T. Hiepe: Die Idyllenbeschreibung in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG. - 2 -
2. ZEITGESCHICHTLICHER HINTERGRUND. - 3 -
2.1 EIN ERDBEBEN ALS GEGENSTAND DER NOVELLE - 3 -
FRANZ ÖSISCHE REVOLUTION UND KANT-KRISE’ - 4 -
2.2
3. DIE IDYLLE ALS KONTRAST - 6 -
BEDEUTUNG DES BEGRIFFS IDYLLE’ - 6 -
3.1
3.2 POSITIONIERUNG DER IDYLLE IM WERKZUSAMMENHANG - 7 -
3.3 SPRACHLICHE KONTRASTBILDUNG - 9 -
3.4 BEDEUTUNG DER IDYLLE - 14 -
4. SCHLUSSBETRACHTUNG - 16 -
LITERATURVERZEICHNIS - 17 -
- 1 -
T. Hiepe: Die Idyllenbeschreibung in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“
1. Einleitung
Heinrich von Kleist hat mit seinem Erdbeben in Chili auf nur wenigen Seiten eine Novelle von ungeheurer Dichte geschaffen, die das Lesepublikum unweigerlich durch die unverblümten Darstellungen der Bestialität der Menschen sowie des Zustandes der Welt erschüttert und somit auch die „innere Wahrhaftigkeit des Erzählten“ 1 aufzeigt. Kleist, der von Beutin et. al. als „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit [...] jenseits der etablierten Lager.“ 2 charakterisiert wird, bringt diese persönliche Lebenserfahrung immer wieder in seinen Werken unter. Auch die Helden in Das Erdbeben in Chili, Jeronimo und Josephe, werden durch ihre verbotene und normwidrige Liebe zu Außenseitern - verfolgt und verurteilt von einer bigotten und heuchlerischen Gesellschaft bis hin zum Tode. Die oben genannte ungeheure Dichte der Novelle gilt für die Geschichte nicht weniger als für ihre Darstellung. Besonders die Idyllenbeschreibungen in der Mitte des Werkes heben sich sprachlich und inhaltlich von dem restlichen Handlungsverlauf ab und verweisen auf den besonderen Charakter dieses Teils.
Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich auf die Besonderheit der Kleist’schen Idyllenbeschreibung im Erdbeben von Chili eingehen, wobei ich zunächst den zeitgeschichtlichen Hintergrund und die Entstehungsgeschichte beleuchte, um anschließend auf die (scheinbare) Idylle einzugehen.
1 SCHEDE, S. 4.
2 BEUTIN ET. AL., S. 217.
T. Hiepe: Die Idyllenbeschreibung in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“
2. Zeitgeschichtlicher Hintergrund
2.1 Ein Erdbeben als Gegenstand der Novelle
In dem Werk Das Erdbeben in Chili geht es um die Verbindung zweier Übel. Das Erdbeben, welches zu Beginn der Novelle die Hauptstadt St. Jago erschüttern lässt, steht als Symbol für das natürliche Übel der Welt, aus welchem ein moralisches erwächst. 3 Diese symbolische Verbindung könnte man Kleists sprachlich-künstlerischem Können zuweisen, doch damit wäre die Begründung, warum er ein Erdbeben als Gegenstand seiner Novelle wählte, nicht ausgeschöpft. Die Idee Kleists hängt wahrscheinlich mit einem zeitgeschichtlichen Ereignis zusammen, was die Menschen in ganz Europa Mitte des 18. Jahrhunderts nachhaltig erschütterte: Am 1. November 1755 zerstörte ein Erbeben die portugiesische Hauptstadt Lissabon fast vollständig und war in seinen Ausläufern in ganz Europa und Nordafrika spürbar. Zeitgenössische Quellen geben allein für Lissabon bis zu 60.000 Todesopfer an. Zwar entstand Kleist Novelle erst fünfzig Jahre später - dennoch, die Erinnerungen an das große Erdbeben und dessen Folgen blieben wach. Die Naturkatastrophe löste eine brisante
philosophische Debatte über Gottes Wirken in der Welt aus. Es ging um die Frage der Theodizee, also um das Problem, wie und ob man an einen allmächtigen und gütigen Gott
3 Vgl. SCHEDE, S. 20.
T. Hiepe: Die Idyllenbeschreibung in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“
glauben kann, wenn er doch Übel und Leid in der Welt zulässt und dieses nicht nur Schuldige straft, sondern auch Unschuldige trifft. 4
Ferner spielte ein weiteres Erdbeben, welches fast 100 Jahre vor dem Lissabon’schen stattfand, eine Rolle für die Entstehung Kleists Novelle: Laut SCHEDE habe Kleist Berichte über das Erdbeben in Santiago de Chile studiert, welches sich am späten Abend des 13. Mai 1647 ereignete. 5 Dabei geht es v. a. um den Augenzeugenbericht des Bischofs von Santiago, Gaspar de Villarroel. Seine Schilderungen zeigen allerdings, dass sich Kleist nur bedingt an den überlieferten Fakten orientiert hat: So ereignet sich das Erdbeben in Kleists Novelle etwa um die Mittagsstunde des 20. Juni. Die Einwohner der chilenischen Hauptstadt flüchteten nicht aus der Stadt, sondern auf den größten Platz, wo der Bischof im Morgengrauen eine lang andauernde Messe zu zelebrieren begann. In der darauf folgenden Nacht predigte der Bischof auf dem Friedhof der Kathedrale, wobei er sich gegen die Deutung des Erdbebens als Strafe Gottes wandte. 6 Darüber hinaus erwähnt Kleist das Amt eines Erzbischofs, obwohl die Stadt erst im 19. Jahrhundert zum Erzbistum wurde. 7 Diese Einzelheiten bezeugen, dass es Kleist nicht um eine historische Detailgetreue ging, er vielmehr der allgemeinen Gültigkeit der geschilderten Situation Vorrang gewährte.
Bezüglich der Stadt Santiago und deren Umgebung könnte sich Kleist in zeitgenössischen Reiseberichten informiert haben, allerdings sind auch hier keine auffälligen Übereinstimmungen festzustellen. 8
2.2 Französische Revolution und ‚Kant-Krise’
Neben der philosophischen Debatte über Gottes Wirken in der Welt gibt es weitere Faktoren, die Kleist beschäftigt haben und in dem Werk als kritische Kommentare wiederzufinden sind. So können die gewalttätigen und erbarmungslosen Handlungen der chilenischen Bevölkerung gegen die Helden der Novelle als Kritik Kleists an der napoleonischen Epoche verstanden werden - insbesondere nimmt das Werk Bezug auf die Grausamkeiten und Brutalitäten während der Französischen Revolution. 9 Diese „entfaltete die Macht einer Naturkatastrophe und ist von den Zeitgenossen auch immer wieder metaphorisch als eine solche beschrieben
4 Vgl. SCHEDE, S. 17; Vgl. XLIBRIS, S. 1.
5 Vgl. ebd., S. 29; Vgl. ebd.
6 Vgl. ebd., S. 29 f.
7 Vgl. XLIBRIS, S. 1.
8 Vgl. SCHEDE, S. 29.
9 Vgl. ebd., S. 21.
Arbeit zitieren:
Theresa Hiepe, 2009, Die Idyllenbeschreibung in Heinrich von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili", München, GRIN Verlag GmbH
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