Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Kontinuität von Lebenserfahrungen 2
3. Der zentrale Konflikt in der Persönlichkeitsentwicklung der Gabriela von
Ha ßlau 4
4. Gewalterfahrungen und Machtkonstellationen 6
4.1 Vergangenheit in der DDR 7
4.2 Schreibgegenwart in der BRD 9
5. Opferrollen in der Erzählung 10
5.1 Opfer, Opferrolle und Zuschreibung. 10
5.2 Gabriela als Opfer der familiären und gesellschaftlichen Verhältnisse ? 12
5.3 Ausbrüche aus der „Opferrolle“ als tendenzielle Überwindung der
Handlungsohnmacht 14
6. Ausblick 15
Literaturverzeichnis 16
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 17
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1. Einleitung
Kerstin Hensels Erzählung Tanz am Kanal erscheint oberflächlich betrachtet als eine in sich geschlossene Erzählung. Dem aufmerksamen Leser jedoch werden auch schon beim ersten Lesen einige „Ungereimtheiten“ auffallen, die umso deutlicher hervortreten, wirft man einen zweiten Blick darauf. Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Text eröffnet schließlich die Perspektive auf die Vielschichtigkeit der Erzählung. Im Folgenden sollen daher zwei Aspekte der Betrachtung im Mittelpunkt stehen. Zum einen geht es um die Vor- und Nachwendeerfahrungen in Bezug auf Gewalterfahrungen Gabrielas und Machtkonstellationen innerhalb beider gesellschaftlicher Systeme (Kapitel 4). Desweiteren soll thematisiert werden, ob und inwiefern Gabriela im Rahmen der Darstellung eine Opferrolle zugeschrieben wird (Kapitel 5).
2. Kontinuität von Lebenserfahrungen
Die Erzählung Tanz am Kanal weist einige sprachliche Besonderheiten auf. Die Handlung verläuft in zwei parallelen Erzählsträngen auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen, die jedoch durch sprachliche Wendungen eng miteinander verknüpft sind. Wiederkehrende Elemente wie z.B. der Kanal als das zentrale Leitmotiv verweisen so bereits auf sprachlicher Ebene auf einen engen inhaltlichen Zusammenhang. Weitere mögliche Hinweise auf eine enge inhaltliche Verknüpfung ergeben sich auf der Ebene der Figuren durch das zweifache Auftreten von Personen in unterschiedlichen Kontexten. So erscheint ein nicht näher beschriebener Dr. Queck bereits in der Kindheit Gabrielas als Gast auf einer Party der von Haßlaus (S.46), und tritt später als Queck, der Stasi-Mitarbeiter nochmals in Gabrielas Jugendzeit auf (S.88). Auch die Figur des Paffrath als protokollführender Beamter bei der Anzeige der Vergewaltigung (S.69) und später als einsatzleitender Polizeibeamter während des Überfalls auf Gabriela in den Drei Rosen (S.107) provoziert beim Leser zunächst Verständnisfragen. Die Gegenüberstellung von zeitlich weit auseinanderliegenden Situationen in der erlebten Vergangenheit, also Kindheit und Jugend, und der Schreibgegenwart Gabrielas verdeutlicht schließlich auch auf inhaltlicher Ebene, dass Gabriela in den unterschiedlichen Kontexten ähnliche Lebenserfahrungen macht. Eine Parallele besteht zum Beispiel in dem „Schreibauftrag“, der sowohl in der Begegnung der Jugendlichen mit der Stasi (S.88) als auch in der Begegnung der Obdachlosen mit den Journalistinnen der Zeitschrift Mammilia (S.77) an Gabriela gerichtet wird. In der Darstellung der
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Vergewaltigung als Jugendliche (S.68) und der Sofa-Sex-Szene mit Paffrath (S.118) am Schluss der Erzählung finden sich ebenfalls Ähnlichkeiten bezüglich sprachlicher Wendungen und Detailbeschreibungen. Darüber hinaus wird Gabriela zweimal in die Psychiatrie eingewiesen: während der Ereignisse im Zuge der Wende (S.117) und zu Beginn ihres Schreibens in der Gegenwart (S.49), wobei sie beide Male eine negativabwertende Betitelung als „asozial, durchgeknallt“ (S.49) oder „Schizo“ (S.117) erfährt. Schließlich erlebt Gabriela nicht nur Übergriffe durch gleichaltrige Mitschüler in der Kindheit (S.27), sondern diese finden gleichsam eine Entsprechung in dem Überfall der anderen Obdachlosen auf Gabriela in der Schreibgegenwart (S.106). Gabriela bleibt sowohl in der Vergangenheit als auch in der Schreibgegenwart in der Außenseiterrolle. Köhler beschreibt Gabriela als eine „doppelte Außenseiterin“, d.h. als eine Außenseiterin in einer Gruppe von Außenseitern. 1 Gabriela ist von anderen Figuren umgeben, die wie sie ebenfalls am Rand der Gesellschaft stehen. Dennoch gehört sie nicht richtig zu ihnen, da diese trotz ihrer Außenseiterstellung eine gewisse gesellschaftliche Anerkennung erfahren, etwa Katka als Kunstmalerin oder Frau Popiol als Geigespielerin. Als Obdachlose in der Gegenwart grenzt Gabriela sich selbst von den anderen Obdachlosen ab:
Aber wer sind die anderen? Heruntergekommene, Analphabeten, Penner! Bei mir ist kein
Elend, sondern Bewährung.“ (S.66)
Die dargestellten sprachlichen und inhaltlichen Parallelen verweisen auf die Kontinuität von Lebenserfahrungen. Der „unaufhaltsame Abstieg“ (S.16) Gabrielas endet gerade nicht mit den Ereignissen im Wendejahr und dem Ende der DDR, sondern setzt sich auch in der neuen gesellschaftlichen Ordnung der BRD sozusagen unter anderen Vorzeichen fort. Verletzende Erfahrungen und Enttäuschungen der Protagonistin wiederholen sich in der Gegenwart in ähnlicher Form. Gabriela verbleibt in ihrer Außenseiterrolle.
3. Der zentrale Konflikt in der Persönlichkeitsentwicklung der Gabriela von Haßlau
Gabrielas Lebenssituation ist von Anfang an durch widersprüchliche Anforderungen geprägt, die ihre Persönlichkeitsentwicklung und die Herausbildung einer eigenen Identität beeinträchtigen. Die Erwartungen, die von Seiten der Familie an Gabriela
1 Vgl. Astrid Köhler: Brückenschläge. DDR-Autoren vor und nach der Wiedervereinigung. Göttingen:
Vandenhoeck & Ruprecht 2007. S.197
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herangetragen werden, widersprechen den gesellschaftlichen Vorstellungen von Kindheit, Erziehung und Lebensführung. Die gesellschaftlichen Vorstellungen werden dabei direkt institutionell und sozial vermittelt, z.B. durch die Schule und die Gleichaltrigen. Über den ungelösten Lebenskonflikt des Vaters wirken die gesellschaftlichen Reglementierungen innerhalb der Familie auch indirekt fort.
Abbildung: Der zentrale Konflikt in der Persönlichkeitsentwicklung Gabrielas
Die adlige Herkunft Gabrielas, das Beharren des Vaters auf dem eigenen „Prestiesch“ (S.46) und damit auf eine gesellschaftliche Sonderstellung führen auf der einen Seite zu Vergünstigungen, für Gabriela ziehen sie in erster Linie Ausgrenzung und Isolation nach sich. Sie ist widersprüchlichen Rollenerwartungen und Wertesystemen ausgesetzt (vgl. S. 5). Vom Vater werden vor allem großbürgerliche Erziehungsideale an Gabriela herangetragen, die sie jedoch nicht erfüllen kann. Ihre eigenen Gefühle und Wahrnehmungen werden weder vom Vater noch von der Mutter wahr- bzw. ernstgenommen. In Bezug auf ihre sozialen Kontakte zu den gleichaltrigen MitschülerInnen ihrer Klasse bleibt sie isoliert aufgrund der ihr zugewiesenen Sonderstellung. Der erfahrene Mangel an verlässlicher Nähe, Zuwendung und Sicherheit sowie die widersprüchlichen Erwartungen verhindern Gabrielas Persönlichkeitsentwicklung hin zu einer eigenen Identität.
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Arbeit zitieren:
Kristin Münstermann, 2009, Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachwendeerfahrungen sowie den Opferrollen in Kerstin Hensels Erzählung "Tanz am Kanal", München, GRIN Verlag GmbH
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