Inhalt
A. Welches ist die leitende Fragestellung der Politeia? 2
B. Geben Sie eine kurze Darstellung des gedanklichen Aufbaus der Politeia. 2
C. Geben Sie eine Darstellung der Seelenkonzeption Platons in der Politeia. 3
D. Wie verhalten sich Seelenkonzept und Gemeinschaftsverfassung zueinander? 6
E. Interpretieren Sie das Sonnengleichnis und das Liniengleichnis. 9
F. Geben Sie eine Darstellung der Verfassungen, der ihnen entsprechenden Menschentypen
und des Verfassungswandels (543a-576b) 13
G. Stellen Sie in Grundzügen Platons Dichterkritik dar (595a-608b) 18
Literatur 20
1
A. Welches ist die leitende Fragestellung der Politeia 1 ?
Die zentrale Fragestellung in Platons Politeia lautet: Was ist Gerechtigkeit und warum ist sie der Ungerechtigkeit vorzuziehen?
„Glaukon nun und die anderen baten mich [Sokrates, D. S.], auf alle Weise ihr [der Gerechtigkeit, D. S.] zu helfen und die Rede nicht loszulassen, sondern auszuforschen, was jedes von beiden [Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, D. S.] sei und wie es sich mit ihrem Nutzen nach der Wahrheit verhalte.“ (368c) Platon lässt Sokrates diese Frage anhand der Beschreibung der menschlichen Seele und des
titelgebenden Staatswesens beantworten. 2
B. Geben Sie eine kurze Darstellung des gedanklichen Aufbaus der Politeia.
Platon teilt seine Politeia in zehn Sinnabschnitte in Form von zehn Büchern. Bereits im ersten Buch wird die Frage nach dem Wesen der Gerechtigkeit aufgeworfen. Es werden einige pragmatische Definitionen der Gerechtigkeit gegeben. Schließlich wird die These vorgestellt, Ungerechtigkeit sei der Gerechtigkeit vorzuziehen, da sie nützlicher sei. Es wird behauptet, der ungerechteste aller Menschen sei zugleich auch der glücklichste, während der gerechteste der unglücklichste sei:
„Am allerleichtesten aber wirst du es erkennen, wenn du dich an die vollendete Ungerechtigkeit hältst, welche den, der Unrecht getan, zum glücklichsten macht, die aber das Unrecht erlitten haben und nicht wieder Unrecht tun wollen, zu den elendsten. Dies aber ist die sogenannte Tyrannei.“ (344a) Zur Bestätigung dieser These werden zu Beginn des zweiten Buches weitere Argumente aufgeführt. Es wird behauptet, die Gerechtigkeit habe keinen Wert an sich. Lediglich der nützliche Schein der Gerechtigkeit, als Werkzeug der höchsten Ungerechtigkeit, sei hoch zu schätzen.
Im Anschluss daran wird die Gegenthese aufgestellt, Gerechtigkeit sei ein Gut an sich und der Ungerechtigkeit vorzuziehen:
„Zeige uns [Sokrates] nun in deiner Rede nicht nur, daß Gerechtigkeit besser ist als Ungerechtigkeit, sondern als wozu machend den, der sie hat, jede von beiden an und für sich selbst die eine ein Übel ist und die andere ein Gut.“ (367b)
Ihr weitausschweifender Beweis nimmt die Bücher zwei bis vier der Politeia ein. Zunächst wird in aller Ausführlichkeit ein nach Platons Vorstellung wohlgeordnetes Gemeinwesen beschrieben, dem die Merkmale gerecht und glücklich zugeschrieben werden. Anhand dieser Darstellung erklärt Platon seine Gerechtigkeitskonzeption. In einem nächsten
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Die vorliegende Arbeit stützt sich auf die Übersetzung von Friedrich Schleiermacher. Vgl. Platon: Politeia. In: Ders.: Sämtliche Werke. Hg. von Burghard König. Bd. 2: Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia, Phaidros. Reinbek b. H. 2006 31 , S.195-537.
2 Bei der Politeia handelt es sich um einen von Plato geschilderte fiktive Aneinanderreihung von Dialogen zwischen dem Philosophen Sokrates und zahlreichen Nebenfiguren, wie z.B. dem Sophisten Thrasymachos oder dem jungen Athener Glaukon. Im Folgenden wird nicht weiter auf die Aussagen der einzelnen Figuren eingegangen, sondern die zu Grunde liegende Position Platons erläutert, die sich aus ihnen ableiten lässt.
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Schritt wird die menschliche Seele in strukturelle Analogie zu der Polis gesetzt. 3 Seele und Staat werden dieselben Gerechtigkeits- und Glückskriterien zugeschrieben. 4 Im fünften Buch werden die Kriterien zur Realisierung des gerechten Staates genannt, wobei das Grundlegende die Philosophenherrschaft ist. Im siebten und achten Buch der Politeia begründet Platon dieses Kriterium, indem er seine Philosophen- und Philosophiekonzeptionen erläutert. Um zu verdeutlichen, dass der gerechte Staat und der gerechte Mensch die glücklichsten sind, werden sie im achten und neunten Buch in einen Vergleich zu vier weiteren Staatsformen und den ihnen entsprechenden Menschentypen gestellt, die sich aus bestimmten Abweichungen von Platons Gerechtigkeitsideal ergeben. Dabei zeigt sich, dass mit der Zunahme an Ungerechtigkeit in Polis und Seele ihr Glücksgehalt abnimmt. Der ungerechteste Mensch ist auch der unglücklichste:
„[D]er schlechteste aber und ungerechteste sei aber auch der unseligste, und dies sei der am meisten tyrannisch Gesinnte und auch sich selbst und auch sich selbst als auch den Staat so tyrannisch als möglich Beherrschende.“ (580b)
Am Ende des neunten Buches wird Platons Seelenkonzeption anhand eines Bildes noch einmal zusammenfassend veranschaulicht. Es wird aufgeführt, dass die Menschen ein intuitives Wissen um diese Seelenbeschaffenheit haben, weswegen auch die Vernünftigen unter ihnen die Gerechtigkeit der Ungerechtigkeit vorziehen.
Das zehnte Buch enthält Ergänzungen zu dem bisher Vorgestellten. Zunächst führt Platon seine bisher nur am Rande aufgeführte Kritik an der Dichtkunst als Gefährdung der Gerechtigkeit aus. Abschließend werden eine pragmatische sowie eine mythologische Begründung für die Überlegenheit der Gerechtigkeit gegenüber der Ungerechtigkeit geliefert.
C. Geben Sie eine Darstellung der Seelenkonzeption Platons in der Politeia.
Platon präsentiert in der Politeia seine Vorstellung vom Aufbau der menschlichen Seele sowie von ihrem Idealzustand und beschreibt wie dieser zu erreichen und zu erhalten ist. Grundlegend ist, dass Platon von einer dreigeteilten Seele ausgeht. Dass die Seele kein einheitliches Ding sein kann, begründet er mit der Beobachtung, dass wir oft gleichzeitig ganz entgegengesetzte Dinge wollen bzw. dass wir etwas gleichzeitig wollen und es nichtwollen können. Bei einer Einheitlichkeit der Seele ergäbe sich daraus ein Widerspruch, denn es ist unmöglich, dass ein und dasselbe Ding sich geleichzeitig in zwei entgegengesetzten Zuständen befindet.
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Gerechtigkeit und Glück führenden Faktoren besser erkennbar als dies bei der Seele der Fall ist. Deswegen lässt Platon Sokrates die gerechte Staatsverfassung vor der entsprechenden Seelenverfassung erörtern.
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Platon unterscheidet drei Seelenteile: erstens - das „Denkende und Vernünftige“ (439d), zweitens - das „Begehrliche“ bzw. „Gedankenlose“ (ebd.), also Unvernünftige, und drittens - das „Eifrige“ (441a), also das sich Ereifernde.
Dass das Vernünftige und das Unvernünftig-Begehrliche nicht eins sein können belegt Platon mit der Beobachtung, dass wenn der Mensch etwas will und gleichzeitig nicht will, die eine der ihn leitenden Kräfte eben meistens die Vernunft und die andere sein Begehren sei. Die beiden Kräfte wirken also gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen.
Die beiden ersten Seelenteile stehen in Opposition zueinander. Zum Vernünftigen gehört alles, was mit der Verstandestätigkeit bzw. Reflexion und Mäßigung zu tun hat. Zum Unvernünftigen gehören die irrationalen, ungestümer Begierden und Leidenschaften:
„[Das], womit die Seele überlegt und ratschlagt [wollen wir, D. S.] das Denkende und Vernünftige der Seele nennen, das aber, womit sie verliebt ist und hungert und durstet und von den übrigen Begierden umhergetrieben wird, das Gedankenlose und Begehrliche, gewissen Anfüllungen und Lüsten befreundete.“ (439d)
Für Platon ist das Vernünftige der einzige wahrhaft menschliche Seelenteil (Vgl. 588b-c). Die zahlreichen im unvernünftigen Seelenteil ansässigen Begierden werden von ihm mit einer Horde wilder Bestien verglichen, von denen jede, auf die eigene Befriedigung bedacht, in eine andere Richtung stürmt und die Seele hin und her reißt (Vgl. Ebd.). Das Begehrliche ist nicht einfach nur ein für das Vernünftige lästiger und im Grunde überflüssiger Seelenteil, denn es umfasst unter anderem lebensnotwendigen Verlangen wie „Durst“ (437d) und „Hunger“ (Ebd.). Es tendiert aber zu Maßlosigkeit, sodass aus „notwendigen“ (558d) uns „gewinnbringende[n]“ (559c) Begierden, wie eben Hunger, „nicht notwendig[e]“ (558d) und „verschwenderische“ (559c), wie Gefräßigkeit werden. Einzig das Vernünftige kann erkennen, was für die Seele als Ganzes gut ist und sollte deswegen über die Gesamtheit der Seele herrschen: „Nun gebührt doch dem Vernünftigen zu herrschen, weil es weise ist und für die gesamte Seele Vorsorge hat […]“ (441d).
Der dritte von Platon unterschiedene Seelenteil ist schwieriger zu fassen. Das sich Ereifernde ist eine innere Energie, eine Kraft, die Taten vorantreibt bzw. bremst und zwischen den beiden anderen Seelenteilen anzusiedeln ist. Es wird von Platon auch mit „Mut“ (439d) sowie „Zorn“ (Vgl. 440c) gleichgesetzt und mit einem „Löwen“ (588d) verglichen.
Als Argumente für die Unabhängigkeit des sich Ereifernden vom Begehrlichen in der Seele führt Platon durch Sokrates an, dass auch diese Kräfte gegeneinander wirken können. So kann sich ein Mensch, der seinen Begierden nachgibt, über die Niederlage seines Verstandes ereifern und deswegen zürnen. Als Argument für die Unabhängigkeit des Eifers vom vernünftigen Teil der
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Seele weist er darauf hin, dass auch Kinder und Tiere, die nur in verringertem Maße bzw. gar nicht über Vernunft verfügen, einen starken inneren Antrieb haben.
Das sich Ereifernde kann als das, was man landläufig unter Mut oder Zorn versteht, nach außen wirken. Wichtiger ist aber, dass es sich auch gegen innere Vorgänge richten und als Mittler zwischen den beiden anderen Seelenteilen fungieren kann. Platon geht davon aus, dass das sich Ereifernde normalerweise dem schwachen Vernünftigen Teil der Seele unterstützend zur Seite steht und diesem hilft, den überstarken begehrenden Teil zu beherrschen: „Merken wir nun nicht auch anderwärts oftmals, sagte ich, wenn jemanden Begierden gegen seine Überlegungen zwingen, daß er selbst schimpft und sich ereifert über das Zwingende in ihm? Und daß also in dem Aufstande beider gegeneinander der Eifer eines solchen ein Verbündeter der Vernunft wird? Daß er sich aber zu den Begierden gesellen sollte, wenn die Vernunft ausspricht, daß man etwas nicht tun soll, dieses […] wirst du nicht sagen können, daß du jemals bei dir selbst bemerkt hättest, daß es geschehen sei, noch bei anderen.“ (440a-b) 5
Das Vernünftige in der Seele hat also die Aufgabe zu herrschen, dass sich Ereifernde hat die Aufgabe es zu unterstützen und dem Unvernünftigen bleibt nur die Aufgabe sich beherrschen zu lassen und nicht gegen die Fremdherrschaft aufzubegehren. Wenn die drei Seelenteile auf diese Weise zusammenarbeiten, ohne dass die beiden schlechteren gegen den besseren aufbegehren, befindet sich die Seele in ihrem harmonischen Idealzustand. Diesen Zustand, in dem die größtmögliche Einheit der geteilten Seele erreicht ist, nennt Platon „Besonnenheit“ - „des von Natur aus Besseren und Schlechteren Zusammenstimmung darüber, welches von beiden herrschen soll […] (Vgl. 432a).
Eine solche Seele ist nach Platons Verständnis auch gerecht. Die Gerechtigkeit eines Dings besteht nach Platons Definition darin, dass jeder seiner Teile genau das verrichtet, was ihm zukommt - „das Seinige tut“ (433e). Eine Seele, in der ein oder mehrere Teile eine fremde Aufgabe übernommen haben bzw. mehr als eine Aufgebe auf einmal verrichten, ist demnach
ungerecht. 6
Gerechtigkeit und Besonnenheit, die Zustände der gesamten Seele darstellen, sowie Weisheit und Tapferkeit, die Platon dem Vernünftigen bzw. dem sich Ereifernden zuschreibt, sind die Haupttugenden der klassischen Philosophie, die eine Seele im Idealzustand alle aufgewiesen
muss. 7
In der Politeia ist der Mensch mit seiner Seele identisch, weswegen sich ein gerechter Mensch hier primär über den Idealzustand der Seele, nicht über seine Taten definiert:
5 Diese Auffassung steht im Widerspruch zu dem Argument, auch unvernünftige Kinder und Tiere verfügten über Eifer. Vgl. Ebd., S.165.
6 Besonnenheit und Gerechtigkeit bezeichnen im Grunde zwei Aspekte desselben Zustandes. Während die Gerechtigkeit die angemessene Aufgabenverteilung innerhalb des Ganzen bezeichnet, geht es bei der Besonnenheit um die reibungslose Zusammenarbeit der einzelnen Teile. Vgl. Ebd., S.157f.
Arbeit zitieren:
Dominika Sobecki, 2008, Zu Platons "Politeia", München, GRIN Verlag GmbH
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