Inhaltsverzeichnis
P r o l o g 3
1. Von einem „wunderbarlichen See“ 4
2. Die Bedeutung der Seele für Mensch und Sylph 6
3. Das utopische Wasserreich der Sylphen als idealisierter Gegenentwurf- 10
Die kritische Funktion der Mummelsee- Episode
E p i l o g 1 5
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s 1 7
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Prolog
Der Simplicissimus Teutsch ist eine der kuriosesten Figuren der Barockzeit und auch heute hat dieses Kuriosum nichts an seiner Faszination eingebüßt. Ebenso begeistert verfolgt der heutige Rezipient die Entwicklung und das Sich-Zurechtfinden eines Einfältigen, in einer verderbten Welt. Grimmelshausen ist Meister der Satire und jagt seine Leser von einer vermeintlichen Selbsterkenntnis des Simplicissimus in das nächste verworrene Weltbild, welches sämtliche bereits gewonnene Erkenntnisse zu negieren scheint. Ein solch verworrenes und erkenntnisnegierendes Weltbild schuf Grimmelshausen unter anderen auch mit der, in dieser Hausarbeit fokussierten, Mummelsee- Episode. Es erwies sich als durchaus schwierig für mich, sich innerhalb eines solch „monströsen“ und vielschichtigen Werkes, wie Grimmelshausen es kreierte, für ein Thema zu entscheiden. Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch ist beinahe zu komplex und bietet somit unendliche Möglichkeiten des Perspektivwechsels. Die Welt als moralistische Perversion, und der Versuch diese durch Einfalt und die damit verbundene Unschuld, noch näher zu ergründen. Was jedoch hat mich bewogen angesichts dieser offenkundigen Komplexität des Werkes, mich ausgerechnet für die Mummelsee- Episode zu entscheiden? Natürlich gab es ausreichend satirisch betrachtete Momente von Seiten des Autors, christliche Werte mehr als nur in Frage zu stellen, dennoch: die Mummelsee- Episode war aus meiner Sicht noch eigener, noch provokativer, noch kritischer und von satirischer Verkehrung geradezu durchzogen. Die Episode offeriert dem Rezipienten einen Gegenentwurf, eine utopische Idealwelt, dem Simplicissimus bis dahin unbekannt, dem Christen dieser Zeit mit Sicherheit unheimlich - eine andere, unbestreitbar tugendhaftere Wirklichkeit. Außerdem fragte ich mich seit dem Referat über die Mummelsee- und Wiedertäufer- Episode ununterbrochen, warum sich Grimmelshausen unter all den, ihm zur Verfügung stehenden Elementarwesen, dafür entschied, die Sylphen (eigentlich dem ätherischen Reich der Luft zugehörig) das nasse Reich des Mummelsees regieren zu lassen. Ich entschied mich schließlich gegen meinen ursprünglichen Entschluss, die Einsiedler- Episode zu behandeln und versenkte mich zusammen mit Simplicissimus ganz in den Mummelsee. Nach langwieriger Literaturrecherche offenbarte sich mir, warum Grimmelshausen die Elementarwesen der Luft mit dem Wasser verband. Des
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Rätsels Lösung findet sich natürlich in den unergründlichen Tiefen des „wunderbarli- chenSees“.
Der Mummelsee ist, seit er vor Jahrhunderten entdeckt wurde, ein Mysterium geblieben. Bis heute ranken sich etliche Sagen und Legenden um den geheimnisvollen See des Schwarzwaldes. Bereits von den Römern „Wundersee“ genannt, sollen sonderbare Elementarwesen in ihm wohnen, die dem Menschen Glück und ebenso Verderben bescheren können. Sagen handeln von schönen aber boshaften Nixen, verzauberten Wasserblumen, Feen und Geistern, verführten Rittern und hilfreichen Wassermännlein. Unzählige Werke hat er inspiriert und berückt. Viele Maler haben das „schwarze Auge“ des Schwarzwaldes auf Leinwand und Papier gebannt, so dass schließlich eine Symbiose aus Natur und Kunst entstand. 2 Auch Grimmelshausen gelang es nicht, sich diesem „wunderbarlichen See“ zu entziehen. „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ gebiert die Idee eines Unterwasserkönigreiches, welches die Seen dieser Erde in einem Zentrum unter der Erdoberfläche vereinen. Er kreiert eine ideale Gesellschaft, bestehend aus friedfertigen und weisen Elementarwesen, dem Volk der Sylphen. Mit literarischem Geschick verwebt der Autor die uralten Legenden, die sich seit jeher um den Mummelsee ranken, mit den Begegnungen die Simplicissimus in der konstruierten Wirklichkeit Grimmelshausens erfährt. So ist es seit Langem bekannt, dass der Mummelsee weder Unruhe noch Verunreinigung dulde, er eine ungerade Anzahl Steinchen oder Erbsen (in ein „Nastüchlein“ gewickelt und versenkt) gerade auftauchen lässt, anfängt zu kochen sobald man ihn vermessen will, Forellen in ihm nicht überleben (obwohl diese in Gebirgsseen beheimatet sind) und dass Stürme heraufziehen, wenn man Steine in ihn sinken lässt. 3 Eine
1 Mörike, E.; Auszug aus seinem Gedicht: „Die Geister am Mummelsee“, 4. Strophe, 1.Vers, Vgl. http://www.bookanddrink.com/halloween/gruselgeschichten/geister-mummelsee.htm
2 Keller, W.: „Der geheimnisvolle Mummelsee“, Vgl. S. 83 f
3 Ebd. Vgl. S. 67 ff
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weitere Sage erzählt, dass sich der Himmel über dem Mummelsee zur Todesstunde Christi verdunkelte, das Wasser unruhig wurde, bedrohlich anstieg und über die Ufer trat. Auch Grimmelshausen befasst sich mit dem Mummelsee, in dem er seinen einfältigen Schelm in den „wunderbarlichen See“ hinab tauchen lässt. Er konfrontiert ihn auf satirische Weise mit einer Werteverkehrung, die Selbsterkenntnis und ein höheres Wissen um die Geheimnisse der Natur, des menschlichen Seins und um Gottes Schöpfung in sich birgt. Natürlich war es dem Simplicissimus unmöglich, den viel diskutierten Mummelsee auf seinen Reisen auszulassen und die „Märlein“ um ihn nicht zu erproben, denn letztendlich gebe „[…] der teutsche Nam Mummelsee […] genug zu verstehen, daß es um ihn, wie um eine Maskerade, ein verkapptes Wesen seie, also daß nicht jeder seine Art sowohl als seine Tiefe ergründen könne […].“ 4 Doch Simplicissimus Teutsch wird ihn ergründen:„Gleichwohl aber geriete ich zu einer Gesellschaft mittelmäßigen Stands, weil sie von einer seltenen Sach, nämlich von dem Mummelsee diskurierten, welcher unergründlich, und in der Nachbarschaft auf einem
von den höchsten Bergen gelegen sei[…].“ 5 Simplicissimus berichtet voll Erstaunen, denn er hält den Mummelsee „[…]vor eitel Fabuln[…]“ 6 und schenkt den Berichten der Bauersleut zunächst keinen wirklichen Glauben. Dennoch, seine Neugier ist geweckt als er vernimmt, dass man grausame Unwetter heraufbeschwören kann, indem man Steine in den unheimlichen See wirft, und dass man aus ungerade gerade machen kann. Auch Erzählungen von „Wassermännlein“ und, „[…] daß der See keine Forellen leide […]“ 7 , bestärken Simplicissimus in seiner Entscheidung, den mysteriösen Mummelsee gemeinsam mit seinem „Knan“ zu erforschen. Simplicissimus will die ´Steinprobe´ an der Stelle vollziehen, wo ihm das sonst kristallklare Wasser aufgrund „[…] der abscheulichen Tiefe des Sees gleichsam kohlschwarz zu sein scheinet, und deswegen so forchterlich aussiehet, daß man sich auch nur vorm Anblick entsetzt
[…]“. 8 Die Bitten seines „Petters“ das Steine- Werfen zu unterlassen ignoriert er geflissentlich und fährt unermüdlich fort, bis er das vorausgesagte Unwetter heraufbe-schworen hat. Frosch- und- Menschen- ähnliche Wesen steigen aus dem tosenden See herauf um im Simplicissimus selbst die größte Verwunderung, Grausen und Entsetzten hervorzurufen, während dessen der „Knan“ vor Angst schon längst geflohen ist, um vom Tode seines Sohnes zu berichten. Erschrocken beginnt Simplicissimus
4 Grimmelshausen, Hans J. C. von: „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“, Kap. XI, Z., S. 508, Z. 11- 15
5 Ebd. Z. Kap. X, S. 505, Z. 28- 40
6 Ebd. Z. Kap X, S. 505, Z. 44
7 Ebd. Z. Kap. XII, S. 511- 512, Z. 37- 1
8 Ebd. Z. Kap.XII, S. 512, Z. 6- 9
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Arbeit zitieren:
Julia Kulewatz, 2008, Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch , München, GRIN Verlag GmbH
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