Thema der Hausarbeit: Merleau-Pontys innerweltliches und zeitliches Cogito
Hauptseminar: Merleau-Pontys Phänomenologie der Wahrnehmung Wintersemester 2002/03
Vorgelegt von: Nils Ramthun
1
Inhaltsverzeichnis:
Prolog -2-
I. Grundlegung: Eine Korrektur des Cogito -5-
1.1. Das Cogito und die Wahrnehmung der Welt
oder das problematische Zu-sehen-denken des Aschbechers
1.2. Das Cogito und die Existenz
oder die Äquivalenz des Ich denke und Ich bin
1.3. Das Cogito und die Zeit
und der Erwerb als das Zeitlose
II. Entfaltung: Das „schweigende Bewußtsein“ -9-
und Subjektivität als Zur-Welt-sein
2.1. Evidenzen „auf den ersten Blick“
und die vorgestellten Marsmenschen
2.2. Jenseits des ausgesprochenen Cogito: Das „stillschweigendes Cogito“
2.3. Das ursprüngliche Subjekt und der Zusammenhang der Lebens:
was passiert, wenn ich und mein Freund Paul eine Landschaft betrachten
Epilog -13-
Literaturverzeichnis -17-
2
Prolog
Warum sich also noch einer Philosophie nähern, die es auf ein Verständnis des Bewußtseins abgesehen hat? Schrecken die „verwegenen Behauptungen“ und deren möglicherweise „unmöglichen Begründungen“, schließlich die Gefahr sich in die Nähe der Hochstapelei zu bringen, nicht davon ab? - Nein, warum auch? Nichts scheint zunächst dagegen zu sprechen, daß es so etwas wie das „ich denke“ gibt, so ich es bin, der sich über etwas Gedanken macht und ich mir dessen sogar bewußt sein kann.
Mit Descartes, so sagt man, beginnt die Philosophie der Neuzeit, und es gehört unbestritten zu Descartes‘ Verdienst, der Philosophie eine neue Wendung gegeben zu haben: Der Wendung zur Subjektivität. Von dem Ziel getrieben, die Wissenschaft und Philosophie auf ein sicheres Fundament zu stellen und sich der Bedingungen möglicher Erkenntnis versichern zu wollen, unterzieht er alle bisher
1 F. Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. In: Werke in drei Bänden. Hrsg v. K. Schechta. Hamburg 1954. S. 579 f.. Von den Vorurteilen der Philosophen, 16.
2 M. Merleau-Ponty: Der Philosoph und sein Schatten. In: Das Auge und der Geist. Philosophische Essays. Hamburg 1984. S. 66.
3
als sicher vermeinten Erkenntnisse einem fundamentalen Zweifel. Jenseits der Vorurteile sei nur noch als gesichert anzusehen, was sich klar und deutlich erkennen läßt. 3 Weder auf die Sinneswahrnehmung und auch nicht auf das Gedächtnis ist Verlaß: „Ich nehme also an, alles was ich wahrnehme sei falsch; ich glaube, daß nichts von alledem existiert, was mir mein trügerisches Gedächtnis vorführt. Ich habe überhaupt keine Sinne; Körper, Gestalt, Ausdehnung, Bewegung und Ort sind Chimären. Was soll da noch wahr sein?“ 4 Und doch wird Descartes fündig, nämlich im Selbstbewußtsein. Selbst im Zweifel muß ein ich vorausgesetzt sein, daß sich dem Zweifel selbst entzieht, denn sonst wäre es unmöglich einen Zweifel zu denken. Descartes bemerkt, „daß, während ich Alles für falsch behaupten wollte, doch nothwendig ich selbst, der dies dachte, etwas sein müsse, und ich fand, dass die Wahrheit: »Ich denke, also bin ich«, so fest und so gesichert sei, dass die übertriebensten Annahmen der Skeptiker sie nicht erschüttern können. So glaubte ich diesen Satz ohne Bedenken für den ersten Grundsatz der von mir gesuchten Philosophie annehmen zu können.“ 5
Seit Descartes‘ Entdeckung des „Ich denke, also bin ich“ als sicheres Fundament der Philosophie, hat sich die Bewußtseinsphilosophie zweifelsfrei, auch unter Kritik und Angriffen, weiterentwickelt und dabei ganz unterschiedliche Richtungen eingeschlagen, deren zwei ich hier kurz skizzieren möchte, da sie von Merleau-Ponty zurückgewiesen werden, und dennoch als Hintergrund für das Verständnis der Cogito-Untersuchungen hilfreich sind. Es handelt sich um die empiristische und intellektualistische Vorstellung von Bewußtsein, für die allerdings, so versucht Merlau-Ponty darzulegen, ein mangelndes Verständnis von Wahrnehmung charakteristisch ist. 6 Gemeinsam ist ihnen eine dualistische Grundhaltung des
3 Vgl. R. Descartes: Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen. In: Rene Descartes' philosophische Werke. Übersetzt, erläutert und mit einer Lebensbeschreibung des Descartes versehen von J. H. von Kirchmann, Abteilung I-III, Berlin 1870. S.32.
4 R. Descartes: Meditationen über die Erste Philosophie. Übersetzt und hrsg. von Gerhardt Schmidt. Stuttgart. 1996. Med. II, 2 S.77.
5 R. Descartes: Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen. S. 45f. (alles weitere vgl. Fußnote 3)
6 Vgl. M. Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. Übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Rudolf Böhm. Berlin 1974. Dort: bes. I. „Empfindung“ und III. „Aufmerksamkeit“ und „Urteil“.
4
Innerlichen und Äußerlichen, in der lediglich der Unterschied darin besteht, welchen Stellenwert man dem Bewußtsein oder Denken zumessen kann. Empiristische Bewußtseinsvorstellungen gehen davon aus, daß das Wahrnehmen im Wesentlichen ein Empfinden (als Impression, eine Art innere Erfahrung der Qualität eines Dinges, oder eine Sequenz von Reizen) ist. Wenn Wahrnehmung gleichzusetzen ist mit Empfindung, müßte vorausgesetzt werden, daß sich die Dingwelt in vollständiger Transparenz und als vollständig bestimmbar im Bewußtsein abbilden läßt. Das reduzierte Bewußtsein wäre dann, wie jedes andere Objekt eindeutig bestimmbar und von außen zu verstehen, da ihm sonst kein eigenes Vermögen zukommt. Dem entgegen behauptet der Intellektualismus ein hypertrophes Bewußtsein. Die Dinge sind in Form von Ideen und Erfahrungen apriori schon im Besitz des Bewußtseins. 7 Dem Bewußtsein kommt das Vermögen zu, mittels der Aufmerksamkeit eine Beziehung zu den Dingen herzustellen, über die das Bewußtsein eigentlich schon verfügt. Sowohl Empirismus als auch Intellektualismus behaupten daher eine Welt an-sich.
Es ist vielleicht nicht verwunderlich, daß sich Merleau-Pontys Überlegungen zum Cogito in der Phänomenologie der Wahrnehmung 8 von Descartes ausgehend, vor allem der Zurückweisung des absoluten, autonomen und die Dinge der Welt konstituierenden Bewußtseins widmen. Dennoch wäre es falsch darin sein alleiniges Anliegen zu sehen. Es geht ihm vielmehr um eine Rückbindung der Analysen zur Wahrnehmung, Leiblichkeit und dem Verhalten zu anderen Menschen an ein Bewußtsein, wobei die Analysen unzweifelhaft der Anlaß dafür sind, sich dem Bewußtsein von einer neuen Perspektive zu nähern. 9 Diese Perspektive wird wesentlich darin bestehen, Bewußtsein und ferner Subjektivät innerweltlich und zeitlich zu begreifen, wenn dies gelingt, so meint Merleau-Ponty, „werden wir verstehen, daß es darüber hinaus, nichts zu verstehen gibt.“ 10
7 Vgl. Descartes‘ ‚eingeborenen Ideen‘. Med. III, 7 u. 13.
8 M. Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. Übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Rudolf Böhm. Berlin 1974. (nachfolgend PdW abgekürzt)
9 Vgl. PdW, S. 418. Merleau-Ponty sagt dort :„Wenn all unsere Deskriptionen letzten Endes nicht denkbar wären, besagten sie schließlich nichts. [...] Wir müssen die Deskriptionen zum Anlaß nehmen, ein Verstehen und eine Reflexion zu begründen, die sich als radikaler erweist als alles objektives Denken. Der Phänomenologie im Sinne direkter Beschreibung muß sich eine Phänomenologie der Phänomenologie zur Seite stellen. Wir müssen erneut auf das Cogito zurückgehen, um in ihm einen fundamentaleren Logos als den des objektiven Denkens zu gewinnen, der diesem sein relatives Recht wie auch seinen beschränkten Platz zuweist.“
10 Ebd. S. 418.
Arbeit zitieren:
Nils Ramthun, 2003, Merleau-Pontys innerweltliches und zeitliches Cogito, München, GRIN Verlag GmbH
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