Inhaltsangabe
1. Einleitung 1
2. Intention der religiösen Motive 1
2.1 Die ere als höchster Grundsatz 1
2.2 Leid und List 1
2.3 Wahrheit 2
2.4 Veränderungen gegenüber der Vorlage 3
2.5 Gottfrieds Intention 3
3. Die Herkunft und die Funktion der Gottesurteile im Mittelalter 4
3.1 Das Zweikampfrecht 4
3.2 Die Eisenprobe 5
4. Die Fremdheit der Gottesdarstellungen aus heutiger Sicht 6
4.1 Die Verfügung über Gott in der Episode des Moroldkampfes 6
4.2 Der instrumentalisierte Gott in der Episode des Tantris 7
4.3 Der manipulierte Gott in der Episode des Gottesurteils 8
4.4 Der Helfergott in der Episode des Gottesurteils 9
5. Die Fremdheit Gottes gegenüber den handelnden Personen 10
5.1 Unsicherheit der handelnden Personen 10
5.2 Die zweideutige Rede 11
6. Die heutige Fremdheit Gottfrieds Kommentars 11
6.1 Ernste Interpretation 11
6.2 Ironische Interpretation 12
7. Zusammenfassung 13
8. Literaturangabe 15
1. Einleitung
Im Tristan Gottfrieds von Straßburg wird vom Namen Gottes, ebenso wie von der Darstellung religiöser Anschauungen und Verfahrensweisen, in vielfältiger Weise Gebrauch gemacht. Oft wirken diese Darstellungen fremd. Diese ‚Fremdheit‘ kann man auf verschiedenen Ebenen feststellen. Nicht nur aus heutiger Sicht muten diese Schilderungen eigenartig an, manche Verfahren waren schon im Mittelalter nicht mehr zeitgemäß. Ebenso zeigen die handelnden Personen selbst ein widersprüchliches Verhalten gegenüber Gott, auch ihnen ist dieser fremd. Eine weitere Ungewissheit findet sich in den ungeklärten Absichten Gottfrieds. Auch nach vielen Erforschungen kann man immer noch keine eindeutige Aussage über seine wahre Absicht solcher Gottesdarstellungen machen. Eine derartige ‚Fremdheit‘ kann man im gesamten Tristan feststellen, aber vor allem in einigen zentralen Szenen wird diese deutlich. Die Frage mit der sich diese Arbeit beschäftigen soll, lautet: Wie kann man die fremd wirkenden Darstellungen interpretieren und was wollte Gottfried mit dieser Art der Gottesschilderung bewirken?
2. Intention der religiösen Motive
2.1 Die ere als höchsten Grundsatz
Was in besonderem Maße im Tristan befremdend wirkt, ist die Tatsache, dass Tristan und Isolde sich nicht davor scheuen, zum Erfolg ihrer Listen, Gott zu missbrauchen. Hierbei wird der Ehebruch vom Autor nicht kritisiert. Allerdings entstehen aus der Liebe zwischen Isolde und Tristan Konflikte, „sobald die Liebenden den von der maze vorgeschriebenen Ausgleich mit der ere nicht mehr finden“ 1 . Denn die ere ist die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens im Mittelalter. Der Ausschluss aus dieser ist die größte Katastrophe die einer adligen Person widerfahren kann. Würde ihr Vergehen entdeckt, so würde die höfische Gesellschaft, im Gegensatz zum Autor, den Ehebruch schwer ächten. Aus dieser Sicht ist auch verständlich, warum Tristan und Isolde nicht davor zurückschrecken gegen Gottes Gebote zu verstoßen und ihn zu der Umsetzung ihrer Absichten zu missbrauchen. Dies stellt nämlich, im Vergleich zum Verlust der ere, ein geringeres Übel dar.
2.2 Leid und List
Was an Tristans Charakter nur schwer vereinbar scheint, ist sein vorbildliches Verhalten und seine adlige Abkunft in Gegenüberstellung zu seiner Verschlagenheit und seinen Betrügereien. Zunächst erfährt er hohes Ansehen in der Gesellschaft. Später stellen sich an Markes Hof aber auch Hass und Neid in Bezug auf Tristans bisherigen Erfolg ein. Hiermit beginnt das Leid, das er ab nun ständig erfährt und aus dem sich in der Folge auch wiederholt die Listen und Betrügereien entwickeln.
Einige Interpreten sind der Ansicht, Tristan würde aus doppelter Moral (gewissenlos) handeln. Demgegenüber kann man aber argumentieren, dass seine Listen, im Gegensatz zu denen des Truchsessen, Gandins und Urgans, immer aus einer guten Absicht entstehen. Den Erfolg, aber auch das Leid, sieht er stets als von Gott gegeben. Er fügt sich bereitwillig in sein Schicksal. Tristan verdeutlicht die zwei Seiten, die jeder gläubige Mensch besitzt. Er ist nämlich nicht nur ein guter Christ, indem er liebe und leit als von
1 Meissburger, Gerhard: Vorläufige Bemerkungen zu der Funktion Gottes in Gottfrieds Tristan, in: Studien zur deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters. Festschrift für Hugo Moser zum 65. Geburtstag, Berlin 1974, S. 135
Gott gegeben annimmt und bejaht, sondern er ist zugleich auch ein Mensch und somit ein Sünder. 2 Die Ursache warum Tristan seinen guten Absichten nicht gerecht werden kann, findet man in dem Umstand, dass er sich im Verlauf der Handlung in gegensätzliche Verpflichtungen gegenüber verschiedenen Personen verstrickt. Somit kann er den Grundsatz der triuwe, zu der er gegenüber Marke als Verwandten und Untertan verpflichtet ist, nicht in allen Situationen aufrecht erhalten. Indem er nämlich Isolde triuwe gewährt, muss er sie Marke versagen. Ebenso verhält sich diese Gegebenheit auch bei anderen Personen. Isolde beweist triuwe gegenüber Tristan und ist treulos zu Marke, dem sie die Treue, als seine Ehefrau, eigentlich schulden würde.
Dieses Verhalten zeigt nicht die Gottlosigkeit der Menschen, „sondern spricht vor allem wohl für die Wahrhaftigkeit des dargestellten Daseins, das ohne Gott so wenig auskommt, wie es ohne die Sünde sein könnte“ 3 .
2.3 Wahrheit
Man muss beachten, „dass d ie theologischen und philosophischen Vorstellungen zu Beginn des 13. Jahrhunderts durch die Aufnahme in die literarische Tradition eine tiefgreifende Umwandlung erfahren hatten, indem die Begriffe aus diesen beiden Sinnbereichen in andere, weltliche Zusammenhänge übernommen wurden.“ 4
Dies wird deutlich, wenn man sich die enge Verwandtschaft, die zwischen den Gottesschilderungen in der Literatur des Mittelalters und dem Wahrheitsbegriff herrscht, näher ansieht. In der geistlichen Literatur des frühen Mittelalters bezog sich alles Denken und Handeln auf Gott. Daher verstand sich ein Dichter als Bote des Wortes Gottes, der Wahrheitsgehalt hat bei einer derartigen Literatur wenig Bedeutung, denn die geistliche Überlieferung sah man als eine unanzweifelbare Wahrheit an. 5 Ein Wandel vollzog sich mit dem Aufkommen der Heldenepen. Diese Dichtung wird als eine Art Geschichtsschreibung verstanden. Da der Verlauf der Geschichte von Gottes Plan abhängig ist wird in dem Zusammenhang auch der Wahrheitsbegriff irrelevant. Bei der geistlichen Literatur, ebenso wie bei der vorhöfischen Literatur (Heldenepen), handelt es sich um eine theologische Wahrheit, die durch den Inhalt der Bibel begründet ist. Diese Grundlage der Wahrheitsfindung wird mit der Zeit immer mehr ausgeweitet. In der Folgezeit dienen auch andere theologische Schriften als Wahrheitsbeweis, später dann auch weltliche Schriften. In der höfischen Literatur kann man zum ersten Mal eine Problematik des Wahrheitsbegriffs feststellen, denn nun handelt es sich nicht mehr um eine verbindliche Wahrheit wie in der geistlichen Literatur. Die Dichter können den Wahrheitsanspruch ihrer Werke nicht aus schriftlichen Quellen herleiten, da solche nicht vorhanden sind. Lediglich die fiktionalen Dichtungen anderer Autoren dienten als Vorlage. In der höfischen Literatur, zu der man auch den Tristan zählt, handelt es sich daher eher um eine moralische Wahrheit 6 . „Das Diesseits wird nicht real, sondern idealisiert vollkommen gesehen, darum gilt es den höfischen Dichtern als ‚wahre‘ Welt. Die vorbildliche Gestaltung des Stoffes in der künstlichen Form und der inhaltlichen Aussage nach der zentralen höfischen Idee legitimiert die Dichtung als wahr, denn sie bezweckt die exemplarische Unterweisung zum Guten.“ 7 Aus dieser Sicht dient die höfische Literatur zur Schaffung von Leitbildern für die Adligen, auf die sich diese Art von Dichtung auch ausschließlich richtete. 8
2 Ebd., S. 138
3 Ebd.
4 Carls, Ottmar: Die Auffassung der Wahrheit im ‚Tristan‘ Gottfrieds von Straßburg, in: Hugo Moser/ Benno von Wiese, Zeitschrift für deutsche Philologie, Band 93, 1974, S. 11
5 Ebd., S. 12 6 Ebd., S. 14
7 Wolfgang Monecke, zitiert in: Ottmar Carls: a.a.O., S. 14 8 Erich Köhler, zitiert in: Ottmar Carls: a.a.O., S. 13
2.4 Veränderungen gegenüber der Vorlage
Eine Verfremdung findet man auch in Gottfrieds Tristan gegenüber seiner Vorlage von Thomas von Britannien. Allerdings kann man keinen direkten Vergleich vornehmen, da das Werk Thomas` nur noch in Fragmenten vorhanden ist. Für eine bessere Vergleichsmöglichkeit kann man daher die norwegischen Erzählungen von Tristram und Isond heranziehen, die Thomas zur Vorlage seines Werkes dienten. Aus derartigen Erforschungen hat man die Erkenntnis gewonnen, dass sich Gottfried im Bezug auf den Inhalt sehr genau an Thomas gehalten habe. Verfremdungen fanden vor allem im Bereich der religiösen Darstellung statt. 9 Die Nennung des Namens Gottes findet man in Gottfrieds Werk viel öfter vor als in den norwegischen Erzählungen. Weiterhin wurden Gebete der Nebenpersonen gekürzt oder ganz weggelassen, statt dessen wurden für die Hauptpersonen neue Gebete hinzugefügt. Die Veränderungen gegenüber der nordischen Prosa gelten wahrscheinlich auch ebenso im Vergleich zu Thomas` Werk. Ein auffälliges Merkmal ist die Darstellung Gottes als Lenker, dieses ist bei Gottfieds Werk stärker ausgeprägt ist als in seiner Vorlage. Damit verdeutlicht er den Zwiespalt, der zwischen den Listen und dem übergeordneten höherem Maß (Gottes Gebote) herrscht. Einerseits sind die Personen abhängig von Gott, andererseits können sie oft nicht seine Gebote einhalten und versündigen sich somit.
2.5 Gottfrieds Intention
Unverständlich scheint, dass Gott zu dem Gelingen der wiederholten Betrügereien beiträgt. Er unterstützt Isolde und Tristan bei ihren Lügen und Listen. Dies lässt sich dadurch erklären, dass Gottfrieds vorherrschendes Thema im Tristan die minne ist. Er wollte verdeutlichen, wie durch den Einfluss der Liebe andere Werte außer Kraft gesetzt werden. Die Darstellung von Gott und religiösen Motiven ist somit nicht sein eigentliches Interesse. Diese tragen lediglich zur Erörterung der gesellschaftlicher Konfliktsituationen bei. Das wird um so deutlicher, wenn man die Verse der Vorgeschichte beachtet (diese sind in Gottfrieds Vorlage nicht vorhanden), in denen es heißt: und sagen wir umbe daz kindelîn, daz vater noch muoter haete, waz got mit deme getaete. (V. 1788ff)
Was Gott mit ihm tat war allerdings nicht wie man vermuten könnte, ihn vor Leid zu bewahren. Im Gegenteil schon Tristans Name entspricht seinem Schicksal, dies ist von Anfang bis Ende geprägt von Trauer und Leid. Glück und Erfolg lassen sich, mit Gottes Hilfe, lediglich durch List und Betrug erreichen. Woraus sich aber wiederum erneut Leid entwickelt. Daher könnte man sich die Frage stellen, wo eigentlich im Tristan die Umsetzung der christlichen Lehre bleibt. Denn diese wäre ja zu erwarten, da sich der Name Gottes über dreihundert Mal in dem Werk finden lässt.
Aber diese Darstellung Gottfrieds ist nicht gegen die christliche Lehre gerichtet. Denn obwohl man annehmen könnte, dass die Aufgabe Gottes in der Hauptsache darin besteht die Menschen vor Kummer und Not zu beschützen, sind auch in der Bibel die menschlichen Schicksale von Leid begleitet. 10 Gottfried eröffnet durch diese Darstellung verschiedene Handlungsmöglichkeiten, zwischen denen ein Mensch wählen kann. Es wird erörtert, „ob er Gott anklagt und sich von ihm abwendet; oder ob er sein Leid als aus Gottes Hand kommend erkennt, als eine Gelegenheit, sich dieser Hand zu ergeben, von ihr allein Hilfe zu
9 Meissburger, G.: a.a.O., S. 139
10 Ebd., S. 137
Arbeit zitieren:
Susanne Fass, 2003, Der fremde Gott im "Tristan" Gottfrieds von Straßburg, München, GRIN Verlag GmbH
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