Vorwort
Die vorliegende Arbeit stellt die wichtigsten Etappen der Entwicklung der in Alexander Nützenadels Werk „Stunde der Ökonomen“ dargestellten Geschichte der wirtschaftspolitischen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland dar, sowie der zunehmenden Bedeutung der ökonomischen Expertenkultur und Politikberatertätigkeit, die sich im Zeitraum von 1949 bis 1974 herausgebildet hat.
In besonderem Maße wird dabei auf die Herausbildung einer ordnungspolitischen und später prozeßpolitischen Wirtschaftspolitik in Korrelation zur Entwicklung ökonomischer Beratungsgremien eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Weimarer Republik, Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise 1-3
2. Die Nationalökonomie und der Ordoliberalismus der Freiburger Schule 3-5
3. Die Bundesrepublik im Sog der angloamerikanischen New Economics 6-7
4. Wachstums- und Konjunkturanalyse 7-9
5. Entwicklung der prognostischen Wirtschaftsforschung 9-11
6. Entwicklung der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung 11-12
7. Die Konvergenztheorie: Systemkonkurrenz zwischen DDR und BRD,
und die französichen Bemühungen um die Planification Économique
als Grundlage der EWG 13-14
8. Das Wachstums- und Stabilitätsgesetz von 1967 und die Konzertierte Aktion 14-16
9. Die Abkehr vom Keynesianismus 16-17
10. Resümee 18-19
Fazit : Ökonomisierung der Gesellschaft und Homo Oeconomicus 19-20
Einleitung
Während des zweiten Weltkrieges wurden die Bande Deutschlands mit den internationalen Wissenschaften weitgehend gebrochen. Viele Wissenschaftler wurden aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit oder wegen der Unbequemlichkeiten die ihre Arbeiten für das NS-Regime bereiteten ausgewiesen, interniert, oder zur Flucht gezwungen. Die Nationalökonomie erfuhr dabei wie viele andere Wissenschaften eine Diskreditierung durch den Nationalsozialismus. Doch gerade sie durchlief in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands eine Genese wie keine andere Wirtschaftsdisziplin und nahm im Laufe der Zeit eine zunehmend prägende Rolle in der Bundesrepublik ein.
Alexander Nützenadel hat in seinem Buch „Stunde der Ökonomen“ die Entwicklung des wirtschaftlichen Aufstieges Westdeutschlands beleuchtet, und die Entwicklung von ökonomischer Expertise im Kontext politischer Beratertätigkeit und steigenden gesellschaftlichen Einflusses verfolgt.
Der Fokus politischen Handelns hat sich unter dem Bedeutungsgewinn der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung und der Einflußnahme derselben auf die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik seit ihrer Gründung zunehmend auf die Wirtschaftspolitik bewegt, während andere Bereiche traditioneller Politik immer weiter in den Hintergrund traten.
1. Weimarer Republik, Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise
Nicht zuletzt wurde in Deutschland die Grundlage für das Greifen des Nationalsozialismus auch in dem Umgang der Weimarer Republik mit der Wirtschaft genannt. Die Weimarer Republik übernahm den verantwortungslosen Umgang des Deutschen Kaiserreiches mit der Geldpolitik, denn seit Anfang des 1. Weltkrieges 1914 ist zur Zahlung der Kriegskosten Geld gedruckt worden, was die Kaufkraft der Mark bis 1918 um mehr als die Hälfte reduziert hatte. 1
1 ) Je mehr Einheiten eines Gutes im Umlauf sind desto geringer der Wert und umgekehrt, entsprechend stark fällt auch der Wert des Geldes je mehr davon die Druckerpresse herstellt.
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Die Zahlung der Reparationen an die Siegermächte war der Weimarer Republik nicht möglich. In Folge dessen kam es zur Ruhrbesetzung durch belgisch-französische Truppen. Die Weimarer Regierung unter Reichskanzler Wilhelm Cuno rief zum Streik auf, und zahlte die streikenden Ruhrarbeiter subventionierend in Mark aus. In Folge der jedoch durch den bedenkenlosen Gelddruck stetig weiter entwerteten Mark kam es 1923 zum Höhepunkt der Hyperinflation, und zum Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft. Der Kurs für 1 US-Dollar betrug zu diesem Zeitpunkt 4,2 Billionen Mark. So schnell wie die Geldentwertung und damit die Preissteigerung voranschritten, bekamen die Druckerpressen Schwierigkeiten mit dem Drucken neuer Scheine hinterher zu kommen. Da auch die alliierten Siegermächte als Prämisse für Reparationsverhandlungen eine Stabilisierung der deutschen Wirtschaft forderten, kam es im Zuge der Währungsreform 1923-1924 zur Beendigung der Inflation und eine Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse setzte ein. Die Konsequenz der Inflation war eine Abschiebung der Kriegskosten auf die Arbeiterschichten und die Vermögensbesitzer, mit fatalen ökonomischen und sozialen Folgen. Weite Teile der bis dahin wirtschaftlich wohlsituierten Mittelschicht wurden in die Armut gestürzt, ihre monetären Reserven waren durch die rapide Geldentwertung dahingeschmolzen. 2
Das Lohnniveau stieg erst 1928 wieder auf einen dem Vorkriegsstandart von 1913 nahen Stand. Entsprechend stark war das Vertrauen seitens der Bevölkerung in die Republik erschüttert.1929 trat schließlich in Folge eines Preisverfalls auf den Agrar- und Rohstoffmärkten und des Börsenkrachs im Oktober 1929 die Weltwirtschaftskrise in allen Industrienationen ein, und ging mit Unternehmenszusammenbrüchen, massiver Arbeitslosigkeit und Deflation einher. Der Boom in der Produktion ist durch den Wegfall der Nachfrage der USA schlagartig zur weltweiten Depression geworden. Der durch den plötzlich auftretenden Nachfragemangel ausgelöste Preisrutsch bewirkte Auftragsmängel die wiederum zu Massenentlassungen, Unternehmensschließungen und Talfahrten an den Börsen führten. Die tragische Folge der Krise für die deutsche Bevölkerung war ein erneuter Sturz in die Unsicherheit katastrophaler ökonomischer Verhältnisse. Die Unfähigkeit der Regierung Brüning einen Ausweg aus den Problemen, die aus der Krise erwuchsen, zu bieten, und das ohnehin schon geschwächte Vertrauen in die Führungsfähigkeit
2 ) Brockhaus Enzyklopädie. 19.Auflage. Mannheim 1994, Bnd.10, S. 492; Bnd.23, S. 700-702; Die Grosse Coron Enzyklopädie. Stuttgart 1995, Bnd.7, S.168
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der Republik, bereitete endgültig den Weg für das Aufkeimen des radikalen Nationalsozialismus und der Machtergreifung Adolf Hitlers welche letztlich in den 2. Weltkrieg führte. 3
Diese zweifache Beutelung der deutschen Bevölkerung durch wirtschaftliche Krisen ist maßgebend für den kommenden Bedeutungsgewinn der Nationalökonomie und dem steigenden Gewicht, das man in der Politik dem Wirtschaftsressort beimißt, sowie für das tiefe Trauma und die Angst vor einer Wiederkehr der Wirtschaftskrisen des frühen 20. Jahrhunderts. Das politische Selbstverständnis der nach dem zweiten Weltkrieg ökonomisch aufblühenden Bundesrepublik ist maßgeblich an ihre wirtschaftlichen Erfolge gekoppelt. Das rasante Wirtschaftswachstum nach dem Krieg wird dabei nicht nur als eine der entscheidenden Säulen der Entfaltung einer vitalen Demokratie gesehen, sondern ist ebenso wichtig für die internationale Emanzipation des westdeutschen Teilstaates gewesen. Im Rahmen der Weltwirtschaftskrise und des spezifischen deutschen Traumas, sind die Begriffe der Stabilität und des Wachstums für Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu deutschen Leitbegriffen geworden, denen gegenüber Instabilität und konjunkturelle Krisen als Bedrohung für den Grundkonsens der Gesellschaft wahrgenommen werden. So zitiert Nützenadel einen polnischen Publizisten, bis heute seien Wirtschaftskrisen „in Deutschland stets Identitätskrisen.“ 4
2. Die Nationalökonomie und der Ordoliberalismus der Freiburger Schule
Das soziale und ökonomische Elend welches den Deutschen aus der zweifachen Beutelung massiver wirtschaftlicher Krisen widerfuhr, wurde als wesentlicher Faktor für das Aufkeimen des Nationalsozialismus angesehen, und nicht zuletzt auch in gewissem Maße als Form der historischen Entlastung instrumentalisiert. Entsprechend stark gewann die unter den Nazis verpönte Nationalökonomie nach dem Krieg an Bedeutung. Wollte man doch den Grund für das Aufkeimen des Faschismus maßgeblich in der ökonomischen Ausweglosigkeit und der aus den Krisen erwachsenen Unsicherheit der Deutschen sehen, so galt es der Konjunktur so viel Auftrieb wie möglich zu verschaffen, und die Gefahr wirtschaftlicher Krisen bereits im Vorfeld zu minimieren.
3 ) Brockhaus Enzyklopädie. 19.Auflage. Mannheim 1994, Bnd.23, S. 700-702; Bnd.24, S. 59
4 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S. 11
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Die Nationalökonomie löste sich dabei nach dem Krieg endgültig vom methodologischen Verständnis der durch die Historische Schule geprägten Tradition. Der Ökonom und Historiker Brinkmann hat sich dabei in herausragendem Maße gegen die zunehmende Spezialisierung und Abschottung in den Geisteswissenschaften gewandt. Er machte sich für eine Synthese aus historischen, soziologischen und ökonomischen Ansätzen stark, und bezeichnete einen rein theoretischen Ansatz als zu wirklichkeitsfremd. Er plädierte für eine Analyse der Wirtschaft anhand von historischen Vergleichswerten, die Geschichte müsse als Kontrollinstanz verwendet werden. Brinkmanns „Sozialökonomische Synthese“ erwies sich jedoch als nicht tragfähig. Die Historische Schule der Nationalökonomie verlor mit ihren Nebenlinien seit Mitte der 50er Jahre an Bedeutung und Einfluß, Wirtschafts- und Sozialgeschichte entwickelten sich zu einer eigenständigen Disziplin. 5 Die Freiburger Schule um Walter Eucken und Franz Böhm gewann in der Frühphase der Bundesrepublik mit ihrem ordnungspolitischen Denken zunächst stark an Einfluß. Sie prägten maßgeblich die Leitlinien des Faches und die wirtschaftspolitische Konzeptionisierung und Institutionenbildung der Aufbauzeit. Dabei war das Konzept des Ordoliberalismus maßgebend. Der Ordoliberalismus spricht sich gegen den freien Markt des klassischen Liberalismus aus, und denkt den Staat als zentralen Agitator zur Rahmengebung gegen wettbewerbsfeindliche Konzentrationsprozesse an, sowie gegen die Vermachtungsdynamik von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden. Der Staat solle also als Kontrollorgan zur Steigerung der Wohlfahrt in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen, sofern die Notwendigkeit bestehe. Nach Eucken hat die Wissenschaft dabei die Aufgabe, einen institutionellen Rahmen zur Rechtsprechung der wirtschaftlichen Ordnung zu bestimmen und wirtschaftspolitische Bewertungen vorzunehmen. 6 Eucken schwebte dabei die Ausbildung interdisziplinärer Fachkräfte vor, welchen die Erfassung gesamtgesellschaftlicher Probleme in ihrer Ganzheit möglich sein sollte. Für die Ordnungspolitik in Deutschland war maßgebend, daß ökonomische Gegebenheiten nicht als Ensemble natürlich gewachsener Faktoren betrachtet wurden, sondern als politische Gesamtentscheidung über die Ordnung des nationalen Wirtschaftslebens.
Der Philosoph Rüstow und der Rechtsökonom Röpke warnten vor der Gefahr einer Vermassung und Proletarisierung die mit der Entwicklung der Industriegesellschaften
5 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.27-28
6 ) A.a.O.: S. 35-37
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einherginge. Sie befürchteten im Zuge der Urbanisierung eine zunehmende Auflösung sozialer Bindungen („Atomisierung der Gesellschaft“). 7
Rüstow plädierte für politische Siedlungsmaßnahmen auf dem Land um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, was sich jedoch nach dem Krieg als nicht machbar erwies. Der in den 30er Jahren entstandene Ordoliberalismus fand vor Allem durch die gemeinsamen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen zusammen. Euckens und Böhms Ordnungslehre stellte dabei den ehrgeizigsten Versuch einer Neubegründung des Faches dar, fand aber unzureichenden Anklang. Die Arbeiten der Freiburger Schule sind dabei fest in der alten Schule der Nationalökonomie mit ihren geschichtlichen und soziologischen Verwurzelungen verankert. Die Fixierung auf die institutionellen Rahmenbedingungen des Marktes steht in der Tradition jener alten Schule, und ist von Knut Borchardt als Reflex auf die dramatischen Umbrüche Deutschlands seit 1918 verstanden worden. Die Ordnungspolitik der Freiburger Schule stellte nach dem Krieg in ihrem Ordoliberalismus eine Alternative zum nationalsozialistischen Modell des ökonomischen Interventionismus und dem kommunistischen Modell der Planwirtschaft dar, welche mit der Unterstützung der Alliierten rechnen konnte. Ferner galten die Freiburger Ökonomen mit ihrem Kontakt zum konservativen Widerstand als politisch unbelastet. Sie genossen ein hohes öffentliches Ansehen und Einfluß auf die sich konstituierende deutsche Ordnungspolitik, hatten allerdings wenig Einfluß auf die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften selbst. Das war vor Allem darin begründet, daß viele Ordoliberale der ersten Generation während des oder kurz nach dem Krieg verstarben. Die Freiburger Schule war zwar weit bis in die 60er Jahre an den Universitäten präsent, besaß jedoch keineswegs eine dominante Position. Ihr Einfluß ging insbesondere in der Forschung zurück, da ihre Methoden und Ansätze nur begrenzt mit dem Modell des internationalen Mainstreams des Keynesianismus und des neoklassischen Denkens harmonierten.
Der im angelsächsischen Raum von statten gehende Aufschwung der Makroökonimik mit ihrer Präferenz für die Konjunkturtheorie, die Wachstumstheorie, der methodischen Hinwendung zur Ökonometrie, und mathematisch formalisierten Modelltheorie, führten dazu, daß Eukens und Böhms Ordnungslehre im Ausland nahezu gänzlich unbeachtet blieb. Auch in Deutschland verlor die Ordnungslehre in dem Maße Einfluß, in dem sie Anschluß an die internationalen Debatten suchte. 8
7 ) A.a.O.: S.39-40
8 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.43-44
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3. Die Bundesrepublik im Sog der angloamerikanischen New Economics
Diverse Vertreter der ökonomischen Wissenschaften wurden zur NS-Zeit vertrieben, darunter Mitglieder der Wiener-Schule, Liberale, SPD-Mitglieder und Juden. Viele von ihnen waren Mitglieder besonders innovativer Forschungszweige. Insgesamt wurden von den Nationalsozialisten 252 Wissenschaftler vertrieben. Davon wanderten 221 aus, darunter fast alle Angehörigen der Wiener Schule aus Österreich. Die Meisten flüchteten in die USA, wo sie häufig Stipendien durch die Rockefeller-Foundation erhielten, und nach Großbritannien, gefolgt von Palästina, der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden, und der Türkei. Dies führte dazu, daß es nach dem Krieg in Deutschland nicht wie im angelsächsischen Raum zur Anballung von Vertretern der keynesianischen Schule gekommen war. Der Prozeß des Eingangs keynesianischer Lehre, insbesondere in Form der neoklassichen Synthese, in die bundesdeutsche Wirtschaftspolitik, setze daher zwar später ein als jenseits des Atlantiks, verlief dafür aber weitestgehend konfliktfrei und harmonisch. Die Ursache für die schleichende Einkehr der New Economics in die Bundesrepublik lag in der großen Zahl eben jener vertriebenen Wissenschaftler, die nach dem Krieg zurückkehrten und lehrende Positionen an deutschen Universitäten einnahmen, ebenso wie an den Austauschprogrammen mit den USA, an denen viele jüngere Wissenschaftler teilgenommen hatten und so mit dem Keynesianismus in Berührung kamen. 9
Keynes stieß also mit seinen Ansätzen, etwa zur staatlichen Regulierung des Marktes, in Deutschland auf wenig Widerstand, was er nicht nur mit dem Fehlen des im angelsächsischen Raums verbreiteten neoklassischen Denkens begründete, sondern mit dem Fehlen jeglicher theoretischer Orientierung überhaupt. Deutschland hat sich, so Keynes, ein Jahrhundert lang bemüht, ohne eine führende Theorie in der Wirtschaftswissenschaft auszukommen. Keynes etablierte die Markoökonomik als eigenständiges Gebiet der Volkswirtschaftslehre, einige der zentralen Elemente seiner noch heute gelehrten Theorie sind etwa die der Liquiditätspräferenz (ein Teil des Einkommens wird weder ausgegeben noch gespart, sondern in der Tasche aufbewahrt, etwa für persönliche Bedürfnisse), oder die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals (deren Wachstum in fortgeschritten industrialisierten Ländern abnimmt). Ferner versuchte er die Erklärung von Unterbeschäftigung und die staatliche Stabilisierungspolitik auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Aufgrund fehlender endogener Stabilisierungsmechanismen fällt dem Staate nach Keynes die globale Nachfragestabilisierung und Investitionsregulierung zu.
9 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.354
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Erich Schneider ist bei seiner Arbeit in Skandinavien mit dem Keynesianismus in Kontakt gekommen und zum einflußreichsten Volkswirtschaftswissenschaftler der frühen Bundesrepublik avanciert. für Schneider stand Keynes in Tradition mit Adam Smith, er sah in dem Keynesianismus keinen planwirtschaftlichen Ansatz wie etwa Röpke, sondern die Fortentwicklung der Ansätze der neoklassischen Tradition. Röpke befürchtete hingegen hinter dem antizyklischen Interventionismus und Vollbeschäftigungsgedanken von Keynes eine Vorstufe zur Planwirtschaft, und lehnte den Keynesianismus vehement ab. Dabei verfolgten Euken, Keynes und Adam Smith allerdings alle das gleiche Ziel: Die Aufrechterhaltung der Marktwirtschaft.
Spätestens Ender der 50er zeichnete sich das Ende des deutschen ordoliberalen Sonderwegs ab und der neoklassische Keynesianismus setzte sich in der Bundesrepublik durch. Qualitative Darstellung wurde durch makroökonomische Modelle, mathematische und quantifizierende Methoden und ökonometrische Prognoseverfahren ersetzt. 10
4. Wachstums- und Konjunkturanalyse
Mit der Hinwendung zu mathematisch formalisiertem und abstraktem Modelldenken löste sich die Volkswirtschaftslehre endgültig von ihren Banden zu den Sozial- und Geisteswissenschaften. Ferner stieg der Anspruch der Wirtschaftswissenschaft nach der Anerkennung als funktional anwendbare Wissenschaft. Die Konjunkturbeobachtung, volkswirtschaftliche Gesamtrechung und die Ökonometrie durchlebten eine Boomphase in der sie universitär wie auch außeruniversitär institutionell und personell stark ausgebaut worden sind. Dabei ging es zunächst um die Beobachtung und Messung konjunktureller Zyklen und anderer volkswirtschaftlicher Variablen. 11
Nach den großen Erfolgen des Wiederaufschwungs der deutschen Wirtschaft nach dem 2.Weltkrieg wandte Ludwig Erhard sich Ende 1955 mit der Intention an die Wirtschaftspolitik, einen Zustand des dauerhaften Aufschwungs zu erhalten, der der vormaligen Ansicht des zyklischen Auf und Ab der Konjunktur entgegen stand. Wirtschaftlicher Fortschritt sollte also die Normallage sein. Das Postulat von Wachstum und Stabilität ist dabei im kollektiven Erinnerungsbild an den Schrecken der Weltwirtschaftskrise
10 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.59-62
11 ) A.a.O.: S.354
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der 30er Jahre sowie der spezifischen Erfahrung der Deutschen mit der Hyperinflation entstanden. Dabei lagen euphorische Wohlstandshoffnung und tiefe Krisenangst eng beieinander, es bestand allerdings Zuversicht, daß man die Schrecken einer drohenden Wirtschaftskrise mit einer wissenschaftlich fundierten Wirtschaftspolitik bannen könne. Dieser gestalterische Optimismus zog sich ebenso durch das Bild der Wirtschaftswissenschaften selbst. Die enorme Bedeutung der Weltwirtschaftskrise für die Deutschen konstituiert Andreas Predöhl 1953 mit der Aussage, daß alle Probleme der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik aus dieser Krise erwachsen seien. 12 Und auch Friedensburg wiederholt, die Weltwirtschaftskrise habe das Ansteigen des Radikalismus in Deutschland beflügelt und den verhängnisvollen Ausgang dieser Entwicklung in jener Form erst ermöglicht. 13 Die Brüning’sche Deflationspolitik habe die Probleme Deutschlands damals sogar noch verschärft und habe den Nationalsozialisten in die Hände gespielt. So konnten diese mittels ihrer Politik der Direktinvestitionen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen etwa im Straßenbau durchsetzen, was ihnen in Zeiten massiver Arbeitslosigkeit eine breite politische Unterstützung seitens der konjunkturell gebeutelten Arbeiterschichten sicherte. Die fatalen wirtschaftlichen Versäumnisse Brünings haben zur Erfüllung der Reparations- und Kreditverpflichtungen gegenüber dem Ausland eine Konjunkturverschlechterung bis an die Grenzen der Selbstaufgabe in Kauf genommen. 14 So sei die Große Depression Erbe und Auftrag zugleich, und nach Nützenadel ein Fixpunkt der Nachkriegszeit. Das Wachstums- und Stabilitätsgesetz von 1967 enthält etwa einen langen Prolog über die Schäden die an Demokratie und Wohlstand durch die Große Depression entstanden seien. Ab Mitte der 50er Jahre herrschte für fast zwei Jahrzehnte Vollbeschäftigung und die Bundesrepublik verzeichnete hohe Wachstumsraten. Auch in Zeiten konjunkturellen Abschwungs blieb das Wachstum stark. Konjunkturelle Schwankungen stellten in der BRD ebenso wie in anderen Industrienationen nicht länger das wirtschaftliche Hauptproblem dar, sodaß der Konjunkturzyklus in der ökonomischen Terminologie durch den Wachstumszyklus ersetzt worden ist. Das Interesse an Vollbeschäftigungstheorien und dem allgemeinen Keynesianismus nahm Anfang der 50er Jahre ab und moderne Wachstumstheorien wurden als kritische Antwort auf die keynes’sche Vollbeschäftigungstheorie entwickelt.
12 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.64
13 ) A.a.O: S.65
14 ) A.a.O.: S.70
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Die in den USA und Großbritannien entwickelten postkeynesianischen Wachstumstheorien fanden auch in Deutschland starken Anklang, wo man sich um eine Synthese von neoklassischen und postkeynesianischen Ansätzen bemühte. Jenseits der reinen Ordnungsaufgaben bestimmte der Staat immer größere Räume des Wirtschaftslebens und die Finanzpolitik umfaßte staats-, gesellschafts- und wirtschaftspolitische Zielsetzungen. Die Leitfrage dabei die Hand in Hand mit der Entwicklung der
volkswirtschaftswissenschaftlichen Analytik ging war: In wie weit ist Wirtschaftswachstum machbar? Dabei war zu bedenken, daß der deutsche Nachkriegsaufschwung vor allem auf die dynamische Entwicklung des privaten Sektors zurückzuführen war. Nach Neumark ist hier zwischen dirigistischer und interventionistischer Finanzpolitik zu unterscheiden. Erstere dienten zur Befriedung von Sonderinteressen, während Letztere marktkonform angewandt indirekt finanziell in einer rein quantitativen Form wirkt. Ein rationaler Interventionismus sei dabei eine zielgerichtete und langfristig orientierte Politik zur Sicherung von Wachstum, Vollbeschäftigung, sowie der Verteilungsgerechtigkeit. Die Staatsausgabensteigerung moderner Industriestaaten sei nach Neumark dabei unausweichlich.
Die Finanzlehre wurde in den 60er Jahren in die moderne ökonomische Theorie eingebettet. Anbei sollte ein wissenschaftliches Instrumentarium geschaffen werden, welches korrigierende Eingriffe des Staates in laufende Wirtschaftsprozesse ermöglichte und rechtfertigte. Der Fokus verschob sich von der qualitativen auf die quantifizierende Analyse wirtschaftlicher Prozesse. Dies verlieh der Ökonometrie, welche gesicherte Daten und Statistiken benötigte, einen Aufschwung. Die Stunde der empirischen Wirtschaftsforschung war somit eingeläutet. 15
5. Entwicklung der prognostischen Wirtschaftsforschung
Der Notwendigkeit zur Spezialisierung suchte man durch die Unterbringung der Spezialisten unter dem Dach eines Institutes für Wirtschaftswissenschaften Rechnung zu tragen. Es wurde gefordert, die Disziplinen ähnlich der Medizin oder der Psychologie unter dem Oberbegriff der Wirtschaftswissenschaft zu vereinen. Die Ökonomen bräuchten ein breites Wissen über die Gesamtzusammenhänge, auch wenn sie nur ein Organ der Wirtschaft untersuchen würden, gülte es dies im breiteren Kontext analysieren und verstehen zu können.
15 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.88-89
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Dabei stand die Intention im Vordergrund, Wirtschafts- und Konjunkturforschung zum orchestralen Teamwork unter Einsatz einer möglichst großen Bandbreite an Instrumentarien zu gestalten.
Wirtschaftsprognosen beeinflussen das menschliche Verhalten; sofern die Prognosen glaubwürdig sind, tangieren sie das Verhalten der Wirtschaftssubjekte; wenn etwa der Aktienmarkt stagniert und die Prognose Kursgewinne prophezeit, so wird dies das Investitionsklima anregen und damit - quasi als self-fulfilling-prophecy - zu steigenden Aktienkursen führen; andersherum wird die Prognose einer Depression die Regierung zu Verhaltensänderungen anregen, um genau das Eintreten dieser Vorhersage zu vermeiden. 16 Dies wird auch als der sogenannte Ankündigungs- und Rückkopplungseffekt bezeichnet. Der US-Präsident Truman gab vor dem Inkrafttreten des Marshal-Plans eine Studie in Auftrag, deren Untersuchungsgegenstand die maximale monetäre Investitionsgrenze in Europa war, bis zu der eigene Wirtschaftsinteressen nicht gefährdet werden würden. Da die für die Gewinnung solcher Daten relevante nationale amtliche Buchführung in der BRD nach dem Krieg nur schleppend aufgebaut worden war, wurde diese Lücke durch die akademische Wirtschaftsforschung geschlossen. Das Amt für Statistik hatte das Niveau der Wirtschaftsforschung erst in den frühen 60er Jahren wieder eingeholt. Das ebenso bestehende ministerielle Interesse an Prognosen, etwa zur Planung von Rentenberechnungen oder der Straßenbauplanungen, führte in der Bundesrepublik zu einem regelrechten Datenhunger. Behörden, Sozialversicherungsträger und kommunale Planungsverbünde reihten sich ebenso in die steigende Zahl der Nachfrager solcher prognostischen Datenergebnisse ein, wie der private Sektor und auch das Ausland, sowie internationale Organisationen, wie etwa die UNO oder die OEEC, denen die Bundesrepublik verpflichtet war, regelmäßig umfassende Kreislauf- und Kontensysteme zu erstellen. 17 Dabei wurden die quantifizierten Prognoseverfahren von einigen Ökonomen wie Lutz und Hahn als latente Bedrohung der freien Gesellschaft angesehen.
Nach Lutz sei ein marktwirtschaftliches System ohne Risiko und Unsicherheit nicht möglich. Die perfekte Vorhersage nehme dem Unternehmer jegliches Motiv zum wirtschaftlichen Handeln, dabei hänge die Gewinnchance davon ab daß er die zukünftige Lage einzuschätzen
16 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.113
17 ) A.a.O.:.355
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vermag. Gerade diese Diskreditierung der Prognostik stieß jedoch in akademischen Kreisen auf starken Widerstand.
Der norwegische Ökonom und spätere Nobelpreisträger Ragnar Frisch vertrat die These, die Wirtschaftstheorie könne „eine Zielfunktion erstellen, welche die Gesamtheit der Urteile und Entscheidungen der Politiker über die Wünschbarkeit wirtschaftlicher und sozialer Zustände wiedergebe.“ 18 Da wirtschaftspolitische Maßnahmen und Prognosen nun in immer engerer Korrelation zueinander standen, gewann die Frage nach einer Neudefinition der Schnittstelle von Politik und Wissenschaft, sowie die Frage in welchem Verhältnis positive und normative Ökonomie zueinander stünden, an Gewicht. Die Frage tangierte nicht nur das Selbstverständnis der Ökonomie, sondern ebenso das der politischen Agitatoren, deren Entscheidungen sich an zunehmend komplexen wissensbasierten Prozessen orientierten. Von großer Bedeutung hierbei war, daß viele Ökonomen eine Prognose überhaupt nur dann für sinnvoll befanden, wenn sie mit einem politischen Programm verknüpft war, daß eine klare Zielsetzung erkennen ließe. In diesem Sinne war das Programm darauf angewiesen, selbst auf einer Prognose zu beruhen, sodaß die Trennung von wissenschaftlicher Prognostik und politischem Handeln kaum noch möglich war.
6. Entwicklung der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung Die Grenze zwischen Forschung und politischer Praxis wurde also bei den
Wirtschaftswissenschaften durchlässiger als bei anderen Disziplinen. Dabei stieg das Wachstum an Vermittlungsinstanzen zwischen Experten und Laien an, denn die Terminologie der Wirtschaftswissenschaften überforderte Außenstehende zunehmend in ihrer Komplexität und Unzugänglichkeit. Die Barriere zwischen normativer und wissenschaftlicher Urteilsbildung seitens der Akademiker über die Beratertätigkeiten wurde von dieser Entwicklung ebenso aufgeweicht. Werturteil, politisches Bekenntnis und wissenschaftliche Analyse traten zunehmend in Konflikt zueinander. Die Vermengung von reiner und normativer Ökonomie führte zu Debatten über die Gefahren einer Politisierung des Faches. Daher stieß die Mitte der 50er Jahre von Verbänden und parteiinternen Kräften geforderte Einrichtung eines ständigen Sachverständigenrates entsprechend dem Pendant des Weimarer Reichswirtschaftsrates auf erheblichen akademischen wie auch politischen Widerstand der Regierung Adenauer. Walter Strauß nannte die Idee eines solchen Wirtschaftsrates eine
18 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.120
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Gefahr in Form einer pluralistischen Zersetzung der Demokratie. 19 Der Wirtschaftsrat in seiner durch die Vertretung zahlreicher Interessengruppen konstituierten und wirtschaftliche Interessen anstrebenden Form wurde im Zuge dessen aufgegeben, an seine Stelle trat das sich durchsetzende Modell des wirtschaftswissenschaftlich besetzten Expertengremiums, welches als Instanz über dem Meinungsstreit der Parteien stehen sollte. Leitgedanke des geplanten unabhängigen Expertengremiums war die Aufdeckung von Störungen einer gesunden volkswirtschaftlichen Entwicklung in der Gegenwart oder Zukunft; hierbei galten als Prämisse die drei Säulen Vollbeschäftigung, Preisstabilität, und Wachstum. Der Rat sollte kein Beratungsgremium der Bundesregierung sein, sondern unabhängig die Öffentlichkeit informieren und wissenschaftliche Analysen und mögliche Problemlösungswege präsentieren. Dem Projekt wurde von diversen Seiten erheblicher Widerstand entgegen gebracht. Starker Streit bestand um die Kompetenzen des Gremiums, so wurde etwa von der SPD die Aussprache von Kritik an wirtschaftspolitischen Maßnahmen durch das Gremium zu verhindern versucht. Dennoch wurde der Rat 1963 gegründet und mit erheblichen Forschungsmitteln und einer starken Position ausgestattet, und tat sich in den ersten Jahren seiner Arbeit als sehr regierungskritisch und selbstbehauptend hervor. Dabei unterstrich das Gremium zum einen den Anspruch als unabhängige Beratungsinstanz, zum anderen motivierte es aber auch unter Zuhilfenahme der Medien die Öffentlichkeit erfolgreich für seine Ziele. Im Gegensatz zum us-amerikanischen Pendant, dem Council of Economic Advisors, war die Politikberatung in Form des Rates in Deutschland externalisiert, und in diesem Sinne außerhalb der Regierungsinstitutionen stehend. Die Abkehr von der behördeninternen Beratung hin zur Information und Aufklärung der Öffentlichkeit bedeutete einen Paradigmenwechsel im Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. So konstatierte die Zeitschrift „Der Volkswirt“ 1968, im Zuge steigender Differenzen zwischen Regierung und Rat, die Politiker seien längst zu Gefangenen des Sachverständigenrates geworden, der wirtschaftspolitische Entscheidungen präjudiziere und dessen Wirken Mechanismen in Gang zu versetzen mochte, deren Wirkung die Bundesregierung ausgeliefert sei. 20 Im internationalen Vergleich war der Sachverständigenrat eine Absonderlichkeit, an der, wegen der Nichteinbindung in den Politikprozeß über einen institutionellen Rahmen, aufgrund des öffentlichen und politischen Einflusses immer wieder verfassungsrechtliche Kritik entstanden war. 21
19 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.137-138
20 ) A.a.O.: S.169
21 ) A.a.O.: S.356
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7. Die Konvergenztheorie: Systemkonkurrenz zwischen DDR und BRD, und die französichen Bemühungen um die Planification Économique als Grundlage der EWG
Die DDR stellte für die westdeutsche Bundesrepublik in ökonomischer Hinsicht eine negative Vergleichsgesellschaft dar. Die Entwicklung der deutschen sozialen Marktwirtschaft wird meist aus dem Zusammenwirken amerikanischer Wirtschaftskonzepte und des deutschen Ordoliberalismus interpretiert, jedoch trat nach den Anfängen der BRD die Wirtschaft der DDR zunehmend ins Blickfeld westdeutscher Ökonomen und Politiker. Auch die Debatte über eine zweite Phase der Sozialen Marktwirtschaft erhielt durch die Systemkonkurrenz mit der DDR entscheidende Impulse. Nach Friedrich stellte das Hauptproblem der westlichen Marktwirtschaft die fehlende Zukunftsorientierung dar, ein größeres wirtschaftliches Plandenken sei unverzichtbar, da im freien Markt nicht wie in der Planwirtschaft Ressourcen an strategisch wichtigen Stellen einer Allokation unterlaufen; ebenfalls halte die Planwirtschaft die Konsumquote effektiver niedrig und widme sich in Forschungs- und Bildungspolitik stärker langfristigen Problemstellungen.
Es bestünde ferner eine Überlegenheit der Planwirtschaft im Bereich der Sicherung der Investitionsquote und der Produktivitätssteigerung. Der Auffassung des früheren CDU-Sprechers Fritz Hellwig, der einen Wirtschaftskrieg zwischen Ost und West heraufziehen sah, bestünde ein Urbedürfnis nach Lenkung, Autorität und Führung in gemeinschafts- und politischer Willensbildung, und insbesondere im Bereich der Wirtschaft, deren politische Gestaltung ohne Ausrichtung sei. 22
Dieser Auffassung der scheinbaren Überlegenheit des planwirtschaftlichen Wirtschaftsmodells lag eine massive Fehleinschätzung der Produktivität der DDR zugrunde. Das „Bruttoinlandsprodukt“ der DDR berücksichtigte etwa keine Staatstätigkeiten und Dienstleistungen, was den Vergleich problematisch und die Vorstellung über die Produktivität vage werden ließ. Preise dienten in der Planwirtschaft außerdem nicht als Knappheitsindikatoren, was den Vergleich ebenso erschwerte. Das Ausbleiben des prognostizierten wirtschaftlichen Aufholprozesses der DDR gab der Wachstumsforschung jedoch wichtige Impulse, die in den 60er Jahren in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in die Konvergenzdebatte mündeten. Eine Mischform von zentralisierter und dezentralisierter Entscheidung ergab sich dabei als bestimmbares Optimum der Wirtschaftsorganisation. So zwinge die Konkurrenz zum sachgerechten Verfahren, unter der Annahme der technischen jeweils wirksamsten Lösung ohne Rücksicht auf herrschende Ideologien.
22 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.179
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Ein technokratisches Zukunftsdesign galt als Chance die ideologischen Ost-West Gegensätze zu überwinden. Die entideologisierten Begriffe der Planung und Steuerung hatten sich Mitte der 60er Jahre im wirtschaftspolitischen Vokabular der BRD fest verankert. 23
Wirtschaftspolitische Planungskonzepte gewannen also an Einfluß. Es bestand die Auffassung, daß freie Austauschbeziehungen Probleme hervorrufen könnten, welche nur eine planende und regulierende Politik zu verhindern im Stande wäre. Das französische Modell der Planificacion Économique, welches als Versuch einer „Planung ohne Planwirtschaft“ galt, scheiterte noch am erheblichen Widerstand der Bundesregierung in den Verhandlungen nach der Verabschiedung der Römischen Verträge, als in der EWG über eine gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik beraten wurde. Die französischen Bemühungen die BRD auf den Weg der ökonomischen Programmierung zu bringen, erhielten jedoch letztlich Aufwind durch die Debatte in der deutschen Wirtschaftspolitik über eine zweite Phase der Sozialen Marktwirtschaft, welche weitere Impulse durch die Gründung der EWG erhalten hatte. Die damit verbundene ständige Konfrontation mit den Wirtschaftsmodellen anderer Länder bewirkte im wirtschaftspolitischen Diskurs eine unverkennbare Entfernung von den liberalen Grundprinzipien der frühen Nachkriegsjahre.
8. Das Wachstums- und Stabilitätsgesetz von 1967 und die Konzertierte Aktion Besonders starken Anklang fanden die planwirtschaftlichen Theoreme in der SPD. Im Rahmen der SPD Wirtschaftsprogrammatik wurde eine auf der Idee einer sozialistischen Planwirtschaft in einer demokratischen Gesellschaft beruhende Konzeption entworfen. Dabei ging es unter Anderem um die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien und
umfassende verteilungspolitische Eingriffe, nach fatalen Wahlniederlagen gab es allerdings einen Umschwung in der Wirtschaftspolitik der SPD und die Partei orientierte sich näher an den modernen Mitteln der wirtschaftswissenschaftlichen Instrumentarien. Dabei stützte man sich auf die vier Grundsäulen (magisches Viereck) stetes Wachstum, Preisstabilität, Vollbeschäftigung, und außenwirtschaftliches Gleichgewicht. In den Vordergrund traten nun wachstums- und stabilitätspolitische Grundgedanken, allerdings immer noch mit der Intention einen Wohlstand für eine umfassende Umverteilung zu schaffen. 24
23 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.359
24 ) A.a.O.: S.239
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Aufgrund der raschen Überwindung der Rezession von 1966/67 war man noch zu Zeiten der auf die Regierung Erhard folgenden Großen Koalition zuversichtlich was die Chancen der Beeinflussung von Wachstum und Konjunktur betraf, und der Begriff der Planung galt spätestens seit der Rezession als ein Kernelement des modernen Politikmanagements. Diese Zuversicht in die Planbarkeit und Voraussage der Wirtschaftsentwicklung wich allerdings Ende der 60er Jahre einer ansteigenden Skepsis. Die prognostischen Systeme erwiesen sich im Laufe der Zeit frequentiert als unzuverlässig. Trotz der Verfeinerung der verwendeten Instrumentarien produzierten Wirtschaftsforschungsinstitute und Sachverständigenrat unabhängig voneinander Prognosen die sich als unzutreffend erwiesen, was in graviastischem Maße zum Verruf der projektiven Wirtschafts- und Finanzpolitik beitrug, die diese unzutreffenden Projektionen für die Finanzplanung zugrunde legte. Mit dem Wachstums- und Stabilitätsgesetz von 1967, welches ein breites Spektrum an Instrumentarien zur Steuerung makroökonomischer Prozesse enthielt, erfuhr der Keynesianismus quasi eine Aufwertung zur wirtschaftspolitischen Staatsphilosophie. 25 Es sah die Beeinflussung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage mittels der Steuerung von Einnahmen und Ausgaben des Staates vor, dies entsprach dem keynesianischen Demand-Management. Die Haushaltspolitik von Bund, Ländern, und Kommunen wurde auf eine antizyklische Haushaltspolitik verpflichtet, in Zeiten des Booms sollten der Wirtschaft Kaufkraft entzogen und bei der Bundesbank in einer Konjunkturausgleichsrücklage und in Form von Tilgung von Krediten stillgelegt werden. Bei Boom-Phasen sollte die Nachfrage also gehemmt, bei einer Rezession angekurbelt werden. Erstmals fanden durch die Verankerung im Grundgesetz damit wirtschaftspolitische Normen Eingang in das Verfassungsrecht. Das inkludierte weitreichende Eingriffe in die Autonomie der Haushaltsträger und bedeutete eine erhebliche Stärkung des gouvernmentalen Steuerungspotentials, was allerdings auch den Beschlüssen der EWG entsprach, welche eine mehrjährige Budgetplanung schon seit 1964 für ihre Mitgliedsländer vorsah. Das Gesetz stieß innerhalb der Öffentlichkeit auf massive Zustimmung. Die wirtschaftsliberale „Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft“ ließ verlauten, eine so verstandene Globalsteuerung, sei Bestandteil des neoliberalen Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft. 26
25 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.309
26 ) A.a.O.: S.313
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Die ebenfalls 1967 ins Leben gerufene Konzertierte Aktion, welcher die Idee einer Einbindung der wirtschaftlichen Verbände in die politischen Entscheidungsprozesse zugrunde lag, stellte den Versuch einer Manipulation der Einkommensentwicklung in der Bundesrepublik dar. Ihr Hauptzweck war die Einkommensentwicklung an wachstums-und konjunkturpolitische Ziele der Regierung anzugleichen. Die im Angesicht der Rezession produzierten und abermals, wie sich später herausstellen sollte, inkorrekten Prognosen über die fatalen Folgen einer zu intensiven Lohnsteigerung (Lohn-Preissteigerungsspirale) ließen die Gewerkschaften einlenken und man übte sich in Mäßigung. Als die Rezession jedoch abrupt und unerwartet endete gerieten die Gewerkschaften in Konflikt mit ihrer Basis, was diese in eine Profilierungsnotlage brachte die in der Konzertierten Aktion in Form von zunehmenden Spannungen zwischen Arbeitnehmerverbänden und Arbeitgebern hervortrat, die Konzertierte Aktion war somit immer weniger im Stande ihre Funktion auszuüben. Die Konzertierte Aktion wurde um immer mehr Teilnehmer erweitert und vergrößerte damit ihr Tätigkeitsfeld weit über die ursprünglich angedachten Maße hinaus. Das hatte allerdings nur mittelbaren Einfluß auf den weiterhin schwelenden Konflikt und die zur Zeit der Rezession noch effektive Zusammenarbeit war drei Jahre später gen Ende der Großen Koalition weitgehend zersetzt. Kritische Stimmen warnten darüber hinaus vor einer Vergesellschaftung staatlichen Handelns mittels der Konzertierten Aktion. Diese berge die Gefahr einer Verlagerung von wirtschaftspolitischen Entscheidungen aus dem Parlament in die Konzertierte Aktion, was dieser Konturen eines verkappten Wirtschaftsparlaments aus nicht öffentlichen Interessengruppen geben würde. Das würde wiederum heißen, die Existenz wirtschaftlicher Interessenorganisationen als tragendes Element einer pluralistischen Gesellschaft anzuerkennen. 27
9. Die Abkehr vom Keynesianismus
Es bestand ein zunehmender Trend in der Politik, sich auf statistische Erhebungen in der Entscheidungsplanung zu stützen. Da das Wachstum erheblich von der Politik abhinge, müsse vorab eine Feststellung über das angestrebte Wachstum, sowie den Grad der Vollbeschäftigung, den Außenbeitrag und die Inflationsrate getroffen werden.
27 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.320
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Die Grenze zwischen statistischen Prognosen und volkswirtschaftlicher Rahmenplanung wurde dabei ebenso durchlässig, wie die Trennung von wissenschaftlichen Schätzmethoden und politischen Zielvorgaben.
Nach der fehlgeschlagenen Krisenbekämpfung von 1974/75 und der eintretenden Stagflation, 28 wandte sich die volkswirtschaftliche Politikberatung vom als überholt geltenden Keynesianismus endgültig ab. Das war auch ein weiterer Bruch in der gesellschaftlichen Anerkennung der wirtschaftswissenschaftlichen Expertenkultur. Je mehr die Prognoseverfahren fortentwickelt wurden, desto stärker trat auch die tatsächliche Unzuverlässigkeit der mathematischen Übersetzung von umfangreichen wirtschaftlichen Prozessen in Formeln und Modelle, sowie deren Weiterverwendung zur Berechnung von Wahrscheinlichkeiten, hervor.
Angesichts der auftretenden Ungenauigkeiten in den Prognoseverfahren und den Abweichungen von den tatsächlichen Entwicklungen, wurde die wirtschaftliche Effizienz der öffentlichen Haushalte entsprechend verzerrt. Der Verheißung der Wirtschaftspolitik des Scientismus trat immer stärker die erfahrungsbedingte Erkenntnis entgegen, daß das wirtschaftswissenschaftliche Planungspotential bei weitem überschätzt wurde. Nichts desto trotz hat sich gerade unter der Großen Koalition bis 1969 unter Schiller und Strauß ein neuer Politikstil hervorgetan, der „ideologiefreies Planungsdenken und rationales Entscheidungshandeln miteinander verband.“ 29
Die wirtschaftswissenschaftliche Expertenkultur der Nachkriegszeit nahm jedoch ungeachtet der nur bedingten Prognostizierbarkeit wirtschaftlicher Entwicklungen weiter zu. Beratungsorgane und Sachverständigengremien hielten dabei auch weiterhin Einzug in die Diskussionen in der Öffentlichkeit und vergrößerten ihren Einfluß auf die politischen Entscheidungsprozesse der Bundesrepublik.
28 ) Stagflation: Zusammenkommen von Inflation und Unterbeschäftigung
29 ) Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005, S.328
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10. Resümee
Der Bedeutungsgewinn und Aufstieg der wirtschaftswissenschaftlichen Kultur der Politikberatung ist in der Bundesrepublik insbesondere durch das tiefe Trauma, welches die Deutschen durch die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise mit dem anschließenden Aufstieg des Nationalsozialismus erfahren haben, zu erklären. In keinem anderen Land fruchtete der Keynesianismus nach dem Krieg so stark wie in der Bundesrepublik, wo er quasi zur wirtschaftspolitischen Staatsphilosophie erhoben wurde und die ordnungspolitischen Zielsetzungen der Freiburger Schule in der Politikberatung ablöste. Seit Mitte der 50er Jahre gewann die eingreifende Prozeßpolitik gegenüber der nur rahmengebenden und nicht eingreifenden Ordnungspolitik an Einfluß. Die Ausdehnung der keynesianischen Lehren in der Bundesrepublik ist dabei durch die Vertreibung von Wissenschaftlern durch den Nationalsozialismus einerseits, das Fehlen von wirtschaftswissenschaftlichen Theorien, und die Wiederkehr der im angelsächsischen und angloamerikanischen Raum fortgebildeten Wirtschaftswissenschaftler nach dem Krieg andererseits, zu begründen.
Die in der Konvergenztheorie behandelte allmähliche Angleichung der Wirtschaftspolitik von Ost und West ist insbesondere in der Bundesrepublik unter der Systemkonkurrenz mit der DDR hervorgetreten, und brachte als Konsens eine Mischform aus zentralisierter und dezentralisierter Entscheidung als bestimmbares wirtschaftliches Optimum hervor, was der Debatte über eine neue Phase der von Alfred Müller-Armack geprägten Sozialen Marktwirtschaft entscheidende neue Impulse verlieh. Unter dem Einfluß ausländischer Wirtschaftssysteme, insbesondere der französischen Bemühungen um die Einbringung der Planificacion Économique als Grundkonsens des wirtschaftspolitischen Handelns der EWG, gewannen wirtschaftliche Planungskonzepte an Befürwortung.
Die Einflußsteigerung der Planungskonzepte war nicht zuletzt auch mit dem beständigen Hinweis auf das Versagen der Wirtschaftspolitik Brünings mit der fatalen Auswirkung der Machtergreifung eines totalitären Apparates verbunden worden. Das primäre Ziel war daher immer die Förderung und Stabilisierung des wirtschaftlichen Wachstums. Das Wachstums- und Stabilitätsgesetz von 1967 stellte dabei einen wesentlichen Höhepunkt in der Steigerung des gouvernmentalen Steuerungspotentials dar.
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Mit dem Anstieg der kontrollierenden Eingriffe in die Marktwirtschaft stieg auch die Bedeutung der wirtschaftswissenschaftlichen Beratungsgremien an, insbesondere die empirische Wirtschaftsforschung war dazu angeleitet, prognostische Gutachten über die Wirtschaftsentwicklung der Bundesrepublik zu erstellen. Die Quantifizierung von komplexen Wirtschaftsvorgängen erwies sich jedoch als schwer den realen Bedingungen anzupassen, und die erstellten Gutachten erwiesen sich allzu häufig als eklatante Fehleinschätzungen. Ferner stieg durch den Bedeutungsgewinn der Prognostik auch der Einfluß der Beratergremien auf Politik und Gesellschaft an. Auch die Tatsache daß die erstellten Gutachten trotz beständiger Verfeinerung der wissenschaftlichen Instrumentarien frequentiert von den realen Entwicklungen abwichen, tat diesem Bedeutungsgewinn keinen Abbruch. Die Grenzen zwischen normativer und positiver Ökonomie, zwischen wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und politischer Zielsetzung, wurden dabei zunehmend verwässert. Ökonomisches Wissen wurde zur Schlüsselvariablen auf diversen Feldern und der institutionelle und personelle Ausbau der Wirtschaftsforschung schritt in der Bundesrepublik beständig fort.
Fazit: Ökonomisierung der Gesellschaft und Homo Oeconomicus
Mit der Annahme des Homo Oeconomicus geht man von der Thesis eines sich auf der Basis der ihm bekannten Informationen rational entscheidenden Menschen aus, der sich im Sinne der Neoklassischen Theorie in seinen Erwägungen nach dem ökonomischen Prinzip der Nutzenmaximierung verhält.
Wenn man nun also den rahmengebenden (Neo-)Liberalismus mit seinen ökonomische Effizienz belohnenden Faktoren auf dem Wirtschaftsmarkt mit dem sich nach der Rational-Choice-Theory richtenden Homo Oeconomicus als Akteur bedenkt, so wird im Zuge dessen die Prediktabilität der Marktteilnehmer enorm gesteigert. Die Eingrenzung auf die eine rationale Wahl macht so den Konsumenten und Partizipant des Marktes in seinem Verhalten nicht nur vorhersehbar, sondern über die Weichenstellung der planenden Rahmengebung des Marktes, auch bis zu einem gewissen Grade bestimmbar. Der direkte Befehl ist also im Sinne der Handlungssteuerung der informellen Lenkung durch Schaffung von positiven und negativen ökonomischen Anreizen gewichen. In der Schaffung der dafür notwendigen Kriterien sind Wirtschaftswissenschaft und Politik Hand in Hand gegangen. Nach dem Krieg hat sich im Zuge des Bedeutungsgewinns der ökonomischen Erfolgsmaximierung eine Kultur
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der Favorisierung wirtschaftlicher Nutzbarkeit herausgebildet, deren primäre Intention im Sinne des Homo Oeconomicus die Maximierung der persönlichen Gewinnbringung ist. Ein entscheidendes Momentum dieser Konstruktion ist ihre Fähigkeit zur Selbstverbreitung undverstetigung. Denn, ein jeder Mensch der sich an dem Marktgeschehen beteiligt und sich dem Primat der wirtschaftlichen Effektivität unterwirft, wird zwangsläufig auch zum Träger der marktideologischen Kräfte und verbreitet die internalisierten Prozesse und Ideologien als die seinigen, wird also zum Element der Replikation des Systems. Die Schattenseite der Marktfreisetzung des Individuums unter dem Einfluß der Wirtschaftlichkeit ist dabei eine weitgehende Automatisierung seiner selbst, eine Anpassung an die zu tragende wirtschaftliche Rolle, die wiederum im Individuum die besagten marktwirtschaftlichen Kräfte fundamentiert, und zum Träger und Verbreiter der marktwirtschaftlichen Funktionalität selbst macht. Nach Lemke ist dabei die Selbstbestimmung nicht mehr der Regulierbarkeit der Individuen hinderlich, sondern bildet eben jene Grundlage für das Streben nach Selbstverwirklichung, die maßgeblich an die ökonomische Effizienz des Menschen gekoppelt ist, und so seine Subjektivität zum der ökonomisierten Gesellschaft förderlichen Produktionsfaktor macht. 30
Nützenadel hat in besonderem Maße anhand der Entwicklung der Expertenkultur in der Bundesrepublik die entscheidenden Etappen der Rahmengebung dieser Genese hervorgehoben, die in steter Wechselwirkung zwischen Politik und wissenschaftlicher Beratungskultur entstanden ist und durch die Verwissenschaftlichung und Ökonomisierung von Politik und Gesellschaft im Sinne der Planung von „ideologiefreier“ Nutzenmaximierung ihren Höhepunkt gefunden hat.
In diesem Kontext hat die Studie des Bielefelder Sozialwissenschaftlers Wilhelm Heitmeyer über „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ ergeben, daß der Druck ökonomischer Verhältnisse ein ökonomistisches Denken in den sozialen Beziehungen gefördert habe. Menschliche Beziehungen seien Nützlichkeitserwartungen unterworfen, was eine Abwertung von Individuen und Gruppen impliziert, die diesen Nützlichkeitserwartungen widersprechen. 31
30 ) Thomas Lemke: Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen
Gouvernementalität. Hamburg 1997, S.256
31 ) Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Studie weist auf neue Arten von Ressentiments hin“
Ausgabe vom 14. Dezember 2007, Nr.291, S.5; der entsprechende Artikel ist dem Anhang beigefügt
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Quellverzeichnis
Literatur:
- Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Band 166. Göttingen 2005
- Brockhaus Enzyklopädie. 19.Auflage. Mannheim 1994, Bnd.10; 23; 24.
- Die Grosse Coron Enzyklopädie. Stuttgart 1995, Bnd.7.
- Thomas Lemke: Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität. Hamburg 1997
Zeitschriften:
- Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Studie weist auf neue Arten von Ressentiments hin“
Ausgabe vom 14. Dezember 2007, Nr.291
Arbeit zitieren:
Dipl.-Sozialwiss. Merlin Holthoff, 2007, Rezension zu Alexander Nützenadels "Die Stunde der Ökonomen", München, GRIN Verlag GmbH
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