Inhaltsverzeichnis
ABBILDUNGSVERZEICHNIS IV
TABELLENVERZEICHNIS VI
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS VIII
1 EINLEITUNG 1
2 THEORETISCHER HINTERGRUND 4
2.1 Entwicklung des volkswirtschaftlichen Sparprozesses in der
ökonomischen Theorie 4
2.2 Keynesianische Konsumtheorien 8
2.2.1 Die absolute Einkommenshypothese von Keynes 8
2.2.2 Die relative Einkommenshypothese von Duesenberry 9
2.2.3 Die Habit Persistence Hypothese von Brown 12
2.3 Normaleinkommenshypothesen 13
2.3.1 Die permanente Einkommenshypothese von Friedman 13
2.3.2 Die Lebenszyklushypothese von Modigliani et al. 14
2.4 Fazit aus den Erklärungsansätzen 16
3 DER VOLKSWIRTSCHAFTLICHE SPARPROZESS 18
3.1 Wesen und Bedeutung des Sparens für eine Volkswirtschaft 18
3.2 Operationalisierung des theoretischen Konstrukts 20
3.3 Datenbasis des volkswirtschaftlichen Sparprozesses 22
3.4 Sektorengliederung in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung 24
3.4.1 Die Abgrenzung der Sektoren 24
3.4.2 Bedeutung der privaten Haushalte für die Ersparnis einer
Volkswirtschaft 25
4 GRUNDLAGEN ZUR SPARQUOTE DER PRIVATEN HAUSHALTE 30
4.1 Rechtliche Rahmenbedingungen 30
4.2 Definition der Sparquote. 32
4.3 Berechnungsmethoden 35
4.4 Probleme bei der Berechnung der Sparquote 38
I
4.5 Probleme bei internationalen Vergleichen am Beispiel der USA. 40
5 ENTWICKLUNG DER SPARQUOTE DER PRIVATEN HAUSHALTE 43
5.1 Betrachtung der Sparquote in der Bundesrepublik Deutschland 43
5.1.1 Entwicklung der Sparquote in Deutschland 43
5.1.2 Regionale Entwicklung der Sparquote in Deutschland - alte
versus neue Bundesländern 46
5.2 Betrachtung der einzelnen Komponenten der Sparquote in der
Bundesrepublik Deutschland 49
5.2.1 Einleitende Betrachtungen zur Untersuchung der Komponenten
der Sparquote 49
5.2.2 Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte 54
5.2.3 Die Ersparnis der privaten Haushalte 58
5.2.4 Simultane Betrachtung beider Komponenten 61
5.3 Internationaler Vergleich der Entwicklung der Sparquoten in
Deutschland und in den USA 64
6 ANALYSE VON ZUSAMMENHÄNGEN ZWISCHEN DER SPARQUOTE
UND AUSGEWÄHLTEN ÖKONOMISCHEN EINFLUSSFAKTOREN 67
6.1 Betrachtung ökonomischer Zusammenhänge 67
6.1.1 Problematik ökonomischer Zusammenhangsanalysen 67
6.1.2 Statistische Grundlagen 68
6.2 Korrelationsanalyse 70
6.2.1 Empirische Zusammenhangsuntersuchung des Einflussfaktors
Einkommen 70
6.2.1.1 Das verfügbare Einkommen in absoluten Größen 70
6.2.1.2 Die Wachstumsraten des verfügbaren Einkommens 72
6.2.2 Empirische Zusammenhangsuntersuchung der Einflussfaktoren
Zins und Inflation 75
6.2.3 Empirische Zusammenhangsuntersuchung des Einflussfaktors
Vermögen 80
7 SCHLUSSBEMERKUNG 85
LITERATURVERZEICHNIS 89
II
ANHANG ...................................................................................................................... 98
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Anteile der einzelnen Sektoren an der gesamtwirtschaftlichen
Abbildung 2: Berechnung des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte
nach VGR-Konzept ............................................................................ 36 Abbildung 3: Residuale Ermittlung der Ersparnis der privaten Haushalte nach VGR-Konzept ............................................................................................... 36 Abbildung 4: Berechnung der Ersparnis der privaten Haushalte mit Hilfe der Gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung ................................ 37 Abbildung 5: Sparquote der privaten Haushalte in Deutschland für 1991 bis 2007
in % ..................................................................................................... 43 Abbildung 6: Vergleich der Sparquoten der privaten Haushalte in den alten und neuen Bundesländern für 1991 bis 2007 in % .................................... 47 Abbildung 7: Ersparnis und private Konsumausgaben der privaten Haushalte in Deutschland von 1991 bis 2007 in Mrd. €.......................................... 49 Abbildung 8: Entwicklung des nominal und real verfügbaren Einkommens der
Abbildung 9: Entwicklung des nominal und real verfügbaren Einkommens je
Abbildung 10: Komponenten des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte in % in Deutschland von 1991 bis 2007 ............................................. 57 Abbildung 11: Entwicklung der nominalen und realen Ersparnis der privaten
Abbildung 12: Entwicklung der nominalen und realen Ersparnis je Einwohner in €
Abbildung 13: Veränderung des verfügbaren Einkommens und der Ersparnis der
Abbildung 14: Vergleich der Sparquoten der privaten Haushalte in Deutschland und in den USA in % von 1991 bis 2007 .................................................. 64 Abbildung 15: Veränderung des nominal und real verfügbaren Einkommens der
Abbildung 16: Veränderung des nominal und real verfügbaren Einkommens je
Abbildung 17: Entwicklung der nominalen und realen Zinssätze für Spareinlagen mit
Abbildung 18: Entwicklung der nominalen und realen Umlaufrendite für
Abbildung 19: Entwicklung der nominalen und realen Geldvermögen der privaten
Abbildung 20: Veränderung der nominalen und realen Geldvermögen der privaten
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Determinanten des Sparverhaltens der privaten Haushalte .................... 17 Tabelle 2: Sektorengliederung nach ESVG 1995 und bisherige deutsche VGR ..... 24 Tabelle 3: Prozentualer und absoluter durchschnittlicher Beitrag der einzelnen
Tabelle 4: Intervallübersicht für die Beurteilung der Stärke des Zusammenhangs .....
................................................................................................................. 69 Tabelle 5: Bravais-Pearson-Korrelationskoeffizient für die Sparquote und das
Tabelle 6: Bravais-Pearson-Korrelationskoeffizient für die Sparquote und die
Tabelle 7: Bravais-Pearson-Korrelationskoeffizient für die Sparquote der privaten
Tabelle 8: Bravais-Pearson-Korrelationskoeffizient für die Sparquote und das
Geldvermögen der privaten Haushalte .................................................... 84 Tabelle 9: Die Sparquote der privaten Haushalte in Deutschland von 1991 bis 2007.
................................................................................................................. 99 Tabelle 10: Sparquote der privaten Haushalte untergliedert nach neuen und alten Bundesländern von 1991 bis 2007 ........................................................ 100 Tabelle 11: Verwendung des verfügbaren Einkommens für private Konsumausgaben bzw. Ersparnis in Deutschland von 1991 bis 2007 ............................... 101 Tabelle 12: Entwicklung des nominal und des real verfügbaren Einkommens der
Tabelle 13: Entwicklung des nominal und des real verfügbaren Einkommens je
Tabelle 14: Entwicklung der nominalen und realen Ersparnis des Sektors Private Haushalte sowie der Sparquote in Deutschland von 1991 bis 2007 ..... 104 Tabelle 15: Entwicklung der nominalen und realen Ersparnis je Einwohner sowie der Sparquote in Deutschland von 1991 bis 2007 ....................................... 105 Tabelle 16: Veränderung des verfügbaren Einkommens und der Ersparnis der
Tabelle 17: Vergleich der Sparquoten der privaten Haushalte in Deutschland und den USA von 1991 bis 2007 ........................................................................ 107 Tabelle 18: Verbraucherpreisindex, Inflationsrate sowie Zinsentwicklung in Deutschland von 1991 bis 2007 ............................................................ 108 Tabelle 19: Ersparnis der einzelnen Sektoren einschließlich Vermögensübertragungen in Deutschland von 1991 bis 2007 ............. 109 Tabelle 20: Geldvermögen des Sektors private Haushalte in Deutschland von 1991
bis 2007 ................................................................................................. 110 Tabelle 21: Komponenten des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte in
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung bzw. beziehungsweise BStatG Bundesstatistikgesetz c.p. ceteris paribus DDR Deutsche Demokratische Republik d.h. das heißt etc. et cetera EG Europäische Gemeinschaft EHPI Index der Einzelhandelspreise ESVG Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen et al. et alii (und andere) EU Europäische Union EVS Einkommens- und Verbrauchsstichprobe HVPI Harmonisierter Verbraucherpreisindex LWR Statistik der laufenden Wirtschaftsrechnung OECD Organisation for Economic Co-operation and Development SNA System of National Accounts u.a. unter anderem USA United States of America v.a. vor allem vgl. vergleiche VGR Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung Vj. Vierteljahr VPI Verbraucherpreisindex z.B. zum Beispiel
VIII
1 Einleitung
Umfang, Arten und Formen des volkswirtschaftlichen Sparprozesses beeinflussen entscheidend das Wirtschaftswachstum, die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung einer Volkswirtschaft unterliegt die Struktur des Sparprozesses einzel- wie auch gesamtwirtschaftlich ständigen Wandlungen und Anpassungen. In den letzten zwei Jahrzehnten waren diese - infolge einschneidender Veränderungen aufgrund der deutschen Wiedervereinigung, der Europäischen Währungsunion und der fortschreitenden Globalisierung - besonders stark. Solche Wandlungen können, ausgelöst durch Veränderungen der nationalen und internationalen wirtschaftlichen Gegebenheiten, der Verhaltensweisen der Wirtschaftssubjekte oder der institutionellen Gegebenheiten, zu neuen theoretischen Erklärungsansätzen des Sparverhaltens führen. Umgekehrt gewinnen zurückliegende theoretische Ansätze, die zwischenzeitlich schon als widerlegt angesehen wurden, wieder an Aktualität.
Die vorliegende Arbeit greift diese Thematik auf, indem sie einen dogmengeschichtlichen Bogen von der merkantilistischen Wirtschaftstheorie über die klassische, neoklassische und keynesianische Spartheorie hin zu den modernen Ansätzen spannt. Auf diesem Theoriegerüst basierend, werden ökonomische Einflussfaktoren auf das Sparverhalten identifiziert und anhand einer Korrelationsanalyse wird die Wirkung ausgewählter Einflussfaktoren auf das Sparverhalten untersucht. Wenn im Folgenden unter der Theorie des Sparens die Analyse der Einflussfaktoren auf das Sparverhalten verstanden werden soll und damit mittelbare Wechselwirkungen im Gesamtzusammenhang des wirtschaftlichen Geschehens in den Hintergrund rücken, so tritt das Sparverhalten des Sektors private Haushalte in den Mittelpunkt der Betrachtung. Mit dem Begriff der Sparquote wird intuitiv die Sparquote der privaten Haushalte verbunden. Eine Konzentration auf das Sparverhalten der privaten Haushalte erscheint auch deshalb gerechtfertigt, da die Bedeutung der privaten Ersparnis für die gesamtwirtschaftliche Kapitalbildung der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat.
1
Um langfristige Zusammenhänge in den Vordergrund zu stellen, erstreckt sich der Untersuchungszeitraum auf die Jahre von 1991 bis 2007. Während einerseits für die Jahre vor 1990 keine länderübergreifend vergleichbaren Daten existieren, die deutsche Wiedervereinigung andererseits eine Verzerrung der Datenbasis verursacht, ist für den Zeitraum von 1991 bis 2007 eine hinreichend strukturbruchfreie Analyse garantiert, ohne eine langfristige Perspektive zu vernachlässigen. Als notwendige empirische Basis fungiert hauptsächlich das im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) veröffentlichte Datenmaterial des Statistischen Bundesamtes.
Den Ausgangspunkt für eine empirische Untersuchung des Sparprozesses der privaten Haushalte bilden hier grundlegende Zusammenhänge zwischen Einkommen/Konsum und Sparen/Investieren. Neben den methodischen Grundlagen nach denen die Sparquote berechnet werden kann, setzt sich diese Arbeit kritisch mit den Besonderheiten der statistischen Datenbasis - der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung - und ihrer Aufbereitung auseinander.
Spezifische wirtschaftliche Strukturen und die institutionellen Gegebenheiten in Deutschland schlagen sich sowohl im Niveau als auch in der langfristigen Entwicklung der Sparquote der privaten Haushalte nieder. Während Deutschland insbesondere in den 1990-er Jahren bei der Steigerung des Wirtschaftswachstums, dem Abbau der Arbeitslosigkeit und der Rückführung des öffentlichen Defizits große Probleme zu bewältigen hatte, konnten die USA in diesen Bereichen enorme Erfolge vorweisen. Bei einem Vergleich beider Volkswirtschaften wird eine deutlich geringere Sparneigung der amerikanischen Haushalte im Vergleich zu Deutschland ersichtlich. Letztgenannter Vergleich ist geprägt durch die oben angesprochenen unterschiedlichen wirtschaftlichen Strukturen und institutionellen Gegebenheiten. Zur Analyse dieser Asymmetrien werden Definitionsunterschiede hinsichtlich der Sektorenabgrenzung und Berechnungsmethoden zwischen beiden Ländern offen gelegt und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Sparquote beschrieben.
2
Für eine exakte Integration des empirischen Teils der Ausführungen in die Korrelationsanalyse wird die Sparquote in ihre Komponenten Verfügbares Einkommen und Ersparnis zerlegt. Nachdem die Entwicklung der Sparquote in Deutschland - auch unter Berücksichtigung der Wiedervereinigung - ausführlich dokumentiert wurde, folgt eine detaillierte Analyse des Sparprozesses der privaten Haushalte anhand beider Komponenten im Einzelnen sowie simultan. Beide Komponenten sind im Kontext der Sparquote der privaten Haushalte zu sehen. Die Betrachtungen konzentrieren sich somit auf jene Einkommen, wofür tatsächlich die alternativen Verwendungsmöglichkeiten des Konsums und des Sparens bestehen.
Dieser Prolog fungiert als inhaltliches Kernstück und Leitfaden der Diplomarbeit und findet in den nachfolgenden Ausführungen seine theoretische Fundierung, statistische Verifizierung, empirische Bestätigung und kritische Würdigung. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Frage, inwieweit es gelingt, die in der Praxis verbreiteten Theorien bzw. theoretischen Zusammenhänge - anhand der Sparquote der privaten Haushalte in der Bundesrepublik Deutschland - nachzuweisen. Es ist bekannt, dass der Preis der Allgemeinheit die Unvollständigkeit ist, so dass die nun folgenden Ausführungen nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben.
3
2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Entwicklung des volkswirtschaftlichen Sparprozesses in der
ökonomischen Theorie
Fragen zur Bildung und Wirkung des Sparens sind so alt wie die Geschichte der Volkswirtschaftslehre selbst. Doch zunächst sei darauf hingewiesen, dass eine gesamtwirtschaftliche Theorie der Ersparnis, die die privaten und öffentlichen Haushalte sowie die Unternehmen umfasst, ebenso wenig existiert wie eigene Spartheorien der einzelnen Sektoren. Größtenteils beschränken sich die Versuche, das Sparverhalten zu erklären, auf die Sparquote der privaten Haushalte. 1 An dieser Stelle erfolgt nur ein kurzer historischer Überblick sowie eine Charakterisierung der verschiedenen Erklärungsansätze, da es kaum möglich ist, das komplexe ökonomische Beziehungsgefüge mathematisch in diesem Rahmen zu erörtern. 2
Bereits im 17. Jahrhundert verwendeten die Merkantilisten 3 im Wesentlichen dieselbe Sparfunktion, wenn auch nicht explizit ausformuliert, wie sie später von Keynes eingeführt werden sollte, obwohl die merkantilistische Wirtschaftstheorie primär an der Frage der Veränderung der Einkommensverteilung und am Außenhandel interessiert war. Demnach führen eine Einkommenserhöhung und eine Einkommensumverteilung hin zu hohen Einkommen, aufgrund von Export- und Geldmengensteigerung, zu einer höheren Ersparnis. 4 Seiner Zeit voraus war die Einteilung der Wirtschaftssubjekte von King (1688) in Sparer und Entsparer, die erst wieder im 20. Jahrhundert in den Fokus der Forschung rückte. 5
In der klassischen Lehre postulierte Adam Smith (1776) in seinem Werk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“, dass Ersparnisse des Gewinnes wegen sofort reinvestiert werden müssen. Demzufolge sind Sparen und Investieren
1 Vgl. Ohmayer (1997), S. 4.
2 Einen guten Überblick vermitteln Voigt (1950), S. 3ff. und Streissler et al. (1985), S. 3-25.
3 Unter dem Begriff Merkantilismus werden die europäischen Ökonomen von 1500 -1750 subsumiert, obwohl diese sich selbst nicht als Anhänger einer gemeinsamen Ideologie verstanden. Das Wort stammt aus dem Lateinischen (mercari) und bedeutet „Handel treiben“.
4 Vgl. Streissler et al. (1985), S. 3f.
5 Vgl. Ohmayer (1997), S. 46 und Streissler et al. (1985), S. 9.
4
immer gleich. Beachtenswert ist, dass Smith für den Ausgleich von Ersparnis und Investition lediglich einen positiven Zinssatz benötigte. Ein Ausgleich über den Zinsmechanismus fand nicht statt. 6 Ricardo (1817) billigte den Arbeitern lediglich Subsistenzlöhne 7 zu und sprach ihnen die Fähigkeit zum Sparen gänzlich ab. Die Einkommensverteilung, die noch im Merkantilismus als Einflussfaktor auf die Höhe der Ersparnis berücksichtigt wurde, wird von den Klassikern ausgeblendet.
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen der Neoklassik, begann die Ökonomie sich wieder intensiver mit den Einflussfaktoren des Sparprozesses auseinanderzusetzen. Gemäß ihrer marginalanalytischen Ausrichtung wendeten die Neoklassiker das Prinzip des Grenznutzens 8 auf die Gestaltung des intertemporalen Konsumstroms an. Nach der Theorie der intertemporalen Nutzenmaximierung von Irving Fisher (1930) sorgt Sparen bei sinkendem Grenznutzen des Konsums für eine Nutzenmaximierung über die Lebenszeit durch einen Ausgleich der Grenznutzen von Gegenwarts- und Zukunftskonsum. 9 Bereits A. Marshall (1890) nahm eine positive Abhängigkeit der Ersparnis vom Zinssatz an: Sparen als eine preisabhängige Substitution von gegenwärtigem durch zukünftigen Konsum. 10 Je höher der Zins, umso preiswerter erscheint der zukünftige Konsum im Verhältnis zum gegenwärtigen. Dieser Substitutionseffekt führt zu einer erhöhten Ersparnis. 11 Marshall berücksichtigte auch den Einkommenseffekt, der den Substitutionseffekt konterkariert. 12 Steigende Zinsen erhöhen die Einkünfte aus Kapital und damit implizit das Vermögen, so dass eine geringere Ersparnis ausreicht, um den Zukunftskonsum zu finanzieren. Die Neoklassiker gingen von einer Dominanz des Substitutionseffektes aus, somit bewirken steigende Zinsen eine Zunahme der Ersparnis. 13 Sie stimmten mit den Klassikern in der Hinsicht überein, dass Sparen eine Grundvoraussetzung für Investitionen ist. Während in der Klassik a priori die Investitionen gleich den Ersparnissen sind, steuert in der
6 Vgl. Streissler et al. (1985), S. 14.
7 Grundlegend für die klassische Verteilungstheorie ist die Existenz eines natürlich gegebenen Subsistenzlohns. Damit ist diejenige Gütermenge gemeint, die einem Lohnarbeiter und seiner Familie eine Reproduktion ermöglicht, d.h. gerade ausreicht um seine Arbeitskraft zu erhalten.
8 Der Grenznutzen bezeichnet den Nutzenzuwachs, der einem Haushalt durch den Konsum eines zusätzlichen Gutes erwächst. In formaler Sicht handelt es sich um die 1. Ableitung einer Nutzenfunktion.
9 Vgl. Leinert (2005), S. 13.
10 Vgl. Ohmayer (1997), S. 47.
11 Vgl. Frietsch (1991), S. 14.
12 Vgl. Streissler et al. (1985), S. 16.
13 Vgl. Frietsch (1991), S. 14.
5
neoklassischen Theorie der Zinssatz gemäß dem „Gesetz von Say“ 14 (1803) den Ausgleich zwischen dem Angebot an Krediten (Ersparnis einer Volkswirtschaft) und der Nachfrage nach Darlehen für Investitionszwecke. 15 Wie bereits erwähnt, führen steigende Zinsen zu einer höheren Ersparnis, Investitionen hingegen werden bei sinkenden Zinssätzen zunehmen. Der Marktausgleichsmechanismus zwischen dem Angebot und der Nachfrage nach Krediten wird über den Gleichgewichtszins reguliert. Höhere Ersparnisse sind also nicht wie bei Adam Smith (1776) gleich den Investitionen, sondern durch vermehrtes Sparen sinkt der Zins und führt damit, aufgrund günstigerer Darlehen, zu zusätzlichen Investitionen. 16
Ausgelöst durch die Veröffentlichung von J.M. Keynes´ (1936) Hauptwerk „The General Theory of Employment, Interests and Money“ in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts vollzog sich ein Paradigmenwechsel. Die mikroökonomische Betrachtungsweise der Neoklassiker verdrängte die makroökonomisch-orientierten Konsumtheorien. 17 Bei Keynes (1936) rückte der private Verbrauch als primäre Größe in den Mittelpunkt des Interesses, wobei die Ersparnis als Restgröße des verfügbaren Einkommens nach dem Konsum verbleibt, gewissermaßen eine „…Spartheorie als Residuum der Konsumtheorie…“ 18 . Die von ihm entwickelte Konsumtheorie, später bekannt geworden als „ Absolute Einkommenshypothese“, stellt die Abhängigkeit der Höhe des Konsums vom Einkommensniveau dar. Ausgehend von dem fundamentalpsychologischen Gesetz 19 ist die marginale Konsumneigung aus einer zusätzlichen Einkommenseinheit positiv, aber kleiner Eins. Daraus folgt, dass die Sparquote mit der Höhe des absoluten Einkommens steigt. In Anbetracht der empirisch beobachtbaren relativ konstanten und in den letzten Jahrzehnten weltweit gesunkenen Sparquoten, trotz
14 Nach der Aussage des französischen Volkswirtschaftlers Jean Baptiste Say (1767-1832) benannt: „Das Angebot schafft sich jeweils seine Nachfrage." Demnach werden in einer Tauschwirtschaft nur Güter und Leistungen angeboten, um andere Güter und Leistungen nachzufragen. Jedes im Produktionsprozess erzeugte Angebot schafft damit im gleichen Umfang kaufkräftige Nachfrage, denn die im Produktionsprozess erzielten Einkommen entsprechen dem Wert des erzeugten Güterangebots.
15 Vgl. Ohmayer (1997), S. 48.
16 Vgl. Streissler et al. (1985), S. 16.
17 Vgl. Frietsch (1991), S. 15.
18 Vgl. Blümle (1985), S. 29ff.
19 Nach J.M. Keynes (1936) erhöht sich der Konsum bei steigenden Einkommen, jedoch nicht in dem Maße wie das Einkommen selbst, also unterproportional.
6
deutlich gestiegener Volkseinkommen, wurde die keynesianische Konsumtheorie von J.S. Duesenberry (1967) zur relativen Einkommenshypothese weiterentwickelt. 20
In den 1950-er Jahren begannen die Ökonomen an den keynesianischen Konsumtheorien zu zweifeln, und es kam zu einer Wiederbelebung der neoklassischen Erklärungsansätze. Neben der Orientierung des laufenden Konsums am gegenwärtigen Einkommen gaben die keynesianischen Ansätze weiteren Anlass zur Kritik, wie z.B. die Vernachlässigung langlebiger Konsumgüter und die Nichtberücksichtigung des Vermögens als Bestandsgröße. 21 Auf Basis der Theorie der intertemporalen Nutzenmaximierung von Fisher (1930), deren Kern das Streben der Haushalte nach intertemporaler Konsumglättung ist, wurden neue Konsumhypothesen unter dem Oberbegriff der „Normaleinkommenshypothesen“ entwickelt. 22 Allen diesen Hypothesen liegt die Idee der rationalen Planung der Einkommensverwendung zugrunde, wonach die Haushalte ihren Nutzen durch eine gleichmäßige Verteilung des Konsums über die Lebenszeit zu maximieren versuchen. 23 Einkommensschwankungen werden durch Sparen bzw. Entsparen aufgefangen, so dass sich
Einkommensänderungen nicht auf den langfristigen Konsum auswirken. 24 Während Milton Friedman (1957) in seiner „Permanenten Einkommenshypothese“ von einem erweiterten Einkommensbegriff ausgeht, unter dem er auch die Verzinsung des Vermögens als Einkommen verstand, steht bei der „Lebenszyklustheorie“ von F. Modigliani, R. Brumberg und A. Ando (1954) erstmals das Sparen zu Zwecken der Altersvorsorge im Mittelpunkt des Interesses. Beide Theorien betonen die Bedeutung der Zinssätze für die Sparentscheidung und viele ihrer Vertreter, wie etwa J. Tobin (1967), sahen einen direkten Zusammenhang zwischen der volkswirtschaftlichen Kapitalbildung und der Ersparnis. 25
Wie eingangs erwähnt, wird jede Analyse der Sparquote dadurch erschwert, dass es keine einheitliche ökonomische Theorie über das Sparen gibt. Dennoch hat sich in der
20 Vgl. Rubart (2002), S. 80.
21 Vgl. Ohmayer (1997), S. 53.
22 Vgl. Rubart (2002), S. 86.
23 Vgl. Frietsch (1991), S. 30.
24 Vgl. Leinert (2005), S. 14.
25 Vgl. Streissler et al. (1985), S. 24.
7
Literatur eine Unterteilung der Erklärungsansätze zur Ersparnis in keynesianische Konsumtheorien und Normaleinkommenshypothesen durchgesetzt. Beide Erklärungsansätze unterscheiden sich hinsichtlich des zugrundeliegenden Konzeptes - zum einen das Marktentnahme- oder Ausgabenkonzept und zum anderen das Versorgungs- oder Verbrauchskonzept. 26 Die keynesianischen Konsumhypothesen betrachten lediglich die Konsumausgaben eines Haushaltes im Gesamten und unterscheiden dabei nicht nach Gebrauchs- und Verbrauchsgütern. Alle Konsumausgaben werden ausnahmslos als Verbrauch bewertet. Gemäß ihrer nutzentheoretischen Argumentation gehen die Normaleinkommenshypothesen hingegen von einem erweiterten Konsumbegriff aus, der dem Versorgungskonzept entspricht. 27 Die Anschaffung eines Gutes stellt per se noch keinen Verbrauch dar, erst dessen Nutzung ist als Konsum zu betrachten. Beide Konzepte unterscheiden sich hinsichtlich des kurzfristigen zyklischen Verlaufes der Sparquote. 28 Der Unterschied ist umso größer, je weiter der zeitliche Abstand zwischen Ausgabe und tatsächlicher Nutzung der langlebigen Konsumgüter im Konjunkturverlauf auseinanderfallen.
2.2 Keynesianische Konsumtheorien
2.2.1 Die absolute Einkommenshypothese von Keynes
Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise in den 1930-er Jahren beschäftigte sich Keynes im Rahmen seiner „General Theory“ mit den Ursachen des Kreislaufes aus sinkender Nachfrage und Investitionstätigkeit, rückläufigen Einkommen und steigender Arbeitslosigkeit. 29 Nur allzu verständlich erscheint es daher, dass die Untersuchung der Konsumgewohnheiten im Vordergrund stand. Den Ausgangspunkt seiner Theorie bildet das Konsumverhalten der privaten Haushalte.
Seiner Ansicht nach neigen Individuen dazu, mit zunehmendem Einkommen ihren Konsum zu steigern, allerdings nicht in dem Umfang der Einkommenserhöhung,
26 Vgl. Frietsch (1991), S. 29.
27 Ebenda, S. 31f.
28 Vgl. Clausse (1979), S. 25.
29 Vgl. Kleps (1979), S. 32.
8
sondern unterproportional. 30 Dies entspricht einer nichtlinearen Konsumfunktion mit sinkender durchschnittlicher und sinkender marginaler Konsumquote bei steigendem Einkommen. Im Umkehrschluss steigen im theoretischen System von Keynes die Sparquoten mit dem absoluten Einkommen. Die Ersparnis war für ihn im Wesentlichen ein kurzfristiges Instrument zur Anschaffung nicht dauerhafter Konsumgüter. Den Einfluss des Zinses auf Konsum und Ersparnis erachtete er als relativ gering, da Ersparnis und Investitionen nicht per se vom Zinssatz ausgeglichen würden. 31
Den von Keynes unterstellten funktionalen Zusammenhang zwischen Einkommen und Ersparnis wurde in Querschnittsuntersuchungen in den USA zu kurzfristigen Konsumgewohnheiten bestätigt. Kuznets und R. Goldsmith konnten für die Vereinigten Staaten in einer Langzeituntersuchung über den Zeitraum 1869 - 1926 eine konstante durchschnittliche Sparquote nachweisen, die jedoch nach Untersuchungen von A. Hansen kurzfristig antizyklischen Schwankungen unterliegt. 32 Ebenso waren während des zweiten Weltkrieges in den USA stark steigende Einkommen zu beobachten, ohne dass die Sparquote entsprechend stieg. 33 Diese Diskrepanzen zwischen Theorie und Empirie waren Gegenstand der weiteren Entwicklung der Konsumtheorien.
2.2.2 Die relative Einkommenshypothese von Duesenberry
Duesenberrys relative Einkommenshypothese setzte an den Kritikpunkten der keynesianischen Theorie an. Durch die Berücksichtigung von Gewohnheitsbindungen im Konsumentenverhalten sowie durch die Einbeziehung sozialpsychologischer Aspekte versuchte er den Widerspruch zwischen kurz- und langfristiger Konsumfunktion zu entkräften. 34 Der Ansatz basiert auf folgenden zwei zentralen Annahmen über das Konsumverhalten der privaten Haushalte: 35
30 Vgl. Kleps (1979), S. 36f.
31 Vgl. Ohmayer (1991), S. 48.
32 Vgl. Karmann (1985), S. 18 sowie Woll (2003), S. 545ff.
33 Vgl. Ohmayer (1997), S. 50.
34 Vgl. Frietsch (1991), S. 22.
35 Ebenda, S. 22.
9
• Das Konsumverhalten der privaten Haushalte ist interdependent und nicht wie bei Keynes unabhängig von den Konsumgewohnheiten der anderen Haushalte.
• Die Konsumenten passen ihren Verbrauch schneller an steigende Einkommen als an Einkommensrückgänge an.
Die erste Annahme - die Interdependenz des Konsumentenverhaltens - erklärt er mit dem Demonstrationseffekt. Demnach orientiert sich das Konsum- und Sparverhalten der privaten Haushalte nicht am absoluten Einkommen, sondern am relativen, d.h. an der individuellen Position des jeweiligen Haushaltes in der Einkommenspyramide. Die Haushalte mit einem höheren Einkommen üben eine Art Leitfunktion aus. Obwohl sie, relativ betrachtet, einen hohen Anteil des verfügbaren Einkommens sparen, besitzen sie ein hohes absolutes Konsumniveau und wirken dadurch als Konsumführer. 36 Der Demonstrationseffekt bewirkt, dass die schlechter gestellten Haushalte versuchen, das höhere Konsumniveau zu erreichen. Ihrerseits versuchen die Haushalte mit höheren Einkommen, sich in ihren Konsumgewohnheiten wieder abzusetzen. Durch das gegenseitige „Hochschaukeln“ ändert sich das Verhältnis von Konsum und Ersparnis eines Haushalts bei gleichbleibender gesamtwirtschaftlicher Einkommensverteilung, trotz des höheren Einkommens, nicht. Auf Basis des Demonstrationseffektes gelang es Duesenberry, die in den Untersuchungen von Kuznets und R. Goldsmith ermittelte langfristige Konstanz der Sparquote zu erklären.
Die von A. Hansen beschriebenen kurzfristigen antizyklischen Schwankungen der Sparquote erläutert Duesenberry mit dem sogenannten Einklinkeffekt. 37 Er nahm an, dass die Sparquote davon abhängig ist, in welchem Verhältnis das gegenwärtige Einkommen zum jemals erreichten Höchsteinkommen steht. Steigt das Einkommen permanent, und liegt es jeweils über dem erreichten Höchststand, nehmen Konsum und Ersparnis mit derselben Rate zu. 38 Aufgrund der Interdependenz des Verbraucherverhaltens der Haushalte bleibt die Sparquote langfristig stabil. Kommt es jedoch zu einem Einkommensrückgang, z.B. aufgrund eines Konjunktureinbruches, passt sich der Konsum der Haushalte erst mit Verzögerung an das neue
36 Vgl. Frietsch (1991), S. 23 sowie Ohmayer (1997), S. 50f.
37 Vgl. Frietsch (1991), S. 23f. sowie Ohmayer (1997), S. 51.
38 Vgl. Karmann (1985) S. 19.
10
Einkommensniveau an. Zu Lasten der Ersparnis wird versucht, das einmal erreichte Konsumniveau beizubehalten. Dies führt in der Folge zu einem kurzfristigen Rückgang der Sparquote.
Während bei Keynes eine Einkommensnivellierung zu sinkenden Sparquoten führt, löst nach Duesenberry eine Angleichung der Einkommen konsumdämpfende Effekte aus. 39 Eine gleichmäßigere Einkommensverteilung verringert die sozialen Unterschiede, und die ärmeren Haushalte besitzen einen geringeren Anreiz, ihr Konsumniveau zu erhöhen.
Unbefriedigend an der relativen Einkommenshypothese blieb die Annahme der diskontinuierlichen Anpassung der Konsumgewohnheiten der privaten Haushalte. Damit konzentrierte sich die Kritik vor allem auf den Einklinkeffekt. 40 Brown griff diese auf und versuchte den Einwänden in seiner Habit Persistence Hypothese gerecht zu werden.
39 Vgl. Ohmayer (1997), S. 51.
40 Vgl. Frietsch (1991), S. 25.
11
2.2.3 Die Habit Persistence Hypothese von Brown
Die Weiterentwicklung der relativen Einkommenshypothese basiert auf folgenden Annahmen: 41
• Das Einkommen der Vorperiode dient neben dem aktuellen Einkommen als Konsumdeterminante. 42
• Anstatt des Höchsteinkommens wird das maximal erreichte Konsumniveau als Bestimmungsgrund des Verbrauchs berücksichtigt.
T.M. Brown (1952) konstatierte, dass sich das Konsumentenverhalten stetig, aber mit einer gewissen Verzögerung, an ein neues Einkommensniveau anpasst. 43 Diesen Habit Persistence Effekt berücksichtigte er, indem er neben dem aktuellen Einkommen die Einkommen früherer Perioden mit geometrisch fallenden Gewichten als Bestimmungsgröße des Konsums heranzieht. 44
Einerseits führt die Verzögerung in der Anpassung der Konsumgewohnheiten zu einer kurzfristig antizyklischen Reaktion der Sparquote. Andererseits lässt sich die langfristige relative Konstanz der Sparquote durch die Einbeziehung der Einkommen vergangener Perioden mit geometrisch fallenden Gewichten erklären.
41 Vgl. Ohmayer (1997), S. 52.
42 Die zeitliche Verzögerung zwischen einer Änderung des laufenden Einkommens der privaten Haushalte und der Änderung ihrer Konsumausgaben wurde bereits 1926 vom englischen Ökonomen D.H. Robertson (1890 - 1963) in die Diskussion eingeführt und wird heute in der Literatur als Robertson Lag bezeichnet.
43 Vgl. Karmann (1985), S. 19.
44 Vgl. Frietsch (1991), S. 26.
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2.3 Normaleinkommenshypothesen
2.3.1 Die permanente Einkommenshypothese von Friedman
Wie bereits oben erwähnt, gehört die permanente Einkommenshypothese, die M. Friedman in seinem Werk „A Theory of the Consumption Function“ 1957 veröffentlicht hat, zusammen mit der Lebenszyklushypothese von Modigliani, Brumberg und Ando zur Gruppe der Normaleinkommenshypothesen. Beide Hypothesen basieren auf der Annahme, dass Konsumentscheidungen nicht mehr vom laufenden Einkommen, sondern von Einkommenserwartungen determiniert werden.
Ausgehend von einem erweiterten Einkommensbegriff, unter Berücksichtigung der Verzinsung des Vermögens, trennt Friedman sowohl den Konsum als auch das Einkommen in eine permanente und eine transitorische Komponente. Das permanente Einkommen wird definiert als „reflecting the effect of those factors that the unit regards as determining ist capital value or wealth“, so dass neben Sachkapital auch persönliche Merkmale der Individuen, wie Ausbildungsniveau, Gewohnheiten, Alter etc. berücksichtigt werden. 45 Das permanente Einkommen - konzipiert als Erwartungsgröße - ist der Teil des Einkommens, den der Haushalt im längerfristigen Durchschnitt als normal ansieht. 46 Unvorhergesehene Abweichungen von diesem Einkommen werden dem transitorischen Einkommen zugerechnet. Analog lässt sich der Konsum in einen permanenten und einen transitorischen Anteil spalten. Die permanenten Komponenten von Konsum und Einkommen sind nach der Proportionalitätshypothese zueinander proportional. Friedman nahm an, dass kausale Beziehungen ausschließlich zwischen den permanenten Größen bestehen, wobei der permanente Konsum stets einen festen Anteil des Normaleinkommens einnimmt. 47 Folglich ist die marginale Konsumneigung aus transitorischen Einkommen Null, so dass eine zufällige Einkommenssteigerung den Konsum nicht berührt. Umgekehrt führen transitorische Einkommensrückgänge zu einem kurzfristigen Absinken der Sparquote. Nach Friedman gleichen sich die positiven
45 Vgl. Friedman (1957), S. 21.
46 Vgl. Ohmayer (1997), S. 54.
47 Vgl. Frietsch (1991), S. 33.
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und negativen transitorischen Einkommensbestandteile im Zeitablauf aus, was langfristig zu einer konstanten Sparquote führt. 48
Im Gegensatz zur absoluten Einkommenshypothese ist die Sparquote vom absoluten Einkommen unabhängig. Sie wird determiniert vom Zinssatz, den Präferenzen der Haushalte und dem Verhältnis von Einkommen aus Vermögen zu Arbeitseinkommen. 49
2.3.2 Die Lebenszyklushypothese von Modigliani et al.
Mit der permanenten Einkommenshypothese eng verwandt ist die Lebenszyklushypothese von Modigliani, Brumberg und Ando. Gegenüber Friedmans Hypothese wird jedoch das Vermögen als eine Determinante des Konsums berücksichtigt. Wird das Vermögen als Bestandsgröße interpretiert, aus dem zukünftiges Einkommen fließt, so ist jede Vermögensänderung gleichbedeutend mit einer Änderung des permanenten Einkommens. 50
Die zentrale Annahme des Lebenszyklusmodells lautet, dass Individuen vorausschauend sind, sichere Erwartungen bezüglich ihres Lebensalters haben, ein Zinssatz von Null herrscht und Erbschaften sowie Geschenke ausgeschlossen sind. 51 Die Lebensspanne eines solchen Haushalts lässt sich in zwei Abschnitte aufteilen in die Zeit der Erwerbstätigkeit, in der er ein konstantes Einkommen bezieht und in eine Ruhestandsphase ohne Erwerbseinkünfte. Gemäß dem Ziel ein ausgeglichenes Konsumniveau über die Lebenszeit zu realisieren, muss der Haushalt während der Erwerbsphase Rücklagen bilden, deren Auflösung ihm im Ruhestand die Absicherung seines Lebensstandards ermöglicht. Unter den getroffenen Annahmen wird er einen konstanten Anteil seines Einkommens sparen, so dass sein Vermögen gleichmäßig bis zu einem Maximum während des Übergangs in die Rentenphase ansteigt, um dann kontinuierlich wieder abgebaut zu werden. Die Ersparnis über die gesamte Lebenszeit
48 Vgl. Ohmayer (1997), S. 54.
49 Vgl. Frietsch (1991), S. 34.
50 Vgl. Cezanne (1998), S. 43.
51 Vgl. Ohmayer (1997), S. 55 sowie Frietsch (1991), S. 39.
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beläuft sich somit auf Null und die Sparquote ist während der Erwerbstätigkeit nur abhängig von dem zeitlichen Verhältnis zwischen Erwerbsdauer und Ruhestand.
In einer stationären Volkswirtschaft würden die Ersparnisse der Erwerbstätigen durch die Pensionäre vollständig aufgezehrt. Eine positive gesamtwirtschaftliche Ersparnis kann nur in einer wachsenden Volkswirtschaft auftreten. 52 Basiert ein Anstieg des Sozialproduktes auf einem Bevölkerungswachstum, steigt die Anzahl der Erwerbstätigen im Verhältnis zu den Pensionären. Ist der Sozialproduktanstieg hingegen durch den technischen Fortschritt begründet, so lässt sich dieser durch steigende Einkommen der Erwerbstätigen begründen. Demgemäß beeinflusst das Wachstum des Sozialproduktes die Sparquote der privaten Haushalte.
Ebenso wie Friedman gelang es auch Modigliani et al. die Diskrepanz zwischen kurz-und langfristiger Sparquote zu erklären. 53 Langfristiges Wachstum des Sozialproduktes ermöglicht eine langfristig konstante Sparquote, während kurzfristige Wachstumseinbrüche sich in Schwankungen der Sparquote widerspiegeln.
52 Vgl. Frietsch (1991), S. 40f.
53 Vgl. Ohmayer (1997), S. 55f.
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Alexander Simon, 2009, Langfristige Betrachtung der Sparquote der privaten Haushalte Deutschlands, München, GRIN Verlag GmbH
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