Der deutschen Zeitungspresse muss als ein entscheidende
Massenkommunikationsmittel ein bedeutender Beitrag zugerechnet
werden, wenn es um die Beeinflussung der Leser im Sinne des
nationalsozialistischen Regimes geht. Um den Propagandawert der
Zeitungen zu erhöhen, wurden zahlreiche Maßnahmen getroffen, die
eine optimale Presselenkung gewährleisten sollten. Sie erfolgte auf
drei Ebenen: der institutionellen, der ökonomischen und der
inhaltlichen Ebene1.
Unter der Fragestellung, wie der zur Staatsräson gewordenen
Antisemitismus, der sich in den Zeitungen darstellen, in seiner
alltäglichen Wirkungsweise von der Bevölkerung, speziell den
Betroffenen, in der Anfangszeit der Diktatur wahrgenommen wurde,
und welcher „Erfolg“ den Zeitungen zuzusprechen ist, müssen die
erstgenannten Ebenen in dieser Arbeit zurückstehen. Die strikte
Trennung der Ebenen, wie sie durch das vorgeschlagene Schema
suggeriert wird, ist so natürlich nicht vorhanden. Wenn beispielsweise
die NS-Presseanweisungen herangezogen werden, so findet sich hier
neben der inhaltlichen natürlich auch die institutionelle Ebene wieder.
Der Schwerpunkt liegt aber dennoch auf der inhaltlichen Ebene der
Presselenkung, denn diese nahmen die Leser war und über sie
präsentierte sich ihnen die Zeitungsrealität.
Die Zeitung, die für die Untersuchung Verwendung findet, sind die
„Dresdner Nachrichten“, ein bereits vor der Machtergreifung
konservatives und nationales Blatt, das ohne personelle
Veränderungen weiter erschien2. Victor Klemperer bezog die Dresdner
Nachrichten im Laufe des Jahres 1935, zur Zeit der Nürnberger Rassegesetze, da er „glaubte, man müsste wieder einen Versuch des
Zeitungslesen machen“. Doch das Experiment scheiterte: „es ging
nicht, mir wird körperlich übel“3. [...]
1 Toepser-Ziegert, Gabriele, Die Presselenkung im Nationalsozialismus, in:
Bohrmann, Hans [Hrsg.], NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit. Edition und
Dokumentation. Bd. 1: 1933, München, New York, London, Paris 1984, S.21.
2 Fiedler, Helmut, Geschichte der Dresdner Nachrichten (Diss.), Olbernhau i. Sa.
1939, S.270.
3 Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1935-
1936, Bd. II, Berlin 11999, S. 16.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mobilmachung zum Boykott
3. Schritte zur Ausgrenzung
4. „Jüdische Kriminalität“
5. Die Nürnberger Gesetze
6. Fazit
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der deutschen Presse, exemplarisch dargestellt an den „Dresdner Nachrichten“, als zentrales Instrument zur Verbreitung und Durchsetzung des nationalsozialistischen Antisemitismus zwischen 1933 und 1935. Dabei wird analysiert, wie diese publizistischen Maßnahmen die Wahrnehmung und das tatsächliche Verhalten der Bevölkerung gegenüber der jüdischen Minderheit in der frühen Phase der Diktatur beeinflussten.
- Struktur der nationalsozialistischen Presselenkung und Propagandatechniken.
- Analyse der Berichterstattung zu Boykottmaßnahmen, Ausgrenzung und „jüdischer Kriminalität“.
- Untersuchung der Alltagsreaktionen der Bevölkerung anhand von Tagebuchaufzeichnungen Victor Klemperers.
- Gegenüberstellung von staatlicher Propaganda und tatsächlicher gesellschaftlicher Verhaltensweise.
- Die Auswirkungen der Nürnberger Gesetze auf die jüdische Lebensrealität.
Auszug aus dem Buch
2. Mobilmachung zum Boykott
Die erste gezielte und konzentrierte antisemitische Aktion der Nationalsozialisten nach der Machtergreifung war der Boykott gegen jüdische Geschäfte, Anwälte und Ärzte am 1.4.1933. Victor Klemperer empfand am 30. März, unter dem Eindruck des Boykott-Aufrufes „Stimmung wie vor einem Pogrom im tiefsten Mittelalter oder im innersten zaristischen Russland. [...]. Wir sind Geiseln. Es herrscht das Gefühl vor [...], dass diese Schreckensherrschaft kaum lange dauern, uns aber im Sturz begraben werde.“ Die Nationalsozialisten gaben den Boykott als „Abwehrreaktion gegen den jüdischen Weltverbrecher“ aus. So titelten die Dresdner Nachrichten am 31. März 1933 „Immer noch Lügenpropaganda im Ausland“ und „Der Abwehrkampf“ und charakterisierten die von der Partei angeordnete Aktion als „uns aufgezwungene[n] harte[n] Kampf um den Bestand der Nation“, der sich als „Aufwallung des Volkszornes“ zeige.
Dieser Eingriff in den Alltag traf nicht nur die jüdischen Geschäftsleute, Anwälte und Ärzte, die, wie es die nationalsozialistische Presse selbst benannten, „in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht“ wurden, sondern auch die Gewohnheiten der übrigen Bevölkerung, die nicht wie üblich einkaufen gehen konnten oder nicht mehr den Arzt oder Anwalt ihre Vertrauens aufsuchen sollten. Die den Boykott begleitende Stimmung wirkte auf die jüdische Minderheit sehr negativ. Klemperer beschrieb am Abend des 31. März die Lage als „immer trostloser“. In der Abendausgabe der Dresdner Nachrichten wurde unter dem Aufmacher „Letzte Vorbereitungen zur Abwehr-Aktion“ darauf hingewiesen, dass die SA-Mannschaften die strikte Anweisung hätten, sich an die Anordnungen des „Zentralkomitees zur Abwehr der Greuelhetze“ zu halten, in der ausdrücklich betont werde, dass den Juden kein Haar gekrümmt werden dürfe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung legt den Fokus auf die Bedeutung der Presse als Mittel der Beeinflussung und stellt die methodische Grundlage durch Zeitungsanalysen und die Tagebücher Victor Klemperers vor.
2. Mobilmachung zum Boykott: Das Kapitel beschreibt den ersten staatlich organisierten Boykott jüdischer Geschäfte und Berufe sowie die widersprüchlichen Reaktionen in der Bevölkerung.
3. Schritte zur Ausgrenzung: Hier werden die zunehmenden gesetzlichen und gesellschaftlichen Ausgrenzungsmaßnahmen gegen jüdische Beamte, Ärzte und Studenten thematisiert.
4. „Jüdische Kriminalität“: Dieses Kapitel analysiert, wie durch mediale Kampagnen und die Unterstellung krimineller Machenschaften die Verfolgung jüdischer Mitbürger legitimiert werden sollte.
5. Die Nürnberger Gesetze: Es wird die massive Zunahme der Judenverfolgung nach dem Parteitag von 1935 beschrieben und wie die Presse versuchte, den wahren Charakter der Gesetze zu verschleiern.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Presse erfolgreich zur Verbreitung des Antisemitismus genutzt wurde, obwohl im Alltag teilweise weiterhin Kontakte zur jüdischen Bevölkerung bestanden.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Antisemitismus, Nationalsozialismus, Dresdner Nachrichten, Victor Klemperer, Presse, Presselenkung, Boykott, Nürnberger Gesetze, Judenverfolgung, Propaganda, Alltagsgeschichte, Ausgrenzung, NS-Diktatur, Deutschland, 1933-1935.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das nationalsozialistische Regime die deutsche Presse steuerte, um Antisemitismus in der Bevölkerung zu verbreiten und den Alltag jüdischer Menschen gezielt zu zerstören.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Presselenkung, dem Boykott jüdischer Geschäfte, der diffamierenden Berichterstattung über „jüdische Kriminalität“ und den Auswirkungen der Nürnberger Gesetze.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Der Autor möchte aufzeigen, wie die „Zeitungsrealität“ im Nationalsozialismus konstruiert wurde und inwieweit diese die tatsächliche Einstellung und das Verhalten der Bevölkerung im Alltag beeinflussen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine quellenkritische Analyse der Dresdner Nachrichten vorgenommen, ergänzt durch einen Vergleich mit den Tagebuchaufzeichnungen von Victor Klemperer und Berichten der Sopade.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Analysen der NS-Maßnahmen: vom Boykott 1933 über die berufliche Ausgrenzung bis hin zu den Nürnberger Gesetzen 1935.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Antisemitismus, NS-Propaganda, Presselenkung, Ausgrenzung, Alltagsgeschichte und die NS-Judenverfolgung von 1933 bis 1935.
Wie reagierte die Bevölkerung laut der Arbeit auf die staatliche Antisemitismus-Propaganda?
Die Reaktion war zwiespältig: Während die Propaganda bei vielen wirkte, gab es im Alltag zahlreiche Beispiele für eine „aktive Resistenz“, bei der Menschen weiterhin bei jüdischen Händlern oder Ärzten verkehrten.
Welche Rolle spielt Victor Klemperer in diesem Dokument?
Victor Klemperer dient als zentraler Zeitzeuge, dessen Tagebücher die subjektive Wahrnehmung der Verfolgung und die Diskrepanz zwischen öffentlicher Propaganda und privatem Alltag eindrucksvoll belegen.
- Citation du texte
- Reto Stein (Auteur), 2002, Antisemitismus in der deutschen Presse von 1933-35 und dessen Wahrnehmung in der Bevölkerung., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14365