In den "Epistulae morales ad Lucilium" beschreibt und erklärt Seneca die Philosophie der Stoa und zwar auf sehr raffinierte und erfrischende Art und Weise. Das Werk ist keine rein wissenschaftliche Betrachtung der Lehre, der Seneca tatsächlich sehr zugetan war, und ebenfalls kein trockenes philosophisches Traktat, das sich ausschließlich an Eingeweihte richtet. Stattdessen lässt er in den (erhaltenen) insgesamt 124 Briefen, die sich auf 20 Bücher verteilen, die Fiktion entstehen, er stehe in regem Briefkontakt mit einem engen Freund namens Lucilius. Dieser Lucilius nun - sein Alter, sein Beruf und sein Aufenthaltsort sind allesamt unbekannt und auch unwichtig - scheint ein eifriger Schüler des Seneca zu sein und ebenfalls der stoischen Philosophie zugetan. Trotzdem steht er wohl noch am Anfang seiner Ausbildung. Seneca verfasst nun Kurzabhandlungen über alltägliche Themen und unterschiedliche Situationen, in die der Mensch geraten kann, in Briefform und sendet diese (angeblich) an Lucilius. Dabei geht es hauptsächlich um Schwierigkeiten des Lebens wie Krankheit und Tod, um Gefühle wie Freude, Leid und Trauer, aber auch um die Philosophie selbst und wie sie im Alltag beschaffen sein sollte. Aber auch Freundschaft und sogar die Liebe sind Bereiche, die angesprochen werden und stets gibt der ältere Philosoph seinem jüngeren Schüler Ratschläge, um dieser Dinge in seinem Leben mithilfe der stoischen Lehren Herr zu werden und dabei so wenig Leid wie möglich zu erfahren, um so letztendlich ein glückliches Leben zu führen. Viele Briefe sind so entworfen, dass man sogar den Eindruck gewinnt, der Autor beziehe sich auf eine Frage oder einen Antwortbrief des jungen Lucilius, aber nie bekommt man einen solchen wirklich zu Gesicht. Als Stoiker vertritt Seneca selbstverständlich hauptsächlich die Standpunkte dieser Lehre und vermittelt diese Lucilius und damit auch seiner Leserschaft. Oftmals geht es um das stoische Ideal der inneren Ausgeglichenheit und Heiterkeit gegenüber allen Widrigkeiten des Lebens. Dies gipfelt in der angestrebten Apathie, also der Freiheit von jeglichen Affekten, welche für den stoischen Philosophen erst das absolut glückliche Leben ermöglicht.
Aber auch das Thema Praktikabilität ist für Seneca von Bedeutung. In vielen Briefen erläutert er seine Ansicht, dass Philosophie nicht nur aus
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Worten bestehen dürfe, sondern das tatsächliche Handeln im Leben des Menschen bestimmen solle. Für ihn ist nur durch tugendhafte Taten ein tugendhaftes Leben möglich. Doch neben diesen rein stoischen Lehren arbeitet der Autor bei einigen Themen auch mit Zitaten von Philosophen anderer Schulen. Seneca vertritt die Ansicht, dass es nur eine philosophische Wahrheit gebe und das sie unabhängig von der jeweiligen Schule sei. Wenn er nun also bei Epikur, dem er sehr zugetan war, einen Ausspruch findet, der ebenso zur stoischen Lehre passt, so verwendet Seneca ihn und begründet: "Alles, was von irgend jemandem treffend gesagt worden ist, gehört mir."(16, 7).
Den Brief 16 nun könnte man überschreiben mit "Vom richtigen Philosophieren". Wie in vielen anderen Briefen auch, beginnt Seneca mit einer direkten Anrede seines imaginären Adressaten Lucilius. Er spricht ihm seine Gewissheit darüber aus, dass dieser sich der Wichtigkeit der Philosophie für ein glückliches Leben bewusst sei. Da er das Wort "Philosophie" im Originaltext natürlich in seiner wörtlichen Bedeutung gebraucht, also als "Streben zur Weisheit (hin)", leitet Seneca daraus ab, dass nur derjenige ein glückliches Leben führen kann, der die vollkommene Weisheit (sapientia) erlangt habe. Doch schon durch die ersten Bemühungen darum, werde das menschliche Leben erträglich. Sofort weist der Autor darauf hin, dass es nicht genüge, sich dieser Vorsätze bewusst zu sein. Einzig durch tägliches Üben, durch Anstrengung und Ausdauer könne es gelingen, den guten Willen tatsächlich umzusetzen und das "sittlich Gute" zu erreichen. Seneca vertritt hier also ganz klar einen nicht teleologischen Ansatz. Nicht das Ziel allein und das Vorhaben darum machen einen Charakter gut, sondern einzig die tatsächliche Anwendung der Grundsätze im täglichen Leben zählt (16, 1). Den zweiten Paragraphen beginnt der Autor mit einem Lob. Er bestätigt seinem Schüler Lucilius, dass er dessen Fortschritte bemerke und es keiner weiteren Beteuerungen bedürfe, um ihn von diesen zu überzeugen. Seneca bezeichnet ihn nun offiziell als "proficiens" (= 'Fortschreitender'), ein Ausdruck in der stoischen Lehre für denjenigen, der dem Pfad dieser Philosophie folgt. Man erkennt an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich den Hinweis auf die Fiktion, dass auch Lucilius Antwortbriefe an Seneca
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Arbeit zitieren:
Alexander Windeck, 2006, Epistulae morales ad Lucilium, München, GRIN Verlag GmbH
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