Mit der Besetzung von Paris durch deutsche Truppen am 14. Juni 1940 begann für Frankreich „une des plus grandes tragédies de son histoire“. Die Situation, vom Feind im eigenen Land bedroht zu werden, war für Frankreich nicht neu, in diesem Fall jedoch, wie Peter Davies beschreibt, völlig anders:
„We must remember that occupation was not a new experience for France. She had suffered the same fate, albeit for much shorter durations, in 1814, 1871 and 1914. Occupation 1940-style, however, was to be on an altogether different scale. In time it was to become a military, social, economic, political und psychological reality; and it would leave an indelible stain on the nation’s psyche.“
Der am 17. Juli 1940 offiziell eingesetzte Staatschef Philippe Pétain versuchte mit der deutschen Besatzungsmacht zu kollaborieren, um die totale Ausbeutung und Zerstörung Frankreichs zu vermeiden. Nicht nur für die Politik, sondern vor allem für die Menschen und ihr tägliches Lebens bedeutete dies eine große Veränderung. Auch das kulturelle Leben wurde einem radikalen Wandel unterzogen, denn „die dramatischen Ereignisse des Sommers 1940 treffen das intellektuelle Milieu ebenso ins Mark wie die übrige französische Bevölkerung“. Ein bis dahin völlig öffentlicher Bereich, auf den jeder Bürger Frankreichs Zugriff hatte, wurde umgestellt und musste Einschränkungen erfahren: der Bereich der Literatur und des Zeitschriftenwesens, wobei Letzteres, sowie die von den Deutschen betriebene Propaganda weitgehend unberücksichtigt bleiben, da diese den Rahmen der Arbeit sprengen würden. Das Verhalten der Literaten bewegte sich vom sogenannten attentisme, über Kollaboration bis hin zum aktiven Widerstand. Ein einheitliches Verhalten bezüglich der neuen Situation lässt sich daher nicht in allen Bereichen ausmachen.
Diese Arbeit beschäftigt sich im Folgenden mit der Rolle der Literatur und der Literaten im besetzten Frankreich. Es soll gezeigt werden, inwiefern die Literatur das Leben beeinflusst hat und wie in ihr Zustimmung oder Ablehnung zur damaligen Situation Frankreichs von den jeweiligen Autoren umgesetzt wurden. Wie gefährlich war es, Literatur zu veröffentlichen? War dies überhaupt ohne Zensur möglich? Diese Fragen sollen nun im folgenden Hauptteil genauer untersucht und analysiert werden. Um bessere Vergleichsmöglichkeiten zwischen den verschiedenen und auch zahlreichen Autoren anstellen zu können, soll nach Themengebieten vorgegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Die Beurteilung der Niederlage Frankreichs im Sommer 1940
2.2 Pressezensur: Die Liste Otto
2.3 Die Beurteilung des Vichy-Regimes
2.4 Die Anhänger der Kollaboration
2.5 Die Anhänger des Widerstandes
2.6 Die „épuration“ der Intellektuellen
2.7 Nachwirkungen des Krieges auf die Literatur
3. Schlussbetrachtungen
4. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Literatur und der Literaten im besetzten Frankreich zwischen 1940 und 1944. Im Zentrum steht dabei die Analyse, wie Autoren die damalige Situation Frankreichs in ihren Werken reflektierten und ob sich in diesen Texten eine Zustimmung oder Ablehnung gegenüber der Besatzungsmacht und dem Vichy-Regime widerspiegelte.
- Die Auswirkungen der militärischen Niederlage von 1940 auf die literarische Auseinandersetzung
- Die Rolle der Pressezensur und der „Liste Otto“ im literarischen Betrieb
- Die politische Spaltung der Literaten in Anhänger der Kollaboration und des Widerstandes
- Der Umgang mit dem Vichy-Regime und die Rechtfertigungsstrategien der Autoren
- Die „épuration“ der Intellektuellen nach der Befreiung Frankreichs (Libération)
Auszug aus dem Buch
2.2 Pressezensur: Die Liste Otto
Wie schon in der Einleitung erwähnt, erfuhr nicht nur das alltägliche Leben der Franzosen Einschränkungen. Auch im Bereich Literatur ließ es sich der Besatzer nicht nehmen, Werke zu verbieten und eine Zensurpflicht für alle schriftlichen Dokumente, die veröffentlicht werden sollten, zu erlassen. Die Verlagshäuser mussten ein Abkommen unterschreiben, welches ihnen verbot, Bücher oder Artikel jeglicher Art zu veröffentlichen, die den deutschen Interessen schaden könnten oder in Deutschland bereits verboten waren. Was die Zensur genau bewirken sollte, beschreiben Gilles und Jean-Robert Ragache sehr treffend:
„Les censures exercent leur vigilance dans plusieurs directions: ils écartent de l’édition les influences juives ou subversives, ils évitent tout réveil du nationalisme français, et traquent toute attaque franche ou pernicieuse contre l’idéologie nazie. Pour parvenir à un résultat radical, une prise de contrôle totale et directe des maisons d’édition françaises par les Allemands eût été possible.“16
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Situation Frankreichs nach der Besetzung durch deutsche Truppen 1940 und skizziert die Fragestellung der Arbeit bezüglich der Rolle von Literatur und Literaten in dieser Zeit.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert differenziert den Umgang der französischen Literaten mit der Niederlage, der Pressezensur, dem Vichy-Regime sowie ihre politische Positionierung zwischen Kollaboration und Widerstand, ergänzt um die Nachkriegssituation.
3. Schlussbetrachtungen: Das Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse der Analyse zusammen und reflektiert, dass die Literatur dieser Zeit stark von persönlicher Verarbeitung, Rechtfertigung und politischer Stellungnahme geprägt war.
4. Quellen- und Literaturverzeichnis: Dieses Verzeichnis führt die verwendeten Primärquellen und die wissenschaftliche Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Frankreich, Besatzung, 1940-1944, Literatur, Vichy-Regime, Kollaboration, Widerstand, Résistance, Pressezensur, Liste Otto, Épuration, Intellektuelle, Zweiter Weltkrieg, Literaturgeschichte, politische Gesinnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle der französischen Literatur und der Literaten während der deutschen Besatzungszeit von 1940 bis 1944.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die literarische Verarbeitung der Niederlage von 1940, die Auswirkungen der Zensur, die politische Spaltung der Intellektuellen und die Nachwirkungen des Krieges.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll aufgezeigt werden, wie Literaten ihre Zustimmung oder Ablehnung zur damaligen politischen Situation in ihren Werken umgesetzt haben und ob Literatur ohne Zensur möglich war.
Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?
Die Autorin untersucht die Fragestellung themengebietsorientiert anhand von Zitaten und Werken verschiedener bedeutender französischer Literaten.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Aspekte wie die Beurteilung der Niederlage, die Zensurpraxis (Liste Otto), die Haltung gegenüber dem Vichy-Regime sowie die politische Einordnung der Autoren.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem historischen Kontext sind Begriffe wie Kollaboration, Widerstand, Zensur und die „épuration“ der Intellektuellen zentral.
Was war die Funktion der „Liste Otto“?
Die Liste Otto diente der Zensur von Büchern, die den deutschen Interessen schadeten, und zwang Verlage zur Selbstzensur oder zum Verbot bestimmter Werke.
Wie unterschied sich die „épuration“ bei den Intellektuellen?
Die „épuration“ (Säuberung) war im intellektuellen Sektor besonders rigoros, da sie weitgehend von den Intellektuellen selbst bzw. ehemaligen Widerstandsmitgliedern durchgeführt wurde.
Wie reagierten Literaten wie Drieu la Rochelle auf das Kriegsende?
Einige bekennende Kollaborateure wählten angesichts der juristischen Verfolgung und des gesellschaftlichen Wandels den Freitod oder flohen ins Exil.
- Arbeit zitieren
- Melanie Möger (Autor:in), 2006, Hitlers Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142996