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5. Umsetzung der Kolonialpolitischen Strategien am Beispiel der
„Musterkolonie Togo“
49
5.1 Inbesitznahme und Verwaltung
49
5.2 wirtschaftliche Entwicklung und Bedeutung für das Deutsche
Reich
54
5.3 Berichterstattung, Meinungsbildung und Propaganda im
Sinne des Reiches
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6. Zusammenfassung
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7. Quellen- und Literaturverzeichnis
62
7.1 Quellen
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7.2 Literatur
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8. Anlagen
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8.1 Übersichtskarte der Kolonien in Afrika
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8.2 Übersichtskarte des deutschen Schutzgebietes Togo
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1. Einleitung
Die Zeiten deutsch-imperialer Bestrebungen sind längst vorbei. Trotzdem erfreut sich das Thema gerade in den letzten Jahren wieder wachsender Beliebtheit. Müsste man nicht annehmen, in den vergangenen neunzig Jahren nach dem Verlust der letzten deutschen Schutzgebiete wäre deren Geschichte in zahllosen Arbeiten längst aufgearbeitet worden? Mitnichten, denn gerade in Zeiten wachsender Globalisierung ist die Thematik der deutschen Kolonialgeschichte aktueller und beliebter denn je. Johannes Paulmann beschreibt in der im Juni erschienenen Ausgabe der ZfG die Kolonialgeschichte als Vorgeschichte der Globalisierung. Er bemerkt ferner, dass gerade in der heutigen Zeit, die durch schnelllebige Entwicklungen weltweit gekennzeichnet ist, der Wunsch nach Informationen über vorangegangene imperiale Zeitalter merklich gestiegen ist. 1
Mit der Rückschau auf die europäische Kolonialherrschaft und die damit verbundene Prägung vieler Teile der Erde in politischem, gesellschaftlichem und kulturellem Sinn, lässt sich sowohl das damalige Verhalten der Mächtigen, als auch die aktuelle Politik in Teilen besser nachvollziehen. Gerade vor dem Hintergrund der neu erwachsenden, postimperialen Versuche, Einflusssphären nach dem Kalten Krieg zu halten und neue Abhängigkeiten zu schaffen, lohnt ein Blick in die Geschichte des europäischen Imperialismus und der damit verbundenen Kolonialpolitik.
Während frühere Analysen europäischer und damit auch deutscher Kolonialpolitik die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Motive des Wunsches nach imperialen Großreichen zu erklären versuchten, so befasst sich die jüngere Forschung auch öfter mit den kulturellen, sozialen oder umweltpolitischen Aspekten der kolonialer Politik. Die Literaturrecherche zu dieser Arbeit erwies sich deshalb als äußerst ergiebig. Sämtliche Pläne, Reden, Briefwechsel, Verträge oder Protokolle der damaligen Kaiser, der Regierung, der Reichskanzler, der Abgeordneten, Beamten oder des Militärs sind in diversen Nachschlagewerken nachzulesen. Hinzu kommt noch eine große Anzahl an Sekundärliteratur zu den unterschiedlichsten Gesichtspunkten der deutschen Kolonialpolitik im Zeitalter des Imperialismus.
1 Paulmann, Johannes: Deutscher Kolonialismus und Natur vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik, In: ZfG 6/2008, S 493ff.
5
Aber was führte schließlich zu jenem denkwürdigen 24. April des Jahres 1884, an dem das Deutsche Reich in die Reihe der Kolonialmächte aufstieg? Nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 hatten die deutschen Kolonialbefürworter einen schweren Stand. Sowohl Reichskanzler Bismarck, als auch die Mehrheit der Abgeordneten im Deutschen Reichstag lehnten jegliche kolonialpolitischen Ambitionen strickt ab. Weshalb die Reichsregierung diesem Bereich so eisern entgegenstand ist bisher noch nicht abschließend geklärt. Manche Historiker behaupten, dass Bismarck insgeheim schon immer überseeischen Besitzungen für das Reich anstrebte, jedoch der Sicherung des Friedens in Europa den Vorzug gab. Andere meinen, dass Bismarck auch nach der Erteilung des ersten Reichsschutzes 1884 kein Verfechter der Kolonialidee gewesen sei.
Die tatsächlichen Absichten, die Bismarck schließlich dazu veranlassten deutsche Schutzgebiete in Übersee zu erwerben, bleiben uns verschlossen. Es gibt jedoch eine Vielzahl von Gründen, die für seine damalige Entscheidung sprechen. Zum einen befand sich das Deutsche Reich in den siebziger Jahren des 19. Jh. in einer wirtschaftlichen Krise, zum anderen konnte die steigende Abwanderung in außereuropäische Gebiete nicht wirksam bekämpft werden. Des Weiteren drängten weite Kreise der deutschen Bevölkerung auf den Einstieg in die koloniale Expansion des Reiches. Einen neuen Kurs erhielt die deutsche Kolonialpolitik mit dem Wechsel an der Spitze des Deutschen Reiches. Kaiser Wilhelm II. und der neue Reichskanzler General Leo von Caprivi versuchten eine neue Richtung einzuleiten, die dem Deutschen Reich einen größeren Stellenwert in Europa einbringen sollte. Caprivi führte die Politik zumeist noch im Sinne Bismarcks fort, so dass die Sicherheitslage in Europa nicht ernstlich gefährdet wurde. Der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow schlug dabei weitaus härtere Töne an und manövrierte durch die kolonialen Vorstellungen des Kaisers getrieben, das Deutsche Reich ins politische Abseits.
Die Strategien, die Bismarck, Caprivi, Hohenlohe, Bülow und der Deutsche Kaiser im Zeitalter des Imperialismus zur Durchsetzung ihrer Ziele anwendeten, soll in dieser Arbeit näher beleuchtet werden. Zum Beginn ist jedoch die Klärung von Definitionen und die Abgrenzung zentraler Begriffe von Nöten. Im nächsten Abschnitt wird auf Gründe, Motive und Maßnahmen eingegangen, die zunächst zur Ablehnung der kolonialen Idee und dann doch zu ihrer Realisierung führten.
6
Im vierten Abschnitt sollen ausgewählte Problemlagen deutscher Kolonialpolitik bis zum Rücktritt Bülows untersucht werden. Dabei werden die unterschiedlichen Absichten deutlich gemacht, die hinter der Kolonialpolitik des Deutschen Reiches unter den verschiedenen Reichskanzlern steckten.
Schließlich soll im fünften Teil der Arbeit ein Einblick in die „Musterkolonie Togo“ gegeben werden. Togo galt schon zu damaliger Zeit als Vorzeigeobjekt deutscher Kolonialtätigkeit. Wie es zu diesem Mythos kam und warum er aus heutiger Sicht nur begrenzt erhalten werden kann, wird im Rahmen der Prüfung aller Umstände dargelegt. Am Ende soll eine kurze Zusammenfassung noch einmal den Wandel der deutschen Kolonialpolitik darlegen und versuchen, die Beweggründe der deutschen Regierungen für ihre Schritte zu erklären
2. Fachwissenschaftliche Begriffsklärung
2.1 Imperialismus
2.1.1 Definition
In der Begriffsdefinition Winfried Baumgarts ist der Imperialismus in erster Linie kein Begriff, sondern ein Inbegriff. Er versteht ihn als Schlagwort. Dieses zwar abgegriffen, hat jedoch so viele Facetten, dass er in vielfältigen Formen vorkommt. In einer allgemeinen gültigen Definition beschreibt er den Imperialismus als „die Herrschaft oder Kontrolle einer Sozialgruppe über eine andere“ 2 . Er führt weiter aus, dass der Imperialismus unterschiedlichste Prägungen aufweisen kann. Laut Baumgarts Definition können sie „geplant oder ungewollt, bewußt, halbbewußt oder unbewußt, direkt oder indirekt, physisch oder psychisch, offen oder verdeckt sein“ 3 . Mommsen beschreibt den Imperialismus allgemein gefasst als „Prozess der territorialen Expansion der großen Industriestaaten in die überseeischen Räume, mit dem Ziel der Begründung eigener Kolonien oder gar Weltreiche.“ 4
2 Baumgart, Winfried: Der Imperialismus - Idee und Wirklichkeit der englischen und französischen Kolonialexpansion 1880-1914, Wissenschaftliche Paperbacks 7, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Wiesbaden 1975, S. 1.
3 Ebd.
4 Mommsen, Wolfgang J.: Imperialismus - Seine geistigen, politischen und wirtschaftlichen Grundlagen, Hamburg 1977, S. 19.
7
Darüber hinaus weist er darauf hin, dass der Imperialismus nicht nur den Zeitraum von 1880 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges umfasst. Mommsen macht deutlich, dass „sich der Imperialismus keineswegs auf formelle territoriale Kontrolle beschränkt hat, sondern daneben zahlreiche Formen indirekter Herrschaft bestanden, sei es in Form nur handelspolitischer Nutzung überseeischer Territorien, gestützt auf wenige imperialistische Vorposten, meist in den Küstenregionen, sei es durch Handelsaustausch und wirtschaftliche Durchdringung unter Aufrechterhaltung formell selbständiger, indigener Herrschaftsstrukturen.“ 5
Von der Entstehung des Wortes her ist der Imperialismus verbunden mit dem Aufbau von Imperien und Reichen. Somit ist der Begriff des Imperialismus anwendbar auf alle Epochen, in denen ein Volk seinen Machtbereich über andere Gebiete und Völker vergrößerte. 6
Der Begriff des Imperialismus wurde zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlicher Auslegung gebraucht. Zunächst bezeichnete man in der zweiten Hälfte des 19. Jh. mit Imperialismus noch die Politik der Ausweitung des Territoriums, so wie sie Napoleon III. betrieben hatte. 7
In England wurde der Begriff in den Siebzigern des 19. Jh. für parteipolitische Streitigkeiten gebraucht, bis er zum Synonym für die Ausdehnung der europäischen Mächte, aber auch der Vereinigten Staaten und Japans wurde. Mit Imperialismus wurde nicht nur die Ambition territorialer Expansion beschrieben, der Begriff verdeutlichte gleichzeitig das Verhältnis der Kolonialmächte zueinander. Es war getrieben von Prahlerei, Egoismus und Demonstrationen militärischer Macht.
Sozialistische und marxistische Kreise fügten der Bedeutung des Begriffs später noch die sozialökonomische Komponente hinzu. Lenin kritisierte beispielsweise den „Feudalimperialismus“ des russischen Zarenreiches oder den „kapitalistischen Imperialismus“, bei dem die Industriestatten aufgrund ihrer Überproduktion und fehlender Absatzmärkte sich gegenseitig bedrängen um ihren Überschuss abzusetzen. 8 Diese Auslegung des Imperialismusbegriffes vertritt beispielsweise auch Hans-Uhlrich Wehler, der vom „Sozialimperialismus“ spricht und damit „die Notwenigkeit der
5 Mommsen: Imperialismus, S. 20.
6 Vgl. Baumgart: Der Imperialismus, S. 1.
7 Vgl. Hampe, Peter: Die ,ökonomische Imperialismustheorie’, München 1976, S 4.
8 Vgl. Baumgart: Der Imperialismus, S. 2.
8
überseeischen Expansion aus vornehmlich sozialökonomischen Motiven und aus Rücksicht auf die Stabilität einer bestimmten politischen Ordnung“ 9 meint.
2.1.2 Etappen
Der Imperialismus kann in drei Phasen eingeteilt werden. Zum einen in den a.) Imperialismus des Altertums, des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, zum zweiten in die Phase des b.) „informellen Imperialismus“, und drittens in die Phase des c.) „klassischen Imperialismus“. Da dem klassischen Imperialismus, der in dieser Arbeit näher beleuchtet werden soll, Früh- und Vorphasen des Imperialismus vorausgehen, werden auch diese hier kurz umrissen.
a.) Imperialismus des Altertums, Mittelalters und der Frühen Neuzeit
Erste Herrschaftsausdehnungen gab es schon im alten Ägypten. Nach der Absetzung Hyksos schufen die Ägypter ihr „neues Reich“ indem sie sich sowohl nach Westen, als auch gen Osten ausdehnten.
Auch die Römer ließen ihr Reich wachsen, indem sie sich die eroberten Gebiete einverleibten. Die Römer ließen der Bevölkerung der eingegliederten Länder jedoch Mitbestimmungsrechte. Dies lieferte den Vorteil, dass eine Vielzahl an Ethnien in das Reich eingegliedert waren und es deshalb zu wenigen Aufständen kam. Für das Mittelalter ist das Frankenreich oder das Osmanische Reich zu nennen. Mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus begann auch dort die Kolonialisierung. Weitere Konquistadoren wie Heráan Cortés und Francisco Pizarro folgten ihm und eroberten das Land. Ihre Eroberungszüge waren geprägt von Unterdrückung, Folter und Vernichtung der dortigen Hochkulturen. 10
9 Wehler, Hans-Ulrich (Hrsg.): Imperialismus, Köln/Berlin 1970, S. 85.
10 Vgl. Baumgart: Der Imperialismus, S. 1.
9
b.) „informeller Imperialismus“
Die Phase des „informellen Imperialismus“, der auch als Frühimperialismus bezeichnet wird, beschreibt die Zeit von 1815 bis zum Beginn des klassischen Imperialismus um 1880. Die Theorie vom informellen Imperialismus geht auf Charles Ryle Fay zurück und wurde von John Gallagher und Ronald Robinson weiterentwickelt. Sie beschreibt das Verhältnis Englands zu seinen Kolonien nach den napoleonischen Kriegen. Laut Fay stand die britische Regierung ihren Kolonien in dieser Zeit gleichgültig gegenüber. Es wurde die Freihandelspolitik propagiert, so dass man mit den eigenen Kolonien nur noch die notwendigen Beziehungen aufrechterhielt. Laut der Theorie des Frühimperialismus bereitete die englische Regierung sogar die vollständige Loslösung vom Muterland vor, da sie durch das Prinzip des Freihandels nicht mehr auf sie angewiesen war. Gallagher und Robinson erweiterten die Theorie. Sie beschränkten die Theorie darauf, dass die Briten möglichst wenig Einfluss auf die Politik der Kolonien ausübten, ihre kommerziellen Handelsinteressen jedoch gesichert sehen wollten. Eine solche Darlegung der Theorie des „informellen Imperialismus“ würde jedoch bedeuten, dass das Jahr 1880 nicht als Beginn des klassischen Imperialismus anzusehen wäre, da England seine Freihandelspolitik auch danach fortgesetzt hatte. Die Diskussion um die Phase des „informellen Imperialismus“ ist noch nicht abgeschlossen, es gibt sowohl Befürworter als auch Gegenstimmen. 11
c.) „klassischer Imperialismus“
Der Beginn des „klassischen Imperialismus“, um den es in dieser Arbeit gehen soll, ist um das Jahr 1880 zu sehen. Sicherlich gibt es auch Auffassungen die für einen Begin 1979 plädieren, als es zu starken Spannungen zwischen England und Frankreich kam. Andere Stimmen sehen den Beginn im Jahre 1882, als England Ägypten besetzte. In jedem Fall kann man sich darauf einigen, dass der Start zum imperialen Wettlauf der Mächte zwischen den Jahren 1879 und 1882 erfolgte.
Schwierig gestaltet sich hingegen die Festlegung auf das Ende des Imperialismus. Während manche Historiker das Ende des Zeitalters am Beginn bzw. am Ende des Ersten
11 Vgl. Baumgart: Der Imperialismus, S. 4.
10
Weltkrieges sehen, so gehen andere Geschichtsforscher weiter und setzten die Grenze erst am Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Entkolonialisierung einsetzte. 12 Die Phase des „klassischen Imperialismus“ war geprägt von der territorialen Ausdehnung der europäischen Mächte, der USA und Japans. Vor allem politische und wirtschaftliche Gründe beeinflussten dabei das Handeln der Länder. Das Hauptaugenmerk der europäischen Länder lag in der Kolonisierung Afrikas. Dies darf jedoch nur als Teil des „klassischen Imperialismus“ verstanden werden, da er auch durch aggressiven Konkurrenzkampf der Mächte und wirtschaftspolitische Strategien geprägt war. 13
2.2 Kolonialismus
2.2.1 Kolonie
Wenn ein Gebiet keiner eigenen Staatsgewalt untersteht, sondern derjenigen eines Schutz gewährenden Staates, „so sind ihre Beziehungen zueinander staatsrechtlicher Art und die Schutzgewalt ist ein Ausfluß der Souveränität des europäischen Staates über das Schutzgebiet“ 14 Hierbei spricht man von einer Kolonie.
Kolonien können sowohl im politischen, als auch im wirtschaftlichen oder rechtlichen Sinne äußerst verschiedenartig sein. Deshalb bildeten sich unterschiedliche Typen von Kolonien aus. Je nachdem, welcher Gesichtspunkt der Kolonie in den Focus rückt, unterscheidet man sie in Handelskolonie, Pflanzungskolonie oder Siedlungskolonie. 15
2.2.2 Schutzgebiet
Das Deutsche Koloniallexikon beschreibt Schutzgebiete als Länder in Übersee, die unter dem Schutz eines europäischen Staates stehen. Es unterscheidet dabei verschiedene Ausprägungen der Schutzherrschaft. Sofern das Schutzgebiet einen eigenständigen Staat
12 Vgl. Baumgart: Der Imperialismus, S. 2f.
13 Vgl. Mommsen, Wolfgang J.: Imperialismus, S. 20.
14 Schnee, Heinrich (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon, Bd. 3, Leipzig 1920 (RP Wiesbaden 1996), S. 312.
15 Vgl. Ebd., Bd. 2, S. 347.
11
bildet und der Schutz gebende Staat sich lediglich auf das Moment der Gewährleistung der Sicherheit beschränkt, so nennt man das ein Protektorat. 16 Da das Deutsche Reich nicht von Beginn an alle Staatsgewalt in vollem Umfang in den deutschen Erwerbungen ausübte, wurden diese zunächst „Schutzgebiete“ genannt. Mit der Zeit übernahm das Reich jedoch immer mehr staatsrechtliche Hoheitsrechte, so dass man bei den deutschen Schutzgebieten von Kolonien sprechen kann. 17
2.2.3 Kolonialpolitik
Als Kolonialpolitik kann die Politik eines Landes verstanden werden, die den Erwerb, den Aufbau, die Organisation und die Verwaltung kolonialen Besitzes betrifft. Die Aufgaben der Kolonialpolitik umfassen dabei die Veranlassung von Schutzmaßnahmen, den Aufbau staatlicher Einrichtungen, den Aufbau eines Verkehrswesens, einer Rechtspflege, eines Währungs- und Wirtschaftssystems sowie den Anschluss der Kolonie an die Außenwelt. 18 Im Gegensatz zu den meisten anderen Kolonialstaaten übte das Parlament im Deutschen Reich prägenden Einfluss auf die Kolonialpolitik aus, da es ein Bewilligungsrecht für Reichszuschüsse hatte und die Einnahmen und Ausgaben der deutschen Schutzgebiete überwachte. 19
3. Kolonialpolitische Strategien im Deutschen Reich
3.1 Ablehnung der Kolonialidee zu Beginn des Deutschen Reiches
Es gibt verschiedene Erklärungsversuche für die zunächst ablehnende Haltung Bismarcks gegenüber der kolonialen Idee. Einige Historiker meinen, dass Bismarck insgeheim immer Kolonien für das Deutsche Reich wollte, jedoch abwartete, um die Sicherheit in Europa nicht zu gefährden. Es ist jedoch wahrscheinlicher anzunehmen, dass Bismarck bis weit in die achtziger Jahre des 19. Jh. hinein den Erwerb von Kolonien für das Deutsche Reich aus innerer Überzeugung ablehnte. In seinen Reden im Reichstag machte er stets klar, dass
16 Vgl. Schnee: Deutsches Kolonial-Lexikon, Bd. 3, S. 312.
17 Vgl. Ebd.
18 Vgl. Ebd., Bd. 2, S. 338.
19 Vgl. Ebd. S. 336.
12
er ein kolonialpolitisches Engagement des Reiches kategorisch ablehnt und damit auch mit der Mehrheit der dort sitzenden Abgeordneten übereinstimmte. 20 Im Jahre 1868, also drei Jahre vor der Gründung des Deutschen Reiches, betrachtete Bismarck die Kolonialfrage sehr nüchtern. Er sah Vorteile im Handel Zwischen Kolonie und Mutterland, machte sich jedoch keine Illusionen dabei. Schon zu dieser Zeit wurde ihm klar, dass Kolonien nicht nur Vorteile brächten, sondern auch enorme Kosten verursachen würden. Die finanziellen Belastungen durch Gründung, Aufbau und Unterstützung müsste in jedem Fall das Mutterland schultern, während Industrielle, Händler und Kaufleute eigene Einnahmen generieren könnten.
Steuerlichen Lasten hätten auf alle Bürger des Reiches umgelegt werden müssen, was nur schwer vermittelbar gewesen wäre. Die Marine war noch unterentwickelt. Sie hätte die enorme Aufgabe des Schutzes der Kolonien nicht meistern können. Die Scheu Bismarcks vor kolonialen Ambitionen kann durch seine Annahme erklärt werden, das Deutsche Reich könne in seiner Wirtschafts- und Handelspolitik auch ohne Kolonien bestehen.
Mit denn Wirtschaftskrisen der 1870´er Jahre wurde jedoch klar, dass dem Deutschen Reich beim Kampf der um die Verteilung der verbliebenen, unkolonialisierten Gebiete Zeit verloren gegangen war. 21
Vertreter der Wirtschaft richteten ihre Wünsche nach überseeischen Gebieten immer wieder an den Reichskanzler. Neue Handelsstützpunkte wurden ebenso gefordert, wie auch Versorgungsstützpunkte oder Kohlestationen.
Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts richteten sich die Gedanken der Bürger in den deutschen Landen erstmals in Richtung Übersee. Neben dem aufkommenden
Nationalbewusstsein wuchs auch das Verlangen nach Erforschung ferner Länder. Diese anwachsende Begeisterung wurde jedoch nicht von allen geteilt. Der Deutsche Bund war in politischer Hinsicht viel zu schwach, um sich auf das koloniale Abenteuer einzulassen. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht war keine Einigkeit unter den Mitgliedsstaaten vorhanden, so dass auch keine Aktivitäten zu erwarten waren. Im besonderen Maße drängte das Bildungsbürgertum zum Engagement, aber vergebens. Einer der deutschen Fürsprecher kolonialer Gedankenspiele war der Ökonom Friedrich List. Er sah koloniale Erwerbungen in seiner Schrift „Das nationale System der politischen
20 Vgl. Steltzer, Hans Georg: Die Deutschen und ihr Kolonialreich, Darmstadt 1884, S. 15.
21 Vgl. Ebd., S. 15f.
13
Ökonomie“ als förderlichstes Mittel zur Errichtung einer Erfolg versprechenden Industrie mit florierendem Handel und einer starken Flotte.
Während List noch Gebiete im südosteuropäischen Raum großer Bedeutung beimaß, sahen andere Kolonialinteressierte eher den afrikanischen und amerikanischen Kontinent als Ziel etwaiger Bemühungen.
Bereits im Jahre 1868 gründete Forschungsreisenden Otto Kersten eine Gesellschaft für deutsche Auslandsinteressen. Diese Gesellschaft avancierte in den 1870´er Jahren zu einem der größten Verfechter deutscher Kolonialideen. 22
3.2 Gründe der strategischen Wende seit Mitte der achtziger Jahre des 19. Jh.
Reichskanzler Bismarck änderte seine Ansichten bezüglich der immer wieder aufkommenden Kolonialfrage sicher nicht intuitiv.
Das Deutsche Reich steckte schon wenige Jahre nach der Gründung in einer Krise. Das Reich hatte sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht mit Problemen zu kämpfen, als auch mit den zunehmenden Auswanderungsbestrebungen der eigenen Bevölkerung in die USA. Hinzu kam, dass die Kolonialfrage in der Bevölkerung immer mehr an Bedeutung gewann und Bismarck mit dem Aufgreifen dieses populären Themas die Opposition sowohl unter Druck setzen, als auch zukünftige Wahlen gewinnen wollte.
Man muss jedoch bemerken, dass auch der Reichskanzler selbst unter Druck stand, da eine Reihe von Gesellschaften gegründet wurden, die koloniale Interessen vertraten und nicht müde wurden, koloniale Besitzungen für das Deutsche Reich zu fordern. Des Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass auch das Verhältnis des Reiches zu anderen europäischen Ländern eine Rolle bei der Entscheidung für überseeische Gebiete gespielt hatte. 23
22 Vgl. Steltzer, Hans Georg: Die Deutschen und ihr Kolonialreich, S. 13.
23 Vgl. Ebd., S. 15.
14
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Stephan Porath, 2008, Kolonialpolitische Strategien des Deutschen Reiches im Zeitalter des Imperialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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