INHALTSVERZEICHNIS
1 PROBLEMSTELLUNG UND ZIEL DER ARBEIT 1
2 DIE THEORIE DES BETRIEBLICHEN STANDORTS 4
2.1 Standorttheoretischer Rahmen der Arbeit. 6
2.1.1 Zum Begriff des Standortes 6
2.1.2 Zum Begriff des Standortfaktors 8
2.1.3 Typologie der Standortfaktoren. 9
2.2 Die Bedeutung des Raumbezugs für die Standortplanung. 11
2.2.1 Eigenschaften und Problemfelder des Raumbezugs 12
2.2.1.1 Der Effekt der räumlichen Verteilung 12
2.2.1.2 Der Effekt der Zonierung und der raumbezogenen Aggregation 13
2.2.1.3 Aktionsräume und Reichweiteneffekte 15
2.2.1.4 Raum und Kommunikation bzw. Interaktion. 17
2.2.2 Raumbezogene Standortfaktoren. 20
2.3 Die Lösung des Standortproblems in der Standortbestimmungslehre 25
2.3.1 Mathematisch-analytische Standortbestimmungslehre. 25
2.3.2 Empirisch-realistische Standortbestimmungslehre 29
3 DER ANSATZ DER STANDORTPLANUNGSLEHRE: DIE BETRIEBLICHE
STANDORTBESTIMMUNG ALS ENTSCHEIDUNGSPROBLEM 31
3.1 Entscheidungstheoretische Grundlagen der Standortentscheidung 32
3.2 Der Prozesscharakter der Standortentscheidung 36
3.2.1 Die sachlogische Strukturierung des Entscheidungsprozesses 36
3.2.2 Der Selektionsprozess der Standortentscheidung 38
3.3 Die Rolle der Information im Entscheidungsprozess 41
3.4 Rationalität im Prozess der Standortbestimmung. 43
3.5 Praxisverfahren der Standortbewertung aus entscheidungstheoretischer Sicht. 45
3.5.1 Darstellung gängiger Praxisverfahren der Standortbewertung 45
3.5.2 Empirische Befunde zum Standortentscheidungsprozess. 51
3.5.3 Defizite der Verfahren und daraus resultierende Anforderungen. 52
4 GEOGRAPHISCHE INFORMATIONSSYSTEME ALS WERKZEUGE DER
INFORMATIONSGEWINNUNG FÜR DEN STANDORT-
ENTSCHEIDUNGSPROZESS 55
4.1 Einführung in Geographische Informationssysteme. 55
4.2 Geographische Daten, Information und Entscheidungsfindung 56
4.2.1 Geographische Information 56
4.2.2 Repräsentation der geographischen Information in einem GIS. 58
4.2.3 Die Visualisierungskapazität von GIS und seine entscheidungstheoretische Relevanz 61
4.3 Datenanalyse und Modellierung 62
4.3.1 Raumbezogene Datenverarbeitung. 62
4.3.2 Raumbezogene Analyse. 65
4.3.3 Raumbezogene Modellierung in GIS 68
4.3.4 Grundlagen der thematischen Kartographie. 70
4.3.5 Kartographische Anforderungen an ein raumbezogenes Entscheidungsunterstützungssystem 75
i
5 GIS-BASIERTE MULTIKRITERIELLE
STANDORTENTSCHEIDUNGSVERFAHREN 76
5.1 Das Konzept der raumbezogenen Entscheidungsunterstützungssysteme 76
5.2 Das raumbezogene multikriterielle Entscheidungsproblem 78
5.3 Konzeptioneller Rahmen der raumbezogenen multikriteriellen Entscheidung 80
5.3.1 Intelligence Phase. 82
5.3.2 Design Phase 86
5.3.2.1 Generierung von Entscheidungsalternativen. 86
5.3.2.2 Kriteriengewichtung. 88
5.3.3 Choice-Phase. 89
5.3.3.1 Entscheidungsregeln 90
5.3.3.2 Einfache additive Gewichtungsverfahren. 90
5.3.3.3 Wert- und nutzenfunktionsbasierte additive Verfahren 92
5.3.3.4 Idealpunktmethoden. 94
5.3.3.5 Weitere Entscheidungsregeln 95
6 PRAXISANWENDUNG: FIKTIVE STANDORTBESTIMMUNG EINES
BIOTECHNOLOGIEUNTERNEHMENS IN DEN USA 97
6.1 Festlegung der Standortkriterien, Gewichtung und Präferenzen 97
6.2 Durchführung der Standortanalyse und -bewertung. 101
6.2.1 Beschaffung der Daten und Geokodierung 101
6.2.2 Einschränkung des Untersuchungsraums durch limitationale Faktoren. 104
6.2.3 Modellierung der substitutionalen Kriterien 108
6.2.3.1 Quantifizierung mittels Dichteberechnungen. 108
6.2.3.2 Quantifizierung mittels Dichteberechnungen. 108
6.2.3.3 Quantifizierung mittels Modelleberechnungen. 114
6.2.3.4 Integration nicht-räumlicher Kriterien. 116
6.2.4 Bewertung der Standortfaktoren und Verschneidung der Kriteriumskarten 117
6.2.5 Vorteilhaftigkeitskarte 118
6.2.6 Feinanalyse des Meso- bzw. Mikrostandorts 122
6.3 Diskussion und Grenzen des Verfahrens 124
7 FAZIT UND AUSBLICK. 128
8 ANHANG 130
Teschs nationale, regionale und lokale Standortbedingungen. 130
A
In der Literatur erwähnte Standortfaktoren mit Raumbezug 130
B
Mini -Sum oder Median-Probleme 133
C
Center - oder Mini-Max-Probleme 134
D
Standardisierungsmethoden. 135
E
Gewichtungsverfahren : 137
F
Vor- und Nachteile von Raster- und Vektordatenmodellen in GIS. 139
G
Raumbezogene Interpolierungsverfahren 140
H
Karten der Standortfaktoren der höchsten Hierarchieebene der Analyse 140
I
9 LITERATURVERZEICHNIS 144
ii
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abb. 1: Standortfaktorensystematik nach Weber (1909)
Abb. 2: Raumdifferenzierende Faktoren nach Wagner.
Abb. 3: Räumlich homogene (a) und konzentrierte (b) Verteilung.
Abb. 4: Der Effekt der Zonierung
Abb. 5: Reichweite und Aktionsraum von Faktoren
Abb. 6: Typisierung der Standortfaktoren für den Zweck dieser Arbeit
Abb. 7: Die Elemente des multikriteriellen Entscheidungsproblems
Abb. 8: Gegenüberstellung populärer Phasenkonzepte des Entscheidungsprozesses.
Abb. 9: Das Trichtermodell der Standortplanung.
Abb. 10: Das Zusammenspiel des sachlogischen Prozesses und des Selektionsprozesses
Abb. 11: Alternative Formen der Repräsentation von Information in GIS.
Abb. 12: Räumliche Strukturmatrix (a) und räumliche Interaktionsmatrix (b)
Abb. 13: Proximity-Operationen (a) und Zonengenerierung (b)
Abb. 14: Komponenten eines raumbezogenen Entscheidungsunterstützungssystems
Abb. 15: Beurteilungsmatrix für ein multiattributives Entscheidungsproblem.
Abb. 16: Das raumbezogene multiattributive Entscheidungsproblem bei der Standortplanung
Abb. 17: Ablaufdiagramm des GIS-basierten multikriteriellen Standortentscheidungsprozesses.
Abb. 18: Beispielhafte Modellierung des Kriteriums Arbeitskräfteverfügbarkeit
Abb. 19: Konjunktives, nicht-kompensatorisches Screening der Alternativen.
Abb. 20: Das einfache, additive Gewichtungsverfahren.
Abb. 21: Hierarchie und Gewichtung der Standortfaktoren des Praxisbeispiels.
Abb. 22: Resultat der Geokodierung der Adressdaten.
Abb. 23: Euklidische Distanzen zur nächstgelegenen Unternehmensberatung
Abb. 24: Limitationale Standortfaktoren und Möglichkeitenraum der Standortwahl
Abb. 25: Kernel-Dichte-Schätzung
Abb. 26: Dichtemessung des Interstate-Straßennetzes
Abb. 27: Dichte verfügbarer akademischer Arbeitskräfte.
Abb. 28: Dichte verfügbarer Arbeitskräfte des verarbeitenden Gewerbes
Abb. 29: Berechnung des Absatzpotentials jeder Standortalternative.
Abb. 30: Gewichtete additive Verschneidung substitutionaler Kriterienkarten.
Abb. 31: Vorteilhaftigkeitskarte als Resultat der Makro-Standortplanung.
Abb. 32: Vorteilhaftigkeitskarte unter Berücksichtigung der Restriktionen.
Abb. 33: Mikroanalyse im Bereich der nördlichen Ostküste der USA
iii
AHP Analytical Hierarchy Process B2B Business to Business B2C Business to Consumer DSS Decision Support System EDV Elektronische Datenverarbeitung EU Europäische Union F&E Forschung und Entwicklung GIS Geographische Informationssysteme i.d.R. In der Regel MADM Multiple Attribute Decision Making MCDM Multiple Criteria Decision Making MODM Multiple Objective Decision Making
SDSS Spatial Decision Support System sog. so genannt TIGER Topologically Integrated Geographic Encoding and Referencing System TOPSIS Technology for Order Preference by Similarity to Ideal Solution u.A. unter Anderem z.B. zum Beispiel
iv
1 Problemstellung und Ziel der Arbeit
Die Wahl eines Standortes stellt eine der fundamentalsten, irreversibelsten und schwierigsten unternehmerischen Entscheidungen dar. 1 Aus diesem Grund gehört die theoretische Auseinandersetzung mit der Suche nach optimalen bzw. befriedigenden 2 Standorten zu einer der ältesten Forschungsrichtungen der betriebswirtschaftlichen Literatur und stellt ein Kerngebiet wirtschaftsgeographischer Forschung dar. Unter sich verschärfenden Wettbewerbsbedingungen in Zeiten zunehmender wirtschaftspolitischer Liberalisierung und Globalisierung, aber auch potentiell steigender Freiheitsgrade der eigenen Standortwahlmöglichkeiten, bedeutet ein guter Standort einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. 3 Ein schlechter Standort hingegen verzehrt unnötigerweise Ressourcen und lässt Erfolgspotentiale unausgeschöpft. Dies gilt insbesondere in Wirtschaftsräumen, die durch geringe Handelsschranken gekennzeichnet sind. 4
Geht der Entscheidungsraum über nationale Grenzen hinaus, bedeutet dies eine weitere Steigerung der Komplexität: Die Anzahl potentieller Alternativen, deren Beurteilungskriterien, Verschiedenartigkeit sowie die Unsicherheit der Information erhöhen sich beträchtlich. Der Stand-ort ist eingebunden in ein Netz vielfältiger Kontakte und Verflechtungen mit anderen Unternehmen, Institutionen, Märkten. 5 Bei der Entscheidung über ausländische Direktinvestitionen, die eine Standortentscheidung erfordern, handelt es sich um strategische und für den Unternehmenserfolg maßgebliche Investitionen. 6 Sie sind durch besonders hohe unternehmerische Risiken, lange Kapitalbindung und hohe Investitionssummen gekennzeichnet. 7 Aufgrund der komplexen Anforderungen entwickelt sich die Standortsuche zu einem außerordentlich anspruchsvollen Entscheidungsproblem. Standorte, die mit Ihren Eigenschaften die Anforderungen der Unternehmen nicht befriedigen, gefährden nicht nur den Erfolg des Auslandsengagements, sondern auch den der Gesamtstrategie des Unternehmens. 8
1 Vgl. Prognos AG, 1975, S. 127 sowie Fischer, 1997, S. 28.
2 In jüngerer Zeit wird das Prinzip der begrenzten Rationalität in der Standorttheorie weitgehend anerkannt. Vgl.
Pellenbarg, Wissen, Dijk, 2002, S. 114 und Fürst, Zimmermann, Hansmeyer, 1973, S. 57.
3 Vgl. Ethier, 1998 sowie Droege & Comp. GmbH, Fraunhofer IPT, 2004, S. 15.
4 Vgl. Prognos AG, 1975, S. 112f sowie Koch, 1991, S. 157.
5 Vgl. Voppel, 1999, S.15.
6 Vgl. Fischer, 1997, S. 28.
7 Vgl. Fox, 1999, S. 47f, Hemberger, 1974, S. 169, Kortüm, 1972, S. 5 sowie Townroe, 1991, S. 389f.
8 Vgl. Leontiades, 1988, S. 41ff.
1
„Auslandsinvestitionen erfordern somit zu Recht ein besonderes Maß an Ratio-nalität, sorgfältiger Planung und Umweltbewusstsein.“ 9
Die Ergebnisse zahlreicher empirischer Studien zur Zufriedenheit der Unternehmen mit Ihren Auslandsstandorten offenbaren Defizite in der Planungspraxis. 10 Die betriebliche Praxis ist geprägt von lückenhaften Methoden, Informationsdefiziten und häufig unsystematischer Vorgehensweise der Entscheidungsträger. 11 Generell bleibt der Raumbezug einer Vielzahl von Stand-ortfaktoren in der Praxis meist unbeachtet. Insbesondere besteht kein integratives Konzept, diese adäquat zu erfassen, zu bewerten und in die Entscheidungsmethoden der Standorttheorie einzubinden. Aus der weitgehenden Ausblendung geographischer Information resultieren Informationsdefizite, sowie Defizite der Generierung von Standortalternativen im Entscheidungsprozess. Handlungsalternativen werden üblicherweise nicht systematisch ermittelt, sondern als gegeben vorausgesetzt. Dies wirkt sich negativ auf die Rationalität der Entscheidung aus.
Im Rahmen dieser Arbeit wird der betriebliche Standort als Analyseobjekt in den Fokus der Betrachtung gestellt. Das Interesse gilt der Standortbestimmung als betriebliches Entscheidungsproblem sowie der Analyse der Entscheidungsprozesse und der daraus ableitbaren Anforderungen an eine theoretisch fundierte Methode für die Unternehmenspraxis.
Ziel der Arbeit ist es darzustellen, dass durch den Einsatz Geographischer Informationssysteme ein Praxisverfahren zur betrieblichen Standortbestimmung für international agierende Unternehmen entwickelt werden kann, welches der - im Kontext der internationalen Planung besonders ausgeprägten - Relevanz von raumbezogenen Standortfaktoren Rechnung trägt. Die Arbeit zeigt, wie durch die Anwendung Geographischer Informationssysteme und der Einbindung wirtschaftsgeographischer Methoden ein integrativer, technologisch-organisatorischer Rahmen für die Lösung des betrieblichen Standortproblems bei internationalen Standortentscheidungen geschaffen werden kann. Dieser erstreckt sich von der Informationsbeschaffung über die Modellierung von Standortfaktoren und -alternativen, bis hin zur Anwendung multikriterieller Bewertungsverfahren und daraus resultierend einer Entscheidungsempfehlung. Das Ziel besteht grundsätzlich darin, die Rationalität des Entscheidungsprozesses positiv zu beeinflussen.
9 Vorwort von Hans Büschgen, 1971 in Kortüm, 1972, S. 5.
10 Nach Geissbauer, Schuh, 2004 scheitern 1/3 der Auslandsengagements (Betriebsverlagerungen) oder bringen
keine zufrieden stellenden Resultate. Zu vergleichbaren Ergebnissen kommen Harsche, 2001 und Kinkel,
2004b. Unter Umständen resultiert aus einer schlechten Standortentscheidung der Rückzug aus einem Markt
oder einer Region. Die Rückverlagerungsquote von deutschen Unternehmen, die Teile Ihrer Produktion in den
1990er Jahren ins Ausland verlegten, ist seit 1997 kontinuierlich angestiegen. Vgl. Kinkel, 2004a, S. 4.
11 Vgl. Harsche, 2001, S. 162ff sowie Haigh, 1989, S. 7, Haigh, 1990, S. 24f sowie Leontiades, 1988, S. 43.
2
Zunächst werden in Kapitel 2 die standorttheoretischen Grundlagen erläutert, die zum Verständnis des Gegenstandes der Arbeit erforderlich sind. Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem ent-scheidungstheoretischen Aspekt der Standortwahl. Das Kapitel schließt mit einer knappen Diskussion der in der Praxis am weitesten verbreiteten Verfahren der Standortbewertung. In Kapitel 4 werden die technologischen und methodischen Grundlagen der Geographischen Informationssysteme in Bezug auf Ihre Rolle als Informationslieferant für die Prozesse der Standortbestimmung und -bewertung gegeben. In Kapitel 5 wird die Zusammenführung der Ergebnisse aus den Kapiteln 2 bis 4 vorgenommen, indem gezeigt wird, wie sich multikriterielle Entscheidungsmethoden und Methoden der Standorttheorie in die GIS-Umgebung integrieren und zu einem umfassenden Problemlösungsansatz kombinieren lassen. Die Arbeit schließt mit einer Praxisanwendung der vorgestellten Methodik anhand der Software ESRI ARC-View 9.0. Dabei werden die theoretisch herausgearbeiteten Potentiale anschaulich an einer fiktiven Standortentscheidung für ein Biotechnologieunternehmen in den USA demonstriert. Die Arbeit schließt mit einer ausführlichen Diskussion der Vor- und Nachteile der Methode.
3
2 Die Theorie des betrieblichen Standorts
Das betriebliche Standortproblem ist hochkomplex und von seiner Natur aus interdisziplinär. Daher ist in der Standortliteratur nicht immer trennscharf zu unterscheiden in betriebswirtschaftliche und (wirtschafts-) geographische Abhandlungen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist eine Fülle von Abhandlungen über die Standortproblematik aus den unterschiedlichsten Betrachtungswinkeln bzw. Analyseebenen verfasst worden, die es nahezu unmöglicht macht, sich einen umfassenden standorttheoretischen Überblick zu verschaffen. 12 In der wissenschaftlichen Literatur hat sich eine nach dem Kriterium der Betrachtungsebene des Standortes gegliederte Typisierung der Standorttheorie herausgebildet, die in ihrem Versuch das komplexe Problemfeld zu strukturieren generelle Anerkennung zu finden scheint. Demnach lässt sich die Standort-theorie unterscheiden in die Standortbestimmungslehre, die Standortwirkungslehre, die Stand-ortentwicklungslehre und die Standortgestaltungslehre.
Der Untersuchungsgegenstand der Standortbestimmungslehre ist die Ermittlung von optimalen oder befriedigenden Standorten für neu zu errichtende Betriebe aus einzelwirtschaftlicher Perspektive. Die Standortwirkungslehre hat die Analyse technischer und sozioökonomischer Auswirkungen bestehender respektive neu zu errichtender Standorte zum Gegenstand. Die Stand-ortentwicklungslehre widmet sich der Erklärung der historischen Herausbildung von Standorten und Standortstrukturen. Der Untersuchungsgegenstand der Standortgestaltungslehre besteht in der gesamtwirtschaftlichen Standortstruktur im Raum und derer optimaler, gleichgewichtiger räumlicher Verteilung. 13
Als Standortplanungslehre wird die jüngste Richtung der Industriestandortlehre bezeichnet, die sich aus Beiträgen seit Ende der 1960er Jahre zusammensetzt. Sie widmet sich der Analyse des Entscheidungsprozesses der Standortwahl und versucht Standortstrategien zu entwickeln, sowie Verfahrensmuster bei repetitiven Standortwahlentscheidungen anzubieten. Damit liegt Ihr Fokus auf der Ableitung von Empfehlungen und Idealstrategien zur Gestaltung der Entscheidungsprozesse für die Praxis. Dies erfolgt anhand der Erstellung systematisch-strukturierter Methoden zur Gewährleistung eines optimalen Ablaufs des Entscheidungsprozesses. 14
12 Einen guten Überblick geben: Autschbach, 1997, S. 124ff, Spitschka, 1976, S. 10ff, Hansmann, 1974, S. 23ff
und Maggioni, 2002, S. 64ff.
13 Vgl. Spitschka, 1976, S. 10, Autschbach, 1997, S. 125 sowie Godau, 2001, S. 55.
14 Vgl. Autschbach, 1997, S. 126 und 133ff sowie Godau, 2001, S. 58.
4
Zudem lassen sich die Standortlehren klassifizieren anhand der Wirtschaftssektoren, die sie vorwiegend betrachten. So unterscheidet man zum Beispiel Industriestandortlehre und Handels-standortlehre. 15 Insbesondere in der wirtschaftsgeographischen Literatur findet man häufig eine Differenzierung der Standortmodelle gemäß der sektoralen Gliederung in den primären Sektor (z.B. das Thünen-Modell), den sekundären Sektor (z.B. das Weber-Modell) und den tertiären Sektor (z.B. das Christaller-Modell). 16 Allen Standortmodellen gemeinsam ist das Ziel den Standort derart zu wählen, dass sich der größtmögliche standortabhängige Gewinn ergibt. 17
Aus speziell wirtschaftsgeographischer Perspektive bildet der so genannte „Raumwirtschaftliche Ansatz“ die Fragestellung der ökonomischen Standortbestimmung ab. 18 Die Raumwirtschaftslehre als wirtschaftsgeographische Strömung befasst sich mit der Analyse von Standortverteilungen und Standortentscheidungen, der Definition der Standortanforderungen gewisser Branchen und der Untersuchung spezifischer Regionen hinsichtlich ihrer diesbezüglichen Erfüllung. Dabei folgen alle Raumwirtschafttheorien dem ökonomischen Prinzip der Gewinnmaximierung. 19 Die Raumwirtschaftstheorien lassen sich differenzieren in: x Standorttheorien:
x Räumliche Mobilitätstheorien: Untersuchungsgegenstand sind Ursachen und Wirkungen der räumlichen Mobilität von Produktionsfaktoren, Gütern und Dienstleistungen. x Regionale Wachstums und Entwicklungstheorien: Untersuchungsgegenstand sind Determinanten und Erscheinungsformen regionaler Wachstumsprozesse. 20
Damit erstreckt sich die wirtschaftsgeographische Forschung über das gesamte Spektrum der Standorttheorie. In dieser Arbeit soll auf die Theorien der unternehmerischen Standortwahl fokussiert werden, ergänzt um Aspekte der Mobilitätstheorien.
15 Vgl. Autschbach, 1997, S. 126 sowie Wagner, 1998, S. 65. Methoden der Handelsstandortlehre finden sich z.B.
in Heinritz, 1999.
16 Vgl. Voppel, 1999, S. 46ff.
17 Vgl. Dicken, Lloyd, 1999, S. 86.
18 Vgl. Wagner, 1998, S. 64.
19 Vgl. Schätzl, 2003, S. 28.
20 Vgl. ebenda, S. 25 sowie Wagner, 1995, S. 15f.
5
2.1 Standorttheoretischer Rahmen der Arbeit
Das Interesse dieser Arbeit gilt dem betrieblichen Standort aus einzelwirtschaftlicher Sicht. Aus diesem Grund bleibt im weiteren Verlauf dieser Arbeit die Betrachtung auf den theoretischen Rahmen der Standortbestimmungslehre, insbesondere der Standortplanungslehre unter Einbezug raumwirtschaftlicher Aspekte beschränkt. 21
Das Grundproblem der Standortplanungslehre lautet: Wie kann ein optimaler bzw. den Ansprüchen eines Unternehmens genügender Standort ermittelt werden, wobei als Bedingungen die Mehrdimensionalität der zugrunde liegenden Ziele, die Koexistenz quantitativer wie qualitativer Beurteilungskriterien, die Kosten der Informationsbeschaffung sowie die Unsicherheit der In-formationen zu berücksichtigen sind? 22 Der Schwerpunkt der handlungsorientierten Standortplanungslehre liegt auf dem Entscheidungsablauf und dessen Konsequenz: der Standortentscheidung. Typischerweise wird der Entscheidungsprozess in Phasen zerlegt, wodurch eine inhaltliche Strukturierung des Problems ermöglicht werden soll. 23 Im Gegensatz dazu zeichnet sich die Standortbestimmungslehre durch eine Ergebnisorientierung aus. Konkret bedeutet dies die Ermittlung des optimalen bzw. befriedigenden Standortes. Der Begriff des Standortfaktors gilt hierbei als zentrales Element der Standortbestimmungslehre. 24 Aus der Raumwirtschaftlehre sollen wichtige Aspekte des Raumbezugs der Standortfaktoren thematisiert werden und für die Modellierung der Standortentscheidung nutzbar gemacht werden. Bezogen auf die sektorale Abgrenzung wird ein möglichst umfassender methodischer Ansatz gewählt, der sich aber überwiegend an die Industriestandortlehre anlehnt.
Für die folgenden Ausführungen ist zunächst erforderlich, die der Standorttheorie zugrunde liegenden Konzepte des Standortes und der Standortfaktoren zu erläutern.
2.1.1 Zum Begriff des Standortes
Während sich die traditionelle Definition des Standortes eng am Grund und Boden anlehnt, auf dem ein Betrieb errichtet ist, wird in jüngerer Zeit der Standort generell als Lebensraum des Betriebes verstanden. Konkret sei dies nach Spitschka (1976) der Ort der Niederlassung und damit die räumliche Einordnung eines Wirtschaftsobjektes. 25 Liebmann (1971) fokussiert in
21 Vgl. Lüder, 1990, S. 29 sowie von Ballestrem, 1974, S. 48f.
22 Vgl. Autschbach, 1997, S. 133 sowie Lüder, 1990, S. 29.
23 Vgl. Godau, 2001, S. 58.
24 Vgl. Lüder, 1990, S. 34.
25 Vgl. Spitschka, 1976, S. 10.
6
seiner Definition auf den Aspekt der Standorteigenschaften als Abgrenzungsmerkmal von Standorten:
„Unter Standort wird ein geographischer Ort mit gegebenen Eigenschaften ver-
standen, an dem die Unternehmensleitung Produktivfaktoren einsetzt, um Leis-
tungen im weiteren Sinne zu erstellen.“ 26
Es soll hier dem Konzept des geographischen Ortes gefolgt werden. Theoretisch kann jeder nach beliebigen Kriterien abgrenzbare geographische Raum einen potentiellen Standort für den Einsatz von Produktivfaktoren darstellen. Hierbei sind verschiedene geographische Maßstäbe zu beachten. Der Begriff des Standortes kann von der Beschreibung einer Welt-Region (z.B. „Standort Süd-Ost-Asien“) über nationalen Räume und sub-nationale Regionen bis hin zu Ortschaften und dem eigentlichen Grundstück der Niederlassung verstanden werden. Es wird hierbei häufig von Makro- Meso- und Mikro-Standorten gesprochen, 27 wobei eine exakte Abgrenzung bei derartig unscharfer Terminologie wenig angemessen erscheint.
Für die weitere Betrachtung spielen die Standorteigenschaften eine wichtige Rolle, da sie die Kriterien für die Unterscheidung und Beurteilung möglicher Standortalternativen bilden. Es wird unterschieden zwischen Standortbedingungen als faktischen Eigenschaften eines Standortes und Standortanforderungen, welche aus den Unternehmenszielen, dem Produktions- und Absatzprogramm, sowie der internen Ressourcenausstattung abgeleitet werden. 28 Für einen Energiekonzern kann ein Ort auf dem offenen Ozean einen potentiellen Standort darstellen, da er sich als Förderstandort für fossile Energieträger grundsätzlich eignet, für andere Wirtschaftssubjekte mag der Ozean als theoretischer Standort grundsätzlich ausscheiden. Für das Untersuchungsziel der Arbeit bietet sich daher folgende Definition an:
Als Standort wird ein beliebig skalierbarer Ort im geographischen Raum verstan-
den, der durch seine differenzierbaren Eigenschaften, sowie anhand der aus dem
Zielsystem der Entscheidungsträger abgeleiteten Anforderungen gekennzeichnet
ist.
26 Liebmann, 1971, S. 13. Weitgehend identische Definitionen finden sich bei: Hansmann, 1974, S. 15f und
Stemmler, 1991, S. 13.
27 Zur Unterscheidung in Mikro- und Makrostandorte siehe: Küpper, 1982, S. 456ff sowie Barthelt, Glückler,
2003, S. 47 und S.124f.
28 Vgl. Godau, 2001, S. 61, von Ballestrem, 1974, S. 50 sowie Braun ,1990, S. 45f.
7
2.1.2 Zum Begriff des Standortfaktors
Die Erkenntnis, dass Standortbedingungen und Standortanforderungen die Güte eines Standortes aus unternehmerischer Sicht bedingen 29 , leitet zum Begriff des Standortfaktors über, der auf Alfred Weber (1909) zurückgeht 30 . Demnach handelt es sich bei einem Standortfaktor um einen „[…] nach seiner Art abgegrenzten Vorteil, der für eine wirtschaftliche Tätigkeit dann eintritt, wenn sie sich an einem bestimmten Ort oder auch generell an Plätzen bestimmter Art vollzieht.“ 31 . In sehr rudimentärer Form kann man Standortfaktoren als die betriebswirtschaftlich relevanten Merkmale des Ortes der Leistungserstellung verstehen. 32 .
Godau (2001) betont den Zusammenhang von Standortfaktor und Zielsystem des Unternehmens, indem er fordert, nur solche Standorteigenschaften zu betrachten, die Einfluss auf die Zielerreichung des Unternehmens nehmen. 33 Während Standortfaktoren mit dem Zielsystem der Unternehmen eng verknüpft sind, stellen Standortbedingungen lediglich die unbewerteten Gegebenheiten eines Standortes dar. 34 Lüder (1990) ergänzt diese Argumentation um die Forderung nach einer messbaren Differenz der betrachteten Eigenschaft zwischen potentiellen Stand-ortalternativen. 35 Eigenschaften, die bei allen Standorten in gleicher Art und gleichem Maß vorzufinden sind, stellen demnach keine Standortfaktoren dar. 36
Für den weiteren Verlauf der Arbeit werden Standortfaktoren als von den Entscheidungsträgern frei definierbare Entscheidungskriterien aufgefasst. Aufgrund unterschiedlicher Zielsysteme und damit unterschiedlicher Anforderungen an Standorteigenschaften bilden sich Standortfaktoren unternehmensspezifisch heraus. Ebenso müssen der Bewertung der Faktoren spezifische Präferenzen der Entscheidungsträger zu Grunde gelegt werden. 37
29 Godau, 2001, S. 61 spricht von Standortqualität.
30 Vgl. von Ballestrem, 1974, S. 49.
31 Weber, 1909, zitiert nach Spitschka, 1976, S. 15.
32 Vgl. Haug, von Wangenheim, 1995, S. 73.
33 Vgl. Godau, 2001, S. 92. Viele frühere Abhandlungen bleiben auf die Betrachtung des Einflusses von
Standortfaktoren auf die ökonomische Lage reduziert. Diese stellt jedoch lediglich ein Subsystem des
Zielsystems der Unternehmung dar. Vgl. hierzu beispielsweise: Liebmann, 1971, S. 21.
34 Vgl. Godau, 2001, S. 37.
35 Vgl. Lüder, 1990, S.34.
36 Ähnlich argumentiert Hansmann. Er spricht von Einflussgrößen mit direkt oder indirekt standortspezifischer,
interlokaler Erfolgswirkung Vgl. Hansmann, 1974, S. 17. Nach Braun ist die Differenzierung von räumlichen
Einheiten nur dann sinnvoll, wenn die inter-räumlichen Unterschiede größer sind als die intra-räumlichen. Vgl.
Braun, 1990, S. 45.
37 Vgl. Spitschka, 1976, S. 17, Godau, 2001, S. 113, Liebmann, 1971, S. 21 und Voppel, 1999, S. 41.
8
2.1.3 Typologie der Standortfaktoren
Die theoretisch begründbare Vielfalt an Standortfaktoren lässt es unzweckmäßig, wenn nicht unmöglich erscheinen, diese erschöpfend aufzuführen. Die Entwicklung aussagekräftiger Systematisierungsschemata ist für die Analyse daher unerlässlich und wurde von einer Vielzahl von Autoren nach unterschiedlichen Kriterien durchgeführt. Die bekannteste Systematik geht auf Alfred Weber zurück. Er unterscheidet Standortfaktoren wie folgt:
Abb. 1: Standortfaktorensystematik nach Weber (1909)
Quelle: Nach Liebmann 1971, S. 18, Kortüm 1972, S. 111 sowie Spitschka, 1971, S.16. Die Einteilung Webers hat mannigfaltige Kritik erfahren; unter anderem weist sie die Schwäche auf, nicht überschneidungsfrei zu sein. Jedoch verkörpert ist sie einen der wenigen Versuche, auch nach der räumlichen Wirkung der Standortfaktoren zu unterscheiden. Regionalfaktoren bezeichnen demnach Größen, welche die Unternehmen an einen geographischen Ort binden. Agglomerativfaktoren führen dazu, dass sich Unternehmen an gewissen Orten räumlich konzentrieren. Entsprechend wirken Deglomerativfaktoren als standörtlich dezentralisierend. 38
Eine umfassende Gliederung nahm Pott (1983) vor. Neben einer Menge anderer Kriterien zeichnet sich diese Systematik durch das Differenzierungskriterium der Messbarkeit bzw. Erfassbarkeit der Standortfaktoren aus. Pott unterscheidet hierbei in quantitativ messbare, quantifizierbare und lediglich qualitativ messbare Standortfaktoren. 39 Das Kriterium der Messbarkeit bzw. Erfassbarkeit wird im Verlauf der Arbeit eine bedeutende Rolle einnehmen, da das Messniveau der verwendeten Kriterien die Anwendbarkeit verschiedener Methoden der Standortbestimmung wesentlich bestimmt. 40
Eine weitere für die Anwendung der Methoden und Modelle dieser Arbeit bedeutende Unterscheidung erfolgt nach dem Grad der Substituierbarkeit der Faktoren. Es wird unterschieden in
38 Vgl. Liebmann, 1971, S. 18.
39 Die vollständige Systematik findet sich in: Pott 1983, S. 56ff.
40 Bei Vorliegen quantitativer Messbarkeit kann der Beitrag zum Unternehmenserfolg durch analytische Entschei-
dungsmodelle direkt gemessen werden. Bei Vorliegen qualitativer Messbarkeit hingegen muss der Zielbeitrag
subjektiv geschätzt werden und durch heuristische Entscheidungsmodelle bewertet werden. Vgl. Meffert, Bolz,
1994, S.112ff und Kinkel, 2004b, S. 50f.
9
limitationale und substitutionale Faktoren. 41 Die Ausprägungen limitationaler Faktoren 42 können nicht durch die Ausprägungen anderer Faktoren kompensiert werden. 43 Substitutionale Fak-toren sind dagegen durch diese Kompensationsmöglichkeit von Faktorausprägungen gekennzeichnet. Substitutionale Faktoren werden weiter unterteilt in finanzielle und nicht-finanzielle substitutionale Faktoren. Die Gruppe der nicht-finanziellen substitutionalen Faktoren beinhaltet solche, die der Erfassung des politisch-sozialen Umfeldes, der Ressourcenausstattung am Standort und der Erfassung der räumlichen Struktureigenschaften eines Standortes dienen. Letztere Gruppe bezeichnet Faktoren, welche die räumliche Lage des Standortes innerhalb der Standortstruktur und in Relation zur Umwelt festlegen. 44
Eine für den Zweck dieser Arbeit interessante Systematik nimmt Tesch (1980) vor, indem er fünf Faktorgruppen nach den Grad der landes- bzw. der geospezifischen Ausprägung unterscheidet. Damit wird deutlich, dass einige Faktoren mit bestimmten administrativen Grenzen korrespondieren, andere zumindest weitgehend mit den Grenzen korrelieren und wieder andere vollständig über administrative Grenzen hinausgehen. In Kapitel 2.2.1 wird dieser Aspekt vertiefend aufgegriffen. Eine Abbildung der Systematik nach Tesch findet sich in Anhang A.
Zuletzt sei die Abgrenzung von Wagner genannt. Er unterscheidet folgende raumdifferenzierende Faktoren.
Abb. 2: Raumdifferenzierende Faktoren nach Wagner.
Quelle: Wagner, 1998, S. 174f.
41 Vgl. Küpper, 1982, S.454f. Meyer unterscheidet in ähnlicher Weise nach standortempfehlenden und
standortbefehlenden Faktoren. Vgl. Meyer, 1960, S. 94.
42 Andere Autoren bezeichnen diese auch als Muss-Kriterien oder Engpassfaktoren. Vgl. Autschbach, 1997, S.
201f.
43 Vgl. Küpper ,1982, S. 454f.
44 Vgl. ebenda, S. 455f.
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Das Schema von Wagner ist stark praxisorientiert und beinhaltet eine Reihe von Faktoren, die einen Raumbezug aufweisen, ohne dass der Autor aber darauf explizit hinweist. Zur Lektüre weiterer Systematiken und Auflistungen von Standortfaktoren soll auf weiterführende Literatur verwiesen werden. 45
2.2 Die Bedeutung des Raumbezugs für die Standortplanung
Hansmann stellt fest: „Jede wirtschaftliche Tätigkeit spielt sich im Raum ab […]“. 46 Der unternehmerische Standort kann nie als von seiner Umwelt isoliert betrachtet werden. 47 Die Einbettung in seine Umwelt besitzt stets eine unternehmensspezifisch in seiner Intensität und Reichweite differenziert ausgeprägte räumliche Komponente. 48
In den meisten Standortsystematiken werden die Standortfaktoren nach einer Vielzahl von Unterscheidungsmerkmalen klassifiziert. Dabei wird die räumliche Komponente der Standortfak-toren meist gänzlich ausgeblendet. Die Schemata von Weber und Tesch erwähnen Raumbezüge der Faktoren auf implizite Art und Weise, aber es wird nicht deutlich, dass der Raumbezug selbst ein determinierendes Unterscheidungsmerkmal darstellen kann und für eine adäquate Modellierung der Entscheidungsumwelt bei vielen Standortfaktoren eine große Rolle spielt.
Es bestehen zwischen und innerhalb von politisch und wirtschaftlich abgegrenzten Räumen beträchtliche Disparitäten der Wirtschaftsaktivität aufgrund von unterschiedlicher Ausstattung mit Potentialfaktoren sowie unterschiedlich starker Anziehungskraft mobiler Produktionsfaktoren. 49 Bereits in Frühwerken der Standorttheorie wurde raumbezogene Aspekte aufgegriffen, hierbei jedoch allein in Bezug auf die Wirkung der räumlichen Distanz auf die Transportkosten. Meyer (1960) erkennt ferner, dass zahlreiche Kostenfaktoren und auch die Nachfrage durch ihre räumliche Verteilung in der Fläche wirksam werden. Er spricht von „Standortfaktoren mit Flächenwirkung“. 50 Klassische ökonomische Modelle betrachten meist eine Punktwirtschaft, welche gekennzeichnet ist durch die natürliche und ökonomische Homogenität der Fläche sowie vollkommene Faktormobilität. Diese Annahmen widersprechen fundamental der ökonomischen
45 Siehe Kinkel, 2004b, S. 55ff, Kortüm, 1972, S. 118ff, Fischer, 1997, S. 28f, Spitschka, 1976, S. 18f, Maggioni,
2002, S. 155f sowie Wagner, 1998, S. 174f.
46 Vgl. Hansmann, 1974, S. 19.
47 Vgl. Pellenbarg, Wissen, Dijk, 2002, S. 110 und S. 117, Fürst, Zimmermann, Hansmeyer, 1973, S. 49. Zur
Messung von räumlichen Verflechtungen siehe: von Ballestrem, 1974, S. 119.
48 Vgl. Küpper, 1982, S. 456 sowie Spitschka, 1976, S. 12.
49 Vgl. Stemmler, 1991, S. 74 sowie Lüder, 1982, S. 418f.
50 Meyer, 1960, S. 68f.
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Realität. 51 Es ist eine Orientierung hin zur raumwirtschaftlichen Betrachtungsweise von Nöten, welche von einer räumlichen Streuung der natürlichen Ressourcen, internen wie externen Agglomerationseffekten, Transport- und Bewegungskosten sowie individuellen räumlichen Präferenzen ausgeht. 52
2.2.1 Eigenschaften und Problemfelder des Raumbezugs
Die Wirtschaftsgeographie kennt drei grundsätzliche Raumbegriffe:
1. Vorgegebene, naturräumlich oder administrativ abgegrenzte Wirtschaftsräume 2. Verbreitungsgebiete einzelner wirtschaftlicher Aktivitäten oder Funktionen 3. Aktionsräume, die von Trägern ökonomischer Aktivitäten gestaltet werden und je nach Aktivität im Umkreis von Wirtschaftsstandorten unterschiedliche, veränderliche Reichweiten aufweisen. 53
Ich möchte hieraus die Aspekte der Abgrenzung von Räumen, der räumlichen Verteilung von wirtschaftlichen Funktionen und der Aktionsräume, bzw. des Aspekts der Reichweite thematisieren. In diesem Abschnitt soll erläutert werden, welche Probleme mit der Missachtung des Raumbezugs verbunden sind und welche Minderung der Rationalität hieraus resultiert.
2.2.1.1 Der Effekt der räumlichen Verteilung
Traditionelle betriebswirtschaftliche und zum Teil auch wirtschaftsgeographische Analysemethoden partitionieren den Untersuchungsraum in disjunkte, sich nicht überlappende Teilräume. 54 Meistens handelt es sich hierbei um Räume statistischer Einheiten. 55 Statistische Einheiten bilden in der Praxis der Standortplanung üblicherweise die Informationsgrundlage für die Bewertung von Ländern, Regionen und feingliedrigeren Räumen. 56 Der klassischen Statistik liegt die Annahme räumlich homogen verteilter Phänomene zu Grunde. In der Realität kann eine Menge von Objekten räumlich gleich verteilt, rein zufällig verteilt, oder aber räumlich konzent-
51 Vgl.Malczewski, 1999b, S. 41f.
52 Vgl. Stemmler, 1991, S. 79.
53 Vgl. Wagner, 1998, S. 18.
54 So z.B. die bei Barthelt, Glückler, 2003, S. 86 vorgestellten Parameter der regionalen Strukturanalyse zur Messung räumlicher Verteilungen (Lokalisations- bzw. Standortquotient, Koeffizient der Lokalisierung und Koeffi-
zient der Spezialisierung). Die Werte der Parameter werden stark vom gewählten Aggregationsniveau bestimmt.
55 Vgl. Hauer, 1984, S. 118.
56 Zu den üblicherweise herangezogenen Informationsquellen bei Auslandsinvestitionen siehe Stahr, 1979, S. 71ff,
Autschbach 1997, S. 158, Herrmann, 2004, S. 78 sowie Pott, 1983, S. 115ff.
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riert sein, was man auch als „geclustert“ bezeichnet. 57 Abbildung 3 b) zeigt, wie sich die gleiche Anzahl von Elementen wie in Abbildung 3 a) völlig unterschiedlich verteilen. Hierbei ist nicht nur eine unterschiedliche räumliche Dichte, sondern auch das Phänomen unterschiedlicher Gestalt und Orientierung der Objekte dargestellt.
Die klassische Statistik fußt weiterhin auf der Annahme der Unabhängigkeit der einzelnen Phänomene im Raum. Das heißt, die räumliche Lage und die Ausprägung eines Elements werden als unabhängig von der Lage und der Ausprägung eines anderen Elements betrachtet. Das so genannte erste Gesetz der Geographie (Tobler) ist dieser Annahme fundamental widersprechend und zeigt sich in der Realität auf vielfache Weise bestätigt. 58 Es lautet wie folgt:
“Everything is related to everything else, but near things are more related than
distant things.“ 59
Diese im Konflikt mit der klassischen Statistik stehende Feststellung raumbezogener Abhängigkeit von Objekten und Ereignissen wird als raumbezogene Autokorrelation bezeichnet. 60 Die Datenbasis betriebswirtschaftlicher Analysen und Modelle schöpft sich üblicherweise aus statistischen Quellen und übergeht folglich diesen bedeutsamen raumwirtschaftlichen Aspekt.
2.2.1.2 Der Effekt der Zonierung und der raumbezogenen Aggregation
Eine Region bzw. ein Untersuchungsraum ist ein konkreter Ausschnitt der Erdoberfläche, der sich aufgrund bestimmter Prinzipien oder Strukturen abgrenzen lässt. 61 Es können drei fundamentale Abgrenzungsprinzipien unterschieden werden:
57 Vgl. Maggioni, 2002, S. 5.
58 Der überwiegende Teil geographischer Daten ist autokorelliert. Vgl. Johnston, 1984, S. 135.
59 Tobler (1979), zitiert nach Anselin, 1996, S. 112 sowie Lee, Wong, 2001, S. 79.
60 Vgl. Anselin, 1996, S. 112 sowie Maguire, 1995, S. 175.
61 Vgl. Barthelt, Glückler, 2003, S. 44.
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1. Das Homogenitätsprinzip: Abgrenzung anhand von Klassenbildung oder Clusteranalyse
2. Das Funktionalprinzip: Abgrenzung anhand interner Interaktionen und Verflechtungsbeziehungen in Form von Einzugsgebieten, meist ausgehend von einem Gravitationskern.
3. Das Verwaltungsprinzip: Abgrenzung von administrativen Einheiten, meist kleinste statistische Einheiten 62
Wie im vorangegangenen Abschnitt angesprochen, findet bei betriebswirtschaftlichen und auch wirtschaftsgeographische Analysen häufig das Verwaltungsprinzip Anwendung. Die Datenbasis befindet sich zudem häufig auf einem räumlich relativ stark aggregierten Niveau. Bei der Aggregation von Information zu größeren Gebietseinheiten geht Information über die geographische Verteilung eines Merkmals verloren. 63 Wird die Analyse geographisch weiter herunter gebrochen, ergeben sich teilweise beträchtliche Heterogenitäten. 64 In Abbildung 4 a) ist eine gleich verteilte Menge von Objekten in einem in vier Teilräume gegliederten Raum dargestellt. Diese Einteilung könnte einer administrativen oder statistischen Gebietsgliederung entsprechen.
Abb. 4: Der Effekt der Zonierung
Quelle: in Anlehnung an Lee, Wong, 2001, S. 69.Eigener Entwurf.
Im Vergleich mit Abbildung 4 b) ist bemerkenswert, dass bei gleicher Anzahl von Phänomenen und der gleichen Dichte (Anzahl pro Raumeinheit), die raumbezogene Einteilung der statistischen Gebiete nicht mit der wirklichen Verteilung korrespondiert und keine stichhaltigen Aussagen abgeleitet werden können.
Die statistische Gliederung entspricht in der Praxis selten der realen räumlichen Gliederung, so dass die statistischen Grenzen vielfach die reale Verteilung und Abgrenzung von Phänomenen
62 Vgl. Vgl. Barthelt, Glückler, 2003, S. 45.
63 Vgl. Braun, 1990, S. 57.
64 Vgl. Birkin et al., 1996, S. 19.
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nicht abbilden. 65 In der unternehmerischen Praxis besitzen vorwärts und rückwärts gelagerte wirtschaftliche Verflechtungen meist grenzüberschreitenden Charakter. 66 Es wäre in diesem Fall zweckmäßiger, die Räume nach dem Funktionalprinzip oder dem Heterogenitätsprinzip zu gliedern. Hierdurch würde sich die Qualität der Information bezüglich der Standorträume bei einer Vielzahl von Faktoren beträchtlich erhöhen. Abbildung 4 c) zeigt beispielhaft eine Neudefinierung der räumlichen Gliederung nach dem Kriterium der räumlichen Verteilung, bzw. der Dichte. 67
Generell ist festzustellen, dass sich Kennziffern der deskriptiven Statistik nahezu beliebig mittels Änderungen des Systems der räumlichen Einteilung manipulieren lassen. Man spricht vom modifiable areal unit Problem, welches aus zwei interdependenten Teilproblemen besteht:
1. Das Skalenproblem: Die Größe der Einheiten (räumliches Aggregationsniveau) führt zu statistischen Manipulationen.
2. Das raumbezogene Aggregationsproblem: auch die Form und Grenzziehung der Einheiten innerhalb eines Aggregationsniveaus bestimmen die statistischen Ergebnisse. Es bestehen prinzipiell unbegrenzte Möglichkeiten der Zonierung. 68
Um Informationsverluste und Verzerrungen zu vermeiden empfehlen Bahrenberg, Johnston sowie Feser und Sweeney daher die Analyse von Punktdaten. Auf eine Regionalisierung bzw. Zonierung sei nach Möglichkeit zu verzichten, wenn Messungen in disaggregierter Form vorliegen. 69
2.2.1.3 Aktionsräume und Reichweiteneffekte
Produktionsfaktoren und ökonomischer Funktionen sind in der Regel im Raum konkret lokalisiert. Ebenso variieren die Qualitäten der Produktionsfaktoren im Raum. 70 Dies bedeutet aber nicht, dass sich deren Nutzung auf ihre aktuellen Standorte beschränkt. Jedes Element im Raum besitzt ein bestimmtes Maß an Mobilität, welches einen Positionswechsel innerhalb eines räum- 65 Vgl.Ottaviano, Puga 1998, S. 707. Die Autoren beschreiben die Ausdehnung wirtschaftlicher Phänomene über
Grenzen hinaus anhand des US-Manufacturing Belt und der so genannten EU-Banane.
66 Vgl. Hemberger, 1974, S. 172.
67 Nach Pütz, 1975, S. 20 sei es sinnvoller, ökonomische Räume zu betrachten.
68 Vgl. Bahrenberg, 1984, S. 38f, Malczewski, 1999a, S. 146 sowie Maguire, 1995, S. 173f.
69 Vgl. Bahrenberg, 1984, S. 40, Johnston, 1984, S 133 sowie Feser, Sweeney, 2002, S. 235.
70 Vgl. Dicken, Lloyd, 1999, S.73.
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lichen Systems gestattet. Dies ermöglicht funktional-räumliche Beziehungen im Austausch von Gütern, Dienstleistungen und mobilen Produktionsfaktoren. 71 Die maximale Distanz, die eine ökonomische Funktion oder ein lokalisierter Faktor (ökonomisch) überwinden kann, bestimmt seine Reichweite. Der Begriff der Reichweite ist ein zentrales Konzept der Raumtheorien. 72
Die Interaktion zwischen Wirtschaftssubjekten wird durch die Überwindung der Raumdistanz durch verschiedenartige Verkehrseinrichtungen hergestellt. 73 Die Raumüberbrückung ist stets mit Widerstand verbunden, der sich in der physischen Distanz, zeitlichen Distanz und ökonomischen Distanz (Transportkosten, Qualität des Transports, Frequenz, etc.) ausdrücken lässt. Hierin unterscheidet sich die Raumwirtschaftslehre grundsätzlich, von der klassischen Ökonomie, die das Problem der Raumüberwindung häufig nicht thematisiert. 74 Die Distanzüberwindung und der ökonomische Zwang ihrer Minimierung ist die wichtigste Grundlage aller klassischen Standorttheorien. 75
Aufgrund der Raumüberbrückungswiderstände sinkt die ökonomische Nutzbarkeit, bzw. der Wert eines Faktors in der Regel mit zunehmender Distanz. Man spricht hierbei vom so genannten Distance-Decay-Effekt. 76 Die Grenze seiner Inanspruchnahme definiert seinen Aktionsraum. Der Verlauf der Raumüberbrückungswiderstände kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, abhängig von zu transportierendem Gut, Entfernung, Transportmedium, etc. 77
71 Vgl. Wagner, 1998, S.21 sowie S. 47.
72 Vgl. Voppel, 1999, S. 33.
73 Vgl. ebenda, S. 33.
74 Vgl. Barthelt, Glückler, 2003, S. 48, Voppel, 1999, S.33f. sowie Wagner, 1998, S. 81f.
75 Vgl. Wagner, 1998, S. 65 und S. 81.
76 Vgl. Birkin et al., 1996, S. 68.
77 Vgl. Dicken, Lloyd, 1999, S. 102f. Bahrenberg, 1984, S. 37f und Bill, 1999, S. 16. Diskrete Mengenrabatte
diskutiert Hansmann, 1974, S. 65.
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Das Phänomen der Aktionsräume und Reichweiten von Faktoren wird in der Planungspraxis meist wenig beachtet, insbesondere nicht wenn mit diskreten Entscheidungsmodellen gearbeitet wird. 78 Meist gehen lediglich Transportkosten, bzw. um Transportkosten bereinigte Ortspreise 79 von Produktionsfaktoren in das Standortkalkül ein. Oftmals dienen gleichmäßig über einen Raum (meist in Form von Verwaltungseinheiten) verteilte Durchschnittswerte als Bewertungs-grundlage. 80 Bei der Generierung von Standortalternativen für diskrete Entscheidungsmodelle besteht die Gefahr, durch Ausblendung der Mobilitäts- und Reichweiteneffekte und der Fokussierung auf diskrete, punkförmige Standortalternativen, eine Vielzahl potentieller Standorte aus der Bewertung auszuschließen. 81
2.2.1.4 Raum und Kommunikation bzw. Interaktion
Für Wirtschaftssubjekte stellt der Raum einen Widerstand in Bezug auf die Ausübung von Kommunikation bzw. Interaktion dar. Die Informations- und Interaktionskosten steigen mit zunehmender Distanz, 82 insbesondere für informelles Wissen, das im Kontext internationaler Standortentscheidungen von hoher Bedeutung ist. 83 Aufgrund dessen korreliert die Häufigkeit sozialer Kontakte in der Regel mit der Distanz. Dieser Zusammenhang dürfte auch durch den raumüberwindenden Charakter moderner Kommunikationsmedien nur teilweise relativiert werden. Gemäß dem Modell der raum-zeitlichen Innovationsdiffusion nach Hägerstrand ist die Wahrscheinlichkeit der Interaktion von Menschen auf sehr kurzer Distanz (so genanntes mittleres Informationsfeld) besonders hoch. Mit zunehmender Distanz fällt die Wahrscheinlichkeit rapide ab. Innovationen diffundieren meist ausgehend vom mittleren Informationsfeld eines Innovationskerns zu benachbarten mittleren Informationsfeldern (Nachbarschaftseffekte). 84 Damit fördert räumliche Nähe so genannte technologische Spillover-Effekte. 85 Der Einbindung in regionale Netzwerke wird in der jüngeren wirtschaftsgeographischen Forschung daher eine
78 Vgl. Van Herwijnen, Rietveld, 1999, S. 78.
79 Zum Konzept des Ortspreises siehe: Meyer, 1960, S. 72.
80 So basieren beispielsweise die in Hemberger, 1974, S. 245 vorgestellten vergleichende Marktanalysen aus-
schließlich auf statistischem Material, wobei die Verteilung der Daten keine Berücksichtigung findet.
81 Vgl. Meyer 1960, S. 85.
82 Vgl. Stemmler, 1991, S. 22.
83 Vgl. Harsche, 2001, S. 46ff sowie Cantwell, Iammarino, 2002, S. 289.
84 Vgl. Reichart, 1999, 147f.
85 Vgl. Barthelt, Glückler, 2003, 81f.
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zunehmend substanzielle Rolle zugewiesen. Räumliche Nähe erhöht die Wahrscheinlichkeit des Aufbaus von Vertrauen und so genannter „embeddedness“ innerhalb der Netzwerke. 86
Ebenso produziert räumliche Nähe Agglomerationsvorteile. Es handelt sich um positive externe Effekte, die durch die räumliche Konzentration von Wirtschaftssubjekten hervorgerufen werden. 87 Üblicherweise werden diese unterteilt in Lokalisierungsvorteile (sämtliche unternehmensspezifischen Vorteile wie z.B. spezialisierte Arbeitsmärkte, branchenspezifische Ressourcen und Dienstleistungen, zwischenbetriebliche Kommunikation, Kooperation, etc.) und Urba-nisierungsvorteile (externe Effekte über die eigene Branche hinaus, sich ergänzende Arbeitsmärkte, Dienstleistungen, Kulturangebot, etc.) 88
Es ist daher allgemein zu konstatieren, dass räumliche Nähe die Innovations- und Wachstumsdynamik fördert. 89 Aus diesen Gründen bilden sich vielfach funktionale Standortgemeinschaften, so genannte „Cluster“ heraus. Es handelt sich um Verflechtungen entlang der Wertschöpfungskette mit vor- und nachgelagerten sowie unterstützenden Branchen und Institutionen. 90 Speziell Industrien, die eine gemeinsame Wissensbasis teilen und intensive soziale Netzwerke pflegen, sind hochgradig geographisch agglomeriert. 91 Auch tendieren bestimmte Unternehmensfunktionen zu räumlicher Nähe, z.B. Hauptverwaltungen, hochwertige Dienstleistungen sowie Forschung und Entwicklung. 92 Ausländische Direktinvestitionen weisen häufig ein besonder hohes Maß an regionaler Konzentration auf.. 93
Nach Porter (1996) erzeugen Cluster regionale Wettbewerbsvorteile. 94 Demnach wäre die Standortwahl in Clustern rational. Sie kann aber auch durch unvollkommene Information erklärt werden: Bestehende Standorte von ähnlichen Firmen oder von Konkurrenten werden als Indika-tor (Signalling-Funktion der Standorte) verwendet. Sie weisen indirekt auf die Verfügbarkeit
86 Vgl. ebenda, S. 49 und S. 188, Harsche, 2001, S. 46ff; Arita, McCann, 2002, S. 319, Meyer, 1960, S. 68 sowie
Voppel, 1999, S. 32ff.
87 Vgl. Richter, Buchner, 2004, S. 186 sowie Wagner, 1998, S. 64f.
88 Vgl. Maggioni, 2002, S. 151 und S. 98, Stemmler, 1991, S. 74 sowie Cantwell, Iammarino, 2002, S. 288.
89 Vgl. Schätzl, 2003, S. 229 sowie Dicken, Lloyd, 1999, S. 139.
90 Vgl. Reichart, 1999,162f sowie Voppel, 1999, S.16. Die räumliche Konzentration in Form von Clustern konnte
für eine Vielzahl von Branchen empirisch belegt werden (Vgl. Maggioni, 2002, S. 6).
91 Vgl. Duranton, Puga, 2002, S. 160 sowie Knyphausen-Aufseß, Zaby, 2000, S. 237.
92 Vgl. Duranton, Puga, 2002, S. 159 sowie Dicken, Lloyd, 1999, S. 139.
93 Thiran, Yamawaki, 1995, S. 1ff weisen eine hohe regionale Konzentration von japanischen Unternehmen in der
EU empirisch nach. Ferrer, 1998, S. 134, bestätigt dies für französische Firmen innerhalb der EU.
94 Vgl. Maggioni, 2002, 83.
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der benötigten Faktoren hin 95 und werden demnach als Proxy-Variablen verwendet. 96 Im Vergleich zum hohen Zeit- und Kostenaufwand systematischer Methoden wird hierdurch die Standorteignung auf sehr einfache Weise geschätzt.
Aufgrund der hohen Bedeutung von Clustern und Regionen in der globalisierten Weltwirtschaft stellt nach McCann der Nationalstaat für Multinationale Unternehmen heute kein angemessenes und aussagekräftiges räumliches Analyseobjekt mehr dar. Standortentscheidungen sollten demnach auf sub-nationaler Ebene analysiert werden, wo die geographische Ausdehnung von In-formations-Spillover-Effekten, sowie lokalisierte Standortfaktoren berücksichtigt werden können. 97 Insbesondere in Räumen, in denen nationale Grenzen aufgrund des Abbaus von Handelsschranken und der Harmonisierung der nationalen Gesetzgebung in Ihrer Bedeutung zurückgehen - wie z.B. in der EU - 98 stellen Regionen und feiner gegliederte Raumeinheiten sinnvollere Entscheidungseinheiten dar. 99
Der räumliche Niederschlag von ökonomischen Interaktionen manifestiert sich in der zu Grunde liegenden Verkehrs und Kommunikationsinfrastruktur. Diese Netzwerke sind der physische Ausdruck der Waren-, Personen- und Informationsströme, die das Wirtschaftssystem zusammenbinden und bilden die Grundlage jeder zukünftigen Verflechtung zwischen wirtschaftlichen Standorten und Funktionsräumen. 100 Ihre Kapazität und Qualität bestimmen wesentlich die Intensität sozialer Interaktion und auch der Innovationsdiffusion. An den Verkehrsachsen kanalisiert sich die soziale Interaktion und auch die Innovationsdiffusion. 101
95 Vgl. ebenda, S. 153.
96 Godau, 2001, S. 92f, spricht hierbei von Proxy-Attributen, welche mittels eines kausalen Zusammenhangs auf
die Zielerreichung wirken. Braun, 1990, S. 18f und S. 64, beschreibt die Methode der Ableitung von Variablen
über Proxy-Variablen. Siehe ebenso: Malczewski, 1999a, S. 108.
97 Vgl. McCann, 2002a, S. 648.
98 Vgl. Yurimoto, Matsui, 1995, S. 414.
99 Vgl. Thiran, Yamawaki, 1995, S. 1ff, Ferrer 1998, S. 118 sowie Braun, 1990, S. 10.
100 Vgl. Dicken, Lloyd, 1999, S. 95 sowie Wagner, 1998, S. 21.
101 Vgl. Reichart, 1999, S. 153f.
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2.2.2 Raumbezogene Standortfaktoren
Als Erkenntnis aus Kapitel 2.2.1 lässt sich festhalten, dass all jene Standortfaktoren 102 einen Raumbezug aufweisen, die
x innerhalb eines Betrachtungsraumes heterogen verteilt sind
x in Ihrer Ausprägung systematisch im Raum variieren
x eine über Ihren Standort hinausgehende Reichweite besitzen
x deren Mobilität an Raumüberwindungswiderstände gekoppelt sind
Wird der Raumbezug ignoriert, so treten theoretische und praktische Probleme auf. Die Analyse und Bewertung der Klasse von raumbezogenen Faktoren erfordert andere Methoden als die Klasse nicht-raumbezogener Faktoren. An dieser Stelle soll an die in Kapitel 2.1.3 genannten Typologien von Standortfaktoren erinnert werden. Für den Zweck dieser Arbeit soll fortan eine eigene Typologie zu Grunde gelegt werden, die in Abbildung 6 schematisch dargestellt ist.
Dieser Typisierung liegt ein pragmatischer und methodenorientierter Ansatz zu Grunde, der die Standortfaktoren nach den ihnen zu Grunde liegenden Anforderungen bezüglich der Informationsverarbeitungsmethoden differenziert. Raumbezogene Faktoren besitzen andere methodische Anforderungen bezüglich der Informationsverarbeitung als nicht-raumbezogene Faktoren. Als Subeinheiten dieser Faktorgattungen weisen limitationale Faktoren andere Erfordernisse an die Informationsverarbeitungs- und Entscheidungsverfahren auf als substitutionale Faktoren. 103 Abschließend betrachtet kann jeder Faktor auf einem unterschiedlichen Messniveau erfasst werden. Dieses Charakteristikum besitzt wiederum Implikationen für den Analyse- und Bewertungsprozess. 104
102 Die Betrachtung der raumbezogenen Standortfaktoren kann ergänzt werden um die Menge raumbezogener Pro-
xy-Variablen, mit deren Hilfe sich Standortfaktoren, die nicht oder schwer auf direkte Weise gemessen werden
können, indirekt schätzen lassen (Vgl. Biermann, 1999, S. 206).
103 Zu unterscheiden sind kompensatorische und nicht kompensatorische Verfahren. Siehe hierzu: Reimers, 1985,
S. 50f sowie Yoon, Hwang, 1995, S. 17.
104 Zu unterscheiden sind hierbei analytische und heuristische Verfahren. Siehe hierzu: Meffert, Bolz, 1994, S.
112ff, Kinkel, 2004b, S. 50f sowie Hansmann, 1974.
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Abb. 6: Typisierung der Standortfaktoren für den Zweck dieser Arbeit
Quelle: Eigener Entwurf.
Für eine explizite Darstellung von raumbezogenen Standortfaktoren wird auf Anhang A verwiesen. Dort wird ein umfassender Überblick über in der Literatur genannte raumbezogene Stand-ortfaktoren gegeben. Nachfolgend wird eine Auswahl von Standortfaktoren im Hinblick auf deren räumliche Dimension erläutert. Zudem werden vom Autor Spekulationen über die Messbarkeit der Faktoren abgeleitet. Diese Erkenntnisse gehen teilweise in die Praxisanwendung in Kapitel 6 ein.
x Agglomerationsvorteile werden in der Literatur häufig genannt, stellen jedoch eigentlich eine Aggregation vieler elementarer Standortfaktoren dar. Agglomerationsvorteile leiten sich aus der Bevölkerungsdichte und/oder der Konzentration wirtschaftlicher Tätigkeit im Raum ab. Zur Messung wurde von Ferrer ein Agglomerationsindikator entwickelt. 105 Allgemein handelt es sich um Messungen der Dichte bestimmter Elemente im Raum. Barthelt und Glückler bezeichnen die Dichte formeller Institutionen (wie z.B. Bildungseinrichtungen, spezialisierte Forschungslabors, Banken, Verbände, etc.) mit denen das Unternehmen Interaktionen unterhält als so genannte „Institutional thickness“. 106
x Bevölkerungsdichte: Die Bevölkerungsdichte kann als Faktor für sich stehen, oder aber als Ausgangspunkt für Faktoren wie Marktgröße, Arbeitskräftepotential, Bodenpreise, etc. herangezogen werden. Neben den statistischen Angaben lassen sich räumliche Verteilungen aus kartographisch dokumentierten Siedlungsdaten approximieren.
x Bodenpreis, Bodenqualität und Verfügbarkeit von Grundstücken: Informationen über die vorherrschenden Bodenqualitäten und geologischen Bedingungen existieren vielfach
105 Vgl. Ferrer, 1998, S. 131.
106 Vgl. Barthelt, Glückler, 2003, S. 188.
21
überwiegend in kartographischer Form. Bodenpreise weisen starke raumbezogene Disparitäten auf. 107 Sie lassen sich beispielsweise aus der lokalen oder regionalen Bevölkerungsdichte und dem Lohnniveau approximieren.
x Freizeitwert: Das Bedürfnis nach Freizeitwert der Schlüsselmitarbeiter (z.B. Management und F&E Personal) können Einfluss auf die Standortwahl nehmen. 108 Die Messung des Faktors kann durch die Entfernungsmessungen zu oder die räumliche Dichte von Kultur und Freizeiteinrichtungen abgeleitet werden. 109
x Klima: In der Praxis sind einige Produktionsprozesse an bestimmte klimatische Bedingungen gebunden. Häufig hat das Klima auch personenbezogene Einflüsse, wie z.B. auf die Lebensqualität und die Arbeitsproduktivität. 110 Klimatische Bedingungen, wie z.B. mittlere Temperaturen, Niederschläge sowie deren jahreszeitliche Verteilung, liegen in der Regel räumlich ausgedehnt vor und sind kartographisch dokumentiert.
x Nähe zum Heimatland bzw. Hauptsitz des Unternehmens: Dieser Faktor besitzt insbesondere bei im Ausland unerfahrenen Unternehmen und bei dem Erfordernis von signifikantem Personaltransfer Relevanz. 111 Der Faktor kann über Wegstrecken oder -zeiten gemessen werden.
x Nähe zu Märkten: Zur Ermittlung von räumlichen Marktsegmenten können die Verteilung und Dichte von Nachfragern verwendet werden. 112 Eine Möglichkeit zur Beschreibung der räumlich variierenden Intensität der Nachfrage ergibt sich durch das Potentialkonzept. Es steht im Zusammenhang mit dem Gravitationsmodell. 113 Darauf aufbauend ergibt sich das Marktpotential nach Harris (1954) wie folgt:
107 Vgl. Kammüller, 1995, S. 31 sowie Hansmann, 1974, S.51f.
108 Vgl. Maggioni, 2002, S. 152.
109 Vgl. Haigh, 1989, S. 63 sowie Braun, 1990, S. 64.
110 Vgl. Godau, 2001, S. 153.
111 Vgl. ebenda, S. 150f sowie Haigh, 1989, S. 35.
112 Die hohe Bedeutung der Marktnähe wurde beispielsweise von Harsche 2001, S. 180 empirisch belegt.
113 Das Gravitationsmodell besagt, dass sich die Interaktion zwischen zwei Regionen bezieht auf das Produkt Ihrer
Massen dividiert durch die Entfernung zwischen den Regionen. Die Potentialgröße für eine Region erhält man
durch Summation der Interaktionsniveaus aller Interaktionspaare. Vgl. Dicken, Lloyd, 1999, S. 146.
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Das Marktpotential gibt Hinweise auf die allgemeine Zentralität eines Standorts bezüglich der Gesamtnachfrage. Neben Transportkosteneffekten sorgt eine hohe Marktzentralität für eine bessere Einschätzung der Nachfrageentwicklungen sowie kürzere Reaktionszeiten und Lieferzeiten. 114
x Natürliche Phänomene: Natürliche Risiken wie z.B. Erdbebenrisiken oder Flutrisiken sind häufig an geographische Gegebenheiten gebunden, die in kartographischer Form vorliegen.
x Öffentliche Institutionen: Hierunter fällt die Ausstattung mit Ämtern, Behörden und Ministerien. Für international tätige Unternehmen können Kontakte zu hohen offiziellen Stellen im Gastland von herausragender Bedeutung sein. 115 Über die Verteilung und Dichte bzw. mittleren Distanzen zu hochrangigen administrativen Einrichtungen kann dieser Faktor möglicherweise angenähert werden.
x Rohstoffe und Materialien: Theoretisch lassen sich alle transportfähigen, nicht vergänglichen Materialien von Ihren Lagerstätten zu jedem beliebigen Punkt transportieren. Es kann für jeden Punkt ein Ortspreis über Produktionskosten, Wegstrecken und Trans-portkostensätzen angenähert werden. 116
x Technische Infrastruktur: Hierunter sind allgemeine infrastrukturelle Bedingungen wie z.B. Ausstattung mit Eisenbahn-, Straßen- und Telekommunikationsnetzen sowie die Anbindung an den internationalen Flug- und Seeverkehr zu subsumieren. Die Faktorausprägung kann über Wegstrecken und -zeiten, sowie über die Dichte der Netze und Entfernungen zu Anschlussstellen ermittelt werden.
x Topographie: Insbesondere die Existenz natürlicher Barrieren wie Wasserflächen, Urwälder, Wüsten oder Gebirge und die sich daraus ergebenden Folgen auf die Zugäng-
114 Vgl.Dicken, Lloyd, 1999, S. 146ff. Ähnliche Potentialkonzepte werden vorgestellt von Braun, 1990, S. 181ff.
sowie Friedman, Gerlowski, Silberman, 1996, S. 215.
115 Vgl. Pott, 1983, S. 75.
116 Zum Konzept des Ortspreises siehe: Meyer, 1960, S. 72.
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lichkeit eines Raumes sind hierbei von Interesse. 117 Topographische Elemente sind für fast alle Räume weltweit in zahlreichen Maßstäben kartographisch dokumentiert.
x Transportkosten: Häufig werden Transportkosten als eigenständiger Faktor betrachtet. Transportkosten sind eine Funktion von Raumüberwindungswiderständen. Diese lassen sich durch die Verknüpfung von Wegstrecken und Transportkostensätzen approximieren. 118 Auch die Topographie des Raumes kann berücksichtigt werden. 119
x Verfügbarkeit, Qualität und Kosten von Arbeitskräften: Über die räumliche Verteilung der Bevölkerung in Kombination mit Angaben der nationalen, regionalen und lokalen Arbeitslosenstatistik lassen sich Quantitäten verfügbarer Arbeitskräfte approximieren. Durch die Einbeziehung geodemographischer Daten 120 sowie der Verteilung von Bildungseinrichtungen, Studentenzahlen und fachlichen Spezialisierungen könnte sich die Qualität approximieren lassen. Als interessanter
x Verfügbarkeit von Zulieferindustrie: Hierunter versteht man klassischerweise die Anzahl, Qualität und Lieferbereitschaft von Zulieferbetrieben im betrachteten Raum. In verschiedenen Quellen wird die teilweise große Bedeutung der räumlichen Nähe von Zulieferbetrieben aufgrund von Transportkosten, vielmehr jedoch aufgrund von Koordinations-, Abstimmungs- und Vertrauensvorteilen betont. 121 Über die Verteilung, Dichte und die Distanzen zu Zulieferbetrieben lässt sich dieser Faktor möglicherweise schätzen.
x Verfügbarkeit unternehmensbezogener Dienstleistungen: Dieser Faktor bezeichnet die Verfügbarkeit bzw. Nähe zu Banken, Versicherungen und hochrangigen Dienstleistungen. Die räumliche Nähe wird ähnlich dem Faktor der Zulieferindustrie als bedeutsam erachtet. 122 Über die Verteilung, Dichte und Umsätze bzw. Mitarbeiterzahlen der Dienstleistungsunternehmen lässt sich dieser Faktor möglicherweise quantifizieren.
117 Vgl. Stahr, 1979, S. 75f.
118 Vgl. Hansmann, 1974, S. 26.
119 Vgl. Bill, 1999, S. 137ff.
120 Vgl. Birkin et al., 1996, S. 68.
121 Vgl. Harsche, 2001, S. 176ff.
122 Vgl. ebenda, S. 196.
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x Verkehrslage: Die Verkehrslage drückt das nutzbare Angebot in Quantität und Qualität an zur Verfügung stehenden Verkehrssystemen aus. 123 Mit zunehmender Verkehrsdichte sinken im Allgemeinen die Transportkosten, da Fixkosten der Verkehrsinfrastruktur besser verteilt werden können. 124 Die räumliche Verkehrserschließung der Verkehrssysteme unterscheidet sich in punktförmige (Seehäfen, Flughäfen), netzartige (Straßen), lineare (Wasserwege). 125 . Dieser Faktor könnte über Entfernungen zu Verkehrsknoten und Dichtewerten von Verkehrseinrichtungen und Wegenetzen angenähert werden.
x Raumbezogene Wettbewerbsstruktur: Es bietet sich an, die raumbezogene Wettbewerbsstruktur über die Entfernungen zu Wettbewerbern, deren Dichte, Verteilung und Einzugsgebiete abzubilden. Je nach Branche kann dies sehr bedeutsam für die Bewertung eines Standortes sein. 126
2.3 Die Lösung des Standortproblems in der Standortbestimmungslehre
Die unter dem Mantel der Standortbestimmungslehre subsumierbare Vielfalt an Theorien lässt sich für das Untersuchungsziel dieser Arbeit zweckmäßigerweise in die mathematischanalytische Standortbestimmungslehre sowie die empirisch-realistische Standortbestimmungs-theorie gliedern. 127
2.3.1 Mathematisch-analytische Standortbestimmungslehre
Gegenstand der mathematisch-analytischen Standortbestimmungslehre sind Standort- und Raumtheorien. Alle Ansätze verbindet ein hohes Abstraktionsniveau. Ziel ist es durch Modellbildung das Standortproblem auf wenige mathematisch berechenbare Standortfaktoren und Zusammenhänge zu reduzieren und intersubjektiv überprüfbare Aussagen zu leisten. Aufgrund dessen ist der Aussagewert insbesondere als Handlungsanleitung für die Praxis aber fragwürdig. 128 Die Modelle erlauben jedoch, eine unter einschränkenden Annahmen getroffene Problemmodellierung vorzunehmen und gestatten innerhalb dieses Rahmens den Versuch der rationalen Problemlösung.
123 Es handelt sich um einen wichtigen standortdifferenzierenden Faktor für Industrie und zentrale Dienstleistungs-
funktionen. Vgl. Voppel, 1999, S. 120.
124 Vgl. Dicken, Lloyd, 1999, S. 109.
125 Vgl. Voppel, 1999, S. 121ff.
126 Vgl. Birkin et al.,1996, S. 88.
127 Vgl. ebenda, S. 127f.
128 Vgl. Wagner, 1998, S. 65 sowie Voppel, 1999, S. 41f.
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Es lassen sich zahlreiche Standortmodelle unterscheiden. An dieser Stelle soll die Vorstellung klassischer Standortmodelle ausreichen. 129 Sie alles gehen auf das Modell von Alfred Weber (1909) zurück. 130 Die Grundstruktur aller klassischen Modelle ist weitgehend identisch. Eine allgemeine Formulierung des klassischen Standortproblems lautet:
Gegeben sind ein zugrunde liegender Raum, eine Menge potentieller Standorte, eine Menge von Organisationseinheiten sowie eine Menge von Orten, die mit diesen Organisationseinheiten in Beziehung stehen (z.B. Kunden oder Lieferanten). Zwischen diesen drei Elementen bestehen Beziehungen, z.B. in Form von Distanzen und Transportmengen. Gemäß einer Zielfunktion sind ein oder mehrere Standorte so zu wählen, dass die Zielfunktion maximiert wird, wobei die Wahl und Gestaltung der Standorte die alleinigen Entscheidungsvariablen darstellen. 131
Es bestehen zwei fundamental unterschiedliche Betrachtungsweisen des Raumes. Demnach lassen sich kontinuierliche und diskrete Modelle unterscheiden. Kontinuierliche Modelle gehen von der grundsätzlich unrealistischen Annahme eines homogenen Raumes aus, welcher in ein Koordinatensystem eingebettet ist. Dabei kommt jede Koordinate als potentieller Standort in Betracht und die Standortfaktoren variieren infinitesimal im Raum. 132 Meist werden nur Trans-portmengen und -kosten als Parameter betrachtet. Die Ergänzung um weitere Faktoren ist theoretisch möglich, resultiert jedoch in einer kaum zu bewältigenden Steigerung der Modellkomplexität. Bereits einfache Probleme lassen sind nur durch Approximationsverfahren lösen. 133
Aufgrund der Tatsache, dass sich zumindest Teilkriterien nicht stetig über den Raum verändern, sondern diskret zonieren lassen, sind Methoden der Marginalanalyse häufig abzulehnen. 134 Stattdessen wird der Raum meist diskretisiert, so dass Vergleichsrechnungen auch mit einer großen Anzahl von Faktoren durchgeführt werden können. 135 Ein prinzipieller Nachteil diskreter Modelle offenbart sich in der Eingrenzung auf eine Menge vorselektierter Standortalternativen, unter denen sich nicht die global optimale befinden muss. Zudem muss diese Tatsache dem
129 Weitere Unterscheidungen finden sich in Braun, 1990, S. 35ff und Spitschka 1974, S. 28.
130 Das Modell von Weber wird ausführlich vorgestellt in Reichart, 1999, S. 43ff. und Voppel, 1999, S.53ff.
131 Vgl. Lüder, 1990, S. 29, Fischer, 1997, S. 62 sowie Eiselt, Sandblohm, 2004, S. 153.
132 Vgl. Liebmann, 1971, S. 38.
133 Vgl. Fischer, 1997, S. 62.
134 Selbst bei Transportkostenfunktionen ist die Annahme von diskreten Kostenschwellen, z.B. durch Entfernungs-
rabatte und Tarifsysteme realistischer als die kontinuierlicher Transportkostenfunktionen. Vgl. Hansmann,
1974, S. 65.
135 Vgl. von Ballestrem, 1974, S. 52, Liebmann, 1971, S. 48 und S. 63 sowie Hansmann, 1974, S. 35f.
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Entscheidungsträger nicht zwangsläufig bewusst werden. 136 Als fundamentalste klassische Modelle sind zu nennen:
x Center- oder Mini-Max-Modelle: Diese Modelle lokalisieren Standorte derart, dass die gewichteten maximalen Distanzen zwischen Standorten und Punkten minimiert werden. 137
x Median- oder Mini-Sum-Modelle: Diese Modelle lokalisieren Standorte derart, dass die (z.B. mit Transportosten oder -mengen) gewichteten mittleren Distanzen zwischen Standorten und mit ihnen in Beziehung stehenden Punkten minimiert werden.
x Covering- oder Location-Allocation-Modelle: Das Ziel besteht darin, die bestmögliche Abdeckung eines Raumes mit einer gegebenen Anzahl von Standorten bezüglich einer Menge der mit diesen Standorten in Beziehung stehender Orte zu ermitteln. Dies kann auf Basis von Wegstrecken, -kosten oder -zeiten erfolgen. 138
Das ursprüngliche Weber-Modell berücksichtigte lediglich Transportmengen und Transportkosten in seinem Kalkül, zunächst beschaffungsseitig beschränkt auf die benötigten Rohstoffe. Die Grundidee stellt die Ermittlung eines Transportkostenminimalpunktes dar. Später wurde das Modell um die Transportkosten der Produkte zu den Absatzmärkten ergänzt. Die ausschließliche Betrachtung der Transportkosten wurde weiter ergänzt um räumliche Differenzen in den Arbeitskosten. Die führte zur Idee der kritischen Isodapane: der Darstellung der Substitution von Transportkostenvorteilen durch Arbeitskostenvorteile. 139 Das Weber-Modell wurde von Isard auf eine Vielzahl von Produktionsfaktoren erweitert. Die Entwicklung ging insgesamt dahin, ein umfassendes Saldo relevanter Kostenarten zu berücksichtigen. Dabei wirkt sich jeder zusätzlich eingeführte Standortfaktor mit seinem spezifischen Lokalisationsmuster und seiner Mobilitätscharakteristika mehr oder weniger ablenkend auf den bis dato ermittelten optimalen Standort aus. 140
Insgesamt erfuhren die mathematisch-analytischen Modelle zahlreiche Erweiterungen um zusätzliche Standortfaktoren, die zur Entwicklung komplexer Modelle des Operations Research
136 Vgl. Hansmann, 1974, S. 41, Meyer, 1960, S. 85ff.
137 Vgl. Chan, 2001, S. 240, Eiselt, Sandblohm, 2004, S. 178ff sowie Fischer, 1997, S. 35ff. Die formale Darstel-
lung der Median- bzw. Minisum-Modelle findet sich in Anhang C, das der Center- bzw. Minimax Modelle fin-det sich in Anhang D.
138 Vgl. Eiselt, Sandblohm, S. 212ff, Birkin et al, 1996, S. 78.
139 Vgl. Dicken, Lloyd, 1999, S. 142f. sowie Reichart, 1999, S. 47.
140 Vgl. Dicken, Lloyd, 1999, S. 142ff. sowie Wagner, 1998, S. 70f.
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Stefan Hellpointner, 2006, Raumbezogene Entscheidungsunterstützungssysteme zur internationalen Standortwahl , München, GRIN Verlag GmbH
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