1 Einleitung
Dorothea Schlegel stellt ihre Hauptfigur, den Florentin, in ihrem gleichnamigen Roman als eine vielschichtige Gestalt dar. Sie setzt das Innenleben ihres Protagonisten in einen auffälligen Kontrast zu seiner Wirkung auf die Außenwelt. Während der Leser auf der einen Seite einen stark und selbstbewusst agierenden Florentin erlebt, hat er auch immer wieder Einblicke in das Gefühlschaos der Titelfigur, welches Unsicherheit und Unruhe widerspiegelt.
Wäre dem Leser die Kenntnis von Florentins innerer Zerrissenheit nicht bekannt, würde er sich ein völlig anderes Bild von diesem machen. Stark, selbstsicher, mutig und tapfer entspräche er dem gängigen Bild eines Helden. Hierbei ist nicht die geläufige Worterklärung der Literaturwissenschaft gemeint, welche den Begriff des Helden der Hauptperson eines Romans gleichsetzt. Vielmehr ist die Rede von einer Person, die durch moralische Stärke, heldenhafte Taten, vielseitige Talente oder auch Verstandes- bzw. Charakterstärke überzeugt und sich dadurch von der Gesellschaft abhebt. Diese Gegensätzlichkeit von Innenleben und Wirkung auf die Außenwelt könnte jedoch ebenso einen Rückschluss darauf geben, dass es sich bei der Figur des Florentin um die eines Antihelden handelt. Der Antiheld wird dadurch charakterisiert, dass er nicht fehlerfrei und perfekt ist, sondern auch eine oder mehrere Schwächen aufzuweisen hat. In diesem Fall wären die Selbstzweifel und Unsicherheiten Florentins als eine charakterliche Schwäche auszulegen, die auf den Leser zwar sympathisch wirken kann, aber das Heldenbild nicht entstehen lässt.
Trotz dieser Selbstzweifel und Misserfolge im Leben des Florentin bin ich jedoch letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass Dorothea Schlegel in ihrer Hauptfigur einen Helden sah und diesen auch so charakterisieren wollte. Sie hat meiner Meinung nach eine Figur erschaffen, die erkennen lässt, dass ein Held nicht unbedingt fehlerfrei und perfekt sein muss, um ein eben solcher zu sein. Diese Schlussfolgerung lässt sich gut an dem Roman nachvollziehen und an den verschiedensten Textstellen aufzeigen. Ich werde im Folgenden so vorgehen, dass ich vorerst kurz darauf eingehen werde, was einen Helden im Roman charakterisiert. Anschließend werde ich mich mit Florentins heldenhafter Wirkung auf die Außenwelt befassen, um danach seine inneren Unsicherheiten und Selbstzweifel näher zu untersuchen. Hierbei stelle ich insbesondere den ihn kennzeichnenden Kontrast zwischen seinem heldenhaften Auftreten und seiner inneren Sensibilität dar.
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2 Was ist ein Held?
Die Literaturwissenschaft bezeichnet generell jede Titelfigur eines Romans als einen Helden. Der Held ist in diesem Fall also ein Synonym für den Begriff der Hauptfigur. Ich möchte jedoch den Begriff des Helden dem des Individualisten, der sich durch bestimmte Eigenschaften von den übrigen Figuren eines Romans abhebt, gleichsetzen. Hierbei beziehe ich mich auf Helga Esselborn- Krumbiegel, die ein Buch zum Thema „Der „Held“ im Roman“ verfasst hat.
Ein wichtiger Aspekt hierbei ist die Tatsache, dass nahezu alle Episoden des Romans die Gegenwart des Helden erfordern. Er ist die Hauptfigur einer Geschichte und agiert entweder als Handelnder oder als Beobachter in Gesellschaft anderer oder aber er ist alleine und reflektiert das Geschehene (Vgl. Esselborn- Krumbiegel 1983, S. 19). Dorothea Schlegel geht in ihrem Roman Florentin nach genau diesem Schema vor. Nur bei einzelnen Textpassagen liegt keine direkte Anwesenheit Florentins vor, jedoch dreht sich in solchen Momenten trotzdem alles um ihn. Ein Beispiel dafür wären die Briefe Julianes an Clementina, in denen sie ihre Bewunderung für Florentin zum Ausdruck bringt.
Des Weiteren charakterisiert Helga Esselborn- Krumbiegel den Helden im Roman als eine einheitliche Persönlichkeit, bei der die Eigenschaften, die Handlungen und die innere Befindlichkeit miteinander im Einklang stehen. Er hebt sich von seinen Mitmenschen durch seine Vielfältigkeit die Talente und Persönlichkeitsmerkmale betreffend ab, ohne jedoch auffallend oder überdurchschnittlich zu wirken. Eine wichtige Rolle spielen dabei laut Esselborn- Krumbiegel die Nebenfiguren, durch die die Individualität des Helden erst deutlich wird. Ihre Eigenschaften und Schwächen setzen einen Kontrast zu den seinen (Vgl. Krumbiegel- Esselborn 1983, S. 16 ff.).
„Von ihm selber gehen selten Handlungsimpulse aus, vielmehr reagiert er vornehmlich auf äußere Anstöße, die eine Wendung der Handlung herbeiführen und ihn zwingen, in ein neues Stadium seiner Entwicklung einzutreten“ (Esselborn- Krumbiegel 1983, S. 174). Der Held im Roman handelt also nicht aktiv und impulsiv, was der Leser eigentlich von ihm erwarten würde, sondern richtet sein Verhalten spontan nach den Situationen, die er erlebt. Eben diese Verhaltensweise ist im Fall des Florentin gut zu beobachten. Er scheint nicht auf der Suche danach zu sein, große Heldentaten zu vollbringen, sondern schlittert immer scheinbar zufällig in Situationen hinein, die seine heldenhaften Eigenschaften erfordern. So auch ganz zum Anfang, als er durch bloßen Zufall einen Mann rettet.
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3 Florentin als Held
Florentin wird bereits zu Beginn mit einer der elementarsten Eigenschaften eines typischen Helden gekennzeichnet, indem er nach einer veranschaulichenden Naturbeschreibung mit dem Satz „Mutig trabte ein Reisender den Hügel herauf“ (Schlegel 1993, S. 11) in die Geschichte eingeführt wird. Trotz der Ungewissheit, wohin ihn dieser Weg führen mag und was ihn hinter der nächsten Hügelkuppe erwarten wird, schreitet er unaufhaltsam vorwärts. Durch einen Schuss und darauf folgende Hilferufe wird er aus der Zwiesprache mit seinem Pferd herausgerissen und eilt ohne zu zögern seiner ersten Tat entgegen, mit der er gleich zu Beginn zum Helden avanciert (Vgl. auch Brandstädter und Jeorgakopulos 2001, S. 26). Dieser Anfang ist eine in der Literatur typische Vorgehensweise, einen Helden in die Geschichte einzuführen. „Die Erzählung beginnt […] an einem Wendepunkt in ein neues konfliktreiches Entwicklungsstadium“ (Esselborn- Krumbiegel 1983, S. 121) des Helden.
Ebenso geht Florentin einem neuen Lebensabschnitt entgegen, nämlich jenem, den er in der Familie Schwarzenberg verbringt und in dem er von Anfang an bis zum Schluss vom Leser begleitet wird.
Beim ersten Auftritt des Grafen Schwarzenberg, den Florentin vor einem Wildschwein rettet, wird dieser als ältlicher Mann beschrieben. Sein Knabe ist jener, der Florentin ängstlich um Hilfe bei der Rettung seines Herren bittet (Vgl. Schlegel 1993, S. 13). Beide umschreibenden Adjektive stehen im Kontrast zu der ersten Beschreibung Florentins, der zu Beginn mutig den Hügel hinauf trabt. Es entsteht der erste Eindruck eines tapferen Mannes neben zwei hilflosen und schwachen Nebenfiguren. Die im Roman typischen Parallelfiguren (Vgl. Esselborn- Krumbiegel 1983, S. 121), die den Helden durch ihre eigene Durchschnittlichkeit oder auch Schwäche erst herausragend erscheinen lassen, kommen also hier bereits zum Vorschein.
Bei der Rettung selbst feuert Florentin mit seiner Pistole auf das Wildschwein, ohne dieses jedoch zu treffen. Dies wird mit dem Satz „Das war seine Absicht“ (Schlegel 1993, S. 14) kommentiert. Statt ihre Hauptfigur einen Treffer erzielen zu lassen und somit die Rettung zu beschleunigen, baut Dorothea Schlegel Spannung beim Leser auf, um anschließend ihren Protagonisten das wilde Tier mit „Besonnenheit und Geistesgegenwart“ (Schlegel 1993, S. 14) mit seinem Jagdmesser auffangen zu lassen. Wieder nutzt sie die Kontrastfigur des Grafen Schwarzenberg, um die Heldentat des Florentin noch herausragender erscheinen zu lassen. Als dieser sich nämlich überschwänglich bei ihm
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bedankt, reagiert er mit Bescheidenheit und Freundlichkeit. Was für andere außergewöhnlich und mutig erscheint, scheint für Florentin selbstverständlich und keiner Rede wert zu sein, ganz so, als ob das Vollbringen erstaunlicher Taten zu seinem Alltag gehören würde.
Dadurch, dass er bereits als Held in die Erzählung eintritt, behält Florentin diese Rolle im weiteren Verlauf bei. Er wird als Retter des Grafen in die Familie Schwarzenberg eingeführt und erntet dadurch von Anfang an deren Dankbarkeit, Bewunderung und Respekt.
Des Weiteren fällt er dort mit überraschenden Talenten auch weiterhin nur positiv auf und sticht aus der übrigen Gesellschaft hervor. So ergreift er am ersten Abend spontan eine Guitarre und singt „Verse, die er aus dem Stegreif dazu“ (Schlegel 1993, S. 23) erfindet. Während Julianes und Eduards Konzert lediglich als „recht gut besetzt“ (Schlegel 1993, S. 23) beschrieben wird, wird Florentins Vortrag unter der Verwendung der besten Umschreibungen sehr ausführlich dargestellt. Sowohl seine Stimme und sein Gesicht als auch seine Worte werden als derart wunderbar beschrieben, dass jeder hingerissen ist und dem Gesang am liebsten ewig lauschen würde (Vgl. Schlegel 1993, S. 24). Wieder tritt er hier durch den Kontrast zu Juliane und Eduard, deren Talent eher dem guten Durchschnitt zu entsprechen scheinen, hervor. Durch sein vielseitiges Können die Musik, die Jagd, den Tanz oder die Beredsamkeit betreffend wird Florentin schon bald zu einem festen Bestandteil der Familie Schwarzenberg. Besonders Juliane und Eduard fühlen sich freundschaftlich sehr zu ihm hingezogen, was wohl daran liegt, dass er zwar in ihrem Alter, jedoch bereits viel selbstständiger und erfahrener ist. Er scheint in ihren Augen zu einer Art Vorbild zu avancieren, zu ihrem persönlichen Held. Bei Juliane gelingt es ihm, sie ihrer Eitelkeit bewusst zu machen, ohne sie jedoch zu kränken oder auf Dauer zu erzürnen.
„Er stimmte nie mit ein, wenn sie in Gesellschaft von der um sie her flatternden Herren wegen ihres Gesanges oder Tanzes, oder Schönheit erhoben ward; vielmehr suchte er sie dann durch einen kleinen Trotz, eine Art von Vernachlässigung zu demütigen“ (Schlegel, S. 35).
Was eine Adelstochter normalerweise als Beleidigung auffassen und eine entsprechende Reaktion zu erwarten lassen würde, sieht sie Florentin stets nach und erfreut sich umso mehr, wenn sie seine Aufmerksamkeit positiv erregen kann. Erstaunlich daran ist, dass er innerhalb so kurzer Zeit eine solche Sympathie die ganze Familie betreffend aufbauen kann. Alle scheinen ihn zu lieben, Juliane beschreibt ihn in einem Brief an ihre Tante als
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Arbeit zitieren:
Kea Galjan, 2008, Dorothea Schlegels Florentin - Held oder Antiheld?, München, GRIN Verlag GmbH
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