„Für die Kunst des geraubten und wieder angeeigneten Augenblicks.“ 1
Danksagung
Ganz herzlich möchte ich mich bei Herrn Wortmann für seine Geduld bei der Themenfindung und der Eingrenzung der Arbeit bedanken, sowie für sein Vertrauen in mich, nach der langen und schwierigen Phase doch noch alles zu einem guten Ende zu bringen.
Für ausdauernde Beratung und Korrekturlesen danke ich vielmals: Verena Andreas, Katrin Elsemann, Sina Oppermann, Iris Ströbel und Anna Lena Schanz. Für die thematische Anregung und die monatelange abendliche Beratung danke ich meinem Mann Noureddine.
„Danke“ für das Ermöglichen meines Studiums, besonders in Zeiten von „Studienbeiträgen“ an meine Eltern.
(vgl. Klan 1985:131) 1
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung. 1
0.1 Gegenstand der Arbeit, Methodik und Stand der Forschung. 1
0.2 Aufbau der Arbeit. 5
0.3 Begriffszusammenfassung. 6
1 Ursprünge und Ideologie der Kommunikationsguerilla. 9
1.1 Die kritische Medientheorie - Zum Verständnis des Konzeptes
Kommunikationsguerilla. 9
1.1.1 Brechts „Radiotheorie“: Macht und Struktur der Medien. 9
1.1.2 Jürgen Habermas: Das diskursive Öffentlichkeitsmodell und sein
Strukturwandel. 10
1.1.3 Adorno und Horkheimer: Kulturindustrie und Medien als Agenturen des
Konsens. 11
1.1.4 Hans Magnus Enzensberger: „Bewusstseinsindustrie“ und die
Medienfeindschaft der Linken. 12
1.1.5 Jean Baudrillard - Wort ohne Antwort. 13
1.1.6 Guy Debord - Der Spektakelbegriff. 13
1.1.7 Antonio Gramsci - Der Begriff der „kulturellen Hegemonie“ 15
1.1.8 Oskar Negt und Alexander Kluge/ Ein Aeng/ Dieter Prokop. 16
1.1.9 Umberto Eco - Auf das Rezeptionsverhalten kommt es an. 17
1.1.10 Fazit. 18
1.2 Warum Kommunikationsguerilla? Zu den politischen Verhältnissen. 21
1.3 Taktikbeispiel: Der „Fake“ bei den „Yes Men“ 29
1.3.1 Vorstellung der „Yes Men“ 29
1.3.2 Beschreibung der Aktion „Towards the Globalization of Textile Trade“ 32
1.3.3 Analyse der Aktion. 36
1.3.3.1 Wahl der Strategie „Überidentifizierung“ 36
1.3.3.2 Umsetzung von „Fake“ und „subversiver Affirmation“ innerhalb des
Vortrages. 38
1.3.3.3 Elemente des „Unsichtbaren Theaters“ und der „Lecture
Performance “ 42
1.3.3.4 Blick auf die Öffentlichkeit. 45
1.4 Leben als Kriegsschauplatz - Kommunikation als Waffe. 48
1.5 Das Experimentelle. 51
1.6 Das Karnevaleske. 52
1.7 Aneignung der öffentlichen Räume 53
1.8 Zur Funktion des „Fake“ und seiner Verwendung in der Kunst. 56
2 Die Aktivisten der Kommunikationsguerilla. 61
2.1 Kollektive Autorschaft und multiple Namen 61
2.2 Vernetzung und Lesen der Oberfläche- das soziale Leben der Aktivisten. 64
2.3 Guerilla und Arbeit- der Aktivist als Schläfer im System. 67
2.4 Kommunikationsguerilla als Bewegung - eine neue Avantgarde? 71
2.4.1 Die Futuristen. 72
2.4.2 Die Dadaisten. 73
2.4.3 Die Surrealisten 74
2.4.4 Die Situationisten 75
2.4.5 Postmoderne Avantgardegruppierungen. 77
2.4.5.1 Fluxus. 77
2.4.5.2 Kommune 1 und Hippietum. 78
2.4.5.3 Die italienische Jugendbewegung und die „Indiani Metropolitani“ 79
2.4.5.4 Der Neoismus. 80
2.4.6 Die Gewaltfrage. 81
2.4.7 Spirituelle Bewusstseinserweiterung 82
2.4.8 Fazit - Kommunikationsguerilla als anonyme technisierte Fortführung der
Avantgardebewegung. 84
3 Kommunikationsguerilla und das Verhältnis zur „Kunst“ 89
3.1 Abwendung vom gegenwärtigen Kunstbegriff und dessen Vermarktung. 89
3.2 Der Künstler gegen die „Kunst“ und mit der Kunst. 94
3.3 Warum Kunst? Welche Funktion erfüllt die Kunst für die Gesellschaft und den
K ünstler? 97
4 Subversion der Subversion. 103
5 Resümee. 107
Literaturverzeichnis 111
0 EINLEITUNG
0 Einleitung
„[...] ich habe das lebhafte Empfinden, dass die Bürger demokratischer Gesellschaften Unterricht in intellektueller Selbstverteidigung nehmen sollten, um sich vor Manipulation und Kontrolle zu
0.1 Gegenstand der Arbeit, Methodik und Stand der Forschung
Der Gegenstand dieser Arbeit ist eine Protestform, die sich zwischen gesellschaftskritischer Kunst, sozialem und politischem Widerstand und zwischen bloßer Provokation bewegt und viele verschiedene subversive Taktiken unter einem Dach vereint.
Der zugehörige Sammelbegriff „Kommunikationsguerilla“ umfasst verschiedene Taktiken und Strategien zur mentalen Gesellschaftsveränderung, wie zum Beispiel „Adbusting“, „Unsichtbares Theater“, politische „Street Art“, „Happening“, Tortenwerfen, „Crossdressing“ und viele, ständig neu entstehende kreative Protestformen. 2
Diese subversiven Praktiken, die heute vor allem in den westlichen Industriestaaten angewandt werden, sind aufbauend auf Techniken und Erkenntnissen der historischen Avantgarden zusammengetragen worden und kamen erstmals in den 1970ern in Italien und Kanada überhaupt in Kombination zur Umsetzung. Einzelne subversive Taktiken und Guerillakämpfe gibt es, seitdem es unterdrückende Herrschaft gibt (vgl. LENTOS 2005:228ff), weshalb die vorliegende Arbeit nachdrücklich der Ansicht widersprechen möchte, dass Kommunikationsguerilla ein neues Phänomen sei, dass von semiotisch bewanderten „Freaks“ auf der Suche nach dem Adrenalintrend gegen die gesellschaftsbedingte Langeweile entwickelt wurde. 3
Eine vollständige Aufzählung der verschiedenen Taktiken kann in der vorliegenden Arbeit nicht 2
gegeben werden. Bei weiterem Interesse wird die Lektüre „Handbuch der Kommunikationsguerilla“ der
AUTONOMEN A.F.R.I.K.A.-GRUPPE
(1997) empfohlen, oder das Archiv im Internet
ich bereits medial anklingen, weitere Informationen gibt das Kapitel „Subversion der Subversion“. Zur Belegung kann auf die Subkultur des Graffiti verwiesen werden. Ein aktuelles Beispiel der kommerziellen Vereinnahmung ist der für 9,95 € im Schreibwarenhandel verkaufte „Revolte-Kit“ für den täglichen Aufstand, bestehend aus „3 von 6 rotzfrechen Sprühschablonen
0.1 GEGENSTAND DER ARBEIT, METHODIK UND STAND DER FORSCHUNG
Im Zuge der Formierung der Globalen Sozialen Bewegungen in den 1990er Jahren (vgl. ERNST 2007:10) und anhand der kritischen Diskussion des Subversionsbegriffes sowie der Entwicklung neuer Protestformen in den Neuen Medien haben die subversiven Taktiken, hauptsächlich durch das Internet, eine weite Verbreitung und Anwendung gefunden. Erstmalig konnten sie von der autonomen A.f.r.i.k.a.-Gruppe, die 1997 das Handbuch der Kommunikationsguerilla (AUTONOME A.F.R.I.K.A.- GRUPPE 1997)herausgab, international dokumentiert, gesammelt und ästhetisch bewertet werden, was gleichzeitig zur globalen Perfektionierung der Techniken und Ideen führte.
Die Bewegung hinter dem Konzept Kommunikationsguerilla ist keine homogene, leicht zuzuordnende Gruppierung. Eigentlich sind es viele verschiedene Menschen die sich zwar der gleichen Strategie bedienen, dies aber aus den unterschiedlichsten Gründen tun. Diese Arbeit soll nichtsdestotrotz die These einer „Bewegung“ vertreten, die, auch wenn sie sich nicht genau abgrenzen lässt, sich doch in gewissen vorherrschenden Betroffenheiten und Ideologien ausdrückt, welche in einer qualitativen Diskursanalyse zusammengefasst werden sollen. Obwohl es bereits Meldungen 4 über die Übernahme von Kommunikationsguerilla-Praktiken aus der rechten Szene gibt, ist die Praxis bisher vor allem im linken Spektrum angesiedelt. Auf dieses werde ich mich in dieser Arbeit stützen, obwohl, oder gerade weil das Konzept auch einen Bruch mit der traditionellen Linken begeht. Ungeachtet dessen, was Medienaneignung und subversive Herangehensweise betrifft, kann man viele Parallelen aus den linken Studentenbewegungen der 1968er entdecken. Insofern sind in dieser Arbeit, auch was die Relevanz der Kunst für dieses Konzept angeht, nicht nur aktuelle Quellen herangezogen worden, sondern auch ältere Schriften zur autonomen Szene und dem Verhältnis von Kunst und Politik. Vieles was zur Zeit der 1968er geschrieben wurde, oder jene faszinierte, lässt sich heute wieder anwenden. Vieles von damals wird heute erst richtig verstanden. Als Beispiele sind die Autoren Walter Benjamin, Guy Debord, Wolfgang Fritz Haug, Wolfgang Haug und Herby Sachs sowie Werner Hofmann zu nennen.
und 1 Montana Pocket Can-Sprühdose“. Zu erwerben unter
vgl.
0.1 GEGENSTAND DER ARBEIT, METHODIK UND STAND DER FORSCHUNG
Systematisch gibt es innerhalb des Feldes trotz der 40jährigen Forschungstradition (vgl. DÜLLO; LIEBL 2005a:27) sicherlich noch einiges zu erforschen, vor allem weil sich die Hauptakteure 5 abseits des Mainstreams und der wissenschaftlichen Erfassbarkeit aufhalten und das Konzept in Deutschland erst in den Neunzigern zu seiner Popularität gelangte, was in anderen Ländern, beispielsweise in Italien, bereits in den 1970ern (ebd.), allerdings auf unwissenschaftlichem Niveau, geschah. Zu Beginn der Recherche und vor allem während der Fertigstellung der Arbeit, erschienen neue Publikationen in Form von Sammelbänden und Internetartikeln zu subversiven kreativen Protestpraktiken und politischer Ästhetik, in denen auch Kommunikationsguerilla, wenn auch kurz, Erwähnung oder sogar Vorstellung findet.. 6 Darüber hinaus umreißen vermehrt journalistische Mehrzeiler das Konzept und berichten über die „Yes Men“, indem sie einzelne Aktionen in anekdotischer Manier schildern Man kann mit Sicherheit von einem Trend der Aufmerksamkeit für subversive Strategien sprechen und gewiss wird in nächster Zeit in diese Richtung noch einiges publiziert werden.
Kurz vor Fertigstellung der vorliegenden Arbeit bin ich auf einen jüngst abgedruckten Essay über die „Yes Men“ gestoßen. 7 Eigentlich wollte ich selbst die erste deutschsprachige Analyse 8 einer Aktion der „Yes Men“ verfassen. Denn bis auf das von ihnen selbst herausgegebene Buch und den Film „The Yes Men“, welche beide mehr anekdotisch und mit dem Ziel der Selbstvermarktung funktionieren, aber nicht auf die Inhalte oder die Motivation der „Yes Men“ eingehen, gab es bisher im Deutschsprachigen kein Material.
Zur Theorie der Medien- und Öffentlichkeitskritik hingegen, auf der Kommunikationsguerilla aufbaut, verfasste GOTTFRIED OY eine sehr gute und vor allem hinsichtlich der sozialen Bewegungen und der kritischen Theorien für diese Arbeit grundlegende Zusammenfassung.
Der besseren Lesbarkeit halber sind in dieser Arbeit nur die männlichen Personenbezeichnungen 5
aufgeführt. Frauen sollen und dürfen sich aber dennoch angesprochen fühlen. Da die Autorin selbst weiblich ist, hofft sie auf Verständnis für diese Entscheidung. Siehe Quellenverzeichnis: MAIER (2008), ERNST (2008), REBELART (2008) 6 SARREITER 2007 7
Es existiert ebenso eine amerikanische Diplomarbeit (BOYD 2005) „The Yes Men and Activism in the 8
Information Age“, die das Gesamtwerk der Yes Men und die Wirkungskraft untersucht, welche die „Yes Men“ aus dem Internet und der schnellen Informationsübermittlung bezieht.
0.1 GEGENSTAND DER ARBEIT, METHODIK UND STAND DER FORSCHUNG
Zur Avantgardethematik existiert reichlich kunsthistorische Literatur. Allerdings ist es dem Umfang der vorliegenden Arbeit geschuldet, dass hier nur kurz die wichtigsten Gemeinsamkeiten mit der Kommunikationsguerilla genannt werden können. Das Ergebnis ist weder auf Vollständigkeit noch auf Endgültigkeit angelegt, sondern versteht sich als Momentaufnahme und liefert einen Ansatz um weitere und tiefgehendere Entwicklungen beobachten und analysieren zu können. Der Umfang dieser Arbeit ist ebenfalls zu gering, um die Vielfalt des Konzeptes Kommunikationsguerilla anhand von verschiedenen Beispielen veranschaulichen zu können. Exemplarisch stelle ich eine Taktik, den „Fake“ näher vor, da dieser sehr facettenreich und tiefgehend ist und die zugehörige Aktion einen guten Einblick in die Arbeit der „Yes Men“ bietet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich als besondere Herausforderung erwiesen hat, den Spagat zwischen der Vorstellung eines Konzeptes, seinen gesellschaftlichen Wurzeln und der Ausarbeitung neuer Thesen zu schlagen. Durch die ausgiebige Beschäftigung mit der Thematik widerstrebte es mir, die Grundsätzlichkeiten noch einmal wiederzugeben, was lediglich in Paraphrasierungen des „Handbuch der Kommunikationsguerilla“ geendet hätte. Die vorliegende Arbeit versteht sich deshalb auch als Ergänzung und aktuelle Bilanz der Essays aus den Protest- und soziale Bewegungen betreffenden Sammelbänden und der veröffentlichten Artikel. Dadurch, dass das Thema bereits sehr vielschichtig ist und in den unterschiedlichsten Arenen von der Kunst über die Medien, der Soziologie bis zur Politik vertreten ist, kann die Arbeit aber, da sie das komplexe Thema dem „Neuling“ erst vorstellen muss, nicht knapp gefasst werden oder gar einzelne Bereich ausklammern.
Dennoch verlangt eine Diplomarbeit nach mindestens einer These. Basierend auf MARCUS S. KLEINER (2005), der die Bewegung als praktische Anwendung einer Medienkritik erkennen will, ihr subversives und künstlerisches Potential aber kaum thematisiert, erläutere ich die kritische Medientheorie und möchte ihn um die politische und soziale Brisanz dieser praktischen „Rückeroberung“ der Deutungshoheit über die Wirklichkeit ergänzen, da sie bei den Aktivisten an erster Stelle steht, und keineswegs übersehen werden sollte.
0.1 GEGENSTAND DER ARBEIT, METHODIK UND STAND DER FORSCHUNG
Darüber hinaus stelle ich die These einer neuen avantgardistischen Bewegung auf, weil Kommunikationsguerilla Ähnlichkeiten mit den historischen und postmodernen Avantgardebewegungen aufweist, aber wichtige Neuerungen mit sich bringt. Dabei wird eine Blick auf die institutionalisierte Kunst geworfen. Sie ist der inoffizielle Gegenpart, anhand dessen erklärt wird, warum sich die freie Kunst, wie sie von der Kommunikationsguerilla und den Avantgarden angewandt wird, immer wieder in den Alltag verlagert und was diese Kunst für Kommunikationsguerilleros und Avantgarden bedeutet.
0.2 Aufbau der Arbeit
Im ersten Kapitel der Arbeit, sozusagen als theoretisches und historisches Rückgrat, wird der Manipulationsfrage anhand der kritischen Medientheorie und ihren Thesen in chronologischer Abfolge nachgegangen um Relevantes für die Entwicklung hin zum Konzept Kommunikationsguerilla zu erläutern.
In Anschluss an die verschiedenen geschichtlichen Phasen ergibt es sich als zwingend, einen Blick auf die gegenwärtigen globalpolitischen Verhältnisse zu werfen. Die verschiedenen Herausforderungen, denen die heutige junge Generation gegenüber steht, werden aus subjektiver Sicht aufgezeigt und es wird eine Prognose gegeben, warum die Situation nach neuen Lösungen und Ansätzen verlangt. Nach einer knappen Aufzählung der einzelnen Taktiken des Konzeptes und ihrer Anwendung folgt der politische Übergang in die Praxis mit der Beschreibung und ästhetischen Analyse einer Kommunikationsguerilla-Aktion der „Yes Men“ als vermeintlicher Vertreter der World Trade Organisation. Mit Blick auf die geschilderte Aktion werden grundlegende, in vielen Aktionen wiederkehrende Elemente und Begrifflichkeiten aufgegriffen und analysiert. Beispielhaft steht hierfür die Taktik des „Fake“, welche auch vermehrt in der zeitgenössischen Kunst Anwendung findet. Auf ihre Bedeutung und die Beziehung zur Kunst wird zu Ende der Analyse eingegangen. Die freie Kunst spielt gerade bei Polit-Aktivismus wie dem Konzept Kommunikationsguerilla eine große Rolle, weshalb ihr ein abschließender Teil der Arbeit im Zusammenhang mit der Avantgardethematik gewidmet wird.
0.2 AUFBAU DER ARBEIT
Eine Überleitung über den Kollektivcharakter der Guerilla leitet diesen, sich mit den Akteuren und ihrem Selbstverständnis beschäftigenden Teil der Arbeit ein. Es wird die Bewegung auf Basis von Erwähnungen in populärwissenschaftlicher Literatur 9 skizziert und ein Selbstverständnis untersucht, welches sich aus dem Leben unter Gleichgesinnten und dem Zwang zur Teilhabe an der „kapitalistisch“ organisierten Gesellschaft bildet. Im Anschluss daran werden diesbezüglich die historischen Avantgarden vorgestellt und deren jeweils spezifisches Wesen beschrieben, um den direkten Vergleich mit der Kommunikationsguerilla und den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen herzustellen. Im Zuge dessen werden wichtige Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufgezeigt.
Das letzte Kapitel, das gleichzeitig ein Ausblick auf drohende Gefahren, neue Her-ausforderungen aber auch eventuelle Chancen sein soll, erläutert die kommerziellen Vereinahmungsversuche von subversiven Strategien seitens der Kulturindustrie.
0.3 Begriffszusammenfassung
Zum Verständnis des Gegenstandes sei eine kurze Erläuterung vorgeschoben, welche aber nicht das Konzept erklären, sondern die Entscheidung für den Begriff „Kommunikationsguerilla“ im Titel verteidigen soll. Denn das hier zu bearbeitende Konzept taucht in der Literatur und im Internet unter den folgenden unterschiedlichen Bezeichnungen auf:
Cultural Hacking • Culture Jamming • Kommunikationsguerilla • Medienguerilla •
Von Wert sind diese Schriften deshalb, da sie durchweg von Praktikern verfasst sind, die somit 9
also auch die Alltagspraxis von Kommunikationsguerilla zur Geltung bringen. Der empirische Gehalt ist folglich hoch einzuschätzen.
0.3 BEGRIFFSZUSAMMENFASSUNG
Diese Begriffe beziehen sich mit marginalen Unterschieden der jeweiligen Einordnung auf dieselbe Protestform, sie entstammen lediglich aus unterschiedlichen Herangehensweisen oder künstlichen Ausschlussverfahren.
Der Begriff des Cultural Hacking, wie er bei DÜLLO und LIEBL (2005a) Anwendung findet, geht von der Vorgehensweise des „Hackers“ aus und überträgt diese auf unsere Gesellschaft. „Hacking“ bedeutet „hacken“ im Deutschen ebenso wie im Englischen und erinnert an das Umpflügen von harter Erde, das Lockern und Fruchtbarmachen (vgl. KIEL 2005:330). Die Arbeit des Hackers bewegt sich, laut Kiel, dementsprechend kalkulierend und präzise innerhalb der Quelldateien und ihrer technischen Strukturen mit der Absicht eine Veränderung der Formen und Funktionen an der Oberfläche herbeizuführen (vgl. a.a.O.:331). Auf die Kultur übertragen, versteht man darunter die Beeinflussung von synaptischen Prozessen um eine Verhaltensänderung des Menschen zu erreichen.
Der Begriff des Culture Jamming ist in den 1970er Jahren von dem kanadischen Medienaktivisten Kalle Lassn geprägt worden und beschränkt sich größtenteils auf das „Adbusting“. Dieser Begriff wird für die Artikulation von Konsumkritik, durch die kreative und konsumkritische Verfremdung von Werbung gebraucht. Aus solcher Aktivität gründete sich die „Media Foundation“ in Kanada, die das Magazin „Adbusters“ 10 heraus gibt, das die Szene reflektiert, politische Themen diskutiert und einmal jährlich zum „Buy-nothing-day“ oder „TV-Turn-off-Week“ aufruft. „Culture Jamming“ ist allerdings nur eine der Disziplinen innerhalb des großen Feldes der Kommunikationsguerilla. 11
Medienguerilla meinte lange Zeit den Einsatz des Konzeptes innerhalb der neuen Medien (vgl. KLEINER 2005:215). Der Unterschied zwischen medialer und realer Präsenz hat sich jedoch durch die ständige Dokumentation von realen Aktionen im Internet erübrigt, weshalb der Begriff kaum noch verwendet wird. Stattdessen benutzt man im deutschsprachigen Raum die Bezeichnung Kommunikationsguerilla.
Onlineversion unter www.adbusters.org (Zugriff am 12.02.09, MESZ 18:23). 10
Auch wenn KALLE LASSN (2005) eines der wenigen Bücher zum Thema herausgebracht hat, in dem 11
er auch über die Werbung hinaus auf unsere Gesellschaft und den semiotischen Hintergrund blickt und vor allem sehr gut beobachtet.
0.3 BEGRIFFSZUSAMMENFASSUNG
Kommunikationsguerilla kann sich somit auf jegliche gesellschaftliche Kommunikation beziehen, auch auf die nicht-mediale, und fungiert deshalb als Sammelbegriff.
Kommunikationsguerilla analysiert die „[...] gesamtgesellschaftliche Kommunikation (kulturelle, politische, individuelle etc.) [...]“ (KLEINER 2005:322) und somit auch die Gesellschaft und findet überall dort statt, wo öffentliche Kommunikation gepflegt wird. Trotzdem muss eingangs unbedingt erwähnt werden, dass sie nicht einfach die guerillaförmige Einwirkung auf Kommunikation darstellt, sondern ein konkretes semiotisches künstlerisches Konzept dahinter steht, welches innerhalb dieser Arbeit aufgezeigt wird.
Für erste Interessierte ist es anfangs schwierig, den unterschiedlichen Begrifflichkeiten die richtige Aktivität zuzuordnen und die Entwicklung sowie die Absicht der Konzepte zu durchschauen. Dies liegt meiner Meinung nach daran, dass sich bisher die hauptsächliche Kommunikation in einer äußerst beschränkten subkulturellen Internetgemeinde oder innerhalb des linken Milieus abspielte und der „normale Medienkonsument“ von derlei Umtrieben wenig erfahren hat. Nur Wenige haben bisher in Deutschland von der „Kommunikationsguerilla“ gehört. Dies war zumindest meine Erfahrung bei der Erstellung dieser Arbeit. Mein oberstes Anliegen ist deshalb die Bedeutung des Konzeptes, die Akteure sowie ihre Anliegen und Über- zeugungen vorzustellen und Interesse für die Thematik zu säen.
1 URSPRÜNGE UND IDEOLOGIE DER KOMMUNIKATIONSGUERILLA
1 Ursprünge und Ideologie der Kommunikationsguerilla
1.1 Die kritische Medientheorie - Zum Verständnis des Konzeptes Kommunikationsguerilla
In diesem Kapitel soll aufgezeigt werden, dass Kommunikationsguerilla nicht nur aus einem Gefühl der Ungerechtigkeit seitens der Aktivisten oder auf Verschwö-rungstheorien aufbauend angewandt wird, sondern, dass hinter den Aktionen ein jahrelanges, medientheoriegeleitetes und gesellschaftskritisches Ringen um den manipulativen Gehalt der Medien steht. Vor allem geht es dabei um die Diskussion über die Deutung unserer Wirklichkeit, welche innerhalb der politischen Linken über Jahrzehnte hin gespannt mitverfolgt, kritisiert und angeregt wurde , da jene als Voraussetzung für die Befreiung von Indoktrinierung und Propaganda gilt. Der zugehörige medienkritische Diskurs ist kein theorieübergreifender Diskurs, auch wenn sich Überschneidungen mit der Semiotik und den „Cultural Studies“ ergeben. Er findet deshalb auch nur begrenzte Anhängerschaft, da sein Ansatz weitgehend „kulturpessimistisch“ geprägt ist. Vor allem gehen seine Vertreter von speziellen Wertvorstellungen aus (vgl. WEBER 2003:36). Für die linkspolitische Kommunikationsguerilla, deren Aktivisten solche Vorstellungen überwiegend teilen, ist er konstituierend für ihre Vorgehensweise und dient immer wieder als theoretische Legitimation. Deshalb soll dieser Diskurs im Folgenden in seiner historischen Entwicklung erläutert und in seinen Grundzügen vorgestellt werden:
1.1.1 Brechts „Radiotheorie“: Macht und Struktur der Medien
Mit der Verbreitung der neuen Kommunikationsmittel Anfang des 20. Jahrhunderts wurde früh über ihre nützliche Verwendung zu Gunsten der Gesellschaft, beziehungsweise deren positiver und gerechter Veränderung, nachgedacht. BRECHT (1967:117-134) spricht in seiner „Radiotheorie“ von den Vorzügen einer schnelleren und breiteren Kommunikation, deren Strukturen erheblich zu einer gesteigerten Partizipation an gesellschaftlichen Ereignissen beitragen könnten. Wäre sie in den richtigen Händen, könne man der bürgerlichen Klasse die ungerechtfertigte Macht- erhaltung erschweren (vgl. OY 2001:23). Die damaligen, noch überwiegend auf Un-
1.1.1 BRECHTS „RADIOTHEORIE“: MACHT UND STRUKTUR DER MEDIEN
terhaltung fokussierten Programme setzt Brecht mit der Beeinflussung und Unterdrückung der Hörer durch einseitige, inhaltslose Kommunikation und isolierten Empfang gleich (ebd.), weshalb er zum „Aufstand des Hörers“ (BRECHT 1967:126) und der „Erschütterung“ der gesellschaftlichen „Basis dieser Apparate“ (a.a.O.:133) aufruft.
1.1.2 Jürgen Habermas: Das diskursive Öffentlichkeitsmodell und sein Struktur-wandel
Dem bei Brecht auftauchenden, allgemeinen Medien- und Demokratiebegriff liegt eine bestimmte Vorstellung von Öffentlichkeit zugrunde, die sich im Laufe der Jahr-hunderte mehrfach gewandelt hat.
Die ersten Zeugnisse der Existenz von Öffentlichkeit sind bereits in der Antike zu finden (vgl. HÄUSSLING; MANGOLD 2007:21), als man sich auf der griechischen Agora traf, um Staats- und Gemeingeschehen zur Diskussion zu stellen. Die vorwiegend repräsentative und machterhaltende Öffentlichkeit des Feudalismus wurde nach HABERMAS (1990:90ff) in Folge von Handelsreisenden und Bildungsbürgertum, die sich in Kaffeehäusern oder literarischen Salons zur aktuellen politischen und kulturellen Debatte trafen, demokratisiert. Mit der Entstehung der Presse als Mittel der sozialen Erhebungen zu Ende des 15. Jahrhunderts (vgl. SPOO 2005:32) wurden Neuigkeiten jedermann zugänglich gemacht. Der Begriff „Öffentlichkeit“ erhielt seine Bedeutung gemäß seines Zugangs zu allen Vorgängen öffentlicher Belange.
Die Presse war „Vermittlungsinstanz“ (HABERMAS 1990:225) zwischen dem Volk und der Regierung und damit in der Position des Informanten, Stabilisators und Kontrolleurs zugleich. Durch die aktuelle Ausdehnung des Informationssektors und dem erleichterten Zugang durch neue Medien hat sich die heutige Entwicklung dahingehend vollzogen, dass der Einzelne die meisten Informationen isoliert und in Ruhe eher zur Kenntnis nimmt, als reflektiert und Neuigkeiten erheblich seltener als früher zur Diskussion stehen.
JÜRGEN HABERMAS (1990:325) attestiert daher bereits 1962 der Öffentlichkeit einen Strukturwandel und konstatiert zugleich die Bedrohung kritischer Publizistik: Die rationelle Meinungsformierung in „[...] bewusster Auseinandersetzung mit erkennbaren
Sachverhalten[...]“ und der Diskurs zur Suche nach dem besseren Argument seien nicht mehr gegeben (vgl. OY 2001:32). Er geht soweit, die Öffentlichkeit als entpolitisiert zu bezeichnen:
„[…] sie durchdringt immer weitere Sphären der Gesellschaft und verliert gleichzeitig ihre politische Funktion, nämlich die veröffentlichten Tatbestände der Kontrolle eine kritischen Publikums zu unterwerfen“ (HABERMAS 1990:223). Stattdessen würde die Aufgabe des Raisonnements von der Privatwirtschaft übernommen, kommerziell hergestellt und immer wieder reproduziert, ohne die eigene gesellschaftliche Herrschaft zu kritisieren. Dem Einzelnen werde so die Bildung einer eigenen Meinung erschwert, zumal ihm die Möglichkeit zum Einspruch fehle (vgl. OY 2001:32ff).
1.1.3 Adorno und Horkheimer: Kulturindustrie und Medien als Agenturen des Konsens
Aufbauend auf Äußerungen WALTER BENJAMINS 12 argumentieren 1967 THEODOR ADORNO und MAX HORKHEIMER in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ mit der bedeutenden These über die „Kulturindustrie“:
Vorweg steht die Annahme einer „Klassengesellschaft“, bei der eine schwache Mehrheit von einer mächtigen Minderheit unterdrückt würde. (vgl. SCHICHA 2003: 109) Die bürgerliche Herrschaft und deren „ökonomisch[er] und ideologisch[er] Produktions- und Konsumptionshintergrund“ (OY 2001:30) benutzten Informationen und Kultur nur, machten sie konsumerabel, und setzten sie zur Bedürfnisbefriedigung und Ablenkung der unteren Klassen ein.
„Vergnügtsein sei zum einen der aktive Prozess der Flucht vor dem gesellschaftlichen Leid und bedeute zum anderen das Auslöschen der letzten Gedanken an den Wider-stand.“ (a.a.O.: 29)
Für Adorno und Horkheimer agieren die ohnehin kapitalistisch organisierten Medien in eben diesem Interesse einer „stimulierenden Wirkung“ (SCHICHA 2003:109) und führen eine kulturelle Gleichschaltung der ideologischen Herrschaft herbei, welche die Entstehung von Aussteigern und gesamtgesellschaftlicher Veränderung verhin-
WALTERBENJAMIN spricht 1939 in seiner bedeutenden Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner tech- 12
nischen Reproduzierbarkeit“ über die „Zerstreuung“ der Wahrnehmung des Rezipienten beim Medienkonsum. Damit stellt er den Einfluss von Medien auf die kritische Wahrnehmungsfähigkeit erstmals zur Diskussion. (vgl. SCHICHA 2003:108)
dere, indem sie die Kritikfähigkeit der Individuen unterdrücke. (vgl. ebd.) Gemäß ADORNO und HORKHEIMER wäre ein ideales Gegenmodell, das Prinzip der bürgerlichen Öffentlichkeit, wie es Habermas geschildert hat. Es könne die Basis „[...] der Demokratie von mündigen Menschen“ (a.a.O.: 31) sein, indem es auf Subjektivität und Aufgeklärtheit des Individuums verweise.
1.1.4 Hans Magnus Enzensberger: „Bewusstseinsindustrie“ und die Medienfeindschaft der Linken
HANS MAGNUS ENZENSBERGER will in seinen Essays Einzelheiten (1962) und dem Text Baukasten zu einer Theorie der Medien (1970) sogar noch weiter gehen. Für ihn ist es nicht nur die Kultur, mit der versucht wird eine ideologische Herrschaft zu etablieren. Er sieht einen ganzen Industriezweig, der unser Wirklichkeitsbild mittels verschiedenster Medien formt, den er „Bewusstseinsindustrie“ nennt. BERND HAMM (2005), Professor der Universität Trier, erkennt dahinter folgende Dialektik:
„Die Bewusstseinsindustrie muss ihren Konsumenten gerade das geben, was sie ihnen nimmt. Sie muss ihnen Informationen geben, um zu desinformieren; sie muss die Illusion selbständigen Urteils aufrecht erhalten, um gerade dies zu verhindern. Zu keiner Zeit war Information, gerade auch kritische, so breit zugänglich wie heute- und zu keiner Zeit war sie so wirkungslos“.
Diese Feststellung ist gegenwärtig als „Informationsflut“ bekannt. Man stellt einen Mangel an der Vermittlung kritischer Inhalte fest und sucht die Schuld bei den zuständigen Sendeanstalten. Wichtig ist dabei aber der Aspekt des falschen Bewusstseins, also des unterschwelligen Ablaufs der Vorgänge im Unwissen des Rezipienten, der heute noch selten eingestanden wird. Den technischen Medienstrukturen an sich, kann ENZENSBERGER dagegen keine Ver-antwortung anlasten. Für ihn sind sie wie bei BRECHT potentiell demokratisch und voll von „[...] emanzipatorischen Möglichkeiten [und] mobilisierender Kraft“ (ENZENSBERGER 1997:98), würden jedoch von den Falschen kontrolliert und seien zentral gefesselt (vgl. ebd.). Die Lösung sieht er in einer Übernahme von Verantwortlichkeiten:
„Die Frage ist daher nicht, ob die Medien manipuliert werden, oder nicht, sondern wer sie manipuliert. Ein revolutionärer Entwurf muss nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen; er hat im Gegenteil einen jeden zum Manipulateur zu machen“ (ENZENSBERGER 1997:106).
Mediale Kommunikation ohne Manipulation ist demnach für ihn unmöglich. Das Problem liegt für Enzensberger bei der Position des Senders und dessen Kompetenzen. Während er den Linken eine jahrelange Angst und Schwäche gegenüber den neuen medialen Entwicklungen vorwirft (ebd.), spricht er der künstlerischen Avantgarde, den „Unpolitischen“ (a.a.O.:121), den Antrieb für neue Entwicklungen zu.
1.1.5 Jean Baudrillard - Wort ohne Antwort
BAUDRILLARD kritisiert in seinem Aufsatz „Requiem für die Medien“ von 1978 diesen Ansatz Enzensbergers und fügt dem Diskurs eine neue Sichtweise hinzu: Die Struktur der Medien sei sehr wohl undemokratisch und könne auch in den Händen der „Richtigen“ nichts ändern, da sie auf dem Prinzip der einseitigen Kommunikation basiere, was für Baudrillard einer Nicht-Kommunikation gleichkommt (vgl. DOES 2001:Z). Anstelle einer Antwort auf den Monolog simuliere sie den Dialog und werden dadurch sogar zum Verstärker (vgl. ebd.). Für BAUDRILLARD (1978:91) liegt der entscheidende Faktor der Machtkonstituierung in dieser Struktur:
„Geben, und zwar in einer Weise, dass einem nicht zurückgegeben werden kann, das heißt den Tausch zum eigenen Vorteil zu durchbrechen und ein Monopol aufzurichten“ (ebd.).
Auf diesen Erkenntnissen aufbauend, formiert sich aus den europäischen Studentenbewegungen, in Deutschland basierend auf der „Enteignet Springer Kampagne 13 “ heraus, das Prinzip der „Gegeninformation“, welches als Antwort auf Verzerrung und Ignoranz bestimmter Vorgänge, der einseitigen medialen Lenkung eine andere Realität entgegen setzen will.
1.1.6 Guy Debord - Der Spektakelbegriff
Während in den 1960ern in Deutschland die Studentenbewegung für Jean Paul Sartre, Herbert Marcuse, die Frankfurter Schule und Hand Magnus Enzensberger Begeisterung findet, wird von den jungen Erwachsenen in Frankreich zusätzlich die „Die Gesellschaft des Spektakels“ von GUY DEBORD gelesen. Debords Konsum- und Kapitalismuskritik hatte großen Einfluss auf die Pariser Ereignisse im Mai 1968 und
Zentrale Forderung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) als Folge des Buches „Impe-
13
rium Springer“, welches 1968 erschien.
1.1.6 GUY DEBORD - DER SPEKTAKELBEGRIFF
erlangt später und wie es momentan scheint, immer mehr, auch in Deutschland „Kultstatus“. Die These weist einige Parallelen zur kritischen Theorie auf. Nach DEBORD (1996:13) ersetzen die Vorstellungen von Situationen und vom Leben, die man durch Erzählungen und aus den Massenmedien kennt, das wahre Leben und werden zur wirklichen Vorstellung über die Realität.
„Da, wo sich die wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt, werden die bloßen Bilder zu wirklichen Wesen und zu den wirkenden Motivierungen eines hypnotischen Verhaltens“ (DEBORD 1996:19).
Die Folge ist, dass reale Dinge wiederum nur als Erscheinung wirken, dadurch passiv konsumiert werden und der Mensch sich in seiner, nicht in die Vorstellung zu-zuordnenden Situation immer fremd fühlt, während er permanent versucht, sein Leben nach den stereotypen Kategorien auszurichten.
Dieses „Spektakel“ inszeniert sich laut Debord permanent neu durch die ständige Wiederholung der ihm zugrunde liegenden Formen und der Konstruktion von Situationen derselben Ideologie, auch über die Medien und hält dabei den Menschen in einem unmündigen Bewusstseinszustand. DEBORD (zit. nach KLEINER 2005:329) fordert deshalb mit seinem international avantgardistischen Künstlerzirkel der Situationistischen Internationalen, die Konstruktion gesellschaftskritischer realer Situationen der wahren Wirklichkeit, um sich aus der Gefangenschaft dieser Entfremdung zu lösen:
„Unser Hauptgedanke ist der einer Konstruktion von Situationen- d.h. der konkreten Konstruktion kurzfristiger Lebensumgebungen und ihrer Umgestaltung in eine höhere Qualität des Leidenschaft“(DEBORD 1957).
Dazu entwickeln sie explizit Techniken um diese Situationen herbeizuführen, wie sie in dieser Arbeit an anderer Stelle 14 aufgeführt werden. Dem Begriff der „kulturellen Verfälschung“ (RÖMER 2001:11), der sich auf diese Weise gemäß Horkheimer, Adorno und Debord zu entwickeln beginnt, und sich mit der Kritik an der Unterdrückung durch den Kapitalismus ergänzt, kann Habermas später beipflichten. Er revidiert 1990 seine Totaläußerungen des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ und erkennt die Medien nicht als Ursache sondern als Verstärker von Meinungen, da sie diese nach Mehrheitskriterien filterten (vgl. OY 2001:40).
Gemeint sind das „Détournment“ und das „Derivé“. Siehe hierzu auf S. 50ff und 74 dieser Arbeit. 14
1.1.6 GUY DEBORD - DER SPEKTAKELBEGRIFF
Jahre später erweitert Stuart Hall, angesehener Vertreter des neuen kulturwissenschaftlichen Ansatzes der „Cultural Studies“ diese Beobachtung: Die Medien seien nicht nur Spiegel und Verstärker des Konsens sondern suchten diesen, um die eigene Objektivität rechtfertigen zu können. (vgl. OY 2001:68). Auf diese Weise schufen sie ihn jedoch künstlich und beeinflussten damit den persönlichen Medienkonsum, der wiederum auf die öffentliche Meinung wirkte. Nicht zu vernachlässigen sei außerdem, dass der Gegenstand der Berichterstattung allein durch seine journalistische Aufbereitung und die Rezeption an sich, bereits die Realität und auch die Geschichtsschreibung beeinflusse (ebd.).
1.1.7 Antonio Gramsci - Der Begriff der „kulturellen Hegemonie“
Wichtig innerhalb der Entwicklung der kritischen Medientheorie ist ein weiteres Modell, das die der Klassengesellschaft inhärente Sicherung von bürgerlicher Herrschaft untersucht, welches der Italiener ANTONIO GRAMSCI schon vorgelegt hatte, be-vor man überhaupt dafür Verwendung fand (OY 2001:65): Die Macht in einem Staat werde nicht nur durch Kontrolle, sondern vor allem durch Werte- und Ideologievermittlung gehalten. Dies gehe soweit, dass die Menschen automatisch ein Bewusstsein von der eigenen „gesellschaftlichen Stellung und somit von ihren Aufgaben“ bekämen.
Die zugehörige „kulturelle Hegemonie“ sei ins Alltagsleben implementiert und vor allem durch mediale oder staatlich gesteuerte Kommunikation im Kleinen angeregt (vgl. KLEINER 2005:329), aber erscheine durch deren unbewussten Konsum als „’frei- willige’Zustimmung“ (OY 2001:64) beispielsweise über „Identifikationsangebote“ wie der Hierarchisierung in Form von sozialen Vorzugspositionen (vgl. AUTONOME A.F.R.I.K.A.- GRUPPE 1997:22).
Der Konsens sei aber nicht einfach zu definieren, er weise sogar Widersprüche und vielfältige Beschaffenheit auf und ließe sogar Konflikte zu (vgl. AUTONOME A.F.R.I.K.A.- GRUPPE 1997:23). ZurMachtauflösung müsste demnach die kommunikative Konstruktion von Wirklichkeit in den alltäglichen Situationen Diskussion finden, und eta- blierte Werte und Konsense im Kleinen hinterfragt werden (vgl. KLEINER 2005:329).
1.1.8 OSKAR NEGT UND ALEXANDER KLUGE/ EIN AENG/ DIETER PROKOP
1.1.8 Oskar Negt und Alexander Kluge/ Ein Aeng/ Dieter Prokop Von OSKAR NEGT und ALEXANDER KLUGE erscheint 1972 eine Kritik 15 des Öffentlichkeitsbegriffes bei Habermas und an dem Konzept der „Gegeninformation“: Letztere ändere nichts an den Kommunikationsverhältnissen, sondern erhalte diese sogar unnötig aufrecht, da sie von der „Unmündigkeit“ der zu Informierenden ausgehe. Sie schlussfolgern, dass richtige Information, die falsche ersetze, nie objektive Information sein könne, sowie kein automatisch konkretes Handeln auslöse. Wichtiger sei zuerst, beim Mediennutzer ein kritisches „Verantwortungsbewusstsein“ für die In-formationen zu erzeugen und auf diese Weise eine generelle „Medienkompetenz“ zu entwickeln (KLEINER 2005:315).
Ohnehin verweisen sie darauf, dass nur das Wissen über Handlungsmöglichkeiten zur aktiven Veränderung der Realität, auch zur Aneignung dieser führe. (vgl. AUTONOME A.F.R.I.K.A.- GRUPPE 1997:190)
Stattdessen sehen Negt und Kluge eine, die bürgerliche Öffentlichkeit überlagernde „Produktionsöffentlichkeit“, der „Kommerzialisierung“ und des „fordistischen Staates“ die den Einzelnen bedränge und die „gesellschaftliche Erfahrung“ verhindere (vgl. OY 2001:50). Dabei hätten die Ansprüche der Produzenten stets Vorrang vor der bürgerlichen Öffentlichkeit. Dies sei bereits an menschlichen Bedürfnissen zu erkennen, die durch kommerzielle Ausrichtung unterdrückt würden (vgl. a.a.O.:51ff) und dem Angebot von warenförmigen „Scheinlösungen“ zur Befriedigung dieser. Negt und Kluge folgern schließlich, dass eine „Scheinöffentlichkeit“ (a.a.O.:51) vorherrsche und sehen die Lösung in der Etablierung einer bewussten „Gegenöffentlichkeit“, die auf alles antworte (ebd.).
Diese These widerlegt Ien Aeng, eine australische Wissenschaftlerin aus den „Cultural Studies“ später, indem sie zeigt, dass eine kritische und aktive Medienrezeption keineswegs automatisch zu mehr gesellschaftlicher Macht führt (a.a.O.:69), sondern das Prinzip der Folgenlosigkeit vorherrscht. Die gerade heute noch höchst relevante Forderung, wie sie bei Negt und Kluge Ausdruck findet, dass man bei der Analyse der Öffentlichkeit vor allem auch die
NEGT ; KLUGE 1972: Öffentlichkeit und Erfahung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und 15
proletarischer Öffentlichkeit.
1.1.8 OSKAR NEGT UND ALEXANDER KLUGE/ EIN AENG/ DIETER PROKOP
politische Ökonomie zu Rate ziehen müsse, da die Massenkommunikation in steigendem Maße von dieser abhänge, wird ebenfalls von Dieter Prokop in seiner kritischen Medienpraxis der 70er Jahre (vgl. a.a.O.:54) unterstützt.
1.1.9 Umberto Eco - Auf das Rezeptionsverhalten kommt es an
Neue Forschungsansätze liefert die von Ferdinand de Saussure und CHARLES SANDER PEIRCE begründete Semiotik. Die Lehre der Zeichen.
Umberto Eco dekonstruiert den Kommunikationsbegriff als die „Übermittlung von Botschaften auf der Grundlage von Codes“ (ECO 1985:149): Ein Sender versende eine Bedeutung in Form einer Botschaft mittels eines Codes, den der Empfänger dann entschlüssele, indem er die leere Botschaft wieder mit Bedeutung gemäß des Kontextes und seines Allgemeinwissens fülle (vgl. ECO 1985:151). Die Codes zum Lesen und Verstehen sind nach MITCHELL unserer Gesellschaft auf-grund sozialer Übereinkünfte inhärent (vgl. RÖMER 2000:104) und ermöglichten uns die Orientierung. Bei alltäglichen Dingen sei das Dechiffrieren noch nicht schwer, insofern der Code sich jedoch auf komplizierte Vorgänge wie politisches Geschehen, „ästhetische Kommunikation“ (ECO 1985:151), temporäre Geltungsphasen oder unterschiedlich spezifische Milieu beziehe, könne er sogar einer Mehrheit verborgen bleiben. Der Sender intendiere dabei möglicherweise einen anderen Sinn als den, den der Empfänger aufgrund seines gesellschaftlichen Wissens herauslese. UMBERTO ECO (1985:152) widerspricht innerhalb der Semiotik der Manipulationsthese durch den alleinigen „Sündenbock“ Massenmedien, da man die mediale Wirkung aufgrund der „Interpretationsvariabilität“ nicht berechnen könne und geht wie NEGT und KLUGE von einem mündigen Bürger aus. (vgl. a.a.O.:154). Entscheidend seien doch letztlich das „Rezeptionsverhalten“ (a.a.o.:155), der verantwortungsvolle Umgang mit Kommunikation und Information sowie die kritische Einstellung beim Publikum, die laut den „Apokalyptikern“ in der Wissenschaft, wie er die Kulturpessimisten treffend bezeichnet, mehrheitlich aufgegeben worden sei (vgl. a.a.O.:148).
Dies lastet ECO einer Verselbstständigung der Codes an. Ohne zu hinterfragen und andere Lesarten zuzulassen würden automatisch Deutungen, die durch redundan-
1.1.9 UMBERTO ECO - AUF DAS REZEPTIONSVERHALTEN KOMMT ES AN
tes Senden (vgl. OY 2001:62) innerhalb der Medien als öffentliche Meinung und Filterung des kulturellen Konsenses manifestiert würden, angenommen und ins eigene Leben und Denken über die Wirklichkeit integriert. Um diese wieder zurückzuerobern, bedürfe es der absichtlichen Störung und Provokation dieser automatischen Bedeutungsfüllung, damit sie wieder als bewusster und gesellschaftlich konstituierender Vorgang wahrgenommen werden könne. Dazu fordert UMBERTO ECO (1985:146) eine „semiologische Guerilla“.
„Die neuen Formen von subversiver Guerilla zielen […] auf eine Schwächung des Systems durch Zersetzung jenes feinmaschigen Konsensgewebes, das auf einigen Grundregeln des Gemeinschaftslebens beruht“ (ECO 1985b:165). Ihre Form sei die eines „elektronischen Dissens“ (OY 2001:63) welcher, gemäß des innerhalb der Kommunikationsguerilla viel zitierten Ausspruchs von Roland Barthes, die Codes entstellt, statt sie zu zerstören. 16
GOTTFRIED OY sieht diese Forderung UMBERTO ECOS hinführend zur kreativen Irritation eingefahrener Dekodierungsmuster durch Ideen wie der „Fälschung“ und dem „Be- trug“, wiesie von der Kommunikationsguerilla seit Mitte der 90er angewandt werden. Auch Vilém Flusser, Kommunikations- und Medienphilosoph, gibt ECO Recht, wenn er Jahre später feststellt:
„Die Rolle des Code ist nicht zu überschätzen […] Will man sich in unserer Krise orientieren und auf sie Einfluss nehmen, muss man versuchen, das ihr Wesentliche zu erfassen, und dieses Wesentliche ist eben die Veränderung der Kommunikationsart“ (FLUSSER 1998, zit. nach RÖMER 2000:106).
1.1.10 Fazit
Alle hier zitierten Intellektuellen, die übrigens nahezu alle Persönlichkeiten von großer gesellschaftlicher Bedeutung, nicht nur im Medienbereich, sondern fächerübergreifend geworden sind, gehen ohne Zweifel von einer klassengeteilten Gesellschaft mit wenigen Herrschern und einer beherrschten Mehrheit aus. Ohne Einschränkung wird die Schuld an der Unterdrückung dem kapitalistischen System zugeschrieben, sowie dessen erstaunlich oft bestätigter Verselbstständigung auf der
„La meilleure des subversions ne consiste-t-elle pas à défigurer les codes, plutôt qu'à les détruire?" 16 Roland BARTHES (1971:127)
1.1.10 FAZIT
Bewusstseinsebene, die sich in Entfremdung, Verklärung und Scheinöffentlichkeiten äußert.
Es zeigt sich, dass sich mit steigender Medialisierung die Manipulationsthese nicht hat halten können. Nach wie vor gibt es zwar strukturell und organisatorisch viel zu bemängeln, vor allem unter den heutigen Medienkonzentrationen in privater Hand. 17
Nach den 70er Jahren hat zugunsten des Wachstums der Medienbranche in Deutschland eine Deregulierung stattgefunden. Als Ergebnis sind viele große Medienkonzerne entstanden, die vorwiegend prokapitalistisch strukturiert und ideologisch tendierend sind, als bestens Beispiel gilt nach wie vor der Axel Springer Verlag, viel bedeutender ist hier allerdings das Medienimperium Bertelsmann oder der flächendeckende Holtzbrinck Konzern (vgl. SPOO 2005:24f). Sie orientieren sich an Werbeeinnahmen und Verkaufszahlen und bedienen durch die Analyse umsatzversprechender Nachrichtenfaktoren meist gezielt eine derart orientierte Berichterstattung, sodass thematisch ausgewogene und sorgfältig recherchierte Beiträge schwer zu platzieren und viel zu kostenintensiv sind. (vgl. a.a.O.::26) Um unter derlei Filterung für sich die benötigte Aufmerksamkeit zur Verfolgung strategischer Ziele zu erhalten, wird Politik immer mehr zum „Politainment“. 18 Eine solche Trennung zwischen offizieller Darstellungspolitik und realer Handlungspolitik schadet der Transparenz der politischen Vorgänge, die sich direkt auf den Demokratiegehalt auswirkt.
Interessant ist dabei, dass sich beispielsweise die deutsche Medienlandschaft dennoch als ausgewogen präsentiert. (vgl. DOES 2001: Z) Dies fußt auf einem medialen Arrangement, ähnlich den Äußerungen GRAMCIS, in dem selbst die Kritik ihren Platz
Als Lektüre zum fünftgrößten europäischen Mediengiganten mit erheblichem Einfluss auf die 17
deutsche Politiklandschaft, dem Bertelsmann - Konzern und seiner gleichnamigen Stiftung, sei eine schriftliche Zusammenfassung des Anti-Bertelsmann Kongresses von THOMAS BARTH (2006) empfohlen.
Dieser Begriff geht zurück auf die Weiterentwicklung einer ursprünglichen Politainment Definiti- 18
on von dem Politikwissenschaftler THOMAS MEYER (2006). Er bezieht diesen verstärkt auf die Politik, innerhalb welcher er eine Trennung von öffentlicher Inszenierung und tatsächlichem Vollzug sieht.
Gerade hier bietet sich ein günstiges Ziel für dankbare Kommunikationsguerilla Inszenierungen, da sich Politik den Medienfaktoren unterordnet und somit angreifbar macht. (vgl. MAIR; BECKER 2005: 270)
1.1.10 FAZIT
erhält, aber nur in dem Maße, in dem sie nicht die eigene Herkunft angreift oder analysiert und somit deren Allgemeingültigkeitsanspruch enttarnen würde :
„Information und Kommunikation wird in bestimmte Richtungen gelenkt und die wirklich brisanten Themen dabei sorgsam aus dem öffentlichen Diskurs herausgehalten. […] Die offensichtliche Diskrepanz von Schein und Sein mit all den damit verbundenen Ängsten konkreter und irrationaler Art sowie der darin enthaltenen Orientierungslosigkeit hat jedoch ebenfalls keinen Platz im medialen Diskurs.“ (KRÖGER 1989:76-78)
Laut Niklas Luhmann, einem im Grunde genommen, vehementen Gegner der medialen Manipulationstheorie bedienen die Massenmedien sogar eine Öffentlichkeit, die sie selbst erst repräsentieren. 19 Bis auf wenige Ausnahmen versagt damit die Presselandschaft in ihrer Funktion als Informations- und Kontrollinstrument. UMBERTO ECO (1985:154) würde eine solche Entwicklung sicherlich als höchst gefährlich einstufen, sieht er doch die die Massenkommunikation als Dreh-und Angelpunkt einer mündigen Menschheit:
„Die Schlacht ums Überleben des Menschen als verantwortlichem Wesen der Zeitalter der Massenkommunikation gewinnt man nicht am Ausgangspunkt dieser Kommunikation, sondern an ihrem Ziel.“.
Innerhalb der kritischen Medientheorie hat sich dennoch eine theoretische Öffnung vollzogen. War man anfangs noch überzeugt davon, dass die Medien nur in die richtigen Hände gelangen müssten, um eine demokratische Öffentlichkeit zu gewährleisten, hat man sicherlich auch durch das Scheitern der sozialistischen Staats-formen das Augenmerk mehr in Richtung struktureller Eigenschaften und gesellschaftlicher Prozesse verschoben. Eine „gerechte“ Öffentlichkeit gilt ebenso als unrealisierbar, stattdessen wird der Einzelne, vor allem seine Bildung und der gesellschaftliche Kontext immer wichtiger.
Hauptsächlich im Alltäglichen sieht man nach GRAMSCI und ECO nun die Lösung zur Gesamtveränderung. Wichtig ist außerdem die kritischen Rezeption, als ein generelles Misstrauen gepaart mit der genauen Kenntnis der medialen Vorgänge und kapitalistischen „Psycho-Strategien“.
„Dabei ist von 'Repräsentation' in einem 'kontrahierenden', reduktiven Sinne die Rede. […Diese] garan- 19
tiert mithin im laufenden Geschehen Transparenz und Intransparenz zugleich, nämlich bestimmtes thematisches Wissen in der Form von jeweils konkretisierten Objekten und Ungewißheit in der Frage, wer wie darauf reagiert“ (LUHMANN 1996:188).
1.1.10 FAZIT
Auch wenn die mediale Forschung vor allem durch die Semiotik immer mehr Tiefe und Realitätsbezug erhält, ist sie ihrem Wesen nach gegenüber den technischen Entwicklungen und den daraus resultierenden Auswirkungen auf Gesellschaft und Öffentlichkeit immer im Rückstand gegenüber den neuesten technischen Möglichkeiten und deren Realitätsauswirkungen, wie es aktuell beispielsweise die Entwicklung des Web 2.0 20 zeigt, welche das strukturelle Potential mit sich bringt, die von BAUDRILLARD bemängelte Einseitigkeit der Sendung abzulösen. Zur empirischen Analyse bedarf es einer gewissen Wirkungsdauer und gesellschaftlichen Manifestation. Möglicherweise ist dies ein Grund weshalb es selbst den linken Intellektuellen und Medientheoretikern während der letzten fünfzig Jahre nicht gelungen ist, ein konkretes aus der Theorie abgeleitete Lösungsverfahren oder Programme in Form von Schulungen zur Medienkompetenz auszuarbeiten, welche den Kampf über Deutungshoheit der Realität zugunsten der Bürger beenden könnten. Gerade deshalb ist die Forderung von UMBERTO ECO mehr ein erster Schritt und als Aufforderung zum Experimentieren zu verstehen.
1.2 Warum Kommunikationsguerilla? Zu den politischen Verhältnissen
„Es kann nicht ewig so weitergehen. Vielleicht kommt jetzt wieder eine kritische Generation, und vielleicht hat es die Zeit gebraucht, um neue Strategien zu entwickeln, gegen ein System, das sein Gesicht nicht offen zeigt. Zeit gebraucht, um das zu durchschauen,diese Vereinnahmungsstrategie des Kapitalismus“ (HANS WEINGARTNER zit. nach MAIR; BECKER 2005:203). Im Folgenden wird eine kurze subjektive Beschreibung aktueller politischen Verhältnisse und Verknüpfungen gegeben, da diese als Ursache für die Entscheidung der Aktivisten zum häufig militanten Konzept der Kommunikationsguerilla zu sehen sind.
Der knappen Zusammenfassung und der Unmöglichkeit geschuldet, hier einen Überblick über politische Aktualitäten zu geben, war es notwendig, komplexe ge-
Laut
WIKIPEDIA
Enzyklopedien noch nicht aufgeführt: „Schlagwort für die Reihe interaktiver und kollaborativer Elemente des Internets. […] Die Inhalte werden nicht mehr nur zentralisiert von großen Medienunternehmen erstellt und über das Internet verbreitet, sondern auch von einer Vielzahl von Nutzern, die sich mit Hilfe sozialer Software zusätzlich untereinander vernetzen.“
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Ramona Hall, 2009, Kommunikationsguerilla - Analyse des Selbstverständnisses einer neuen subversiven Avantgarde, München, GRIN Verlag GmbH
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