1. Einleitung
Der Übergang von der Grund- in eine weiterführende Schule stellt für Kinder, Eltern und Lehrer etwas Besonderes dar. Jährlich wechseln rund 750 000 Schüler nach der vierten Klasse in die Sekundarstufe I, wobei die Tatsache, für welche Schule sie - oder auch ihre Eltern und Lehrer - sich entscheiden, eine wichtige Statusvorentscheidung ist. Dabei können Schullaufbahnentscheidungen individuell durch die Schüler oder die Eltern getroffen werden, oder es erfolgt eine institutionelle Entscheidung. Eine wichtige Prognose, die die Entscheidung über die Wahl der Schulform erleichtern soll, bzw. in Baden-Württemberg und Hessen die Schule gänzlich über die Verteilung der einzelnen Schüler an jeweilige Schulformen urteilen lässt 1 , liefert die Eignungsfeststellung, deren Zuverlässigkeit bis heute umstritten ist. Die Aufgabe, vielen Eltern eine Orientierungs- oder Entscheidungshilfe in Bezug auf den Übergang ihres Kindes zu geben, liegt in der Hand der Lehrer, denn neben der didaktischen und evaluativen Funktion der Schulleistungsdidaktik ist es weiterhin ihre Aufgabe, Entscheidungsfunktionen schulischer Leistungsanalysen zu ermöglichen. In dieser Arbeit möchte ich zunächst klären, welche Inhalte der Begriff Eignung und Eignungsfeststellung in diesem Zusammenhang überhaupt umfasst und gehe auch auf die theoretischen Inhalte der Eignungsfeststellung ein. Anschließend geht ein Überblick über die individuellen Bedingungsfaktoren der Schulleistung der Frage nach, aus welchen Kriterien sich Schulleistung zusammensetzt. Weiter beschäftige ich mich mit Fragen wie „Welche Verfahren stehen den Lehrern zur Eignungsfeststellung zur Verfügung?“ und „Wie sicher sind Prognosen, die mit Hilfe dieser Verfahren erstellt werden?“
Nicht umfasst die Arbeit eine Auseinandersetzung mit dem Verfassen von Gutachten oder der Beratung der Eltern durch den Lehrer. Auch gibt es viele andere Themen, die mit dem Übergang eines Schülers auf die weiterführende Schule in engem Zusammenhang stehen und diesen beeinflussen (wie die soziale Herkunft oder der Migrationsstatus) und welche nicht aufgegriffen werden.
1 Vgl.: Koch, Katja: Von der Grundschule zur Sekundarstufe. In: Helsper, W./ Böhme, J. (Hrsg.): Handbuch der Schulforschung. Wiesbaden 2004, S. 554.
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2. Zur Theorie der Eignungsfeststellung
Ganz allgemein steht der Begriff Eignung als „Bezeichnung für den Grad der Möglichkeiten eines Individuums, in einem bestimmten Bereich auf Grund schon ausgebildeter Fertigkeiten oder auf Grund schon ausgebildeter Fertigkeiten oder auf Grund noch auszubildender Fähigkeiten ein bestimmtes Leistungsniveau zu erreichen.“ 2 Im Kontext der Schullaufbahnentscheidungen interessieren wir uns für diesen Begriff, da unser Bildungssystem eine differenzierte Bildung vorschreibt - die Sekundarstufe in NRW beispielsweise in verschiedene Schulen (Haupt-, Real- und Gesamtschule, sowie Gymnasium) eingeteilt ist, welche über unterschiedliche Curricula mit unterschiedlichen Anforderungen an die Schüler verfügen, sodass eine Selektion hinsichtlich ihrer Eignung unerlässlich bleibt.
Bei einer selektiven Übertrittsentscheidung soll hier eine Teilgruppe aus einer größeren Gruppe ausgewählt werden, die besonders für die jeweilige Schulform geeignet ist. Es muss in diesem Kontext eine Mindestwahrscheinlichkeit geben, die besagt, dass diese Schüler auch erfolgreich sind, wenn sie sich in der neuen, veränderten Schulsituation befinden. 3 Schüler, die die erforderlichen Kriterien nicht erfüllen, werden abgelehnt. Die folgende Auseinandersetzung mit dem Thema beschäftigt sich mit Eignungstests, die den späteren Schulerfolg vorhersagen sollen. Der Begriff des Eignungstests wird allgemein folgendermaßen definiert und unterstreicht den eben erwähnten Sachverhalt: „Testverfahren, die die Messung des gegenwärtigen Leistungsniveaus eines Individuum in einem, bestimmten Leistungsbereich erlauben sollen oder die darauf abzielen, diejenigen Eigenschaften zu erfassen, welche die in Rede stehende Leistung bestimmen. In diesem Fall werden Prognosen künftiger spezieller Leistungen möglich, die dann erbracht werden können, wenn die vorgefundenen Fähigkeiten entsprechend ausgebildet werden. Der Grad, in dem eine solche Vorhersage gelingt, hängt von der Validität des betreffenden Verfahrens ab. Heute werden bei Eignungstests in der Regel Kombinationen verschiedenartiger Testverfahren angewandt. Neben der Prüfung einzelner spezifischer Fertigkeiten oder Funktionen berücksichtigt man auch allgemeinere intellektuelle und persönlichkeitsspezifische Eigenschaften.“ 4
2 Bibliographisches Institut Mannheim: Meyers großes Universal Lexikon. Bd. 4. Mannheim 1981, S. 210.
3 Vgl.: Krapp, Andreas: Prognose und Entscheidung. Zur theoretischen Begründung und Differenzierung der pädagogisch-psychologischen Prognose. Weinheim 1979, S. 115.
4 Bibliographisches Institut Mannheim: Meyers großes Universal Lexikon. Bd. 4. Mannheim 1981, S. 210.
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In Bezug auf die Schule heißt das genau, dass eine Schulerfolgsprognose gemacht wird, um einen Schüler in das differenzierte Schulsystem nach der Grundschule einordnen zu können. Vor allem Zensuren, die den Lernerfolg dokumentieren, zählen als Prädikatoren für den späteren Schulerfolg. Sie ergeben einen Gesamteindruck der schulischen Leistung, in die auch informelle Lernbereiche mit einbezogen werden. Einer Aufnahme und Verarbeitung von Informationen folgt also die Entscheidung über den weiteren Werdegang eines Individuums. Krapp formuliert den Sachverhalt folgendermaßen:
„Der Entscheidungsträger ist in jedem Falle die Bildungsinstitution, die über die Laufbahnzuweisung verfügt. Das Ziel der Prognose ist es, die bestmögliche Auswahl zu treffen. Die Chance, dass ein Bewerber an der weiterführenden Schule erfolgreich ist, soll möglichst gut sein.“ 5
Zeitlich wird der Prognosezeitraum durch t1 (Zeitpunkt der Entscheidung) und t2 (Zeitpunkt des Laufbahnendes) begrenzt. Es ist also eine Theorie erforderlich, die Aussagen über „Gesetze, Hypothesen und Vermutungen über den Zusammenhang zwischen den zum Zeitpunkt t1 beobachtbaren Prädikatoren (Schülermerkmale, Leistungsvoraussetzungen) und den erst zum Zeitpunkt t2 beobachtbaren Leistungskriterien“ 6 macht. Ziel ist es also, den Grad der Erfolgswahrscheinlichkeit durch die Feststellung der Eignung, die das Individuum einer bestimmten Schule zuordnet, als für alle gleichermaßen gültiges Entscheidungskriterium heranzuziehen. Ob die Vorhersage der Eignung sich als richtig erweist, kann erst mit dem erfolgreichen Schulabschluss, zum Beispiel dem Abitur, des Schülers gesehen werden. Oben festgehalten sind Ziele und Aufgaben der Prognose. Wie kann nun erreicht werden, dass diese Prognose der Richtigkeit entspricht? Nach der Frage der Güte des Messwertes stehen drei Kriterien zur Verfügung, die hier dargestellt werden sollen und in den Kontext der Situation der Eignungsfeststellung gestellt werden:
Die Reliabilität (Zuverlässigkeit) bezeichnet den Grad der Genauigkeit der Messung. Messungen sollen unabhängig vom Zeitpunkt und Umständen der Messung sein. Zeigen die Ergebnisse eines Tests , dass ein Schüler zum Zeitpunkt seines Überganges in die weiterführende Schule für das Gymnasium geeignet ist, so soll dies auch noch der Fall
5 Vgl.: Krapp, Andreas: Prognose und Entscheidung. Zur theoretischen Begründung und Differenzierung der pädagogisch-psychologischen Prognose. Weinheim 1979, S. 115f.
6 Ebd.: S. 117.
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sein, wenn er bereits die achte Klasse besucht. Unterschiedliche Untersuchungen desselben Objektes sollen das selbe Ergebnis bringen. Messwerte sind dann valide (Validität), wenn sie das zu messende Merkmal repräsentieren. Es soll also auch das erfasst werden, was man wirklich erfassen will. Mit einem Eignungstest soll zum Beispiel genau festgestellt werden, ob ein Schüler Wissen über im Unterricht behandelte Inhaltsbereiche darlegen kann und nicht etwa, wie er sich ausdrücken kann.
Das letzte Kriterium ist die Objektivität. Jedes Urteil sollte unabhängig vom individuellen Beurteiler sein - demzufolge sollten unterschiedliche Beurteiler zum selben Ergebnis kommen. Der Lehrer sollte seine Entscheidung nicht etwa mit seinen Gefühlen begründen oder fällen.
Es empfiehlt sich also, ein diagnostisches Instrumentarium heranzuziehen, welches auf der einen Seite den formalen Messgütekriterien (Objektivität, Zuverlässigkeit und Gültigkeit) nachkommt, sowie auch die umfassenden schulerfolgsrelevanten Determinanten kognitive und nicht kognitive Schülermerkmale, wie auch soziale Determinanten mit einbezieht. Man geht davon aus, dass frühere und aktuelle Lernleistungen einen Anhaltspunkt für die weitere Entwicklung eines Schülers geben. 7 Im Folgenden werden wir sehen, dass es notwendig ist, objektive sowie subjektive Verfahren zur Erfassung und Vorhersage der kognitiven und nicht-kognitiven Leistungen eines Schülers anzuwenden. Zunächst folgt eine Auseinandersetzung mit den individuellen Bedingungsfaktoren der Schulleistung. Danach sollen verschiedene praktische Verfahren dargestellt werden, die zur Schülerbeurteilung herangezogen werden.
7 Vgl.: Heller, Kurt A.: Schülerbeurteilung und Schullaufbahnberatung. In: Leistungsdiagnostik in der Schule. Bern 1984, S. 20.
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3. Individuelle Bedingungsfaktoren der Schulleistung
Umstritten ist allgemein, welche Kriterien genau in die Erfolgsbewertung eingehen sollen. Prinzipiell könnte zur Feststellung der Eignung eines Schülers die Betrachtung aller Bedingungsvariablen der Schulleistung in Frage kommen. Deshalb sehen wir uns zunächst einmal die individuellen Bedingungsfaktoren an, die an der Ausbildung der Schulleistung teilhaben.
Die hier dargestellte Graphik zeigt die Faktoren, die die Leistung eines Schülers in der Schule verändern und als Prädikatoren (Vorhersagevariablen) für zukünftige Schulleistungen zu sehen sind. Die Prädikator-Kriteriumszusammenhänge variieren dabei in Bezug auf Alter, Geschlecht und Art der Schulleistung. Besonders hervorzuheben ist, dass im Bereich des Grundschulalters vor allem Intelligenz und Vorwissen, weniger jedoch Motivation und nichtkognitive Leistungsbedingungen die Varianz der Schulleistung beeinflussen. 8
(Quelle: Christiani u. Heller: Übergang in weiterführende Schulen, S. 106.)
3.1 Zur Schülerpersönlichkeit
Die kognitiven Lernvoraussetzungen umfassen Bereiche wie das Sprachverständnis, Rechenfähigkeit, geistige Selbstständigkeit, Kreativität, Vorkenntnisse, Produktivität, Gedächtnis- und Kritikfähigkeit, etc.
8 Vgl.: Weinert, Franz E./Helmke, Andreas (Hrsg.): Entwicklung im Grundschulalter. Weinheim 1997, S. 186.
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Viele Untersuchungen zielten auf den Zusammenhang von Intelligenz und Schulleistung ab. Dabei hat sich gezeigt, dass Schüler, die in Tests einen guten Prognosewert von Intelligenz- oder kognitiven Fähigkeiten aufweisen, erfahrungsgemäß ein gutes Arbeits-und Konzentrationsverhalten sowie gute Zensuren zeigen. Er kann daher als zuverlässig angesehen werden. Bei einem großen Teil der Schüler ist dies jedoch nicht der Fall. Liegt eine durchschnittliche oder unterdurchschnittliche Intelligenz eines Schülers vor, so wird sein Leistungsverhalten bedeutend mehr durch Konzentration, Arbeitsverhalten und dergleichen beeinflusst. 9
Die Auswirkung der Kreativität auf das Leistungsverhalten wurde ebenfalls untersucht. Leider liegen hier durch ungenaue theoretische Konzeptualisierungen unterschiedliche Ergebnisse der Untersuchungen vor. Generell lässt sich jedoch sagen, dass das Wesen der Schule und vor allem Leistungstests und Lernziele den Schülern nicht viel Raum für den Gebrauch ihrer Kreativität geben. Unter bestimmten Bedingungen kann ein hoher Anteil an kreativen Fähigkeiten dem Schüler sogar zum Nachteil werden. 10 Zu den schulischen Vorkenntnissen liegen eindeutige Forschungsergebnisse vor, die zeigen, dass es in der Grundschule einen immensen Zusammenhang zwischen Vorkenntnissen und der schulischen Leistung gibt. Spezifische Vorkenntnisse und Fähigkeiten im Fach Sachkunde beispielsweise korrelieren hierbei mit guten Schulnoten auf dem Zeugnis. 11
Nichtkognitive Lernvoraussetzungen werden durch Interessen, Arbeitshaltung, Ängstlichkeit oder Konzentration eines Schülers repräsentiert. Heller teilt diese Merkmale in somatisch und konstitutionelle Dispositionen, sowie in motivationale- und emotionale Merkmale 12 . Somatische Dispositionen beziehen Entwicklungsstand, Behinderungen oder auch Hirnschädigung und Hyperaktivität mit ein, welche besonders bei der medizinischen Analyse eine Rolle spielen. Für diese Arbeit interessant bleiben die als zweites genannten Merkmale, welche
9 Vgl.: Christiani, Reinhold/ Heller, Kurt: Übergang in weiterführende Schulen. In: Handbuch der Grundschulepraxis und Grundschuldidaktik. Stuttgart 1981, S. 107.
10 Vgl.: Krapp, Andreas: Forschungsergebnisse zur Bedingungsstruktur der Schulleistung. In: Heller, Kurt A. (Hrsg.): Leistungsdiagnostik in der Schule. Bern 1984, S. 55.
11 Vgl.: Ebd.: S. 56.
12 Vgl.: Heller, Kurt A. (Hrsg.): Leistungsdiagnostik in der Schule. Bern 1984, S. 56.
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Arbeit zitieren:
Julia Mrosek, 2009, Probleme der Eignungsfeststellung, München, GRIN Verlag GmbH
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