Eine Nation schreiben
I. Einleitung ………………………………………………………………………….. 1
II. Methode und Forschungsstand
1. Theorie und Methode ……………………………...………..……………….. 2
2. Forschungsstand …………………………………………………………….. 3
III. Historische und thematische Kontextualisierung
1. Öffentlichkeit, nationale Identität und kollektives Bewusstsein ……... …. 4
2. Die Gartenlaube: populäres Massenmedium und politisches Organ …… 6
IV. Die Konstruktion der Nation in der Gartenlaube
1. Die vorgestellte Gemeinschaft der Leser ……………………..…...…......... 9
2. Die Kategorien von Region und Nation …………………………..………… 13
3. Grenzziehungen nach außen und antiaristokratische Tendenz ……........ 15
V. Schluss ……………………………….………………………………………….. 19
VI. Literaturangaben …………………………………………………..…………… 21
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I. Einleitung
Die Vorstellung einer Nation von sich selbst, ihren Wesenszügen und ihrer Geschichte, kurzum ihrer Identität, verläuft nicht notwendigerweise entlang und kausal abhängig von tatsächlichen politischen Ereignissen, sondern wird u.a. durch (Massen-)Medien produziert, reproduziert und repräsentiert. Die Presse wird dabei als ein Medium der Bedeutungsdefinition und -übertragung betrachtet, und nicht als bloßer Spiegel der ‚Realität’.
In Deutschland im 19. Jahrhundert übernahm die Zeitschrift Die Gartenlaube eine bedeutende Rolle im Prozess der Vermittlung eines nationalen Bewusstseins und der Vorstellung politisch-kultureller Einheit. Im deutschen Sprachraum wurde durch die Zeitschrift (und - anders als in Großbritannien - nicht die Zeitung) die erste Form von Massenkommunikation etabliert. These der Arbeit ist, dass die Gartenlaube - obwohl sich als Familienblatt präsentierend - maßgeblich zur Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft beitrug. Sie wirkte inkludierend, indem sie sich erstens an alle Familienmitglieder und verschiedene Schichten richtete und zweitens eine Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft von Lesern erschuf. Ausgehend von Theorie und Forschungsstand (II) wird eine politische und medienhistorische Kontextualisierung der Zeitschrift vorgenommen (III). Dabei sind einerseits politisch-historische Kontexte der Nationalstaatenbildung in Europa und national-politische Diskurse von Bedeutung, und andererseits auch die Entwicklung der Zeitschrift und ihrer zunehmenden Bedeutung in der Gesellschaft. In IV werden Mechanismen nationaler Identitätskonstruktion betrachtet, wobei ein Schwerpunkt auf der Vermittlungsrolle nationaler Bilder durch die moderne Massenpresse liegt. Das der Arbeit zu Grunde liegende Erkenntnisinteresse sind sozio-politische und medien-historische Zusammenhänge und Konsequenzen des frühen Einsatzes des Massenmediums Zeitschrift zur Publikation, Verbreitung und Propagierung bürgerlich-liberaler Ideen. Allgemeiner geht es um die Frage, wo die Entwicklung der Massenmedien zur gegenwärtigen Stellung als Vierter Gewalt im Staat begann und wie die Anfänge einer Öffentlichkeit aussehen, die wie heute als legitimierend für eine Demokratie begreifen. Fokus dieser Untersuchung sind die Elemente und Themen, die die Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft unterstützen. Die Arbeit zielt nicht auf eine umfassende Textanalyse ab, sondern beschränkt sich auf das Aufzeigen von Mechanismen der Nationskonstruktion
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sowie die Kontextualisierung der Gartenlaube als politischem Organ in ihrem sozialen, historischen und politischen Umfeld. Rein empirische Erhebungen einzelner Ausgaben, wie sie an vielen Stellen qualitativ und quantitativ bereits vollführt wurden, vorzunehmen, ist nicht Teil der Arbeit. Diese besitzen zwar einen analytischen Mehrwert hinsichtlich des Themenspektrums der Gartenlaube, sind jedoch weniger repräsentativ für die medien-historische und politische Kontextualisierung, die hier im Vordergrund steht. Vielmehr zeichnet die Arbeit anhand von ausgewählten Beispielen aus der Gartenlaube wesentliche Mechanismen der Konstruktion nationaler Identität auf - wie in der Gartenlaube eine Nation ,erschrieben’ wird.
II. Theorie und Forschungsstand
1. Theorie und Methode
Grundannahme ist eine konstruktivistische Perspektive auf die Zusammenhänge von Kultur, Identität und Gesellschaft: Das kollektive Bewusstsein wird von Mechanismen kultureller Kommunikation und medialer Vermittlung konstruiert, produziert und reproduziert. Texte bilden eine kulturell wirksame Sammlung von Bildern und Erzählungen über nationale Identität. Vermittelt werden diese Bilder durch Strukturen (insbesondere die Massenpresse), die deren Eingang in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft garantieren. Von diesem Standpunkt aus verbindet die Produktion liberaler Ideen in der Presse und die politischen Einstellung der Gesellschaft kein Kausaldeterminismus, sondern eine Wechselbeziehung. ‚Realität’ wird als teils konstruiert, teils gegeben aufgefasst: „Constructivist work stresses the significance of meaning, but assumes, at the same time, the existence of an a priori reality.” (Zehfuss 2002: 10) Für Die Gartenlaube heißt das, dass eine Wechselbeziehung zwischen dem Bemühen um die Konstruktion der Nation und dem vom Bürgertum vertretenen Wunsch danach besteht. Dieses Bemühen von 1853 bis 1900 1 in einem qualitativen Verfahren nachzuzeichnen und medienhistorisch zu kontextualisieren ist Aufgabe der Arbeit.
1 Der Untersuchungszeitraum wurde vom von dem Gründungsjahr der Zeitschrift bis zu einem Zeitpunkt ein Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg gewählt, da dann der Nationalstaat einerseits als etabliert gelten darf, andererseits zu diesem Zeitpunkt nationalistische Tendenzen die Oberhand gewinnen und es nicht mehr um die bloße Konstruktion und Etablierung der Nation geht.
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2. Forschungsstand
Die moderne Forschung beschreibt Die Gartenlaube zumeist in ihrem politischen und sozialen Kontext, obwohl die Zeitschrift selbst sagt, es sei „nicht Aufgabe der Gartenlaube, […] sich in das Getriebe der Tagespolitik einzumischen“ (Ernst Keil in Gartenlaube 1866: 192, zitiert in Zaumseil 2007: 36). Die Bedeutung der Entwicklung von Massenmedien für diesen Prozess wird u.a. von Kirsten Belgum (1993 und 1998) betont, die in ihren Analysen der Gartenlaube auf die besondere Bedeutung der modernen Massenpresse als Vermittler von kulturellen und politischen Bildern nationaler Identität fungiert. Sie nimmt dabei Konzepte Benedict Andersons (1983) einer imagined community auf. Dieser hebt die Bedeutung der Massenmedien und die Teilnahme vieler Individuen an der Lesetätigkeit für die Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft von Lesern hervor. Den massenmedialen Konstruktionsprozess des kollektiven Bewusstseins in der Phase politischer Neuorientierung im 19. Jahrhundert in Deutschland analysiert auch Marcus Koch (2003), wobei er die Entstehung der Nation als vielschichtigen und historischen Prozess betrachtet. Daneben untersucht Franka Zaumseil (2007), wie in den Erzählungen, Aufsätzen und der Berichterstattung der Gartenlaube das Bild einer Nation entworfen wird. Sie argumentiert, dass die Zeitschrift nicht nur, wie Hermann Zang (1937) schreibt, zum Sprachrohr des Bürgertums wurde, sondern auch über eine Abgrenzung nach außen eine innere Einheit konstruierte. Auf die Bedeutung der Gartenlaube als Popularisierungsinstanz von ‚nationaler Volkskultur’ und Massenmedium des Bürgertums geht Heidemarie Gruppe ein (1976). Sie untersucht die Gartenlaube hinsichtlich der Bedeutungen, Verwendungszusammenhänge und des Wandels des Begriffes ‚Volk’. Dabei kommt sie zum Schluss, dass sich dieser Begriff während der Erscheinungszeit der Gartenlaube durchaus wandelte, aber grundsätzlich mit den liberalen Vorstellungen
des Bürgertums und politischen Zielen eines Nationalstaates verbunden war. 2 Einen inhaltlich ähnlichen Schwerpunkt legt Matthew Fitzpatrick (2005) in seiner Beleuchtung des Zusammenhangs zwischen nationalen Bewusstsein des liberalen Bürgertums, kolonialen Vorstellungen und deren massenmedialen Vermittlung.
2 Zu den Forderungen des Liberalismus im 18. und 19. Jahrhundert gehörten die Institutionalisierung der Grund- und Menschenrechte, demokratische Entscheidungsfindung, Verfassungen, Liberalisierung des Handels, Aufheben von Zollschranken. Das wichtigste Ziel des liberalen Bürgertums war die Einigung der deutschen Staaten und die Gründung einer deutschen Nation, von der das Bürgertum behauptete, maßgeblich an ihrer Entstehung beteiligt gewesen zu sein (vgl. Zaumseil 2007: 5 und 11 sowie Gruppe 1976: 27).
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Die in Fortsetzungsserien publizierten Romane und Erzählungen der Gartenlaube wurden teilweise in Sammlungen erneut veröffentlicht (Heilmann 1982). Heike Radeck (1967) zeigt in den Romanen anti-amerikanische und antiaristokratische Tendenzen sowie nationalistische Ideologie nach 1870/71 auf. Sie argumentiert, dass Bauern- und Gebirgsromane als Teil der Heimatkunst zur Definition und Ausgestaltung des Nationalismus beitrugen. Magdalene Zimmermann (1963) bietet einen deskriptiven Überblick über die wesentlichen Themenbereiche der Gartenlaube mit einer Sammlung von Auszügen aus Primärquellen. Ähnlich wenig Aussagekraft bieten Ruth Horovitz’ Bemerkungen zu bürgerlich-liberalen Ideen in der Gartenlaube, da diese in ihrem Buch zum deutschen Liberalismus zu einer rein additiven Sammlung von Thesen und Zitaten geraten sind und eine Argumentation vermissen lassen. In dieser Hinsicht haben beide Arbeiten eine grundsätzlich interessante und zum Weitergebrauch geeignete Vorauswahl an relevanten Textstellen getroffen, auf die hier auch zurückgegriffen wird. Günther Cwojdrak (1982) leistet mit seiner Zusammenstellung von Beiträgen aus der Rubrik „Blätter und Blüthen“ (eine Art Feuilleton) der Jahrgänge 1870, 1871, 1880, 1890, 1900, 1914, 1915, 1916, 1917, 1918 Ähnliches.
III. Historische und thematische Kontextualisierung
1. Öffentlichkeit, nationale Identität und kollektives Bewusstsein Die Geschichte der Zeitschrift muss kontextualisiert werden im Entstehen einer Öffentlichkeit, die maßgeblich vom aufstrebenden Bürgertum im 18. Jahrhundert zu einer selbstbewussten und anerkannten gesellschaftlichen Kraft getragen wurde. Mit ihrem Aufstieg in der Kindheit des modernen Staates entwickelte die bürgerliche Schicht ein Interesse an der Verbreitung ihrer politischen Meinungen und Interessen. Die Zeitschriften, die in dieser Zeit befördert von neuen technischen Produktionsmöglichkeiten und einem gesellschaftlichen Bedarf gegründet, produziert und gelesen wurden, stellen die bedeutendste Artikulationsform dieser neuen bürgerlichen Schicht dar. 3 Die Öffentlichkeit als Forum zur Verbreitung politischer Ideen ‚existiert’ hinsichtlich der Begriffsgeschichte erst seit dem 17. Jahrhundert als ‚öffentlich’ und
3 Anders als in Großbritannien, wo die Tageszeitung die moderne Massenkommunikation begründete, ist es im deutschen Sprachraum die Zeitschrift, die diese Funktion erfüllt (vgl. Belgum 1998: 2 und 16).
Arbeit zitieren:
Anna Milena Jurca, 2008, Eine Nation schreiben, München, GRIN Verlag GmbH
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