1. Einleitung
Jedes zweite Kind in Deutschland wird in eine Familie mit Migrationshintergrund hineingeboren. Migrantenkinder, aber auch einige deutsche Kinder, haben oft einen zu geringen Wortschatz und zu geringe Grammatikenntnisse, um dem Regelunterricht in der Grundschule folgen zu können. Probleme der deutschen Sprache wirken sich aber nicht nur auf das Fach Deutsch negativ aus, sondern auch auf alle anderen Fächer. Die Kinder schneiden dadurch in der Schule schlechter ab und haben somit ungünstigere Ausgangsvoraussetzungen auf einen guten Schulabschluss und einen qualifizierten Ausbildungsplatz ( vgl.)
Wenn Kinder schon im Grundschulalter durch mangelhaftes Wissen und Deutschkenntnisse scheitern, indem sie bereits die erste Klasse wiederholen müssen, führt das schon früh zu einer anti-schulischen Haltung und zur Ausprägung von „Schulmüdigkeit“. Die Folge ist, das diese Kinder, die schon in jungen Jahren nur negative Erfahrungen mit Schule verbinden, sich oft in ethnische Gruppen zurückziehen oder Halt in religiös- fundamentalistischen Gruppen suchen. Häufig sind sie dann nicht mehr für die Schule wiederzugewinnen. So kommt es dazu, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund nicht einmal einen Hauptschulabschluss erlangen, weil sie vorzeitig die Schule abbrechen. Oder sie bekommen aufgrund eines schlechten Schulabschlusses keinen Ausbildungsplatz. Auch werden
überdurchschnittlich viele ausländische Schüler schneller auf die Sonderschule geschickt, weil man die fehlenden Deutschkenntnisse auf eine mangelnde Intelligenz der Kinder zurückführt. Demzufolge kommt es zu gravierenden Problemen wie hoher Arbeitslosenrate, Kriminalität aufgrund der Perspektivlosigkeit etc. Um diesen gesellschaftlichen Problemen entgegenzuwirken, ist dringend Handlungsbedarf nötig. Der schulische Erfolg der Kinder, hängt entscheidend vom frühen Erwerb der deutschen Sprache ab. Daher ist es notwendig, neue Strategien und Methoden zur Förderung zu finden, um so diesem großen gesellschaftspolitischen Problem gegenzusteuern (vgl. mündliche Information von Lehrkräften des Projektes und eigene Beobachtungen).
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2. Generelles zum Spracherwerb
2.1 Der monlinguale Erstpracherwerb im Kindesalter
Der Spracherwerb beruht auf einer besonderen genetischen Veranlagung des Menschen und ist ein Prozess der im Gegensatz zum Fremdsprachenlernen, nicht bewusst erlernt wird, sondern anscheinend mühelos erworben wird. Der Spracherwerbsprozess ist unabhängig von der Intelligenz eines Menschen, von kulturellen Erziehungspraktiken und von der Art der Sprache (Laut oder Gebärdensprache), es sei denn ein Kind leidet unter einer Hörstörung oder einer Sprachentwicklungsstörung. Schulz legt dar, dass beispielsweise komplexere Strukturbereiche wie die Semantik bestimmter Satzverknüpfungen oder des Passivs, erst dann erworben werden, wenn das aktuelle grammatische System des Kindes es ermöglicht, bisher noch nicht erworbene Strukturen der sprachlichen Umgebung zu erkennen. Zwischen 10 und 18 Monaten setzt mit der Produktion der ersten Wörter der hörbare Beginn des Wortschatzerwerbs ein. Sprachlich normal entwickelte Kinder, eignen sich bis zum Alter von sechs Jahren einen aktiven Wortschatz von 3000 bis 5000 Wörtern an und einen passiven Wortschatz zwischen 9000 bis 14000 Wörtern. Qualität und Quantität des Sprachangebots bestimmen mit, wie leicht es Lernern fällt, sich die jeweiligen Umgebungssprachen zu erschließen. Auch wenn man viele Details des Spracherwerbs noch nicht kennt, gehen Spracherwerbsforscher davon aus, dass Kinder die grammatische Struktur und das phonologische System normalerweise zum Ende des vierten Lebensjahres erworben haben (vgl. Schulz 2007, 67-72).
Den Erstspracherwerb kann man in verschiedene Erwerbsphasen einteilen. Diese sogenannten „Meilensteine“, werden hier kurz zusammengefasst dargestellt:
Meilenstein I:
mit ca. 1-1½ Jahren Einwortäußerungen, vor allem Nomen und Partikel (da, nein, weg, ab, Hund, Ball...)
Meilenstein II:
mit ca. 1½ - 2 Jahren elementare Wortkombinationen, zunächst zwei, dann mehr Wörter mit Verben (Infinitive) und Verbpartikel; viele Wortklassen fehlen (vor allem Artikel, Präpositionen, Fragepronomen ) Verbale Elemente
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stehen typischerweise am Ende und sind nicht flektiert. (Tür auf. Mama Bus fahren. Mama auch Bus).
Meilenstein III:
mit ca. 2-3 Jahren einfache vollständige Sätze mit finiten Verben, zielsprachliche Wortstellung, aber auch noch die älteren Strukturformate von Meilenstein 2; Kasusdifferenzierung Nominativ- Akkusativ (Jetzt geh ich hoch. Da kommt Ball rein. Wo kann der hingehen?)
Meilenstein IV:
mit 3-4 Jahren komplexe Sätze, d.h Satzreihen, Nebensätze mit dem flektierten Verb am Ende. Die meisten Wortklassen sind verfügbar. (Ich warte bis der Hund weggegangen ist.)
Normalerweise sollte Meilenstein IV bei der Einschulung in die erste Klasse vorhanden sein. Viele Migrantenkinder befinden sich aber aufgrund dessen, das sie zu wenig richtiges Deutsch im Alltag hören, noch teilweise auf dem Niveau von Meilenstein I-III ( vgl. Tracy 2007,72).
2.2 Deutsch als Zweitsprache in der frühen Kindheit
Um kindlichen Zweitspracherwerb handelt es sich, wenn Kinder eine Sprache ab dem vierten Lebensjahr oder später erlernen. Kinder lernen Sprachen erfolgreicher als Erwachsene, weil die Spracherwerbsfähigkeit, die den Erst- und den doppelten Erstspracherwerb ermöglicht und steuert, nicht sofort verschwindet. Aus Beobachtungen mit Wolfskindern existiert seit über 40 Jahren die Hypothese, das der menschliche Spracherwerb an eine bestimmte Phase gebunden ist. Man bezeichnet dieses Zeitfenster für den Spracherwerb als kritische beziehungsweise sensible Phase. Wolfskinder, die man als Jugendliche gefunden hat waren zwar in der Lage mühsam einzelne Wörter zu erwerben, aber die Grammatik einer Sprache erlernten sie nicht mehr. Daher nimmt man an das gewisse Strukturen einer Sprache, ab einem gewissen Alter, nicht mehr verarbeitet werden können. Das bedeutet für den kindlichen Zweitspracherwerb, dass Kinder während der sensiblen Phase alle Sprachen mit Hilfe der ursprünglichen Erwerbsmechanismen, wie eine Erstsprache erwerben können.
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Man vermutet aufgrund der Forschungsergebnisse mit diversen Wolfskindern, dass die sensible Phase für den Spracherwerb mit dem zehnten Lebensjahr endet (vgl. Rothweiler, 125-126).
Wenn sich diese Zeitfenster geschlossen haben, kann man trotzdem noch Zweit- und Fremdsprachen erlernen, aber auf jeden Fall mit mehr Mühe und Aufwand, geringeren Erfolgsaussichten und anderen kognitiven Strategien, als das bei Kindern im Vor- und Grundschulalter der Fall ist. Je später der Kontakt mit der Zweitsprache erfolgt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich so genannte „Fossilisierungen“, d.h. hartnäckige fehlerhafte Strukturen einstellen. Im frühen Schulalter sind Kinder noch in der Lage auf natürliche Art und Weise eine Sprache zu lernen, die dem Erwerb der Erstsprache gleicht. Wichtig ist dabei vor allem die Motivation der Kinder. Das Kind muss Freude beim Erlernen der Sprache empfinden. Ebenso ist ein gewisses Interesse an der Sprache notwendig um erfolgreich zu sein. Desweiteren spielen natürlich die Intensität und die Dauer eine Rolle. Je häufiger Kinder die Möglichkeit haben die Zweitsprache zu hören und anzuwenden, umso bessere Chancen haben sie, sich dem Sprachniveau eines Muttersprachlers anzunähern. Wenn Kinder im Alter von 3-8 Jahren eine zweite Sprache erwerben, bringen sie zum einen mehr Erfahrungen aus dem Alltag mit und die kognitiven Voraussetzungen sind besser entwickelt. Zudem wurde bereits eine Sprache in ihren wesentlichen Grundzügen gelernt. Umso früher das Erlernen der Zweiten Sprache erfolgt, umso größer ist der Erfolg ( vgl. Rothweiler, 122-124).
3. Das Sprachförderprojekt
3.1 Das Mannheimer Sprachförderkonzept
Die Sprachförderung an den Mannheimer Grundschulen ist ein Konzept der Forschungs- und Kontaktstelle für Mehrsprachigkeit, der Universität Mannheim und des Instituts für deutsche Sprache. Die am Sprachförderprojekt beteiligten Grundschulen in Mannheim haben einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Migrantenkindern. Das Konzept der Mannheimer Sprachförderung basiert auf einer zusätzlichen Sprach-und Wissensförderung für Migrantenkinder, ab der ersten Klasse. Die Förderung unterscheidet sich von einer normalen Hausaufgabenhilfe dadurch, dass gezielt die Sprachkenntnisse, welche die Kinder in der Schule benötigen, um dem Unterricht folgen zu können, im Vordergrund stehen. Kinder, die beim
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Arbeit zitieren:
Kirsti Raupp, 2009, Sprachförderung in der Grundschule am Beispiel des Sprachförderprojekts für Migrantenkinder an Mannheimer Grundschulen, München, GRIN Verlag GmbH
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