Inhaltsverzeichnis
Einleitung 5
I. Zeitgenössische Konflikte des Hofes von Ferrara 7
1) Naturkatastrophen. 7
2) Probleme im Innern der Stadt und des Herzogtums. 7
3) Konflikte mit dem Kirchenstaat. 8
4) Dynastische Probleme. 8
II. Das Schäferdrama. 9
1) Tassos literarische Vorbilder 9
2) Allgemeines zum Schäferspiel. 9
III. Höfische Selbstdarstellungsaspekte in Tassos Aminta 10
1) Der Ort des Geschehens 10
2) Anspielungen auf die dynastischen Probleme des Herzogtums von 14
IV. Konkrete Anspielungen auf Personen des Hofes von Ferrara
und die Rolle des Dichters und der Dichtkunst 15
1) Die Gestalt des weisen Elpinus und der schönen Licoris 15
2) Die Mopsus-Episode als Beispiel für Hofkritik und Herrscherlob 17
a) Mopsus als Verfechter des Antihöfischen. 17
b) Thyrsis als Verteidiger des Hoflebens. 25
Zusammenfassung 32
Anhang 34
Anmerkungen : 34
Exkurs 1 : 38
1) Historischer Hintergrund 38
2) Einfluß der Reformation und Gegenreformation auf den Hof Alfonso II 38
Exkurs 2 : 40
Urspr üngliche Welt versus artifizielle Welt 40
Literaturverzeichnis 41
Einleitung
In dieser Arbeit möchte ich einigen Fragen nachgehen, die den höfischen Selbstdarstellungsaspekt in dem Schäferspiel Aminta näher beleuchten. Die angesprochenen Fragen sind nicht als chronologische Anordnung zu verstehen, sondern greifen zum Teil dynamisch ineinander über, d.h. daß einige Überlegungen ihre Fortsetzung in den anschließenden Kapiteln finden. Hier nun die folgenden Fragen:
• Welche Rolle spielt der Fürst (hier Alfonso II.) im Kontext der höfischen Welt und in welcher Weise bestimmen innere und äußere sozialpolitische Faktoren sein Handeln? In wieweit fühlt sich die Hofgesellschaft davon betroffen?
• An welches Publikum wendet sich Tasso?
• Welche Funktion erfüllt der Dichter/die höfische Dichtung für das Herrscherhaus?
• Warum hat der Hof gerade für die Schäferdichtung eine Vorliebe?
• In welcher Form stellt Tasso enkomiastische und antihöfische Elemente dar und welche Seite bevorzugt Tasso in seinem Drama?
Gerade die Fragen nach dem Dichter und der Dichtung sowie die letzte Frage nach der Beurteilung des Hofes sind sehr eng mit der Biographie Tassos verbunden. Da ich während meiner Lektürestudien immer wieder auf derartige Hinweise gestoßen bin, habe ich sie in dieser Arbeit mit einfließen lassen.
Diese Arbeit gliedert sich in vier Abschnitte: Kapitel I beschäftigt sich mit den zeitgenössischen und historischen Problemen des Hofes von Alfonso II., der nicht ohne Grund um seine Zukunft bangen mußte. Im Kapitel II erfolgt ein kurzer Überblick über Tassos wichtigste literarische Vorgänger sowie ein paar allgemeine Überlegungen zum Schäferdrama, die jedoch wichtig sind, um einige Besonderheiten des Aminta-Schäferspiels von Tasso hervorzuheben. Mit dem dritten Abschnitt beginnt der Einstieg in die inhaltliche Textanalyse, wobei ich mich hier auf den Ort des Geschehens (hauptsächlich) im Prolog beschränke sowie auf die Anspielungen der dynastischen Konflikte des Herrscherhauses. Das vierte Kapitel teilt sich in zwei Bereiche ein, wobei sich beide jeweils mit den konkreten Anspielungen auf reale Personen des Hofes Este auseinandersetzten. Hierbei geht es auch um die Rolle der Dichtkunst und des Dichters selbst und um die Frage, in welcher Weise sie zur Hofkritik bzw. zum Herrscherlob
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beitragen. Zudem greife ich die höfische Selbstdarstellungsthematik unter dem Blickwinkel des Artifiziellen und Künstlichen auf, inwiefern sich diese antithetischen Elemente im höfischen und schäferlichen Kontext widerspiegeln.
Tassos Aminta erscheint auf den ersten Blick eine sehr einfach strukturierte Handlung zu haben, die, wenn wir uns nur die Liebesgeschichte zwischen Aminta und Sylvia anschauen, auch zutrifft. In unserem Zusammenhang interessiert jedoch nicht diese liebenswerte Fabula, in der Tasso ein neues Arkadien der Liebesfreiheit fordert, sondern jene Personen und Orte, die in verdeckter/verkleideter Form genannt werden und den tatsächlichen Hof von Ferrara repräsentieren. Daher beschränke ich mich auf die Gestalten des ersten Aktes, die nach meiner Ansicht die engste Verbindung zur höfischen Realität Ferraras darstellen. Um auf die Frage einzugehen, warum die Schäferdichtung gerade am Hof so beliebt war, das hat sicherlich auch mit dem Genre zu tun, da es den Stadtbewohner mit seinem speziellen sozial-politischen Hintergrund in einem eher intimen Kreis anspricht und seine spezielle Sphäre in das höfische Drama hinüber getragen wird. Er selbst wird (verhüllt) zum Gegenstand harscher Kritik oder göttlichster Huldigung (wie z. B. der Herzog).
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I. Zeitgenössische Konflikte des Hofes von Ferrara
Um die Bedeutung von Tassos Schäferspiel Aminta besser verstehen zu können, ist es wichtig, sich die damaligen sozialpolitischen Verhältnisse zu vergegenwärtigen, die viele Probleme für das Herrscherhaus Este des Alfonso II. von Ferrara bedeuteten. Dazu zählt die ökonomische Situation, die genealogischen sowie die inner- und außenpolitischen Aspekte, die alle im Zusammenhang betrachtet werden müssen, da sie die Auslöser für die totale Verunsicherung der Hofgesellschaft und ihre damit verbundenen Zukunftsängste waren.
1) Naturkatastrophen
Das Herzogtum Ferrara wurde wiederholt von schweren Erdbeben heimgesucht. Die Ausmaße der Schäden von 1570/71 waren noch nicht einmal bewältigt worden (Alfonso II. mußte die Evakuierung eines Teils seines Hofes veranlassen), da wurde die Region 1573 von starken Unwettern wie Überschwemmungen und Hagelschauern bedroht, was nach János Riesz in den Augen der Bevölkerung als „Strafe Gottes“ angesehen wurde. Aus diesem Grund lag dem Herzog daran, die damit verbundenen Verwüstungen und ökonomischen Folgeschäden sowie die Ängste der Bevölkerung nicht über die Grenzen des Herzogtums hinaus dringen zu lassen. Somit versuchte er den Schein eines gut funktionierenden Fürstentums nach außen hin zu wahren, indem er die Diplomatie des Herunterspielens aller Horrormeldungen verfolgte.
2) Probleme im Innern der Stadt und des Herzogtums
Zu hohe Steuern lasteten auf den Bürgern, die Alfonso II. erhob, um seine zusätzlichen Ausgaben, z. B. für aufwendige Empfänge ausländischer Besucher, zu bewältigen, denn ihm lag daran, seinen Ruf als gastfreundlicher, wohlhabender und kunstliebender Machthaber aufrechtzuerhalten, ganz gleich, ob das Volk dafür bluten mußte. Mit der zunehmenden ökonomischen Belastung begannen immer mehr Menschen, sich an andere Höfe zu bewerben. Darin sah der Herzog eine eigene existentielle Bedrohung und antwortete mit einer Überreaktion, indem er 1573 einen Erlaß heraus gab, der die Bewegungsfreiheit der Bürger massiv einschränkte. Niemand durfte sich, nach János Riesz, in den Dienst eines anderen Fürsten begeben und somit auch nicht die Grenzen überschreiten. Um das Volk bei Laune zu halten und von den Zukunftsängsten abzulenken, veranstaltete er öffentliche Feste und Schaustellungen jeglicher Weise, eine Möglichkeit,
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um sich und seinen Hof in seiner Großzügigkeit und seinem Glanz feiern zu lassen. Dies bedeutete gleichzeitig auch eine Bestätigung seiner Macht nach innen wie nach außen.
3) Konflikte mit dem Kirchenstaat
In diesem Fall führten Grenzstreitigkeiten zwischen Alfonso II. und Papst Pius V. zu massiven Konflikten. Diese betrafen die Wasserrechte und die Salzgewinnung und schränkten das Herzogtum Ferrara in seinen ökonomischen Handlungsmöglichkeiten sehr stark ein. Um seine geschwächte Position zu stärken, nahm Alfonso II. Kontakt zu Frankreich und deutschen Fürstentümern auf, darunter auch Lutheraner, um sich international zu stärken.
4) Dynastische Probleme
Alfonso II. hatte bereits zwei Ehefrauen, die verstarben, ohne einen Thronfolger hinterlassen zu haben. Mit Lucrezia de’Medici war er von 1558 - 1561 verheiratet und später mit Barbara von Habsburg, verheiratet von 1565-1572. Die Ursache für seine Kinderlosigkeit wurde ihm als ein Mangel zugesprochen. Das bedeutete für ihn einen großen Verlust an Anerkennung als Herrscher und als Garant für den Fortbestand seiner Dynastie. Zu allem Unglück war eine päpstliche Verfügung im Mai 1567 herausgekommen, die insbesondere den Hof Este treffen sollte. Das Verbot lautete: uneheliche Kinder und Verwandte entfernter Abstammung dürfen nicht als Thronfolger eingesetzt werden. Damit wäre das Aussterben seines Herzogtums endgültig besiegelt gewesen. Um das zu verhindern, mußte er gezwungenermaßen eine weitere Ehe eingehen. Mit der zukünftigen dritten Ehefrau, Margherita di Conzaga, hoffte die Hofgesellschaft auf eine Existenzsicherung des Herzogtums von Ferrara.
Bei einem fehlenden Thronfolger konnte sich der Papst sicher sein, Ferrara wieder zurückzugewinnen. Er stützte sich auf eine sogenannte pippinische Schenkung von 756 n. Chr.. In dieser Urkunde hatte der karolingische König der Kirche die Oberhoheit über das ehemalige Exarchat von Byzanz zuerkannt. Diese Tatsache war Alfonso II. bekannt, umso größer seine Ängste vor einem ausbleibenden Thronfolger. 1
Soweit nun zum historischen und zeitgenössischen Hintergrund des Hofes von Este, der mit vielen Spannungen und Widersprüchen behaftet war. Es ist der Augenblick der ersten Aufführung des Aminta, nach Da Pozzo - eine Zeit voller Dynamik, in der Lächeln und
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Traurigkeit, Angespanntheit und Ausgelassenheit, Lebensangst und beschauliche Distanznahme - unmittelbar nebeneinander wirkten. Bevor ich zur Analyse das Stückes selbst komme, möchte ich vorab auf Tassos Vorläufer eingehen sowie einige Grundgedanken zum Schäferdrama niederlegen, um Tassos Aminta in unserem Themenkomplex der höfischen Selbstdarstellung besser einordnen zu können.
II. Das Schäferdrama 1) Tassos literarische Vorbilder
Das Schäferdrama entwickelte sich erst während der Renaissance in Italien und kennt keine antiken Vorgänger. Zu den Wurzeln gehören die humanistische Dialogstruktur, die Eklogen Vergils, Ovids Dichtung, die Novellistik im Sinne Boccaccios (durch die aktive Teilnahme der Zuhörer und die anekdotisch gestalteten Erzählungen erhielten die Geschichten Aufführungscharakter) sowie alle Arten von Hoffesten, die der Panegyrik der Herrscherhäuser dienten. Tasso orientierte sich an einer Vielzahl von Schauspielen: Zu Beginn der zahlreichen Aufführungen stand Jacopo Sannazaros Arcadia, (1504) welches in ganz Europa bekannt wurde und Nachahmer fand. In die lange Serie der Schauspiele reihten sich ein z. B. das Satyrspiel von Battista Giraldi Cinthio Egle, favola di satiri, das Pastoraldrama von Agostino Beccari, Il sacrificio (Aufführung 1554) sowie in Ferrara Aretuso von Alberto Lollio (1563) und Lo Sfotunato von Agostino Argenti (1567). Die Anzahl der genannten literarischen Vorbilder, die Tasso zu seiner Zeit studierte, kann hier nur einen kleinen Ausschnitt wiedergeben. Alles andere würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten und vom eigentlichen Thema wegführen.
2) Allgemeines zum Schäferspiel
Beim Schäferdrama ist in der Regel das Publikum begrenzt und überwiegend auf die Sphäre des Hofes beschränkt, inhaltlich in der Regel durch einen geringen Anspruch, gekennzeichnet, formal klassisch - aristotelisch angelegt. Kritik wird im Gegensatz zur Komödie in Verschlüsselungen dargestellt. „Die Entsprechungen zwischen der Realität und dem Spiel auf der Bühne“ werden nach János Riesz in Form einer „kritischen Distanznahme“ gezeigt und geschieht durch eine „sanft-behutsame“ Andeutung, die „den Kritisierten Zeit und Raum läßt, sich darein zu finden und selbst dem Traum von einer besseren Welt nachzuhängen“ (János Riesz, S. 253). Tassos Hirtenspiel Aminta weist zwar
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Arbeit zitieren:
Christina Kleine, 2001, Tassos "Aminta" als Medium höfischer Selbstdarstellung, München, GRIN Verlag GmbH
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