INHALT
1. Einleitung: Das Phänomen Buchreligion
2. Die technische Entwicklung des Buches in Material, Form und Be-
schriftung
2.1 Vom Papyrus über das Pergament zum Papier
2.2 Von der Rolle zum Codex
2.3 Von der Handschrift zum Druck
3. Entwicklung des Buches und Entwicklung des Christentums -
eine Wechselwirkung?
3.1 Die Buchkultur der Klöster als Bindeglied zwischen Antike
und Mittelalter
3.2 Die frühen Christen als treibende Kraft bei der Verbreitung
der Codexform
3.3 Die Reformation im Zeichen des Massenmediums Buch
4. Ausblick - E-Book und www vatican va
1. Einleitung: Das Phänomen Buchreligion
Viele Religionen kennen das Phänomen eines heiligen Buches, in dem göttlicher Wille, religiöse Gesetze oder Erfahrungen der Menschen mit ihrer Gottheit festgehalten sind. Als klassische Buchreligionen könnte man die drei großen monotheistischen Religionen bezeichnen. Der Koran als heiliges Buch der Muslime und die Bibel (in ihrer jeweiligen Form) als Heilige Schrift der Juden und Christen stehen für eine Grundannahme dieser Religionen: Gott offenbart sich den Menschen durch Worte, die von bevollmächtigten bzw. inspirierten Personen aufgeschrieben worden sind. Ein Beispiel hierfür ist der oben zitierte göttliche Auftrag, der an Jeremia ergeht.
Die zentrale Bedeutung eines Buches in einer Religionsgemeinschaft findet sich erstmals im Judentum. In Zeiten des babylonischen Exils diente die jüdische Bibel dem versklavten Volk Israel als identitätsstiftende Stütze ihres Glaubens. Eine Funktion eines heiligen Buches ist es demnach, die jeweilige Religion zu stabilisieren bzw. zu sichern. Doch bevor es diese Aufgabe erfüllen kann, muß eine Kanonbildung vollzogen werden, d.h. die endgültige Gestalt muß verbindlich festgelegt werden. Die Schwierigkeiten, die ein solcher Prozeß zeitigt, lassen sich allein daraus ersehen, daß es nicht die eine verbindliche christliche Bibel gibt, da nämlich die katholische Kirche die sog. deuterokanonischen Bücher (z.B. Jesus Sirach) in ihren Kanon aufgenommen hat, während die Protestanten sie nicht anerkennen.
Die reformatorische Bewegung mit ihrem Leitspruch „sola scriptura“ weist auf eine weitere Eigenart der Buchreligionen hin. Die Hinwendung zum verbindlichen Text des heiligen Buches läßt zu jedem Zeitpunkt Rückgriffe auf die Ursprünge der Religion zu. Das Buch ist also Quelle, gleichzeitig aber auch Maßstab einer Erneuerung. Auf der anderen Seite - auch dies eine Eigenheit der Buchreligionen - läßt ein Text immer verschiedene Interpretationen zu, so daß ein Buch nicht nur Basis einer gemeinsamen Identität, sondern aufgrund unterschiedlicher Auslegung auch Ausgangspunkt von Spaltungen sein kann. Hier spielt sicherlich auch die verschiedene Gewichtung von Schrift einerseits und Tradition andererseits eine Rolle.
Ein letzter Aspekt ist die enge Verbindung zwischen Bildung und Religion. Das jeweilige heilige Buch stellt ein bevorzugtes Medium zur Vermittlung von Lesen und Schreiben dar. Beispielhaft sei hier der Gedanke eines deutschen Volksschulwesens erwähnt, der unter anderem durch Luthers Forderung, jeder Christ solle Hauptsätze der Bibel auswendig lernen, gefördert wurde.
Diesen eher grundsätzlichen Vorüberlegungen schließen sich nun die konkreten handwerklich-technischen Voraussetzungen für eine Religion des Buches an. Im folgenden werden die technischen Grundlagen der Buchproduktion und deren Entwicklung anhand von drei Aspekten (Material, Form und Beschriftung) vorgestellt. In einem zweiten Schritt soll dann die Frage bearbeitet werden, inwieweit sich die Entwicklung der Buchproduktion auf der einen und die Geschichte des Christentums als Religion des Buches auf der anderen Seite gegenseitig beeinflußt haben. Danach folgt ein Ausblick, der zunächst ein neues Verfahren beschreibt, das die herkömmliche Buchherstellung - wie zuvor die in Kapitel 2 beschriebenen Umwälzungen
- revolutionieren will. Am Schluß steht dann ein Erfahrungsbericht, der die Präsenz der Kirche im Internet als wohl einflußreichstem der neuen Medien untersucht.
2. Die technische Entwicklung der Buches in Material, Form und
Beschriftung
2.1 Das Material: Vom Papyrus über das Pergament zum Papier
Vor der Kategorie des Buches steht zunächst der praktische Wunsch des Menschen, sich Notizen zu machen, im Handel, vor Gericht, sozusagen als Gedächtnisstütze. Hierzu benutzte man Tonscherben (sog. Ostraka) und glatte Kalksteine, auf die man die Schrift aufmalte oder einritzte. Der bedeutende und nahezu konkurrenzlose Schreibstoff der gesamten Antike aber wurde zweifellos das aus Ägypten stammende Papyrus. Im Nildelta wächst die Papyrusstaude, eine Pflanze, die auf vielfältige Art genutzt wurde, am meisten jedoch zur Herstellung des gleichnamigen Schreibmaterials. Hierzu wurde das Pflanzenmark in lange Streifen geschnitten und kreuzweise übereinandergelegt, so daß eine geschlossene Fläche entstand. Diese wurde beklopft und gepreßt, so daß durch die austretende Flüssigkeit unter Beigabe von Wasser (bisweilen auch leimartiger Substanzen) eine nur schwer aufzulösende Einheit entstand. Darauf folgte ein Prozeß, in dem das Material getrocknet und geglättet wurde. Das Ergebnis war ein biegsamer, fester, aber auch leicht zerreißbarer Stoff von mattbrauner bis blaßgelber Farbe. In Ägypten schon seit dem 4. Jt. v. Chr. bekannt, gelangte Papyrus im 7./6. Jh. nach Grie-
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Arbeit zitieren:
Martin Rödiger, 1999, Von der handbeschriebenen Rolle zum gedruckten Buch - Zusammenhänge zwischen historischer Entwicklung des Christentums und technischer Entwicklung des Buches, München, GRIN Verlag GmbH
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