Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
Woddy, Z; Lewis, V; Snider, L; Grant, H; Kamath, M; Szechtman, H (2005). Induction of compulsive-like washing by blocking the feeling of knowing: an exerimental test of the security-motivation hypothesis of Obsessive-Compulsive
Disorder. ....................................................................................................................................................................... 81
Posttraumatische Belastungsstörungen ...................................................................................................................... 90
Hypnotherapie bei PTBS .............................................................................................................................................. 90
Appel, PR (1999). A Hypnotically Mediated Guided Imaginary Intervention for Intrusive Imaginery: Creating Ground
for Figure. ..................................................................................................................................................................... 91
Psychosomatik ................................................................................................................................................................ 96
Vorgehen bei psychosomatischen Patienten ............................................................................................................... 96
Schlafstörungen ........................................................................................................................................................... 96
Walter, H; Lesch, OM; Stöhr, H; Grünberger, J; Gutierrez-Lobos, K (2006). Reaction to Pain Stimulus Before and
During Hypnosis Measured by Pupillary Reaction ....................................................................................................... 97
Hypnotherapie bei Kindern und Jugendlichen ........................................................................................................... 101
Cohen, D; Olness; K; Colwell S. & Heimel, A. (1990). Entspannung und mentales Vorstellungstraining in der pädiatrischen Sprechstunde. Selbsthypnose in der Behandlung von 505 Kindern und Jugendlichen. ...................... 101
Anbar, RD & Slothower, MP (2006). Hypnosis for treatment of insomnia in school-age children: a retrospective chart
review. ........................................................................................................................................................................ 105
Hypnose in der Somatik ............................................................................................................................................... 110
Fallbericht: Reduzierung der Blutungen unter Narkose .............................................................................................. 110
Fallbericht: Behandlung einer Zahnbehandlungsangst .............................................................................................. 111
Riegel, B (2009). Adjuvanter Einsatz der Hypnotherapie in der Behandlung onkologischer Patienten ...................... 115
Leistungssteigerung im Sport ..................................................................................................................................... 121
Mentales Training ....................................................................................................................................................... 121
Lidgett, DR (2000). Enhancing Imagery Through Hypnosis: A Performance Aid for Athlets. ..................................... 121
Morton, PA (2003). The Hypnotic Belay in Alpine Mountaineering: The Use of Self-Hypnosis for the Resolution of
Sports Injuries and for Performance Enhancement. ................................................................................................... 125
Ablauf einer hypnotherapeutischen Sitzung .............................................................................................................. 129
Kompetenz eines Hypnotherapeuten .......................................................................................................................... 130
Übungen......................................................................................................................................................................... 133
Glossar ........................................................................................................................................................................... 136
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
Vorwort
Dieses Skript soll einen Überblick über die Entwicklung und die wichtigsten Anwendungsgebiete der Hypnotherapie geben. Dabei wurde auf eine Mischung aus praktischen Beispielen und wissenschaftlichen Texten geachtet, um den XQLYHUVLWlUHQ$QVSUXFKDEHUDXFKGHQVWXGHQWLVFKHQ(UZDUWXQJHQDQÄ+DQGZHUNV]HXJ³JHUHFKW]XZHUGHQ6ROFKHLQ Spagat ist sicherlich nur durch die Akzeptanz von Redundanz möglich, kann aber gerade deswegen Neugier wecken, sich daran anschließend vertieft mit speziellen Gebieten dieses kreativen und konstruktiven Ansatzes zu beschäftigen.
'LHYRUOLHJHQGH9HUVLRQGLHVHV6NULSWHVNDQQDXIGLH(UIDKUXQJYRQPHKUHUHQ6HPHVWHUQGHV6HPLQDUVÄ(LQIKUXQJLQ GLH+\SQRWKHUDSLH³DQGHU8QLYHUVLWlW+DPEXUJ zurückblicken. In der ursprünglichen Fassung befanden sich mehr Artikel und weniger praktisch orientierte Texte ± das aber auf immerhin mehr als 170 Seiten.
Meine Beobachtung der Nutzung dieser ersten Fassung zeigte, dass sich die vorwiegend studentischen Leser aber weniger interessiert auf die (z.T. englisch sprachigen) Forschungsberichte stürzten, sondern für die größtenteils sehr guten Präsentationen die Anwendung bei den verschiedenen Störungsbildern fokussierten. Auch die fruchtbaren Diskussionen, Fragen und kritischen Einwände in den Seminaren flossen in diese überarbeitete Fassung ein.
Solch ein umfassendes Skript ± und insbesondere die Überarbeitung in Buchform ± bedeutet eine Menge Arbeit, stellt aber dafür auch eine fundierte Grundlage für die fachliche Auseinandersetzung mit der Hypnotherapie dar. Neben dem Leserkreis der Seminarteilnehmer ist dieses Buch auch für die selbstständige Auseinandersetzung mit dem Thema gedacht, zumal es nur an wenigen Universitäten eine Veranstaltung zur Hypnotherapie im Vorlesungsplan enthalten ist.
,FKP|FKWHGDKHUIUGLH(UVWHOOXQJGHV6NULSWHVGHQ+HUDXVJHEHUQGHUEHLGHQ-RXUQDOVÄ+\SQRVHXQG.RJQLWLRQ³GHU 0LOWRQ(ULFNVRQ*HVHOOVFKDIW'HXWVFKODQGXQGÄ$PHULFDQ-RXUQDORI&OLQLDO+\SQRVLV³YRQGHU$PHULFDQ6RFLHWy of Clinical Hypnosis) danken, die mir den Nachdruck der Artikel erlaubten, die ich für hilfreich hielt, um ein grundlegendes Verständnis für die Hypnotherapie zu erhalten. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, englisch sprachige Artikel aufzunehmen und auf eine Übersetzung zu verzichten, da im anglo-amerikanischen Raum eine konstruktive Forschungskultur herrscht, die in Deutschland zumindest im Hypnose-Bereich noch am Entstehen ist.
Und ich möchte all den Autoren danken, die ebenfalls einer erneuten Veröffentlichung ihrer Werke zustimmten. Die Danksagung ist jedoch nicht hierarchisch geordnet, denn auch die Teilnehmer meines Einführungsseminars an der Universität Hamburg haben seit der ersten Veranstaltung im Oktober 2007 einen großen Einfluss auf die Entwicklung dieses Skripts gehabt. Selbst die Idee, ein solches Überblickswerk zu schaffen, entstammt der ersten Seminargruppe, die noch nicht den Vorzug hatten, auf ein Skript zurückzugreifen. Nicht zuletzt möchte ich meiner lieben Elena für die Mitarbeit in der Erstellung und Bearbeitung des Manuskriptes danken.
Nun bleibt es mir noch, dem Leser oder der Leserin viel Freude und vor allem viele anregende Gedanken mit dem vorliegenden Buch zu wünschen.
Ellerau im Januar 2010 Björn Riegel
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
Geschichte der Hypnose
Die Geschichte der Hypnose ist eng mit der Geschichte der Psychotherapie, wie wir sie heute kennen, verwoben. Erste Beschreibungen hypnotischer Techniken reichen bis weit vor Christi Geburt zurück, z.B. in China oder in Griechenland. Zahlreiche Autoren (s. Peter, 2000) bezeichnen die Behandlungsmethoden des bayrischen Pater Gassner als den Beginn der modernen Hypnose. Diese wiederum hatte bedeutsame Einflüsse auf die Entwicklung der Psychoanalyse, wie im Folgenden aufgezeigt wird.
Pater Gassners hypnotische Techniken der Scherzkontrolle
Pater Johann Joseph Gassner (1727 - 1779) ist in der heutigen Hypnoseliteratur nur noch wenig beachtet. Er vertrat eine magisch-mystische Krankheitslehre, die auf einer externen Verursachung von Krankheiten basierte: für natürliche Krankheiten waren stellare Krankheitskeime verantwortlich; übernatüUOLFKHDXVKHXWLJHU6LFKWÄVHHOLVFKH³.UDQNKHiten waren durch Diaboli verursacht. Damit konstituierte er das sogenannte therapeutLVFKH7HUWLXPMHQHÄGULWWH)LJXU³ die Therapeut und Patient gemeinsam konstruieren, um sich auf sie als die eigentliche heilende Kraft beziehen zu können. Wohl und Wehe des Menschen hängen ab vom Kampf der guten gegen die bösen Mächte dieser Welt. Gassner verhilft seinen Patienten dazu, sich mit den himmlischen Mächten zu verbünden und so den Kampf gegen das Böse zu gewinnen. In Bezug auf Gassners Exorzismus muss man den soziokulturellen Kontext des ausgehenden 18. Jahrhunderts betrachten: Gassner und seiQH³DOWJOäXELJHQ´GKRUWKRGR[-religiösen Anhänger lebten im Gedankengebäude des fundamental-katholischen Mittelalters. Der entsprechende zeitgemäße Rahmen war der Exorzismus. Die folgenden Ausführungen über Gassners Psychotherapie, bei der es sich um Einübung von Selbstkontrolltechniken handelt sind in Teilen der umfangreichen Darstellung von Peter (2000) entnommen.
Beschreibung des Vorgehens
Ä8HEHU *DVVQHUV +HLOPHWKRGHQ³ YRQ &$ YRQ (VFKHQPD\HU DEJHGUXFNW LQ %DQG +HIW GHV $UFKLY Iür den Thierischen Magnetismus von 1820 (S. 86 ff): ÄEr sitzt auf einem kleinen Schlafsessel mit einer Stole über seine Kleider angethan, an seinem Halse hängt ein Kreuz, an seiner Seite steht ein Tisch, worauf ein Krucifix sich befindet und um den Tisch herum steht eine Reihe Sessel für die hohen Standespersonen [welche den Behandlungen beiwohnten und sie bezeugten]. Ein Aktuarius muss die merkwürdigen Vorgänge protokollieren. Die dem Priester vorgestellte kranke Person kniet nieder, er fragt sie über die Gattung und Umstände ihrer Krankheit. Hat er genug um ihren Zustand sich erkundigt, so spricht er einige Worte zu Erweckung des Vertrauens an sie und ermahnt sie, ihm innerlich beizustimmen, dass alles geschehe, was er befehle. Ist alles so vorbereitet, so spricht er: Wenn in dieser Krankheit etwas Unnatürliches [d.h. sie psychisch bedingt] ist, so befehle ich im Namen Jesu, dass es sich sogleich wieder zeigen solle [...] Diess Verfahren nennt der Priester den Exorcismum probativum, um zu erfahren, ob die Krankheit unnatürlich oder natürlich ist [psychogen oder somatogen], und zugleich hat er die Absicht, durch diese Uebereinstimmung der Erscheinungen mit seinen Befehlen das Vertrauen der Kranken zu vermehren und allen Anwesenden die Kraft des heiligen Namen Jesu offenbar zu machen. Wenn sich das Uebel auf den ersten gegebenen Befehl nicht zeigt, so wiederholt er denselben immer steigend wohl bis zehnmal. Erfolgt dann keine Wirkung, so verschiebt er diese Person auf den anderen Tag oder noch später, oder er schickt sie auch ganz zurück, mit der Aeusserung, dass ihr Uebel natürlich [d.h. körperlich bedingt] sey, oder sie nicht hinreichend Vertrauen besitze. Wenn der Priester durch den Exorcismum probativum das Uebel zum erstenmal kommen lässt, so lässt er gewöhnlich die Zufälle [Symptome] etliche Minuten fortdauern; dann lässt er sie wieder verschwinden und wiederkommen immer unter den gleichen Befehlen. Ist der Kranke von der Ursache des Uebels und der Kraft des Mittels dadurch überzeugt, so lehrt er ihn, sich künftighin selbst zu helfen und lässt ihn in seiner Gegenwart die Probe machen. Zu diesem Zweck befihlt er der Krankheit wiederzukommen und nun muss der Kranke durch einen entgegengesetzten Befehl, den erinnerlich im Namen Jesus giebt, den Ausbruch verhindern, oder, wenn der AnfalOVFKRQGDLVWLKQYHUWUHLEHQ³
Nach Exploration und Diagnose erfolgte die eigentliche Therapie des Pater Gassner in drei Schritten:
1. ZunäFKVW ZDU HV 3DWHU *DVVQHU VHOEVW GHU GLH 6\PSWRPH DEVLFKWOLFK XQG ZLOONX/ rlich bei seinen Patienten sowohl SURYR]LHUWHDOVGDQQDXFKÄGXUFKHLQHQHQWJHJHQJHVHW]WHQ%HIHKO³ZLHGHU]XP9HUVFKZLQGHQEUDFKWH Dieses Provozie- UHQXQG GDUDXIIROJHQGH Ä$XVWUHLEHQ³ GHU 6\PSWRPH GDXHUWH JHOHJHQWOLFK PHKUHUH 6WXQGHQ mit Wiederholungen am gleichen oder an anderen Tagen.
2. Dann unterwies er die Kranken, ihre Symptome auf die gleiche Weise wie er, also mit Hilfe der (Exorzismus-)Formeln, selbst zum Verschwinden zu bringen, nachdem er, Pater Gassner, sie zuvor provoziert hatte. Auch dies geschah mehrere Male hintereinander.
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
3. Zur Übertragung auf den Alltag, gewissermassen als posthypnotische Suggestion oder verhaltenstherapeutische Hausaufgabe für den Fall, dass Symptome unprovoziert auftauchten sollten, lehrte er die Kranken, das gleiche Verfahren anzuwenden, um die Symptome auch zu Hause wieder zum Verschwinden zu bringen.
1774 bis 1777 fand die bedeutendste Auseinandersetzung der Aufklärung im süddeutschen Raum statt. Im Zentrum VWDQG *DVVQHU XQG VHLQ Ä([RU]LVPXV³ ]X GHn beteiligten Personen gehörte u.a. auch Franz Anton Mesmer, der von einigen aufgeklärten Mitgliedern der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München instrumentalisiert wurde, gegen Gassner Stellung zu beziehen. Gassners therapeutische Erfolge sind nicht zu leugnen, wenn sich auch nur als Kurieren am Symptom ± also nicht als ÄNDXVDOH7KHUDSLH³DQ]XVHKHQVLQG ±, denn mit seiner Theorie köQQHHUGLHÄ8r- VDFKHQ³ nichterkennen. Also wurde aufgrund dieser Stellungnahme Mesmers vor der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München Gassners Exorzismen in Bayern untersagt. Mesmer konnte damals natürlich nicht wissen, dass ihm 1784 in Paris ein ähnliches Urteil ereilen sollte wie Pater Gassner 1775 in München: Nicht zu leugnende therapeutische Erfolge, aber theoretischer Unsinn. Unterschiede zwischen Gaßner und Mesmer Gassners relativ differenziertes diagnostisches und therapeutisches Vorgehen steht natürlich in offenkundigem Gegensatz zu Mesmers Universalsystem, welches besagt, dass alle Krankheiten, seelische wie körperliche, durch eine einzige Ursache ± nämlich die Störung des thierisch-magnetischen Gleichgewichts ± bedingt und in Folge dessen auch durch eine einzige Methode, die des Mesmerisierens, zu behandeln seien.
Gemessen an Gassner muss Mesmers Praxis als Rückschritt betrachtet werden. Gassners spezielle Form von Einübung in Selbstkontrolle steht unseren heutigen Vorstellungen von Hypnotherapie und Psychotherapie wesentlich näher als Mesmers Methoden der (anfänglichen) $SSOL]LHUXQJYRQ(LVHQPDJQHWHGHUSDVVHVÄ/XIWVWULFKH³oder des magnetisierten Baquets Ä*HVXQGKHLWV]XEHU³. Mesmers Behandlung fusste auf eher physikalische Annahmen zur Wirkung der Magnetkräfte: Krankheiten entstehen durch Störungen des animalischen Magnetfeldes. Jeden Menschen durchfliesst ein universelles Fluidum, welches durch den Einfluss der Himmelskörper in Gleichgewicht gehalten wird. Da zu der damaligen Zeit die Imagination oder Einbildungskraft als Wirkmechanismus verpönt war, stellte Mesmers Theorie eine quasi naturwissenschaftliche Erklärung dar, zumal der Magnetismus zu den bedeutensten Strömungen der Zeit gehörten. Nachdem Mesmer in Wien praktizierend in einer aufsehenerregenden Behandlung die psychogene Blind- KHLWGHUEHNDQQWHQ.X/ nstlerinMaria Paradies nicht langfristig heilen konnte, geriet er ins Kreuzfeuer der Kritik und wanderte schließlich ins liberalere Paris aus. Dort war er in den oberen Gesellschaftsschichten äusserst beliebt, jedoch wurde auch in Frankreich die Theorie eines animalischen Fluidums 1784 von der wissenschaftlichen Kommission ver-worfen. Als neue Erklärung seelischer Erkrankungen diente ± man staune ± die Einbildung, also eine rein psychologische Komponente. Nachdem Mesmers Theorien mehr als zwei Jahrzehnte in Ungnade fielen, wurde der Magnetismus ]X%HJLQQGHV-KDOVÄZLFKWLJH1DWXUEH]LHKXQJ³ für die praktische Heilkunde wieder entdeckt, was als späte Rehabilitation des inzwischen verstorbenen Mesmers gesehen werden kann.
Die Wirkung des Magnetismus wird folgendermassen beschrieben, wobei man die Analogien zur klassischen Hypnose beachten sollte:
Störfeldortung: Ä(VJHVFKLHKWPLWGHU+DQGGLHHUVWH$QZHQGXQJLQGHPPDQGLHVHOEHüber den in Stockung geratenen Theil, welcher sich gemeiniglich durch eine leichte im Innern der Hand wahrgenommene Wärme merkbar macht, führt und alldas verweilen läVVW³
Störfeldbeeinflussung: Ä+DWPDQVLFKYRUOlufig darin sicher gestellt, so berühre man beständig die Ursache der Krankheit, unterhalte die symptomatischen Schmerzen bis man sie in kritische verwandelt. Hierdurch unterstützt man die Anstrengung der Natur gegen die Ursache der Krankheit, und führt sie zu einer heilsamen Krise, das einzige Mittel, von *UXQGDXV]XKHLOHQ³
In den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts machte der Marquis de Pyuségur, ein Schüler Mesmers, bei seinen Behandlungsversuchen Beobachtungen, die sich nicht mit den beim Magnetisieren beobachteten Phänomenen Mesmers deckten. Er berichtete von einem Bauern, der nach dem Magnetisieren überhaupt nicht die hysterische Verhaltensweise zeigte, die er von Patienten Mesmers her kannte. Vielmehr blieb der Bauer ruhig und überlegt. In diesem traumwandlerischen, somnabulen Zustand glaubte dieser, er könne in seinen eigenen Körper und in den anderer Menschen sehen und dort Krankheiten diagnostizieren und die nötigen Heilmittel verordnen. Ein Teil der in dieser Zeit praktizierenden Ärzte und Heilern folgte den naturwissenschaftlich anmutenden Theorien Mesmers, andere waren den sprituellen Erklärungsversuchen des "Somnabulismus" zugetan, die dem Wirken der Somnabulen einer göttlichen Kraft zuschrieben. Letztlich bekam die Seele durch diese Entwicklung eine vom Leib unterschiedene Identität. Ab 1850 ließ der Einfluss des Magnetismus in Deutschland nach, da der Aufwand der Heilung zu groß und damit unwirtschaftlich war. Zudem waren die Gefahren bekannt und der wissenschaftliche Rationalismus hielt Einzug, bei dem der Somnambulismus keinen Bestand haben konnte. In der Psychiatrie wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Krankheiten nahezu ausschließlich somatisch betrachtet und behandelt.
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
Die Epoche des Hypnotismus und der Suggestion
Der schottische Chirurg James Braid prägte 1843 den Begriff des Monoideismus (=Konzentration auf einen Gedanken), nachdem er der Vorstellung eines Laien-0DJQHWLVHXUVEHLZRKQWH'HU7HUPLQXVÄ+\SQRVH³HQWVWDPPWGHU Ansicht, dass HVVLFKEHLGHPÄPDJQHWLVLHUWHQ³=XVWDQGXPHLQH$UWGHV6FKODIHVKDQGHOW'LH,GHHQ%UDLGVZXUGHQHUVW ca. 30 Jahre später in Deutschland bekannt, jedoch wurde insbesondere die Fixationsmethode (z.B. die klassische Tranceinduktion mit einem Pendel) mit dem Magnetismus verwoben und der Scharlatanerie zugeschrieben. Hypnose bildete demnach das Gegenstück zur physikalischen Fluidumstheorie Mesmers.
Braid identifizierte Reizmonotonie als wesentliche Bedingung für Hypnose. Der induzierte Zustand wurde vorrangig neurophysiologisch mit Tierexperimenten erforscht, hatte in dieser Phase aber nur geringen praktischen Wert. Eine fruchtbare und einflussreiche Debatte fand Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich zwischen den Schulen von Nancy (Bernheim & Liébault) und der Salpétriére (Charcot) statt. Charcot beschäftigte sich mit der Schreckhypnose, also dem evozieren hysterischer Phänomene, während in Nancy Liébeault und Bernheim die psychotherapeutische Anwendung lehrten (autoritäre Hypnose).
Es galt als state of the Art, beide Schulen besucht zu haben. Freud war bei Charcot, den er sehr bewunderte, übersetzte DEHU DXFK %HUQKHLPV Ä'LH 6XJJHVWLRQ XQG LKUH +HLOZLUNXQJ³ LQV 'HXWVFKH Der Begriff der Suggestion lässt sich aus GHP/DWHLQDPHKHVWHQDOV¶(LQIlüVWHUXQJ¶RGHUDXVGHP(QJOLVFKHQDOV Ã9RUVFKODJ¶übersetzen.
Theorie der Schule von Nancy:
1. Suggestion als Akt, durch den eine bestimmte Idee dem Gehirn aufgedrängt und von diesem akzeptiert wird. 2. Wenn eine Idee akzeptiert wird, so besteht entsprechend dem Gesetz der Ideodynamik (vgl. bspw. die Schriften von William James) eine unmittelbare Tendenz zu ihrer Verwirklichung. 'DLPQRUPDOHQ=XVWDQGGLH,GHHQXUÄVXEEHQHILFLRLQYHQWDULL³DOVRQDFK=HQVXUDQJHQRPPHQZLUGLVWHLQH bestimmte suggestible Disposition des Empfängers nötig (Befehlsgehorsam, Gehirngefügigkeit, Gläubigkeit).
Der artifizielle, hypnotische Schlaf fördert die Suggestibilität, wobei Bernheim davon ausgeht, dass der hypnotische Zustand mit Schlaf nichts gemein hat, der Hypnotisierte jedoch aufgrund einer posthypnotischen Amnesie denkt, er habe geschlafen. Zudem erfuhr der Rapport-Begriff eine Umwandlung: Während Mesmer die Wirkung des Kontakts zwischen Behandler und Krankem als rein physiologische Reaktion ansah, bezogen sich die Theoretiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf die psychische Einwirkung. Seelische Vorgänge können nun in bewusste und unbewusste Prozesse unterteilt werden, so dass sich bspw. Ober und Unterbewusstsein; Wach- und Traumbewusstsein unterscheiden lassen. Nach dem Magnetismus und dem Somnambulismus entstand zum dritten Mal die Hoffnung, den Menschen im Ganzen erklären zu können, was von den Pionieren der Psychologie (z.B. Wundt) harsch kritisiert wurde, da eine physiologische Psychologie Hypnose nicht erklären könne.
Nachdem Freud infolge seiner Hospitation bei Charcot ein bekennender Bewunderer des französischen Arztes wurde, VSLHOWHHUHLQHEHGHXWVDPH5ROOHLP1LHGHUJDQJGHU+\SQRVH]X%HJLQQGHV-DKUKXQGHUWV,QGHQÄ6WXGLHQ]XU Hys- WHULH³EHVFKUHLbt er1893 noch sein Vorgehen mittels Hypnosetechniken zur Aufdeckung verdrängter Erlebnisse. Jedoch erkannte er schnell, dass sich die gewünschten Resultate auch in einem konzentrierten Wachzustand erreichen lassen. Somit wurde aus der Hypnose die Technik des Freien Assoziierens geboren. Gleichzeitig wendete sich Freud von der Hypnose ab. Ein anderer Grund für das zurückgehende Interesse kann auch in der Konzentration auf die neurophysiologische Forschung gesehen werden, die zur damaligen Zeit nicht in der Lage war, hypnotische Prozesse zu erfassen und zu erklären.
Die Epoche der deutschen ärztlichen Hypnose und des autogenen Trainings
Der Erste Weltkrieg sorgte für eine partielle Renaissance der Hypnose, da bspw. ein junger Arzt namens Johannes H. Schultz die Erfahrung machte, mit Hypnose die traumabedingten Störungen der Frontkämpfer effektiv heilen zu können. Schulz identifizierte dabei basale Wirkmechanismen, die als Axiome des neu entstandenen Autogenen Trainings gelten köQQHQÃ6FKZHUH¶ZLUGPLWGHP(rleben von Muskelentspannung JOHLFKJHVHW]WXQGÃ:lUPH¶DOV(UZHLWHUXQJGHU.DSLl- larenangesehen. Dies bildet den Ansatzpunkt einer übenden Form der Autohypnose, welches die Heterohypnose nach und nach ersetzte. Das Anliegen von Schultz war es, eine Art Psychotherapie für die Massen anzubieten, da es zu Beginn des 20. Jahrhunderts lediglich die Psychoanalyse gab, die jedoch nicht flächendeckend angeboten wurde und teuer war. Das nationalsozialistische Regime integrierte diesen Ansatz in den damaligen Zeitgeist, indem das Autogene Trai-nLQJÄ]XU*HVXQGXQJGHV9RONVN|USHUV³dienen sollte. Obwohl sich das Autogene Training steigender Beliebtheit erfreute, ist Hypnose bis in die 1970er in Deutschland praktisch nicht existent (Ausnahmen: ]%'/DQJHQÄJHVWXIWH$Ntiv-K\SQRVH³RGHU+/HXQHUÄ.DWDW\PHV%LOGHUOHEHQ³
In den 60er Jahren löste die Verhaltenstherapie den alleinigen Anspruch der Psychoanalyse ab, ehe es in den 70er Jahren zu einem regen Import psychotherapeutischer Methoden aus den USA kam, v.a. humanistische Verfahren. 1978 erschien die deutsche ÜEHUVHW]XQJHLQHVHLQIOXVVUHLFKHQ%XFKV(ULFNVRQVÄ'LH3V\FKRWKHUDSLH0LOWRQ+(ULFNVRQV³
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
die der deutschen Therapieszene zeigte, wie effektiv man mit hypnotherapeutischen Techniken arbeiten kann. Die herausragenden Merkmale ericksonianischer Psychotherapie sind Patientenzentriertheit, Ressourcenorientierung statt Pathologiefixierung, Flexibilität und Kreativität, Reziproke Beziehungsgestaltung statt Machtgefälle sowie Betonung der Fähigkeiten des Unbewussten. Ab 1977 findet in Deutschland eine Ausbildung in klinischer Hypnose nach Erickson, 1978 kam es zur Gründung der deutschen Milton Erickson Gesellschaft.
+\SQRVHLVWDOVR«
«HLQHVGHUlltesten Heilverfahren der Menschheit «ZLVVHQVFKDIWOLFKIXQGLHUW+\SQRWherapie) «relativ einfach zu erlernen
«GLH%H]HLFKQXQJIür Techniken zum Erreichen des Trance-Zustandes
7UDQFHLVW«
«HLQDOOWlglicher Zustand «$XIPHUNVDPNHLWVIRNXVVLHUXQJ «HLQSURGXNWLYHU=XVWDQG «YRQQDKH]XMHGHP,QGLYLGXXPHUUHLFKEDU
Moderne Hypnotherapie nach Milton Erickson
Der moderne Ansatz hypnotherapeutischen Vorgehens geht auf den amerikanischen Psychiater Milton Hyland Erickson zurück, der bereits in seiner Studienzeit in den frühen 1920ern bei Clark Hull erste Erfahrungen sammelte und Studien zur Wirkung der Hypnose durchführte. Trotz seiner lebenslangen Lehrtätigkeit zu diesem innovativen Vorgehen wollte er nie eine eigene Therapieschule gründen, sondern propagierte eine integrative Psychotherapie.
Beziehung zwischen Bewussten und Unbewussten
Das Unbewusste findet am ehesten Entsprechung im Unterbewussten (Freud) oder im impliziten Wissen (kognitive Psychologie). Im Unbewussten sind alle Potentiale und alle Ressourcen gelagert, zudem noch Wissen, welches dem bewussten Verstand nicht zugänglich ist. WäKUHQGGDV%HZXVVWVHLQLP:DFK]XVWDQGÄEHZXVVW³JHOHQNWXQGJHVWHuert wird, arbeitet das Unbewusste autonom. Als Beispiel lassen sich Vorgänge im autonomen Nervensystem des Körpers oder die Steuerung physiologischer intracorporaler Prozesse nennen.
Der theoretischen Annahme Erickons folgend, regiert das Bewusstsein im Wachzustand, ist rigide und eingeschränkt. Das Bewusste hat nicht die Möglichkeit auf das unbewusste Wissen zurückzugreifen und sich dessen Vorteile nutzbar zu machen. Raucher haben beispielsweise alle nötigen Potentiale zur Abstinenz in sich, aber das rigide Bewusstsein hat Schwierigkeiten, diese abzurufen.
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
Diese Rigidität in Denk- und Verhaltensmustern gilt es mittels hypnotherapeutischer Techniken zu unterbrechen und zu modifizieren.
Erickson (1989) über Hypnotherapie:
Ä/HUQSUR]HHLQ8PHU]LHKXQJVYHUIDKUHQIUGHQ3DWLHQWHQ. Dauerhafte Resultate ergeben sich in der Hypnotherapie nur durch die Aktivität des Patienten. Der Therapeut stimuliert den Patienten lediglich zur Aktivität, oft ohne zu wissen, welcher Art diese Aktivität sein mag, und dann leitet er den Patienten und bestimmt aufgrund seines klinischen Urteils, wieviel Arbeit geleistet werden muss, um die gewünschten Resultate zu erzielen. Die richtige Leitung und Beurteilung ist das Problem des Therapeuten, während der Patient die Aufgabe hat, durch eigene Anstrengungen seine Erlebniswelt auf neue Weise verstehen zu lernen. Eine solche Umerziehung muß natürlich in Einklang mit den Lebenserfahrungen, den Erkenntnissen Erinnerungen, Einstellungen und Ideen des Patienten stehen und darf nicht von den Vorstellungen und Meinungen des TherapeuWHQGLNWLHUWVHLQ³
"Trance als schöpferischer Augenblick tritt ein, wenn ein gewohntes Assoziationsmuster unterbrochen wird; es kann sich um eine spontane Unterbrechung oder Lockerung des gewohnten Assoziationsprozesses handeln; der Auslöser kann ein psychischer Schock, ein überwältigendes sensorisches oder emotionales Erlebnis sein. Er ist als Augenblick der Ä)DV]LQDWiRQ³RGHUGHVÄ6LFK-9HUOLHEHQV³HUOHEEDULQGHPGLH/ücke im Bewußtsein durch das Neue ausgefüllt wird. Bartlett hat beschrieben, wie man sich die Genese des originalen Denkens vorstellen kann: Als das Füllen geistiger Lücken. Das Neue, das in schöpferischen Augenblicken entsteht, ist somit die Grundeinheit des originalen Denkens und der Einsicht sowie der PersönOLFKNHLWVHQWZLFNOXQJ³
Wissenschaftlichkeit / kassenärztliche Anerkennung
Untersuchungen der Split-Brain-Forschung haben gezeigt, dass in Trance die Hemisphärenaktivität verschoben ist. Die Hypothese dazu besagt, dass der dominante Denkstil verlassen wird und die räumliche, bildhafte, musikalische, ganzheitliche intuitive Verarbeitung mehr zur Geltung kommt (rechte Hemisphäre). Es zeigte sich, dass Personen mit langjähriger Erfahrung in Selbsthypnose imstande waren, schon nach wenigen Sekunden eine Gedankenleere, Gedankenstille einkehren zu lassen. Alle Endhirnzonen waren deaktiviert oder ausgeschaltet, die Zonen, auf die wir nicht unsere Aufmerksamkeit gerichtet hatten. Unter Hypnose nehmen wir nur das wahr, worauf wir uns gerade konzentrieren. Alles andere, so auch der Schmerz, wird ausgeblendet.
Es existieren zahlreiche Studien zur Effektivität hypnotherapeutischer Behandlungsverfahren. Eine Zusammenstellung findet sich bei Revenstorf (2003). Diese Wirksamkeitsforschungen hat auch das Bestreben, eine Anerkennung zum kassenärztlichen Verfahren zu erwirken. Derzeit ist das Fortbildungscurriculum für Ärzte und Psychologen anerkannt und kann als Zusatzleistung (u.a. im Rahmen einer Verhaltenstherapie) bei den Krankenkassen abgerechnet werden.
Literatur
Erickson, MH & Rossi, E (1989). Hypnotherapie: Aufbau-Beispiele-Forschung. München: Pfeiffer
Peter, B (2000). Die wirksame Psychotherapie des Teufelsbanners Johann Joseph Gassner um 1775. Hypnose und Kognition 17(1+2), 19-34 Revenstorf, D (2003) Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung des Verfahrens Hypnotherapie; zu finden auf www.meg-hypnose.de
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
Bühnenhypnose und Konzepte moderner Hypnotherapie
Bühnen- und Showhypnose
Klienten haben häufig eine überhöhte Erwartung an die Wirkung von Hypnose, die der vielmals einseitigen Darstellung verschiedener Medien und dem Ruf der Bühnenhypnose entstammt. Daher weisen zahlreiche Autoren auf eine Klärung von Vorurteilen vor Beginn der Therapie hin.
Das Ziel des Showhypnotiseurs ist Entertainment, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdient. In der Selbstdarstellung und Werbung behaupten sie, über Fähigkeiten zu verfügen, die eine Willenskontrolle ermöJOLFKHQ'DJHJHQLVWÄ0DFKW³ kein Wesenszug der Hypnose und existiert lediglich in der Vorstellung derer, die daran glauben. Der Wirkmechanismus der Bühnenhypnose kann als unterhaltsam verpackter Suggestibilitätstest gesehen werden, in dessen Verlauf die scheinbare Macht des Hypnotiseurs demonstriert wird und all jene Versuchspersonen aussortiert werden, die zu den Hochsuggestiblen gehören. Mit diesen Teilnehmern werden dann Experimente und Vorführungen durchgeführt. Die so demonstrierten Phänomene können jedoch auch ohne Anwendung von Hypnose bei Versuchspersonen hervorgerufen werden. Wenn der Kontakt und die Kommunikation zwischen dem Entertainer und dem Probanden abreissen, wandeln sich die hypnotischen Phänomene in klinische Symptome um und es bedarf einer (hypno-)therapeutischen Bearbeitung, welche wiederum Zeit und entsprechende Kompetenz voraussetzt. Beides ist auf der Bühne und beim Bühnenhypnotiseur LQGHU5HJHOQLFKWJHZlKUOHLVWHW6RNRPPWHVLPPHUZLHGHU]XÄ8QIlOOHQ³EHLGHU%ühnenhypnose, was auch der Grund für gesetzliche Verbote bspw. in Großbritannien oder skandinavischen Ländern ist.
Missbrauch und Willenlosigkeit unter Hypnose
Befragt man potentielle Klienten nach dem bestehenden Wissen über hypnotherapeutische Verfahren, so wird die Angst vor Missbrauch am häufigsten genannt. Man befürchtet, dass man in Trance willenlos wird und zu Handlungen bewegt wird, die man nicht kontrollieren kann oder die im schlimmsten Fall gegen die bewusst bestehenden Überzeugungen und Werte sind. Im Folgenden sind je zwei Zitate aufgeführt, die für bzw. gegen diese Vorurteile sprechen.
Liébeault (1893): Ä'DVKHUYRUVWHFKHQGH&KDUDNWHULVWLNXPGLHVHV=XVWDQGHVGHVK\SQRWLVFKHQ6FKODIHVLVWGLHDEVROXWH8QIlKLg- keitdes Individuums, sowohl die Verbindung mit der Außenwelt durch seine Sinne, als die mit sich selbst durch Nachdenken aufrechtzuerhalten. Nicht einmal der Versuch hierzu ist ihm möglich. Der Patient ist eine Marionette mit einer einzigen Vorstellung JHZRUGHQXQGKDWVHLQH:LOOHQVNUDIWYHUORUHQ³
7RXUHWWHÄDas Individuum in Katalepsie und besondere in Lethargie kann sehr leicht der Lüsternheit des Magnetiseurs zum Opfer fallen; der Somnambule kann in den Händen eines Gewissenlosen zum unbewussten Werkzeug werden, das nicht zur Ver-antwortung gezogen und unter Umständen sehr gefährlich werden kann; denn er ist leicht für die verschiedensten Befehle zugäng- OLFK³
Delboef (1896): ÄHV VFKHLQW PLU QLFKW P|JOLFK HLQ 6XEMHNW ]X +DQGOXQJHQ ]X YHUDQODssen, welche es nicht einmal im Traum begehen wüUGH³
Schilder und Kauders (1926): ÄGHU+\SQRWLVLHUWHGHU%HHLQIOXVVWHVLQGDOVRNHLQHVZHJVZLOOHQORVH:HUN]HXJGHV%HHLQIOXVVHn- den.Verlangt man von einer tief hypnotisierten Person Unbilliges, was ihrem Gesamtwillen, ihrer Gesamtpersönlichkeit widerspricht, VRYHUZHLJHUWVLHWURW]GHUWLHIHQ+\SQRVHRGHUZDFKWDXVGHU+\SQRVHDXI³
Die Frage, ob man einen Menschen unter Hypnose zu Handlungen verleiten kann, die seinem Willen widersprechen und möglicherweise ihm oder anderen schaden bzw. dem Hypnotiseur nützen, beschäftigt Psychiater und Psychologen immer wieder in theoretischer und empirischer Hinsicht. Die Frage ist nicht leicht entscheidbar, denn: die eine Seite behauptet, dass man Personen unter Hypnose einen fremden Willen aufzwingen kann, und wenn es in der Überprüfung nicht gelingt, dann liege es daran, dass keine hinreichende Trancetiefe vorgelegen habe.
die andere Seite behauptet, dass jeder Mensch, der unter Hypnose befremdliche Dinge tut, dazu ein (wenn auch zurückgedrängtes) Bedürfnis hat, das auszuleben ihm die Hypnose Gelegenheit gibt (z.B. Erickson 1939). Fazit der Forschung ist jedoch: Die hypnotische Trance als solche macht nicht willenlos und zwingt Patienten nicht unter die Gewalt des Hypnotiseurs. Allerdings gibt es Momente, die bei einer Grenzüberschreitung wirksam werden: die Überraschung durch ein Verhalten eines Behandlers, das im völligen Widerspruch zur therapeutischen Erwartung steht, und ± besonders bei Entspannungshypnosen ± eine motorische Verlangsamung aufgrund Tiefenentspannung mit erniedrigtem Muskeltonus und tophotroper Umstellung
die therapeutische Beziehung macht insbesondere die Patientin vulnerabel für die Einflussnahme durch den Behandler. Diese Vulnerabilität löscht den Widerstandswillen nicht aus aber schwächt ihn, was eine einmalige Überrumpelung begünstigt.
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
Barabasz, A. F. (2004). Hypnose-Konzepte: Fragen und Durchbrüche in der Forschung Hypnose und Kognition. Band 21 (1+2); 139-155
Nachdruck mit Genehmigung der M.E.G.: Hypnose und Kognition (www.meg-hypnose.de)
Zusammenfassung
Man hat behauptet, Hypnose sei nichts weiter als soziale Beeinflussung, auf Suggestionen könne mit oder ohne Hypnose reagiert werden (Kirsch & Lynn, 1995). Allerdings wurde auch zugestanden: "Sollten physiologische Kennzeichen der Hypnose entdeckt werden, so könnte das den Gedanken unterstützen, dass Hypnose ein einzigartiger veränderter Bewusstseinszustand ist" (S. 855). Der vorliegende Beitrag soll Licht in diese Sache bringen, indem zunächst einmal gewisse fortbestehende Irrtümer über "spontane Hypnose" (Hilgard & Tart, 1963) ausgeräumt werden ebenso wie die märchenhafte Vorstellung, Hypnose müsse ein "besonderer Vorgang" (Spanos, 1982) sein, wenn sie als veränderter Bewusstseinszustand aufgefasst wird. Der Schwerpunkt liegt auf jüngst replizierten Untersuchungen, die sich mit Problemen der experimentellen Kontrollparadigmen auseinandersetzen. Wenn wir mögliche Entspannungseffekte, Erwartungen an die Hypnose und den Untersuchungskontext mit einbeziehen, so weisen die Fakten überzeugend auf subtile, doch eindeutige physiologische Kennzeichen der Hypnose hin, welche zeigen, dass Suggestion allein oft nicht ausreicht, um eine diffizile Reaktion herbeizuführen, wenn Hypnose als solche nicht induziert ist. Hypnotisch hervorgerufene Hinweise im EEG spiegeln Bewusstseinsveränderungen wider, die mit dem subjektiven Erleben von Wahrnehmungsveränderungen der Versuchspersonen übereinstimmen und durch Suggestion allein oder durch Rollenspiel nicht wiederholt werden können.
Annäherung der Theorien
Nach frühen Versuchen von Spanos und Barber (1974, S. 508) regten Irving Kirsch und Steven Jay Lynn neues Interesse an einer Theorie der Hypnose an, indem sie den Versuch unternahmen, die verschiedenen Hypnosetheorien miteinander in Einklang zu bringen. Ihr Beitrag "The altered state of hypnosis" erschien im American Psychologist (Kirsch & Lynn, 1995) und wurde häufig zitiert. Er trug viel dazu bei, Autoren von Einführungen in die Psychologie von dem herkömmlichen, allzu vereinfachenden Weg abzubringen, dieses Gebiet als von zwei einander diametral entgegen gesetzten Lagern beherrscht darzustellen, meist als Zu-stands- und Nicht-Zustands-Theorie der Hypnose bezeichnet.
Kirsch und Lynn stellten fest, dass "eigentlich alle wesentlichen Unterschiede zwischen (unter) den Theoretikern bei diesem einen offensichtlichen Punkt liegen", wobei eine genauere Beschreibung zeigen würde, dass man die beiden Standpunkte: Trance-Zustand versus Trance als sozialpsychologisches Phänomen, als "Punkte auf einem Kontinuum" (S. 846) zu betrachten habe. Viele auf dem Gebiet der Hypnose tätigen Fachleute könnten in dem Beitrag von Kirsch und Lynn einiges finden, mit dem sie übereinstimmen bezüglich dessen, was Hilgard (1972) als "die Domäne der Hypnose" bezeichnet hat - das heisst: Das, was geschieht, wenn versucht wird, bei einer dazu bereiten Versuchsperson Hypnose zu induzieren.
Allerdings würden doch viele auch erkennen, dass dieser Aufsatz, den zwei der bekanntesten soziokognitiven Theoretiker geschrieben haben, etwas zu sehr vereinfacht, wenn er versucht, die Zustands-Theorie in die soziokognitive Theorie einzubinden. Die heute zur Verfügung stehenden Fakten (Altena, 2003; Barabasz et al., 1999; Barabasz, 2000, 2002; Barnier & McConkey, 2003; Gruzelier, Gray & Horn, 2002; Koch, Lang, Hatsiopoulou, Berbaum, Anderson & Spiegel, 2003; Killeen & Nash, 2003; Ray & Tucker, 2003; Vermetten & Bremner, 2003; Woody & McConkey, 2003) zeigen, dass die komplexen Faktoren der Hypnose weit mehr sind als bloße Reaktion auf Suggestion, sozialen Einfluss oder Erwartungen.
Barnier und McConkey (2003) folgerten, dass es in den Theorien nun fast ebenso viel Widerspruch wie Übereinstimmung gebe. Erhärtet hat sich die Theorie vom sozialen Einfluss und Rollenspiel (Sarbin, 2002). Gleichzeitig wurden in der neuen Gehirnforschung physiologische Kennzeichen gefunden, die mit dem hypnotischen Zustand übereinstimmen. Kirsch und Lynn haben dankenswerterweise die Aufmerksamkeit auf ungelöste Themen und Fragen gelenkt. Die Eile jedoch, mit der der Annäherung innerhalb kurzer Zeit Beifall gezollt wurde, hat dazu geführt, kritische Seiten jenes Phänomens zu verschleiern, das es uns ermöglicht, die Probleme der Wechselwirkung zwischen bewusstem und unbewusstem geistigem Leben ernsthaft zu studieren. Um weiter Licht in die Angelegenheit zu bringen, müssen wir uns auf drei bedeutsame Themen konzentrieren und dabei versuchen, einige der verbleibenden Mythen und irrigen Auffassungen zu zerstreuen, die unnötigerweise zur Spaltung beitragen. Zwar wurden schon durch die Untersuchungen von Kinnunen, Zamansky und Nordstrom (2001) erneut Zweifel am Konzept der Compliance bzw. der Erwartungshaltung laut. Auch die Verfahren zur Erfassung der subjektiven Erfahrungen wurden kritisiert (Milling, Kirsch & Burgess, 1999). Ich schätze aber, dass viele auf die Position des Trance-Zustandes zurückverwiesen wurden aufgrund der zahlreichen neuen Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet.
Jüngste Untersuchungen haben sich direkt mit den Beschränkungen auseinandergesetzt, mit denen frühere Experimente zu Anzeichen der hypnotischen Trance behaftet waren. Es wurden besondere Kontrollbedingungen eingeführt, und die Forscher profitierten von dem exponentiellen Zuwachs an Messverfahren und Computer-Technologien, die vor einem Jahrzehnt noch nicht zur VerIX/ gung gestanden hatten. Was einst als "unwahrscheinlich zu finden" galt, auch wenn man sich "die Möglichkeit, dass subtile Indikatoren tatsächlich noch gefunden werden" (Hilgard, 1973, S. 978) noch offen hielt, nämlich messbare, wiederholbare und einer einfachen Logik folgende Marker für Hypnose, war schließlich vorhanden, um die Wirklichkeit von Trance als einem subtilen, aber doch klar identifizierbaren veränderten Bewusstseinszustand nachzuweisen. Gut kontrollierte Experimente, die wieder und wieder in über einem Dutzend Forschungseinrichtungen in England, Italien, Neuseeland und den USA wiederholt wurden, haben substanzielle Erkenntnisse über die physiologischen Zeichen von Hypnose zu Tage gefördert.
Die Wiederbelebung der Theorie vom veränderten Bewusstseinszustand
Die erste bedeutsame Erwiderung auf den Aufsatz von Kirsch und Lynn kam von John Kihlstrom (1997). Kihlstrom klärte über die Gründe für das Fortbestehen der Kontroverse zwischen der Zustands- und der Nicht-Zustands-Position auf. Erkennen wir an, dass selbst ohne physiologische Kennzeichen die von Kirsch und Lynn geleugneten Trance-Zustände eines veränderten Bewusstseins
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existieren, und dies nachweislich für die überwältigende Mehrheit der anerkannten Theoretiker auf diesem Gebiet (zur Übersicht vgl. A. Barabasz & J. Watkins, im Druck). Kihlstrom erinnert uns überzeugend, dass es in Hypnose tatsächlich einen veränderten Be-wusstseinszustand gibt, und es spielt nicht die geringste Rolle, ob dieser auch ohne formelle Induktion eintreten kann. "Amnestische Versuchspersonen können Dinge nicht erinnern, die sie erinnern sollten; analgetische Versuchspersonen können Schmerzen nicht spüren, die sie spüren VROOWHQ9HUVXFKVSHUVRQHQGLHJHEHWHQZXUGHQÃEOLQGRGHUÃWDXE]XVHLQN|QQHQ Dinge nicht sehen oder hören, die sie sehen oder hören sollten." Selbst einfache motorische Reaktionen sind Bewusstseinsveränderungen unterworfen: "Wir spüren schwere Gegenstände in Händen, die nicht vorhanden sind und die unseren ausgestreckten Arm nach unten zwingen; wir fühlen magnetische Kräfte, die nicht existieren und die unsere ausgebreiteten Hände zusammen ziehen" (Kihlstrom, 1997, S. 326).
Die Anzeichen für Verhaltensänderungen im Bewusstsein (während der Hypnose) sind schlicht "Highlights" für das, was für viele Kliniker und Forscher ganz offensichtlich ist. Schon seit langem erfreuen solche Hinweise im Verhalten die Experimentatoren und dienen dem Wohlbefinden der Patienten. Nun hat es die neuere Wissenschaft ermöglicht, zusätzlich zur langen Liste von Verhaltenskennzeichen einige eher subtile, aber doch deutliche physiologische Kennzeichen hypnotischen Reagierens zu identifizieren, die von Menschen ohne hypnotische Fähigkeiten oder allein durch Entspannung oder Suggestion nicht hervorgebracht werden können.
Kirsch und Lynn (1995) gestanden zu: "Sollten physiologische Kennzeichen der Hypnose identifiziert werden können, dann würde das die Idee stützen, dass Hypnose ein einzigartiger veränderter Bewusstseinszustand ist" (S. 855). Im gleichen Aufsatz beharrten sie allerdings weiter auf ihrer soziokognitiven Position, indem sie behaupteten, "Hypnose" sei nichts weiter als soziale Beeinflussung, Suggestionen könnten mit oder ohne Hypnose befolgt werden und eine hypnotische Induktion vergrößere die Suggestibilität lediglich in geringem Masse. In ihrem Bemühen um Unterstützung für ihre skeptische Position bezüglich der Existenz physiologischer Kennzeichen der Hypnose zitierten sie Dixon und Laurence (1992, S. 50), die glaubten, dass der Rückschluss auf die "physiologische Besonderheit eines angeblichen K\SQRWLVFKHQ =XVWDQGV NHLQH 8QWHUVWX/ tzung finde aufgrund des "unglücklichen, aber üblichen Fehlens von Replikationen". Vielleicht überzeugte Dixons und Laurences Kritik an den psychophysiologischen Hypnose-Untersuchungen, bei denen versäumt worden war, eine "nicht-hypnotische Entspannungsgruppe" einzubeziehen, diejenigen mehr, die ausschließlich auf harte experimentelle Daten fixiert sind.
Diese Art der Fehlersuche stellt jedoch für den unvorsichtigen Forscher, der die Arbeit von Hilgard und Tart (1966) nicht kennt, eine mögliche Falle dar. Hilgard und Tart nutzten die nunmehr fast vergessene experimentelle Kontrolle der "Zustandsberichte", um die hypnotische Tiefe in ihren Forschungsreihen festzustellen, und bestätigen so das Phänomen spontaner Trance (vgl. auch H. Spiegel & D. Spiegel, 1977; H. Spiegel, 1998). Bei hypnotisierbaren Personen kann und wird spontane Trance in vielfältigem Kontext auch ohne formale Induktion eintreten, wie z. B. als Reaktion auf Entspannungsanweisungen oder auf Traumata. Indessen haben Dixon und Laurence ein weiteres, in diesem Zusammenhang konstruktives Element beigetragen. Ihrer Meinung nach bedarf es eher einer auf Aufmerksamkeit statt auf Entspannung beruhenden Induktion der Hypnose, um "wirklich physiologische Korrelate der Hypnose ausfindig zu machen". Dankenswerterweise sind diese wichtigen Probleme von der derzeitigen Forschung aufgegriffen worden.
Der Mythos des "besonderen Prozesses" und die hypnotische Tiefe
(KH ZLU XQV GHQ )DNWHQ X/ ber die hier hervorgehobenen Punkte zuwenden, ist es wichtig, den "besonderen Prozess", den Nick Spanos vor 15 Jahren initiiert hat, seines Nimbus zu entkleiden. Die Bezeichnung "besonderer Prozess" impliziert, dass ein hypnotischer Zustand etwas völlig Einzigartiges sein muss. Ungeachtet der Fülle an Fakten aus Hilgards Forschung, die zeigen, dass Hypnose für hypnotisch befähigte Menschen Teil des alltäglichen Lebens ist, konnte sich das Phantasiebild vom "besonderen Prozess" durchsetzen. Wie Kirsch und Lynn betonten, ließ man im soziokognitiven Lager die Etiketten "Zustand" und "Nicht- Zustand" in dem Moment weitgehend fallen zugunsten der Begriffe "spezieller Prozess" und "sozialpsychologisch", wo Nick Spanos (1982) den Ausdruck "spezieller Prozess" als Bezeichnung für den Trancezustand in Hilgards Neo-Dissoziationstheorie der Hypnose prägte. Diese Fehlbezeichnung "spezieller Prozess" ist sowohl für die Neulinge auf diesem Gebiet als auch für diejenigen, die seither versuchen, hypnotische Phänomene zu verstehen, ein Ärgernis. Das Etikett "spezieller Prozess" legt zu Unrecht einen Zustand nah, der im Alltag unter normalen Bedingungen nicht erreicht werden kann, und trüEWVRGHP)RUVFKHUGHQ%OLFNIX/ r spontane Hypnose und die Notwendigkeit, "Zustandsberichte" von Versuchspersonen zu erhalten (vgl. LeCron, 1953; Hatfield, 1961; Tart, 1963). Solche Berichte über die Tiefe der Hypnose fanden fruchtbare Verwertung in den klugen Untersuchungen der sechziger Jahre und sind jüngst in ausgeklügelterer Form von McConkey, Wende und Barnier (1999) wieder aufgenommen worden. Die Untersuchung von Hilgard und Tart (1966), die den signifikanten Effekt einer hypnotischen Induktion auf die Ansprechbarkeit durch Suggestion im Gegensatz zu bloßer Suggestion im Entspannungszustand zeigt, ist nur eines von mehreren hervorragenden Beispielen. Zustandseinschätzungen auf einer Skala von 0 bis 3 ermöglichen es, die hypnotische Reaktion zu untersuchen. Versuchspersonen sollten die Frage nach ihrem "Zustand" mit "0" beantworten, wenn sie sich im üblichen, normalen, hellwachen Zustand fühlten, mit "1", wenn sie sich sehr entspannt oder "weggedämmert" fühlten, so, als würden sie gleich einschlafen, mit "2", wenn sie ihren Zu-stand als leicht hypnotisiert empfanden, und mit "3", wenn sie sich tiefer hypnotisiert fühlten. Da die Tiefe der Hypnose im Verlauf einer Sitzung oft schwankt, wurden die Aussagen während der Sitzung oft wiederholt erbeten, gewöhnlich vor und nach einer Test-Suggestion. In der Studie von Hilgard und Tart (1966) beispielsweise wurden die Testpersonen, wenn sie wach waren und sich mit "1" einstuften, so lange weiter geweckt, bis ihre Einstufung bei "0" lag. Beim jüngsten, von McConkey und Kollegen (McConkey, Wende & Barnier, 1999; McConkey, Szeps & Barnier, 2001) entwickelten Versuch, hypnotische Tiefe zu messen, wurden die Versuchspersonen gebeten, auf einer Wählscheibe ihre unterschiedlich stark erlebte hypnotische Tiefe einzustellen, so, wie sie sie während des Verlaufs der Hypnose bei den Test-Aufgaben empfanden. Die Versuchspersonen wählten eine hohe Zahl, wenn sie anzeigen wollten, dass sie tiefere Hypnose erlebten, und eine kleinere Zahl, wenn ihre Hypnose weniger tief war. Da Angaben zur Verfügung stehen für die Induktion, also das Erteilen der Suggestion, für die Reaktion der Teilnehmer auf die Suggestion, füUGLH5X/ cknahme der Test-Aufgaben und für das Erwachen aus der Hypnose, ist die Möglichkeit gegeben, Spielarten der
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physiologischen Anzeichen hypnotischer Erfahrung festzuhalten. Eine überarbeitete Version dieser klug durchdachten und viel versprechenden Technik wird derzeit bei uns und in anderen Forschungseinrichtungen verwandt. Endlich beginnen wir mit dem Versuch, hypnotische Reaktionen in ihrer Komplexität biologisch zu quantifizieren.
Natürlich vergewissern sich Therapeuten routinemässig, dass eine angemessene hypnotische Tiefe erreicht ist, ehe sie von einer Person schwierige Reaktionen verlangen, wie sie beispielsweise bei medizinischen Eingriffen nötig werden können. Unglücklicherweise haben Forscher Berichte über die Erlebnisstärke und über spontane Hypnose ignoriert, aus denen man von der Suggestion auf die genaue hypnotische Reaktion hätte rückschließen können.
Jack und Josephine Hilgard, Herb und Dave Spiegel, Erika Fromm, Ron Shor, Jack und Helen Watkins, Michael Nash, Marianne Barabasz und ich wie auch viele andere haben immerzu das Kontinuum von hypnotischen Trancezuständen und Alltagserfahrungen gesehen. So weiss man seit langem, dass schlichte Dissoziationen wie absorbierende Vorstellungen z. B. und komplexere Phänomene wie spontane Hypnose existieren und dass diese immer wieder von uns, die wir mit klinischer Hypnose zu tun haben, sowohl unter Versuchsbedingungen als auch im Alltag festgestellt worden sind. Die Tatsache, dass hypnotische Trance-Erlebnisse im Alltag vorkommen, sollte nicht dahingehend gewertet werden, dass hypnotische Trance sich nicht auf besondere Weise von nicht vorhandener Trance oder von dem unterscheiden liesse, was oft als Wachzustand bezeichnet wird. Die Fülle alternativer Bewusstseinszustände bedeutet nicht, dass diese sich gleich seien. Schließlich handelt es sich auch bei Äpfeln und Orangen um verschiedene Früchte, selbst wenn sie im gleichen Obstkorb liegen.
Die neue Hirnforschung bringt neue Erkenntnisse
Etliche neuere Untersuchungen widerlegen Kirsch und Lynn's (1995) Behauptungen, dass 1) Hypnose nichts weiter sei als soziale Einflussnahme, dass es 2) keine physiologischen Kennzeichen hypnotischer Reaktion gebe und dass 3) die Struktur hypnotischer Kommunikation unwichtig sei bei der Bestimmung hypnotischer Reaktionen.
Zunächst einmal muss betont werden, dass der Schwerpunkt der heutigen Erforschung von Reaktionen des Gehirns auf Hypnose nicht dem Versuch gilt, eine vereinfachende eindimensionale EEG-"Signatur" eines einzigen, besonderen hypnotischen Zustands per se aufzudecken. Hypnose ist derart komplex, dass wir stattdessen sowohl das Besondere als auch das Individuelle des Reagierens auf Hypnose in Betracht ziehen mX/ ssen. Mit dem Begriff einer einzigartigen Hirn-"Signatur" der Hypnose wie dem eines "speziellen Prozesses" wird ein Strohmann aufgebaut, und zwar von denjenigen, die Hypnose wieder als soziales Konstrukt etablieren möchten. Indem man eine eindimensionale ³6LJQDWXU´IRUGHUWWULYLDOLVLHUt man Bedeutung und Komplexität hypnotischer Reaktionsweisen.
Ernest R. Hilgard (persönliche Mitteilung etwa 1989) fragte sich, ob sie (Chaves, Kirsch, Lynn und Spanos) vielleicht erwarteten, dass auf der Stirn desjenigen, der Hypnose erlebt, ein Licht aufblitze, damit die Existenz des hypnotischen Zustands zu verstehen sei. Überraschenderweise wurde durch EEG und bildgebende Verfahren Licht in diese Problematik gebracht. Die überzeugend und positiv beantwortete Frage lautet: Gibt es physiologische Kennzeichen, die unmittelbar den vom Subjekt empfundenen Zustand wiedergeben, wenn dieses auf eine hypnotische Induktion reagiert, sei sie nun formell durch einen Hypnotiseur erfolgt, selbst eingeleitet oder spontan eingetreten.
EEG-Untersuchungen ereignisbezogener Potentiale
Die Richtung der EEG-Untersuchungen in der Gruppe um Barabasz spiegelte die Interessen von Dave Spiegel, Jack Hilgard und anderen wider. Es ergab sich Übereinstimmung hinsichtlich der Frage, ob hypnotisierbare Personen, die einer hypnotischen Induktion unterzogen werden (in hinreichender Tiefe, um der speziellen Aufgabe gerecht zu werden), im EEG Veränderungen in ereignisbezogenen Potentialen (ERP) zeigen, die ihrem subjektiven Erleben entsprechen.
Derartige ERP-Veränderungen können physiologisch von den Effekten der Suggestion, der Entspannung und der Erwartungshaltung unterschieden werden. Jüngst gipfelte unsere (A. Barabasz, M. Barabasz, Jensen, Calvin, Trevisan &Warner, 1999) über 20 Jahre dauernde EEGereignisbezogene Hypnose-Forschung darin, den Mythos der Nicht-Replizierbarkeit (Dixon & Laurence, 1992; Spanos & Coe, 1992) physiologischer Kenn-
zeichen der Hypnose zu zerstören. Die Daten haben klar gezeigt, dass die offensichtlichen Unstimmigkeiten in der ERP-Hypnoseliteratur auf unterschiedliche Formulierungen der hypnotischen Suggestionen zurückgeführt werden können. Suggestionen unter Hypnose zur Nicht-Wahrnehmung eines Reizes vergrößerten die ERP-Reaktion, während Suggestionen zum Blockieren (zur Dämpfung) eines Reizes die ERP-Reaktion abschwächten, im Gegensatz zu Suggestionen ohne Hypnose.
Die Ergebnisse waren außergewöhnlich (vgl. Abb. 1). Nachdem die Formulierung als we-
sentlich für das Ergebnis erkannt worden ist, sind die physiologischen Kennzeichen der Trance konsistent, logisch und dauerhaft interpretierbar. Es wurden die Auswirkungen SRVLWLYHUEHKLQGHUQGHU%ORFNLHUHQHLQHV5HL]HV>«VWHOO'LUYRUHLQ3DSSNDUWRQEOo-FNLHUW'HLQH6LFKWDXIGHQ%LOGVFKLUP«@ und negativer auslöschender (volllige ReizunempfindOLFKNHLW>«QXQNDQQVW 'XQLFKWV PHKUVHKHQX/ EHUKDXSWQLFKWVPHKU«@ Anweisungen auf visuelle und auditive P300 ERPs untersucht (Barabasz et al., 1999). Zwanzig Versuchspersonen wurden streng nach Hypnotisierbarkeit ausgewählt, indem sowohl die Harvard Group Scale of Hypnotic
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Susceptibility (HGSHS) (Shor & Orne, 1962) als auch die Stanford Hypnotic Susceptibility Scale, Form C (SHSS:C) zum Einsatz kamen. Durch wiederholten Einsatz von Hypnose wurde der Versuch unternommen, die Hypnotisierbarkeit der Teilnehmer vor der Einzeltestung und zwischen den Testsitzungen zu maximieren und zu stabilisieren. Alle hoch Hypnotisierbaren (mit Testwerten zwischen 9 und 12) erledigten die auditiven und visuellen Halluzinationsaufgaben des SHSS:C, was keinem schwach Hypnotisierbaren (mit Testwerten zwischen 0 und 3) gelang.
Hoch und gering Hypnotisierbare müssen sorgfältig voneinander unterschieden werden, damit die möglichen Unterschiede zwischen hypnotischem und nicht-hypnotischem Zustand zu Tage treten. Über hypnotische Reaktionen kann wenig gesagt werden, wenn die hoch und gering Hypnotisierbaren lediglich operational durch den Medianwert voneinander getrennt werden, insbesondere dann, wenn nur Gruppenwerte (typisch dafür die Harvard Group Scale) oder psychometrisch schwache individuelle Masse für Hypnotisierbarkeit benutzt werden (wie z. B. bei der Carlton University Suggestibility Scale). Die einfache Trennung nach hohen und niedrigen Testwerten ergibt für die Hypnoseforschung ein spezielles Problem, denn die Verteilung der Hypnotisierbarkeit in der Bevölkerung ist leptokurvig [eine nur schwach gekrümmte Normalverteilung; Anm. Hrsg.], was bedeutet, dass die meisten Versuchspersonen sich im Cluster um den Mittelwert gruppieren.
So ist es wahrscheinlich, dass eine Unterteilung am Median wohl Gruppen hoch und gering Hypnotisierbarer produziert, die sich nicht signifikant voneinander unterscheiden, womit der Unterschied zwischen hypnotischer und nicht hypnotischer Reaktion nicht entdeckt wird. Der Unachtsame kann dann fälschlicherweise den Schluss ziehen, die Befunde seien nicht der Hypnose, sondern bloss der Suggestibilität oder vielleicht auch nur der subjektiven Erwartung zuzuschreiben.
Hat man die Versuchspersonen erst einmal nach strengen Kriterien ausgewählt, dann werden sowohl die hoch als auch die gering Hypnotisierbaren gebeten, identische Aufgaben unter Wachsuggestion und unter Aktiv-Wachhypnose in ausgeglichener Form zu erledigen (Barabasz & Barabasz, 1996; Barabasz & Barabasz, 2000). Eine Aktiv-Wachhypnose-Induktion wurde anstelle einer traditionellen Entspannungsinduktion gewählt, um EEG-Effekte auszuschließen, die lediglich der Entspannung zuzuschreiben wären. Ornes (1979) "Real Simulator Design" [das "Wirkliche-Simulatoren-Design" vergleicht Nicht-Hypnotisierbare, die gebeten werden, dem Versuchsleiter echte Hypnose vorzuspielen, mit hoch Hypnotisierbaren, die tatsächlich in Trance sind; Anm. Hrsg.] wurde eingesetzt, um bei den hypnotisierbaren Versuchspersonen jene Effekte zu untersuchen, die eher der hypnotischen Reagibilität zuzuschreiben sind, als jene, die eher reine "Artefakte" aus dem experimentellen sozialpsychologischen Kontext oder situationale Variablen darstellen oder die auf die Erwartungen sowohl der Versuchspersonen als auch der Versuchsleiter zurückzuführen sind. Hoch Hypnotisierbare zeigten signifikant größere ERP-Amplituden, während sie negative Halluzinationenerlebten, und signifikant niedrigere ERP-Amplituden während positiver, blockierender Halluzinationen, im Gegensatz zu den gering Hypnotisierbaren, (die versuchten, hypnotische Reaktionen auf Suggestionen vorzugeben) und im Vergleich zu ihren eigenen Imaginationen im Wachzu-stand. Die Daten zeigten, dass eher stärkere physiologische Kennzeichen der Hypnose auftauchen, wenn die Reaktionen zeitlich mit den Ereignissen verknüSIW VLQG 'LHVH QDFK ]ZHL 6HLWHQ DXVJHULFKWHWHQ (53V LP *HJHQVDW] ]X HLQHU HLQVHLWLJHQ Ã6LJQDWXU des hypnotischen Zustands, variierten ständig je nach Art der Suggestion im Anschluss an die hypnotische Induktion und zeigten unmittelbare Veränderungen im Bewusstsein an, die dem subjektiven Erleben der Wahrnehmungsveränderungen bei den Teilnehmern deutlich entsprachen. Die ERP-Effekte zeigten sich nicht bei gering Hypnotisierbaren, nicht aufgrund von sozialem Einfluss (indem sie Reaktionen auf Suggestionen vorzugeben versuchten) und auch nicht bei den hoch Hypnotisierbaren im Wachzustand. Diese Ergebnisse wurden in anderen Untersuchungen von Calvin (2000) und Jensen (2001) zur Gänze repliziert. Die Forschung hat also gezeigt: Berücksichtigt man die Art der Suggestion [negativ versus positiv blockierend] nach der hypnotischen Induktion, so ergibt sich bei Dutzenden von Forschern weltweit eine bemerkenswerte Konsistenz der Ergebnisse.
Kirsch und Lynn (1995) zielten auf die Ericksonsche Hypothese bezüglich der Unterschiede in der Effektivität direkter versus permissiver Suggestionen und behaupteten, die Struktur hypnotischer Kommunikation sei von geringer Bedeutung. Die Untersuchung von A. Barabasz et al. (1999) sollte aber nicht unmittelbar Ericksonsche indirekte im Gegensatz zu autoritären Suggestionen untersuchen. Wie Peter und Revenstorf (2000) indessen schlüssig hervorheben, ist die den Stimulus verdrängende Suggestion "Sie können nichts sehen" gewiss eine direkte Suggestion, während der "die Sicht blockierende Pappkarton" als indirekte Suggestion angesehen werden kann. "Indirektheit ist weit umfassender als bloß permissive Kommunikation³ (Peter & Revenstorf, 2000). In Übereinstimmung mit Hoppe (1985) und Bongartz (1997) machen unsere replizierten Ergebnisse deutlich, dass das überlieferte klinische Wissen um die Bedeutsamkeit der Suggestionsformulierung nunmehr durch zahlreiche psychophysiologische Untersuchungen gestützt wird.
Das nächste Forschungsvorhaben sollte die Untersuchungen von Barabasz et al. (1999) sogar noch weiter untermauern. Es wurde das gleiche grundsätzliche Vorgehen befolgt wie in der Untersuchung von 1999. Hier (Barabasz, 2000) wurde nun 1) der Hypnotisierbarkeits-Test völlig getrennt von der Untersuchungs-Durchführung; 2) wurden die ERP-Reaktionen auf die Suggestionen sowohl mit als auch ohne formelle Hypnose-Induktion untersucht, und 3) wurde spontane Hypnose berücksichtigt (wenn hypnotisierbare Versuchspersonen ihre hypnotischen Fähigkeiten einsetzen und auf ihre eigene Art und Weise auf Suggestionen reagieren, auch ohne formelle Induktion, oder anders geartete hypnotische Reaktionen zeigen, d. h. Reaktionsweisen, die sich von den vom Versuchsleiter vorgegebenen unterschieden); diese spontane Hypnose wurde durch unabhängige postexperimentelle Befragung ermittelt. Trotz der bescheidenen Anzahl von Testpersonen (N=10), die für diese Studie zur Verfügung standen, zeigten die Ergebnisse, dass nur die hypnotisierbaren Probanden, im Gegensatz zu den nicht hypnotisierbaren, in der Lage waren, ihr EEG und ihre ERPs als Reaktion auf eine hypnotische Induktion und Suggestion abzuschwächen, was völlig übereinstimmt mit den vorangegangenen Untersuchungen, die wir an der Washington State Universität durchgeführt haben (Barabasz et al. 1983, 1999, 2000), denen von DePascalis in LaSapienza in Rom (DePascalis, 1999) sowie David Spiegels in Stanford (Jasiukaitis, Nouriani & Spiegel, 1996; Spiegel et al. 1985, 1989).
Die Untersuchung (Barabasz, 2000) zielte darauf ab, die Hypnotisierbarkeitstests (6 bis 9 Monate zuvor) völlig vom Untersuchungszusammenhang zu trennen. Wie konnten die hoch Hypnotisierbaren ihr Bestes in der Suggestionsbedingung "zurückhalten" (Zamansky, Scharf & Brightbill, 1964), wenn sie keine Kenntnis hatten, dass es sich um ein Hypnose-Experiment handelte oder dass
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[Monate später] Hypnose eingesetzt werden sollte, wenn nach der Suggestion nur Messungen vorgenommen wurden? Die Werte zeigten, dass lediglich die hypnotische Induktion mit Massnahmen zur Absicherung angemessener hypnotischer Tiefe es den hoch Suggestiblen, nicht aber den gering Hypnotisierbaren ermöglichte, ihre ERPs als Reaktion auf die hypnotische Induktion plus Suggestion signifikant abzuschwächen. Dies war jedoch als Reaktion auf eine alleinige Suggestion nachweisbar. Darüber hinaus trägt der Einsatz von Aktiv-Wachhypnose dazu bei, sicherzustellen, dass die Befunde auf Hypnose und nicht auf nicht-hypnotische Entspannung zurückzuführen sind.
Im Licht der Untersuchungsergebnisse, dass ERP-Werte unter Hypnose signifikant verändert werden konnten, nicht jedoch mittels identischer Suggestionen ohne hypnotische Induktion, scheint doch die soziokognitive Auffassung widerlegt, dass das, was mit Hypnose erzielt werden kann, allein der Suggestion zu verdanken ist. Während es scheint, als müsse eine angemessene hypnotische Tiefe gewährleistet sein, ehe von einer Versuchsperson zu erwarten ist, dass sie in Hypnose eine schwierige Aufgabe erfüllt (Barabasz & Barabasz, 1992), zeigte eine hoch hypnotisierbare Versuchsperson in der Studie von Barabasz (2000) fast identische Reaktionen unter beiden Bedingungen. Die Befragung nach der Untersuchung ergab, dass keine der Versuchspersonen sich bewusst gewesen war, an einer Hypnose-Untersuchung teilzunehmen, ehe nicht die zweite Einverständniserklärung gegeben wurde, in welcher die Hypnose-Induktion beschrieben war.
Aufschlussreich war die Befragung allerdings für jene hoch hypnotisierbare VP, die sowohl mit als auch ohne Hypnose ähnliche ERP-Werte gezeigt hatte. Sie bemerkte: "Als ich die Anweisung erhielt, so zu tun, als hätte ich Stöpsel in den Ohren, tat ich einfach das, was ich als Kind gelernt hatte." "Erzählen Sie mir etwas darüber", meinte der unabhängige postexperimentelle Befrager (der mit keinem weiteren Teil der Untersuchung etwas zu tun hatte). "Also, wenn ich von meinem Vater für irgendetwas einen Klaps bekam, konnte ich den Schmerz ausschalten, indem ich geistig an einen anderen Ort ging. Das habe ich auch während der Suggestion gemacht - genau so wie im Hypnoseteil." Diese Antwort scheint das klassische Beispiel einer spontanen Hypnose mit offensichtlicher Dissoziation zu schildern, wie sie erstmalig vor annähernd 40 Jahren von Hilgard und Tart (1966) beschrieben und von Josephine Hilgard (1974) näher erklärt wurde.
Therapeuten, die Hypnose konsequent bei schwierigen Fällen einsetzen, beobachten häufig, dass hypnotisierbare Patienten den hypnotischen Zustand in ihrer ganz eigenen Weise nutzen, anstatt sich sklavisch an die Anweisungen zu halten. Diese eine hoch hypnotisierbare Versuchsperson reagierte sowohl auf die Suggestion ohne Hypnose als auch auf die Hypnose plus Suggestion, indem sie sich mittels einer früher erlernten dissoziativen Reaktion in einen selbsthypnotischen Zustand begab, um die Reize einfach abzuschwächen, statt sich die Verwendung von Ohrstöpseln vorzustellen. Wie Kihlstrom (1987) schon beobachtete, können individuelle Unterschiede über eine experimentelle Maßnahme hinausgehen. Allerdings sollte dieses Beispiel einer spontanen Selbsthypnose keineswegs als Begründung dafür genommen werden, dass Therapeuten sich nicht um eine angemessene hypnotische Tiefe bemühen sollten, ehe sie schwierige Suggestionen zu geben versuchen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Suggestion und Erwartung nicht ausreichend waren, um ohne Hypnose eine schwierige Reaktion hervorzurufen. Nur diejenigen, die ihre Fähigkeit zur Hypnose gezeigt hatten, waren in der Lage, solche Veränderungen zu erzielen, die mit starken physiologischen Kennzeichen der Hypnose einhergingen. Diese Kennzeichen spiegelten direkt eine Veränderung des Bewusstseins wider, die dem subjektiven Erleben der Wahrnehmungsveränderung der Teilnehmer entsprach.
Bildgebende Verfahren zeigen spezifische Effekte im Gehirn
Unsere oben angeführten EEG-Untersuchungen sind offenbar als Durchbruch in der Forschung angesehen worden, was eine Reihe von Auszeichnungen belegt. Dennoch wurden sie von der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) abgelöst, einem bildgebenden Verfahren, durch das sich die Wirkungen der Hypnose im Gehirn deutlicher darstellen lassen. Diese ebenfalls mit Auszeichnungen bedachte Forschungsrichtung würdigt und bestätigt unsere ERP-Untersuchungen, da sie konsistent diejenigen Konzepte widerlegt, die Hypnose als bloßes soziales Geschehen oder als ein Arrangement von Erwartungen im Zusammenhang mit Placebo-Reaktionen darstellen. Die Positronen-Emissionstomographie (PET) hat unser Verständnis hypnotischer Zustände erhellt, indem sie zeigte, dass sich die Auswirkungen von Trance in neuronaler Aktivität im Gehirnstamm, im Thalamus und im anterioren cingulären Cortex widerspiegeln. Es wurde immer wieder gezeigt, dass hypnotische Analgesie die Aktivität des anterioren cingulären Cortex reduziert, den somatosensorischen Cortex, in welchem die sensorischen Schmerzempfindungen verarbeitet werden, indessen unbeeinflusst lässt. So wird erkennbar, dass die analgetischen Effekte der Hypnose in höheren Hirnzentren ablaufen (Rainville, Duncan, Price, Carrier & Bushnell, 1997; Rainville, Hofbauer, Paus, Duncan, Bushnell & Price, 1999; Rainville, Hofbauer, Bushnell, Duncan & Price, 2002; Szechtman, Woody, Bowers & Nahmias, 1998).
Die Ergebnisse stützen Herbert und David Spiegels (1978, S. 23) Konzept der Hypnose als eines ÄZustands aufmerksamer, rezeptiver, intensiver fokussierter Konzentration bei gleichzeitig herabgesetzter peripherer Bewusstseinslage ... eine Funktionsweise des wachen Individuums, das seine Kapazität einsetzt, um sich maximal einem einzigen Punkt in Raum und Zeit zu widmen und dabei die Hinwendung zu anderen Punkten in Raum und Zeit zu minimieren." Die Veränderungen in Hypnose finden auf der exekutiven Funktionsebene statt, eine Sicht, die mit Hilgards (1977, 1989) Neo-Dissoziationstheorie übereinstimmt. Der anteriore cinguläre Cortex ist bei solchen exekutiven Funktionen beteiligt, die es einem Menschen erlauben, die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Reizkonstellation zu konzentrieren (Awh & Gehring, 1999). Beispielsweise kann man so vollständig in einen Vortrag, einen Film oder die Lektüre eines Buchs vertieft sein, dass man völlig dissoziiert ist von ablenkenden Reizen, die andernfalls Erregung hervorrufen könnten (Barabasz, 1982; Hilgard, 1974, 1979).
EEG- und PET-Befunde stimmen überein
Die Daten aus EEG-Untersuchungen ereignisbezogener Potentiale (ERP) (Barabasz & Lonsdale, 1983; Barabasz et al., 1999; Barabasz, 2000; Gruzelier, Gray & Horn, 2002; Spiegel et al., 1985; Spiegel & Barabasz, 1989) zeigen nach einer Hypnose-Induktion zur blockierenden Halluzination visueller wie auditiver Reize anhand der ERPs Bewusstseinsveränderungen, die stark den subjektiv erfahrenen Wahrnehmungsveränderungen der Teilnehmer entsprechen. Diese Entdeckung stimmt mit den Forschungen
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von Szechtman et al. (1998) überein, wonach bei Versuchspersonen mit hypnotischen Fähigkeiten der anteriore cinguläre Cortex an den Halluzinationen beteiligt ist, nicht aber an der einfachen Vorstellung von äußeren Reizen.
Weiterhin zeigten die Befunde der Untersuchungen von Rainville et al. (1997) über den anterioren cingulären Cortex, dass dessen Aktivität eng mit der subjektiven Erfahrung des emotionalen Anteils eines experimentell induzierten Schmerzreizes übereinstimmt, nicht aber mit dem sensorischen Anteil. Auch der überzeugendste, mit den neuesten Ergebnissen aus ganz verschiedenen Forschungseinrichtungen wiederum völlig übereinstimmende Beweis, der die alte Argumentation sozialer Einflussnahme ausser Kraft setzt, entstammt der brillianten und preisgekrönten Farbwahrnehmungs-PET Untersuchung von Kosslyn, Thompson, Costantini-Ferrando, Alpert und D. Spiegel (2000). Nur in Hypnose waren die links- und rechtshemisphärischen Farbwahrnehmungszentren aktiviert, wenn Farbe wahrgenommen werden sollte, und zwar unabhängig davon, ob tatsächlich Farbe gezeigt wurde oder lediglich ein grau abgestufter Reiz. Anders als in einer Reihe weiterer bildgebender Hirnuntersuchungen wurden in der Studie von Kosslyn et al. nur jene Hirnareale analysiert, die man von vornherein für wesentlich hielt. Typischerweise werden bei Hirnuntersuchungen mittels bildgebender Verfahren Daten über das gesamte Hirn erhoben, was die Wahrscheinlichkeit statistischer Signifikanz erhöht, diewie zahlreiche Vergleiche ergeben ± bedeutungslos sein kann. Die Ergebnisse von Kosslyn et al. können nun bloß noch von Engstirnigen ignoriert werden.
Der springende Punkt ist der: Wenn die hypnotisierte Person die suggerierte hypnotische Halluzination als real wahrnahm, beeinflusste das die Durchblutung in der farbverarbeitenden Gehirnregion. Genau so verhielt es sich auch in unserer ERPUntersuchung einer auditiv blockierenden Halluzination (A. Barabasz, 2000). Kosslyns Suggestion zur Farb-Halluzination gelang nur nach einer Hypnoseinduktion. Für die bloße Imaginations-Instruktion, für welche die gleiche Suggestion wie in der nicht-hypnotischen Bedingung benutzt wurde, waren die Effekte im PET anders. Der einzige Unterschied in den beiden Untersuchungen bestand also im Einsatz von Hypnose-Suggestionen und soziale Anforderungen zur Durchführung der Aufgaben waren identisch. So zeigte sich eine unterschiedliche Aktivierung des Gehirns, welche die subjektive Wahrnehmung der Versuchspersonen widerspiegelte. Das heisst, die Suggestion zur Farb-Halluzination nach einer Hypnose-Induktion zeigte entsprechend unseren ERP-Befunden nur in Hypnose Veränderungen im subjektiven Erleben, die sich in der veränderten Hirnfunktion widerspiegelten.
Hieraus lässt sich der Schluss ziehen, dass Hypnose ein psychologischer Zustand mit unterscheidbaren neuronalen Indikatoren ist und nicht einfach das Ergebnis einer Rollenübernahme unter sozialem Einfluss. Wie William James (1890) schrieb: "Um zu widerlegen, dass alle Krähen schwarz sind, muss man nur eine einzige weiße Krähe finden." A la longue sieht es so aus, als hätten wir schon einen ganzen Schwarm weißer Krähen, was selbst der Kurzsichtigste zugeben muss.
Die Rolle des sozialen Einflusses
Es ist wichtig, anzuerkennen, dass all diese hoch konsistenten Ergebnisse nicht der Auffassung widersprechen, sozialer Einfluss, Erwartung und Kontext könnten von Nutzen dabei sein, die Behandlungsergebnisse bei Patienten zu verbessern. Entscheidend ist einfach, dass Hypnose per se bestimmte Reaktionen von größerer Reichweite ermöglichen kann, die sich auf physiologischer Ebene unterscheiden von solchen, die nur mittels "Suggestibilität" oder sozialer Einflussnahme erreicht werden. Die Ergebnisse verdeutlichen konsistent, dass Hypnose viel mehr ist als schlichte oder auch komplexe sozial und durch Erwartung beeinflusste Reaktion auf Suggestion. Killeen und Nash (2003) erinnerten die wissenschaftliche Gemeinschaft an Ergebnisse, die zeigen, dass Reaktionen auf Hypnose mit den meisten Arten von Suggestibilität nicht korrelieren. Diejenigen, die auf Hypnose reagieren, sind nicht üblicherweise leichtgläubig und sie reagieren auch nicht bereitwilliger auf Placebos, sozialen Druck oder Autoritätspersonen. Es ist nun mehr als klar, dass es wissenschaftlicher Überprüfung nicht standhält, wenn man darauf beharrt, der "Suggestibilität" all das zuzuschreiben, was durch Hypnose zustande gebracht werden kann, wie beispielsweise der Glaube, die Erde sei eine Scheibe. Es ist an der Zeit, die Realität von Trancezuständen anzuerkennen, und das gerade auch dann, wenn wir uns weiterhin für unsere Patienten so gut wie möglich in der Kunst üben wollen, in angemessener Weise sozialen Einfluss, Erwartungshaltung, Kontext und zahlreiche andere Variablen für optimale Ergebnisse zu nutzen.
Schlussfolgerung
Im Licht der nunmehr vorliegenden überwältigenden neurophysiologischen Daten muss sich das ausschließliche "Nicht-Zustands"-Konzept wie der Elefant in der Fabel in irgendeinen entlegenen Urwald zum Sterben zurückziehen, wenn die Hypnose für die Forschung im Allgemeinen und für Psychologie und Medizin im Besonderen glaubwürdig sein soll.
Killeen und Nash (2003) folgern, wir sollten uns nunmehr auf die "hypnotische Situation" konzentrieren. Sie meinen den "hypnotischen Zustand" (HS), in welchem die Reaktionen des Probanden charakteristisch sind und sich unterscheiden von Reaktionen außerhalb dieses Zustandes." Die Argumentation Zustand versus Nicht-Zustand müsse dem Studium der "verschiedenen Kombinationen von notwendigen Ursachen, die das Phänomen hervorbringen" (Killeen & Nash, 2003) den Vorrang geben. Der wirkungsvollste Einsatz der Hypnose bei der Behandlung unserer Patienten wird vermutlich immer ein vielschichtiges Zusammenspiel verschiedenster Gebiete beinhalten, sowohl was hypnotische Zustände als auch was sozialen Einfluss und andere Bedingungen anbetrifft. Des ungeachtet zitieren Killeen und Nash (2003) William James (1890, S. 600): "Selbst die besten hypnotischen Probanden gehen durchs Leben, und niemand vermutet, dass sie eine derart bemerkenswerte Empfänglichkeit (Fähigkeit) besitzen, bis sie durch ein entsprechendes Experiment zutage tritt." Dann sind sie hypnotisiert, und "keine gewöhnliche Suggestion des wachen Lebens hat jemals eine derartige Kontrolle über ihren Geist übernommen."
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Nachdruck mit Genehmigung der M.E.G.: Hypnose und Kognition (www.meg-hypnose.de)
Zusammenfassung
Dieser Artikel stellt grundlegende Gedanken zu einer Theorie der Hypnose vor und fasst neurowissenschaftliche Befunde, die für diese Ansicht sprechen, zusammen. Die Theorie basiert auf dem Gedanken, dass Hypnose die Aufmerksamkeit moduliert. Hierdurch wird a) das Gleichgewicht zwischen den Komponenten der Aufmerksamkeit derart verlagert, dass das exekutive System eine intensive Fokussierung auf internal erzeugte Vorstellungsbilder ermöglicht; b) das Gefühl, Verursacher von Handlungen zu sein, durch die Veränderung in der aufmerksamkeitsgerichteten Verarbeitung reduziert; c) die Erwartungshaltung während der Wahrnehmungsverarbeitung durch die Vorstellungsbilder, auf die fokussiert wird, beeinflusst, was wiederum die Wahrnehmung selbst beeinflussen kann. Die hypnotisch induzierte Fokussierung auf die Erwartung, spezifische Stimuli zu erhalten, ist so stark, dass sie zu stabilen Illusionen führen kann oder dass vorhandene Wahrnehmungsobjekte in den Bereich außerhalb der bewussten Wahrnehmung verlegt werden. d) Das Ergebnis einer derartigen Verarbeitung ist, dass Personen unter Hypnose eher Wahrnehmungen manipulieren und auf Wörter reagieren, als Wörter zu manipulieren und auf Wahrnehmungen zu reagieren, wie das üblicherweise der Fall ist. Übereinstimmende Forschungsergebnisse bekräftigen die Tatsache, dass hypnotische Instruktionen, die Wahrnehmung
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zu verändern, zu kongruenten Veränderungen in den entsprechenden sensorischen Cortices führen, so dass die wahrgenommenen Veränderungen als real erscheinen. Ferner beeinflussen hypnotische Instruktionen zur Änderung der Reaktion auf sensorischen Input die Aktivierung der anterioren und mittleren Bereiche des Gyrus cinguli, was wiederum darauf Einfluss nimmt, wie die Aufmerksamkeit auf Stimuli und ihre Bedeutung gerichtet wird.
1. Einführung
Hypnose ist ein Zustand hoch-fokussierter Aufmerksamkeit, verknüpft mit einer Ausschaltung der peripheren Wahrnehmung. Diese Fähigkeit zu intensiver Aufmerksamkeit unter gleichzeitiger Reduktion des Bewusstseins für das Umfeld kann nicht nur die hypnotischen Erfahrungen intensivieren, sie ermöglicht außerdem, dass sich die Bedeutung dieser Erfahrungen abändert, indem das Assoziations-Gefüge, welches Wahrnehmung und Kognition verbindet, verändert wird.
Hypnose als solche bringt eine Bündelung des Aufmerksamkeits-Fokus mit sich (Spiegel, 1998), vergleichbar mit dem Blick durch ein Tele- statt durch ein Weitwinkelobjektiv. Zusätzlich bringt Hypnose eine Aufhebung des kritischen Urteilsvermögens mit sich, was zu einer Verminderung der Genauigkeitsbewertung führt. In der Tat stärkt hypnotisch induzierte Hypermnesie eher das Vertrauen in die Erinnerung als die Genauigkeit derselben. Sie stärkt das Vertrauen auf das Gedächtnis mehr, als dass sie tatsächlich die Produktion neuer Erinnerungen bewirken würde (Dywan & Bowers, 1983; Spiegel & Scheflin, 1994; Spiegel, 1998). Zudem verändert hypnotische Erfahrung sowohl Kontext wie Inhalt, das Assoziations-Gefüge für die Wahrnehmung (ihre Bedeutung) wie die Wahrnehmung selbst, analog der Veränderung sowohl des Leidens wie der Schmerzempfindung [des affektiven und sensorischen Aspekts] bei der Analgesie. Obwohl wir keine "Gehirn-Signatur" des hypnotischen Zustands per se identifiziert habenfalls eine solche überhaupt existiert -, nimmt die Überzeugung zu, dass Hypnose eine Aktivierung im anterioren Aufmerksamkeits-System, insbesondere im anteriorenGyrus cinguli, mit sich bringt, und dass hypnotische Veränderung der Wahrnehmung eine Änderung der elektrischen Gehirnaktivität und der Durchblutung in den entsprechenden sensorischen Cortices erzeugt. In diesem Artikel stellen wir eine Theorie der Hypnose vor, die teilweise durch jüngste neurowissenschaftliche Erkenntnisse begründet ist, und besprechen neuere, diese Theorie stützende Untersuchungen zur hypnotischen Veränderung von Wahrnehmung. Wir behaupten, dass Hypnose die aufmerksamkeitsbezogene und perzeptuelle Verarbeitung im Gehirn verändern kann. Für manche Menschen gilt dann zumindest zeitweise: Glauben ist Sehen.
2. Handlung und Kontrolle
Die Begriffsvorstellungen von Handlung und Kontrolle stellen den Kern unserer Theorie dar, die wir in den folgenden Abschnitten darlegen werden. Wir erläutern, wie hypnotische Veränderung der sensorischen Verarbeitung sowohl die verbale Verarbeitung als auch das Verursachergefühl ["sense of agency": Gefühl, Verursacher eines Gedankens oder einer Handlung zu sein; im Folgenden kurz als "Verursachergefühl" bezeichnet] beeinflusst.
2.1 Verbale versus sensorische Verarbeitung unter Hypnose
Hypnotische Veränderung der Wahrnehmung scheint eine erstaunliche Verbesserung der Kontrolle über Wahrnehmungsprozesse, die normalerweise als automatisch betrachtet werden, mit sich zu bringen. Allerdings wird Hypnose häufig so dargestellt, dass sie eine gesteigerte Automatisierung mit sich bringt, eine "Empfänglichkeit" für externe Kontrolle und die Erfahrung der Unwillkürlichkeit (Hilgard, 1965; Spiegel & Spiegel, 1987). Um dieses offenkundige Paradoxon aufzulösen, kann man sich zunächst vorstellen, dass das Gehirn in zwei sehr großskalige Systeme unterteilt ist: ein anteriores Effektor-System, das eine Interaktion mit der Umwelt ermöglicht, und ein posteriores rezeptives System, welches auf die Umwelt reagiert: motorische Aktivität versus Wahrnehmungsreaktion. Aus unserer Sicht ist die Interaktion zwischen diesen beiden großen Systemen der Schlüssel zum Verständnis der Hypnose. Betrachten wir zunächst die Forschungsergebnisse auf dem Gebiet des autobiografischen Gedächtnisses, die nahelegen, dass dieses auf einer hohen Aktivität im Frontallappen beruht, verknüpft mit einer Suchstrategie, die ihren Weg posterior, in Richtung auf eine Aktivierung von Vorstellungsbildern im Okzipitallappen nimmt (Maquet, Faymonville et al., 1999). Diese kontrollierte, gewünschte Aktivität ist absichtsvoll und mit dem Verursachergefühl assoziiert. Im Gegensatz dazu scheint bei der posttraumatischen Belastungsstörung (PTB) die Aktivierung von hinten nach vorne zu drängen, verbunden mit ungebetenen intrusiven Vorstellungsbildern, welche als unkontrollierbar und unwillkommen erfahren werden (Horowitz, Field et al., 1993). Bildgebende Verfahren haben gezeigt, dass die Gehirne von PTB-Betroffenen (Rauch & Shin, 1997) eine außergewöhnliche Aktivierung des Hippocampus (verDQWZRUWOLFK IX/ r die Kodierung neuer Informationen in Gedächtnisinhalte), der Amygdala (spielt eine Schlüsselrolle bei der Wahrnehmung und der Entstehung von Emotionen) und des okzipitalen Cortex (ist in die visuelle bildhafte Vorstellung von Objekten involviert) aufweisen, jedoch eine Hypoaktivierung des Brocaschen Zentrums, in dem Sprache vermittelt wird. Folglich sind tiefliegende und posteriore Anteile des Gehirns aktiviert, während ein großer Teil des Effektor-Systems, der Sprache, gehemmt ist, was sich zu dem bei PTB auftretenden Gefühl von Hilflosigkeit und Unwillkürlichkeit addieren könnte. Diese Betroffenen fühlen sich bewegungsunfähig und erneut traumatisiert durch ihre eigenen Erinnerungen.
2.2 Verursachergefühl und Wahrnehmung
Auf den ersten Blick mag der Gedanke, dass Handlung mit Wahrnehmung verbunden ist, kontraintuitiv erscheinen: Man könnte denken, dass das Verursachergefühl eher mit efferenter Aktivität als mit Wahrnehmung assoziiert werden sollte. Viele Menschen sind sich ihrer motorischen Leistung nicht bewusst, während sie diese ausführen: Schauspieler, Athleten, Menschen in "Flow"- Zuständen (Csikszentmihalyi, 1991). Folglich geht das Verursachergefühl nicht einheitlich mit Aktivität einher, auch nicht mit freiwilliger Aktivität. Diese Beobachtung legt nahe, dass wir das Gefühl der Handlungsverursachung am besten als eine Form von Wahrnehmung auffassen sollten - und nicht als Form motorischer Kontrolle. Auch wenn dieses Verursachergefühl am ehesten durch Handeln zum Ausdruck gebracht wird, wird es nicht als solches wahrgenommen, wenn die Wahrnehmung gehemmt ist. Gemäß dieser Sichtweise sollte das Verursachergefühl abnehmen, wenn die Wahrnehmungsverarbeitung mit intrusiven bildhaften Vorstellungen gesät-
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tigt ist ± oder durch eine hypnotische Instruktion zurückgelenkt wird. Tatsächlich kann es unter Hypnose zu Körperbewegungen kommen (Hilgard, 1977), ohne dass dabei eine Handlung wahrgenommen wird.
Die gut nachgewiesene Fähigkeit der Hypnose, Wahrnehmung zu verändern (wie beispielsweise Schmerzwahrnehmung), könnte für ihre weniger gut verstandene Eigenschaft verantwortlich sein, Identität, Gedächtnis, Bewusstsein und Selbstwahrnehmung zu verändern. Die Wahrnehmung motorischer Aktivität ist jedoch ein komplexer Prozess. Sie ist nicht nur einfach eine passive Bottom-up-Aufnahme kinästhetischer Signale, sondern bringt auch die aktive Bildung von Topdown-Signalen mit sich, d.h. die Erwartung, eine motorische Handlung wahrzunehmen, die man initiiert hat (aus diesem Grund können wir uns nicht selbst kitzeln). Folglich könnte eine sich verändernde Wahrnehmung zahlreiche Folgen haben, die Selbstwahrnehmung und Verursachergefühl in Bezug auf die eigenen Handlungen abändern, was von einer Störung des Empfangs sensorischer Signale bis hin zu einer Veränderung eigener Erwartungen reicht. Ausserdem kann Hypnose zu einer derart intensiven Erwartungshaltung gegenüber Stimuli führen, dass man den Stimulus tatsächlich selbst erzeugt, beruhend auf denselben Mechanismen, die zur Bildung mentaler Vorstellungsbilder verwendet werden (von Kosslyn (in Druck) als "Hyperpriming" bezeichnet).
Wie wird Wahrnehmung tatsächlich verändert? Nach unserer Auffassung vollziehen sich derartige Veränderungen indirekt, und zwar als Folge einer sich verändernden Aufmerksamkeit. Bei der Aufmerksamkeit handelt es sich nicht um einen einzelnen Prozess. Viele Wirkungen der Hypnose beruhen darauf, dass das Gleichgewicht der Aktivierung unter den verschiedenen Aufmerksamkeits-Systemen verlagert wird. Folglich müssen wir zunächst die Natur der Aufmerksamkeit näher betrachten, um Hypnose zu verstehen.
3. Aufmerksamkeits-Systeme
Posner und Kollegen (Posner & Petersen, 1990; Fan, McCandliss et al., 2002; Raz & Shapiro, 2002) schildern drei Aspekte der Aufmerksamkeit: exekutive, wachsame und orientierende Aufmerksamkeit. Die exekutive Aufmerksamkeit, die man benötigt, wenn man sich auf eine besondere Stelle konzentriert und darauf wartet, etwas zu entdecken, gleicht einem Scheinwerferlicht. Es handelt sich um gerichtete Aufmerksamkeit, die teilweise mit dem anterioren Gyrus cinguli und dem dorsolateralen präfrontalen Kortex zu tun hat. Die wachsame Aufmerksamkeit bringt eine schnelle Reaktion und die Inkaufnahme einer hohen Fehlerrate mit sich. Dieser Aspekt der Aufmerksamkeit ist an den rechten medialen Bereich des Frontallappens gebunden. Der dritte Aspekt der Aufmerksamkeit umfasst die Orientierung, die man benötigt, um ein aufblitzendes Signal zu orten, das zunächst im Augenwinkel gesehen wird. Dieses System betrifft die anterioren okzipital/posterioren parietalen Cortices. Diese Bereiche haben starke Verbindungen von und zu dem superioren Colliculus und dem Thalamus. Läsionen dieser Verbindungen führen zu Schwierigkeiten bei der Orientierung, beim Richten von Aufmerksamkeit auf ein Ziel und bei der Vermeidung von Zerstreutheit.
Walter und Mitarbeiter (Walter, Podreka et al., 1990) verglichen hypnotische Halluzinationen mit psychotischen Halluzinationen und fanden eine erhöhte Aktivität im Thalamus und eine verminderte Aktivität im Hippocampus (unter Einsatz von Einzelphotonemissions-Computer-Tomographie SPECT während hypnotischer Halluzinationen). Weiterhin gibt es Unterschiede in der Art der Orientierung mit einer rechtshemisphärischen Grundaktivität bezüglich globaler Verarbeitung und einer linkshemisphärischen Grundaktivität bezüglich lokaler Verarbeitung. Ein wichtiger (wenngleich nicht notwendiger) Aspekt des Hypnose-Induktions-Rituals sind die geschlossenen Augen des Teilnehmers. Ein Schließen der Augen kann wichtige Bereiche des posterioren Aufmerksamkeits-Systems hemmen (Marx, Stephan et al., 2003). Bahnen, die vom Thalamus in diese Region führen, sind eindeutig nachgewiesen worden, und der Thalamus spielt eine entscheidende Rolle bei der bewussten Wahrnehmung (Hobson, 2001). Folglich können die meisten hypnotischen Lidschluss Induktionen das Gleichgewicht der Aufmerksamkeit nach vorn in Richtung derjenigen Mechanismen verlagern, die das anteriore Cingulum betreffen, mit einer Bündelung der Aufmerksamkeits-Ausrichtung, wie sie typisch ist für die "Suchscheinwerfer"-Funktiondes exekutiven Systems (Posner & Petersen, 1990).
Diese Verlagerung in den entsprechenden Aktivitätsebenen der unterschiedlichen Aufmerksamkeits-Systeme würde die Aktivierung auf Kosten der (orientierenden) Erregung verstärken. Indem man das exekutive Aufmerksamkeits-System während des hypnotischen Rituals in Anspruch nimmt, ist es nicht länger für externe Stimuli aufnahmebereit. Diese Vorstellung könnte erklären, warum hypnotisierte Menschen visualisieren oder sich vorstellen können, dass sie an komplexen physikalischen Aktivitäten teilnehmen, sich aber gleichzeitig in Zuständen auffälliger körperlicher Entspannung befinden, in denen sie unempfänglich für Umweltreize sind und durch diese auch nicht erregt werden (Spiegel & Maldonado, 1999). Die Intensität der bildhaften Vorstellung, die trotz des Mangels an entsprechender körperlicher Aktivität vorhanden ist, wird durch eine Studie verdeutlicht, in welcher die hypnotisch-induzierte Aufnahme einer vorgestellten Speise zu einer 247%igen Steigerung der Magensäureproduktion führte, wohingegen hypnotische Entspannung ohne Essensaufnahme zu einer signifikanten Reduktion der Magensäure-Sekretion führte, und das sogar nach Verabreichung von Pentagastrin, das die Produktivität der Parietalzellen anregt (Klein & Spiegel, 1989).
Unserer Auffassung nach ist das Besondere bei der Hypnose, dass man nicht nur einfach auf internal erzeugte Vorstellungsbilder bei Ausschluß externer Stimuli fokussiert, sondern auch, dass diese internal erzeugten Vorstellungsbilder verarbeitet werden, als seien sie von außen empfangen worden - daher die Lebhaftigkeit hypnotischer bildhafter Vorstellung und das Phänomen der hypnotischen Halluzination, welche aus einer Ab- oder Zunahme der sensorischen kortikalen Aktivierung resultieren kann. Hypnose scheint in der Tat eine Umkehrung unserer üblichen Verarbeitung von Wörtern und Vorstellungsbildern mit sich zu bringen (Spiegel, 1998). Im Allgemeinen manipulieren wir Wörter und reagieren auf Vorstellungsbilder. Unsere verbalen Fähigkeiten sind Teil des anterioren Effektor-Systems und werden dazu benutzt, der Umwelt Reaktionen zu entlocken. Unter Hypnose jedoch reagieren wir auf Wörter und manipulieren Vorstellungsbilder. In hypnotischer Trance akzeptieren wir verbalen Input verhältnismässig unkritisch (was das Wesen der hypnotischen Suggestibilität darstellt). Gleichzeitig sind hypnotisierte Personen in besonderem Masse dazu fähig, Vorstellungsbilder und Wahrnehmungen zu transformieren.
Ein erheblicher Teil der Macht des hypnotischen Zustands umfasst die unkritische Akzeptanz von unplausiblen Dingen, wie beispielsweise die Fähigkeit, Schmerz zu reduzieren oder auszuschalten, auch wenn derselbe schmerzhafte Stimulus weiterhin vor-handen ist, oder sich das Unvorstellbare vorzustellen, visuelle Halluzinationen entstehen zu lassen oder im Lebensalter zu regredieren oder zu progredieren. In diesem Fall setzt sich die verbale Instruktion, die Erfahrung entsprechend zu verändern, über die kogni-
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
tive Verarbeitung der Wahrscheinlichkeit, dass sich eine solche Erfahrung tatsächlich ereignet, hinweg. Dieses Suchscheinwerfer-oder Fokussierungs-Konzept der Hypnose wird von neueren Forschungsergebnissen untermauert, die darauf hinweisen, dass Hypnose lexikalische Wahrnehmung wirksam aus dem Zusammenhang reißen und sogar die Verzögerung in der Reaktionszeit eliminieren kann, wie sie beim klassischen Stroop-Effekt auftritt.
In einem Experiment wurde hoch hypnotisierbaren Versuchspersonen suggeriert, dass die ihnen dargebotenen Wörter in einer Fremdsprache geschrieben seien und keine Bedeutung hätten (Raz, Shapiro et al., 2002). Dies eliminierte die normale Stroop-Verzögerung (verursacht durch die konkurrierende Verarbeitung der Inkongruenz zwischen Wortbedeutung und der Farbe, in der das Wort gedruckt ist [das Wort ROT in grüner Farbe geschrieben verursacht normalerweise eine kurze Verzögerung in der Aussprache; Anm. d. Hrsg.]). In einer weiteren Studie kam man zu ähnlichen Ergebnissen, und zwar unter Verwendung der hypnotischen Instruktion, nur einen Teil des Geschriebenen zu fokussieren (Nordby, Hugdahl et al., 1999), was mit früheren Arbeiten von Sheehan und Kollegen (Sheehan, Donovan et al., 1988) übereinstimmt. Die Änderung der Wahrnehmung hat also Vorrang vor der lexikalischen Verarbeitung. Kurz gesagt führt uns diese theoretische Betrachtungsweise zu den beiden folgenden Aussagen: Die Fähigkeit hoch hypnotisierbarer Personen, im hypnotischen Zustand ihre Wahrnehmung zu verändern (1) betrifft Gehirnstrukturen, die sowohl der Wahrnehmung, als auch der Aufmerksamkeit unterliegen und (2) steigert das Verursachergefühl bei der Manipulation von Empfindungen und Bildern, verringert das Verursachergefühl aber in Bezug auf verbale Verarbeitung. Die erste Aussage wird durch eine ganze Reihe von Studien belegt, nicht jedoch die zweite. Folglich können wir nun beweisen, dass Hypnose in der Tat Gehirnstrukturen in Anspruch nimmt, die der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit unterliegen.
4. Hypnotische Veränderung der Wahrnehmungsverarbeitung
Immer mehr Befunde sprechen dafür, dass es zu einer Veränderung in den primären sensorischen Assoziations-Cortices kommt, wenn hypnotisierte Personen ihre visuelle, somatosensorische, auditive oder sogar ihre olfaktorische Erfahrung verändern. Ältere Studien zeigten unter Nutzung ereigniskorrelierter Potentiale, dass beispielsweise Instruktionen zur hypnotischen Schmerzunempfindlichkeit die Amplitude der somatosensorischen Reaktion im parietalen Cortex reduzieren.
Jüngere Studien haben mithilfe von fMRI und PET eine bessere anatomische Lokalisierung und zeigen, dass zusätzlich zu den hypnotischen Effekten auf den sensorischen Cortex auch andere Teile des Gehirns involviert sind, die an selektiver Aufmerksamkeit beteiligt sind. Es handelt sich hier v. a. um Teile des anterioren und mittleren Gyrus cinguli, die bei der hypnotischen Analgesie und anderen sensorischen Veränderungen eine Rolle spielen.
4.1 Studien unter Nutzung ereigniskorrelierter Potentiale
Ereigniskorrelierte cortikale Potentiale (ERPs) haben eine weit verbreitete Anwendung gefunden bei der Untersuchung von Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeits-Verarbeitung. Diese Technik bewertet cortikale elektrische Reaktionen auf eine Reihe von Stimuli und liefert eine exzellente zeitliche Auflösung der Gehirn-Reaktion auf sensorischen Input, zeigt aber die räumliche Lokalisation weniger präzise, da die Messung durch die Pachymeninx [Hirnhaut], das Cranium und die Kopfhaut erfolgt. Die Amplitude der frühen Komponenten des ERP (100-200 ms nach dem Stimulus) gibt die Stärke und die Art (beispielsweise visuell versus auditiv) des Input-Signals wieder. Die Amplitude späterer Komponenten (200-500 ms nach dem Stimulus) wird durch Neuartigkeit, bewusste Wahrnehmung und Relevanz der Aufgabe erhöht (Hillyard & Munte, 1984; Ford et al., 1984). Die entscheidende Hypothese der mittels ERP untersuchten Hypnose besagt, dass es zu einer entsprechenden Abnahme der Amplitude des ERP-Antwortsignals gegenüber Stimuli kommen sollte - falls Hypnose eine Person dazu bringt, den perzeptuellen Input zu blockieren. In der Tat haben ERP Studien über die Wirkungen von Hypnose auf die Wahrnehmungsverarbeitung gezeigt, dass hypnotische Instruktionen zur Wahrnehmungsveränderung bei hypnotisierbaren und hypnotisierten Personen entsprechende Veränderungen in der Reaktion des Gehirns auf Stimuli in der entsprechenden sensorischen Modalität hervorrufen. ERP Studien deuten darauf hin, dass die Veränderung der Wahrnehmung unter Hypnose die Anteile der Wellenform verändert, welche sowohl von Aufmerksamkeit als auch von Bedeutung beeinflusst sind. Insbesondere führt eine hypnotische Halluzination, welche die Wahrnehmung von visuellen und somatosensorischen Stimuli hemmen soll, zu einer Abnahme der Amplitude der frühen (P100)- und späteren (P300) Komponenten der Wellenform-Reaktion (Barabasz & Lonsdale, 1983; Spiegel, Cutcomb et al., 1985; Spiegel, Bierre et al., 1989; Jasiukaitis, Nourini et al., 1996; De Pascalis & Carboni 1997; Barabasz, Barabasz et al., 1999; De Pascalis, Magurano et al., 1999). So bringt beispielsweise die subjektiv reduzierte Schmerzwahrnehmung, typisch für hypnotische Analgesie, eine verminderte ERP-Amplitude bezüglich somatosensorischer Stimulation mit sich. Für das visuelle System ist der gleiche Befund am linken okzipitalen Cortex lokalisiert worden (Jasiukaitis, Nouriani et al., 1996). Dies steht in Übereinstimmung mit Farahs Arbeit (Farah, Weisberg et al., 1990), die zeigt, dass die Erzeugung eines Vorstellungsbildes auf Prozessen beruht, die in dieser Region ausgeführt werden. Zusätzliche Untersuchungen haben gezeigt, dass hypnotisch blockierende Halluzinationen die Amplitude der Komponenten verringert, die aufmerksamkeitsbezogen sind (wie P100), sowie anderer, die es nicht sind (P200 und P300) (Spiegel, Cutcomb et al., 1985; De Pascalis & Carboni, 1997; Barabasz, Barabasz et al., 1999; Nordby, Hugdahl et al., 1999). Folglich scheint es während der hypnotischen Reduktion der frühen (P100)-Komponenten der ERPReaktion keinen besonderen Prozess zu geben, der sich von Unaufmerksamkeit während blockierender Halluzination unterscheidet (Hillyard & Munte, 1984; Jasiukaitis, Nouriani et al., 1996). Einfache gerichtete Unaufmerksamkeit und Hypnose sind jedoch nicht genau dasselbe: Gerichtete Unaufmerksamkeit erhöht die Amplitude der P200- und P300-Komponenten, wohingegen die hypnotische Hemmung sie verringert. Hypnose besteht also nicht aus einer schlichten Unaufmerksamkeit gegenüber einem Stimulus, sondern lässt vielmehr eine Konkurrenz zwischen internal erzeugter bildhafter Vorstellung und perzeptueller Verarbeitung entstehen, welche anschließend die Amplitude der ERP-Reaktion auf sensorischen Input reduziert (Spiegel, 2003).
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4.2 Studien unter Nutzung der Positronen-Emissions-Tomographie und der funktionellen Magnetresonanz-Tomographie Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und funktionelle Magnetresonanz-Tomographie ["functional magnetic resonance imaging"
fMRI] liefern Gehirnfunktionsmessungen mit weitaus größerer anatomischer Präzision, als sie durch elektrophysiologische Techniken erhalten werden können. Kosslyn und Kollegen (Kosslyn, Thompson et al., 2000) haben ein Experiment entworfen, um eine konkurrierende Hypothese auszuschließen, die behauptet, dass die Effekte hypnotischer Wahrnehmungsreduktion auf die Gehirn-Aktivität einfach nur das Ergebnis der Abwendung von Aufmerksamkeit von sensorischen Stimuli seien. Das Experiment verlangte fortwährende Aufmerksamkeit auf einen visuellen Stimulus und auf Veränderung in zwei entgegengesetzte Richtungen: das Hinzufügen von Farbe in ein Grauskalen-Muster, oder das Herausnehmen von Farbe aus einem ähnlichen farblichen Muster. Kosslyn und Mitarbeiter fanden heraus, dass hypnotisch induzierte Illusionen, welche die Farbwahrnehmung beeinflussen, entgegengesetzte Durchblutungsveränderungen in jenem Cortex-Areal zur Folge haben, das für Farbwahrnehmung zuständig ist. Von acht hoch hypnotisierbaren Versuchspersonen wurde während eines PET-Scans (unter Nutzung von 15O-CO2) verlangt, ein Farbmuster in Farbe zu sehen, dann ein ähnliches grauskaliertes Muster in Farbe, ein Farbmuster als Grauskala und schließlich das grauskalierte Muster als Grauskala. Das klassische "Farben-Areal" im fusiformen/lingualen Bereich des Cortex wurde dadurch identifiziert, indem dieselben Versuchspersonen ohne Hypnose gebeten wurden, Farbe als Farbe und dann Grau als Grau wahrzunehmen. Als diese hoch hypnotisierbaren Personen dann hypnotisiert und gebeten wurden, Farbe zu sehen, waren sowohl das linksals auch das rechtshemisphärische Farb-Areal aktiviert, gleichgültig, ob ihnen tatsächlich das farbliche oder das grauskalierte Muster dargeboten wurde.
Im Gegensatz dazu zeigte diese Gehirnregion verminderte Aktivierung, als die Versuchspersonen in Hypnose angewiesen wurden, dem Muster die Farbe zu entziehen, gleichgültig ob ihnen tatsächlich das farbliche oder das grauskalierte Muster dargeboten wurde. Die Versuchspersonen wurden auch gebeten, dieselbe Aufgabe auszuführen, während sie nicht hypnotisiert waren, also unter ausschließlicher Nutzung ihrer Imaginationsfähigkeit. Bildhafte Vorstellung ohne Hypnose führte aber zu keiner Veränderung der Aktivierung im linkshemisphärischen Farb-Areal, wohingegen Hypnose mit bildhafter Vorstellung derartige Veränderung bewirkte. Im Gegensatz dazu haben sowohl "bildhafte Vorstellung ohne Hypnose" als auch "Hypnose mit bildhafter Vorstellung" die Aktivierung in der rechten Hemisphäre verändert. Folglich spiegelten sich Veränderungen in den subjektiven Erfahrungen während eines hypnotischen Zustandes in Veränderungen der Gehirnfunktion wider, vergleichbar mit solchen Veränderungen im Gehirn, die sich während tatsächlicher Wahrnehmung ereigneten - in diesem Fall war Glauben gleich Sehen. In einer Reihe von Studien untersuchten Rainville und Kollegen (Rainville, Duncan et al., 1997; Rainville, Hofbauer et al., 1999; Hofbauer, Rainville et al., 2001; Rainville, Bushnell et al., 2001; Rainville, Hofbauer et al., 2002) die Gehirn-Korrelate der hypnotischen Analgesie. Insbesondere haben sie Unterschiede in der Gehirn- Aktivierung identifiziert, die sich ereignen, wenn Hypnose verwendet wird, um die Schmerzempfindung zu dämpfen, versus wenn Sie verwendet wird, um durch Schmerz verursachten Stress zu reduzieren: die häufig angewandte klinische Unterscheidung zwischen sensorischer und affektiver Schmerzempfindung. In einer frühen PET-Studie (Rainville, Duncan et al., 1997) verwendeten sie eine hypnotische Intervention, die weniger auf die sensorische Schmerzwahrnehmung gerichtet war, als vielmehr darauf, den durch Schmerz verursachten affektiven Stress zu verändern. Sie suggerierten unter Hypnose ein gesteigertes bzw. ein vermindertes Unwohlsein durch Schmerz (Seite 970, Fusszeile 7) und beobachteten Unterschiede in der regionalen cerebralen Durchblutung ["regional cerebral blood flow", rCBF] im anterioren Gyrus cinguli, aber nicht im primären sensorischen Assoziations-Cortex.
In einer nachfolgenden Arbeit (Hofbauer, Rainville et al., 2001), die weniger Instruktionen hinsichtlich einer Reduzierung des affektiven Unwohlseins, als vielmehr Instruktionen zur Reduzierung der sensorischen Schmerzintensität beinhaltete, fanden sie während hypnotischer Analgesie eine reduzierte Aktivität im S1- Bereich des somatosensorischen Cortex. Als sie aber hypnotische Instruktionen zur Erhöhung der Schmerzintensität gaben, beobachteten sie gesteigerte Aktivität in den Bereichen S1, S2, im anterioren Gyrus cinguli und im insularen Cortex. Die Autoren zogen es vor, die Bedingungen nicht abwechselnd [counter-balanced] darzubieten, sondern den hypnotischen Zustand immer an zweite Stelle zu setzen: Sie waren verständlicherweise um die möglichen Nebeneffekte der Hypnose besorgt, für den Fall, dass diese als erstes dargeboten wurde. Es ist nun aber möglich, dass die immer gleiche Reihenfolge sowohl Sensibilisierung als auch Habituation hervorgerufen hat - folglich ist es schwierig, diese Befunde zu erklären. Diese Arbeiten liefern weitere Beweise dafür, dass hypnotische Veränderung der Wahrnehmung entsprechende Veränderung der Aktivierung in den primären sensorischen Assoziations-Cortices hervorruft, so dass der Schmerz-Stimulus sich tatsächlich anders anfühlt. Zusätzlich hat sich das alte klinische Sprichwort, dass man dem Schmerz Aufmerksamkeit schenken muss, damit er schmerzt (Spiegel & Spiegel, 1987), durch den Nachweis einer Assoziation zwischen reduzierter Aktivität des anterioren Gyrus cinguli und der Schmerzwahrnehmung bestätigt. Faymonville und ihre Kollegen (Faymonville, Roediger et al., 2003) haben weitere Gehirnbahnen, die mit hypnotischer Analgesie assoziiert sind, aufgedeckt. Unter Verwendung von PET haben sie herausgefunden, dass Schmerzreduktion unter Hypnose durch eine Zunahme der funktionalen Verbindungen zwischen Anteilen des mittleren cingulären Cortex und anderen Strukturen vermittelt wird, die mit der Schmerzwahrnehmung verbunden sind, eingeschlossen die Insula, frontale Bereiche, insbesondere auf der rechten Seite, ebenso Hirnstamm, Thalamus und die Basalganglien. Sie behaupten, dass der mittlere cinguläre Cortex die Interaktion zwischen Anteilen des Gehirns erhöht, welche Sensorik sowie affektive, kognitive und behaviorale Aspekte der Schmerzwahrnehmung vermitteln.
Die Ergebnisse einer frühen Studie von Crawford und Mitarbeitern (Crawford, Gur et al., 1993) unter Verwendung des 133Xeregionalencerebralen- Blutfluss (rCBF) Verfahrens mögen Einblick in einen weiteren Aspekt jener Mechanismen gewähren, die der Hypnose unterliegen. Sie fanden während hypnotischer Analgesie eine erhöhte regionale cerebrale Durchblutung im soma-tosensorischen Cortex zusammen mit einer erhöhten Durchblutung im orbito-frontalen Cortex, und kamen zu dem Schluß, dass für die Analgesie der frontal hemmende Input verantwortlich ist, ungeachtet der erhöhten Durchblutung im somatosensorischen Cortex. Auf den ersten Blick sind diese Befunde inkonsistent mit denen von Rainville et al., ebenso wie mit anderen ERP-, PET- und fMRIBefunden, die zeigen, dass hypnotische Analgesie die Aktivität im somatosensorischen Cortex reduziert. Es ist jedoch durchaus möglich, dass die Frontallappen in der Tat Aufmerksamkeits-Mechanismen in anderen Bereichen des Gehirns dirigieren und dass
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die Versuchspersonen dieser Studie aktiv den Schmerz erwartet haben. Falls dem so ist, könnte diese Erwartung den somatosensorischen Cortex aktiviert haben - in gleicher Weise, wie eine bildhafte Vorstellung die frühen sensorischen Cortices aktivieren kann.
5. Hypnose und geistige Vorstellung
Unsere Theorie beruht auf dem Grundgedanken, dass bildhafte Vorstellungen zu dem Operationsmechanismus, welcher der Hypnose zugrunde liegt, beitragen, nicht aber, dass sie durch diesen Mechanismus hervorgerufen oder verändert werden. (Zu beachten ist, dass Hypnose und bildhafte Vorstellungen nicht dasselbe sind, wie aus unserer jüngeren PET-Studie über Farb-Halluzinationen [Kosslyn et al., s.o.] hervorgeht). Nichtsdestoweniger ist es möglich, dass auch bildhafte Vorstellungen durch den Akt der Hypnose verändert werden, falls diese bildhaften Vorstellungen auf Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungs-Mechanismen beruhen. In der Tat haben Forscher gezeigt, dass visuelle bildhafte Vorstellungen und visuelle Wahrnehmung auf einem gemeinsamen Kern derselben Gehirn-Systeme beruhen (Kosslyn, Ganis et al., 2001). In einer Studie waren über 90% der Voxel, die während der Wahrnehmung aktiviert waren, auch in einer vergleichbaren Aufgabe zur bildhaften Vorstellung aktiviert (Ganis, Thompson et al., in Druck). Nahezu alle Untersuchungen über die Wirkungen von Hypnose und Hypnotisierbarkeit auf bildhafte Vorstellungen befassten sich schwerpunktmäßig mit der Lebhaftigkeit der Vorstellung oder erforschten anhand von Selbsteinschätzungen, wie häufig bildhafte Vorstellung genutzt wird. Die Ergebnisse waren widersprüchlich (zum Überblick siehe Holroyd, 1992; Kogon, Jasiukaitis et al., 1998), was nicht weiter überrascht, denn diese Rating-Skalen hatten in allen Anwendungen eine jeweils widersprüchliche Geschichte (für einen Überblick siehe beispielsweise Kosslyn, 1980; Kosslyn,1994) und sind beeinflusst durch die jeweiligen Aufgabencharakteristika, durch Verzerrungseffekte hinsichtlich sozialer Erwünschtheit und durch die Wirkung unterschiedlicher Erwartungen (z.B. Di-Vesta, Ingersoll et al., 1971). Nur wenige Studien nutzten objektive Messwerte, um die Effekte der Hypnose auf die Verarbeitung bildhafter Vorstellungen per se zu untersuchen, und kamen dabei zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. T¶Hoen (1978) kam zu dem Schluß, dass sich hoch hypnotisierbare im Vergleich zu niedrig hypnotisierbaren Versuchspersonen an mehr Wortverbindungen erinnerten, wenn diese sehr bildhaft waren, doch waren die Probanden nicht wirklich hypnotisiert. Darüber hinaus könnte dieser Unterschied auch andere Faktoren widergespiegeln, wie zum Beispiel die Tatsache, dass sich die hoch hypnotisierbaren Versuchspersonen einfach mehr angestrengt haben (Kirsch, 1999). Sweeny und Mitarbeiter (1986) baten Versuchspersonen, sich benannte Objekte vorzustellen, die miteinander interagierten, und fanden dabei keine Effekte auf die Erinnerung, und das unabhängig vom Grad der Hypnotisierbarkeit und unabhängig davon, ob die Versuchspersonen tatsächlich während des Lernens hypnotisiert waren. Smith und Weene (1991) fanden, dass Wörter von besonderer Bildhaftigkeit besser im Gedächtnis blieben, wenn die Versuchspersonen während des Lernens hypnotisiert waren, im Vergleich zu dem Fall, dass sie nicht hypnotisiert waren, doch stellten sie den Grad der Hypnotisierbarkeit nicht fest. Sie versuchten auch nicht, mögliche Unterschiede auf der motivationalen Ebene zu kontrollieren, so dass dieses Ergebnis vielleicht einfach nur widerspiegelt, wie sehr sich die Versuchspersonen bei der Lösung der Aufgabe angestrengt hatten.
Crawford und Allen (1996) fanden in einer gut kontrollierten Studie heraus, dass Hypnose das Erlernen konkreter Wortpaare bei hoch hypnotisierbaren Personen erleichtert (jedoch nicht bei niedrig hypnotisierbaren), selbst wenn die Versuchspersonen nicht erwarten, an einem Hypnose-Experiment teilzunehmen, und die Versuchsleiter keine Kenntnis von dem Hypnotisierbarkeits-Grad der Versuchspersonen haben. Crawford und Allen gaben in ihrer Studie allerdings keine expliziten Anweisungen, bildhafte Vorstellungen zu benützen, und es gab keine Wechselwirkung zwischen konkreten und abstrakten Wörtern ± was die Ergebnisse zweifelhaft erscheinen lässt, vorausgesetzt, bildhafte Vorstellung beeinflusst nur das Lernen konkreter Wörter. Studien über die Effekte der Hypnose auf kognitive Möglichkeiten haben häufig zwei große Mängel: Es mangelt ihnen am Vergleich zwischen Hypnose und derselben Aufgabenstellung ohne Hypnose, und es mangelt ihnen an einer Kontrollbedingung bezüglich Motivation. Barabasz (1980) hat beispielsweise gezeigt, dass das Hypnotisieren von Versuchspersonen mit dem Ziel der Steigerung ihrer Aufmerksamkeit in der Tat deren Fähigkeit verbessert hat, Ziele zu entdecken, und dies um so mehr, je höher hypnotisierbar sie waren. Eine Vergleichsbedingung für den Nicht-Hypnose-Fall gab es jedoch überhaupt nicht, geschweige denn eine, in der die Versuchspersonen motiviert wurden, sich sehr anzustrengen, um gut abzuschneiden.
Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Ergebnisse würden wir das Verhältnis zwischen der Fähigkeit zu bildhafter Vorstellung und Hypnotisierbarkeit wie folgt interpretieren: Die hypnotische Komponente der Fähigkeit zu bildhafter Vorstellung scheint in dem Moment eine Rolle zu spielen, wo Versuchspersonen gebeten werden, etwas mit dem Vorstellungsbild anzufangen (es beispielsweise in Widerspruch zu einer Wahrnehmung zu setzen, um diese zu verändern). Wie wir oben ausgeführt haben, sind Versuchspersonen unter Hypnose erstaunlich effektiv beim Manipulieren von Vorstellungsbildern und beim einfachen Reagieren auf Wörter. Der hypnotische Effekt liegt also nicht so sehr darin, Vorstellungsbilder zu besitzen, als vielmehr darin, diese zur Wahrnehmungsveränderung zu verwenden, indem von einer afferenten Reaktion auf ein Vorstellungsbild zu einem efferenten Akt der Wahrnehmungsmodulierung gewechselt wird. Gleichwohl ist dies eine Post-hoc-Annahme, und es ist evident, dass es noch viel mehr rigoroser Nachforschung bedarf zur Erforschung der zentralen Frage, ob und in welcher Weise Hypnose bildhafte Vorstellungen moduliert und wie Hypnose bildhafte Vorstellungen dazu nutzen kann, Wahrnehmung zu verändern.
6. Hypnotische Veränderung der Wahrnehmung motorischer Aktivität
Unsere Analyse hat sich auf Veränderung der Wahrnehmung unter Hypnose konzentriert. Andere Forscher haben ebenfalls hypnotische Prozeduren benutzt für die Untersuchung hypnotisch vorgestellter motorischer Aktivität. Unter Nutzung der PETFluorodeoxyglykosemessung fanden Grond und Mitarbeiter (Grond, Pawlik et al., 1995), dass eine hypnotische Instruktion zur Katalepsie tatsächlich den okzipitalen Cortex deaktivierte und die Aktivierung in jenen Bereichen erhöhte, die für sensomotorische Funktionen zuständig sind. Diesen Befund interpretierten sie als Hinweis darauf, dass unter Hypnose die Aufmerksamkeit von der normalen sensorischen Verarbeitung abgezogen wird. Morgan und Mitarbeiter (Morgan, Hirta et al., 1976) fanden, dass hypnotische Instruktionen mehr die wahrgenommene Anstrengung verändern als Herzfrequenz und Atemfrequenz, obgleich in einer anderen Studie auch gewisse ventilatorische Unterschiede beobachtet werden konnten (Morgan, Raven et al., 1973). Thornton und Mitarbei-
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ter (Thornton, Guz et al., 2001) untersuchten mit Hilfe von PET Gehirnregionen, die während hypnotischer Vorstellung von anstrengender Aktivität aktiviert waren (bergauf versus bergab Fahrrad zu fahren). Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die hypnotische Erfahrung einer Körperübung mit einer erhöhten Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Cortex, in unterstützenden motorischen Bereichen, dem prämotorischen Bereich auf der rechten Seite, den superolateralen sensomotorischen Bereichen, dem Thalamus und dem Cerebellum (bilateral) assoziiert war. Hypnotisch vorgestellte Körperübungen aktivierten also eine Anzahl von Gehirnregionen, die auch bei einer realen Körperübung involviert gewesen wären.
In der Tat fanden Williamson et al., dass die hypnotische Halluzination, auf ansteigendem Weg Fahrrad zu fahren, tatsächlich den Herzschlag und den Blutdruck erhöhte und zwar in Verbindung mit erhöhter regionaler Gehirndurchblutung (rCBF) unter Verwendung von SPECT im rechten insularen Cortex und Thalamus. Im Gegensatz dazu liess eine hypnotisch-induzierte Reduktion der Aktivität die Durchblutung im anterioren cingulären Cortex und im linken insulären Cortex abnehmen. Diese Gruppe verglich bei hoch und niedrig hypnotisierbaren Versuchspersonen auch einen realen Händedruck mit einem hypnotisch vorgestellten (Williamson, McColl et al., 2002). Ähnliche Steigerungen der Herzfrequenz und des Blutdrucks wurden beobachtet für hoch Hypnotisierbare unter realen und vorgestellten Händedruck-Bedingungen, aber nicht bei niedrig Hypnotisierbaren während der vorgestellten Bedingung. Eine verminderte rCBF im anterioren Gyrus cinguli und in den insularen Cortices (bilateral) ließ die Autoren zu dem Schluß kommen, dass diese Regionen an realen und hypnotisch vorgestellten Körperübungen beteiligt sind. So legen diese Studien nahe, dass - ähnlich zur hypnotischen Veränderung der Wahrnehmung - hypnotische Illusionen von Körperübungen jene Gehirnregionen aktivieren, die mit Körperübungen assoziiert sind. Weiterhin scheint das anteriore Cingulum eine allgemeine Rolle bei der hypnotischen Veränderung sowohl von Wahrnehmung als auch von motorischer Aktivität zu spielen.
7. Hypnotische Veränderungen in Aufmerksamkeits-Systemen
Wir behaupten, dass Hypnose auf Veränderungen in den Aufmerksamkeits-Systemen beruht. Es gibt reichlich Befunde dafür, dass dies zutrifft. Die Ergebnisse von Rainville helfen zu verstehen, wie das exekutive Aufmerksamkeits-System während hypnotischer Instruktionen zur Reduktion von schmerzassoziiertem Stress beeinflusst werden könnte: Die Aktivität im anterioren Gyrus cinguli wird reduziert. Wenn jedoch Schmerzempfindung per se unter Hypnose verändert wird, ist es der somatosensorische Cortex, der eine Veränderung der Durchblutung zeigt. Die Konkurrenz zwischen einem internal erzeugten Vorstellungsbild und einem Input aus der Wahrnehmung könnte die Reaktion des Gehirns auf eine Wahrnehmung reduzieren, wenn kein frontaler oder anderweitiger Input vorhanden ist.
Welche Neurotransmitter-Systeme könnten mit hypnotischer Erfahrung verknüpft sein? Hobson und Stickgold (1995) konnten nachweisen, dass im Schlaf eine Verlagerung von noradrenerger zu cholinerger Aktivität stattfindet, insbesondere während der REM-Schlafphase. Spiegel und King (1992) zeigten, dass eine starke Korrelation zwischen der Hypnotisierbarkeit und den jeweiligen Homovanillin-Säurespiegeln, einem Dopamin-Metaboliten im CSF, existiert. Der anteriore Gyrus cinguli besitzt viele dopaminerge Neuronen (Williams & Goldman-Rakic, 1998). Nach dem Aufmerksamkeitsmodell von Posner beinhaltet das exekutive Aufmerksamkeits- System Aktivierung und Fokussierung, was mit dem anterioren Gyrus cinguli verknüpft ist. Das wachsame Aufmerksamkeits-System umfasst den rechten frontalen Cortex. Diese Bereiche besitzen viele dopaminerge Neuronen. Obwohl die Befunde zur Rolle der Frontallappen während des hypnotischen Vorgangs äußerst widersprüchlich sind (Kallio, Revonsuo et al., 2001), scheint 132 das Dopamin-System eindeutig beteiligt zu sein. Gemäß unserer Auffassung erlaubt Hypnose eine lebhafte geistige Aktivität, während man unerregt bleibt im Sinne von unempfänglich für übliche Umweltreize. Erregbarkeit kann als andauernde Aufmerksamkeit oder als Erregungssystem betrachtet werden, das hauptsächlich noradrenerg ist (Robertson, Tegner et al., 1995), im Gegensatz zu einem gerichteten Aufmerksamkeitssystem, das auf dem anterioren cingulären Cortex beruht. Es gibt Befunde, die darauf hindeuten, dass das cereuleo-cortikale noradrenerge System Aspekte von selektiver Aufmerksamkeit vermittelt und dass dopamin-gesteuerte mesostriatale und mesolimbische Bahnen bestimmte Komponenten von Verhaltensreaktionen kontrollieren (Robbins, 1997). Dopaminreiche frontale Bahnen kontrollieren Verhaltensreaktionen auf Stress und positive Stimuli (Taber & Fibiger, 1997) und vermitteln auch Hemmung des Verhaltens (Trinh, Nehrenberg et al., 2003), welche typisch ist für hypnotisierte Personen.
8. Schlussfolgerungen
Der Grundlage unserer theoretischen Sichtweise zufolge moduliert Hypnose die Aufmerksamkeit derart, dass a) das Gleichgewicht innerhalb der Aufmerksamkeit verlagert wird, so dass das exekutive System eine starke Ausrichtung auf internal hervorgebrachte Vorstellungsbilder ermöglicht; b) die Veränderung der Aufmerksamkeitsverarbeitung das Verursachergefühl reduziert; c) die Vorstellungsbilder, auf die fokussiert wird, wiederum die Erwartungshaltung während der Wahrnehmungsverarbeitung beeinflussen, was zur Folge hat, dass die betreffende Person spezielle Stimuli so stark erwartet, dass sie sie halluzinatorisch wahrnimmt - oder umgekehrt, dass die Person spezielle Stimuli nicht so stark erwartet und dann tatsächlich keine solchen empfängt; d) das Ergebnis einer solchen Verarbeitung ist, dass Personen unter Hypnose ihre Wahrnehmung manipulieren und auf Wörter reagieren, anstatt wie üblich Wörter zu manipulieren und auf Wahrnehmung zu reagieren.
Die neurophysiologischen Befunde, die in den letzten Jahrzehnten gewonnen wurden, sind mit dieser Anschauung konsistent. Diese Befunde zeigen deutlich, dass Hypnose sowohl ein neuronales als auch ein mentales Phänomen darstellt. Explizite hypnotische Instruktionen, die Wahrnehmung zu verändern, führen zu übereinstimmenden, kongruenten Veränderungen in den entsprechenden sensorischen Cortices, was die wahrgenommene Veränderung real erscheinen lässt. Außerdem beeinflussen hypnotische Instruktionen, die Reaktion auf sensorischen Input zu verändern, die Aktivierung anteriorer und mittlerer Anteile des Gyrus cinguli, was wiederum darauf Einfluss nimmt, wie die Aufmerksamkeit auf Stimuli und deren Bedeutung gerichtet wird. Hypnose bringt nicht so sehr Erregbarkeit als vielmehr Aktivierung mit sich, was es ermöglicht, Wahrnehmung zu manipulieren und sensorische Verarbeitung zu verändern, indem relativ automatisch auf verbale Anweisungen reagiert wird. Folglich kann hypnotische Veränderung von Wahrnehmung sowohl das Verursachergefühl als auch die Kontrolle über lexikalische Verarbeitung beeinflussen. Hypnose verlagert weiterhin das Gleichgewicht vom anterioren Effektor- zum posterioren sensorischen Verarbeitungssystem, was
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dazu führt, dass die Kontrolle über die Verarbeitung von Wahrnehmung zunimmt und das Gefühl der Kontrolle über verbale Aktivität und motorische Funktion abnimmt. Diese im Gehirn erfolgte Verlagerung der Erwartungshaltung und sensorischen Verarbeitung ist ein sich selbst verändernder Prozess; er könnte das Wesen des therapeutischen Potentials der Hypnose bei der Schmerz-, Stress-und Angstbewältigung darstellen.
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
Halsband, U. (2004). Mechanismen des Lernens in Trance: funktionelle Bildgebung und Neuropsychologie.
Hypnose und Kognition (HyKog), 21 (1+2), 11-37
Nachdruck mit Genehmigung der M.E.G.: Hypnose und Kognition (www.meg-hypnose.de)
Zusammenfassung
Mit dem Befund, dass eine hypnotische Trance-Induktion zu plastischen Veränderungen im menschlichen Gehirn führt, gelang ein wesentlicher Durchbruch in der Erforschung der neuronalen Grundlagen der Hypnose. Wir untersuchten zunächst mit Sauerstoff 15-PET in einem Within-Subject-Design die neuronalen Mechanismen beim hochbildhaften Wortpaar Assoziationslernen unter Hypnose und im Wachzustand. Versuchspersonen waren hochsuggestible rechtshändige Normalprobanden. In der Lernphase wurde ihnen auf einem Bildschirm eine Liste von schwer assoziierbaren Wortpaaren mit hoher Bildhaftigkeit präsentiert, beim Abruf erschien jeweils nur das erste Wort, und der hiermit assoziierte Terminus sollte aus dem Gedächtnis reproduziert werden. Die Ergebnisse zeigten in der Enkodierungsphase in Hypnose verstärkte occipitale und präfrontale Aktivierungen. In der Abrufphase (Wachzustand) zeigten sich in beiden Versuchsbedingungen Aktivierungen bilateral präfrontal, im anterioren Cingulum, sowie im Präcuneus. Beim Abruf der Inhalte, die zuvor unter Hypnose erlernt wurden, wurden zusätzliche Aktivierungen im Sehzentrum, sowie erhöhte neuronale Aktivitäten im präfrontalen Cortex und Cerebellum sichtbar.
Auf behavioraler Ebene wurde in einer zweiten Versuchsreihe, einem Within-Subject-Design, das Lernverhalten von Wortpaarassoziationen unterschiedlicher Bildhaftigkeit (hochbildhaft/abstrakt) und Schwierigkeit (leicht/schwer) in Trance und im Wachzustand bei Hochsuggestiblen und Niedrigsuggestiblen untersucht. In der Lernphase (Enkodierung) wurde den Probanden eine Liste von Wortpaaren visuell (Versuch 1) oder auditiv (Versuch 2) präsentiert. In der Abrufphase (Wachzustand) wurde in randomisierter Reihenfolge jeweils nur das erste Item der Wortpaare präsentiert, und die Probanden sollten das zweite Wort aus dem Gedächtnis assoziieren. Hochsuggestible Probanden erzielten in der schweren bildhaften Assoziationsbedingung einen Lernvorteil in Trance, und das sowohl in der visuellen als auch in der auditiven Versuchsbedingung. Hingegen zeigten die niedrigsuggestiblen Versuchspersonen bei hochbildhaften Wortpaaren keine Unterschiede im Lernverhalten in Hypnose und im Wachzustand. Interessanterweise waren die Hochsuggestiblen auch im Wachzustand den Niedrigsuggestiblen überlegen. Die Lerneffekte waren auch nach einer 10-minütigen Interferenz nachweisbar. Die Befunde sind relevant für unser Verständnis der neuronalen Grundlagen der Hypnose und der neuropsychologischen Mechanismen der Hypnotisierbarkeit.
Einleitung
Hypnotische Tranceinduktion stellt ein neurobiologisch erfassbares Korrelat der Hirnfunktion in einem veränderten Bewusstseinszu-stand dar (Rainville et al., 2002). Ein spannendes neurowissenschaftliches Thema in der Tranceforschung ist die Fragestellung, welche neurobiologischen Mechanismen diesem veränderten Bewusstseinszustand zugrunde liegen und ob in der Trance veränderte Lernleistungen nachweisbar sind.
Ein wesentlicher Durchbruch gelang der modernen Hirnforschung mit der Einführung der Verfahren der dynamischen Bildgebung. Hierzu zählen die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und die funktionelle Magnet-Resonanz-Tomographie (fMRT), die die Darstellung funktionsabhängiger Veränderungen mit einer hohen räumlichen Auflösung ermöglichen. Somit gelang es, Aktivierungen im Gehirn gewissermassen "online" zu analysieren. Hierbei misst die PET den regionalen Blutfluss im Gehirn unter Verwendung radioaktiv markierter Substanzen, sog. Positronenstrahler.
Im Gegensatz hierzu handelt es sich bei der fMRT um ein nicht-invasives Verfahren, das auf den magnetischen Eigenschaften des Gewebes beruht. Von essentieller Bedeutung ist hierbei das BOLD-Verfahren (Blood Oxygenation Level Dependent), das auf den unterschiedlichen elektromagnetischen Eigenschaften des mit Sauerstoff beladenen Hämoglobins basiert und Veränderungen des Blutes im Gehirngewebe misst, die durch erhöhte Neuronenaktivität ausgelöst werden. Logothetis et al. (2001) gelang es nachzuweisen, dass mit BOLD-fMRT tatsächlich Veränderungen der Neuronenaktivität gemessen und vor allem Eingangssignale aus anderen Hirnarealen und ihre lokale Verarbeitung erfasst werden.
Unsere Untersuchungen der neuronalen Grundlagen deklarativen Lernens mittels funktioneller Bildgebung ergaben eine weitgehende Übereinstimmung der PET- und fMRT-Befunde (z.B. Halsband et al., 1998, 2002a; Krause et al., 1999a,b; Mottaghi et al., 1999, 2000; Schmidt et al., 2002); auch von anderen Forschergruppen wurde über eine weitgehende Übereinstimmung der PETund fMRT Ergebnisse berichtet (z.B. Schall et al., 2003). Obwohl die fMRT als nicht-invasives Verfahren diverse Vorteile gegenüber der PET aufweist (Otte & Halsband, 2004), hat dennoch die Mehrzahl der Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Hirnmechanismen der Hypnose die PET als geeignetes Instrumentarium gewählt, da es sich hierbei um eine geräuscharme und somit leise Versuchsan-ordnung handelt, die einer Trance-Induktion nicht negativ entgegenwirkt.
Im Gegensatz hierzu ist der Proband im fMRT einem konstanten Geräuschpegel von ca. 100 Dezibel ausgesetzt, der zwar mittels fMRT-tauglicher Spezialkopfhörer auf ca. 70 Dezibel gesenkt werden kann, aber immer noch ein starkes interferierendes Hintergrundsgeräusch bildet. Um eine möglichst entspannte Lernbedingung unter Hypnose schaffen zu können, haben wir uns in der hiesigen Untersuchung ebenfalls für die PET als geeigneter Untersuchungsmethode entschieden.
Es konnte von unterschiedlichen Forschergruppen gezeigt werden, dass eine hypnotische Trance-Induktion zu plastischen Veränderungen im menschlichen Gehirn führt (z. B. Crawford et al., 1998; Faymonville et al., 2000; Grond et al., 1995; Kosslyn, et al., 2000; Maquet et al., 1999; Rainville et al., 1997, 1999, 2002; Spiegel & Kosslyn, 2006; Szechtman et al., 1998). In der Tranceinduktion erfolgt durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit deren Hinlenkung nach innen, was dann zumeist eine intensive Vorstellung und Beschreibung eines inneren Bildes nach sich zieht. Im veränderten Bewusstseinszustand in Hypnose weitet sich die Aufmerksamkeit auf möglichst viele Aspekte des Erlebens aus, so dass der entstandene Erlebnisraum subjektiv "farbig und erlebbar, zu einer Form der Wirklichkeit wird" (Revenstorf, 1999). Hierbei scheint dem Faktum des farbigen Erlebens eine besondere Bedeutung zuzukommen. Diese Interpretation wird durch neueste Ergebnisse aus der Hirnforschung gestützt, die zeigen konnten, dass mit einem
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
intensiveren Farb- und Bilderleben unter Hypnose plastische Veränderungen in der Hirnaktivität einhergehen, die charakterisiert sind durch zusätzliche linksseitige Aktivierungen im Fusiform (Brodmannsches Gebiet 19) und inferioren temporalen Cortex (Gebiet 20). Die linksseitigen Aktivierungen waren dabei interessanterweise nur unter Hypnose beobachtbar (sowohl wenn der Farbstimulus real präsentiert wurde als auch bei der Suggestion der reinen Vorstellung desselben Stimulus) und im normalen Wachzustand der Pro-banden nicht registrierbar (Kosslyn et al., 2000). Spezifische neurophysiologische Veränderungen unter Hypnose konnten nicht nur im visuellen Bereich, sondern auch in anderen Sinnesmodalitäten nachgewiesen werden (z. B. Szechtman et al., 1998, Walter et al., 1990). Die Ergebnisse sprechen somit für eine vermehrte Nutzbarmachung multimodaler sensorischer Verarbeitungsstrategien unter Hypnose.
Es stellt sich nun die Frage, inwieweit eine vermehrte Einbindung sensorischer Parameter sich positiv auf die Bewältigung von Lernprozessen unter Hypnose auswirkt und somit zu einer verbesserten Umsetzung bildhafter Assoziationen in Hypnose führt (Bongartz, 1985; Crawford & Allen, 1996). Somit berichteten Crawford und Allen (1996) bei Personen mit hoher hypnotischer Suggestibilität über einen verbesserten Abruf bildhafter Wortpaarassoziationen. Bislang blieb es jedoch weitgehend ungeklärt, welche Hirnmechanismen dem Lernen unter Hypnose zugrunde liegen und inwieweit eine vermehrte Nutzung bildhafter Enkodierungsstrategien sich positiv auf die Bewältigung von Lernprozessen unter Hypnose auswirkt.
In unserer Studie wurden die neuronalen Grundlagen des Lernens mit der PET untersucht. In der Lernphase (Enkodierung) wurde den Probanden auf einem Bildschirm eine Liste von 12 Wortpaaren mit hoher Bildhaftigkeit präsentiert (Beispiele: Affe-Kerze, Sonne-Vogel), die sie innerlich nachsprechen und lernen sollten. Das Lernverhalten wurde in Trance und im Wachzustand untersucht. In der Abrufphase (Wachzustand) wurde in randomisierter Reihenfolge nur jeweils das erste Item der Wortpaare präsentiert, und die Probanden sollten das zweite Wort aus dem Gedächtnis assoziieren. Es stellt sich nun die Frage, inwieweit die in der visuellen Darbietung nachgewiesene Lernleistung von hochbildhaften Wortpaaren in Trance modalitätsspezifisch ist oder als modalitätsübergreifendes Phänomen zu betrachten ist. Zur Klärung dieser Frage wurde in einer zweiten Versuchsreihe untersucht, welche Effekte bei einer auditiven Präsentation der Wortpaare nachweisbar sind. Wie in der o. g. Versuchsbedingung beschrieben, wurden die Versuchspersonen im Wachzustand und unter hypnotischer Trance untersucht. Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass die o. g. Befunde auf andere Modalitäten übertragbar sind, und eine verbesserte Lernleistung bildhafter Wortpaarassoziationen unter Hypnose auch in der auditiven Modalität nachweisbar ist.
Versuch 1: Visuelles Wortpaarassoziationslernen
Methoden
Versuchspersonen
15 rechtshändige männliche Versuchspersonen wurden mit einer modifizierten Version der Harvard Group Scale of Hypnotic Susceptibility (HGSHS, Form A) auf hohe vs. niedrige Suggestibilität hin getestet. Sieben Versuchspersonen mit den höchsten Suggestibilitätswerten wurden für die Teilnahme an der PET-Untersuchung ausgewählt. Die hochsuggestiblen Versuchspersonen wiesen einen Mittelwert auf der HGSHS-Skala > 7.0 auf. Ihr durchschnittliches Alter betrug 25.4 Jahre (+- 3.1), und keiner wies eine neurologische oder psychiatrische Erkrankung auf. Die Versuchspersonen wurden gemäß den Richtlinien der Erklärung von Helsinki informiert; und alle gaben ihre schriftliche Einwilligung zur Teilnahme an dieser Studie. Bei allen Teilnehmern wurde das Gehirn zuvor kernspintomographisch untersucht (1.5 T), wobei man keine pathologischen strukturellen Auffälligkeiten entdeckte.
Positronen-Emissions-Tomographie (PET)
Die PET erlaubt die absolute Quantifizierung des regionalen cerebralen Blutflusses, rCBF (Frackowiak et al., 1980; Herzog et al., 1996). Der rCBF-Wert wurde bestimmt, indem der Positronen-emittierende Tracer O-15-H2O intravenös appliziert und dann die Verteilung über zwei Minuten im Gehirn gemessen wurde. O-15-H2O wurde mit Hilfe des energiearmen Deuteronen-Beschleunigers Cyclone 3 (Ion Beam Application, Inc., Louvain-la-Neuve, Belgien) erzeugt. Cyclone 3 ist ein kompakter Zyklotron, der zur Erzeugung von Sauerstoff-15 (15O) für PET-Applikationen positiv geladene Deuteronen bis auf 3.8 MeV beschleunigt. Dieses Gas wurde unter Einsatz von Wasserstoff auf dem Palladium-Katalysator in Wasserdampf umgewandelt. Unter Einsatz von Dialyse-Techniken wurde der Wasserdampf dann mit steriler Kochsalzlösung in einem Wassermodul gemischt (Clark et al., 1987). Die Halbwertzeit von Sauerstoff-15 liegt bei 123 Sekunden.
Die Hirndurchblutungsmessungen wurden mit einem GE Advance PET Scanner (General Motors Medical Systems, Milwaukee; Wisconsin, US) durchgeführt. Der Scanner besitzt 18 Detektor-Ringe mit 672 Kristallringen (6 x 6 Blöcken) und liefert 35 Querschnitte durch das Gehirn im Abstand von 4.25 mm (center to center/axial sampling interval), die 152 mm axial (axiales Gesichtsfeld) mit einer Blendenöffnung von 550 mm erfasst werden. Die genauen technischen Details dieser PET-Kamera wurden von Lewellen et al. (1996) beschrieben. Um 15 transverse Schichtbilder im Abstand von 6.5 mm, 27 mm oberhalb der Cantomeatallinie akquirieren zu können, wurde der Kopf des Probanden mit einem Laser-Positionierungssystem auf der Cantomeatallinie markiert. Zum Bildaufbau verwendete man einen gefilterten Rück-Projektions-Algorithmus (back-projection algorithm) auf einer 128 x 128 Matrix. Die räumliche Auflösung ("full-width half maximum") betrug 8 mm. Während der Präsentation jeder kognitiven Stimulationsaufgabe wurde der rCBF gemessen, indem man die Verteilung der Radioaktivität im Gehirn nach einer intravenösen Injektion von 300 MBq Wasser-stoff-15 (10 ml in 10-15 s), verabreicht durch eine Unterarm-Kanüle, aufzeichnete. In einer zweistündigen Sitzung wurden insgesamt acht Aufgaben durchgeführt. Der Mindestabstand zwischen den Wasserstoff-15-Injektionen betrug 10 min. Bei jedem der acht Scans wurden die kognitiven Stimulationsparameter jeweils 15 s vor Injektion des radioaktiven Tracers Wasserstoff-15 präsentiert. Emissionsdaten wurden im dreidimensionalen Modus für 90 s gewonnen und einem statischen Rahmen zugeordnet (Holm et al., 1995).
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
Experimenteller Versuchsaufbau: Visuelles Wortpaarlernen
Es wurde eine verbale Gedächtnisaufgabe verwendet. Den Versuchspersonen wurde in der Lernphase (Enkodierung) auf einem Bildschirm eine Liste von 12 semantisch nicht verknüpften Wortpaaren mit hoher Bildhaftigkeit präsentiert (Beispiele: Affe - Kerze, Sonne - Vogel), die sie lernen (Enkodierungsphase) und später wieder abrufen sollten (Abrufphase). Es wurden ausschließlich zweisilbige Worte verwendet. Die Wortpaare standen in keinem direkten semantischen Zusammenhang, waren also logisch unver-bunden und deshalb schwierig zu assoziieren. Es handelte sich somit um sog. schwierige Wortpaarassoziationen ("hard word associations") nach dem Wechsler-Gedächtnistest (Untertest VII).
Wir verwendeten ein "Within-Subject-Design", was bedeutet, dass jede Versuchsperson unter zwei Bedingungen getestet wurde, a) in Trance und b) im Wachzustand. Die Stimuli wurden auf einem 21-Zoll-Computerbildschirm dargeboten. Der Monitor befand sich in 70 cm Abstand von den Augen der Testpersonen (Schriftart: Times New Roman, Größe: 72). Die Probanden erhielten die Instruktion, die Worte zu lesen (Dauer der Präsentation: 4 s, Pause: 1 s) und sich die Wortpaarassoziationen einzuprägen. Beide Worte erschienen zentriert in schwarzen Buchstaben auf weißem Hintergrund. Zur Vermeidung von Lateralisierungseffekten wurde das zweite Wort immer unterhalb des ersten präsentiert. Zwischen den Scans der Enkodierungs- und der Abrufphase wurden in einer Übung die jeweils gleichen Wortpaarassoziationen den Versuchspersonen in randomisierter Reihenfolge visuell präsentiert. Die Übungsphase diente dazu, sicherzustellen, dass alle Probanden mindestens 80% der Wortpaarassoziationen korrekt wiedergeben konnten. In der Abrufphase wurde den Versuchspersonen jeweils das erste Wort gezeigt. Dieser Teil der Untersuchung befasste sich somit mit den Hirnmechanismen der Lern- bzw. Enkodierungsphase. In der gleichen PET-Untersuchung haben wir jedoch auch die Mechanismen der Abrufphase analysiert. Hierzu fand eine erneute PET-Untersuchung statt, in der jeweils das erste Item der Wortpaare präsentiert wurde. Die Probanden sollten dann das fehlende Wort aus dem Gedächtnis reproduzieren (Abrufphase). Während der Referenzbedingungen wurden den Probanden 12 Nicht-Wort-Paare präsentiert, die sie lesen sollten (Kontrollbedingung: Enkodierungsphase). Die zweisilbrigen Pseudowörter wurden so gewählt, dass sie der Lautsprache des Deutschen entsprachen, jedoch keinen Sinngehalt aufwiesen, Beispiele: Huka-Balok, Mafe-Bedu, Pire-Zulag). In einer zweiten Referenzbedingung wurden den Versuchspersonen 12 einzelne Pseudo-Worte (s.o.) präsentiert (Kontrollbedingung: Abrufphase). Die bedeutungslosen Wörter waren ebenfalls zweisilbig und nach den phonetischen Regeln der deutschen Sprache gebildet. Die Probanden sollten die Pseudo-Wörter lesen, ohne sie sich einzuprägen.
Datenanalyse
Die Daten wurden zunächst in das ANALYZE-Format transformiert unter Verwendung eines Konvertierungsprogramms. Die Auswertung der PET-Daten wurde auf einer SPARC 20-Workstation unter MatLab (Version 4.2.c) mit der Statistischen Parametrischen Mapping (SPM 96)-Software durchgeführt (The Wellcome Department of Cognitive Neurology, London, UK). Jeder rekonstruierte PET-Scan wurde der Kommissurenlinie entlang in einen stereotaktischen Raum entsprechend dem Talairach-Tournoux-Atlas (Talairach & Tournoux, 1988) angeord-
net. Es wurden räumliche Transformationen durchgeführt, um die durch individuelle Unterschiede der Geometrie des Gehirns bedingte
Variabilität auszugleichen und damit Analysen über Probandenpopulationen zu erlauben, die das individuelle Hirn in einen standardisierten anatomischen Raum überführen. Dieses Prozedere ermöglicht die Durchführung von Gruppenanalysen und die Ausgabe standardisierter räumlicher Koordinaten, was somit einer räumlichen Normalisierung entspricht. Die Transformationen der PET-Daten wurden mittels hoch aufgelöster anatomischer MRT-Aufnahmen durchgeführt. Eine Glättung der Bilddaten erfolgte, um Inter-Subjekt-Unterschiede zu kompensieren und das Signal/Rausch-Verhältnis zu erhöhen. Unterschiede im mittleren globalen Fluss wurden mittels einer Kovarianzanalyse (ANCOVA) auf einer Voxel-für-Voxel-Basis korrigiert, wobei die globale Zählrate als Kovariante der regionalen Blutflusswerte über alle Probanden für jeden Datensatz eingesetzt wurde. Die ANCOVA berechnet für
jede Aktivierungsbedingung und für jeden Voxel im stereotaktischen Raum einen adjustierten mittleren regionalen cerebralen Blutflusswert (normalisiert auf einen mittleren cerebralen Blutfluss von 50 ml/ 100 g/ min) und einer adjustierten Varianz. Die ANCOVA beinhaltet t-Tests zwischen den Scans verschiedener Bedingungen und somit einen direkten Mittelwertsvergleich. Die statistischen Parameter wurden dann in einem Bild zusammengeführt, der SPM (Friston et al., 1995a). Signifikant aktivierte
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Björn Riegel: Einführung in die Hypnotherapie
Voxel wurden mit dem Allgemeinen Linearen Modell bestimmt (The Wellcome Department of Cognitive Neurology, London, UK). Es wurde eine Design-Matrix definiert, welche Kontraste für signifikante Aktivierungen beinhaltete zwischen den Lernbedingungen (Wachzustand vs Hypnose) und der Referenzbedingung I (Präsentation von Pseudo-Wort-Paaren) bzw. der Abfrage und der Referenzbedingung II (einzelne Pseudo-Wörter). Voxel wurden als signifikant betrachtet, wenn sie ein Signifikanzniveau von Z = 3.72 (P < 0.0001) überschritten und einer Mindestclustergröße von 33 aktivierten Voxeln angehörten (P < 0.05, korrigiert für multiple Vergleiche) (Friston et al., 1994). Die Ergebnisse wurden analysiert, indem einerseits ein Vergleich mit der Referenz-Aufgabe gezogen, andererseits die Trancebedingung von der Wachbedingung subtrahiert wurde und vice versa. Letzteres Verfahren wird als kognitive Subtraktionsmethode bezeichnet.
Ergebnisse
In der Enkodierungsphase waren in beiden Versuchsbedingungen (Hypnose und Wachzustand) bilaterale Aktivierungen im präfrontalen Cortex (Brodmann Areale 9/45/46) und im anterioren cingulären Cortex nachweisbar. Unter Hypnose zeigten sich die Unterschiede in einer zusätzlichen occipitalen und verstärkten präfrontalen Aktivierung. In der Abrufphase (Wachzustand) zeigten sich bilaterale präfrontale und anteriore cinguläre Aktivierungen sowie Aktivierungen im medialen parietalen Cortex (Brodmann Areal 7, Präcuneus) und im Cerebellum. Beim Abruf der Inhalte, die zuvor unter Hypnose erlernt wurden, waren stärkere Ausprägungen der Aktivierungen im präfrontalen Cortex und Cerebellum, sowie zusätzliche Aktivierungen im Sehzentrum nachweisbar (s. Abb. 1, Tab. 1 und 2). Eine nach der Studie erfolgte Befragung der Probanden nach der Lernstrategie ergab, dass unter Hypnose alle Versuchspersonen die Wortpaare in Form von Bildern gelernt hatten. Auf behavioraler Ebene wurde die Lernleistung hoch bildhafter im Vergleich zu abstrakten Wortpaaren untersucht, der Versuchsaufbau ist in Abb. 2 dargestellt. Es konnte gezeigt werden, dass sich unter Hypnose der Abruf von abstrakten Wortpaaren (Moral - Busse) verschlechterte, wobei sich die Reproduktionsleistung bei Wortpaaren mit hoher Bildhaftigkeit (Affe - Kerze) hingegen verbesserte (Halsband, 2001) (s. Abb. 3).
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Björn Riegel, 2010, Einführung in die Hypnotherapie, München, GRIN Verlag GmbH
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