Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Repräsentationen als Zeichen 3
2.1 Analyse 3
2.1.1 Repräsentierendes Zeug 4
2.1.2 Repräsentiertes Ding 5
2.2 Henne oder Ei? 7
3 Die ontologische Annahme 8
3.1 Eine metaphysische Annahme zu Alltagswissen 9
3.2 Das Cartesianische Modell 10
3.3 Resultierende Probleme 11
3.3.1 Voraussetzen des zu Erreichenden 11
3.3.2 Das Relevanzproblem 12
4 Die existentialistische Entgegnung 14
4.1 Epistemologische Betrachtung 15
4.1.1 Alltäglichkeit und In-der-Welt-sein 16
4.1.2 Geworfenheit 17
4.1.3 Unzuhandenheit und Bruch 17
4.2 Abgrenzung zum Cartesianismus 18
4.2.1 Verstehen der Faktizität (von Seiendem) 18
4.2.2 Verstehen als Erschließen (von Sein) 19
5 Schluss 20
6 Bibliographie 22
1
1 Einleitung
[...] innerhalb einer Generation ... [werden] nur noch wenige Bereiche des menschlichen Intellekts außerhalb der Möglichkeiten eines Computers liegen [...] - das Problem der Schaffung »künstlicher Intelligenz« wird dann im großen und ganzen gelöst sein. 1
Die moderne Kognitionswissenschaft sieht sich in ihren Möglichkeiten, menschliches Denken zu modellieren vor einer Hürde. Nach anfänglichem Optimismus in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Zuwachs an Rechen- und Speicherleistung 50 Jahre später nicht die erwarteten, intellektuell menschenähnlichen Computer hervorgebracht. Die Annahme, dass man sich hier einem prinzipiellen Problem gegenüber sieht, resultiert daraus, dass selbst unerwartete, quantitative Sprünge in der Leistungsfähigkeit informationsverarbeitender Systeme keinen grundsätzlichen Fortschritt haben erbringen können. Menschliche Kompetenzen scheinen sich hier nicht lediglich an einem bisher unerreichten Punkt auf einem Kontinuum zusammen mit Programmen zur Problemlösung, wie dem „Allgemeine Problemlöser“ 2 , zu befinden. Wo zunächst nur ein Mangel an Verarbeitungskapazität vermutet wurde, hält nach und nach die Überzeugung Einzug, man müsse sich weg von der ausführlichen Explikation aller relevanter Faktoren, hin zu einem lebenspraktischeren Ansatz bewegen. 3
Bis zur ersten Anwendung neuronaler Netze und daraufhin allgemein konnektionistischer Ansätze wurde der Versuch, ein handlungsfähiges Modell des menschlichen Geistes zu entwerfen, stets von der Annahme begleitet, dies könne nur durch ein Verfahren der Repräsentation von Objekten in einem Modell der Außenwelt von Statten gehen. Eine geeignete Modellmanipulation im „Geiste“ hat tatsächlich Erfolge in der zielgerichteten Bearbeitung von Mikrowelten gezeigt. 4 Daher nahm man an, Erfolge in Laborsituationen ließen sich auf lebensweltliche, komplexe Situationen ausweiten. Es wurde davon ausgegangen, es sei lediglich eine Erweiterung des betrachteten Gegenstandsbereiches von Nöten, um den Kontext einer Situation hinreichend zu berücksichtigen. Das Problem, dass es sich hierbei um besonders große, schwer handhabbare Datenmengen handelt, schien durch die anhaltende Weiterentwicklung der Leistungsfähigkeit der verarbeitenden Systeme nur eine Frage der Zeit zu sein (siehe Zitat).
Diese Tendenz der Kognitionswissenschaft ist sicherlich zu einem großen Teil der erfolgreichen naturwissenschaftlichen Methode zu verdanken, die sich seit jeher mit Elementen und den sie bestimmenden Kräften befasst. Hier hat eine zunehmde Auflösung im Modell des Gegenstandsbereichs zu einer Verbesserung der abgeleiteten Prognosen geführt. Die Ursprünge dieser Ausprägung der rationalistischen Tradition liegen bereits in der Antike und finden sich in jeder Epoche der Philosophiegeschichte von namhaften Denkern vertreten. Die klassische Auffassung, Wissen sei eine Abbildung von Objekten im Geiste und
1 Marvin Minsky, Computation: Finite and Infinite Machines, N. J.: Prentice Hall, 1967, S. 2
2 Newell, A.; Simon, H.A.: Human Problem Solving, New York 1972
3 In Terry Winograd finden wir den vielleicht prominentesten Bekehrten von „Good Old Fashioned Artificial Intelligence“ zu einem holistischen Ansatz. Vergleiche hierzu Winograd T.; Understanding Natural Language, New York & London: Academic Press 1972 und Winograd, T., Fernando Flores; Erkenntnis, Maschinen, Verstehen, Berlin: Rotbuch, 1989.
4 Dreyfus, H.; Was Computer nicht können, Frankfurt: Athenäum, 1989, S. 9ff und Terry Winograd, Fernando Flores, Erkenntnis, Maschinen, Verstehen, Berlin: Rotbuch 1989, S. 203ff
2
Erkenntnis sei der Prozess des Entstehens dieser Abbilder wurde in den frühen Versuchen kognitiver Modellierung als konkurrenzlos betrachtet und übernommen. Daran geübte Kritik (durch Umberto Maturana 5 oder Hubert Dreyfus 6 ) lässt sich jedoch auf eine Basis stellen, die bereits von Martin Heidegger in „Sein und Zeit“ formuliert wurde. Heideggers Konzepte der Geworfenheit und dem durch Unzuhandenheit verursachten Bruch 7 lassen sich auf das Ziel moderner Kognitionswissenschaften anwenden: der Modellierung künstlicher Vernunft - oder nach Heidegger: der Erschaffung von Dasein.
2 Repräsentationen als Zeichen
Der Frage, ob mentale Repräsentationen nach Heidegger für vernunftbegabtes Handeln notwendig sind, vorangestellt, soll in diesem Abschnitt zunächst der Möglichkeit einer Analogie zwischen dem, was Heidegger als Zeichenzeug beschreibt, und mentalen Repräsentationen nachgegangen werden. In der Annahme, Repräsentationen seien als zeigen des Repräsentierenden auf das Repräsentierte aufzufassen, erschließt sich das Potential eines Zuganges nach Heidegger. Dieser Abschnitt dient einer ersten theoretischen Annäherung an die anschließende Behandlung der Frage, ob Repräsentationen, wie sie in diesem Teil definiert sind, konstitutiv für vernunftbegabtes Handeln sein können.
2.1 Analyse
Obwohl Heidegger in Sein und Zeit lediglich von extramentalen Zeichen spricht (Hammer und „Blinker“ 8 ), zeigt sich durch ein Erwägen seiner Kriterien von Zeug als Zeichen, dass mentale Repräsentationen in diese Kategorie fallen. Was Zeichen ausmacht, ist ihre Verweisung als Dienlichkeit - wie es jedem Zeug gemein ist - und in ihrem Fall eine Dienlichkeit im Zeigen. Wo der Hammer zwar auch als Verweisendes zuhanden ist, besteht sein Verweisen in einem Um-zu. Er begegnet uns als Zeug, welches in seiner Zuhandenheit in das Verweisungsgesamte durch eben dieses Um-zu eingebunden ist. Zeichen dagegen sind in den Verweisungszusammenhang durch das Zeigen auf ... - ein räumliches Bezugnehmen - eingebunden. 9 Entsprechend werden im Folgenden Zeichen in ihrem Charakter als Bezeichnendes und Bezeichnetes betrachtet. Daraufhin wird versucht, eine Analogie zu mental Repräsentierendem und Repräsentiertem herzustellen. In folgendem Zitat wird die Aufdringlichkeit einer Anwendung von Heideggers Zeichen auf mentale Repräsentationen deutlich.
Das Zeichen ist nicht nur Zuhanden mit anderem Zeug, sondern in seiner Zuhandenheit wird die Umwelt je für die Umsicht ausdrücklich zugänglich. 10
5 Maturana, H. R., Varela, F. J., The tree of knowledge: The biological roots of human understanding. Boston: Shambhala Publications 1987
6 Dreyfus, H.; Was Computer nicht können, Frankfurt: Athenäum, 1989
7 Beschrieben in § 16 von Sein und Zeit, im Folgenden unter Hinweis auf Terry Winograd, Fernando Flores, Erkenntnis, Maschinen, Verstehen, Berlin: Rotbuch 1989, S. 134ff als Zusammenbruch.
8 Heidegger, M.; Sein und Zeit, Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1960, S. 78
9 ebd. S. 76ff.
10 ebd. S. 82
3
Die Untersuchung geschieht vor der Auffassung, Repräsentationen seien, wie Zeichen, eine Bezugnahme. Beide bestehen aus Bezeichnendem (Repräsentatierendem) und Bezeichnetem (Repräsentiertem). Im Folgenden soll nachgewiesen werden, dass hier Zuhandenes und Vorhandenes - Zeug und Dinge - Bezug nehmen. Nach Heidegger wird durch den Bezug das Bezeichnete in Umsicht gehoben.
Zeichen ist nicht ein Ding, das zu einem anderen Ding in zeigender Beziehung steht, sondern ein Zeug, das ein Zeugganzes ausdrücklich in die Umsicht hebt, so daß sich in eins damit die Weltmäßigkeit des Zuhandenen meldet. 11
Dies setzt eine initiale Vorhandenheit als Ding voraus, die sich im Verlauf des Umgangs zu einer Zuhandenheit wandelt. Wie das Noch-nicht-freiwerden 12 des Zeichens vom Bezeichneten im Falle mentaler Repräsentationen überwunden werden soll, bleibt unklar. Einerseits muss das Sein zum Gezeigten erhalten bleiben, andererseits sind Repräsentationen als vom Gezeigten verschieden bereits erkannt. Vieles spricht dafür, dass sich das Freiwerden als ontogenetischer Entwicklungsprozess vollzieht. 13
2.1.1 Repräsentierendes Zeug
Wenn wir Repräsentationen als hinreichend - nicht jedoch als notwendig, dazu später mehr - für Wissen um das Repräsentierte betrachten, so sind sie zuhanden. Ihre Anwendung ist nicht von Reflexion oder ständigem Bewusstsein ihrer Anwesenheit begleitet - sinnlos wäre es, zu sagen, Wissen sei immer von Wissen um das Wissen begleitet. 14 Im Gegenteil, wenn wir uns, um Repräsentationen gebrauchen zu können, ihrer Existenz bewusst sein müssten, so endete dies in einem unendlichen Regress. Die Bewusstmachung (subjektive Vorhandenheit) würde eine abermalige Repräsentation - ein weiteres Zeichen - notwendig machen. Im alltäglichen Umgang mit Wissen lässt sich dies daran verdeutlichen, dass Irrtümer undenkbar wären, wenn ein bestimmtes Wissen das Wissen um dieses Wissen implizerte. Dabei muss bedacht bleiben, dass es sich hierbei um das repräsentierende Element der Repräsentationen handelt.
Repräsentationen sind als Zeichen zuhanden. Somit ist ihr Gebrauch nicht thematisch. In ihnen begegnet uns die Welt. Sie sind uns mentales Werkzeug, welches, wie Hammer und Blinker, seinen Dienst im Beziehungsnetz des Zeugganzen einnimmt.
Die Struktur des Seins von Zuhandenem als Zeug ist durch die Verweisung bestimmt. 15
11 ebd. S. 79-80
12 ebd. S. 82 dazu:
Das »Zusammenfallen« [von Zeichen und Gezeigtem] ist keine Identifizierung zuvor Isolierter, sondern ein Noch-nicht-freiwerden des Zeichens vom Bezeichneten.
13 ebd. S. 82
14 Ritter, J. , Gründer K., Gabriel G.; Historisches Wörterbuch der Philosophie: Modallogik, Basel: Schwabe Verlag, 1971-2007
15 Heidegger, Martin; Sein und Zeit, Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1960, S. 74
4
Dieser Dienst ist ein Zeigen auf ... . Es unterscheidet sich von Zeichen außerhalb des Geistes durch den Modus seiner sinnlichen Zugänglichkeit. Die Behauptung, Repräsentationen seien ausschließlich als Zeug zuhanden, mag auf Widerspruch stoßen. So strebt doch vor allem Kognitionswissenschaft und neurologische Psychologie eine Thematisierung an. Außer Frage steht, dass sich die Repräsentation zum Ding machen lässt. Sie hat als Zuhandenes immer auch das Potential zur Vorhandenheit. Doch geschieht dieser Übergang nicht durch einen o.g. Zusammenbruch. Ein Zusammenbruch ist ein offensichtlich Werden eines Mangels an Umgangsmöglichkeiten. Da alltäglicher 16 Umgang im Bereich von mentalen Repräsentationen zunächst lediglich ein Darstellen oder Abbilden ist, und ihr relevantestes Kriterium eine Differenzierbarkeit untereinander darstellt 17 , ist im Bereich des Mentalen Unzuhandenheit gleich zu setzen mit Undarstellbarkeit. Dies mag zwar eintreten, in Vorhandenheit kann der Zusammenbruch jedoch nicht resultieren, da das Repräsentierende nicht nur unzuhanden, sondern unvorhanden ist. Die Unzuhandenheit einer Repräsentation führt im Falle der Möglichkeit einer Abbildung daher erst zur Bildung der Repräsentation.
In Vorhandenheit könnten also nur diejenigen Repräsentationen geraten, welche nicht im oben genannten Sinn schon zuhanden waren. Repräsentierendes, welches mental unzuhanden ist, könnte keinen Zweck im Erkenntnisgewinn erfüllen, weswegen davon ausgegangen werden kann, dass es für die vorliegende Untersuchung irrelevant ist. Psychologie und Kognitionswissenschaft können Repräsentationen aber deswegen als Dinge behandeln, da es sich bei ihnen nicht um individuell Zuhandenes dreht, sondern sie als Untersuchungsobjekt lediglich jeweils anderen Individuen zuhanden sind. Eigene Repräsentationen können jedem Einzelnen nur selbst und in Anwendung nur zuhanden sein. Sie sind daher dem Bereich des Zeugs zuzuordnen.
2.1.2 Repräsentiertes Ding
Bei der weitereren Betrachtung muss beachtet werden, dass hier kein Wechsel der Perspektive eintritt. Das Repräsentierte wird nicht betrachtet als Schonda-Gewesenes, sondern in seiner Erscheinung und Erfahrung des Trägers der Repräsentation behandelt. Es wird also durch die Repräsentation zum Repräsentierten, es ist nicht vorher unsichtbar vorhanden, sondern dem Individuum vor der Repräsentation nicht vorhanden. Wie zuvor das Repräsentierende in seiner Anwendung durch den Träger als Werkzeug identifiziert wurde, soll nun das Verhältnis, in welchem Träger und Repräsentiertes stehen, betrachtet werden. Dies geschieht aus der Perspektive des Trägers: wenn im Folgenden von „Ding“ gesprochen wird, so ist nicht von etwas Daseinsunabhängigem die Rede, sondern im Sinne Heideggers von etwas, welches dem Dasein vorhanden ist. 18
Im alltäglichen Umgang mit der Welt - im In-der-Welt-sein - ist eine Repräsentation der Zeuggesamtheit weder nötig noch wünschenswert. Da die Geworfenheit nichts Anderes zulässt, liegt in den meisten Fällen der Interaktion zwischen Individuum und Umwelt lediglich eine mentale Disposition vor, das Korrelat einer Handlungstendenz. Diese repräsentiert nichts, da kaum sinnvoll von der
16 ebd. S. 16ff
17 Der vorläufige Charakter dieser Diskretheit und seine Wandlung in ein Kontinuum wird im weiteren Verlauf genauer betrachtet.
18 Heidegger, Martin; Sein und Zeit, Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1960, S. 54ff
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Mark Wernsdorfer, 2009, Heidegger zu Repräsentationalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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