und diese aus der Beobachtung resultierenden Daten erfüllen nicht das Kriterium intersubjektiver Nachprüfbarkeit. Es kann zwar ein Weg sein zur Gewinnung von Hypothesen, doch zu deren Überprüfung benötigt man Daten, die durch Fremdbeobachtung gewonnen wurden (Diekamnn 2004: 473f).
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3. Beobachtungsverfahren
In diesem Abschnitt werden einzelne Beobachtungsverfahren genauer thematisiert. Schnell et. al. merken an, dass „trotz aller Maßgaben zur Charakterisierung wissenschaftlichen Beobachtungen […] keine allgemeine Theorie der Beobachtung entwickelt worden [ist]“ (Schnell et. al. 2005: 390). Während er zu allererst direkte von indirekter Beobachtung abgegrenzt, verläuft die Unterscheidung dieser Arbeit im Folgenden zwischen nichtteilnehmender, sowie teilnehmender Beobachtung und der Ethnographie, in Anlehnung (u. a.) an Flick.
3.1 Nicht-Teilnehmende Beobachtung
Die nicht-teilnehmende Beobachtung verzichtet auf Interventionen im Feld. Erwartung die sich daran stellen sind, dass die Ereignisse, das Verhalten und die Interaktionen des beobachteten Feldes so verlaufen, wie es ebenfalls ohne die Anwesenheit des Beobachters wäre (siehe auch 4.1). Erreicht werden kann dieses auch durch den Einsatz von Videoaufzeichnungen. Für den Beobachter bietet diese Form der Beobachtung den Vorteil, dass er sich komplett auf die Beobachtung an sich konzentrieren kann und dabei die Möglichkeit hat diese direkt zu protokollieren (Diekmann 2004: 470). Aufgrund der Außenperspektive auf das untersuchte Feld muss allerdings bei der Interpretation der Daten eine entscheidende Verengung der Perspektive in Kauf genommen werden. Angewandt wird die Beobachtung ohne Teilnahme in sogenannten offenen Feldern und auf öffentlichen Plätzen. Verläuft es verdeckt, dass heißt die beobachteten Personen werden nicht vorab darüber in Kenntnis gesetzt, weißt Flick darauf hin, dass es ethisch fragwürdig sei, insbesondere wenn es sich um überschaubare Felder handle in denen eine Zustimmung der Beobachteten einholbar und somit ein Einverständnis realisierbar wäre (Flick 2005a: 201). Auf öffentlichen Plätzen mit häufig wechselnder Frequentierung ist dies allerdings nicht vorstellbar, zum Beispiel in Cafés oder Bahnhofsvorplätzen. Die einzelnen Phasen, die eine nicht-teilnehmenden Beobachtung durchläuft, sind - „die Auswahl eines Settings: wo und wann die interessierenden Prozesse und Personen beobachtet werden können; 6
- die Festlegung, was bei der Beobachtung tatsächlich und unbedingt festgehalten werden soll;
- das Training der Beobachter, um solche Fokussierungen zu vereinheitlichen;
- beschreibende Beobachtung, die eine zunächst noch allgemeine Darstellung des Feldes beinhalten;
- fokussierte Beobachtung, die sich zunehmend auf die für die Fragestellung relevanten Aspekte konzentrieren;
- selektive Beobachtungen, die nur noch zentrale Aspekte gezielt erfassen sollen;
- der Abschluss der Beobachtung, […] d. h. weitere Beobachtungen [bringen] keine neuen Erkenntnisse mehr […]“ (Flick 2005a: 202).
3.2 Teilnehmende Beobachtung
Die teilnehmende Beobachtung kommt einem Verständnis qualitativer Forschung als Prozess am Nächsten. Diese Methode ist eine Feldstrategie, die über eine längere Zeit verläuft, die eine direkte Teilnahme, Beobachtungen sowie Introspektion des Forschers vorsieht. Zwei Vorzüge sind die Gegenstandsangemessenheit und methodische Flexibilität; die Offenheit der Datenerhebung, insbesondere durch die Kommunikation mit den beobachteten Personen, gilt als wesentlich. Ebenfalls ein Vorteil der teilnehmenden Beobachtung ist die längere Zeit im Feld für den Forscher, wodurch dieser seinen Fokus variieren kann zwischen den einzelnen Beobachtungssequenzen (Flick 2005a: 213f).
Im Gegensatz zur nichtteilnehmenden Beobachtung findet diese Methode Anwendung in begrenzten Feldern und Institutionen, häufig auch in der Untersuchung von Subkulturen. Am besten geeignet innerhalb einer teilnehmenden Beobachtung für den Forscher ist die Rolle des „Teilnehmers-als-Beobachter“ (siehe auch 4.1). Unvoreingenommenheit und persönliche Beteiligung sollte die Rolle des Forschers innerhalb der teilnehmenden Beobachtung nach Lüders beinhalten (Lüders 2005: 386). Er sollte immer mehr ein Teilnehmer des untersuchten Feldes werden und Zugang zu den beteiligten Personen finden.
„Gewinnung der Innenperspektive“ bei gleichzeitiger „Systematisierung des Fremdenstatus“ ermöglichen es dem Beobachter einen Einblick auf das Besondere im Alltäglichen und den Routinen im Feld zu erhalten (Flick 2005a: 210). Hier liegt auch ein Problem, bzw. die Gefahr des Verlustes einer kritischen Außenperspektive und eine mögliche unhinterfragte
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Arbeit zitieren:
Stefanie Backes, 2009, Beobachtungsmethoden in der qualitativen Forschung, München, GRIN Verlag GmbH
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