Thole 2005, S. 200). Schröer fasst Mennicke wie folgt zusammen: der Einzelne wird seiner sozialen Sicherheit enthoben und sieht sich inmitten der modernen Welt frei und im sozialen System unvermittelt (vgl. ebd.). Diese gesellschaftliche Desintegration entsteht laut Böhnisch aus der industriellen Arbeitsteilung. Mit ihr entwickelte sich eine „latent sozialstrukturelle Dauerkrise“ (ebd., S. 199) in der Gesellschaft. Schon Durkheim (auch von Böhnisch aufgegriffen) betrachtete zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Arbeitsteilung als Ursache für veränderte Integration und bestehende Desintegration von ganzen Schichten oder Klassen. Er nahm an, dass die aus ihr entstehende Individualisierung eine neue Form von „aufeinander angewiesen sein“ benötigt. Diese Erscheinungsform bezeichnete er als „epochales Vergesellschaftungsmuster der industriellen Moderne“ (ebd., S. 200 f.). Während Böhnisch seine Theorie der Lebenslagen und -bewältigung mit Hilfe der Anomietheorie von Durkheim bekräftigt sieht, versucht May mittels hermeneutischer Betrachtungsweise verschiedene andere Konzepte zu unterlegen. So greift er auf ein sozialwissenschaftliches Jugendforschungskonzept von Prondczynsky (britisches Modell nach Cohen) zurück. Dieser unterscheidet vier Dimensionen der Lebensweise, als „Einheit von kultureller und materieller Reproduktion“ (May 2009, S. 3). Kurz zusammengefasst, besteht das Konzept aus vier gegensätzlichen Polen, die eine Art Gitter bilden. Anhand dieser Kriterien (Reproduktionscodes: Erbe, Werdegang/Karriere, Berufung, Lehre) lassen sich Kombinationen und Konstellationen für unterschiedliche Lebenslagen modellhaft konstruieren (vgl. ebd., S. 3 ff.). Zudem lässt es sich auf alle traditionellen und modernen Klassenkulturen übertragen, da die Anlegung mit vier Polen, mehrdimensionale Flexibilität gewährleistet.
Gegenstand der Lebensbewältigung nach Böhnisch
Für Böhnisch sind die Erkenntnisobjekte seiner Theorie, die „gesellschaftlich institutionalisierte(n) Reaktionen auf typische psychosoziale Bewältigungsprobleme in der Folge gesellschaftlich bedingter sozialer Desintegration“ (Thole 2005, S. 199). Die Desintegration Einzelner sowie ganzer Gesellschaftsschichten bezeichnet er in Anlehnung an Bernfeld (Erziehung als Entwicklungstatsache) als Bewältigungstatsache. Nach seiner Ansicht erfordert sie eine gesellschaftliche Reaktion, die mit der Entstehung und Etablierung der Sozialen Arbeit beantwortet wird (vgl. ebd.). „Die am Menschen orientierte sozialpädagogische und sozialarbeiterische Intervention, die sich im Eingehen auf die sozial beschädigte Individualität des Menschen und die Neuformierung seiner sozialen Bezüge aus seiner Betroffenheit heraus entwickelt, macht auch die Eigenständigkeit der Sozialpädagogik/Sozialarbeit […] aus.“ (ebd., S. 199 f.).
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Gesellschaftliche und soziale Voraussetzungen nach Böhnisch Aus dem geschichtlichen Kontext heraus, trennt Böhnisch in seinem wissenschaftlichen Ansatz der Lebensbewältigung weiterhin die Sozialpädagogik von der Sozialarbeit. Die Führsorge konnte sich in dem Maße entwickeln, wie sich durch industriellen Fortschritt die sozialen Risiken vom Rand der Gesellschaft in die Mitte derer freisetzten. Dem gegenüber setzte sich die Sozialpädagogik mit den Entwicklungsproblematiken von Jugendaltern auseinander. Beiden historisch gewachsenen Bereichen fordert er mit dem Paradigma „Freisetzung und Bewältigung“ (ebd., S. 200 ff.) eine ineinander verschränkte Zusammenarbeit ab. Die Betrachtung und Implementierung gesellschaftlicher und sozialer Voraussetzungen sind für diese Zusammenarbeit immanent für Böhnisch. Gesellschaftliche sowie soziale Desintegration führt er konsequent auf die sich ab dem 19. Jahrhundert entwickelnde Arbeitsteilung zurück. Mit der aus diesem Grund steigenden Individualisierung und Spezialisierung ist für ihn auch soziale Regellosigkeit verbunden. Der dieser Entwicklung ausgesetzte Mensch muss sich in einem für ihn unsicheren System zurechtfinden. Zur Steuerung der sozialen Missstände (Soziale Frage) wird häufig über sozialstaatliche Repression wie Regeleinführung und Gesetzlichkeit versucht diesem zu begegnen. Mit einem Rückgriff auf Becks Bild der Risikogesellschaft führt Böhnisch zur sozialstaatlichen Variante eine neue Form der Beantwortung der Sozialen Frage ein. Gestiegene Offenheit und höhere Anforderungen an die Verfügbarkeit fordern vom einzelnen Menschen ein höheres Maß an Individualität, Selbstbehauptung und emotionaler Stabilität. Ebenso kommt hinzu, dass die, „für Identität und Biografie bedrohlichen Brüche in den Lebensbereichen“ (ebd., S. 201) destabilisierend wirken. Böhnisch formuliert auch diese Sozialproblematik, als Aufforderung zum Tätigsein in der Sozialen Arbeit. Jedoch sieht er in den genannten Möglichkeiten der Einflussnahme über die eigene Profession und sozialstaatliche Interventionen keine dauerhaften Lösungen für gesellschaftliche Desintegration. Infolgedessen fordert er sozialpolitische Reflexivität (vgl. ebd., S. 201 f.). Notwendige Entwicklungen zur Begegnung der Sozialen Frage nach Böhnisch Wie bereits aufgezeigt, setzt Böhnisch die gesellschaftliche Freisetzung und soziale Entgrenzung des Menschen in ein Spannungsverhältnis von entbettetem Kapitalismus und ordnungspolitisch geprägter Sozialpolitik. „Je mehr die Wirtschaft Einfluss auf die Gesellschaft hat und je weniger der Sozialstaat in der Lage ist, den Kapitalismus sozialpolitisch zu zähmen, desto stärker wirken die Ein- und Ausschließungsmuster der Ökonomie auf die Sozialstruktur, setzt sich die Sozialform durch, welche die Ökonomie zur Realisierung ihrer Verwertungsperspektive braucht“ (Böhnisch/Schröer 2004, S. 7). Zum Zwecke der Umgestaltung dieser Situation betrachtet er eine Gleichsetzung von
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Anke Brückner, 2009, Theorie der Bewältigungsorientierung und -theorie nach Lothar Böhnisch, München, GRIN Verlag GmbH
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