I. Was ist Sozialkonsruktivismus?
I.1. Die Welt als soziales Konstrukt - Der Grundgedanke des Konstruktivismus
Bevor man sich mit Sozialkonstruktivismus beschäftigt, muss man sich den Begriff des Konstruierens verdeutlichen. Konstruieren bedeutet „sich etwas ausdenken“ und/oder „etwas herstellen“. Hier bedeutet dies, dass auch Wirklichkeit oder Realität für sich, unabhängig von den in dieser Wirklichkeit Lebenden, nicht existiert, sondern ausgedacht, hergestellt, konstruiert und ständig reproduziert wird durch Handeln, das auf Ideen, Normen und Interpretation basiert. Die menschliche Welt ist nicht rein materiell und naturgegeben, sondern ist sozial konstruiert und kann als eine „Welt in der Welt“ beschrieben werden. Sie ist nicht ohne weiteres zugänglich, sondern wird sozial konstruiert. Der Konstruktivismus betont stark das Soziale und setzt dadurch einen neuen Schwerpunkt in den Internationalen Beziehungen.
I.2. Wo kommt Sozialkonstruktivismus her? - Ursprünge und Verortung
Der Sozialkonstruktivismus hat seine Ursprünge in der Soziologie und
Kulturwissenschaft und ist keine Theorie der Internationalen Beziehungen, noch überhaupt eine Theorie im engeren Sinne. Konstruktivismus ist keine substanzielle inhaltlich angereicherte Theorie (Risse, S 101f), die konkrete Phänomene erklärt, sondern vielmehr auf der Metatheorieebene zu verorten (Krell, S. 346). Der Konstruktivismus zeichnet sich durch eine Mehrdimensionalität aus und bewegt sich zwischen unterschiedlichen Ebenen im „konstruktivistischen Dreieck“ (Cornelia Ulbert in: Schnieder/Spindler, S.410f). Je nach Standpunkt und Schwerpunktsetzung liegen konstruktivistischen Ansätzen Vorstellungen über die Beschaffenheit des Untersuchungsgegenstandes zugrunde, die von der Konstruktion sozialer Wirklichkeit ausgehen (Ontologie). Ebenso liegen ihnen erkenntnistheoretische Orientierungen zugrunde, nämlich, dass auch Wissen sozial konstruiert wird (Epistemologie). Zuletzt ist Konstruktivismus eine Methode, die beschreibt und erklärt wie diese Konstruktionen zustande kommen. Konstruktivismus ist also je
2
nach Blickwinkel Methode, Forschungsansatz oder allgemeine theoretische Orientierung.
I.3. Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen
Der Begriff „Konstruktivismus“ setzte sich in den Internationalen Beziehungen Mitte der 1990er Jahre durch als Kennzeichnung derjenigen Ansätze, die das Soziale hervorheben und die Intersubjektivität der sozialen Welt betonen. Die Kodeterminiertheit der Akteure und Strukturen und die hervorgehobene Rolle von Ideen und Normen sind zentrale Elemente der sozialkonstruktivistischen Analyse. Die Gründe für die Akzeptanz konstruktivistischer Ansätze in den Internationalen Beziehungen sind im Umgang mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes zu suchen (Cornelia Ulbert in: Schnieder/Spindler, S. 412) Der Systemkonflikt nahm ein kaum vorhergesehenes Ende und konnte durch andere etablierte Theorien, wie dem Realismus, zur Verfügung stehenden Denkansätze nicht erklärt werden. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts einhergehende sozio-ökonomische Veränderungen wie die veränderte Rolle des Staates oder die verschiedenen Aspekte der Globalisierung verlangten zu ihrer Erklärung nach neuen Denkansätzen und lösten eine Infragestellung vorhandener theoretischer Grundlagen und Debatten über die Möglichkeiten des theoretischen Instrumentariums aus.
I.4. Alexander Wendt als Referenztheoretiker
Alexander Wendt (geboren 1958 in Mainz) ist einer der bedeutendsten Vertreter des Konstruktivismus und wird als Referenztheoretiker und Begründer des Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen bezeichnet. Er brachte entscheidende Impulse in die Theoriedebatte durch Aufsätze wie „Anarchy is what states make of it“ oder „The Agent-Structure-Problem“. Diese Schriften können nicht zuletzt als eine Kritik am Neorealismus verstanden werden.
I.4.1. Agent-Stucture-Problem
Einer der Kernpunkte des Konstruktivismus ist das Akteur - Struktur - Problem. Kern des Problems ist die Annahme, dass das Handeln von Akteuren immer in
3
bestimmten Strukturen eingebettet ist. Wie aber hängen sie zusammen? Der individualistische Erklärungsansatz legt den Untersuchungsschwerpunkt auf die Akteursebene und nimmt vorrangig Bezug auf die Akteure und ihre Merkmale um soziale Phänomene zu erklären. Umgekehrt geht der strukturalistische Ansatz von den Strukturen aus, die das Handeln der Akteure bestimmen und in die es eingebettet ist.
Beide Ansätze sind für sich genommen eigenständige Erklärungsweisen, die zwar plausibel sind, für Alexander Wendt stellen sie jedoch nur Teilelemente einer umfassenden Erklärung dar. Wendt wirft beiden Ansätzen vor, die Komplexität der Realität unzulässig zu reduzieren, denn entweder werden Akteure oder Strukturen als gegebene Faktoren angenommen, nicht aber hinreichend erklärt (Cornelia Ulbert in: Schnieder/Spindler, S.417). Um das Dilemma zu überwinden, schlägt der Konstruktivismus eine Brücke zwischen diese gegenteiligen Herangehensweisen und stellt fest, dass Akteure und die Strukturen, in die sie eingebettet sind, sich wechselseitig konstituieren, also kodeterminiert sind (Zangl/Zürn, S.122f). Einerseits bedingen Strukturen Interessen und Handeln der Akteure, andererseits werden diese Strukturen durch die Akteure permanent reproduziert und aufrechterhalten durch ihr Handeln. Ihrerseits eröffnen und beschränken Strukturen Handlungsmöglichkeiten und bilden die Grundlage jeglicher Interaktion. Wie aber wird diese gegenseitige Einflussbeziehung erzeugt?
I.4.2. Regeln, Ideen und Normen
Ideen und Normen spielen eine herausragende Rolle in konstruktivistischen Ansätzen. Um ihre Bedeutung zu erfassen ist eine Metapher hilfreich: Wie Regeln im Schachspiel sind Regeln für das Handeln regulativ und konstitutiv, sie bestimmen die Rollen der Figuren und ihr Verhältnis zueinander und verleihen Zügen einen Sinn (Krell, S. 355). Normen bestimmen nicht nur das Handeln mit, sie könne auch Interessen und Identitäten beeinflussen.
Da die Welt den Akteuren durch Wahrnehmung und Interpretation zugänglich ist, kommen Ideen große Bedeutung zu. Akteure konstruieren und gestalten die Realität
4
Arbeit zitieren:
Nelly Eliasberg, 2008, Sozialkonstruktivismus als Theorie der Internationalen Beziehungen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Diskursanalyse als Methode Politikwissenschaftliche Anwendungspotentia...
Hausarbeit, 23 Seiten
Integration von indigenen Minderheiten - Überblick und Analyse des Phä...
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Bachelorarbeit, 29 Seiten
Psychische und soziale Systeme - Die Systemtheorie von Niklas Luhmann
Psychologie - Sozialpsychologie
Ausarbeitung, 15 Seiten
Michael Walzer und John Rawls als Vertreter des Kommunitarismus bzw. d...
Theologie - Systematische Theologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Greed and Grievance - Die Diskussion um das Erklärungsparadigma zeitge...
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Die Identität der 'Anderen' – Zwischen Selbst- und Fremdwahrne...
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Bewusstsein und Kommunikation bei Niklas Luhmann
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 11 Seiten
John Rawls: Der Vorrang des Rechten und die Ideen des Guten im Vergl...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 18 Seiten
Die Außenpolitik der USA unter dem Gesichtspunkt des politischen Reali...
Politik - Internationale Politik - Region: USA
Hausarbeit, 14 Seiten
Das Politikverständnis von Hannah Arendt
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 18 Seiten
Die systemtheoretischen Theorien Maturanas und Luhmanns mit Ausblick a...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Die historische Entwicklung des Berufspolitikers nach Max Weber "...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 15 Seiten
Die Situation der Sinti und Roma in Deutschland
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hausarbeit, 30 Seiten
Michael Sandel und Michael Walzer. Zwei kommunitaristische Demokratiet...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Nelly Eliasberg's Text Sozialkonstruktivismus als Theorie der Internationalen Beziehungen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Nelly Eliasberg hat den Text Sozialkonstruktivismus als Theorie der Internationalen Beziehungen veröffentlicht
Nelly Eliasberg hat einen neuen Text hochgeladen
Internationale Beziehungen aus der Perspektive nationaler Öffentlichke...
Beiträge zur Soziologie intern...
Paul Pachernegg, Christine Pichler, Christine Pilz, Dieter Reicher, Daniel Semper
0 Kommentare