Eidesstattliche Erklärung
Ich erkläre hiermit an Eides statt, die vorliegende Diplomarbeit mit dem Titel „Coaching in der Jugendarbeit? Kritische Auseinandersetzung mit dem Coachingprozess aus sozialpädagogischer Sicht am Beispiel des Projekts ‚Jobcoaching‘“ selbstständig und ohne fremde Hilfe verfasst und angefertigt zu haben. Aus fremden Quellen direkt oder indirekt übernommenen Gedanken und Zitate sind als solche kenntlich gemacht.
Wien, Jänner 2009 Unterschrift: ………………………….
Danksagung
In erster Linie gilt mein Dank allen MitarbeiterInnen des JugendService des Landes Oberösterreich unter der Leitung von Markus Ladendorfer, im Besonderen meinen InterviewpartnerInnen. Ohne ihre tatkräftige Unterstützung wäre diese Diplomarbeit nicht zustande gekommen. Danken möchte ich auch dem zuständigen Projektleiter Armin Gruber, welcher sich stets Zeit für meine Anliegen nahm und wertvolle Anregungen zu dieser Arbeit beisteuerte. Für die Durchsicht der vorliegenden Arbeit gebührt meiner Arbeitskollegin Mag. Claudia Stöger ein herzliches Danke.
Die wissenschaftliche Betreuung der vorliegenden Arbeit übernahm ao. Univ.-Prof. Dr. phil. Reinhold Stipsits vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Ich möchte ihm für seine konstruktiven Kommentare danken, die immer wieder aufs Neue meine Reflexionsprozesse unterstützt haben. Für ihr Interesse an der Thematik und ihre Unterstützung bei der Erstellung des Exposés danke ich Univ. Ass. Dr. phil. Dipl.-Psych. Martina Becker. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle ebenso die MitarbeiterInnen des Studentischen Zentralsekretariats des Instituts für Bildungswissenschaft, allen voran Frau Fennes, welche immer ein offenes Ohr für meine Anliegen hatten. Ich nütze hiermit auch die Gelegenheit, mich bei meiner Familie zu bedanken, wobei ich ganz besonders meinen Eltern, Leopoldine und Karl Grammer verpflichtet bin, die mir mit viel Geduld ein Universitätsstudium ermöglichten. Meiner Cousine und Gefährtin im Prozess des Verfassens einer Diplomarbeit Mag. Fabiane Grammer möchte auf diesem Wege ebenfalls meine Dankbarkeit ausdrücken und ihr viel Erfolg für ihr weiteres Leben wünschen.
Während des manchmal fordernden und hindernisreichen Arbeitsprozesses wurde ich von vielen lieben Menschen begleitet und sowohl emotional als auch mental unterstützt. An dieser Stelle richtet sich mein Dank vor allem an Doris, Patrick, Sonja und Veronika. Ebenso bin ich meinen langjährigen Freundinnen Anita, Daniela und Regina verbunden. Von ganzem Herzen danke ich meinem Partner Orion für seine Nachsichtigkeit und unverwüstlichen Optimismus. Immer wieder hat er mir Raum gegeben und mit treffendem Humor Stress und Druck relativiert.
V
Zusammenfassung
Das Projekt „Jobcoaching“ wurde im Zuge der Initiative „Hauptsache Arbeit - Jugend hat Vorrang“ vom Land Oberösterreich im Jahr 2006 implementiert. Das JugendService des Landes Oberösterreich, als Anlauf- und Beratungsstelle für Jugendliche, wurde beauftragt dieses Projekt zu realisieren und Pflichtschulabgänger im Rahmen eines Einzelcoachings bei ihrer Suche nach einer Lehrstelle zu unterstützen. Für die vorliegende Arbeit wurde dieses Projekt als Beispiel für die Anwendung von Coaching in der Jugendarbeit herangezogen. Die daraus abgeleitete Forschungsfrage, inwiefern das Projekt „Jobcoaching“ angesichts des heutigen Wandels der Arbeitswelt eine mögliche sozialpädagogische Form der Unterstützung für die Berufswahl von Jugendlichen dargestellt, begleitete den gesamten Forschungsprozess. Durch die Bearbeitung von themenbezogener Literatur und der Durchführung einer qualitativ ausgerichteten Studie, durch welche die bisherige Arbeitsweise der ProjektmitarbeiterInnen erfasst und projektinhärente sozialpädagogische Coachingmerkmale konkretisiert wurden, konnten Erkenntnisse hinsichtlich der Fragestellung gewonnen werden. Die Ergebnisse der Untersuchung beinhalten die Darstellung des „Jobcoaching“-Prozesses und die Diskussion der Anwendbarkeit von Coaching im Sozialen Feld am Beispiel des Projekts „Jobcoaching“.
Abstract
Implemented by the province of Upper Austria in 2006, the project „Jobcoaching“ resides within the framework of the initiative „Hauptsache Arbeit - Jugend hat Vorrang“. Upper Austrian „JugendService“, which constitutes an information platform and operates drop-in centres for young people, was entrusted with putting the projects' ideas into practice and therefore assisting compulsory school graduates with seeking an apprenticeship position through individual coachings. In this thesis the project serves to illustrate the application of coaching to youth work. In what way „Jobcoaching“ consists a possible, sociopaedagogical form of support for adolescents having to choose a profession in the face of todays changing working environment, chaperoned the whole thesis writing process as the main research question. By analysing related literature and conducting a qualitative study, which collected project staff's individual approaches and methods and concretized socio-paedagogical qualities of coaching inherent in the project, knowledge addressing the central question of this thesis was gained. The researchs' results contain a description of the jobcoaching process and a discussion about coaching's applicability within the social field by the given example of project „Jobcoaching“.
VII
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis XII
Vorwort XIII
Einleitung 1
1 Sozialpädagogischer Zugang 5
1.1 Lebensweltorientierter Ansatz nach Thiersch 12
1.2 Handeln und Kompetenzen in der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit 16
2 Coaching in der Sozialen Arbeit 20
3 Der Weg vom Jugendalter ins Erwachsenenalter 33
4 Der Eintritt in die Arbeitswelt 39
4.1 Darstellung der heutigen Arbeitswelt 42
4.2 Berufswahl 46
4.3 Anforderungen an Jugendliche in der heutigen Arbeitswelt 53
4.4 Möglichkeiten der Berufsorientierung 59
4.5 Zusammenfassung 63
5 Empirische Konzeption 65
5.1 Zielsetzung und Fragestellung der Untersuchung 66
5.2 Das Experteninterview 68
5.2.1 Interviewleitfaden 68
5.2.2 Beschreibung der Experten 69
5.2.3 Interviewdurchführung 71
5.3 Auswertung 73
6 Darstellung und Interpretation der Ergebnisse 77
6.1 Bisherige Arbeitsweise im Jobcoaching 77
6.1.1 Kontaktaufnahme 77
6.1.2 Erstgespräch 79
6.1.3 Umgang mit Klienten 81
6.1.4 Relevanz der bisherigen Erfahrungen von Jugendlichen 86
6.1.5 Kontakt zu den Eltern 88
X
6.1.6 Methoden 90
6.1.7 Zusammenarbeit mit anderen Institutionen 98
6.1.8 Arbeitsleitsätze 100
6.1.9 Erfolgreiches Coaching 101
6.1.10 Möglichkeiten zur Reflexion 103
6.1.11 Zusammenfassung 105
6.2 Sozialpädagogische Coachingmerkmale 108
6.2.1 Ganzheitliche Arbeitsweise 108
6.2.2 Förderung der selbstständigen Entwicklung von Lösungswegen 110
6.2.3 Selbstbestimmtheit des Klienten 111
6.2.4 Vertrauen, gegenseitige Akzeptanz 111
6.2.5 Hilfe zur Selbsthilfe 112
6.2.6 Transparentes Konzept 113
6.2.7 Zeitliche Begrenzung 113
6.2.8 Ziel: Unabhängigkeit des Klienten 113
6.2.9 Personenzentrierte Beratung 114
6.2.10 Dialogischer Kommunikationsstil 115
6.2.11 Respekt und Zurückhaltung 115
6.2.12 Zusammenfassung 117
7 Resümee und Ausblick 119
Literaturverzeichnis 122
Verwendete Literatur 122
Internetquellen 128
Abbildungsverzeichnis 131
Tabellenverzeichnis 132
Anhang 133
XI
Vorwort
Durch ein Praktikum im JugendService des Landes Oberösterreich (OÖ), das ich im Juli 2006 absolviert habe, erhielt ich Einblicke in das damals neu konzipierte Projekt „Jobcoaching“. Dieses richtet sich an junge Menschen, die an der Schnittstelle von ihrer Pflichtschulausbildung zum Beruf stehen.
Aufgefallen ist mir dabei, dass es aufgrund individueller Bedürfnisse von Jugendlichen kein Patentrezept für die Unterstützung beim Berufsfindungsprozess gibt. Meinen gesammelten Erfahrungen nach lässt das Projekt „Jobcoaching“ sehr viel Raum, um auf die persönliche Situation von Jugendlichen einzugehen.
Während meiner Tätigkeit ist mein Interesse allgemein am Coachingprozess soweit gewachsen, dass ich mich zu einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit dieser Thematik entschied. Dabei tauchte die Frage auf, inwieweit das praktische Konzept an die Theorie anschließt. Auf der Basis meines Studienschwerpunkts Sozialpädagogik und der Einblicke in die Jugendarbeit, welche ich während des Praktikums erhielt, entschloss ich mich zur Bearbeitung dieses Themas im Rahmen meiner Diplomarbeit. Zusätzlich motivierte mich, dass die im Zuge dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse in der praktischen Arbeit Anwendung finden, indem ich diese Diplomarbeit dem JugendService zur Verfügung stellen werde.
Ich bin nach wie vor am JugendService des Landes OÖ beschäftigt. Während den gesamten, mit dieser Diplomarbeit verbundenen Recherchen und Tätigkeiten habe ich mich um größtmögliche Distanz zum Projekt „Jobcoaching“ bemüht, um meine Kritikfähigkeit so wenig wie möglich zu kompromittieren. Der mit meiner Anstellung einhergehenden Gefahr, Sachverhalte einseitig zu betrachten mögliche Unzulänglichkeiten zu übertünchen, war mit bewusst. Inwiefern mir dies gelungen ist, bleibt dem kritischen Leser zu beurteilen.
XIII
Einleitung
Die oberösterreichische Landesregierung startete im Jahr 2006 ein Maßnahmenpaket namens „Hauptsache Arbeit - Jugend hat Vorrang“ 1 . Im Zuge dieser Initiative sollte einerseits ein zusätzliches Unterstützungsangebot für lehrstellensuchende Jugendliche geschaffen und andererseits den von der Wirtschaftskammer OÖ vorhergesagten Fachkräftemangel entgegen gewirkt werden 2 .
In Folge dieser Initiative wurde unter anderem das Projekt „Jobcoaching“ implementiert, wobei die Konzipierung und Durchführung des Projekts dem JugendService des Landes OÖ 3 übertragen wurde. Das „Jobcoaching“ stellt eine Vertiefung der bisherigen Tätigkeit des JugendServices im Bereich Bildungs- und Berufsberatung dar.
Das Projekt beruht auf freiwilliger Basis und ist speziell für Pflichtschulabgänger konzipiert worden, die sich auf der Suche nach einer passenden Lehrstelle befinden. Der „Jobcoaching“-Verlauf wird nach der jeweiligen Bedürfnislage des Jugendlichen gestaltet, wobei die Berufsorientierung auf eine mit dem Jugendlichen durchgeführte Potenzialanalyse 4 aufbaut. Des Weiteren stehen eine Steigerung des Selbstvertrauens sowie die Erarbeitung von Zielen und Perspektiven im Vordergrund.
Das zuvor beschriebene „Jobcoaching“-Projekt stellt den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit dar. Durch die Untersuchung soll in Erfahrung gebracht werden,
1 Ausführlich dazu in der Information zur Pressekonferenz vom 23.06.2006 (Rumetshofer 2006, S. 1-9).
2 In den Jahren 1991 bis 1994 wurde ein erheblicher Geburtenanstieg registriert, welcher sich im Jahr 2006 durch den Anstieg der Zahl an Pflichtschulabgängern erneut bemerkbar machte. Somit standen im Jahr 2006
geschätzte 1000 Jugendliche mehr als im Jahr 2005 vor der Entscheidung entweder eine Lehrausbildung zu
beginnen oder eine weiterführende Schule zu besuchen. Diese Zahl ist weiter angestiegen und erreichte Im
Jahr 2008 ihren Höhepunkt mit rund 1400 betroffenen Jugendlichen mehr als im Jahr 2005. Ab dem Jahr
2010 wird sich dieser Trend umkehren, da die Geburtenzahl im Jahr 1995 und den folgenden Jahren rapide
zurückgegangen ist (vgl. Rumetshofer 2006, S. 4).
3 Das JugendService des Landes OÖ ist eine Anlauf- und Beratungsstelle für Jugendliche zwischen 12 bis 26 Jahren aus Oberösterreich. 1985 wurde die erste Stelle in Linz eröffnet und bis 2001 für alle politischen Bezir-
ke Oberösterreichs insgesamt 14 Regionalstellen eingerichtet, um besser für Jugendliche erreichbar zu wer-
den. Das JugendService bietet kostenlos, anonym und vertraulich Information und Beratung zu jugendrele-
vanten Themen. Auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene arbeitet das JugendService mit sozialen
und jugendrelevanten Einrichtungen zusammen. Als Mitglied von ERYICA, der europäischen Agentur für
Jugendinformation und Jugendberatung, hält es die Prinzipien der Charta für Jugendinformation ein (vgl.
Leitbild des JugendService).
4 Informationen dazu siehe Anhang: Folder der Potenzialanalyse der Wirtschaftskammer OÖ.
1
N wie und auf welche Weise Mitarbeiter des Projekts „Jobcoaching“ bisher gearbeitet haben und
N ob und inwiefern das „Jobcoaching“ sozialpädagogische Coachingmerkmale beinhaltet.
Die angegebenen forschungsleitenden Fragen beschäftigen sich mit den Inhalten und dem Ablauf des „Jobcoaching“-Prozesses. Daraus lässt sich die zentrale Fragestellung dieser Diplomarbeit ableiten, inwiefern „Jobcoaching“ angesichts des heutigen gesellschaftlichen Wandels eine mögliche Form der sozialpädagogischen Unterstützung für die Berufswahl von Jugendlichen darstellt.
Die vorliegende empirische Untersuchung ist qualitativ ausgerichtet und ihre Ergebnisse sollen Grundlagen dafür liefern, die forschungleitenden Fragen zu beantworten. Des Weiteren soll sowohl die Transparenz des Projekts für die Mitarbeiter im JugendService erhöht, als auch ein Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs geliefert werden, der sich mit der Frage nach der Anwendbarkeit von Coaching im sozialen Feld auseinandersetzt. Eine Ausweitung der Fragestellung hinsichtlich der Zufriedenheit der Jugendlichen mit diesem Projekt oder in Bezug auf dessen konkreten Erfolg, ist in dieser Arbeit nicht vorgesehen. Der Grund hierfür liegt darin, dass sich die Untersuchung vor allem mit den Inhalten und der inneren Struktur des „Jobcoaching“-Projekts befasst. Die Klärung der Begrifflichkeiten, die im Zusammenhang mit dem Titel und den Fragestellungen dieser Arbeiten stehen, bedarf einer eingehenden Auseinandersetzung und stellt daher im theoretischen Teil der Arbeit einen Schwerpunkt dar. Das erste Kapitel der Diplomarbeit beschäftigt sich mit dem sozialpädagogischen Zugang zur Beratungsform Coaching. Nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick auf die Ursprünge der Sozialpädagogik bzw. Sozialarbeit werden die beiden Begriffe geklärt und anhand von Theoremen zueinander in Beziehung gesetzt. Daraus ergibt sich ein Begriffsverständnis der Sozialen Arbeit in Hinblick auf ihre Position, ihren Funktionen und Zielgruppen in der heutigen Gesellschaft, das für die Hinführung zum Thema Coaching von Bedeutung ist. Das daraus in den 90er Jahren entwickelte Konzept der „Lebensweltorientierten Soziale Arbeit“ von Hans Thiersch wird im Anschluss daran vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen dabei einerseits die veränderten und ausgeweiteten Aufgabenbereiche andererseits das sozialpädagogische Handeln einer „Lebensweltorientierten Sozialen Ar-
2
beit“. In der Auseinandersetzung mit diesem Ansatz wurden sozialpädagogische Merkmale abgeleitet, die als sozialpädagogische Momente im Coachingprozess sichtbar werden. Im zweiten Kapitel wird Coaching in der Sozialen Arbeit detailliert erläutert. Zuerst erfolgt eine kurze Rekonstruktion der begriffsgeschichtlichen Entwicklung des Coachings, wodurch die Schnittstelle zwischen Coaching und dem Sozialen Feld erstmals ersichtlich wird. Danach erfolgt eine Abgrenzung von Coaching zur traditionellen Beratungstätigkeit. Im Anschluss daran wird die Coachingdefinition von Christopher Rauen vorgestellt. Daraus werden sozialpädagogische Coachingmerkmale abgeleitet. Abschließend werden die Fähigkeiten eines im Sozialbereich tätigen Coachs herausgearbeitet. Im dritten Kapitel wird der Weg vom Jugendalter ins Erwachsenenalter beschrieben. Zuerst wird die geschichtliche Entwicklung des Jugendbegriffs dargestellt und davon das gegenwärtige Begriffsverständnis abgeleitet. Im Anschluss daran werden die Aufgaben, die auf den Weg in das Erwachsenenalter bewältigt werden müssen, aufgezählt und erläutert.
Das vierte Kapitel setzt sich mit dem Eintritt in die Arbeitswelt auseinander. Dabei wird auf die Aufgabe des Jugendalters, die Übernahme einer beruflichen Rolle, näher eingegangen. Dafür erfolgt zuerst eine begriffliche Klärung von Arbeit und Erwerbsarbeit. Des Weiteren wird die Bedeutung der Berufswahl erläutert. Diese steht im Zusammenhang mit dem Wandel der heutigen Arbeitswelt der im darauffolgenden Abschnitt erörtert wird. Im Anschluss daran erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Berufswahl, die durch diesen Wandel beeinflusst wird. Anschließend werden Anforderungen aufgezeigt, welche Jugendliche erfüllen sollten um in der Arbeitswelt Fuß fassen zu können. Dazu erfolgt zuerst eine begriffliche Auseinandersetzung mit den Termini Qualifikation, Schlüsselqualifikation und Kompetenz. Am Ende des Kapitels werden bereits bestehende und wünschenswerte Unterstützungsangebote für die Berufsorientierung von Jugendlichen dargestellt. Das fünfte und sechste Kapitel beinhalten den empirischen Teil dieser Arbeit. Im Ersten werden die Zielsetzungen und Methodik der Untersuchung beschrieben. Im folgenden Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung dargestellt bzw. interpretiert, wobei die im Theorieteil freigelegten Bezüge zwischen Sozialpädagogik und Coaching zur Auswertung herangezogen werden.
Den Abschluss der Diplomarbeit stellt das Kapitel Resümee und Ausblick dar. Dazu wird auf die in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse zurückgegriffen um die zentrale Frage
3
beantworten zu können, inwiefern „Jobcoaching“ angesichts des heutigen gesellschaftlichen Wandels eine mögliche Form der sozialpädagogischen Unterstützung für die Berufswahl von Jugendlichen darstellt. Die aus der Thematik gezogenen Schlussfolgerungen stehen im Mittelpunkt der darauffolgenden Diskussion. Abschließend werden offene Fragen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten hinsichtlich des „Jobcoaching“-Projekts aufgezeigt.
Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird bei personenbezogenen Bezeichnungen die männliche Form benutzt, wobei sich diese auf beide Geschlechter gleichermaßen bezieht. Die jeweilige geschlechtsspezifische Form kommt zur Anwendung, wenn von bestimmten Personen die Rede ist. Hervorhebungen werden im Nachfolgenden durch eine kursive Schreibweise gekennzeichnet.
4
1 Sozialpädagogischer Zugang
Eine wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit der Sozialpädagogik ist erforderlich, um das für diese Arbeit untersuchte Jobcoaching-Projekt aus einer wissenschaftlichen Perspektive betrachten zu können. Dieses Kapitel wird allen anderen voran gestellt, da Begriffe und Theorien erläutert werden, die dem Verständnis für die nachfolgende the-oretische und empirische Auseinandersetzung dienlich sind.
Einleitend soll mithilfe eines kurzen geschichtlichen Rückblicks und der anschließenden Darstellung verschiedener Theorien die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Sozialer Arbeit beantwortet werden. Mit den Fragen, wo sich die Soziale Arbeit im sozialstaatlichen Gefüge am Beispiel Österreichs verorten lässt und welche Funktion sie dabei erfüllt, beschäftigt sich der nachfolgende Abschnitt. Um die begriffliche Entwicklung und die daraus entstandenen Theorien nachvollziehen zu können, liefert ein Blick in die Vergangenheit, insbesondere auf die Ursprünge von Sozialpädagogik und Sozialarbeit einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des aktuellen Diskurses. Scheipl zufolge liegen die Wurzeln der österreichischen Sozialpädagogik bereits im 18. und 19. Jahrhundert, dennoch stehen dazu in Österreich im Gegensatz zu Deutschland 5 sehr wenige Forschungsergebnisse zur Verfügung (vgl. Scheipl 2003, S. 12). Die im nachfolgenden skizzierten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des 16., 17. und 18. Jahrhundert verdeutlichen die Gründe für die Entstehung der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit in Österreich.
Der Ausgangspunkt der folgenden Betrachtungen ist die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, da zu dieser Zeit erstmals von staatlicher Seite die hohe Zahl der armen Bevölkerung als Problem wahrgenommen wurde (vgl. Bruckmüller 2001, S. 182). Nachdem es in dieser Zeit weder Unfall- oder Krankenversicherung noch Arbeitslosenunterstützung oder Altersversorgung gab, blieb Armen nur das Betteln (vgl. Scheipl 2003, S. 15). Der Staat versuchte mit der Einführung zahlreicher Maßnahmen (Dekrete, Erlässe u. a.) Armut und Elend einzudämmen, ohne jedoch den gewünschten Erfolg zu erzielen. Mit der Einführung des ersten Wiener „Zucht- und Arbeitshauses“ im Jahre 1671 (vgl. Bruckmüller 2001, S. 184) schaffte der Staat eine Möglichkeit, direkt auf die Armen Ein- 5 DeutscheWissenschafter beschäftigen sich schon seit den letzten Jahrzehnten sehr intensiv mit den Termini Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Soziale Arbeit als Überbegriff (vgl. Scheipl 2003, S. 12).
5
fluss zu nehmen (vgl. Scheipl 2003, S. 15). So wurden alle, die nicht am Arbeitsleben teilnahmen oder teilnehmen konnten, unter Zwang in Anstalten gesperrt. In diesen sollten sie „zur Arbeitssamkeit erzogen werden“ (Bruckmüller 2001, S. 184), um selbst für ihren Unterhalt aufzukommen ohne Betteln zu müssen. Vorerst war diese Erziehungsmaßnahme vorwiegend für Erwachsene und Jugendliche, welche nach Einschätzung des Staates nicht arbeiten wollten (vgl. Bruckmüller 2001, S. 182). Während der Regentschaft Maria Theresias wurde jedoch darauf Wert gelegt, auch Kinder nach diesem Prinzip zu erziehen 6 (vgl. Bruckmüller 2001, S. 180). Laut Bruckmüller wurde keine Rücksicht darauf genommen, wer in diese Anstalten geschickt wurde. Es handelte sich dabei sowohl um Obdachlose, Kriminelle und geistig beeinträchtigte Menschen als auch um verwaiste Kinder (vgl. Bruckmüller 2001, S. 184). Nach und nach kam es dennoch zu einer Trennung dieser Betroffenen durch Unterbringung in separate Einrichtungen 7 (vgl. Scheipl 2003, S. 15). Der Grundstein für die späteren Erziehungsheime wurde 1885 mit dem Erlass des Zwangsarbeitergesetzes und der damit verbundenen Einführung „‚besonderer Besserungsanstalten für jugendliche Korrigenden‘“ (Scheipl 2003, S. 15f) gelegt. In diesen Anstalten wurden speziell gefährdete und auffällige Jugendliche unter 18 Jahren versorgt (vgl. Scheipl 203, S. 16).
Scheipl (2003, S. 15f) sieht somit die Anfänge der Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Österreich mit Beginn der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert. Aus den oben beschriebenen Maßnahmen bildeten sich erstmals spezifische Berufsfelder der Sozialpädagogen und Sozialarbeiter. „Während sich die SozialpädagogInnen in der inneren Ausgestaltung des Heim- und Anstaltslebens etablierten, konnten die SozialarbeiterInnen (FürsorgerInnen) in beiden Bereichen, sowohl in den Anstalten als auch in der öffentlichen Sozialfürsorge, Fuß fassen“ (Scheipl 2003, S. 16). Demzufolge haben sich Sozialpädagogik und Sozialarbeit getrennt nebeneinander entwickelt, obwohl sie in einem ähnlichen gesellschaftlichen Rahmen entstanden sind, da sie in etwa zur gleichen Zeit initiiert wurden (vgl. Mühlum 2001, S. 231).
Aus dieser historischen Entwicklung heraus wird das Divergenztheorem, bei welchem Sozialarbeit und Sozialpädagogik eindeutig getrennt sind, bestimmt (vgl. Mühlum 2001, S.
6 Bruckmüller zufolge wurden aus diesem Grund manche Waisenhäuser in die Nähe von Manufakturen und Fabriken gebaut (vgl. Bruckmüller 2001, S. 180).
7 Zu einer expliziten Trennung der Unterbringung von Erwachsenen und Kindern kam es erst unter dem Nachfolger von Maria Theresia, Josef II (vgl. Scheipl 2003, S. 21). Er gründete 1784 das erste Gebär- und Findel-
haus in Wien (vgl. Pawlowsky 2001, S. 26).
6
13). Jeder Bereich stellt in dieser Theorie für sich eine andere Art der Hilfeleistung dar (vgl. Mühlum 2001, S. 231).
In beiden Ansätzen lassen sich in der beruflichen Realität jedoch Gemeinsamkeiten auf-grund ähnlicher Schwerpunkte in der Ausbildung, entsprechender Arbeitsaufträge und der Zuhilfenahme ähnlicher Methoden für die Praxis wie zum Beispiel „Konzepte des lebenslangen Lernens“, des „tertiären Erziehens“, die „Befähigungs- oder Bewältigungshilfe“ und die „Strategien der Beseitigung von Soziallagendefiziten“ (Mühlum 2001, S. 231) finden. Diese Tendenz der Annäherung beider Bereiche wird als Konvergenztheorem bezeichnet. Dieses „besagt, daß die Teilbereiche Sozialpädagogik und Sozialarbeit zu einem Gesamten zusammenwachsen (konvergieren)“ (Schilling 1997, S. 176). Da einige Tätigkeitsfelder von Sozialpädagogik und Sozialarbeit kaum auseinander zu halten sind, ist es nahe liegend, durch einen gemeinsamen Überbegriff Sozialpädagogik und Sozialarbeit zusammenzufassen. Mühlum (2001, S. 224) sieht dafür das Subsumti-onstheorem geeignet, welches die „weitgehende Übereinstimmung im Grundsätzlichen (Wertorientierung, Wissensbasis, Interventionsrepertoire) und weiterbestehende ausbildungs- und arbeitsfeldspezifische Unterschiede (Schwerpunktbildung, Affinitäten, Berufsidentität)“, in welcher „die eingeführten Bezeichnungen beibehalten und unter den übergreifenden Begriff Soziale Arbeit (…) [subsumiert, C. G.]“ werden. Demzufolge bleiben bei der Zusammenführung beider Bereiche unter dem Begriff Soziale Arbeit die jeweiligen Schwerpunktsetzungen gewahrt.
Von einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit den vorgestellten Theorien wird abgesehen, weil sie nur einen Ausschnitt des gesamten Forschungsfelds 8 darstellen. Exemplarisch wurden diese drei Theorien gewählt, um die Begriffsentwicklung zu veranschaulichen und das gegenwärtige Begriffsverständnis zu klären. Es soll verdeutlichen, warum manche Autoren Sozialpädagogik und Sozialarbeit strikt trennen, andere wiederum beide Begriffe mit dem Überbegriff Soziale Arbeit zusammenfassen oder Sozialpädagogik und Sozialarbeit mit einem Schrägstrich trennen. Begründet wird letzteres damit, dass der Zusammenhang und gleichzeitig die Autonomie beider Bereiche hervorgehoben werden sollen.
8 Ausführliche Zusammenfassungen verschiedenen Theorien geben u.a. Schilling (1997) in „Soziale Arbeit. Entwicklungslinien der Sozialpädagogik/Sozialarbeit“ und Mühlum (2001) in „Sozialarbeit und Sozialpädago-
gik. Ein Vergleich“. Auch Engelke (1993, S. 114f) beschäftigt sich mit der Verwendung der Begrifflichkeiten
Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Soziale Arbeit in „Soziale Arbeit als Wissenschaft. Eine Orientierung“ und
gibt darin eine kurze, jedoch sehr anschauliche Zusammenfassung.
7
Bei Sichtung der aktuellen Literatur wurde deutlich, dass sich der Begriff „Soziale Arbeit“ als Überbegriff von Sozialpädagogik und Sozialarbeit vor allem in Deutschland durchgesetzt hat. Laut Popp (2004, S. 191) vollzog sich „in Österreich (…) diese integrative Disziplin- und Begriffsentwicklung mit erheblicher Zeitverzögerung und ist bis heute noch nicht abgeschlossen“. Das bedeutet auch in Österreich wird dieser Begriff bereits verwendet, jedoch ist eine gewisse Zurückhaltung bemerkbar.
Aufgrund dessen wird in der vorliegenden Arbeit der Überbegriff Soziale Arbeit favorisiert. Dabei werden stets die Termini Sozialpädagogik/Sozialarbeit ergänzend angeführt. Im folgenden Abschnitt wird erörtert, welche Stellung und Funktion die Soziale Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) im heutigen österreichischen Sozialstaat einnimmt. Im Anschluss daran wird der Frage nachgegangen wer die Zielgruppe der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) darstellt.
Soziale Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) ist Popp (2004, S. 174) zufolge „immer ein auf die Entlastung und Ergänzung der großen politisch-administrativen und soziokulturellen Interventionssysteme bezogenes ‚Nischen-Produkt‘“. Diese Verortung und Funktion der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) speziell in Hinblick auf Österreich veranschaulicht folgende Abbildung:
Abbildung 1: Subsystem Soziale Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) in Bezug auf die Systeme des
Sozialstaates in Anlehnung an Popp (2004, S. 174).
8
Die Soziale Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) steht in Bezug zu den vier großen Systemen des Sozialstaats, dem materiellen Sicherungssystem (Sozialhilfe, Arbeitsmarktservices (AMS) u. a.), dem Gesundheitssystem (Kliniken, ärztliche Praxen, Psychotherapie, u. a.), dem Sanktionssystem (Polizeisystem, Gericht, u. a.) und dem Erziehungssystem (Familie, Schule, Kindergarten, u. a.). Ihre Aufgabe besteht darin, diese Systeme zu entlasten, zu ergänzen oder gegebenenfalls zu ersetzen, um die gesellschaftliche (Wieder-) Eingliederung von Menschen zu sichern. Dabei werden von den Sozialpädagogen und Sozialarbeitern je nach Arbeitsbereich und Klientel unterschiedliche Maßnahmen gesetzt. Die spezifischen Aufgaben der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) müssen in Absprache mit den jeweiligen Systemen und deren Institutionen erfolgen (vgl. Thiersch 2002, S. 104). Die Kooperation zwischen der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) und den gesellschaftlichen Systemen ist daher unbedingt erforderlich. Soziale Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) stellt laut Popp (2004, S. 175) ein „kleines aber durchaus wichtiges Subsystem des Sozialstaates“ dar. Diese Feststellung von Popp entlastet die Soziale Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit), indem sie nicht nach einem immer breiteren Funktionsbereich strebt, sondern mehr auf die Qualität ihrer bisherigen Tätigkeitsfelder Wert legt. Somit erhält die Soziale Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) einen klarer abgrenzbaren und vor allem von anderen anerkannten Zuständigkeitsbereich (vgl. Popp 2004, S. 175).
Eine ähnliche Auffassung vertritt Thiersch, indem er erklärt, dass die „Soziale Arbeit (…) in den Mittelpunkt der Gesellschaft [rückt C.G.]“ (Thiersch 2002, S. 102). Diese Aussage begründet er damit, dass sich gesellschaftliche Bedingungen seit der Einführung der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit verändert haben:
„Im Zuge der zunehmenden Vergesellschaftung der Lebensverhältnisse und der inten-
sivierten Trends zur Individualisierung der Lebensführung und Pluralisierung der Le-
benslagen (z.B. auch einer mulitkulturellen Gesellschaft) ergeben sich in der Normalität
des modernen Lebens zwar neue Chancen und Optionen, aber auch neue Belastun-
gen, so dass Aufgaben der Lebensbewältigung sich zunehmend als anspruchsvoll er-weisen“ (Thiersch 2002, S. 102).
Soziale Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) kann sich nicht mehr nur auf klassische Problemfelder, die aufgrund von „Armut, Verelendung und Ausgrenzung“ (Thiersch 2002, S. 102) entstehen, beschränken, sondern muss aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen ihre Aufgabenbereiche ausweiten. In der heutigen Gesellschaft geht es vor allem um eine gelingende Lebensbewältigung (vgl. Thiersch 2002, S. 102), die aufgrund neuer
9
Belastungen durch „Trends zur Individualisierung der Lebensführung und Pluralisierung der Lebenslagen“ (Thiersch 2002, S. 102) zunehmend schwieriger wird. Das ist der Anknüpfungspunkt einer neuen Form von Sozialer Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit), welche dem Leitsatz „‚Hilfe zur Selbsthilfe‘“ (Thiersch 2002, S. 102) folgt. Darauf basiert der Ansatz der „Lebensweltorientierten Soziale Arbeit“, der im darauffolgenden Kapitel detailliert vorgestellt wird.
Obwohl aufgrund dieser Auffassung jeder Mensch, der Probleme mit seiner Lebensbewältigung hat, Zielgruppe der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) werden kann, betont Thiersch (2002, S. 104, 107), dass der traditionelle Aufgabenschwerpunkt, welcher auf die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen gerichtet ist, beibehalten wird. Auch Böhnisch vertritt diese Auffassung, indem er erklärt, dass sich die wesentliche und traditionelle Aufgabe der Sozialpädagogik „auf personale Probleme und Konflikte [bezieht C.G.], die beim Hineinwachsen von Kindern und Jugendlichen in die Gesellschaft entstehen (…)“ (Böhnisch 2001, S. 18). Die Sozialpädagogik „vermittelt - in ihrem erzieherischen Anspruch - Fähigkeiten, mit diesen Schwierigkeiten umzugehen und eine biographische Entwicklungsperspektive aus der Bewältigung dieser Schwierigkeiten heraus aufzubauen. Als allgemeiner außerschulischer Erziehungsbereich versucht sie, kulturelle, soziale und politische Fähigkeiten zu vermitteln, sie organisiert - wie wir heute modern sagen würden - soziales, kulturelles und politisches Lernen“ (Böhnisch 2001, S. 18f). Nachdem Sozialpädagogik und Sozialarbeit, wie bereits dargestellt wurde, immer mehr zusammenwachsen, erweitert sich der jeweilige Zuständigkeitsbereich. Die Zielgruppe der Jugendlichen, die traditionell eine der Sozialpädagogik war, wird zur Zielgruppe der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit). Das führt dazu, dass „Jugendarbeit“ als spezielle Form der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) angesehen wird. „Jugendarbeit“ wird laut Giesecke (1980, S. 14) folgendermaßen definiert: „Jugendarbeit bezeichnet diejenigen von der Gesellschaft Jugendlichen und Heranwachsenden angebotenen (…) Lern- und Sozialisationshilfen, die außerhalb von Schule und Beruf erfolgen, die Jugendlichen unmittelbar, also nicht auf dem Umweg über die Eltern, ansprechen und von ihnen freiwillig wahrgenommen werden“.
Zusammenfassend betrachtet, bietet die Soziale Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit), welche sich inmitten der großen Systeme des Sozialstaates befindet, ihre Unterstützung an, wenn diese ihre Aufgaben nicht oder nur unzureichend erfüllen können. Ziel der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) und auch der anderen gesellschaftlichen Sys-
10
teme ist eine gelungene Lebensbewältigung des einzelnen Menschen. Jugendliche, die eine traditionelle Zielgruppe der Sozialpädagogik darstellen, erhalten auch in der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) besondere Aufmerksamkeit. Die beschriebene, gesellschaftlich bedingte Ausweitung und Neustrukturierung der Aufgabenbereiche der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) zog wissenschaftstheoretische Überlegungen nach sich. Thiersch entwickelte im Zuge dessen das Konzept der „Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit“. Was er darunter versteht und inwieweit dieses Konzept den veränderten Bedingungen entspricht, ist Thema des folgenden Kapitels.
11
1.1 Lebensweltorientierter Ansatz nach Thiersch
Das von Thiersch entwickelte Konzept der „alltags- und lebensweltorientierten Sozialen Arbeit“ ist ein relativ neuer Ansatz, welcher die sozialpädagogische Diskussion 9 in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts prägte (vgl. Galuske 2007, S. 143). Dieser Ansatz setzt sich nicht mehr mit der Frage auseinander, was die Sozialpädagogik ausmacht und warum sie begründet wurde. Vielmehr geht es darum, mit welchen Aufgaben sich Sozialpädagogik beschäftigt.
Thiersch geht davon aus, dass Sozialpädagogik aufgrund vorangegangener Forschungen eine Daseinsberechtigung hat und daher eine legitime Funktion in der Gesellschaft einnimmt. Der Schwerpunkt seines Ansatzes liegt in der Klärung der Frage, womit sich Sozialpädagogik inhaltlich beschäftigt (vgl. Schilling 1997, S. 221f). Sein Konzept versucht „die Aufgaben der Sozialen Arbeit im Horizont heutiger lebensweltlicher Verhältnisse, ihre spezifischen Strukturen, Ressourcen und Probleme zu bestimmen“ (Thiersch 2002, S. 155).
Wie bereits im vorangegangenen Kapitel dargestellt, erweitern sich die Aufgaben der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit). Sie ist nicht mehr nur ausgleichende Hilfe für in Not geratene Menschen, sondern steht Menschen ebenso bei Schwierigkeiten bei der alltäglichen Lebensbewältigung zur Seite (vgl. Thiersch 2002, S. 134f). Tradierte Formen der Lebensführung verlieren aufgrund der breiten Palette an Möglichkeiten der Lebensgestaltung in der heutigen Zeit an Bedeutung. Obwohl diese Vielfalt an Optionen oft positiv dargestellt wird, trägt sie mitunter zu Verunsicherung, Überforderung und Orientierungslosigkeit bei 10 (vgl. Thiersch 2002, S. 207f). Angesichts dieser Tatsachen „rückt le-bensweltorientierte Soziale Arbeit in die Mitte der Gesellschaft, sie wird zum integralen
9 Abgesehen vom Alltags- und lebensweltorientierten Ansatz waren in dieser Zeit drei weitere Entwicklungen relevant: 1) „das Professionsmodell der ‚stellvertretenden Deutung‘“, 2) „sozialökologische und systemische
Ansätze in der Sozialen Arbeit und“ 3) „die wachsende Relevanz von planungsbezogenen und betriebswirt-
schaftlichen Fragestellungen“ (Galuske 2007, S. 143). Zusammenfassende Erläuterungen dieser drei Punkte
sind bei Galuske (2007, S. 143-154) in Kapitel II.10. der „Methoden der Sozialen Arbeit. Eine Einführung“
nachzulesen.
10 Deutlich zum Vorschein kommt das zum Beispiel bei Jugendlichen, die am Ende ihrer Pflichtschulausbildung stehen und bei welchen die anstehende Entscheidung, welchen beruflichen Weg sie einschlagen sollen
zu einem fast unüberwindbaren Problem wird.
12
Moment in der Daseinsfürsorge, zum integralen Moment heutiger unterstützender sozialer Infrastrukturen“ 11 (Thiersch 2002, S. 135).
Laut Thiersch ist „Lebensweltorientierung“ kein neues Prinzip in der Sozialen Arbeit. Zum Ausdruck kommt dies durch leitende Motive der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit), wie „‚Anfangen, wo der Klient steht‘“, „‚Unterstützung in den gegebenen Verhältnissen‘“ und „‚Hilfe zur Selbsthilfe‘“ (Thiersch 2000, S. 12; Thiersch 2002, S. 205). Dazu wird von Thiersch (2002, S. 40) betont, dass „Lebensbewältigung als Selbsthilfe (…) auf Selbsttätigkeit, auf Empowerment“ abzielt. Durch den Grundsatz der Hilfe zur Selbsthilfe wird deutlich, dass sich „sozialpädagogisches Handeln (…) als Handeln versteht, das sich selbst überflüssig machen will“ (Thiersch 2002, S. 107). Der Klient soll demnach befähigt werden sich selbst zu helfen.
Für die Herausbildung der Fähigkeit zur Selbsttätigkeit ist das Eingehen auf die Lebenswelt des Klienten erforderlich. Im Vordergrund einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit stehen die „Deutungs- und Handlungsmuster der Adressat/innen“ (Thiersch 2002, S. 135). Zur Anwendung kommen in der Praxis „indirekte Formen der Unterstützung in Lernprozessen, also in Formen der Begleitung, der Anregung, der stellvertretenden Deutung, des Arrangements von Situationen und Milieus, in denen sich eigene Handlungsmuster herausbilden können“ (Thiersch 2002, S. 135). Das bedeutet, dass dieses Konzept auf die individuellen Lebensumstände eingeht und dort Ressourcen ausfindig macht, welche die Person befähigen können aus einer prekären Situation herauszukommen (vgl. Thiersch 2002, S. 135f). Weitere zentrale Merkmale dieses Ansatzes sind das gemeinsame Aus-handeln von Lösungen und der respektvolle, akzeptierende Umgang miteinander (vgl. Thiersch 2002, S. 136). Dieses Vorgehen hat einen hohen Gegenwartsbezug, da es an der momentanen Situation des Klienten ansetzt (vgl. Thiersch 2002, S. 135). Demzufolge stützt sich die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit auf Ressourcen, Kompetenzen und Möglichkeiten ihrer Klienten und nicht auf ihre Schwächen und Defizite (vgl. Thiersch 2002, S. 135).
Beim lebensweltorientierten Ansatz bleibt „das Grundmuster [für Soziale Arbeit, C. G.], nämlich Ganzheitlichkeit, Offenheit und Allzuständigkeit“ (Thiersch 2002, S. 203), bestehen 12 . Dieser Anspruch kann jedoch laut Thiersch zu Missverständnissen oder Fehlinter-
11 Siehedazu auch Abbildung 1.
12 Jedoch weist Thiersch darauf hin, dass dieses „nicht im Widerspruch zu Struktur, Differenzierung, Methode und definiertem Arbeitsverständnis“ (Thiersch 2002, S. 204) steht.
13
pretationen führen (vgl. Thiersch 2002, S. 107); beispielsweise kann der Anspruch der Allzuständigkeit von Sozialpädagogen/Sozialarbeitern zu hoch angesetzt werden und zu einem Burn-out Syndrom führen. Thiersch (2002, S. 207ff) versucht daher den Rahmen abzustecken und den Handlungsspielraum seines Ansatzes zu begrenzen, indem er dazu drei zentrale Punkte anspricht:
a) Ein besonderes Augenmerk bei der Unterstützung des Klienten wird auf die ganzheitliche Arbeitsweise gelegt. Das bedeutet, die Einmischung der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit in andere Zuständigkeitsbereiche, wie zum Beispiel den familiärenbzw. schulischen Bereich oder den Arbeitsbereich, ist ein grundlegender Aspekt. Dabei ist es wichtig, dass bei den erforderlichen Überschreitungen von Grenzen der Bezug zum Kernbereich, sprich den Kernkompetenzen, im Auge behalten wird (vgl. Thiersch 2002, S. 207f).
b) Die Soziale Arbeit ist beauftragt, den Menschen zu helfen sich adäquat in die Gesellschaft zu integrieren. Das bedeutet, sie ist gefordert diejenigen Menschen dabei zu unterstützen die Schwierigkeiten dabei haben, den jeweiligen Anforderungen der Gesellschaft (Teilnahme am „Markt und Konsum“, die „Steigerung der Arbeitsfähigkeit“ und „Normalität“; Thiersch 2002, S. 208) gerecht zu werden. Demnach ist die Klientel begrenzt auf Personen, die am Rande der Gesellschaft stehen, jedoch auch hilfsbedürftige Familien oder Pflegebedürftige bzw. pflegende Angehörige. Die sozialpädagogischen Bemühungen gestalten sich jedoch schwierig, weil diese Zielgruppen sowohl gesellschaftspolitisch gesehen einen geringen Stellenwert haben als auch die Ressourcen der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) begrenzt sind. Darüber hinaus besteht ein Spannungsfeld zwischen den zuvor angeführten gesellschaftlichen Interessen und der grundlegenden Absicht der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit), „nämlich, die Eigensinnigkeit von Lebenswelt zu respektieren, zu stabilisieren und herzustellen“ (Thiersch 2002, S. 208). Die Durchsetzungskraft der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) gegenüber den Interessen der Gesellschaft ist somit gering. Dennoch sollte sie sich, um das Grundmuster des lebenswelt-orientierten Ansatzes zu begrenzen, bei Verhandlungen mit der Politik über den „Gestaltungsraum“ und der zur Verfügung gestellten Mittel immer auf ihr ursprüngliches Aufgabenfeld beziehen und sich nicht weitere Zuständigkeitsbereiche aufoktroyieren lassen. (vgl. Thiersch 2002, S. 208).
c) Die Aufgabe der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) besteht im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe darin ihre Klienten anzuregen, zu provozieren und zu begleiten.
14
Die Umsetzung und Verwirklichung der Anregungen liegt jedoch beim Klienten selbst und entzieht sich somit dem Verantwortungsbereich der Sozialpädagogen/Sozialarbeiter (vgl. Thiersch 2002, S. 208f).
Die Einhaltung dieser Grenzen ist notwendig, um die „Sicherheit und Entlastung im Arbeitskonzept und Selbstverständnis der Sozialen Arbeit“ (Thiersch 2002, S. 209) zu gewährleisten. Bei zu hohen Ansprüchen der Sozialpädagogen/Sozialarbeiter an sich selbst und zu hoch gesteckten Zielen im Arbeitsprozess besteht ansonsten die Gefahr der Über-forderung (z. B. Burn-Out) und Enttäuschung (z. B. Verringerung des Selbstwertgefühls, Gefühl der Unzulänglichkeit).
Im Konzept der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit geht es speziell um ihre Aufgaben. Der Einbezug der Lebenswelt des Klienten, die ressourcenorientierte Ausrichtung und die Anerkennung der individuellen Problemsicht sind dabei zentrale Merkmale. Aufgrund dessen scheint der Ansatz der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit den veränderten Bedingungen der heutigen Zeit zu entsprechen.
Die Frage, wie konkret gehandelt werden sollte um den bereits thematisierten allgemeinen Bedingungen einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit gerecht zu werden und welche Fähigkeiten und Kompetenzen ein Sozialpädagoge dafür benötigt, soll im nächsten Abschnitt beantwortet werden.
15
1.2 Handeln und Kompetenzen in der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit
In den unterschiedlichsten Aufgaben der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) „gibt es ein Grundmuster lebensweltbestimmten sozialpädagogischen Handelns und ein spezifisches Kompetenzprofil“ (Thiersch 2002, S. 215). Nach welchen Kriterien sozialpädagogisches Handeln im Sinne der Lebensweltorientierung erfolgen sollte, wird im Folgenden aufgezeigt. Nach Thiersch
„verlangt ein Handeln, (…) im erziehenden Umgang, in der Beratung, in der Begleitung
und in der Kooperation (…) [eine Orientierung, C.G.] an der Eigensinnigkeit der Prob-
lemsicht der Adressat/innen im Lebensfeld, am ganzheitlichen Zusammenhang von
Problemverständnis und Lösungsressourcen, an den in der Lebenswelt verfügbaren
Ressourcen und Kompetenzen“ (Thiersch 2002, S. 215).
Das bedeutet, sozialpädagogisches Handeln orientiert sich N am Respekt vor der eigenen „Problemsicht“ der Klienten, N an einem „ganzheitlichen Zusammenhang von Problemverständnis und Lösungsressourcen“,
N an den vorhandenen Stärken und Fähigkeiten der Klienten.
Nachdem nicht mehr auf traditionelle, überlieferte Lebensentwürfe zurückgegriffen werden kann, ist ein aufgeschlossenes und auf die Situation angepasstes Handeln wichtig. Gemeinsam mit dem Klienten werden mögliche Handlungsstrategien vereinbart, die zur persönlichen Problemlösung beitragen (vgl. Thiersch 2002, S. 215). Die Basis für dieses sozialpädagogische Handeln ist „die Fähigkeit, zu prüfen, was jeweils der Fall ist“ (Thiersch 2002, S. 215).
Laut Thiersch sollen Sozialarbeiter/Sozialpädagogen mit folgenden Kompetenzen ausgestattet sein:
N „die Fähigkeit zur Präsenz, die Fähigkeit, sich den Verhältnissen auszusetzen, N die Fähigkeit, gegebene Verhältnisse zu verstehen, N die Fähigkeit, Vertrauen zu stiften und aufrechtzuerhalten, N die Fähigkeit, in Konflikten und Schwierigkeiten zu vermitteln, N die Fähigkeit zur Phantasie, in gegebenen Schwierigkeiten Alternativen und freie Optionen zu entwickeln,
N die Fähigkeit, Verhältnisse zu strukturieren und auch längerfristige Arbeitskonzepte durchzuhalten,
16
N die Fähigkeit zu planen, zu organisieren und zu ‚managen‘“ (Thiersch 2002, S. 215f). Thiersch ist sich den hohen Anforderungen, die er an die Sozialarbeiter/Sozialpädagogen stellt, bewusst. Die Hilfeleistenden müssen sich intensiv auf die individuelle Lage des Klienten einlassen, was einer „gesunden“ Abgrenzung entgegenwirken oder auch Ängste auslösen kann. Zum Beispiel ist es möglich, dass durch zu starke Identifikation bis hin zur Übernahme der Rolle des Klienten der Sozialpädagoge/Sozialarbeiter seine Aufgabe nicht mehr wahrnehmen kann. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein, dass sich der Hilfeleistende, aufgrund der Angst sich auf die Lebenswelt des Klienten einzulassen, sich von ihm distanziert (vgl. Thiersch 2002, S. 216).
Auf Seiten der Klienten kann die Nähe der Sozialpädagoge/Sozialarbeiter an sich und deren Hilfestellung als unangemessenes Eindringen in das eigene Leben empfunden werden (vgl. Thiersch 2002, S. 216). Aus diesem Grund wird zu den oben beschriebenen Kompetenzen noch eine weitere Fähigkeit hinzugefügt: Thiersch bezeichnet diese als „Takt“ 13 und meint damit „die Fähigkeit, sich in den eigenen Möglichkeiten zurückzuhalten, andere Möglichkeiten zu sehen und in ihrem Eigensinn zu respektieren“ (Thiersch 2002, S. 217). Das bedeutet, dass der Klient nicht mit den Angeboten „überfahren“ werden soll. Der Sozialarbeiter/Sozialpädagoge soll Raum schaffen, damit der Klient die Möglichkeit hat seine Erfahrungen zu erzählen und in diesen ernst genommen werden. Um diese Fähigkeit zu gewährleisten, werden fundierte, klare und nachvollziehbare Arbeitsweisen benötigt (vlg. Thiersch 2002, S. 217). Hierfür sind drei institutionelle Rahmenbedingungen von Nöten:
a) „Methodische Strukturierung,
b) Klärung des Arbeitsverhältnisses durch vertragsförmige Absprachen und
c) Institutionalisierung von Reflexion/Selbstreflexion der Arbeit“ (Thiersch 2002, S. 217) ad a) Unter „Methodische Strukturierung“ versteht Thiersch „das Wissen um Phasen des Arbeits-, Verständigungs-, Unterstützungsprozesses (um Gliederungen und Prioritätensetzung) in den Aufgaben, um Möglichkeiten der Rückkoppelung von Ziel, Einlösung und
13 Dieser Begriff lässt sich auf den Begriff „pädagogischen Takt“ zurückführen, der erstmals von Johann Friedrich Herbart in seiner Göttinger Antrittsvorlesung 1802 verwendet wurde (vgl. Böhm 2000, S. 526; Benner
1997, S. 43-46). Herbart versteht unter den Begriff Takt „ein Mittelglied“ „zwischen Theorie und Praxis“ über
das ein Erzieher verfügen sollte um schnell beurteilen und entscheiden zu können (vgl. Benner 1997, S. 44).
„In einem allgemeineren Sinne gehört p. T. [pädagogischer Takt, C.G.] qua Sensibilität und Feingefühl für den
anderen und als achtend-distanzierte Zurückhaltung vor der Selbstständigkeit des educantus zur Grundbedin-
gung jedes authentischen päd. [pädagogischen, C.G.] Bezugs“ (Böhm 2000, S.526).
17
Prüfung im Prozess“ (Thiersch 2002, S. 217). Das heißt, Ordnung und Transparenz von Arbeitsabläufen ist für die methodische Strukturierung von Bedeutung. Dies kann als eine Art Arbeitsleitfaden verstanden werden, an welchen sich das sozialpädagogische Handeln ausrichtet. Dabei ist es wichtig, den Leitfaden als Grundgerüst für die Arbeit zu sehen. Je nach Situation können einzelne Arbeitsschritte mehr betont oder präzisiert werden, um die von der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit geforderte, an die Gegebenheiten angepasste Aufgeschlossenheit nicht zu gefährden (vgl. Thiersch 2002, S. 217).
ad b) Thiersch versteht unter Klärung des Arbeitsverhältnisses durch vertragsförmige Absprachen 14 das Ansprechen, Abwiegen und Verhandeln von gegenseitigen Erwartungshaltungen. Durch diesen Prozess werden die beidseitigen Erwartungen herausgearbeitet und festgestellt, inwieweit und mit welchen Mitteln sie erfüllt werden können. Damit werden Enttäuschungen auf beiden Seiten vorgebeugt. Dieser Klärungsprozess nimmt viel Zeit in Anspruch und zählt bereits zur tatsächlichen Bewältigungsarbeit (vgl. Thiersch 2002, S. 218).
ad c) Der dritte und letzte Punkt, ist die „Institutionalisierung von Reflexion/Selbstreflexion der Arbeit“. Thiersch gibt verschiedene Möglichkeiten für die Realisierung dieses Anspruchs an, wie etwa „den teambezogenen, gemeinsamen Formen von Praxisberatung, Praxisbesprechungen und Supervision, aber auch die Form der Selbstevaluation“ (Thiersch 2002, S. 218). Dabei legt er Wert darauf, dass die gewählte Art der Reflexion in jeden Fall auf ein Ziel ausgerichtet und vertraglich geregelt wird (vgl. Thiersch 2002, S. 218). Thiersch betont, dass die „Reflexion der Arbeit (…) - im Zeichen einer lebenswelt-orientierten, ganzheitlichen Arbeit - eingebunden sein [muss, C.G.] in das jeweils geltende Arbeitskonzept“ (Thiersch 2002, S. 219). Das bedeutet, es wird wieder von der Lebenswelt des Klienten ausgegangen, nicht von anderen oder eigenen Werten und Ordnungen, denn das würde am Problem an sich vorbeigehen (vgl. Thiersch 2002, S. 219). Die Selbstreflexion ist eine Möglichkeit direkt die Auswirkungen des Handelns im Verlauf der Betreuung zu kontrollieren. Somit können Fortschritte sichtbar und bei Bedarf in die Verläufe berichtigend eingegriffen werden (vgl. Thiersch 2002, S. 219).
14 Sehr ausführlich beschäftigt sich Müller (1991) dazu in „Die Last der großen Hoffnungen. Methodisches Handeln und Selbstkontrolle in sozialen Berufen“ auf den Thiersch (2002, S. 218) in diesem Kontext auch
verweist.
18
Das sozialpädagogische Handeln im Sinne einer lebensweltorientierten Arbeit verlangt, eine ganzheitliche und ressourcenorientierte Unterstützung des Klienten, welche auf seine Lebenswelt ausgerichtet ist. Um diesen Anspruch zu erfüllen, müssen Sozialpädagogen/Sozialarbeiter viele Fähigkeiten mitbringen, wobei Takt, die Fähigkeit sich selbst zurückzuhalten und die individuelle Problemsicht des Klienten zuzulassen und zu respektieren von großer Bedeutung sind. Darüber hinaus sind institutionellen Rahmenbedingungen notwendig, wie die methodische Strukturierung, die Klärung der Arbeitsverhältnisse und die Institutionalisierung von Reflexion/Selbstreflexion der Arbeit. Birgmeier sieht im Konzept der Lebensweltorientierung auch den theoretischen Rahmen für ein Coaching im sozialpädagogischen Sinn und äußert sich hierzu folgendermaßen: „Schließlich besonders vorzuheben als theoretischer Hintergrund auch für ein Coaching ist das Konzept der Alltags- und Lebensweltorientierung nach Thiersch, das in Berufs- wie auch Privatwelten gleichermaßen eine zentrale Rolle spielt“ (Birgmeier 2005, S. 190). Ob und inwieweit das untersuchte Jobcoaching-Projekt sozialpädagogische Coachingmerkmale beinhaltet, ist eine der Fragen, auf welche am Ende dieser Arbeit eine Antwort gefunden werden soll. Um dies klären zu können, erfolgt im nächsten Kapitel vorerst eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff Coaching. Des Weiteren wird untersucht, welche verbindenden Elemente zwischen Coaching und Sozialer Arbeit existieren, da diese sozialpädagogischen Coachingmerkmale die Grundlage der späteren empirischen Untersuchung bilden. Im Anschluss daran wird thematisiert, inwieweit sich Coaching von der traditionellen Beratung abgrenzt. Daraufhin werden mögliche Zielgruppen des Coachings vorgestellt. Anschließend werden Kompetenzen und Fähigkeiten beschrieben, die ein „guter“ Coach mitbringen sollte. Am Ende des Kaptitels wird ermittelt, ob Coaching in der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik/Sozialarbeit) angewendet werden kann.
19
Arbeit zitieren:
Christa Grammer, 2009, Coaching in der Jugendarbeit?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Führt Mediengewalt zu Alltagsgewalt? - Die Faszination und die Auswirk...
Psychologie - Medienpsychologie
Seminararbeit, 24 Seiten
Gewaltdarstellungen in den Medien und ihr Einfluss auf das menschliche...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Examensarbeit, 126 Seiten
Evaluation von Jugendfreizeiten und internationalen Jugendbegegnungen
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 15 Seiten
Gewalt im Fernsehen und ihre Auswirkungen auf den Rezipienten
Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten
Hausarbeit, 15 Seiten
Evaluationsforschung im Bildungswesen
Hausarbeit (Hauptseminar), 39 Seiten
Sozialpädagogische Diagnosen nach Mollenhauer & Uhlendorff
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Essay, 9 Seiten
Der Darfur-Konflikt - Was waren seine Ursachen und warum sollte die Af...
Politik - Internationale Politik - Region: Afrika
Hausarbeit, 25 Seiten
Migranten im deutschen Bildungssystem
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Essay, 9 Seiten
Erlebnispädagogik - Wirkung von erlebnispädagogischen Maßnahmen
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 27 Seiten
Aggressives Verhalten im Kindes- und Jugendalter - Sind kognitiv-behav...
Evaluationsergebnisse zum Trai...
Psychologie - Beratung, Therapie
Hausarbeit, 54 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Supervision - Theoretische Hintergründe und der Blick in die Praxis
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Hausarbeit (Hauptseminar), 47 Seiten
Erlebnispädagogik - Chancen und Grenzen in der Jugendarbeit mit Hilfe ...
Seminararbeit, 20 Seiten
Gewaltforschung - Welche Wirkung hat Gewalt in den Medien?
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Seminararbeit, 21 Seiten
Orion Kronsteiner gefällt Coaching in der Jugendarbeit?
Christa Grammer's Text Coaching in der Jugendarbeit? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Christa Grammer hat den Text Coaching in der Jugendarbeit? veröffentlicht
Mehrsprachigkeit aus neurolinguistischer Sicht
Eine empirische Untersuchung z...
Gerda Videsott
Mehrsprachigkeit aus neurolinguistischer Sicht
Eine empirische Untersuchung z...
Gerda Videsott
Aus anderer Sicht / The Other View
Die frühe Berliner Mauer / The...
Annett Gröschner, Arwed Messmer, Martin Hager
DIE DTHIOPISCHE JOHANNES-APOKA
J Hoffmann
MARTYRIUM POLYCARPI EEN LITERA
B Dehandschutter
0 Kommentare