Institut für Theaterwissenschaft
Hauptseminar:
‚Performance / Spielart’
WS 2001 / 02
Verfasst von:
Babette Kraus
1
Inhaltsangabe:
1.
Arbeitsthese : Werkzyklus lesbar als Reflexion
postmoderner Identitätsproblematik?
2.
Theoretischer Hintergrund:
Reflexiv -SozialpsychologischeTheoriebildungen zur
postmodernen / nachmodernen Identität
2. 1. Patchwork-Identität (Keupp)
2. 2. Individuum - ein dynamisches System vielfältiger Teil-Selbste (Bilden)
2. 3. Neurotische Störungen in der Nach- / Postmoderne (Hohl)
3. Der Werkzyklus Menschenbilder und seine Themenkreise:
3. 1. Arbeit - Abschied - Dinge - Familie: Lebenswelten im sozio-kulturellen
Kontext einer instabilen postmodernen Gesellschaft
3. 1. 1. Eggs on earth : Arbeitswelt: das Subjekt zwischen Selbst-Verleugnung und
Authentizit ät
3. 1. 2. Lucky Days, Fremder : Abschied vs Neubeginn: Identitätssuche in der
Klammer von Bruch und Diskontinuität
3. 1. 3. Lilli in putgarden : Die belebte Dingwelt und das Individuum: von Konsum bis
Fetischismus - Design bestimmt das Sein
3. 1. 4. ( Titel noch unbekannt? ): Familie: Schauplatz der Verhandlungen
4. Im Focus: Lilli in putgarden - Inszenierung eines Spiels mit und über
Dinge und Menschen
4. 1. Die Macht der Dinge: Vom herrschsüchtigen Eigenleben der
Alltagsgegenst ände - das unterworfene Subjekt
4. 2. Die Video-Clips: Präsentation verlebendigter Dinge - im poetischen Tanz der
Verf ührung
4. 3. Zwischen Objekt-Liebe und mittelbaren Subjektbeziehungen: die neue
Einsamkeit des Individuums - auf verlorenem Posten in einer Waren-Welt
5. Conclusio: Auf der Suche nach der verlorenen Identität?
6. Literaturangabe
Anhang (Kritik Lilli in putgarden )
2
1. Arbeitsthese: Werkzyklus lesbar als Reflexion
postmoderner Identitätsproblematik?
Ich möchte im Rahmen dieser Arbeit den Versuch unternehmen, den Werkzyklus ‚Menschenbilder‘ der Berliner Gruppe Nico and the Navigators auf der Folie der Reflexion einer postmodernen Identitätsproblematik zu lesen.
Schon der Titel ‚Menschenbilder‘ verweist auf die Möglichkeit dieser Themenstellung und als ‚Bilder-Theater‘ inszenieren Nico and the Navigators dann auch verschiedene Aspekte heutiger Lebenswelten, innerhalb derer irritiert blickende, abwesend wirkende Figuren umherwandeln wie Fremde in einer entfremdeten Welt. Sie visualisieren „die existentielle Verunsicherung des Einzelnen, der an der Schnittstelle zwischen Sein und Design das Bewusstsein von sich selbst verliert“ 1 .
Die Regisseurin Nicola Hümpel benennt hier grundlegende Gefühle der Verunsicherung und der Selbstentfremdung des ‚postmodernen‘ Menschen und schlägt damit den Bogen zu einer Auseinandersetzung mit der Frage, wie und ob ein Individuum heute eine Identität bilden kann.
Die Suche nach Identität und deren Konstituierung innerhalb der heutigen (westlichspätkapitalistischen) Gesellschaftsformen weist einige spezifische Probleme aber auch Möglichkeiten auf. Dass in der gegenwärtigen - postmodernen - Gesellschaft „das ‚Menschliche‘ zunehmend auf biologische Prozesse reduziert (wird), was die Vorstellung des Menschen von sich selbst rationalisiert und seine Gefühlswelt kompliziert und verelenden läßt“ 2 , konstatiert auch Nicola Hümpel. Der traditionell ‚ganzheitliche‘ Identitätsbegriff der Moderne greift nicht mehr, aber es lassen sich besonders in der reflexiven Sozialpsychologie Theoriebildungen ausmachen, die sich mit der Konstruktion neuer ‚offenerer‘ Identitätsbegriffe vor dem sozio-kulturellen Hintergrund der Postmoderne beschäftigen. Zu Anfang meiner Arbeit möchte ich in Kapitel zwei auf ein zwei dieser aktuellen Identitäts-Konzepte näher eingehen und dabei die realen Risiken und Problematiken einer Identitätbildung für das ‚postmoderne‘ Individuum erläutern. Anschliessend
1 Slevogt, Esther. Kritik. taz 16-7-2001
2 www.navigators.de
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umreisse ich kurz ‚typische‘ nachmoderne Störungsformen, die die ‚intakte‘ Identität des Individuums heute vermehrt zu beeinträchtigen scheinen. In Kapitel drei versuche ich dann, innerhalb der Themenkreise der vier einzelnen Inszenierungen: Arbeit - Abschied - Dinge - Familie die thematischen Bezugsetzungen zum Subjekt und die Querverbindungen zur postmodernen Identitätsproblematik aufzuzeigen.
Im vierten Kapitel möchte ich dann mittels einzelner Szenenausschnitte des dritten Stückes des Werkzyklus, ‚Lilli in Putgarden‘, versuchen, Aspekte des Themas der bedrohten Identität des Subjekts in einer ‚Warenwelt‘ herauszuarbeiten und dabei einige Spezifika der Theatersprache der Gruppe in der Inszenierung zu verorten. Im Conclusio folgt dann eine kurze persönliche Stellungnahme, bezugnehmend auf den Wunsch Nicola Hümpels, der Zyklus ‚Menschenbilder‘ solle mittels seiner spezifischen Theatersprache den Rezipienten / die Rezipientin anregen, „sich und seine (/ ihre) eigene Welt in dem jeweiligen Themenkontext schärfer zu erkennen und zu reflektieren“ 3 .
2. Theoretischer Hintergrund:
Nico and the Navigators versuchen im Zyklus ‚Menschenbilder‘ Individuen in Interaktion mit einer „von Menschen erfundenen und empfundenen Welt“ 4 zu zeigen. Die Figuren wirken allerdings vielmehr wie verunsicherte, „entseelte“ Wesen, ihrer selbst und ihrem Agieren und Re-agieren weitgehend entfremdet. Sie erscheinen als Zerrbilder des an seiner Lebenswelt gescheiterten, postmodernen Menschen, der „unausweichlichen Einsamkeit im alltäglichen Miteinander“ ausgeliefert.
Innerhalb meiner Arbeit möchte ich die ‚Menschenbilder‘ unter die Lupe nehmen, die im Werkzyklus ‚erschaffen‘ wurden und zu klären versuchen, ob, wie und in welchen thematischen Kontexten deren Identitätsproblematik inszeniert wurde und wie sich dies letztendlich auf ihr Verhalten auswirkt.
3 www.navigators.de
4 ebd.
4
Um handlungsfähig zu sein, benötigt das Subjekt ein Verständnis ‚seiner Selbst‘, die Idee einer Identität. Diese Identität entwickelt sich jedoch immer vor dem soziokulturellen Hintergrund der jeweiligen Lebenswelt, die das Subjekt umgibt. Ich werde nun zwei reflexiv-sozialpsychologischen Theorien zur post- / nachmodernen Identität des Individuums beschreiben, die unsere postmoderne Gesellschaft(en) als identitätsstiftend miteinbeziehen. Beide Theorien betonen unterschiedliche Aspekte eines ähnlichen Grundansatzes: Heiner Keupp gestaltet seinen Ansatz eher „überblickartig“ und anschaulich, Helga Bilden präzisiert ihre Perspektive, arbeitet sie differenziert und vielschichtig aus. Daher möchte ich beide Theorien in meine Arbeit einbeziehen, auch wenn sich dadurch der Theoriekomplex etwas erweitert. Danach werde ich kurz anhand einer These psycho-therapeutischer Provenienz von Joachim Hohl spezifische Erscheinungsformen ‚nachmoderner‘ neurotischen Störungen beschreiben, die die ‚intakte‘ Identität des Individuums heute oftmals gefährden und darüber hinaus die Lebens- und Erlebens-Qualität des Einzelnen massiv einschränken.
Ich beziehe mich im folgenden auf Veröffentlichungen von Lehrenden des Münchner Institutes für reflexive Sozialpsychologie und des Institutes für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität.
2. 1. Patchwork-Identität (Keupp)
Heiner Keupp definiert seinen aktuellen Begriff von Identität folgendermaßen: Identität ist ein Projekt, das zum Ziel hat, ein individuell gewünschtes oder notwendiges ‚Gefühl von Identität‘ zu erzeugen. Basale Voraussetzungen für dieses Gefühl sind soziale Anerkennung und Zugehörigkeit. Auf dem Hintergrund von Pluralisierungs-, Individualisierungs-und ist das Inventar übernehmbarer Entstandardisierungsprozessen
Identitätsmuster ausgezehrt. Alltägliche Identitätsarbeit hat die Aufgabe, die Passungen und die Verknüpfungen unterschiedlicher Teilidentitäten vorzunehmen. Qualität und Ergebnis dieser Arbeit findet in einem machtbestimmten Raum statt, der schon immer aus dem Potential möglicher Identitätsentwürfe bestimmte behindert beziehungsweise andere favorisiert, nahelegt oder gar aufzwingt. Qualität und Ergebnis der Identitätsarbeit hängen von den Ressourcen einer Person ab, von individuell-biographisch fundierten
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Kompetenzen über die kommunikativ vermittelten Netzwerkressourcen bis hin zu gesellschaftlich-institutionell vermittelten Ideologien und Strukturvorgaben. Das Identitätsprojekt muss nicht von einem Wunsch nach einem kohärenten Sinnganzen bestimmt sein, wird aber von Bedürfnissen geleitet, die aus der persönlichen und gesellschaftlichen Lebenssituation gespeist sind. Insofern konstruieren sich Subjekte ihre Identität nicht in beliebiger und jederzeit revidierbarer Weise, sondern versuchen sich in dem, was ich Gefühl von Identität genannt habe, in ein ‚imaginäres Verhältnis zu ihren wirklichen Lebensbedingungen‘ zu setzen. Beim Herstellen dieser Identitätskonstruktionen werden zumindest ‚Normalformtypisierungen‘ benötigt (Identifikationen), Normalitätshülsen oder Symbolisierungen von alternativen Optionen, Möglichkeitsräumen oder Utopien. 5
Keupps Verständnis von Identität hat sich auf der Folie der gesellschaftlichen Problemstellungen der Postmoderne entwickelt.
Sehr vereinfacht kann die Postmoderne auf sozio-kultureller Ebene als eine spezifische gesellschaftliche Umbruchsperiode beschrieben werden, innerhalb derer sich die Beziehung von Individuum und Gesellschaft neu formt. Indem sich die gesellschaftlichen Lebensformen verändern, entstehen qualitativ neue Idividualisierungs-Schübe:
Weitreichende ökonomische und technologische Umgestaltungen der spätkapitalistischen Gesellschaften haben zu einer konsequenzenreichen ‚Freisetzung‘ (des Subjekts) aus festgefügten Lebensformen und Sinnzusammenhängen geführt. Das zeitgenössische Subjekt erlebt einen Verlust von Kontexten, in denen die Koordinaten für einen Lebensentwurf und für eine Bewältigung von Alltagssituationen relativ stabil vorgegeben waren. 6
Aufgrund postmoderner gesellschaftlicher Umbrüche werden der „Status Quo der Moderne“ und damit die für den Alltag gesicherten, weil genormten „Orientierungsleitfäden“ zunehmend fragwürdig.
5 Keupp, Heiner: Diskursarena Identität. In: Keupp, H. und Höfer, Renate (Hg.), Identitätsarbeit heute.
Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997; S. 34 /
35
6 Keupp, Heiner: Auf der Suche nach der verlorenen Identität. In: Keupp, H. und Bilden, Helga (Hg.),
Verunsicherungen.Das Subjekt im gesellschaftlichen Wandel. Göttingen: Hogrefe 1989; S. 14
6
Der Soziologe Ulrich Beck benennt einen weiteren problematischen Aspekt der postmodernen Gesellschaft für das Subjekt:
In den enttraditionalisierten Lebensformen entsteht eine neue Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft, die Unmittelbarkeit von Krise und Krankheit in dem Sinne, dass gesellschaftliche Krisen als individuelle erscheinen und in ihrer Gesellschaftlichkeit nur noch sehr bedingt und vermittelt wahrgenommen werden können. 7
Das Subjekt bleibt auch in unmittelbarer Reaktion auf gesellschaftlich bedingte Krisensituationen „auf sich selbst zurückgeworfen“.
Neben diesen gravierenden Konsequenzen für das Individuum bieten sich ihm aber auch neue Chancen der Verwirklichung der eigenen Lebenswünsche. Denn das Individuum ist aufgrund seiner Individualisierung und Freisetzung aus gesellschaftlichen Kontexten zunehmend allein verantwortlich für Planung und Organisation des eigenen Lebens.
Die Biographie in eigener Regie zu gestalten ist wiederum mit einigen Schwierigkeiten verbunden, da:
„in diesen (postmodernen) Erosionsprozessen die großen religiösen, philosophischen, kulturellen und politischen Deutungsmuster und Formationen ihre Konstruktionskraft (verlieren). Auf sie kann der (die) einzelne seiner (ihrer) eigenen Biographiebastelei und Identitätsarbeit immer weniger als ordnenden Rahmen zurückgreifen. Er (Sie) sieht sich mit den Bruchstücken jenes zerfallenen ‚Gehäuses der Hörigkeit‘ konfrontiert. Nun besteht die Aufforderung darin, sich seine Behausung selbst zu konstruieren und zu bauen. Die eigene Lebenssituation spiegelt sich in einer Art ‚Zerbrochenem Hohlspiegel‘. Es liefert kein widerspruchsfreies, sondern ein
hochfragmentiertes Puzzle.“ 8
Hierauf bezieht sich Keupp, wenn er seine Idee der ‚Patchworkidentität‘ entwickelt. Er betrachtet die postmodernen Menschen als ProduzentInnen ‚individueller Lebens-
7 Beck,Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine neue Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1986; S. 118
Arbeit zitieren:
Babette Kraus, 2002, Die Berliner Performance/Theater-Gruppe Nico and The Navigators: Werkzyklus 'Menschenbilder'- Auf der Suche nach der verlorenen Identität, München, GRIN Verlag GmbH
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